Das eine Notwendige: Gottesbeziehungen gründen nach Kant in der Ethik

26. Sep 2011 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik

Das eine Notwendige: Gottesbeziehungen gründen in der Ethik … und nicht umgekehrt.
Hinweise zu Kants Religionsphilosophie

Wir wollen einen kleinen Einstieg probieren in das nicht immer leicht zugängliche Denken Immanuel Kants. Aber, das sei versprochen, die Mühe lohnt sich, man sieht nach jeder Beschäftigung mit Kant immer etwas klarer…und differenzierter.

Wir beziehen uns auf das Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793. Kant lebte von 1724 – 1804).
Dieses Buch setzt die großen Hauptwerke „Kritik der reinen Vernunft“ und die „Kritik der praktischen Vernunft“ voraus.
Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Kant hat gezeigt: Von Gott kann vernünftig und für alle Menschen nachvollziehbar vor allem im Rahmen der praktischen Vernunft, also der Ethik, die Rede sein.

Kant betont:
Im Anruf des Sollens (also im Gewissen) erfährt der Mensch, jeder Mensch, einen unbedingten Anspruch, gut sein zu sollen. Dieser Anruf des Sollens führt zur freien Stellungnahme. Im Gewissen erlebt der Mensch eine fordernde Situation, so, als ob Gott spräche und wie ein Richter über die gute Entscheidung urteilt.

Wörtliches Zitat von Kant:
„Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu leben, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes“. (zit. aus der Religionsschrift)

Was bedeutet dieses merkwürdige Wort „Afterdienst“: Es ist „eine solche vermeintliche Verehrung Gottes …, wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten Dienste gerade entgegengehandelt wird“. Also zum Beispiel: Mit Bedrohung und Gewalt jemanden für den Glauben gewinnen, wie in der Kolonialzeit.

Darauf legt Kant allen Nachdruck: Allein das in mir vorhandene und von mir entdeckte, unbedingt geltende moralische Gesetz (Kategorischer Imperativ) ist auch die Quelle des Glaubens. Dem Kategorischen Imperativ zu entsprechen (aus Pflicht), ist darum der wahre Gottesdienst. Der kategorische Imperativ ist ein Kriterium für alle, jeder kann prüfen, ob seine Lebenseinstellung, seine Maxime, gut und wertvoll ist. Nur in dieser vernünftigen Prüfung wird die Menschheit ihrem Ziel näher kommen, nämlich der Gerechtigkeit, dem Frieden, der Freiheit für alle – in einer herrschaftsfreien Gesellschaft, natürlich auch ohne Klerus – Herrschaft.

Den Kern der Religion bildet nur der „moralische, die Seele durch Vernunft bessernde und erhebende Glaube“. Der Kirchenglaube, darf nicht selbst zum Glaubensartikel gemacht werden.

Kant will dafür sorgen, dass sich die Menschheit den wirklich dringenden Menschheitsfragen zuwendet.

Ein Kant Zitat:
„Glaubenssätze, welche zugleich als göttliche Gebote gedacht werden sollen, sind nun entweder bloß für uns zufällig und als Offenbarungslehren, oder moralisch, mithin mit dem Bewusstsein ihrer Notwendigkeit verbunden und a priori erkennbar, das heißt Vernunftlehren des Glaubens. Der Inbegriff der ersteren Lehren macht den Kirchen-, der anderen aber den reinen Religionsglauben aus.“

Der „reine Religionsglaube“ allein hat „Anspruch auf Allgemeingültigkeit (catholicismus rationalis)“. Jeder Kirchenglaube, „sofern er bloß historisch zufällige Glaubenslehren für wesentliche Religionslehren ausgibt“, hat „eine gewisse Beimischung von Heidentum; denn dieses besteht darin, das Äußerliche (Außerwesentliche) der Religion für wesentlich auszugeben“. Die kirchliche Autorität, nach einem rein äußerlichen Glauben selig zu sprechen, ist „Pfaffentum“, siehe auch den Artikel Glauben in Kant Lexikon von Rudolf Eisler, im Internet.

Kant protestiert gegen willkürlich festgesetzte religiöse Gebote und Verbote, beliebig von Hierarchen festgesetzte Glaubensregeln, die das Leben des Frommen bestimmen sollen.
Darin zeigt sich für Kant nur menschliche Willkür, die in der wahren Gottesverehrung nichts zu suchen hat.

So sieht auch Kant die religiösen Texte, etwa die Bibel, als historisch überlieferte Offenbarungen, die als historische Erzählungen keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit haben können. (Darin sieht man aktuelle Bezüge zur Kirche – Staat – Diskussion: Wer definiert die Moral? Die Kirche, die sich auf historisch zufällige Wahrheiten bezieht?)

Wer ist dann Gott für Kant?
Gott ist, aber nur als Idee, „in uns“, „in der moralisch-praktischen Vernunft …, aber nicht als ein Wesen außerhalb der Menschen. „Gott ist nicht eine Substanz, sondern die personifizierte Idee des Rechts und Wohlwollens“.
Gott ist „nicht Substanz außerhalb meiner Gedanken“, „nicht ein Wesen außer mir, sondern bloß ein Gedanke in mir“. So Rudolf Eisler, Kantlexikon, auch im Internet.

Kant kann sich Jesus Christus als Gestalt des vollkommenen Menschen (außerhalb von uns eigenständig lebend) vorstellen. Wichtiger ist für Kant, Jesus als ein inneres Ideal wahrzunehmen, das uns inspiriert.

Kants Hoffnung ist, dass eines Tages die Menschen auf Erden friedlich vereinigt sein werden, wenn sie den Tugendgesetzen folge.
Der dogmatische Kirchenglaube wird verschwinden, es wird nur der ethisch reine Glaube übrig bleiben.

Die moralische Religion, gegründet auf die Ethik, kann allen Menschen als nachvollziehbar vorgelegt werden. Alle Menschen als Wesen der Vernunft können diese philosophische Erkenntnis leisten.

So wird das zentrale Anliegen Kants gelöst: Den Menschen aus Fremdbestimmungen, bloßem Autoritätsglauben, zu befreien. Wenn Gott in mir spricht, gibt es keine Fremdbestimmung, meint Kant.

Nur moralisches Leben ist Gottesdienst.

Noch mal Kant:
„Andachtsübungen und Liturgien bewirken nicht das ethisch gute Leben. Die Frommen machen sich alle etwas vor. Etwa wenn Prälaten über den Staat herrschen wollen, stehen sie auf demselben Niveau wie die Schamanen und Tungusen (offenbar ein Südseestamm, so glaubte Kant). In Manfred Kühn, Kant s 430.

Einige Frage:
Vonseiten christlicher Philosophie und Theologie wird die autonome Ethik Kants relativiert. Der katholische Theologe Hans Kessler (Frankfurt M.) schreibt: „Doch ist – etwa wenn Einsatz für Fremde mit eigenem Verzicht und schweren Einbußen verbunden ist – die Motivationskraft einer philosophischen Ethik nicht so stark wie die einer religiös, zumal einer monotheistisch begründeten Ethik. …
Viele Texte im Neuen Testament laden zu einem altruistisch – zuvorkommenden Handeln ein, weil der Not leidende Mensch es braucht, etwa im Gleichnis vom barmherzigen Samaritan und weil ich selbst schon grundlos – unverdient Güte (von Gott) empfangen habe. Diese Dankbarkeit ist die eigentliche Motivation einer an Jesus orientierten Ethik. Der Mensch, der sich von Gott unter allen Umständen angenommen weiß (?), ist zu mehr Annahme seiner selbst und des anderen befreit und gerufen. Dabei ist das Primäre die Vorgabe oder die Zusage vorbedingungsloser Liebe (=Ich darf), nicht die Moral (= Ich soll)“ .
in: „Wiederkehr des Atheismus“, Herder Verlag 2008, s 65).

Fragen, die Kant stellen würde:
Aus welchem Grund handelt der religiös Motivierte? Ist der gute Wille entscheidend, aus Pflicht zu handeln?
Was ist, wenn ich mich nicht mehr von Gott geliebt fühle? Zerbricht dann meine Ethik?
Fühlt er sich der besonders Begnadete als der Bessere? Wertvollere?
Kann Dankbarkeit (gegenüber Gott) ein ethisch wertvolles Verhalten hervorbringen? Oder ist Angst dabei, als undankbar zu gelten?
Und vor allem: In dieser Ethik wird Gott von außen eingeführt. Er ist nicht wie Kant selbst, im Innern des Bewusstseins selbst „anwesend“.

Dieser Text ist als Einstimmung gedacht zum Salon am 30.9.2011

Copyright: Christian Modehn

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