Karl Rahner – ein freier Denker, im guten Sinne: Ein Modernist

8. Jul 2009 | von | Themenbereich: Denken und Glauben

Karl Rahner : Katholisch und ein freier Geist
Ein Hinweis zur Modernität eines Theologen, für den „Modernismus“ kein Schimpfwort sein sollte
Von Christian Modehn

Dieser Beitrag erschien 2004 in adREM, der Monatszeitschrift der niederländischen Kirche der Remonstranten (einer Freisinnigen Protestantischen Glaubensgemeinschaft), www.remonstranten.org,   in leicht gekürzter Fassung. Es handelt sich um einen Versuch, trotz der ganz offenkundigen römisch – katholischen Bindungen Rahners und seiner –offenbar pflichtgemäßen und „bestellten“ – Verteidigungen etwa des Papsttums und der Marien-Dogmen doch seinen richtigen modernen und im positiven (!) Sinne durchaus „modernistischen Geist“ als die entscheidende Dimension seiner Arbeiten aufzuzeigen.
Dieses Thema ist bisher in römischen Kreisen eher „tabu“.

Grundlage für diese, bisher eher neue und ungewöhnliche Interpretation der „Grundstimmung“ und wesentlicher Aussagen Rahners ist seine zentrale, immer wieder zitierte These „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein“. Und Mystik ist eben nur denkbar als eine INDIVIDUELLE Interpretation des Glaubens. Ein historischer Beleg: „Ab dem 16. und 17. Jahrhundert wird Mystik die Erfahrung eines radikal individuellen Umgangs mit dem Unversellen, dem Transzendenten, mit Gott“. (Koenraad Geldof, in: „Michel de Certeau“, hg. von Marian Füssel, Konstanz 2007, Seite 140.

Mein TEXT, der schon 2004 veröffentlicht wurde:

Manche nennen ihn einen katholischen „Kirchenvater der Moderne“: Karl Rahner, vor 100 Jahren, am 5. März 1904, in Freiburg i.Br. geboren und vor 20 Jahren (am 30. März 1984) in Innsbruck gestorben,  war einer der umfassend gebildeten Theologen des späten 20. Jahrhunderts: Mehr als 4000 Veröffentlichungen liegen von ihm allein in deutscher Sprache vor; er hat an allen großen theologischen Lexika und Handbüchern mitgearbeitet; er kannte sich in der Geschichte der Dogmen genauso aus wie in Fragen der Mystik, er verstand sich auch als „praktischer Theologe“; in den letzten Jahren seines Lebens hat er noch die linke lateinamerikanische Befreiungstheologie verteidigt. Er hat entscheidend an einigen Dokumenten des 2. Vatikanischen Konzils Mitte der sechziger Jahre mitgearbeitet, er hat Gebete publiziert und zur praktischen Spiritualität ermuntert; er hat zahllose Vorträge in aller Welt gehalten und obendrein noch als Professor für systematischen Theologie in Innsbruck, später in Münster gearbeitet.
Aber diese rein äusserliche und noch gar nicht vollständige Aufzählung der Leistungen dieses einzelnen Theologen treffen nicht das Entscheidende: Karl Rahner wollte die römisch-katholische Kirche grundlegend reformieren. Er hat Forderungen formuliert, die man in dieser Deutlichkeit damals noch nicht kannte: Ende der siebziger Jahre schlug er vor, die faktische institutionelle Einheit der evangelischen und katholischen Kirche zu vollziehen, auch wenn es noch Unterschiede in den Lehrauffassungen gibt. Er glaubte, der gemeinsame christliche Glaube sei wichtiger als die trennenden konfessionellen Traditionen. Rahner setzte sich für die Abschaffung des Pflicht-Zölibats der Priester ein. Er forderte, dass bisherige „Laien“, gut ausgebildet, die Messe feiern dürfen. Er forderte den Respekt der Menschenrechte in der Kirche, setzte sich für eine unabhängige Gerichtsbarkeit in der Kirche ein, er hatte nichts gegen die Wahl der Bischöfe durch die Gläubigen usw. In seinem Buch „Strukturwandel der Kirche als Chance und Aufgabe“  hat er das Programm für eine grundlegend reformierte katholische Kirche entworfen. Anlässlich seines 100. Geburtstages plädieren katholische Bischöfe hingegen dafür, ihn „als Mann der Kirche“ zu verstehen, d.h. als konformen, dem kirchlichen Amt ergebenen Theologen: So etwa Kardinal Karl Lehmann aus Mainz, dessen Einschätzung um so mehr erstaunt, als er selbst Jahre lang wissenschaftlicher Assistent Karl Rahners war.
Natürlich gibt es viele Aussagen Rahners, in denen er sich als „treuen Sohn der Kirche“ darstellt. Aber es muss doch die Frage gestellt werden, wie sehr diese Aussage immer auch eine diplomatische Schutz-Formulierung war. Man muss bedenken, dass Rahner seit den fünfziger Jahren immer unter der Kontrolle des „Heiligen Offiziums“ in Rom stand und sogar noch 1961 vom Vatikan mit einem Schreibverbot bedroht wurde. Es gibt zahllose Äusserungen Rahners, die dessen ganze Ablehnung des römischen Herrschaftssystems belegen: So sprach er von vatikanischen Theologen im privaten Kreis nur von „Bonzen“ (im Sinne von ideologisch verblendeten Partei-Bonzen oder Partei-Genossen). Rahner konnte sich in kleinem Kreis masslos aufregen über die Borniertheit einzelner Bischöfe usw. Sein Freund, der katholische Theologieprofessor Herbert Vorgrimler (Münster) hat diese tiefe Ablehnung des römischen Systems durch Rahner in seinem Buch „Karl Rahner verstehen“ dokumentiert. Es muss die Frage gestellt werden: Ist diese im privaten Kreis wie auch etwas zaghafter in der Öffentlichkeit geäusserte grundlegende Kirchenkritik nicht genauso wichtig wie die nach aussen immer beteuerte Verbindung mit Papst und Bischöfen? Kein deutscher Theologe des 20. Jahrhunderts jedenfalls hat so massiv das Gesicht der römischen Kirche verändern wollen wie Karl Rahner.
Aber eine weitere, vor allem theologische Leistung muss erwähnt werden. Man greift nicht zu hoch, wenn man sie „einmalig“ im katholischen Zusammenhang nennt: Rahner hat die erstarrte und damals noch überall einheitlich formulierte Systemtheologie des Katholizismus, den sogenannten Neo-Thomismus (also eine Variante der Lehren des mittelalterlichen Thomas von Aquin) aufgebrochen und überwunden. Er hat die damals üblichen lateinischen Lehrbücher, die auf alle theologischen Fragen (angeblich) eine Antwort wussten, beiseite geschoben und wieder Raum geschaffen für das selbständige kritische Fragen. Wenn Rahner von Gott sprach, dann immer nur von dem „unendlichen Geheimnis“. Diese Relativierung aller menschlichen Begriffe von Gott ist eine Art Revolution für eine römische Kirche, die sonst so viel von Gott weiss, von seinen Eigenschaften und Handlungen usw. Rahner denkt radikal und lässt sich von kirchenamtlichen Kritikern nicht beirren: Gott ist absolutes Geheimnis, ER lässt sich nie in Formeln und Dogmen einzwängen. Aber ER ist eine ungreifbare, aber in allen geistigen Vollzügen des Menschen anwesende Kraft, der unendliche Horizont des Denkens, der nie greifbare Urgrund, der aber alles belebt. Damit nähert sich Rahner der Tradition der Mystik an. Er erwähnt in seinen Aufsätzen etwa Meister Eckart oder Theresa von Avila. Rahner bezieht sich aber auch auf seinen Lehrer, den Philosophen Martin Heidegger, bei dem er zwei Jahre studierte: Für Heidegger ist das Sein immer mehr als das Seiende, das Sein ist der nie fassbare Horizont des Denkens.
Rahner hat die Problemstellung der modernen Philosophie aufgegriffen. Und er machte daraus sein Lebensprogramm: Er wollte zeigen, dass der christliche Glauben kein blosses letztlich zufälliges Ereignis der Geschichte ist, das man zur Kenntnis nehmen kann, so, wie man etwa die Existenz des fernen und unbekannten Kontinents Australien zur Kenntnis nimmt. Das Christentum ist vielmehr die Auslegung der Geschichte des menschlichen Geistes! Rahner glaubte, dass die göttliche Wirklichkeit nicht nur irgendwo im fernen Himmel zu suchen ist; er zeigte, wie Gott die innerste Mitte aller geistigen und seelischen Vollzüge des Menschen ist, er sprach vom „übernatürlichen Existential“ in jedem Menschen in allen Religionen! Darum analysierte er, von den Daseins-Analysen Martin Heideggers inspiriert, das geistige Leben des Menschen: Die Liebe, die Solidarität, das Miteinander, das Ausgesetztsein dem Tode gegenüber, die Angst, die grundlose Treue usw: Er beschrieb das Leben und zeigte, wie sich inmitten dieses Lebens das unendliche Geheimnis vernehmbar macht. Anthropologisch gewendete Theologie nannte Rahner sein Projekt: „Am Anfang der Theologie steht der Mensch, und nicht die Glaubensaussage“, so sein Interpret Pater Karl Heinz Weger SJ. Ein Impuls, dem heute weltweit viele Theologen aller Konfessionen folgen, um nur in Deutschland zu bleiben: Der Ansatz des tiefenpsychologischen Theologen Eugen Drewermanns oder die Arbeiten des weltweiten Erfolgsautors Pater Anselm Grün OSB sind ohne Rahner gar nicht zu verstehen. Anselm Grün hat über Rahner eine Promotionsschrift verfasst.
Alle Aussagen der Theologie auf die Erfahrungen der Menschen beziehen: Rahner wusste selbstkritisch, dass seine anthropologisch gewendete Theologie immer den westlich geprägten Menschen in einem gewissen Wohlstand meint; er liess sich von der „politischen Theologie“ Johann Baptist Metz kritisieren und musste anerkennen, dass in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie die Armen und Ausgebeuteten zur Sprache kommen.
Trotzdem bleibt Rahner ein Theologe, der wie kein anderer an der Neubestimmung des Christentums in der Moderne arbeitete: Er hat eine Art Korrespondenz, wenn nicht Entsprechung entwickeln wollen zwischen der biblischen Botschaft in der Geschichte und den Dogmen der katholischen Kirche auf der einen Seite UND der Selbsterfahrung des Menschen. Er sprach von der Gleichwertigkeit der historischen ( der „kategorialen“)  Offenbarung UND der inneren, in Leben eines jeden Menschen stattfindenden („transzendentalen“) Offenbarung. Rahner nannte diese innere Offenbarung Gottes transzendental, um einen Begriff des Philosophen Immanuel Kants aufzugreifen: Kant hatte ja transzendental die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis genannt. So sagt Rahner. „Die transzendentale Frage in der Theologie führt in der Theologie zur Frage: Welche Bedingungen müssen denn im Geist des Menschen gegeben sein, damit das Wort der Bibel überhaupt verstanden wird und ankommt?“ Und Rahner sagte: Der Mensch kann die Bibel nur verstehen, weil Gott, seine Gnade,  bereits in ihm selbst ist, als innere, als transzendentale Offenbarung. „Die künftige Theologie wird transzendentale Theologie sein“, schreibt Rahner im 10. Band seiner „Schriften zur Theologie“. Für Rahner war klar: Selbst die Gestalt Jesu Christi, „des Gott-Menschen“, wie er sagte, steht in einer Entsprechung zur Sehnsucht jedes Menschen nach dem „Gott-Menschlichen“.
Mit diesem theologischen Prinzip wollte Rahner den „garstigen Graben“ zwischen der Bibel und der Welt beseitigen. Er wollte zeigen: Der Glaube ist dem Geist des Menschen entsprechend! Eigentlich ein Programm, das die sogenannten katholischen Modernisten (vor allem in Frankreich) zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegeben hatten…und vom Papst verurteilt wurden.
Diese für katholische Verhältnisse radikale Position hat Rahner immer verteidigt. Einer seiner Interpreten, der us-amerikanische Jesuit Philip Endean schreibt im Rahner-Sonderheft der Jesuitenzeitschrift Stimmen der Zeit 2004): „Rahners Vorhaben war im Grund dasselbe wie das der Modernisten“ (s. 67).
An dieser Stelle zeigt sich Rahners noch viel zu wenig bedachte Originalität: Denn er baut tatsächlich Brücken zu einer liberalen und freisinnigen Theologie, die damit rechnet, dass auch in den religiösen Äusserungen ausserhalb des Christentums sozusagen der „eine göttliche Geist“ sich ausdrückt. Rahner hat Gott universal und allgegenwärtig erfahren und gedacht. Für ihn war die innere, die mystische Erfahrung des unendlichen Geheimnisses viel Grundlegender als alle Kirchentradition. Er arbeitete an den von ihm so genannten „Kurz-Formeln“ des Glaubens: Er forderte die Menschen auf, in wenigen Worten auf persönliche Art den Kern des christlichen Glaubens zu formulieren. Er forderte, dass Gottesdienst und Liturgie „das Zu sich selber-Kommen“, also das Ausdrücklich werden, des Lebens sei! Im Gottesdienst solls ich für Rahner das immer schon Gott erfüllte Leben des Alltags ausdrücken… So könnte man fortfahren: Pater Philip Endean SJ bringt es auf den Punkt: Er nennt Karl Rahner mehrfach einen „liberalen“ Theologen. Freilich, Rahner blieb immer katholisch, ob er immer römisch blieb, ist eher unwahrscheinlich. Aber die freisinnigen, liberalen Aspekte müssen von den Freisinnigen Protestanten erst noch entdeckt werden. Ein „freier Geist“ war Rahner allemal.

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