Paulo Freire: Praxis der Befreiung

24. Mrz 2012 | von | Themenbereich: Befreiung, Denkbar

 

              Wichtige Erkenntnisse der PÄDAGOGIK DER BEFREIUNG von PAULO FREIRE (1921-1997)

              Von Hernán Silva-Santisteban Larco,  Religionsphilosophischer Salon am 23.3.2012

 

–  Einheit von Denken und Handeln

Der Mensch existiert nicht isoliert, er ist auf ein Du angewiesen und er ist auf seine Umwelt gerichtet (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.117f). Mensch und Welt stehen in einem Wechselwirkungsverhältnis und beide sind so miteinander verwoben, dass sie niemals voneinander abgespaltet werden können (Bernhard, S. 181). Andererseits, der Mensch ist nicht endgültig und für immer festgelegt, vielmehr tendiert er dazu, in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, seine Lebensbedingungen zu überschreiten und neue Möglichkeiten zu erproben (ebd., S.180). Der Mensch kann nicht anders, als zu handeln und durch sein Handeln sich selbst und die Welt umzuformen (Figueroa, S.33): der Mensch ist ein dauerhafter Entwurf von sich selbst in der Welt, er hat Willen zur Gestaltung. In dieser Hinsicht, in dem der Mensch nicht isoliert existiert, kann es auch kein isoliertes Denken geben, und in dem das menschliche Wesen sich wesentlich in der Handlung bestätigt, kann das Denken des Menschen über seine Welt von seinem Handeln in dieser Welt nicht abgetrennt werden (Bernhard, ebd.): die menschliche Handlung ist die unauflösliche Einheit zwischen meiner Aktion und meiner Reflexion über die Welt (Stückrath, S.18). Das Denken soll konkret werden und in der existenziellen Lebenswirklichkeit wurzeln und auf das Handeln wirken. Nur der Mensch ist fähig, dank seines Denkens, gegenüber der Welt eine Distanz einzunehmen und dadurch bewusst auf die Realität durch seine Handlung einzuwirken. Nur der Mensch, und das gilt für allen Menschen ohne kulturelle Unterschied, ist imstande, sich selbst zu transzendieren und zu verstehen, um sie zu verwandeln (Freire, Pädagogik der Unterdrucken, S.50).

– Der Mensch als kritischer Denker

An Anfang ist die Annährung des Menschen an die Welt, in der er sich befindet und in der er sich sucht, keine kritische Einstellung, sondern eine naive. Auf dieser ersten spontanen Ebene macht der Mensch eine unkritische passive Erfahrung der Wirklichkeit: dieser Prozess beschreibt eine „Bewusstwerdung“. In dem man diese erste spontane Ebene des Erfassens der Realität überwindet, gelangt das menschliche Denken auf eine kritische Ebene, in der die Realität sich „entschleiert“ in seiner wahrhaftigen Wesenheit, d.h., das Bewusstsein nimmt Besitz von der Realität. Das kritische Bewusstsein hinterfragt die Ursache der Umstände und „enthüllt“ die Wirklichkeit durch Auflösung von Bildern und Begriffe, durch die die Wirklichkeit verzerrt dargestellt wird. Dank dieser erworbenen kritischen Ebene verwandelt sich das Bewusstsein, als Entfaltung des Bewusstwerden, in eine „Bewusstseinsbildung“ (Stückrath, S.18f). Die Bewusstseinsbildung ist ein Lernvorgang, der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen, um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen (Dabisch, S.69f). Aus dieser Bewusstseinsbildung kann der Mensch kritisch und schöpferisch in seiner entschleierten Welt handeln. In diesem Sinne, Bewusstseinsbildung ist ein Prozess der „Erweckung“ und der Dynamisierung des Bewusstseins der Einzelnen. Gleichzeitig ist eine Veränderung der Mentalität, wozu eine genaue realistische Einsicht in die eigene Stellung in der Welt und in der Gesellschaft gehört (Dabisch, S.69f; Stückrath, S.18f). Dieses Prozess und diese Veränderung können alle Menschen auf der Welt erreichen und erleben, sogar die Analphabeten.

– Die Utopie als Quelle der Wirklichkeit

Darüber hinaus, diese Bewusstseinsbildung fordert uns auf, der Welt gegenüber eine utopische Haltung einzunehmen. Die Utopie ist in diesem Fall nicht das Unrealisierbare, sie ist eher eine dialektische Verbindung der kritischen Aufdeckung einer entmenschlichenden Struktur und die Ankündigung einer menschlichen solidarischen Struktur durch das schöpferische Denken. Die Utopie, als Veränderungsimpuls der Realität, setzt kritisches Erkennen voraus. Ich kann nicht etwas aufdecken, wenn ich nicht in die Realität eindringe, um sie kennenzulernen; ich kann nicht etwas ankündigen, wenn ich es nicht erkenne. Und nur durch Handeln, auf der Basis eines kritischen Denkens, kann sich eine Utopie in Realität verwandeln (Stückrath, S.19f). Der Mensch, als  historisches Wesen, ist berufen um die Rolle des Subjekt zu übernehmen um die Welt um ihm herum zu gestalten und erneut zu gestalten: er ist berufen um sein eigenes Leben in seine Hände zu nehmen als freier denkender schaffender Mensch, als „kulturschöpferisches Wesen“ (Edward Sapir)

– Der Mensch als Dialog-Wesen

Der Mensch ist auch auf Zwischenmenschliche Kommunikation angewiesen, ohne die er die Welt weder erschließen noch verändern kann. Der Mensch ist zum Dialog mit anderen Menschen bestimmt (Bernhard, S.180). In dem der Mensch dieäußere Welt und seine äußeren Lebensumstände Gegenstand seines Denkens und seines Bewusstseins machen kann, ist er in der Lage, sich selbst und seine Welt im Dialog mit anderen zu verstehen, zu gestalten und zu verändern (Bernhard, S.181). Der Dialog ist, in diesem Fall, ein Akt des Erkennens und einer kritischen Annährung an die Realität (Stückrath, S.18). Der Anreiz zu Bewusstseinsbildung geht von einem interpersonalen Dialog aus. Durch diesen Dialog als Begegnung mit anderen Menschen wird und kann jeder Mensch entdecken, was Mensch sein bedeutet (Dabisch, S.70). Erkenntnis und Selbsterkenntnis erfolgt immer in Kommunikation, d. h., dass das „ich denke“ und dass das „wir denken“ bereichen sich miteinander. Wenn Kommunikation auf ununterbrochene wechselseitige Mitteilungen aufbaut, gibt es kein passives Subjekt in dem Dialogprozess, es gäbe nicht die Möglichkeit, das jemand in seinen Mitteilungen einen anderen zu „erdulden hat“  (Rosch, S.63f)

 

Bibliographie:

-Freire, Paulo, Pädagogik der Solidarität, Wuppertal, 1974;

-Freire, Paulo, Pädagogik der Unterdrückten, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei  Hamburg, 1977;

-Freire, Paulo, Erziehung als Praxis der Freiheit, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1977;

-Bernhard, Armin, Pädagogisches Denken, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2006;

-Dabisch, Joachim, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem, Verlag Breitenbach Publishers, Saarbrücken-Fort Lauderdale, 1987:

-Figueroa, Dimas, Paulo Freire zur Einführung, Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1989;

-Rosch, Christoph, Die Erziehungskonzeption Paulo Freires, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Mein, 1987;

-Stückrath-Taubert, Erika (Hg.), Erziehung zur Befreiung. Paulo Freire: Rezeption und Kritik, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1975  (zusammengestellt von H.S.)

Die Literatur über Paulo Freire ist nahezu „uferlos“. Wir weisen nur auf eine neuere Studie hin: Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie.(Band III)
Hg. Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Kinkelbur. Waxmann: Münster 2008.
133 Seiten, ISBN 978-3-8309-1870-7
Band I: Paulo Freire, Unterdrückung und Befreiung

Band II: Paulo Freire, Bildung und Hoffnung   (C.M)

copyright: hernan silva-santisteban-larco.

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