Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? Zur Aktualität der „liberalen Theologie“ im Rahmen einer Sommerschule

22. Jul 2013 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion?
Zur Aktualität der „liberalen Theologie“

Die erste „Kleine theologische Sommerschule“ am 20. Juli 2013.

Von Christian Modehn

Eine „Sommerschule“ bei wahrlich sommerlicher Hitze: 23 TeilnehmerInnen waren dabei und folgten der Einladung des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ und des „Forum der Remonstranten Berlin, um entspannt nachzudenken, zu diskutieren über religionsphilosophische und theologische Themen. „Kleine theologische Sommerschule“ war der Titel, wir trafen uns in der „Kunstgalerie Fantom“ in der Hektorstr. 9, also gerade nicht in einem kirchlichen (Gemeinde-)Haus, sondern an einem der vielen Orte, wo kreatives Leben sich künstlerisch Ausdruck verschafft. Ein offener Raum für offene Diskussionen…
Als Referent und Gesprächspartner war Prof. Wilhelm Gräb, praktischer Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin, dabei. Er vertritt explizit die „liberale Theologie“ und steht dadurch auch religionsphilosophischen Ansätzen und Interessen sehr nahe. Die TeilnehmerInnen waren sehr dankbar, dass Herr Gräb dabei war!

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? war das Thema. Leitend ist die Erkenntnis: Ohne vernünftige Argumente kann heute kein nachdenklicher Mensch mehr zu der Dimension geführt werden, die mit Gott bzw. dem göttlichen Geheimnis gemeint ist und dem Bezogensein auf dieses Geheimnis, eben dem Glauben. Religiöse Sprache und damit auch religiöse Texte (wie die Bibel) sind Ausdruck dieser Bezogenheit des Menschen auf das Göttliche IN ihm, dem Menschen selbst.

Es ist hier in der Kürze nicht möglich, sozusagen ein Resumée der vier Stunden unserer Sommerschule zu bieten. Wichtig war schon die Methode, die Gesprächsform: Prof. Gräb erläuterte in einem Interview von 15 Minuten seine Sicht zum jeweiligen Thema. Danach äußerten sich die TeilnehmerInnen mit Fragen und eigenen Beiträgen. „Auch ich habe dabei wie alle anderen gelernt“, sagte Wilhelm Gräb am Ende der Veranstaltung. Eine theologische Sommerschule als Ort des gemeinsamen Lernens, dieser Perspektive werden wir weiter folgen.
Wir können hier nur einige Einsichten mitteilen, sie können zur weiteren Reflexion und Forschung anregen.

Zum Thema der ersten Stunde: „Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“: Wichtig ist die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon (meist unthematisch, ohne den Sinn schon benennen zu können) in einem Sinnzusammenhang leben. Jedes alltägliche Leben geschieht im Horizont eines Sinns, der, tief genug reflektiert, auf einen grundlegenden und umfassenden Lebenssinn für mich verweisen kann. Gerade in den sich immer wieder einstellenden Erfahrungen der Sinnlosigkeit, der tiefen existentiellen Irritation, spüren wir eigentlich einen Mangel des zuvor erlebten Sinnes. Und wir wollen über das Nachdenken und emotionale Spüren diesen Zustand wieder neu erlangen und beziehen uns so auf den eigentlich positiv erfahrenen Sinn. Die Bindung an einen positiven Sinn in meinem Leben kann ich eigentlich nicht „los werden“. Wir sind offenbar in den Sinnhorizont (unabwerfbar) hineingestellt.

Zum Thema der zweiten Stunde: „Was heißt religiös sein?“:
Wer im Denken und im intensiven Spüren und Erleben seines Lebens inmitten der Sinnbezüge das Geheimnis berührt, das „alles letztlich Gründende“, aber niemals Zudefinierende, kann erkennen: Dieses Geheimnis kann das alles Leben und alles Geistige Belebende sein. Ich kann mich frei darauf beziehen, etwa poetisch im Gedicht, nicht immer nur positiv gestimmt, oft eher fragend und zweifelnd. Ich kann diese Bezogenheit auch künstlerisch ausdrücken, in der Malerei, in der Musik. Ich kann vor diesem Geheimnis auch schweigend verweilen oder tanzend oder in der erotischen Ekstase. Wenn ich mich frei auf das „berührte Lebensgeheimnis“ beziehe, es bejahe und akzeptiere, dann beginnt mit dieser Entscheidung der Glaube.

Zum Thema der dritten Stunde: „Mein Glaube und die Lehren der Kirchen“. Für die liberale Theologie, als einer Theologie der Freiheit und Befreiung, wie der Name sagt, steht immer der individuell geprägte Glaube des einzelnen im Mittelpunkt. Nur das, was ich wirklich als meine religiöse Lebenshaltung gestalte und auslege, ist orientierend für mich. Anregungen können mir durchaus offizielle „kanonische“ Texte der Kirchen geben, aber sie sind eben auch Ausdruck der religiösen Überzeigungen früherer Glaubender, nicht Wort eines Gottes, der aus Himmelshöhen auf Menschen einredet. Inspirierend und „öffnend“ in der Selbstwahrnehmung und Selbstkritik ist das Gespräch in der Gemeinde /Gemeinschaft/ im “Salon“ über „je meinen“ Glauben, der vielleicht „unser gemeinsame Glaube“ wird, wenn er das nicht schon ist.
In jedem Fall wird in der liberalen Theologie die dogmatische Indoktrination oder die moralische Bestimmung von autoritären Strukturen zurückgewiesen bzw. im historischen Kontext gedeutet und relativiert. Das ist kein banaler „Relativismus“, sondern die Anerkennung des Umstandes, dass für mich eben nur das orientierend sein kann und hilfreich, das mit meiner eigenen Selbsterfahrung verbunden ist.

Zum Thema der vierten Stunde: „Was ist vernünftige Spiritualität?“ Jeder Mensch lebt als Mensch (als Leib – Seele – Geist (= spiritus!)- Einheit „immer schon“ seine je eigene Spiritualität. Dies ist eine Lebenshaltung, ein sich auf eine bestimmte Art im Leben „Halten“. Insofern leben wir in einer spirituellen Welt, weil jeder irgendwie immer schon spirituell ist und lebt. Auch der Fußball, der Sport usw. kann zum Mittelpunkt des Lebens werden. Jeder hat also immer schon irgendwo seinen „absoluten Mittelpunkt“ im Leben. Darüber könnten also alle spirituellen Menschen ins Gespräch kommen und sich dabei auch (selbst) kritisch austauschen.
Eine christliche Spiritualität in der Sicht liberaler Theologie ermuntert den oder die einzelne(n) den je eigenen spirituellen Weg zu gehen, die je eigene „religiöse Methode und Ausdrucksform“ zu finden, sich auf das göttliche Geheimnis zu beziehen: Z.B.: Für den einen sind Gottesdienste wichtig, für die andere musikalische Erfahrungen, für den anderen der diakonische ehrenamtliche Einsatz hier oder in der sogen. Dritten Welt oder die Zen-Meditation usw… Entscheidend ist nicht, ob meine Spiritualität in der Sicht irgendwelcher Kirchenoberer korrekt und richtig ist; entscheidend ist, ob es wirklich meine eigene Form des Lebens, des geistigen, d.h. spirituellen Lebens, ist.

Sich darüber herrschaftsfrei und in gegenseitiger Wertschätzung auszutauschen, wäre eigentlich Sache der christlichen Gemeinden. In unserem Religionsphilosophischen Salon und dem Forum der Remonstranten Berlin versuchen wir das.

PS:
Die Sommerschule wurde durch die finanzielle Hilfe der RemonstrantenKirche (NL) mit ermöglicht. Dafür herzlichen Dank!

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