Zwischen Verstand und Gefühl – Ein Interview

20. Jun 2011 | von | Themenbereich: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Als „Gast – Interview“ stellte uns Monika Herrmann dieses Interview für den Religionsphilosophischen Salon zur Verfügung:

Zwischen Verstand und Gefühl
Ein Interview mit dem philosophischen Praktiker Roger Künkel, Berlin.

„Philosophie ist bis ins 20. Jahrhundert hinein fast nur im universitären Bereich angesiedelt, ihre Urform war jedoch immer Praxis orientiert“, sagt Roger Künkel.
Als Philosoph und Diplom-Psychologe betreibt er in Berlin eine philosophische Praxis und begleitet dort Menschen mit unterschiedlichen Problemen. Das Interview führte Monika Herrmann, Berlin, für die Wochenzeitung „Die Kirche“, Berlin.

Herr Künkel, Philosophen wird nachgesagt, sie würden in erster Linie denken und weniger handeln. Ist das so?

Nein, das ist ein Vorurteil. Seit Anfang der 80-er Jahre bieten sie auch Beratung in eigenen Praxen an: Es geht dort um existentielle Fragen, die Menschen haben: Wie kann mein Leben gelingen? Wie können wir verstehen, wer wir sind, wohin wir gehen und woher wir kommen? Aber auch um Anleitung zum Denken, um Entscheidungssuche und Meinungsfindung. Diese praktischen Philosophen wollen eine Alternative bieten zu therapeutischen, theologischen und religiösen Angeboten. Das heißt: Philosophische Praxen sind offen für Menschen, die Fragen haben zu sich selbst oder zur Welt.

Wen beraten und begleiten sie?

Manche meiner Klienten wollen einfach ihren Lebensweg neu bestimmen. Also Fragen nach der Gestaltung der Lebenszeit spielen eine Rolle. Es kommen auch Menschen, die Probleme mit ihrem sozialen Umfeld haben. Andere leiden an Sinnkrisen oder massiven seelischen Problemen.

Sind dafür nicht Psychotherapeuten zuständig?.

Ich glaube, dass die Psychotherapeuten in erster Linie die Verletzungen der Seele als Krankheit sehen. Man kann aber psychologische, Sinn bezogene, theologische und philosophische Fragen nicht von einander trennen.
Deshalb therapiere ich auch nicht im klassischen Sinn, sondern führe mit meinen Klienten einen Dialog mit dem Ziel, dass sie lernen, Zusammenhänge zu verstehen und letztlich sich selbst verstehen. So kann ich Paaren helfen, die nicht mehr weiter wissen, oder Menschen, die Probleme im Berufsleben haben. Aber auch Familien, die in Krisen geraten sind, oder alten Menschen, die mit ihrem Ruhestand unzufrieden oder einsam sind und den Sinn des Lebens verloren haben. Philosophische Praxis ist nicht nur etwas, das mit Intellekt und Verstand zu tun hat, wie oft vermutet wird. In der Philosophie geht es auch um Emotionen. In meiner Praxis spielen sie eine große Rolle.

Das bedeutet, ihre Klienten dürfen weinen, klagen, schreien

Man darf alles. Denn die Gespräche, die ich mit meinen Klienten führe, sollen zur Klarheit des eigenen Seins führen. Dass man seine Gefühle auch verstehen lernt, ist wichtig. Ein Balanceakt zwischen Verstand und Gefühl ist das. Wenn Menschen nur mit dem Verstand reagieren, verstehen sie nicht viel von sich. Anders herum geht es auch nicht. Also eine gesunde Balance, die aber für jeden individuell verschieden ist.

Wenn es Ihnen so sehr um die Seele der Menschen geht, verstehen sie sich auch als Seelsorger?

Natürlich. Schon in der Antike, bei Platon beispielsweise, wurde die Philosophie als die Sorge um die Seele betrachtet.
Das heißt, sie ist ein primäres Anliegen der Philosophie. Seelsorge wird heute weit gehend von Religionsgemeinschaften angeboten. Das Problem ist: Menschen werden dort im Sinne der jeweiligen Träger beraten. Ich will das nicht kritisieren. Aber der Gesprächsrahmen steht fest. In der philosophischen Praxis ist das anders. Dort bestimmt der Klient, in welche Richtung er gehen möchte und zu welchen Räumen er eine Tür geöffnet haben möchte.

www.philosophische-praxis-kuenkel.de

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