„Die Nonne“: Zu einem neuen Film über einen Roman von Denis Diderot

6. Nov 2013 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik

Die Nonne. Anlässlich der Berlinale 2013 ein Hinweis auf einen Film, inspiriert von einem Roman von Denis Diderot:

Wenn das Leben im Kloster krank macht

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 8.2.2013

Inzwischen, Anfang November 2013, läuft der Film „Die Nonne“ in deutschen Kinos. Dabei werden immer noch falsche Behauptungen in die Welt gesetzt. Da wird Diderot (in der Beilage zu „Die Zeit“ mit dem Titel „Christ und Welt“ vom 7. Nov. 2013) einfach gedankenlos und uninformiert „ein Atheist“ genannt, nichts ist falscher als das, um einmal diese sprachlich falsche Formulierung zu benutzen. Er hat Theologie studiert, war später Deist, und das ist bekanntlich kein Atheist! Die „Nonne“ ist auch kein „Witz, keine Satire“ des Philosophen Diderot, wie behauptet wird in dem Blatt, sondern der Roman basiert auf Beobachtungen und Erfahrungen der eigenen Schwester. Der Roman Diderots ist auch keine „schwüle Klosterfrau Fantasie“, so wieder der Autor Raoul Löbbert, sondern ein realistisches Zeugnis damaliger (nur damaliger ????) Klosterwelten. Was haben christliche Journalisten davon, in christlichen Zeitschriften so viel Unsinn zu verbreiten?
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Dieser Text wurde anläßlich der berliner Filmfestspiele 2012 publiziert:

Das Jahr 2013 ist auch ein Diderot – Gedenkjahr. Der französische Philosoph der Aufklärung wurde vor 300 Jahren, am 5. Oktober 1713 in Langres, geboren Er ist weltbekannt geworden vor allem als Begründer und „Leiter“ des großen Projektes der „Enzyklopédie“. Das „Diderot Jahr“ wird jetzt „eingeläutet“ mit einer Neuverfilmung des Romans „La Religieuse“, „Die Nonne“. Der Film wird auf der Berlinale 2013 im Wettbewerbsprogramm gezeigt. In den Kinos soll er ab Ende März zu sehen sein. Regisseur des Films ist Guillaume Nicloux. Er bezieht sich auf den (gar nicht so umfangreichen) Roman von  Diderot, verfasst um 1760, aber erst nach seinem Tod (1784 in Paris) im Jahr 1796 veröffentlicht. Diderot musste sich vor den Repressionen der Zensurbehörden hüten, 1749 wurde er bereits „wegen Atheismus“ in Vincennes inhaftiert, aber aufgrund prominenter intellektueller Fürsprecher freigelassen.

Für den Religionsphilosophischen Salon ist es eine Selbstverständlichkeit, anlässlich des Films auf den Roman hinzuweisen als einen Beitrag aufklärerischer Religionskritik. Diderot klagt die Zurückweisung der Selbstbestimmung von Frauen (aber auch von Männern) in der Kirche an, er legt die Scheinheiligkeit, ja Gewalttätigkeit in den Klöstern frei, diese abgeschottete Welt, die er „Gefängnis“ oder gar „Grab“ nennt. Die Religionspolitik der Revolutionäre ab 1789, selbst die Laicité als strikte Trennung von Kirchen und Staat, ist nur aus der Kenntnis der Religionskritik zu verstehen, wie sie sich etwa im Pariser Salon d Holbachs und Diderots (10, Rue des Moulins, Paris 1. Arr.) ausdrückte.

Zum Inhalt des Romans, den Diderot in der Ichform seiner Protagonistin Suzanne Simonin erzählt. Sie lebt einige Jahrzehnte vor der Revolution von 1789, ist  ein außereheliches Kind einer angesehenen Familie: Als junges Mädchen (sechszehneinhalb Jahre alt) wird sie von den Eltern gezwungen, ins Kloster einzutreten. Finanzielle Interessen der Eltern sind dabei ein Hauptmotiv. Der Roman schildert den Leidensweg der Suzanne Simonin in drei verschiedenen Klöstern: Bei den unterschiedlichen, meist leidvoll – schmerzhaften Erfahrungen dort bleibt sie ein frommes, „ein gottesfürchtiges Wesen“, das sich den Sinn für Freiheit und Selbstbestimmung bewahrt, aber aufgrund ihrer schlimmen Erfahrungen in eine tiefe menschliche Krise gerät. Diderot hat also keine Ambitionen, seine Protagonistin als ein „amouröses“ Wesen, der Lust verfallenes Mädchen, darzustellen; was ja einer gewissen Tradition der „Libertins“ entsprechen würde, der auch sexuell „hoch interessierten“ Freigeister der damaligen Zeit. Sie verfassten viele populäre, ans Pornographische grenzende Schriften und Romane. In dieser Tradition steht das Werk „La Religieuse“ von Diderot nicht! Er will die Realität dokumentieren, in einer eher sachlich – nüchtern beschreibenden Sprache.

Im ersten Kloster „Sainte Marie“ weigert sich Suzanne Simonin, die endgültigen, „ewig“ bindenden  Gelübde abzulegen. Sie muss das Kloster verlassen; in Ronchamp erlebt sie dann zuerst eine fromme, freundliche Oberin. Darin wird deutlich, dass Diderot durchaus an einer differenzierten Analyse der Klosterwelten interessiert ist. Nach dem Tod dieser Oberin, Frau von Monc, beherrscht dann eine strenge „Chefin“, Schwester Sainte Christine, das Kloster. Sie ist einer rigiden Glaubenspraxis verpflichtet und terrorisiert förmlich ihre junge Mitschwester. Gezwungenermaßen legt dort Suzanne ihre Gelübde ab. Als „ungehorsame Nonne“ wird sie bestraft, ausgegrenzt, malträtiert, aller Kleider beraubt, mit nackten  Füßen wird sie durch die Gänge gehetzt, in dunklen, unterirdischen Räumen festgehalten, „in welchem man mich auf eine von Feuchtigkeit halb verfaulte Strohmatte warf“ (36). „Meine erste Absicht dort war, mich zu töten. Ich schlug mit dem Kopf gegen die Mauern und zerfleischte mich, bis das Blut floß…Jeden Morgen trat eine meiner Henkerinnen (also Mitschwestern) ein und sagte zu mir: Gehorchen Sie unserer Oberin und sie werden dieses Gefängnis hier im Kloster verlassen“ (37). Als seelisch gebrochene junge Frau bittet Suzanne schließlich sogar um Verzeihung für Vergehen, die sie gar nicht begangen hat. Das Gesetz der Folter hat Diderot hier klar erkannt…. Angesichts ihres unsäglichen Leidens findet sie Unterstützung bei einem Anwalt: Ihm gelingt es, Suzanne aus diesem Kloster zu befreien: Aber wieder landet sie in einem Kloster: Dort, in St. Eutrope, findet Suzanne überhaupt keine Ruhe: Sie ist den lesbischen Ambitionen und Aufdringlichkeiten der Oberin ausgesetzt. „Ich liebe Sie bis zum Wahnsinn“, gesteht ihr die Oberin gleich nach ihrem Eintritt (S. 70). Diderot schildert aus sachlicher Distanz, wie die Oberin mit ihren lesbischen Ambitionen die 20 jährige Suzanne förmlich verfolgt und bedrängt, wie sie nachts  gar in das Bett der jungen Nonne steigt, voller Entschuldigungen, ihr, der Oberin, ginge es körperlich so schlecht. Diese Berichte erinnern fast wörtlich an die vielen Ausreden mit denen der pädophile Ordensgründer Pater Marcial Maciel (gestorben 2008) junge Novizen seines Ordens (Legionäre Christi) ins Bett lockte. All das ist von den Betroffenen genau dokumentiert…. Ausdrücklich verbietet diese Oberin ihrer Geliebten Suzanne, diese „Bettgeschichte“ zu beichten: Denn dann  wüßte der Beichtvater, der allen Nonnen im Kloster die Beichte abnimmt (auch ein interessantes Nebenthema: Beichte als Kontrolle),  genau Bescheid über die lustvollen Nächte dort. Vor allem die „fromme Oberin“ wäre enttarnt. Suzanne ist noch so fromm und selbstbewußt, dass sie doch die Ereignisse beichtet… und dies auch der Oberin gesteht. Diesem Bekenntnis folgt der geistige Zusammenbruch, schließlich der Tod der Oberin…Nach all diesen seelischen Verwirrungen gelingt der jetzt 20 jährigen Suzanne  die Befreiung aus diesem Kloster Gefängnis mit Hilfe eines jungen Priesters, Dom Morel. Auch er gesteht der jungen Nonne, dass er gegen seinen Willen ins Kloster gesteckt wurde. (S. 100). War Diderot gegen die lesbische Liebe im allgemeinen eingestellt? Sicher nicht, er war nur gegen die Ausnutzung eines Herrschaftsverhältnisses mit sexuellen Interessen!

Suzanne landet in Paris als gebrochene Frau, sie schlägt sich, auch körperlich am Ende, als Wäscherin durch. Ihr Leben ist  von Ängsten bestimmt, die Klöster haben sie kaputt gemacht. „Ich habe mir niemals den im Kloster herrschenden Geist zueigen machen können… Dennoch habe ich mich gewisse Gebräuche gewöhnt, die ich menchanisch wiederhole, zum Beispiel, wenn eine Glocke läutet, so mache ich entweder das Zeichen des Kreuzes oder kniee nieder. Klopft man an meine Tür, sage ich „Ave“, wie im Kloster…Meine Gefährtinnen jetzt fangen an zu lachen und zu glauben, ich wollte die Nonnen kopieren. Doch ihr Irrtum kann unmöglich lange dauern, meine Unbesonnenheit wird mich verraten. Und ich werde verloren sein“. Dies sind die letzten Worte, die Diderot von der jungen Frau Suzanne übermittelt (s. 108f.) (Zitiert nach Denis Diderot, Die Nonne, Contumax Verlag, 2010, nach einer anonym erschienen Übersetzung in Zürich aus dem Jahr 1797 (sic), also ein Jahr nach dem Erstdruck in Paris).

Der Roman, so wurde betont, erinnert an die Gestalt eines barocken Märtyrerdramas. Darin will der Philosoph seine Erkenntnis verbreiten: “Der Mensch ist für die Gesellschaft geboren. Trennt man ihn von der Gesellschaft (d.h. steckt man ihn in ein Kloster außerhalb der Gesellschaft), werden tausend Begierden in seinem Herzen erwachen, überspannte Gedanken werden in seinem Geist keimen…“. Diderot greift sozusagen die neuzeitliche, reformatorisch geprägte Klosterkritik auf. Luther und Calvin haben das klösterliche Leben entschieden zurückgewiesen: Aber Diderots Kritik gründet nicht so sehr in der Bibel, sondern in der Vernunft. Die klösterlichen Gelübde führten zu einer Verkümmerung, wenn nicht Entartung menschlichen, gemeinschaftlichen Lebens. Klosterleben sei identisch mit Selbstentfremdung.

Mit dieser Überzeugung steht Diderot nicht allein; darin ist er eins mit den aufgeklärten Geistern seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich. Die zwangsweise Einweisung von jungen Frauen in Klöster war damals üblich, wobei die Adligen ihre Klöster für Adlige hatten, die bürgerlichen eben ihre bürgerlichen Klöster. Vielfach wurde dokumentiert, dass auch junge Männer in Klöster eintraten, weil sie dort ein bequemes Leben erwarten durften. Man lese nur einmal die entsprechenden Kapitel des Journalisten Louis Sebastién Mercier: „Mein Bild von Paris“ (publiziert in Paris seit 1781): „In Paris wimmelt es von Abbés, tonsurierten Pfäfflein, die weder der Kirche noch dem Staat dienen, ausschließlich dem Müßiggang leben und den Kopf voller Frivolitäten haben“ (Zit. S. 75 in der deutschen Ausgabe des Insel Verlages 1979). Die geistliche Dimension, die “Berufung“, war eher selten. Insofern ist der Roman „La Religieuse“ alles andere als ein Bericht von einer Ausnahmesituation. Diderot kannte die katholische Kirche sozusagen selbst von innen: In einer frommen Familie aufgewachsen, von Jesuiten ausgebildet, befand er sich sogar auf dem Weg zum Priestertum: Die entsprechende Tonsur hatte er bereits erhalten. Später schreibt Diderot: „Können diese Gelübde, Armut, Gehorsam, Keuschheit, die dem Wesen der Natur zuwiderlaufen, jemals eingehalten werden? Es sei denn nur von einigen missgebildeten Geschöpfen, in denen die Keime der Leidenschaften verwelkt sind“, fragt Diderot.

Das Kloster wird für ihn und seine philosophischen Freunde zum Symbol für ein Leben ohne Perspektiven und Hoffnungen. Im Jahr 1758 wurde in den Pariser Salons der Bericht von Marguerite Delamarre viel diskutiert: Sie hatte als Nonne im Kloster Longchamp die Öffentlichkeit alarmiert über ihre zwangsweise Einweisung in das „geistliche Haus“. Zudem hatte Denis Diderot erlebt, wie seine Schwester Angélique als Nonne im Ursulinenorden seelisch erkrankte, weil sie meinte, den Gelübden unbedingt folgen zu können. Angélique starb „als Wahnsinnige“ (so der Diderot – Spezialist Yvon Belaval) im Alter von 28 Jahren im Kloster…Diesen Schock hat Denis Diderot nie vergessen…

Persönlicher Hintergrund des Romans ist Diderots explizite Zuneigung und Liebe zu Frauen; er kritisierte, wie sie in der patriarchalen Gesellschaft „beschränkt werden und vernachlässigt werden, wie sie als Erwachsene zum Schweigen verdammt sind“ („Sur les femmes“ von 1772).

Der Roman „La religieuse“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit des einzelnen; manche Interpreten sprechen gar von „Hymne auf die Wahlfreiheit“. „La religieuse“ wurde nach der Veröffentlichung im Jahr 1796 verboten; auch die Filmversion durch Jacques  Rivette unterlag noch 1966 der Zensur; ein Jahr später war der Film ein großer Erfolg.

Man darf gespannt sein, wie die Klöster in Deutschland und Frankreich, wie die römische Kirche insgesamt,  angesichts des neuen Films reagieren: Werden sie den Film tolerant / oder ignorant /  übersehen? Wird es heißen: Ja, so ähnlich war einmal das Klosterleben einst an einigen Orten. Aber heute ist das alles ganz anders, besser, heute sind Klöster Orte der Freiheit und persönlichen Entfaltung ohne jegliche Neurose: Werden die Klöster das sagen? auch angesichts der Mißbrauchsfälle, auch angesichts der Verbrechen (die selbst Benedikt XVI. öffentlich so eingesteht) vom Ordensgründer Pater Marcial Maciel?

Der Berliner Kardinal Rainer M. Woelki macht Mut, dass angesichts des Films „Die Nonne“  die Diskussion über die Gründe und Abgründe des Klosterlebens nun beginnen kann: „Jesus wäre bestimmt auch gern ins Kino gegangen“, scheibt Woelki in der sogen. Boulevard – und Springer Zeitung B.Z., (eigentlich oft durch Fast – Nackt – Fotos von Frauen bekannt)…Und Woleki fährt dann in diesem Presseerzeugnis fort, so berichtet die seriöse „Berliner Zeitung“ (8. Februar 2013, Seite 26), „die Filmfestspiele seien eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit realen (Sic!) Themen“. Jesus habe mit seinen Gleichnissen auch nichts anderes gemacht als die Spilefilme heute leisten…Also: Was würde Jesus sagen, wenn er „Die Nonne“ im Kino sieht?  Würde er Luther und Calvin in deren prinzipieller Skepsis gegenüber dem Klosterleben zustimmen?

Copyright: christian modehn am 8.2.2013

 

 

 

 

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