„Wo war Gott in Norwegen am 22. Juli ?“

Gott und die Katastrophe in Norwegen am 22. 7.2011

Wir werden noch am 26.7. oft gefragt, „wo denn Gott gewesen sei“ bei den Anschlägen am 22.7.2011 in Oslo und auf der Insel Utöya. Warum hat „Er“ nicht eingegriffen und verhindert, dass 70 Menschen getötet und viele schwer verletzt wurden?
Voraussetzung für eine Religionsphilosophie ist: Gott ist ein Name, der wesentlich auf ein Unbedingtes, auf ein Geheimnis hinweist. Deswegen ist Gott nie „zu fassen“ und „festzulegen“. Menschen können immer mit dem Unbedingten, diesem Geheimnis des Lebens, verbunden sein und sich in allen (!) Situationen darauf beziehen, denkend, vertrauend, „Zuflucht nehmend“, wie auch Buddhisten sagen, sich dem ungreifbaren Lebensgrund überlassen…
Aber dieses göttliches Lebensgeheimnis führt nicht zum völligen Verstummen.
Deutlich ist: Der Täter, hat aus ideologischen Gründen gehandelt, er ist ein Rechtsradikaler, voller Hass auf „den Islam“ und „den Marxismus“; er ist ein Mensch, der die Identität, die Abgrenzung von anderen, die Herabsetzung „der anderen“, fanatisch durchsetzen will.

– Warum hat Gott nicht eingegriffen und die Unschuldigen geschützt?. Eine Frage, die immer wieder bei Katastrophen gestellt wird.

Die entscheidende Frage ist aber: Kann man sich bei klarer Vernunft Gott vorstellen, als einen „Jemand“, der mal hier und mal dort eingreift? Also völlig willkürlich handelt, indem er beispielsweise die Jugendlichen auf Utöya schützt, aber aus welchen Gründen auch immer die jetzt in Somalia verhungernden Hunderttausend eben nicht himmlisch eingreifend versorgt. Sollte dieser Gott im Ernst ausnahmsweise mal dem fanatischen Mörder auf Utöya das Gewehr aus dem Arm schlagen? Aber nicht den fundamentalistischen Terroristen, die den Transport von Hilfsgütern zu den krepierenden Menschen in Somalia und den angrenzenden Ländern jetzt verweigern?
Mit anderen Worten: Die Vorstellung, Gottes starker Arm greift auf Erden mal hier, mal dort helfend ein, ist philosophisch nicht vertretbar. „Willkürlich“ und „göttlich“ lassen sich philosophisch nicht in Einklang bringen.
Hingegen wird in der katholischen theologischen Tradition behauptet, Gott könne die von ihm geschaffenen Naturgesetze auch wieder durchbrechen, etwa bei Heilungswundern in Lourdes. Da wird letztlich der willkürlich handelnde Gott verehrt: Der Herrn Schulz wird plötzlich geheilt, Frau Müller aber nicht. Wie „begrenzt“ dieser die Naturgesetze durchbrechende Gott dann aber doch handelt, sieht man daran: Abgetrennte Organe, etwa die fehlende Hand, der fehlende Arm, sind auch in Lourdes nicht nachgewachsen.

– Gibt es also nichts „Wunderbares“?

Das einzig Erstaunliche ist philosophisch betrachtet: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Wer sich auf diese Frage denkend einlässt, erreicht das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, der Existenz. Er nimmt wahr, dass diese Welt endlich, begrenzt, ist, dass er Teil dieser endlichen Welt ist; dass er aber als Mensch denkend und meditierend das Unbedingte berühren kann, ohne es umgreifen zu können, ohne es manipulieren zu können. Der Philosoph Martin Heidegger nennt dieses „Gründende“ etwa das „Sein“. Auch Heidegger spricht von „Geheimnis“, dem man eben nicht mit einem Wunderglauben begegnen kann.

– Welchen Gott verehrt ein mörderischer Täter?
Soweit man das jetzt auch schon im Blick auf Norwegen sagen kann: Der mutmaßliche Täter war tief überzeugt, Gott auf seiner Seite zu haben, absolut recht zu haben. Er handelte aus einem rechtsradikalen Wahn, der wie eine absolute, religiöse Überzeugung erscheint.
Aber: Dieser Wahn, „die Wahrheit zu haben“, entsteht nicht automatisch, er wird auch erzeugt, wird gemacht, gelehrt, verbreitet, auch gepredigt, z.B. wann immer eine Kirche oder Religionsgemeinschaft ihren Anhängern einredet und „einbläut“: Nur sie seien auf dem einzigen richtigen, gottgewollten Weg. Dann wird der Boden für Terrorismus vorbereitet: „Wir sind die Guten, auf der anderen Seite stehen die Falschen, die Bösen, die Irrenden, die Gottlosen“.
Worte wie „allein selig machend, allein wahr, die wahre Kirche“ usw. sind gefährlich. Das schließt aber nicht aus, dass ein einzelner Frommer seinen Glauben als den für ihn ganz persönlich einzig wahren Glauben pflegt. Sozusagen als seine subjektive Wahrheit. Aber diese Überzeugung ist völlig privat. Sie sollte nicht als die für einen Staat und eine Gesellschaft allein geltende Wahrheit durchgesetzt werden. Mission und Terror waren schon oft verbunden, man denke an den Völkermord, der im Namen des Evangeliums an den indianischen Völkern Amerikas begangen wurden. In der Wahnphantasie des Täters in Norwegen am 22.7. 2011 kommt bezeichnenderweise das Wort „Kreuzritter“ vor…

– Darf also Gott im öffentlichen Leben keine Rolle spielen?
Der Philosoph Immanuel Kant hat Entscheidendes gesagt: Das Unbedingte, Gott, spricht im Gewissen; das Unbedingte, Gott, „spricht“ im Kategorischen Imperativ. Darum: Jedes einzelne menschliche Handeln muss sich stets prüfen, ob es allgemeines Gesetz werden kann.
Das Unbedingte, Gott, spricht in der philosophischen Einsicht, den anderen Menschen niemals als Mittel für meine persönlichen Zwecke zu missbrauchen. Nicht nur Toleranz, sondern Respekt vor dem Leben jedes anderen ist die Basis. (Darum ist, nebenbei gesagt, das zugelassene Massensterben in Somalia jetzt auch Ausdruck für ein respektloses Umgehen der reichen Nationen mit diesen arm gemachten Menschen dort). Respekt als Maßstab gesellschaftlichen Miteinanders soll eingeübt und gelehrt werden, das ist die philosophische Haltung.
Gott ist also primär im Bereich der Ethik zu entdecken, so Kant, und nicht in Spekulationen, ob Gott denn hier oder besser dort himmlisch eingreifen sollte. Solchen „Wunderglauben“ hat Kant als spinös und unvernünftig zurückgewiesen. Philosophen tun das noch heute.

Darüber sollte man diskutieren:
Wir brauchen keine an Wundern orientierte Frömmigkeit; wir brauchen nicht den Glauben an einen Gott, der einige freundlicherweise rettet, viele andere aber unfreundlicherweise nicht rettet.
Wir brauchen Religionskritik, um den wahren Gott vor den weit verbreiteten und kirchlich gepflegten infantilen Gottes – Vorstellungen zu schützen.
Wie brauchen weniger Religionen, die die Wahrheit gepachtet haben und von Abgrenzungen und Ausgrenzungen leben.
Wir brauchen Bildung, Kritik und Selbstkritik, Einübung ins Mitgefühl…Und das rigorose gesetzliche Verbot, privat Waffen zu besitzen.
Das stellen wir zur Diskussion: Die tiefe, persönliche und intellektuelle Kenntnis der Menschenrechte ist in der heutigen Welt wichtiger als die Kenntnis religiöser Traditionen. Über die Menschenrechte erkennen sich Menschen als „Brüder und Schwestern“ und werden angehalten, diese Erkenntnis politisch „umzusetzen“.

Was in jedem Fall außer Frage steht: Das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen. Die geistige Hilfe, die Mitmenschen ihnen bieten, trotzdem weiter Ja zum Leben zu sagen.. auch angesichts der Katastrophe, darauf kommt es an.
copyright: christian modehn berlin. religionsphilosophischer-salon.

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