Geistliche Gemeinschaften: Wie geistlich sind sie wirklich?

24. Feb 2011 | von | Themenbereich: Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Der folgende Text ist die noch ungekürzte Fassung einer Radiosendung des Deutschlandfunks. Wir bieten das Manuskript (in der für Hörfunkproduktionen üblichen Form) zum privaten Gebrauch. Das Thema berührt auch religionsphilosophisch Interessierte wegen der Beziehungen zu aktuellen Themen der Religionskritik. C.M. Siehe auch den Kommentar am Ende des Beitrags.

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Aus Religion und Gesellschaft
Die hochgelobten „Geistlichen Gemeinschaften“ werden mehr und mehr zur Belastung der Katholischen Kirche
Von Christian Modehn

Sendung : 23. Februar 2011
Uhrzeit : 20.10 – 20.30 Uhr

– unkorrigiertes Manuskript ! –

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Sprecher: Die katholische Kirche liebt die Einheitlichkeit: weltweit wird dasselbe Glaubens-bekenntnis gesprochen; überall werden Messen nach den gleichen liturgischen Vorschriften gefeiert.
Der Pluralismus hingegen zeigt sich eher in der Vielfalt der Lebensformen: Mönche und Arbeiterpriester in Fabriken sind sehr verschieden, auch Missionare und Einsiedler haben wenig gemein.

Sprecherin: Die Pluralität der Lebensformen war viele Jahrhunderte auf Kleriker und Ordens-leute begrenzt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit über 50 Jahren, gestalten vor allem Laien, Frauen wie Männer, sogenannte „neue religiösen Gemeinschaften“.

Sprecher: Allein in Deutschland sind inzwischen rund 70 unterschiedliche Gruppen vertreten; weltweit sollen wenigstens 500.000 Katholiken dazu gehören.
Der katholische Theologe und Religionssoziologe Professor Michael Ebertz aus Freiburg im Breisgau hat diesen Trend untersucht:

O-Ton Prof. Ebertz: Im Grunde könnte man sagen: Diese so genannten neuen geistlichen Gemein-schaften sind Nachfolger eigentlich so dieser Ordensleute und sie steigern, sie erhöhen die Vielfalt, die Komplexität, innerhalb der Kirche, weil wir in diesen geistlichen Gemein-schaften auch sehr gegensätzliche Positionen finden. Man könnte sagen, von der fundamen-talistischen bis hin zu einer sehr ökumenisch, also auch den evangelischen Christen gegenüber sehr aufgeschlossenen Gemeinschaften.

Sprecherin: Dazu gehört etwa die „Gemeinschaft Sant Egidio“, die sich für den Dialog der Weltreligionen stark macht; auch die Gruppen der „Focolarini“ nehmen Protestanten als Mitglieder auf. Konservativ und auf die eine traditionelle katholische Identität bedacht sind hingegen die Gemeinschaften der „Neokatechumenalen“, sowie die der „Charismatischen Bewegungen“, des „Opus Dei“ und der „Legionäre Christi“.

Sprecher: Sie haben jeweils mehr als 50.000 Mitglieder. Viele von ihnen leben in eigenen Häusern zusammen, fast wie in klösterlichen Gemeinschaften. Die meisten aber leben und arbeiten „inmitten der Welt“, wie sie gern sagen. Bei den Gruppentreffen, mindestens einmal in der Woche, pflegen sie die Verbundenheit untereinander.
Zur theologischen Ausrichtung dieser so unterschiedlichen Kreise meint Michael Ebertz:

O-Ton Prof. Ebertz: Sie unterwerfen sich dem hierarchischen Anspruch der Bischofs – und der Papstkirche. Sie setzen ganz auf die religiöse Karte und interpretieren das Evangelium und die christliche Tradition in einem sehr entschiedenen Sinne. Man könnte auch sagen, sie sprechen damit die religiösen Virtuosen unter den Katholikinnen und Katholiken an. Also alle, die etwas mehr wollen als das Übliche, was in den Pfarrgemeinden abläuft.

Sprecherin: Darum bietet ihnen der sonntägliche Gottesdienst noch nicht „ausreichend geistliche Nahrung“, wie sie sagen, und die üblich gewordenen „Bibelkreise“ am Abend erscheinen ihnen zu oberflächlich. Sie wollen ihren Glauben in eigenen Veranstaltungen intensiv pflegen. Und dabei entstehen dann Konflikte:

O-Ton Pater Pöter: Die Charismatiker in der Gemeinde, die machten, was sie wollten. Also in der Gemeinde hatte ich überhaupt nichts zu melden. Die haben das Ganze dirigiert.

Sprecher: Pater Gerhard Pöter aus dem Dominikaner Orden berichtet über seine Erfahrungen mit katholischen Charismatikern. Sie glauben, über besondere Geistesgaben zu verfügen. In der Gemeinde, die Pater Gerhard Pöter leitet, fühlten sie sich daher als die „besseren Christen“.

O-Ton Pater Pöter: Wenn die ein Studium machten, natürlich nicht mit mir oder mit einem anderen von unserem Orden, ein Studium mit irgendeinem Führer der charismatischen Bewegung, die also ganz oben gesteuert werden, dann kamen diese Leute in die Gemeinde, die grüßten noch nicht einmal den Priester. Nein! Die machten das völlig parallel. Wenn der Priester nicht charismatisch ist, dann machen die eben ihre Sache alleine.

Sprecherin: Gerhard Pöter arbeitet seit 30 Jahren als Pfarrer im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er hat dort erlebt, wie sich in dieser Zeit das Aussehen der katholischen Kirche grund-legend veränderte: anstelle der sozial-kritischen „Basisgemeinden“ wollen sich konservativ geprägte Laien und die mit ihnen verbundenen Priester für die klassischen Glaubenslehren einsetzen. Sie sprechen von „totaler Übereignung an Gott und die Kirche“.

Sprecher: So denken auch die Gruppen des sogenannten „Neo-Katechumenats“; sie möchten unbedingt allen Katholiken noch einmal „neu“ die gesamte Kirchenlehre aus ihrer Sicht darlegen.
Der katholische Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover hat die Neokatechumenalen persönlich kennen gelernt:

O-Ton Pfr. Osseforth: Man musste einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden, man wird fast gezwungen zu beichten. Das floss dann also doch sehr stark mit ein, dass Gott eigentlich weitgehend nur auf dem Weg des Neokatechumenates die Menschen in die Freiheit führt. Und dann merkte ich: Das ist einfach zu eng, das geht nicht.

Sprecherin: Genauso wichtig wie eine radikal gelebte Frömmigkeit ist die enge Bindung an den Gründer der neokatechumenalen Bewegung, den Spanier „Kiko“ Argüello, betont Pfarrer Osseforth:

O-Ton: Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, der ideelle Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, das halte ich dann auch für eine Engführung.

Sprecher: Gegen diese „Engführung“ eines autoritär geprägten Glaubens gab es innerhalb der Kirche schon häufig Widerspruch. Jetzt melden sich auch Katholiken in Japan Wort. In dem buddhistisch geprägten Land nähmen die neokatechumenalen Missionare keine Rücksicht auf die Eigenheiten der dortigen Kirche, heißt es.
In der katholischen Zeitung „Katorikku Shimbun“ klagte kürzlich Leo Ikenaga, der Erzbischof von Osaka:

Zitator: „Wo diese geistliche Gemeinschaft der neokatechumenalen Missionare aktiv ist, beobachten wir Verwirrung, Konflikte, Spaltung und Chaos in unserer japanischen Kirche.“

Sprecherin: Vier japanische Bischöfe reisten im Dezember vergangenen Jahres nach Rom, um den Papst zu bitten, mit einem Machtwort die Aktivitäten der aufdringlich werbenden neokate-chumenalen Missionare – wenigstens für die nächsten fünf Jahre – zu unterbinden. Benedikt XVI. hörte sich zwar die Klagen an. Aber ein Ende dieser Missionstätigkeit wollte er nicht verfügen.
Schließlich kann und will der Papst die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ nicht verprellen, betont Professor Ebertz:

O-Ton Prof. Ebertz: Das sind sozusagen innerkirchliche Bio- oder Soziotope, die fruchtbar sind im Blick auf die Rekrutierung, die Gewinnung, von Priesternachwuchs. Und das sind natürlich der Kirche liebste Kinder, die nicht so kompromißlerisch sind, nicht so im Grunde eine Religion light, ein Katholischsein light, pflegen, sondern auch ein Bekenntnis ablegen und dazu stehen. Und Sünde Sünde nennen.

Sprecher: Darum ist es nicht erstaunlich, daß die neuen geistlichen Gemeinschaften durchweg auch die offizielle kirchliche Approbation erhalten haben, wenn sie gelegentlich auch ermahnt werden müssen, treu „zur Kirche zu stehen“. Benedikt XVI. erklärte Mitte Januar dieses Jahres nach Angaben des „Osservatore Romano“:

O-Ton Benedikt XVI. (Italienisch):
Zitator: „Die Kirche hat im Neokatechumenalen Weg ein besonderes Geschenk des heiligen Geistes erkannt. Deswegen muss sich diese Gemeinschaft in großer Harmonie mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft befinden. So gesehen, muss sie sich auch in tiefer Gemeinschaft mit den Bischöfen und allen Mitgliedern der Ortskirchen befinden.“

Sprecherin: Benedikt XVI. will diese „intensiv“ Frommen unbedingt unter die Aufsicht der Hierarchie stellen. Schon als Leiter der römischen Glaubensbehörde hatte er sich dafür eingesetzt, abwegig erscheinende Lehren aus den Kreisen neuer geistlicher Gemeinschaften zu korrigieren:

O-Ton Ratzinger, in Aigen. 1991: So sind wir verfahren bei einer Ordensgemeinschaft, die in Mallorca sich gebildet hatte unter dem Namen Identes.

Sprecher: …informierte 1991 Kardinal Ratzinger bei einem Vortragsabend im österreichischen Aigen:

(Fortsetzung des O-Tons): Der Gründer war ein etwas geistig verworrener und theologisch schwärmerisch und träumerischer Mann, so dass seine Gründung absolut unmöglich erschien und unakzeptabel auch mit Disziplin und Lehre der Kirche unvereinbare Elemente enthielt. Aber wir dann einen Weg gefunden haben, der dahin ging, dass der Gründer selbst den Großmut fand, sich ganz von seiner Gründung zu trennen, die dann neu konstruiert werden konnte.

Sprecherin: Die neuen geistlichen Führer und Gründergestalten lassen sich von ihren Anhängern „Vater“ oder „Hirte“ nennen; sie verstehen sich als „Wegweiser zum wahren Glauben“.
Der Züricher Philosoph Gonsalv Mainberger hat einen dieser „von Gott begnadeten Meister“, Père Marie-Dominique Philippe, etliche Monate unmittelbar persönlich an der Universität Fribourg erlebt.

O-Ton Gonsalv Mainberger: Philippe habe ich erfahren in seiner Art Messe zu lesen, das war jedes Mal eine ekstatische oder pseudomystische Angelegenheit. Er zitterte und hat jedes Mal ein Gotteserlebnis konstruiert. Pathetisch! Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit, mit der er dann auf die Menschen losging. Und dann merkte ich, er verlangt Unterwerfung. Das wollte ich nicht.
Es wird Gefolgschaft abverlangt, und ich wollte das nicht.

Sprecher: Unterwerfung und Gefolgschaft: Diese Stichworte kehren immer wieder, wenn man die Geschichte der von Père Philippe gegründeten geistlichen Gemeinschaften studiert. Die Nonnen seines französischen Ordens, die „Soeurs de la compassion“, hielten in ihren Klöstern junge Schwestern aus Rumänien und der Slowakei monatelang wie Gefangene. Alle persönlichen Gegenstände, selbst die Ausweise wurden ihnen abgenommen. Erst als die Justiz einschritt, besserte sich die Lage.

Sprecherin: Auch die internationale Gemeinschaft der „Brüder vom heiligen Johannes“ ist eine Gründung Père Philippes. Die Brüder wurden wegen ihres autoritären und politisch äußerst rechtslastigen Verhaltens selbst dem konservativen Pariser Erzbischof Kardinal Lustiger suspekt; er hat sie gezwungen, Paris als Stützpunkt aufzugeben.
Die Nachrichten Agentur KIPA aus der Schweiz schrieb darüber im Juni 2006:

Zitator: „Papst Benedikt XVI hat die kirchlich umstrittene „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, eine Gründung Père Philippes mit 500 Mitgliedern, zu mehr Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder ermahnt.“

Sprecher: Die Kirchenführung hat heute kein ungebrochen positives Verhältnis mehr zu den sich machtvoll gebärdenden geistlichen Gemeinschaften. Offenbar haben Papst und Bischöfe aus früheren Fehlern gelernt.

Sprecherin: Der größte Irrtum war aber wohl die mehr als 50 Jahre dauernde Unterstützung für den mexikanischen Pater Marcial Maciel, den Gründer der Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ und der Laien-Gemeinschaft „Regnum Christi“. Maciel hatte schon als 20 Jähriger in Mexiko sein eigenesKloster gegründet, in dem er als „Oberhaupt“ mit 12 – bis 14 jährigen Knaben zusammen lebte.

Sprecher: Als Chef all seiner Gemeinschaftsgründungen verpflichtete er schon in den fünfziger Jahren seine Mitglieder zum Stillschweigen über alle internen Vorgänge. Und das mit gutem Grund: Pater Maciel neigte ständig zu sexuellen Übergriffen an seinen Seminaristen.
Die „Legionäre Christi“ und die Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ haben weltweit zusammen etwa 65.000 Mitglieder.

Sprecherin: Erst im Jahr 1997 fanden sieben Opfer aus Mexiko den Mut, von Maciels Übergriffen öffentlich zu sprechen. Diese – inzwischen Priester und Professoren – zeigten Maciel bei Papst Johannes Paul II. und Kardinal Joseph Ratzinger an. Aber die Beschwerde wurde in Rom völlig ignoriert. Über die Gründe äußert sich der in Mexiko lebende katholische Theologe Alfons Vietmeier:

O-Ton Vietmeier: Das hing damit zusammen, dass das Angebot des Ordens war: Wir haben stramm Rom treue, gehorsame Priester, und aus einer rechtskatholischen Oberschicht, die politisch dann auch wiederum antikommunistisch und antisozialistisch war und ist. Und insofern gewisse Stimmungslagen eines aus Polen stammenden Papstes traf, der genau das suchte, in einer Welt, die laut offizieller Logik in Rom und einschließlich unseres jetzigen Papstes in den Wirren der Zeit unterzugehen droht.

Sprecher: Während der Vatikan die Vorwürfe ignorierte, berichteten in Spanien, den USA und vor allem in Mexiko alle großen Medien ausführlich über die Verbrechen Maciels.
Der in Mexiko Stadt lehrende Historiker Enrique Dussel kennt die Legionäre Christi sehr gut:

O-Ton Prof. Henrique Dussel:
Zitator: „Ihr Gründer ist ein Päderast, obendrein noch korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als zehn Zeugnisse von Leuten aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr großes Problem.“

Sprecherin: Und der ebenfalls in Mexiko – Stadt lebende kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo betont:

O-Ton Fernando Vallejo:
Zitator: „Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten Organisationen der Katholische Kirche. Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen Maciel führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit.“

Sprecher: Die Legionäre Christi haben über viele Jahrzehnte alle Vorwürfe gegen ihren geliebten „Vater“ pauschal zurückgewiesen. Pater Klaus Einsle von der Düsseldorfer Legionärs-Zentrale betonte noch im Jahr 2005:

O-Ton Einsle: Unser Ordensgründer hat nie wirklich Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine große Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.

Sprecherin: So konnten sie verschwiegen mit ihrem pädophilen Ordensvater unter einem Dach leben, denn im Vatikan hatte er viele Freunde. Pater Einsle:

O-Ton Einsle: Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährte uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr herzliche, verbundene Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine große Verbundenheit da ist.

Sprecher: Auch mit Papst Johannes Paul II. und prominenen Kardinälen war Pater Marcial Maciel eng befreundet. Die us-amerikanische Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ hat nachgewiesen, wie Maciel seine vatikanischen Freunde zu Weihnachten etwa mit großzügigen Geldgeschenken bedachte. Besonders eng verbunden war der „geistliche Meister“ mit dem damaligen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano. Alfons Vietmaier aus Mexiko betont:

O-Ton Vietmeier: Es haben unzählige Bischöfe Flugscheine bezahlt bekommen, Stipendien für Priesterstudien bezahlt bekommen, die Synoden in Rom sind erheblich mitfinanziert worden von den Legionarios. Es gibt also dort eine Vernetzung, die ganz klar bis zu Papst Johannes Paul II geht, der ganz eindeutig das favorisiert hat.

Sprecherin: Wie konnten so viele Kirchenführer das wahre Gesicht Pater Maciels Jahrzehnte lang ignorieren? Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor einem Jahr die pädophilen Verbrechen im Berliner Canisius Kolleg offen benannt hat, meint:

O-Ton Pater Mertes: Es gibt einen Typ von Pädophilen, der andere Menschen verzaubern kann. Es ist ganz schwierig, sich diesem Zauber zu entziehen. Und in dem Moment, wo man in dem Beziehungszauber drin ist, wird auch das Hinüberreichen und Herüberreichen von Geld und Bestochenwerden schon gar nicht mehr als solches erlebt. Das ist sozusagen Teil des Beziehungszaubers, der von einem ausgeht.

Sprecher: Erst vor 7 Jahren trat Pater Maciel er als Ordensoberer zurück. 2006 ist er in den USA im Alter von 86 Jahren gestorben.

Sprecherin: Seit einem Jahr ist die neue Führung der „Legionäre Christi“ und des „Regnum Christi“ entmachtet.
Der Papst hat an die Spitze beider Gemeinschaften einen päpstlichen Delegaten eingesetzt, den Kirchenrechtler Kardinal Velasio de Paolis. Er soll diese Gemeinschaften „reinigen“, wie es heißt, also grundlegend reformieren.

Sprecher: Neun Monate lang wurde die beiden geistlichen Gemeinschaften Pater Maciels in päpstlichem Auftrag untersucht, es wurde geprüft, wie weit z.B. pädophile Tendenzen bei Mitgliedern des ganzen Ordens zu finden sind. Benedikt XVI. nannte zum Abschluss der Untersuchungen allerdings nur einen Hauptschuldigen. Er erklärte am 1. Mai 2010:

Zitator: „Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung.“

Sprecherin: Doch wegen dieser Straftaten kann Marcial Maciel nicht mehr gerichtlich belangt werden: Zudem kam zwischenzeitlich ans Tageslicht: Der Pater ist auch Vater von mindestens 5 Kindern.

Sprecher: Seine Freundinnen waren Angehörige der so genannten „obersten Oberschicht“ in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Sie beschenkten ihren Liebhaber überaus reichlich. Das Vermögen des Ordens wird heute auf 25 Milliarden US Dollar geschätzt.
Alfons Vietmeier über diesen pädophilen Frauenheld, der sogar seine eigenen Söhne sexuell missbraucht haben soll:

O-Ton Vietmeier: Eine solche deutlich als Heiliger herausgestellte Figur bricht zusammen, und damit bricht auch eine kirchliche Glaubwürdigkeit zusammen. Und das erschüttert die Grund-festen einer Kirche, die immer stramm auf Moral hin gearbeitet hat, die immer die Werte der Familie, der Enthaltsamkeit hoch gehalten hat, und das bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

Sprecherin: In Deutschland reagieren die Legionäre Christi gelassen auf diese Enthüllungen, sie haben sich mit ein paar Worten die Untaten Maciels bedauert! Der Orden hat bisher nur zwei deutsche Niederlassungen: In Düsseldorf ist die Zentrale, in Bad Münstereifel befindet sich das Noviziat und ein „Knabenseminar“, eine „Apostolische Schule“ für 12 bis 14 jährige Jungen.
Als Kardinal Joachim Meisner am 26. Oktober 2010 das Seminar besuchte, erklärte er abschließend gegenüber den Legionären:

Zitator: „Ich sage nicht: Werdet gut, sondern bleibt gut!“

Sprecher: Die Laiengemeinschaft Regnum Christi hat prominente Mitglieder, berichtet einer ihrer Freunde, der Journalist Hubert Gindert:

O-Ton Hubert Gindert: Fürst Löwenstein, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Lothringen, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch sehr eng verbunden mit Regnum Christi. Ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnismäßig stark repräsentiert ist.

Sprecherin: Inzwischen wurden aus allen Häusern der Legionäre Christi die Fotos des „geliebten Vaters Maciel“ entfernt. Auch die Aufnahmen, die ihn zusammen mit seinem „lieben Förderer“ Papst Johannes Paul II. zeigen, mussten verschwinden. Maciels Bücher dürfen nicht mehr vertrieben werden.

Sprecher: Ist das die große angekündiugte „Reinigung“ innerhalb einer Ordensgemeinschaft, wenn nur der Ordensgründer belangt wird? Bestimmen weitgehendere Absichten den gesamten Prozeß-Verlauf?
Der deutsche Papst brauche und gebrauche in gewisser Weise diese neuen Gemeinschaften, meint Professor Ebertz:

O-on Prof. Ebertz: Wenn wir auf dieses Rechts – oder auch fundamentalistische Spektrum auch dieser Gemeinschaften schauen, dann ist es natürlich auch hier die Idee einer Religion totale. Also eines christlichen Staates, eines christlichen Gottesstaates. Die Idee einer Verchristlichung der Gesellschaft mit der Grundidee, dass für jeden Daseinsbereich, ob das nun die Familie ist, die Schule, die Wirtschaft ist, der Staat ist, dass christlich–katholische Vorzeichen entstehen. Das ist schon Stoßrichtung. Einige dieser fundamentalistischen Kreise der geistlichen Gemeinschaften, die sitzen z.T. auch an wichtigen Stellen in Kirche und Gesellschaft, die sind z.B. Massen-medien, die sind da präsent, und machen ihr Ding. Und die sitzen natürlich auch in Schaltstellen der Hierarchie unter Bischöfen oder sie sind in Rom, in der Kurie.

Sprecherin: Nicht zu unrecht werden die neuen geistlichen Gemeinschaften daher auch als die immer einsatzbereiten „Stoßtrupps“ des Papstes gesehen. Sie sind personell und finanziell in der Lage, dringend benötigte Infratsrukturen in der Kirche – wie den Bau von Priesterseminaren und den Unterhalt moderner kirchlicher Medien – zu finanzieren.

Sprecher: Aber auch im Kampf gegen angebliche Zersetzungstendenzen in Staat und Gesell-schaft sind sie unabkömmlich: zusammen mit konservativen politischen Parteien organisieren sie Gegenbewegungen, wie etwa in Madrid die Protestwelle gegen die „staatliche Liberalisierung der Sexualmoral“.
Sie sind es auch, die im wesentlichen die vatikanischen Weltjugendtage bevölkern.
Professor Ebertz:

O-Ton Prof. Ebertz: Je stärker sich das Top–Management der katholischen Kirche mit diesen fundamentalistischen Gemeinschaften sich verbündet, um so stärker tendiertletztlich das Ergebnis eines solchen Managements in die Mitte und der reformorientierte Katholizismus hat das Nachsehen. Das ist eine Strategie, glaube ich, die langfristig dahinter steht. Von daher muss mal also überhaupt sagen, dass die römisch–katholische Kirche im Feld des Religiösen übrigens weltweit eher versucht, das Konservative Spektrum zu besetzen und sich gar nicht auf eine Konkurrenz mit dem linken oder liberale religiösen Spektrum einlässt.

Ein Kommentar einer Hörerin:
Autor : Elisabeth Wöckel (IP: 87.174.81.115 , p57AE5173.dip.t-dialin.net)

„Eine gute Sendung, mit bewunderswertem Mut, die Wahrheit auszusprechen und Dinge beim Namen zu nennen.

Nach vielen Jahren bin ich vor einigen Monaten aus dem Ausland zurückgekehrt. Ich suchte nach Daten über Kardinal Ratzingers „Rolle rückwärts“ und „Gefangener der Konzils von Trient“.Die Sendung führte mich zur Recherche über den Autor und zur website. Als theologische Mitarbeiterin von Dom Helder Camara arbeite ich an einer Gegenüberstellung von Ratzinger und Dom Helder, das ist wie Feuer und Wasser.

Ratzingers „Theologie light“ in seinem Buch „Gott und die Welt“ kann der „geistigen Freiheit“ und der Liebe zu den Menschen und Kreaturen Dom Helders nicht das Wasser reichen.

Ich freue mich auf den Dialog mit Gleichgesinnten, die mutig genug sind, diesem Papst der Apologetik und scheinbarer Vernunft den Wind aus den Segeln zu nehmen und sich für die Befreiung von der Bevormundung einzusetzen“.

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