Legionäre Christi – verliebt ins Geld und in die Macht

23. Aug 2009 | von | Themenbereich: Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Die Legionäre Christi

 

Was für sie zählt, sind Einfluss, Macht und Geld

Ein Beitrag von 2005.

Vorbemerkung: Am 26.11. 2010 habe ich einen aktuellen Beitrag ins Netz gestellt: „Das Neueste zu den Legionäre Christi“.

Der Orden der  „Legionäre Christi“ und mit ihm die Laienbewegung Regnum Christi (zusammen ca. 75.000 Mitglieder) sind machtvolle katholische Gemeinschaften. Besonders der Orden der Legionäre Christi (siehe auch in dieser Website: Ein machtvoller Orden in der Krise) (Gründer Marcial Maciel)  wird jetzt auf päpstliche Anordnung untersucht, wegen pädophiler Verbrechen und permanenten Bruchs des Gelübdes der Ehelosigkeit ihres so hoch verehrten „Vaters“ Maciel.

Ich habe schon 2005 im NDR diesen Orden vorgestellt, zu einer Zeit, als im deutschsprachigen Raum sich niemand fürs diese machtvolle- verschwiegene Gemeinschaft interessierte.  Einige Freunde haben mich gebeten, diesen Beitrag mit O TÖNEN eines Legionärs, vor allem aber auch mit kritischen Stimmen des Historikers Enrique Dussel und der Schriftstellers Fernando Vallejo, beide Mexiko – Stadt,  aus aktuellem Anlaß zugänglich zu machen.

 

 

Dieser Text ist ausführlicher als die NDR Sendung von 2005 selbst.

Der Titel 2005 war:

An der Seite der Reichen

Die Katholischen “Legionäre Christi“ und ihre Mission

Von Christian Modehn

Früher wollten einige katholische Ordensleute den Glauben mit Feuer und Schwert verbreiten. Sie nannten sich Kreuzritter. Von ihren Burgen und Festungen aus organisierten sie im Mittelalter die “Militia Christi“, die Schlachtordnung Christi gegen die Ungläubigen. Von kriegerischen Mönchen wollen die Päpste seit dem 16. Jahrhundert nichts mehr wissen:  Ordensgemeinschaften dürfen nur nach friedfertigen Heiligen benannt werden, wie Franziskus oder Dominikus, Benediktus oder Augustinus. Seit 60 Jahren gibt es aber wieder eine Ordens-Gemeinschaft mit einem militärischen Titel: die “Legionäre Christi“. Ein Name, den kein geringerer als Papst Pius XII. im Jahr 1946 empfohlen hat. Im Gespräch mit dem mexikanischen Priester Marcial Maciel soll der Papst gesagt haben:

„Nennen Sie Ihren neuen Orden doch Legionäre Christi! Diese Legion muss stark sein wie ein in Schlachtordnung aufgestelltes Heer, um die Führer der Welt für Christus zu gewinnen“.

Die Eliten, die Mächtigen und die Reichen für Christus und die römische Kirche gewinnen: Das ist die Mission der Legionäre Christi. Sie sind der Orden für die “VIPs“, die Very Important Persons. Heute arbeiten sie in mehr als 20 Ländern, immer kämpferisch und entschieden, einmütig und geordnet wie eine Phalanx. Sie werden in katholischen Kreisen nur noch „die Legionäre“ oder „die Legion“ genannt. Bezeichnenderweise heißt der Ordensobere in Rom “Generaldirektor“. Deutlicher kann der Hinweis nicht sein, dass es den Legionären auf spirituelles Management und pastorale Logistik ankommt! Deswegen werden sie von führenden Beamten des Vatikans, wie Erzbischof Franc Rodé, in höchsten Tönen gelobt:

„Ihr Legionäre seid das von Gott erwählte Werkzeug, um eines der

größten geistlichen Vorhaben in der Kirche zu vollbringen“.

Und sie sind für viele große Projekten der katholischen Kirche verantwortlich. Innerhalb weniger Jahre haben sie 9 eigene Universitäten aufgebaut, sie leiten 21 Hochschulen und verfügen über weitere 150 Bildungsstätten mit mehr als 70.000 Studentinnen und Studenten. 25.000 Religionslehrer wurden weltweit von den Legionären Christi geschult, mehr als 70.000 Schüler und Studenten besuchen zur Zeit (2005) deren Einrichtungen. Sie haben Presseagenturen und Verlage, Zentren zur Ehevorbereitung, Jugendclubs  und Radiostationen. Ihre Internet-Auftritte in allen europäischen Sprachen, vor allem ZENIT, spielen eine wichtige Rolle bei „Vatikanologen“.  Voller Stolz wird bereichtet:
„Gläubige aus aller Welt haben auf unseren Internetseiten registriert, dass sie 369.654 Stunden Anbetung gehalten haben“.

Beinahe in jedem Monat berichten die Legionäre über Neugründungen. Immer geht es ihnen, wie die Päpste wünschen, um den Kontakt zu den “Führern der Welt“. Bei einer solchen Mission gilt es, auch die Gesetze der Diplomatie und der Lobbyarbeit zu kennen. Voraussetzung dafür ist eine sehr gründliche Ausbildung. Ein Legionär muss 15 Jahre Theologie, Philosophie und Humanwissenschaften studieren. Pater Klaus Einsle lebt als Legionär Christi in Düsseldorf:

  1. 1. 0 TON

Man muss auch mal gegen sich selber ein bisschen streng sein muss, weil es doch auch passiert, dass einem der Gegenwind ins Gesicht schlägt. Da muss man stark sein innerlich, und das soll diese Gedanke Legr ausdrücken, innere Stärke auch gegen sich selbst, um immer das Gute weiterzugeben.

Der “Gegenwind“ schlägt einem Legionär Christi tatsächlich ins Gesicht: Gottlosigkeit und Säkularisierung nennt der oberste Legionär, Generaldirektor Pater Alvaro Corcuera, diese Widrigkeiten. Dagegen hat der Legionär zu streiten, wie ein geistlicher Ritter an der Front der Ungläubigen und der Kirchenfernen. Für dieses

Projekt einer kämpferischen Kirche lassen sich immer mehr junge Männer begeistern: Zu den Legionären Christi gehören heute neben 600 Priestern auch 2.500 Theologiestudenten: Sie haben sich bereits an den Orden gebunden. Während fast alle anderen Kloster – Gemeinschaften über Nachwuchsmangel klagen, rühmen sich die Legionäre eines stetigen Wachstums, Pater Einsle:

2. 0 TON

Natürlich ist das zuallererst ein Geschenk Gottes, er hat einen neuen Orden gegründet, um die Gesellschaft zu bereichern, um sie zu beschenken. Das heisst, Gott ist der aller erste, der diesen Orden wachsen lässt.

Aber es sind schon 12 und 13 jährige Jungen, die von den Legionären in den Seminaren aufs Priestertum vorbereitet werden. An dieser „frühen Vorbereitung aufs Priestertum“ hat der Ordensgründer, Pater Marcial Maciel aus Mexiko, immer festgehalten. Er hatte seine Karriere begonnen zu einer Zeit, als in seiner Heimat die Kirche brutal verfolgt wurde: Von daher seine Vorliebe für eine starke, einflussreiche und kämpferische Kirche. Wer den Feinden, den Antiklerikalen und Atheisten trotzen will, muss öffentlich erkennbar sein, heißt seine Devise. Die lange schwarze Soutane oder der schwarze Anzug mit dem weißen Collar ist bis  heute die übliche Legionärs-Kleidung, Pater Einsle:

3. 0 TON

Unsere priesterlicher Identität war immer sehr klar. Diese Klarheit, dieses gesunde christliche Selbstbewusstsein, mag auch ein Aspekt sein, der junge Menschen anzieht, weil sie Richtung finden, Überzeugung, das ist etwas was anzieht.

Papst Johannes Paul II. liebte es, sich inmitten von 300 bis 400 jungen Legionären in schwarzen Soutanen fotografieren zu lassen. Er war glücklich, sogenannte “Massenpriesterweihen“ im Petersdom vorzunehmen, wo gleichzeitig 60 Legionäre ordiniert wurden. Er segnete die jungen Legionäre, die zu so genannten Mega-Missionen in Scharen durch Mexikos Dörfer  zogen und den Katechismus lehrten.  Gar nicht so anziehend finden kritische Beobachter in Lateinamerika diese uniformierte Legionärsgruppe: Der brasilianische Befreiungs – Theologe Antonio Sidecum aus Porto Alegre schildert die Mentalität der immer klerikal gekleideten Legionäre:

 

4. 0 TON

Diese Soutane für uns ist Ausdruck von Macht. Zum Beispiel geht jemand mit Soutane in den Bus. Sofort stehen Leute auf und sagen, bitte Pater, setzen sie sich. Überall, wo ich ankomme mit dieser Kleidung, dann übe ich eine Macht aus. Diese Priester in Soutane haben psychische Probleme, weil sie noch denken: Die Kirche ist eine Macht, da man hat immer viele Privilegien, und diese Privilegien sind da für mich, weil ich anders bin. Ich bekomme dann die Würde, dass ich das Evangelium auslegen kann.

Aber kritische Stimmen bedeuten den Legionären nicht viel. Sie meinen, ihr Erfolg sei der beste Beweis für die Gottgefälligkeit der „Legion“. Der Ordensgründer Pater Maciel veröffentlichte kürzlich die aktuelle Zahl des Freundeskreises seiner Legionäre:

„Es sind weltweit 400.000 Menschen, die mit uns sympathisieren“.

Nun lässt sich auch über das ganze Ausmaß einer religiösen Sympathisantenszene wohl nur spekulieren: Tatsächlich sind es viele tausend, die in allen Kontinenten im Dienst der VIP-Mission stehen. Denn die Legionäre haben im Jahr 1949 eine weitere Gemeinschaft  gegründet, die Bewegung Regnum Christi, auch dieses „Reich Christi“ wird zentral vorn Generaldirektor in Rom gesteuert, dazu Pater Einsle:

5. TON

Das Regnum Christi besteht zur Zeit aus ungefähr 65.000 Mitglieder weltweit, das sind Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte, quer durch alle Gesellschaftsschichten, die alle eines gemeinsam haben, nämlich den Wunsch, etwas Gutes für die anderen zu tun. Nicht nur den Glauben für sich persönlich zu leben, sondern den Glauben hinauszutragen und dann gleichzeitig Werke voranzutreiben, die in die Gesellschaft hineinwirken.

1. SPR..

Das sind eher harmlose Worte. Allerdings mit dem entscheidenden Stichwort: Das „Hineinwirken in die Gesellschaft“ stehe im Mittelpunkt: Schon der Ordensgründer Pater Maciel hatte schnell die Freundschaft einiger Minister der rechtsextremen Regierung von Staatschef Franco in Spanien erwerben können. Heute sind die Legionäre in Spanien eng mit der konservativen Volkspartei Partido Popular verbunden. Unter der Regierung von Ministerpräsident Aznar gehörten der Innenminister und der Justizminister zur Legionärs- Bewegung „Regnum Christi“. Auch die ökonomisch überaus mächtige Familie Oriol ist mit den Legionären verbunden, ebenso die Gattin des früheren Regierungschefs José Maria Aznar. In Chile gehören die reichsten Unternehmer zum Regnum Christi, wie Eliodoro Matte, Besitzer riesiger Papierfabriken oder Guillermo Luksik, u.a Direktor mehrer Telefongesellschaften. In Mexiko kann der Einfluß der Legionäre kaum überschätzt werden. Die Professorin für Soziologie Soledad Loaeza aus Mexiko schreibt:

„Ich denke, dass die Legionäre Christi neben dem katholischen Geheimbund Opus Dei derzeit im mexikanischen Kabinett sehr einflussreich sind. Es sind Lobby- Gruppen, die sich auf eine sehr effektive Weise innerhalb der Regierung festsetzen konnten. Sie befinden sich außerhalb der Kontrolle der Parteien und sind etwa für die Rekrutierung der Staatsbeamten verantwortlich“.

In den letzten drei Jahren sind in Spanien und Mexiko allein drei umfangreiche Bücher über Macht und Einfluss der Legionäre in großen und renommierten Verlagen erschienen. Die Hauptthese: Einfluss und Macht zu gewinnen, ist das ursprüngliche, auch von Päpsten gewünschte Ziel des  Ordens. Pater Einsle kann dem nicht widersprechen:

6. 0 TON

Unser apostolischer Schwerpunkt ist multiplikatorisch zu wirken. Das bedeutet, wir versuchen Menschen zu helfen, ihr christliches Leben wirklich in Fülle zu leben, die dann wieder multiplikatorisch das Ganze weitergeben können. Und natürlich sind wir uns bewusst, dass eine gute Universitätsausbildung für eine Land für viele Menschen eine sehr gute Bereicherung ist, die dann wieder multiplikatorisch wirken können.

1964 eröffneten die Legionäre Christi in Mexiko-Stadt “die Anahuac“, eine Privatuniversität. Sie gilt als die teuerste und von der Ausstattung her üppigste Hochschule in ganz Mexiko. Die Studiengebühren sind entsprechend hoch. Inzwischen eröffneten die Legionäre im ganzen Land weitere Universitäten.Zwar betonen sie immer wieder, Studenten aus der Unterschicht könnten auch Stipendien erhalten. An dem Profil der Legionärs-Universitäten ändern diese “milden Gaben“ nur wenig, meint Professor Enrique Dussel, Professor für Philosophie an der Staatsuniversität von Mexiko-Stadt:

7. 0 TON

Die Legionäre Christi sind eine ganz bourgeoise Gruppe, sie stehen politisch rechts… und dieser Orden ist noch reicher als das Opus Dei. Es handelt sich bei ihm um die aller reichste Gruppe im mexikanischen Katholizismus. Sie haben in Mexiko Stadt eine Universität für sehr reiche Leute.

Wer Lateinamerikaner nach den Legionären Christi fragt, erhält meist als Antwort: Ach, Sie meinen die Milionarios Cristi, die Millionäre Christi. In der gesamten spanisch sprechenden Welt haben die Legionäre diesen Spitznamen. Ihre  Initiativen dienen dem einen Ziel, Kontakte zur Oberschicht auszubauen, zu Kreisen, die vor allem auch großzügig spenden. Pater Einsle:

8. 0 TON,

Die Tatsache, dass man Menschen arbeitet, die über gewisse Finanzkräfte verfügen heißt nicht, dass es schlecht ist, sondern dass es im Dienst des Evangeliums für alle Menschen steht. Und dazu braucht man auch gewisse Finanzmittel von gewissen Leuten.

Zu diesen „gewissen Leuten“ gehört zum Beispiel der schweizerische Millionär Charles Burrus. Er hat den Legionären das Schloß Guilé in der Nähe von Biel geschenkt. Es hat einen Wert von mehrere Millionen Schweizer Franken. Dort veranstalteten die Legionäre hochkarätige Kongresse, zu den Referenten gehörten Rolf Breuer von der Deutschen Bank und Prinz Alois Löwenstein aus Liechtenstein. Mit diesen Verbindungen in die hohe Finanzwelt hat sich der spanische Journalist José  Martinez de Velasco in einer umfangreiche Studie befasst, darin schreibt er:

„Anhänger und Verantwortliche der Legionäre Christi sind notorisch zurückhaltend mit detaillierten Auskünften vor allem über die Finanzquellen, die ausgezeichneten Beziehungen zur Politik und zu bestimmten Unternehmern“

Trotz äusserster Diskretion können die Legionäre ihre Vorliebe für die Welt der Sehr – Reichen und Etablierten aber nicht verheimlichen. Viele lateinamerikanischen Katholiken sehen sie in betontem Gegensatz zu jenen Gruppen und Gemeinschaften, die sich der Solidarität mit den Ausgehungerten in den Favelhas, den Elendsvierteln, verpflichtet wissen. Diese „Christen von der Basis“ sehen in der Bevorzugung der Reichen einen Skandal. Der brasilianische Befreiungstheologe Antonio Sidecum:

9. O TON

Es gibt auch Ordensleute, die aus Mexiko kommen, das sind die  Legionarios do Cristo. Da haben sie schon ganze Menge Priesterseminare, und die Jungs bekommen eine strenge, fast militärische Ausbildung, aber nicht mit sozialen Sachen. Sie sind gerade so wie die Pfingstprediger, die sagen: Wir sind von Gott geliebt, aber bitte keine Politik und nichts. Zum Beispiel gibt es andere andere Priesterseminare, die sind auch die Priesteramtskandidaten sogar an den Favelhas, aber die Legionäre sind wirklich bürgerlich. Bourgeoisie total. Und das passt nicht zu uns.

Die Legionäre können natürlich nicht leugnen, dass die meisten Menschen in Lateinamerika bettelarm sind. Aber sie wollen nicht anerkennen, dass die Strukturen der Ausbeutung von den herrschenden Schichten, also den Reichen, geschaffen wurden. Die Legionäre gehen davon aus, dass Gewalt ausschließlich von den verhungernden Massen ausgeht. Pater Einsle:

 

10. O TON

Dieses Problem existiert, aber für uns ist immer die letzte Norm das Evangelium. Christus ist gekommen, um Gerechtigkeit,  aber vor allem um Nächstenliebe zu predigen. Doch hat die Kirche immer darauf verwiesen, nicht in Klassenkampf und diese politisch-marxistischen Richtungen zu verfallen. Immer im Geist der christlichen Nächstenliebe, niemals im Sinne von Gewalt und Auflehnung.

 

Wenn die verarmten Massen eine andere, eine gerechte Gesellschaft fordern, dann propagieren sie also den Klassenkampf! So einfach ist das Weltbild der Legionäre. Wie sehr sie mit den Führern, den so genannten Eliten Lateinamerikas verbunden sind,  zeigte sich bei einem grossen Fest: Die Legionärs-Universität in Mexiko-Stadt gewährte dem Präsidenten des zentralamerikanischen Staates El Salvador, Elias Antonio Saca, einen grossen Empfang. Saca gehört zur rechtsextremen Arena-Partei. Sie ist für den Mord an Erzbischof Oscar Romero verantwortlich, dem entschiedenen Verteidiger der Armen. Diese Partei hat Jahre lang sozial engagierte Priester, Nonnen und Laien verfolgt und massakriert. Aber der Universitätspräsident, der Legionär Pater Jesus Quirce, wandte sich mit überschwänglichen Worten an diesen höchsten Politiker El Salvadors:

„Unsere Ziele Herr Präsident sind ähnlich. Wir wollen gemeinsam eine wahrhafte Führerschaft ausüben in der positiven Aktion“.

Die „positive Aktion“ bedeutet in der Theologie der Legionäre:  Die traditionellen Werte Tugenden des Individuums sollen gepflegt werden. Soziale Tugenden zugunsten der Ärmsten bleiben zweitrangig. Pater Einsle:

 

11. O TON

Für uns ist ganz wichtig zuerst einmal die menschlichen Werte. d.h. die guten menschlichen Tugenden, wie Verantwortungsbewusstsein, Hingabe, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, all diese Dinge. Denn auf diesen menschlichen Tugenden werden dann die tieferen christlichen Tugenden aufgebaut.

Diese klerikalen Hüter der alten Tugend der Aufrichtigkeit sind seit einigen Jahren allerdings in äusserster Bedrängnis. Neun ehemalige Mitglieder des Ordens der Legionäre Christi bekennen in aller Öffentlichkeit, als Jugendliche vom Ordensgründer, Pater Marcial Maciel, sexuell missbraucht worden zu sein. Diese Verbrechen liegen z.T. viele  zurück. Aber erst jetzt haben die Opfer die Kraft, öffentlich von den Vergehen zu berichten und ihre Verletzungen mitzuteilen. Inzwischen arbeiten die Kläger als Professoren, Ärzte oder Diözesanpriester. Sie haben diese schlimmste Phase ihres Lebens in Zeitschriften und Büchern publiziert, nachdem ihre Beschwerde vom Vatikan als belanglos zurückgewiesen wurde. In Mexiko und den USA, in Spanien und Italien werden die Berichte der Opfer in weiten Kreisen ausführlich diskutiert. Der Philosoph Professor Enrique Dussel aus Mexiko-Stadt äussert seine persönliche Meinung über den beschuldigten langjährigen Generaldirektor der Legionäre:

12. O TON

Ihr Gründer ist ein Päderast, er ist obendrei korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als 10 Zeugnisse aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr grosses Problem. Das ist eigentlich ein öffentlicher Skandal.

Eine Überzeugung, die von vielen Intellektuellen in Mexiko geteilt wird, zum Beispiel auch von dem in ganz Lateinamerika berühmten Schriftsteller und Filmemacher Fernando Vallejo, er lebt in Mexiko:

13. O TON

Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten  Organisationen der Katholische Kirche. Pater Marcial Maciel ist ein Priester, der Kinder liebt

Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche  und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen ihn führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit.

Der mehrfache sexuelle Missbrauch des Ordensgründers wurde vor 8 Jahren veröffentlicht. Der Beschuldigte, der langjährige Generaldirektor Pater Maciel, hat mit wenigen Worten jeglichen Missbrauch abgestritten. So glaubte er, das Thema loszuwerden. Pater Einsle:

14. O TON,  014″

Unser Ordensgründer hat wirklich nie Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine grosse Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.

Auch der Vatikan hat sich nicht um diese gravierenden Vorwürfe gekümmert. Erst im April 2005 wurde ein hochrangiger Mitarbeiter der römischen Glaubensbehörde, Prälat Charles Scicluna,  nach Mexiko zur Befragung der Kläger entsandt. Die große Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ aus den USA berichtete darüber:

„Prälat Scicluna ist nach den Gesprächen mit den Opfern erschüttert. Jetzt ist der Legionärs Gründer Pater Maciel offensichtlich überführt“.

Aber kaum war der päpstliche Untersuchungsrichter nach Rom zurückgekehrt, wurde vom Vatikanischen Presseamt gemeldet:

Ein Prozess gegen den Legionärsgründer Pater Maciel ist nicht mehr vorgesehen. (PS Das war der Stand der Dinge 2005).

Diese Meldung wurde am 21. Mai 2005 verbreitet, also wenige Wochen nach der Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst. Diese gerade erst begonnenen Untersuchungen abzubrechen, ist höchst ungewöhnlich. Das Erstaunen darüber ist weltweit  sehr groß! Denn der neue  Befehl, den mutmasslichen Päderasten Pater Maciel zu schonen, stammt von Kardinal Angelo Sodano, dem Chef des Vatikanischen Staatssekretariates. Er ist ein alter Freund des Ordens. Als Nuntius in Chile hat Sodano in den achtziger Jahren dafür gesorgt, dass die Legionäre Christi ins Land kommen konnten, zu einer Zeit, als der Diktator Pinochet sein blutiges Regime führte. Wollte jetzt Kardinal Sodano den Chef der einstigen Glaubensbehörde, also den Papst, mit seiner Entscheidung überrumpeln? Ist der jetzige Papst den Legionären Christi kritisch eingestellt? Pater Einsle:

15. O TON

Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährt uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr  herzliche, verbundene  Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine grosse Verbundenheit da ist.

1.SPR.:
Geradezu exzellente Beziehungen pflegte auch Papst Johannes Paul II. mit dem beschuldigten Pater Maciel. Er organisierte die Mexiko Reisen des Papstes, er wurde in zahllose Gremien und Synoden in Rom berufen. Johannes Paul II. sorgte dafür, dass die Legionäre in Rom inzwischen eine internationale päpstliche Universität, errichten und leiten dürfen; dass sie in einem eigenen monumentalen Zentrum in Rom Hunderte von jungen Priestern aus allen Ländern der Erde ausbilden; dass sie eines der wichtigsten katholischen Studienzentren in Jerusalem übernehmen konnten. Das Vertrauen der Päpste in die Legionäre könnte kaum grösser sein. Und das hat einen Grund:  Pater Einsle:

16. O TON

Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.

Aber ehemalige Legionäre lassen sich von so viel behaupteter Papsttreue nicht beeindrucken. Sie haben inzwischen eigene Webseiten eingerichtet, um sich über die tiefen seelischen Verletzungen aus der Zeit ihrer Legionärsmitgliedschaft auszutauschen. Ein bisher einmaliger Vorgang! Von welcher Ordensgemeinschaft gibt es schon Websites der von den Orden Geschädigten??? Da berichtet etwa der heutige Diözesanpriester Peter Cronin aus Washington, wie er in seiner Legionärszeit entmündigt wurde, wie man Briefe öffnete und die Telefongespräche abhörte, wie die Oberen, ohne anzuklopfen plötzlich im eigenen Zimmer standen. Es gibt genaue Anweisungen, wie diskret man als junges Ordensmitglied gegenüber Fremden sprechen muss. Niemand darf kritische Information über die Legionäre erfahren usw…Der Autor Martinez de Velasco hat noch weitere  Leidensgeschichten ehemaliger Legionäre in den besten spanischen Verlagen publiziert! Inzwischen melden sich sogar weitere Männer, die als Jungen noch in den siebziger Jahren von Legionären missbraucht wurden…

Aber unter dem Schutz des Vatikans kann sich der Orden weiter entwickeln. Die Legionäre verehren ihren einstigen Generaldirektor längst wie einen noch lebenden Heiligen, sie nennen ihn ehrfürchtig nur „ihren Vater“. Sein Geburtsort in Mexiko ist  zu einem Wallfahrtsort erklärt worden. Offenbar ungestört können die Legionäre unermüdlich weiterarbeiten an ihrer ultra-konservativen Theologie: Sie behandeln z.B. theologisch eher abseitige, aber päpstlich durchaus willkommene Themen in ihrer römischen Universität „Regina Angelorum“. Pater Einsle:
17. O TON

Wir hatten vor kurzem ein Symposium über den Exorzismus, nämlich Dämonen im Namen Gottes in ihre Schranken zu weisen. Und es hat ein weltweites Echo gehabt, weil man spürte, dass dieses Thema eben wirklich ein Thema ist, das die Menschen interessiert.
Gelegentlich geben sich die Legionäre allerdings nach aussen hin auch ein wenig modern und gar nicht so den Weisungen des Römischen Katechismus verpflichtet. Pater Einsle scheint zum Beispiel aus welchen Gründen auch immer durchaus Verständnis für homosexuelle Katholiken zu haben:

 

18. O TON

Die Menschen sind frei. Die Kirche ist nicht dazu da, Freiheiten wegzunehmen, die Kirche ist dazu da Orientierung zu geben. Ein Mensch, der homosexuell ist, kann seine Homosexualität leben und die Kirche wird ihn nicht daran hindern. Aber die Kirche wird nicht sagen, alle Arten des Zusammenlebens sind gleich.

Aber genau bei dieser Frage der „Gleichberechtigung“ im Zusammenleben haben die Legionäre die Öffentlichkeit mobilisiert. Sie stellten in den letzten Wochen in Spanien die Argumente bereit, um gegen die gesetzlich ermöglichte sogenannte „Homo-Ehe“ zu polemisieren. Sie haben in Flugblättern und Zeitungsartikeln verbreiten lassen: Homosexualität sei eine Krankheit, die „Same Sex Attraction“, die von Psychiatern geheilt werden könne… Die meisten spanischen Abgeordneten haben den Schwindel durchschaut.

In Deutschland verfügen die Legionäre über ein grosses Gebäude in Bad Münstereifel, dort werden im sogenannten Noviziat junge Männer aufs Ordensleben vorbereitet. In Düsseldorf steht ihnen unmittelbar am Flughafen eine Etagenwohnung zur Verfügung, sie hat ihnen die Firma Löwensenf überlassen. Kardinal Meisner von Köln fördert ausdrücklich die Legionäre.

Sie bevorzugen auch in Deutschland die Konservativen Kreise: So sind sie regelmässig als Referenten beim Ultrakonservativen „Forum Deutscher Katholiken dabei“, das sich als eine Art  Gegen-Katholikentag begreift, Kardinal Ratzinger war dort früher Referent! Ein  Legionär hat im „Bund der Katholischen Unternehmer“ als „geistliche Berater“ Fuß gefasst;  auch im Leitungsgremien des Hilfswerks „Ostpriesterhilfe“ sind sie vertreten. Beim Weltjugendtag  in Köln 2005 hatten sie im Senator Hotel in Köln ein Beratungs-Zentrum für geistliche Berufe eingerichtet, sie nannten es „Vocation- Coffee“. Über ihre römische Presseagentur Zenit verbreiten sie konservativ gefärbte Kommentare in allen wichtigen Sprachen. Den umstrittenen Film „Die Passion Christi“ haben sie ausdrücklich gelobt und unterstützt. Aufgrund ihrer  zahlreichen jungen Priester werden die Legionäre in absehbarer Zeit in vielen deutschen Städten vertreten sein. Kritische Beobachter in Spanien, Mexiko oder den USA fragen sich, was die Legionäre eigentlich antreibt, immer mehr Macht und immer mehr Einfluss zu gewinnen? Denn ein frommes  oder besonderes spirituelles, vielleicht sogar mystisches Profil haben sie ja nicht.  Der spanische Legionärsspezialist Jose Martinez de Velasco schreibt:

Was ist tatsächlich das letzte Ziel der Legionäre? Sie wollen in ihren Reihen immer mehr Priester haben, um in der Kirche immer mehr Einfluss zu gewinnen. Und sie möchten immer mehr Geld, um ihre vielfältigen Kontakte auszubauen. Nur darauf kommt es ihnen an.  Und Marcial Maciel möchte gern als Heiliger verehrt werden!

Es ist die Sehnsucht nach einer starken, einflussreichen und letztlich dominierenden Kirche, von der sich die Legionäre leiten lassen.  Sie wollen dafür sorgen, dass die geistliche Macht über der weltlichen Macht steht. Darin sind sie anderen Gruppen verwandt, die etwa im Islam fundamentalistisch genannt werden. Angesichts dieser Erkenntnisse hat der Bischof von Minneapolis in den USA, Henry Flynn, den Legionären jegliche Aktivität in seiner Diözese verboten. Er ist bis heute der einzige Bischof, der diese Entscheidung getroffen hat. (Ps inzwischen sind andere US Bischöfe diesem Vorbild gefolgt, CM) .

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