Lebendige Spiritualität in Mexiko: Hoffnung „mit Hand und Fuß“

7. Jan 2012 | von | Themenbereich: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Sprittualität in Mexiko: Hoffnung „mit Hand und Fuß“

Zur Jahreswende 2011-2012  – Rückblick und Ausblick von Alfons Vietmeier.  Anfang Januar 2012

Unser Gastautor, der Theologe Alfons Viermeier in Mexiko – Stadt, hat im vergangenen Jahr 2011 11 aktuelle Beiträge geschrieben  aus dem Umfeld Religionen – Politik – Spiritualitäten. Anfang Januar 2012 sandte er uns seinen – wir hoffen vorläufig ! – letzten Beitrag zum Thema:“Hoffen mit Hand und Fuß“. Herzlichen Dank Alfons für deine inspirierenden Beiträge! Selbst bei den Analysen von Gewalt und Elend wurden immer wieder Perspektiven der Hoffnung erschlossen! Die anderen Artikel von Alfons Vietmeier sind nach wie vor in der Rubrik „Der andere Blick“ zur Lektüre sehr zu empfehlen, die email Adresse zur Konktaufnahme mit Alfons Vietmeier ist am Ende dieses Beitrags angegeben.

Es sind ruhige Tage zur Jahreswende in Mexiko – Stadt. Viele sind auf dem Land bei Familienangehörigen, und atmen auf für einige Tage. Denn 2011 war ein äusserst schwieriges Jahr. Ich mache einen kleinen Spaziergang durch unser Wohnviertel und frage so Diesen und Jene, was ihnen Sorgen so sind. Es ist hier leichter als in Deutschland, “einfach so” ins Gespräch zu kommen.

Eine Taxifahrerin wartet auf Kunden. Sie klagt über die ständige Erhöhung des Benzinpreises  “…und insgesamt alles wird teurer und deshalb gibt’s auch weniger Kunden. Statt so 8 bis 10 Stunden bin ich jetzt mindestens 12 Stunden hinter dem Steuer; sonst reicht’s nicht!” Schlimm für sie ist dabei, dass sie fast nicht Zeit für ihre noch schulpflichtigen Kinder hat. “Aber meine Mutter kümmert sich um sie! Ich habe das Taxi vom meinen Mann übernommen. Der war stinkfaul und zu nicht’s nutze. Vor 4 Jahren habe ich ihn rausgeschmissen und nun muss ich alleine meine Familie durchziehen…”

Der Müllwagen hält; er kommt alle 7 Tage in der Woche. Zum Erstaunen vieler Besucher aus Deutschland sieht die Stadt erheblich sauberer aus als bei früheren Besuchen. Zudem ist seit einem halben Jahr  Mülltrennung vorgeschrieben zwischen “organisch” und “nichtorganisch”. “Das klappt inzwischen. Die Leute sind lernbereit.” So erzählt mir ein junger Müllarbeiter, während aus den Häusern die Leute in grossen Beuteln ihren Hausmüll zum Wagen bringen. An dessen Aussenwänden hängen riesige Säcke, denn sofort sortieren die drei Arbeiter Glas- und Plastikflaschen und Papier – Karton. Diese werden weiter verkauft zur Wiederverwertung. “Von diesen Einnahmen leben wir, und wir sind stolz, wie sauber unsere Stadt ist!”

Auf einer Bank vor einem Kaffeeausschank an der Hauptstrasse wärmen sich 5 ältere Männer, unter ihnen Don Memo, der gegenüber eine offene Garage als Uhrmacherwerkstatt hat und damit “so leidlich durchkommt”, wie er mir sagt. Wir kennen uns; er ist Sprecher des Komitees der Ortsteilfeste. Bei einem Capuchino beginnen wir zu philosophieren: “Natürlich ist ganz viel faul in unserer Gesellschaft und es ist schwieriger und schlimmer geworden. Sicher haben viele inzwischen materiell mehr zu Hause: Kühlschrank, ein neueres Auto, Breitbildfernseher, neueste Handys und ¡Pod, ein besseres Sofa. Aber sind sie deshalb glücklicher? Wer mehr hat, engagiert sich hier im Ortsteil weniger. Sie haben einen dickeren Wagen und mehr Schulden, mehr Arbeitsstunden und Hektik, fast keine Zeit mehr für Familie und Kinder. Wie sollen diese seelisch gesund erwachsen werden? Genau das macht uns Sorgen!” Und alle nicken und erzählen weitere Beispiele. Don Chuy, ebenfalls im Komitee, fügt hinzu: “Zu Viele sind nur hinter’m Geld her. Die uns regieren, lassen sich kaufen von den Mächtigen und diese saugen sich voll. So viel hier im Land funktioniert nicht,  wegen der Korruption. Die politischen Strukturen sind überfordert, die riesigen Probleme unserer Gesellschaft korrekt aufzugreifen!” – “Also viel Pessimismus bei Euch, wenn Ihr nach vorne schaut?” – “Nein! Wir hier sind und bleiben zuversichtlich. Als vor 25 Jahren das schreckliche Erdbeben hier ganze Stadtteile zerstörte, gab es zig – tausend Tote. Die Regierung war völlig unfähig zu handeln. Wir wurden wütend und halfen uns selbst. Wir organisierten uns nach Viertel im Ort.. So ist unser Komitee entstanden! Die guten Kräfte in uns und unter uns wurden wach.” Und Emilio ergänzt: “Mit uns Menschen ist das nicht einfach. Da  gibt’s schlimme Instinkte in uns. Aber es gibt auch die wunderbaren Solidaritätserfahrungen! Genau die müssen kultiviert werden! Schau, was dieser Poet Sicilia in wenigen Monaten mit der Friedensbewegung alles bewegt hat! Keiner hier will eine blutige Revolution! Vom Herzen her beginnt Erneuerung: ein radikaler Umbruch liegt an. Es tut sich was! Es grummelt weltweit!”

 

Eine Jahresbilanz ist nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen. Die große Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung macht sich schwere Sorgen in vier vitalen Lebensbereichen. In Workshops haben wir sie erarbeitet und nennen es unser “Besorgnisviereck”. In verschiedenen Beiträgen dieser Serie sind sie genauer belegt.

Da ist vor allem die extreme gewachsende Gewaltkriminalität.  Dazu kommen weiterhin die Sorgen um Arbeit und Finanzen, prekärer geworden für die Bevölkerungsmehrheit. Die öffentlichen Institutionen mit zuviel Burokratie, Vetternwirtschaft und Korruption sind dabei immer weniger auf der Höhe der Herausforderungen. Und in all dem: ein im Altersschnitt ganz junges Mexiko tut sich unsäglich schwer, der Jugend reale Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.

Dieses “Besorgnisviereck” ist zugleich durchsetzt mit konkreten Hoffnungen. Solche haben sicher alle Menschen überall auf der Welt. In Mexiko sind sie tief verwurzelt in drei Dimensionen Wir nennen es unser “Hoffnungsdreieck”.

Zuerst und vor allem ist es die geschichtlich gewachsene Weisheit: Wir können alleine und nach der Devise “alle gegen alle” nicht überleben und weiterkommen! So ist gelebte Alltagssolidarität immer noch ein real existierender kultureller Wert. Großfamiliäre Beziegungen, Nachbarschafts- und Kollegenhilfe, Landsleute reichen sich die Hand u.s.w. All das komplexe Miteinander von dem, was wir das “soziale Netz” nennen, funktioniert immer noch, insbesondere unter den einfachen Leuten und das ist die Bevölkerungsmehrheit. Ein Grundgefühl von Zuversicht herrscht vor: “Was auch immer kommen mag und was auch immer “die da oben” machen: Wir helfen uns und kommen durch!” Das nenne ich Hoffnung mit Hand und Fuß.

In der mexikanischen Seele hat dieser kulturelle Wert auch eine religiöse Tiefendimension. Wie in verschiedenen Beiträgen der letzten Monate erläutert, ist in der weiterhin gelebten Volksfrömmigkeit der Indio- und Mestizenbevölkerung (zugleich auch die verarmte Mehrheit Mexikos) Erhebliches der vorspanischen Indioreligion präsent. Diese hat sich mit Christlichem vermischt, aber nur sehr wenig (im Unterschied zu Europa) institutionalisiert im Sinne einer Amts- und Kleruskirche. Diese wird respektiert und einige Dienste benötigt, aber der religiöse Alltag ist sozial – kulturell selbstbestimmt. Zudem hat die Säkularisierung, verstanden als sozialer Bedeutungsverlust des Religiösen durch die aufklärerische Vernunft in den westlichen Gesellschaften, in Lateinamerika in der Bevölkerungsmehrheit nicht wirklich gegriffen. Weniger als 10 % bezeichnen sich als “Atheisten”, wenn auch  quasi – religiöse Formen in einer wachsenden Konsumgesellschaft zunehmen. Jedoch für die arme Bevölkerungsmehrheit gehören Glaube, Hoffnung und Liebe gehören als Lebensessenz einfach untrennbar zum Alltag. Sie müssen deshalb auch  gemeinschaftlich gelebt und auch gefeiert werden. Zu diferenzieren ist hierbei, ob “das Religiöse” darin eine Untertanenhaltung verstärkt, d.h. “domestiziert” (um einen Begriff des grossen brasilianischen Pädagogen Paulo Freire aufzugreifen) oder ob es “befreit”, weil es um “Gottesherrschaft und seine Gerechtigkeit” (Jesus) zu gehen hat,  hier mitten unter uns und zuerst und vor allem ausgehend von den immer Zu – Kurz  – Gekommenen. Genau hier ist der Motivationskern der befreienden Praxis ungezählter Christinnen und Christen in christlichen Basisgemeinden und in Sozialbewegungen, dann auch systematisiert in der weiterhin wichtigen und nach wie vor aktuellen Befreiungstheologie.

Beides, Alltagssolidarität und religiöse Tiefendimension, ist von zentraler Wichtigkeit, wenn es eine Krisensituation gibt wie die derzeitige, etwas erklärt im “Besorgnisviereck”. Das zuversichtliche “Wir kommen schon durch, Gott sei es gedankt!” transformiert sich in “Jetzt reicht’s! Veränderung ist notwendig!” Solch sozial – solidarischer Schmerz ist immer der Beginn von Sozialbewegungen, die Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit im Blick haben. So war es in den zwei mexikanischen Revolutionen vor 200 und 100 Jahren. Ähnliches ist geschehen in fast allen lateinamerischen Ländern. Es floss viel Blut und zu rasch etablierten sich neue Mächtige, neue Unterdrücker. Das ist im kollektiven Bewusstsein. Derzeit gibt es in Mexiko fast keine Strömung, die für eine erneute gewaltsame Revolution plädiert. Es geht um die Suche nach neuen und gewaltfreien Formen von Systemveränderungen. Wiederum sei hier als zentraler Denker und zugleich als pädagogischer Praktiker Paulo Freire erwähnt, er ist gerade in der derzeitigen Umbruchssituation von grosser Aktualität.

Konkret und im Blick auf’s neue Jahr: Die in früheren Artikeln erwähnte neue Friedensbewegung greift um sich und ist ein Hoffnungsträger. Es verstärken sich ökologische Bewegungen, derzeit konzentriert auf den Schutz der Wälder gegen exzessiven Holzabbau und gegen Mega- Ausbeutung von Gold, Silber und Zink durch offenen Bergbau. Neue Formen solidarischer Wirtschaft und urbaner Ökologie wachsen, vernetzen sich und werden zu sozialpolitischen  Bewegungen mit Agenda. Hoffnung auf Veränderung verstärken auch seit Jahren die Menschenrechtsbewegung und seit jüngerer Zeit vielfälige Initiativen gegen alle Art von Diskriminierung. Die mexikanische Gesellschaft bewegt sich, und das immer mehr.

 

Ein Wort zum Schluß:

Mit diesem Beitrag endet ein Versuch, mittels 12 monatlicher Vertiefungen in eine jeweils aktuelle mexikanische Realität eine andere Kultur zu bedenken, besser zu verstehen und vor allem auch religionsphilosophische Herausforderungen für unser okzidentales Denken und Handeln zu benennen. Ich hoffe, das Mitdenken war fruchtbar.

alfons.vietmeier@gmail.com

 

 

 

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