Guadelupe – Perspektiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

8. Dez 2011 | von | Themenbereich: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Guadalupe, Persepktiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko-Stadt, im Dezember 2011

Vorweihnachtliches Marketing überschwemmt auch die  Strassen, Geschäfte und Massenmedien in den Großstädten Mexikos, dort leben inzwischen 80 % der Bevölkerung. Überall gibt es üppig geschmückte Weihnachtsbäume, Lichterketten, Nikolaus Figuren und die obligate europäische und nordamerikanische Weihnachtsmusik. Kaufen und Verkaufen ist oberstes Gebot. Besonders die Unterhaltungselektronik stellt sich riesig heraus mit verführerischen Sonderangeboten. Kreditmöglichkeiten werden gleich genannt: “Auch wenn Du es nicht (bezahlen) kannst, mit uns kannst Du doch alles!” Das ist “Kommerz – Philosophie”.

Insbesondere in der verarmten Bevölkerungsmehrheit hat deshalb ein beängstigender Stress begonnen. In Gesprächsrunden über “kritischer Konsum” versicherten mir in diesen Tagen verschiedene Eltern: Es gibt eine Art “affektive Erpressung” durch die heranwachsenden Kinder, die die neuesten Versionen von Videospielen, iPad, I Phone, MP3 Player mit Touchscreen u.s.w. nicht nur wünschen, sondern glasklar erwarten, mit Argumenten wie  “… meine Freundinnen bekommen auch und wie stehe ich dann da?” Bei den Eltern wächst zugleich das schlechte Gewissen. So erzählt eine Mutter von drei Heranwachsenden: “Wir Eltern, wir müssen beide arbeiten, sonst reicht’s nicht. So haben wir zu wenig Zeit für die Kinder… Zumindest mit diesen Geschenken können wir’s wieder gut machen, auch wenn wir uns weiter verschulden!” – Geht das wirklich so: Wieder gut machen?!

Beim weiteren Nachdenken über dieses “wieder gut machen”, kommen die beiden tieferen religiösen Wurzeln der Dezemberfeiern in Mexiko ins Gespräch. Das ist zuerst und vor allem das wohl wichtigste religiöse Fest des Jahres, das “Fest der Guadalupe”. Vorbereitet durch eine Novene (9 Tage) wird es am 12 Dezember bundesweit gefeiert. Und anschliessend beginnen die “Posadas” (Herbergssuche), wiederum eine Novene, um in der Weihnacht am 24. Dezember dann die “Menschwerdung Gottes” mitten unter den armen Menschen zu feiern.

Das Guadalupefest benötigt für Deutsche eine etwas ausführlichere Deutung. Die Eroberung Mexikos durch spanische Truppen, die mit den Fall der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan (jetzt Mexiko – Stadt) 1521 endete, war für die Bevölkerung wie eine Katastrophe, sie war traumatisch. Das seit undenkbaren Generationen geschaffene integrale Kultursystem, das dem Ganzen (= Kosmovision) wirtschaftlich, sozial, politisch und religiös Zusammenhalt und Sinn gegeben hatte, lag zerstört am Boden. Es war nicht nur ein verlorener Krieg, sicher schlimm genug, sondern tatsächlich “das Ende” einer Kultur, und zwar total!  In diesem “Chaos” erscheint das “göttliche Geheimnis” der zerstörten und verstörten Indio – Bevölkerung: eine weiblich – mütterliche Gestalt: “Unsere Frau von Guadalupe”, “Tonantzin” (in der Nahua – Sprache der Azteken), “la Morena” (unsere Dunkelhäuige, wie sie die einfachen Leute nennen).  Die Erscheinungslegende berichtet, dass “die Frau” dem Indio “Sprechender Adler”, getauft auf  “Juan Diego”,  Anfang Dezember 1531 ingesamt viermal begegnet. Diese Gestalt Juan Diego selbst ist eine Legende. Die Frau stellt sich ihm vor als “Eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen, all jener, die mich lieben, die zu mir rufen, die Vertrauen zu mir haben. Hier will ich ihr Weinen und ihre Sorgen hören und will ihre Leiden, ihre Nöte und ihr Unglück lindern und heilen!” Das ist das Herz der Botschaft, und es gibt fast keine Mexikanerin und keinen Mexikaner, der diese Worte nicht in seinem Herzen hat. Damit diese Zusage eine institutionelle “Dauererfahrung” werden kann, bittet sie Juan Diego, vom Bischof die Erlaubnis zu erwirken, genau an diesem Erscheinungsort eine “Begegnungsstätte” zu errichten, dort, wo ein (zerstörtes) Heiligtum der göttlichen “Mutter Erde” war. Gesagt, getan. Der misstrauische Bischof bittet jedoch den Indio um einen Beweis. In einer erneuten Erscheinung gibt die geheimnisvolle Dame ihm die Anweisung, auf dem nahen Hügel Rosen zu pflücken und seinen Umhang damit  zu füllen. Juan Diego findet sie dort unter großem Vogelgezwitscher: “Blumen und Gesang”, in der indigenen Symbolsprache bedeutet es “das ist wahr und gut!” Mit dieser Wahrheit als Beweis, kehrt Juan Diego zum Bischof zurück, berichtet die Legende. Als er seinen Umhang mit den Blumen öffnet, wird im Stoff das Bild der “Frau von Guadalupe” sichtbar. Der Bischof ist ergriffen, er kniet sich voller Ehrfurcht hin: Die Amts – Kirche bekehrt sich und muss anerkennen: Die gesamte indianische Religion ist nicht einfach nur Teufelswerk, das zerstört werden muss. Das göttliche Geheimnis offenbart sich inmitten der Besiegten, in deren Symbolsprache. Ein Neuanfang kann nun beginnen von den eigenen indigenen Wurzeln, der eigenen Kultur, Philosophie und Religion her. So erzählt es die Legende, aufgeschrieben im Nican Mopohua, es ist wohl eine der tiefsinnigsten poetisch – philosophisch – theologischenen Schriften in der damaligen Nahua – Sprache.

Wir wissen natürlich aus der Geschichte, dass dann doch die offizielle Religion iberischer Ausprägung auf die Indio – Religion draufgesetzt und durchgesetzt wurde mit all dem, was das schmerzvoll beinhaltete, nämlich die Zerstörung der alten Kultur, auch wenn diese in vielen Elementen bis heute weiter präsent ist .  Zugleich jedoch entstand ein komplexer Synkretismus, wie immer bei kultureller Mischung, ob friedlich oder gewaltsam. So war es schon beim Eindringen des ursprünglich jüdischen Christentums in die griechische, dann römische, dann germanische Welt. Immer ergibt sich ein Vermischen mit der jeweiligen Kultur, Religion und Philosophie. Unser Weihnachtsfest ist ein typisches Beispiel solchen Synkretismus. Aber immer gibt es dabei Sieger und Besiegte, auch in der Verschmelzung religiöser Traditionen.

In Mexiko wurde “Guadalupe” immer mehr zum Symbol der langsam wachsenden nationalen Identität: die indigenen Völker haben sie als die Ihrige angenommen und ebenso auch die wachsende Zahl der Mestizenbevölkerung. Mit dem Bild der Guadalupe als Standarte rief 1810 der Pfarrer Miguel Hidalgo zum Unabhängigkeitkrieg gegen die spanische Kolonialherrschaft auf: eine Offenbarungserfahrung des Trostes und der Ermutigung im brutalen Alltag wird Botschafterin politischer Befreiung! Diese beiden Elemente sind bleibend präsent. Heute gibt es in Mexiko sicher kein Dorf und keine Stadt, wo nicht zumindest eine Kapelle, ein Weiler oder ein Wohnviertel “Guadalupe” heisst und wo sie am Abend zum 12. Dezember gefeiert wird – besinnlich, gemeinschaftlich und herzlich-  als Fest des Trostes und der Ermutigung zum Neubeginn in allen Lebensdimensionen. “Guadalupe” als Wallfahrtsort inmitten der Riesenstadt Mexiko zählt jährich etwa 20 Millionen Pilger und ist somit mit Abstand der grösste Wallfahrtsort der Welt. An diesem 12. Dezember werden erneut mehr als 3 Millionen Pilger erwartet. “Mexiko ist sicher mehr guadalupanisch als katholisch”, urteilt ein bekannter mexikanischer Religionsforscher. “Wer Mexiko in seiner Tiefendimension verstehen will, muss zuerst und vor allem dieses “Guadalupe – Phänomen” begreifen versuchen”.

Aber nun zurück zum Weihnachtskommerz, dem Konsumkult als dem “Tanz um das goldene Kalb”. Da treffen zwei Welten konträr aufeinander: Zum einen ist es die materialistische Logik der Gewinnmaximierung als Motor von Fortschritt mit immer raffinierteren Verführungsinstrumenten (Symbolsprache) zu noch höherem Konsum, was auch immer er koste. Zum anderen ist es die kulturell – religiös gewachsene Wertewelt mit anderer Symbolsprache, die inmitten eines oft harten oder sogar brutalen Lebensalltag kollektive “himmlische” Begegnungen ermöglicht als Trost und Ermutigung, die auch befreiend werden kann. Genau hier ist der sensible “Ort” menschlicher Betroffenheit, wo “das tut weh” sich umformt in “wir machen es zusammen anders und besser”: Nachbarschaftsgruppen, Bürgerinitiativen, soziale, zivile oder kirchliche  Basisgemeinden praktizieren “anders besser leben” und das schließt Konsumkritik ein: Sich Befreien von Abhängigkeiten und sich neu solidarisch verknüpfen!

Es ist zudem sinnvoll, über weiteres nachzudenken: Alle Völker und Kulturen haben Mythen und Legenden, die Wesentliches ihrer Identität in Symbolsprache ausdrücken: für Israel war es die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, für die Römer die Gründung Roms durch Romulus und Remus, für die Christen die Geburt von Jesus von Nazareth in Bethlehem. Ähnliches wäre anzugeben vom indischen Buddhismus oder dem arabischen Islam. Mythen und Legenden haben immer auch Historisches im Ursprung und darüber gibt es wissenschaftliche Forschungen. Dieses Besser- Verstehen erfasst jedoch nicht unbedingt das notwendige Begreifen der Herzensbotschaft, z.B. einer Ursprungslegende, die Millionen von Herzen bewegt. Denn diese tröstet und ermutigt und schafft damit reale Veränderung im Alltag: es sind Lebens- (verändernde) Philosophien.

Möglicherweise ist hier auch die derzeitige Krise eurozentrierter Logik einzuordnen: Eine einseitige, instrumentelle Rationalität mit technologischer Kapazität, die dem nicht mehr hinterfragbaren Fortschritt anhängt, hat unsere Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Die Bilanz ist erschreckend: Industrialisierung mit Ausbeutung der Arbeiter, 2 Weltkriege mit atomarer Zerstörung und Aufbau einer Vernichtungswaffenindustrie (sie hat z.B. in Mexiko in den Drogenkartellen finanzkräftige  Kunden der High – Tech Maschinengewehre), Zerstörung der Umwelt, genmanipulierte Lebensmittel usw.

Es gibt historisch gewachsene andere Logiken. Sie zu begreifen (Empathie), zu bedenken (Philosophie) und wertzuschätzen und dann zu bewerten (Ethik), ist die derzeitige und künftige Lernaufgabe für die okzidentale (westliche) Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr weltweit anerkannt wird, dass wir auf einem pluriökologischen und plurikulturellen Planeten leben. Alle Kulturen haben ihre Geschichte, einschließlich der Mythen und Religionsformen und alle haben darin auch ihre Weisheitsdeutungen, ihre je eigene Philosophie. Diese Vielfalt ist Reichtum und ihre wechselseitige Wertschätzung kann alle bereichern und ist damit eine nicht versiegende Quelle der Zukunftsfähigkeit der Menscheit. Solches Verständnis von Reichtum und Wertschätzung ist wie ein brutaler Widerspruch zu den “Werten”, die an Wertpapier – Börsen gehandelt werden und die Ratingagenturen “bewerten”. Genau darin wird der Kern der derzeitigen Zivilisationskrise sichtbar.

 

 

 

 

 

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