Halt finden im Leben

Wo finden wir Halt?

Zu unserem Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 23.3. 2018. Diese Hinweise bieten kein umfassendes „Protokoll“, sie sind eher meine Impulse zum Weiterdenken.

Von Christian Modehn

Viele haben den Eindruck, angesichts der Erfahrungen heute in Politik, Ökologie, Klima, sozialer Ausgrenzung, Kriegen usw., den eigenen seelischen und geistigen HALT zu verlieren. Viele verlieren zudem auch den Halt aus Unsicherheit, materiell, körperlich zu überleben, falls ihnen dieser Halt nicht schon seit Jahrzehnten von der kapitalistischen Weltordnung genommen wurde.

Was früher „stützte“, ist nun zerbrochen. Viele glauben, seelisch und geistig ins Schwanken und Wanken gelangt zu sein.

Was Halt meint, könnte auch mit „Sinn“ übersetzt werden.

Jeder Mensch hat als Mensch einen Anspruch, für sich selbst seinen Halt zu finden. Selbst der Hungernde denkt wohl noch über sein materielles Überleben hinaus; er denkt, dass er einen Anspruch hat, in seinem Leben Halt, Sinn, (nicht nur Speise) zu finden.

Die Frage nach dem Haltfinden ist also unabhängig von jedem materiellen Zustand. Sie gehört zur „Struktur“ des menschlichen Geistes und seiner Seele.

1.Eine „phänomenologische“ Alltags – Erfahrung und dann auch Erkenntnis:

In besonderen Situationen des Lebens als Unterwegsseins brauchen wir Halt und erleben Halt, und deuten dies nicht als Fremdbestimmung oder als Einmischung in unser individuell freies Leben: Etwa beim Anstieg oder Abstieg in schmalen Treppen, etwa bei Turmbesteigungen: Da grei wir nach dem Geländer; brauchen wir stützende, Halt gebende Geländer. Oder bei Bergbesteigungen brauchen wir Stützen, Seilschaften… Leitplanken/Schutzplanken sind auf abschüssigen Autostraßen sehr hilfreich. Nur wer FREI laufen und FREI leben will, sucht Halt. Wer wie auf einer Schiene läuft – oder auf eine Schiene gesetzt wurde – und so sein Leben von anderen bestimmt förmlich „leben lässt“, fragt nicht nach Halt. Er hat ihn ja und will diesen zwingenden, nicht frei gewählten Halt nicht loswerden.

Die Suche nach Halt bestimmt uns dauernd, auch wenn wir oft ohne Halt auskommen und uns, reflektierend, an Halte-Stellen aufhalten. An Haltestellen verweilt man nur kurzfristig. Aber sie sind Orte für Denk – Pausen.

Die Frage nach Halt ist förmlich eine Ehre für den freien, suchenden, fragenden Menschen. Diese Frage nach Halt ist also nichts Krankhaftes

2.Hannah Arendt gab einem Buch den Titel „Denken ohne Geländer“. Also Denken ohne materiellen Schutz. Das heißt: Denken schützt sich selbst, weil es sich selbst prüft, was im Denken und durch das Denken als geistiger Halt erreicht wird. Denken erzeugt nicht – materielle, unsichtbare Geländer. Das kann die Klarheit im Denken sein, Respekt für Logik und Differenzierung. (Darum ist ja der undifferenzierte CSU Satz: „Der“ Islam gehört nicht zu Deutschland, so pauschal dumm). Es gilt, die kritische Prüfung und das selbstkritische Fragen beständig zu pflegen. Da werde ich in einen neuen Denkraum geführt und zur Aufgabe bisheriger Stützen und Halte aufgefordert.

3.Was zeigt sich als Halt, das sich im Denken und Erfahrungen offenbart?

Wir können Halt nur finden bei etwas, das über den momentanen Gebrauch, kurzfristig oder zerbrechlich, hinausreicht und insofern erhaben ist. Ich will damit nicht sagen, dass das, was Halt gibt, immer das Ewige ist. Aber es muss auch etwas anderes sein als das Greifbare und Sich – Schnell – Auflösende und Schnell-Verschwindende. Konsumgüter sind Wegwerfprodukte, sie bieten fast immer keinen Halt. Also, halt bietet etwas oder jemand, das bzw. der (die) mich für eine gewisse Zeit begleitet, mit mit geht, mit mir lebt. Das kann auch eine schöne, immer wieder gehörte geliebte Musik sein, ein Kunstwerk, Literatur, Menschen, Freunde …Die uns Halt gebende Gemeinschaft von Menschen, die sich um einen reifen Umgang mit einander bemühen, ist ein weiteres Thema.

Halt ist für uns eben tatsächlich etwas Bleibendes; das sich als einzelnes Bleibendes natürlich im Laufe der Geschichte unseres Daseins je neu zeigen kann…

4.Warum erschließen Stimmungen einen Halt im Leben?

Was ist etwa die Melancholie als eine Stimmung, die viele Menschen bestimmt? Es gibt eine lange Geschichte der Melancholie-Forschung, vielleicht zentral schon bei Aristoteles, in den „Problemata physica“. Darin fragt Aristoteles eher rhetorisch: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder in den Künsten als Melancholiker?“ Warum wohl: Weil diese Stimmung der Melancholie über das oberflächliche Dahinleben in die Tiefe des eigenen Daseins führt. Melancholie vermittelt ja immer die Erfahrung, dass ich mit meinem jetzigen Zustand nicht zufrieden bin; dass es anderes gibt als dieses momentane Leben; oft wird dieses andere, bessere Leben in der Vergangenheit gesucht oder es wird erträumt und scheint nicht (mehr) erreichbar zu sein. Der Melancholiker sagt nicht so schnell: „Dieses Leben ist so, wie es jetzt ist, immer sinnvoll und schön und sollte auch so, wie es jetzt ist, immer bleiben“. Es gibt also einen versteckten, oft impliziten Willen zur Veränderung im Melancholiker, eine Suchbewegung nach einer Wahrheit, die größer sein sollte als die gegenwärtige Alltags – Wahrheit. Trauer hingegen ist fixiert auf ein Ereignis, auf einen Verlust etwa eines Menschen. Trauer kann nachlassen, vielleicht verschwinden, weil wir den verlorenen Menschen in einer neuen nichtweltlichen Wirklichkeit wissend – glauben…Melancholie hält an; sie ist eine oft dem einzelnen gar nicht bewusste, dunkle, manchmal schmerzhafte Beziehung zur Wirklichkeit. Im Unterschied zur Depression als Krankheit bietet Melancholie die Chance, zur tieferen Wirklichkeits- Erfahrung zu kommen. Und damit auch zu einer Lebensfreude… Melancholie ist etwas Gesundes!

5.Durch die Wahrnehmung der Stimmungen werden wir in die Tiefe unseres Daseins geführt. Wir erleben uns selbst in unserer Tiefe über alle Oberflächlichkeiten des Alltags hinausgewiesen. Martin Heidegger hat in seinem großen Werk „Sein und Zeit“ von 1926, dann aber auch in den Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ (von 1929) gezeigt: Stimmungen haben einen offenbaren, einen erschließenden Charakter, wenn der Mensch die Tiefe seines Daseins ausleuchten und verstehen will. Die Vorlesungen über die „Grundbegriffe der Metaphysik“, sind, geschrieben vor der viel besprochenen philosophischen „Wende“ im Denken Heideggers um 1933, anregende und mitvollziehbare philosophische Vorlesungen.

Wenn wir fragen: Wie gelangt der Mensch, das Dasein, zur tieferen Seins-Erfahrung: Dann ist die überraschende Antwort Heideggers in Sein und Zeit: Durch die Stimmungen: „In den Stimmungen wird das Dasein vor sein Sein (also seine unverfügbare Tiefe) gebracht“. (Heidegger, S.U.Z. S. 134).

Stimmungen und Gefühle werden insofern von Heidegger philosophisch aufgewertet. Sie sind „Organe des Erkennens“. Aber Heidegger wehrt sich dagegen, dass nun Philosophie in ihrem Respekt für Stimmungen ins Irrationale der Stimmungs-Begeisterung sich drängen lässt.

Heidegger sagt: Immer ist der Mensch irgendwie gestimmt. Uns prägen Stimmungen. Sie sind immer meine Befindlichkeit. Besondere Stimmungen überkommen uns, sie stellen sich ein, sie überfallen und beschleichen uns. Wir sind nicht Herr dieser Stimmungen. Unsere Selbstbestimmung ist insofern eingeschränkt.

6. Langeweile als Stimmung, die „man“ durchlebt, wenn eine offene Zeit uns überfällt. Das ist das Thema der Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“. In der Langeweile werde ich konfrontiert mit der unabwerfbaren Tatsache, dass ich in der Zeit stehe, also in einer Art Zeitlinie. Und dieser nicht entkomme. Diese Zeit bin ich gewohnt auszufüllen durch allerlei Aktivitäten. Wenn es dann unvorhergesehen Momente gibt, wo es für mich nichts zu tun gibt, dann entsteht die Leere in mir. Dann falle ich förmlich ins Bodenlose. Ich habe den üblichen Halt, meinen alltäglichen Zeit – Rhythmus Verloren. Ich stehe orientierungslos da.

Heidegger meint: Diese Leere, die sich in der Langeweile zeigt, sollte ich nicht überspielen, sondern als Chance nützen, mich auf die Tiefendimensionen meines Daseins einzulassen. Also, etwa zu fragen: Was ist eigentlich Zeit? Warum will ich bloß immer Zeit füllen, also beschäftigend gestalten und mich dabei oft des Nachdenkens begeben? Warum möchte ich im Gefühl einer leeren Zeit die leere Zeit „totschlagen“. Die aggressive Sprache sagte alles, wie ich mich meiner Zeit gegenüber selbst als aggressiv verhalte…

7. In der Stimmung (Melancholie oder Langeweile) kann ich, wenn die Stimmung aushalte, also auch reflektiere, in die Tiefe des Daseins geführt werden. Vielleicht zeigt sich da ein Halt: In „Sein und Zeit“ ist klar:

Der Mensch versteht sich selbst so: es gibt etwas ihn Übersteigendes, Größeres, (Tieferes), der Mensch ist mit diesem eng verbunden. Das sind wie so oft in der Philosophie, hilflose Begriffe, die etwas über das Greifbar – Sagbare hinausweisen. Aber Menschen können auf diese Worte und Begriffe für das Unanschauliche nicht verzichten. Machen die Mathematiker ja auch nicht: Welche Zahl als Zahl ist schon anschaulich. Wir haben den Sinn für das Nicht – Anschauliche verloren.

Man merkt philosophisch, wie schwer es ist, das Sein angemessen sprachlich auszudrücken. Dieses Größere ist „im“ Menschen, aber es ist nicht Werk des Menschen. Heidegger spricht vom Sein, das der Mensch versteht und in dem er sich, das Sein verstehend, immer schon bewegt: Das Sein erschließt sich dem Menschen, er „IST“ Da – Sein. Der Mensch ist DA — SEIN. Das Sein ist in ihm „da“.

Das Sein ist das nicht Manipulierbare, das nicht Zu-Umgreifende, das nicht definitorisch Festgelegte und Vorhandene, aber es ist das alles Prägende und im Dasein das Stützende. Es offenbart sich in der Stimmung.

Stimmung erkennen und Halt finden gehören also eng zusammen.

8.Wenn der Mensch sich auf etwas stützen will, das dauerhaft Halt bietet, dann ist es das Nicht Verfügbare, das Nicht Dinghafte, sondern das Sein. Religiöse Menschen sprechen von dem nicht dinglich zu verstehenden Gott. Dem Göttlichen. Dem, der im Innern des Menschen als das Ewige lebt. Oder den die Menschen hilflos beim Namen anrufen und nennen, als den großen Gott, der in der Wüste des Lebens Halt gibt. Mit ihm und in ihm, den göttlichen, nicht dinghaften Gott, finden viele Halt. Als Geborgensein. Als Beschütztsein. Als Getragensein, wie auch immer: Dies und nur dies ist der wahre Kern von Spiritualität und Religion. Alles andere, alles „Konfessionelle“ und Dogmatische, ist nettes (leider oft belastendes) Beiwerk, oft allerdings störend, weil den göttlichen Gott verstellend und verdeckend.

9. Dieses alles umgreifende Sein können Menschen je nach ihrer Lebensgeschichte je anders interpretieren. Gott, ewige Natur, Buddha, Jesus. Immer aber muss es etwas sein, das den Charakter des Ungreifbaren, aber Umgreifenden hat. Ohne solche paradoxen Formulierungen kommen wir in der denkenden Lebensorientierung kaum weiter.

Dieses Stützende und Halt Gebende ist förmlich wie ein Nichts gegenüber der Dingwelt.

10.Ich komme jetzt zum Schluss auf das Buch des niederländischen Theologen Koen Holtzapffel aus Rotterdam:

Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann jeweils Antworten. Aber diese Antworten rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Das Fragen befragt sich selbst und entdeckt dabei die Kraft des lebendigen Geistes, der über alle einzelne Fragen stark erhaben ist. Die Skepsis betrachtet die Skepsis eben skeptisch und gelangt so über eine dumme, weil dogmatische Skepsis – Bindung hinaus: Skepsis: ja! Aber skeptisch zur Skepsis, um in das ewige Fragen des Geistes zu gelangen.

Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Theologe, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.)

Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich fest „gehalten“. Warum? Weil Gott – im Bild als Schöpfer der Welt und des Menschen gedacht, den Menschen als Leib- Geist- Wesen meint, der als Geist eben unendliche Fragebewegung ist.

Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.