Ein Grund zum Feiern? Der schwierige Umgang mit dem „Vaterland“ in Mexiko

6. Sep 2011 | von | Themenbereich: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Ein Grund zum Feiern?
Der schwierige Umgang mit dem “Vaterland” in Mexiko
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt
In diesen Tagen werden in jeder Stadt Mexikos auf Plätzen und an Strassenecken Nationalfahnen in jeglicher Grösse verkauft, zudem Wimpel, Trompeten, Sombreros, Konfetti… Strassen und Hauptplätze sind voller Girlanden und Lichterketten. Nein, es steht keine Fussballweltmeisterschaft an, sondern es ist unser “Monat des Vaterlandes” und mittendrin, der Nationalfeiertag, am 16. September. Dieser beginnt am Abend des 15. September um 23 Uhr in allen Städten vor dem Rathaus, bundesweit eröffnet das Fest der Staatspräsidenten vom Balon des Nationalpalastes aus. Dreimal wird feierlich deklamiert: “Viva! Es leben die Helden, die uns das Vaterland gaben! Es lebe Mexiko!” Dann wird mit der Nationalfahne gewunken, die Freiheitsglocke (vom Ort Dolores; jede Stadt hat eine Kopie) geläutet und alle singen bewegt die Nationalhymne. Es gibt Feuerwerk und Tanz auf allen Plätzen bis in die späten Nachtstunden. Der 16. ist dann geprägt von Militärparaden und von Sport- und Folkloregruppen. Es ist wirklich ein Nationalfeiertag: überall und für alle!
Für die Gefühlswelt fast aller 112 Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner gibt es keinen Zweifel: Mexiko ist unser Vaterland und unsere Mutter ist “Maria von Guadalupe”! Das gibt uns Heimat und Identität! So kenne ich das nicht von Deutschland.
Diese Zeremonie, “grito”, Aufschrei, Aufruf genannt, erinnert jährlich an Miguel Hidalgo, Pfarrer der kleinen Stadt Dolores im geographischen Zentrum des flächenmässig enormen Vizekönigsreichs, Mit dem Glockengeläut seiner Pfarrkirche in den frühen Morgenstunden des 16. September 1810 rief Hidalgo zum Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft auf. Er schrie dabei: “Es lebe die Muttergottes von Guadalupe! Nieder mit der schlechten Regierung!” Das Fass war überlaufen: es ging um Aufhebung der Sklaverei, um soziale Gerechtigkeit und um politische Freiheit, d.h. die Unabhängigheit von der spanischen Krone.
Rasch fand der bewaffnete Kampf erheblichen Zulauf, insbesondere in der verarmten ländlichen Bevölkerung. Die “Helden, die uns das Vaterland gaben”, insbesondere die Pfarrer Hidalgo und Morelos, (nach ihnen sind zwei Bundesländer benannt) wurden schon nach wenigen Monaten gefangen und hingerichtet. Es folgten ungezählte blutig – grausame regionale Auseinandersetzungen, die etwa einer halben Million Menschen (bei einer Bevölkerungszahl von 11 Millionen) das Leben kostete. Erst nach 11 Jahren (1821) endete dieser Krieg mit der faktischen Unabhängigkeit, wenn auch erst 1836 diese anerkannt wurde. Damit war jedoch nicht ein “neues Vaterland” geschaffen. Das wirtschaftliche und polítische Chaos setzte sich über Jahrzehnte fort. Der Weg, “ein schlimmes Machtsystem zu stürzen” hin zu dem Ziel “ein gerechteres aufbauen” ist lang und dornig!
1910 beispielsweise verfügte rund ein Prozent der Bevölkerung über den Besitz und die Kontrolle von über 90 Prozent des Grundes und Bodens, sicher ein wesentlicher Grund für den Ausbruch einer neuen politisch-gesellschaftlichen Umbruchsphase, die als mexikanische Revolution (1910 – 1920) in die Geschichte einging und über eine Million Opfer forderte, Zuerst und vor allem ging es um “Land und Freiheit”, das ist der Schlachtruf der historischen Zapatistenbewegung, der es insbesondere um eine gerechte Landverteilung ging. Die Erhebung im Herbst 1910 gegen den Langzeitdiktator Porfirio Díaz war der Beginn einer vieljährigen Serie blutiger Kämpfe, die große Teile Mexikos erfassten. Das Land kam erst zur Ruhe mit der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas (1934 – 40), der ernsthaft die Grundprobleme des Landes aufgriff: Nationalisierung der Erdölwirtschaft, um eine Einnahmebasis zu schaffen, Agrarreform mit Enteignung vieler großer Haciendas und ihre Übertragung an die ehemaligen Knechte als Gemeinschaftsbesitz (Ejido), Aufbau eines Bildungs- und Gesundheitssystems u.a.m. Damit wurde zum Teil auch eine echte soziale Revolution verwirklicht.
Was ist heute daraus geworden, nach 200 Jahren (Beginn des Unabhängigkeitskrieges) und dann erneut nach 100 Jahren (Beginn der bewaffneten Revolution)? Gibt es ernsthafte Gründe, so zu feiern, als hätten wir nach sovielem Leid und so vielen Toten in zwei langen Kriegen nun endlich ein “Vaterland”?
Natürlich ist Mexiko heute anders als vor 200 und vor 100 Jahren. Es gab und gibt das rasante Bevölkerungswachstum, weltweit die industrielle Revolution mit einem in Mexiko bedeutenden Ausbau der Infraestruktur, des Wohnbaus und vieler neuer Arbeitsplätze. Dann gibt es in den letzten Jahren die technologisch – kybernetische Revolution, insbesondere sichtbar in der Elektronik (fast jeder hat Handy) und mit einer mehr oder weniger funktionierenden Wahldemokratie. Mehr Wohlstand wird sichtbar, z. B. an den vielen Autos. Und das Wohlempfinden (Glücklichsein) des Bevölkerungsdurchschnitts, so die Umfragen, liegt oberhalb entsprechender Werte in Deutschland. Aber sind damit alle Probleme gelöst?
Die vitalen Probleme eines riesigen Gemeinwesens wie Mexiko haben andere Gesichter bekommen, aber sie sind weit entfernt von einer zufrieden stellenden Realität. Da ich schon in vorherigen Beiträgen das ausfühlicher dargestellt habe, jetzt nur einige kurze Blitzlichter:
Alexander von Humbolt, der 1803, d. h. 7 Jahre vor dem Beginn des Unabhängkeitskrieges, in Mexiko forschte, kam zum Urteil, dass er in all seinen Forschungsreisen nirgends auf der Welt eine Gesellschaft vorgefunden habe, die so markiert sei vom extremen Gegensatz zwischen Wenigen im überbordenen Luxus und den unendlich vielen in extremer Armut. So ist es heute noch: mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss unterhalb der Armutsschwelle irgendwie und irgendwo jobben, um das Lebensnotwendige zu verdienen. Neue Formen von Sklaverei nehmen zu, insbesondere mittels der Verschleppung und Ausbeutung von Migranten.
Deshalb wird immer mehr kritisch nachgefragt:
Welche Wirtschaft benötigen wie in Mexiko und weltweit , die für alle qualifizierte Ausbildung, adäquate Arbeit und “einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet” (Art 25) . Hierbei handelt es sich um universelle Menschenrechte, festgelegt im 3. Teil der UNO – Charta.
Welche politische Strukturen sind notwendig, die genau dies ermöglichen? Zu vieles ist hier obsolet oder gar verrottet. Wie ist es möglich, von einem Rechtsstaat zu sprechen, wenn bleibend Korruption ein Grundelement der politischen “Kultur” ist? Ein Justizsystem verdient nicht diesen Namen, wenn zwar die Gefängnisse überfüllt sind von den kleinen Leuten, die klauen oder dealen, aber über 95 % (!) der angezeigten Straftaten nicht zur Verurteilung führen. Solche reale Straflosigkeit führt leicht zur Versuchung: Warum nicht bei grossen Betrügereien, bei Geldwäsche von enormen Drogengewinnen oder bei Ermordungen mitmachen, wenn nur weniger als 5 % eine Verurteilung erwartet?!
Jedes Land hat seine eigene Geschichte, die Vieles erklärt über die Ursachen heutiger Dramatik. Die derzeitigen Vorgänge in der arabischen Ländern machen dies offensichtlich.
Die aktuelle spätkapitalistischen Strukturkrise macht zunehmend deutlich, dass wir weltweit gerechte Strukturen benötigen, das zukunftsträchtig ist, d.h. nachhaltig ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht. Der jetzt über 90 – jährige gebürtige Berliner Stéphane Hessel, Mitautor der Charta der Menschenrechte der UNO in 1948 und derzeit für Viele weltweit “das Gewissen der westlichen Welt” (FAZ) machte Furore mit seinem Aufruf “Empört Euch!”: gewaltloser Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, gegen die Diktatur des Finanzkapitals, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung unf unserem Planeten. Empörung ist ist wichtig und not-wendig, denn sie ist Ausdruck vitaler Verletzungen in ungezählten Menschenherzen in sozialer Vernetzung. Nun legt er nach: “Engagiert Euch!” Eine komplexer gewordene Welt, so Hessel, erfordert komplexe Strategien: “Widerstand darf aber nicht nur im Kopf passieren. Wir müssen handeln, und zwar mit den Mitteln der Demokratie. Dazu gehören die Beteiligung an Protesten, internationale Zusammenarbeit sowie persönliches Engagement im Kleinen. Aber vor allem brauchen wir eines: den Glauben daran, dass unser ziviles Engagement die Welt verändern kann”.
Unser Planet, ein “Vaterland für alle”, besteht aus seiner Fülle von miteinander vernetzten gleichberechtigten “Vaterländern”! Ohne nationalistische Gefühle! Ein solches Leitbild sich zu erträumen, über schlimme Mißstände sich zu empören und sich zu engagieren für eine gerechte Zukunft: Darin liegen die wirklichen Gründe zu feiern. Wir brauchen ein Fest des “Vaterlandes”, das die bessere Zukunft schon einen Moment erlebbar macht und für das Engagement Mut macht.

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