Weihnachten und Philosophieren

Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten?

Eigentlich ist jedes Thema auch ein philosophisches Thema. Von dieser Überzeugung ließen wir uns leiten in unserem religionsphilosophischen Salon am 21. 12. 2010.

— Zum “frommen Theaterstück” Jean-Paul Sartres zum Weihnachtesfest siehe die Notizen am Ende dieses Beitrags—

Wer sich philosophierend Weihnachten nähert, wird kritisch das Umfeld ausleuchten, in dem dieses christliche Fest heute steht. Das Umfeld ist Kommerz und Konsum, zwanghaftes Schenkenwollen und Sehnsucht nach dem Beschenktwerden, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Sehnsucht nach einer Wiedererweckung der Kindheit als Nostalgie… der Wunsch, an diesem Tag ausdrücklich kinderfreundlich zu sein…Das Bedürfnis, gerade an diesem Tag einmal gut und nett zu sein, eine heile Insel im belasteten Alltag zu hegen, mit all dem Streß, der dabei entsteht… Daran kann sich eine empirische „Weihnachtskritik“ abarbeiten…

Es müsste der Begriff der GABE weiter bedacht werden. Es müsste gefragt werden, ob der Menschen für den anderen wesentlich Gabe ist. Ob die Gaben, die Geschenke, geradezu Weihnachten, Ausdruck dieser wesentlichen Gabe des Daseins sind oder heute noch sein können. Verdeckt der Konsumismus den Charakter der Gabe?

Auf einer höheren Ebene muss über die Bedeutung der Gefühle, der Emotionen und Affekte fürs kritische Nachdenken im allgemeinen gesprochen werden. Sind Gefühle der spontane Erstkontakt mit der äußeren Wirklichkeit? Erschließen sie auf eigene, noch unthematische Art das eigene Leben im Kontext mit anderen? Was passiert, wenn Gefühle dann aber tatsächlich reflektiert werden? Dann kommen Gefühle erst zu ihrem wahren Gehalt. Ohne Vernunft sind Gefühle blind, ohne Gefühle ist Vernunft abstrakt und „lebensfern“.

Was bedeutet diese Erkenntnis für Weihnachten? Die einzelnen Gefühle anlässlich von Weihnachten (vor allem: „Heilig Abend“) wären kritisch zu bedenken. Etwa die Sehnsucht nach Nostalgie, nach Eintauchen in die eigene (Weihnachts)–Kindheit. Ist dieses Eintauchen ins angeblich heile Damals eine Flucht, ist es Opium? Oder ist es ein nötiges heilsames Intermezzo, um überhaupt die Routine und Öde des nichtweihnachtlichen Alltags zu bestehen? Wie sind die extrem häufigen Teilnahmen an Gottesdiensten gerade zu Weihnachten zu verstehen? Gehören sie zur Nostalgie? Will man Weihnachtslieder kitschigen Inhalts und in einer kaum nachvollziehbaren Spiritualität mitsingen, dabei auf jeden Gebrauch kritischer Nachdenklichkeit verzichtend, um so das Fremde und ganz Andere des Weihnachtsfestes zu beleben? Sind die Kirchen in der westlichen Welt, sonst am Sonntag eher (sehr) leer, etwa längst zu „Weihnachtskirchen“ geworden? Sind die Pfarrer bei ihrer totalen Auslastung zu Weihnachten etwa in gewisser Weise „Weihnachtspfarrer“ geworden? Auch diese Frage wird im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon erörtert. Ebenso: Wenn die so genannten „Gottesdienstbesucher“ zu Weihnachten  in der Statistik der „Gottesdienstbesucher pro Jahr insgesamt“ mitgezählt werden, ergibt sich dann noch eine halbwegs realistische Statistik? Dieser Frage sollten Religionssoziologen nachgehen.
Philosophisch bleibt die Frage: Gibt es prominente Philosophen, die „Weihnachten“ gedacht haben? Vorläufig können wir nur auf G W F Hegel verweisen.

An Meister Eckart, den mittelalterlichen Philosophen und gerade nicht (nur) den Mystiker, wie die neueste Studie von Kurt Flasch zeigt, wäre auch zu erinnern, etwa an das Stichwort von der „Gottes Geburt in der Seele“. Dann ist Weihnachten vor allem die Erkenntnis: Jeder Mensch hat Anteil an dem Göttlichen, das in seinem Geist, seiner Seele, lebt als “das Ewige”. Die Geburt Jesu von Nazareth, verstanden als Gott-Mensch, macht nur die allgemeine gott-menschliche Befindlichkeit eines jeden Menschen offenbar. Siehe auch unseren Beitrag über LOGOS, klicken Sie hier.
Bei Hegel kommt Weihnachten als explizites Stichwort meines Wissens nicht vor, hingegen steht die Sache „Weihnachten“ im Mittelpunkt seines Denkens, das sich auf die „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus bezieht. Um dieses Ereignis dreht sich sogar die ganze Geschichtsphilosophie Hegels. Weil da die Einheit von Göttlich und Menschlich sichtbar wird, eine Einheit, die nicht nur auf die einzelne Gestalt Jesu Christi bezogen bleibt, sondern schlechthin ALLE Menschen betrifft. Alle Menschen im Sinne Hegels haben Anteil an dem göttlichen Geist, insofern gehören sie zu Gott. Politisch bedeutend ist die Menschwerdung Gottes, weil da die absolute Wertigkeit, die göttliche Wichtigkeit, des menschlichen Subjekts, und zwar jedes Menschen, sichtbar wird. Jeder Mensch ist von absoluter Würde. Und, so fügt Hegel hinzu, jeder ist in der Lage, die umfassende Freiheit zu gestalten. Denn in der Menschwerdung Gottes ist die Entfremdung zwischen Göttlich und Menschlich „an sich“ überwunden, da gibt es keine prinzipielle Fremdheit mehr, keinen Gegensatz. Wenn die Beziehung zwischen Unendlichem und Endlichem also „an sich“ bereits FREI ist, ergibt sich die Möglichkeit, alle anderen, auch weltlichen Fremdheiten und Entfremdungen in freie Verhältnisse auch politisch umzugestalten. Für Hegel ist Weihnachten also ein politisches Fest. Ein Fest, das nicht zum Stillesitzen verführt, sondern zum Eintreten für die Befreiung. Abschließend wurde im Salon die Frage erörtert: Wenn die Versöhnung von Gott und Mensch, also Weihnachten, im philosophischen Denken Hegels erreicht wird, wenn der Mensch also dieser Erkenntnis „ganzheitlich“ inne wird, was bedeuten dann noch die Kirchen? Welche Rolle spielt die Gemeinde usw… Hegel sagte ja einmal: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“…Einige Teilnehmer im Salon meinten, das Innewerden des Göttlichen „in mir“ sei entscheidend… (und ausreichend).

Als Lektüre empfehlen wir von Hegel (als Einstieg) die „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages im Kapitel „Das Christentum“ ab Seite 385. Sowie den schönen Text von Joachim Ritter „Subjektivität und industrielle Gesellschaft. Zu Hegel Theorie der Subjektivität, in Joachim Ritter; Subjektivität, Frankfurt a.M. 1974, vor allem Seite 24. Und natürlich das grundlegende Werk „Menschwerdung Gottes“ von Hans Küng. Ausdrücklich sei noch an die grundlegende, ausgezeichnete Studie von Michael Theunissen erinnert: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“.

Auch ein “atheistischer Philosoph” kann sich unter besonderen Bedingungen positiv zum Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth äußern. Weihnachten 1940 verbrachte JEAN-PAUL SARTRE in deutscher Kriegsgefangenschaft in Trier. Für seine Mitgefangenen schreibt Sartre – auf deren Bitte hin – eine Art “Mysterienspiel”, also eine das “Wunderbare” darstellende Aufführung von und für “Laien”. Offenbar sind religiöse Gefühle nicht abzuweisen in großer Not, selbst bei einem Atheisten…Sartre stellt einen Widerstandskämfer in den Mittelpunkt, sein Name ist Bariona. Er hilft der “Heiligen Familie” dem Zugriff des Herodes zu entkommen. Und stirbt aber selbst dabei, als er sich für die Flucht des Jesus-Kindes mit seinen Eltern Josef und Maria einsetzt. Das Sartre Stück wurde zu Weihnachten 1941 gleich dreimal von Kriegsgefangenen aufgeführt. Erst 1976 stimmte Sartre der Veröffentlichung seines Theaterstücks bei Gallimard zu; ihm war wohl dieser “fromme Ausrutscher” in seinem Werk etwas peinlich. Siehe dazu knapp zusammengefasst: Christian Modehn, Religion in Frankreich,Gütersloh 1993, Seite 86 ff.

copyright: Christian Modehn