Brasiliens kritische Bürger und die Philosophie: Hinweise für ein Forschungsprojekt

14. Sep 2013 | von | Themenbereich: Denkbar, Forschungsprojekte

Brasiliens kritische Bürger und die Philosophie
Hinweise für ein Forschungsprojekt
Von Christian Modehn

In Brasilien könnte auch die Philosophie eine gute Zukunft haben, in dem Sinne, dass nicht nur die Forschung an den Universitäten neue, eigene „brasilianische“ Themen entwickelt. Vor allem ist es denkbar und in philosophischer Hinsicht dringend wünschenswert, dass das gründliche, kritische Denken, auch die Skepsis, das demokratische Bewusstsein weiter Kreise schärft und allen fundamentalistisch – religiösen Vorstellungen und Machtansprüchen Widerstand leistet. So utopisch sind diese Vorstellungen überhaupt nicht, wenn man bedenkt, dass in den Oberstufen von Brasiliens Schulen heute ca. 9 Millionen Schülerinnen und Schüler am Philosophie – Unterricht teilnehmen. Das Niveau mag noch verbesserungswürdig sein, aber der Anfang ist gemacht. Brasilien ist somit, – obwohl religiös sehr vielfältig und militant (vor allem in Kreisen der Pfingstkirchen) geprägt, – eines der wenigen Länder, die Philosophie drei Jahre lang obligatorisch in den Schulen anbieten. Noch werden viele qualifizierte Philosophielehrer gebraucht, aber die Distanz der Universitäts – Philosophen gegenüber diesem Projekt „Philosophie an der Basis“ wird wohl geringer, wie Carlos Fraenkel in der Zeitschrrft Lettre,Heft 98 (Herbst 2012), auf Seite 123 berichtet.

Ob diese Fragen zur Philosophie in Brasilien anlässlich der Internationalen Buchmesse in Frankfurt am Main (SCHWERPUNKT THEMA: BRASILIEN) in diesem Jahr (2013) thematisiert werden, ist eher unwahrscheinlich, wünschenswert wäre es sehr, zumal doch wohl auch philosophische Texte – oft sogar oft leicht nachvollziehbare – Literatur sind. Philosophie als Literatur, das Thema wäre einer Buchmesse einmal angemessen. Ob jemand an die Philosophie in Brasilien denkt anläßlich der Fußball WM, ist eine offene Frage.
In jedem Fall könnte nun ein „Schub“ ausgehen, damit endlich die Vielfalt brasilianischer Literatur (warum nicht auch ein Reader über brasilianische Philosophie ?) auch auf Deutsch zugänglich wird. Michael Kegler bietet als Literaturübersetzer regelmäßig Informationen über literarische Neuerscheinungen. Er weist in einem kurzen, aber gut informierenden Beitrag für die Zeitschrift „Südlink“, Heft 165, Seite 11 f. darauf hin, dass nun auch die (literarische) Erinnerungsarbeit an die Militärdiktatur (1964 – 1985) beginnt.

Als Religionsphilosophischer Salon Berlin ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, wenigstens hinweisend auf die Situation der Philosophie(n) in Brasilien aufmerksam zu machen. Dabei muss erwähnt werden, dass Philosophie als eigenständige akademische Disziplin eigentlich neu ist in Brasilien. Erst um 1930 begann in Sao Paulo begann eine ernstzunehmende philosophische und philosophiegeschichtliche Arbeit, dies ist vor allem französischen Philosophen dort zu verdanken, wie Martial Guéroult. Bis dahin gab es Philosophie nur als scholastische Form der Klerikerausbildung in den Priesterseminaren. Durch die Hilfe der französischen Philosophen konnten dann auch viele grundlegende „klassische“ Texte auf Portugiesisch zugänglich werden.

Unseres Wissens gibt es in deutscher Sprache keine einführende Studie zur Situation der Philosophie(n) in Brasilien. Auf den wichtigen Beitrag mit dem Titel „Philosophenbürger“ des Philosophen Carlos Fraenkel in der Kulturzeitschrift LETTRE INTERNATIONAL, Heft 98, Seite 123ff. wurde bereits verwiesen.

Wichtig ist, dass das „Collège International de Philosophie“ in der Rue Descartes in Paris, klicken Sie hier, vor einem Jahr in einem Themenheft mit zahlreichen Beiträgen dokumentiert, wie es heute in Brasilien mit dem philosophischen Leben bestellt ist. Dass dabei keine umfassenden Informationen geboten werden können, versteht sich von selbst, das Heft konzentriert sich auf politische Philosophie und Ästhetik. Interessant ist, dass Kant offenbar in Brasilien eine große Rolle spielt; das zeigt etwa die Ausrichtung des Internationalen Kant Kongresses in Sao Paulo im Jahr 2005. In dem Zusammenhang kann man auch an die Arbeiten von Rubens Torres Filho et Maria Cacciola denken, die Philosophie begreifen „als eine Analyse von Begriffen und Bedeutungen, die sich gegen alle Formen des Dogmatismus vor und nach Kant wendet“ (so in dem genannten Heft).
Es gibt in Brasilien (als einer ehemaligen portugiesischen Kolonie) kulturell insgesamt die Dialektik zwischen Anpassung (an Europa) und Widerstand dagegen, im Sinne der Entwicklung eigener Positionen. Man spricht von einer „Dekolonisierung des Denkens“. Und von der Erfahrung, durch die „anderen“, die indianischen Kulturen etwa, eine Relativierung der eigenen Perspektive zu erleben. „Aber selbst wenn heute die brasilianische Philosophie weniger weit nach Europa hin orientiert ist, so ist man doch betroffen über die Präsenz und die Bedeutung angesehener Gestalten der zeitgenössischen europäischen Philosophie, vor allem der deutschen, französischen und italienischen: Von Hannah Arendt zu Jürgen Habermas und Gilles Deleuze, Michel Foucault, Toni Negri. Girogio Agamben usw.“. So in dem einleitenden Beitrag des genannten Heftes.
Die Vitalität philosophischen Denkens zeigte sich auch kürzlich bei einer Tagung des philosophischen Vereins ANPOF, der ein weites Netzwerk in Lateinamerika hat und sozusagen die philosophischen Studien dort bündelt. Bei der Tagung in Curitiba, Brasilien, im Jahr 2012 gab es 54 Arbeitsgruppen, die sich vor allem bemühten, aktuelle Bedeutungen der Lektüre der „großen philosophischen Klassiker“ zu entdecken. Es gibt, so heißt es in dem Heft aus dem „Collège International de Philosophie“, eine „massification“, also eine Art weite Verbreitung der Philosophie in Brasilien. Die ist begründet im Hervortreten einer neuen, starken Mittelschicht, die sich für diese Fragen interessiert und die auch Institute findet, wo diese philosophische Bildung geboten wird. Da geht es wieder um Fragen, wie in einem Land mit den gewaltigen Ausmaßen und verschiedenen kulturellen Traditionen ein einheitliches philosophisches Bildungsmodell entworfen werden kann. Philosophie ist, wie oben gesagt, in den höheren Schul-Klassen seit 2008 obligatorisches Unterrichtsfach, mit 2 Stunden Unterricht pro Woche. Für dieses obligatorische Lehrfach hat sich vor allem ein katholischer Priester und Befreiungsphilosoph eingesetzt, er heißt Roque Zimmermann, er hat dieses Projekt sozusagen durchgeboxt gegen den Widerstand konservativer Kreise. Der philosophische Priester wusste, dass die Philosophie einen wichtigen Dienst leistet zur Förderung der Demokratie. Während der Militärdiktatur war der Philosophieunterricht in den Schulen verboten! Die Schüler sollen gehorsame Diener des Staates werden, da hatte Philosophie keinen Platz. Hingegen hat Philosophie an den Universitäten in der Militärdiktatur überlebt, ja, sie konnte sich paradoxerweise sogar noch ausweiten auf andere Universitäten hin.
Was können Schüler durch die Philosophie heute lernen, in einem Land, das von großen sozialen und kulturellen Widersprüchen geprägt ist und in dem noch mindestens 15 Millionen Analphabeten leben. Es geht um Fragen der Gerechtigkeit und Gleichheit, des Rassismus, der Würde des Menschen. Vor allem um den Respekt vor dem Gemeinwohl, die Anerkennung einer bürgerlichen Moral, die über den Egoismus des einzelnen hinausgeht. Das wäre für Brasilien gleichbedeutend mit der Relativierung der absoluten Vorrangigkeit des „privaten Lebens“ im Sinne der Einkapelung in die Familie. Dazu bietet das neue Buch von Jens Glüsing, „Brasilien. Ein Länderporträt“, Ch. Links Verlag 2013, etwa ab Seite 196 interessante Hinweise: „Die Idee, dass es Interessensphären gibt, die der Allgemeinheit dienen, ist (in Brasilien) immer noch unterentwickelt“. Glüsing lebt seit 1991 als Journalist in Brasilien.
In den nur digital zugänglichen Texten des „Collège International de Philosophie“ gibt es einen interessanten, direkt auf Brasilien bezogenen Artikel des Philosophen Peter Pál Pelbart (ungarischer Herkunft, seit seiner Kindheit in Brasilien, jetzt Prof. an der Katholischen Universität von Sao Paulo): Er kritisiert den westlichen Subjektivitätsbegriff, der sich seiner Meinung nach zu sehr abtrennt von allem „Nichtmenschlichen“: Er plädiert für eine Verbindung von umfassendem Leben mit der einzelnen Subjektivität. Ein Thema, das auch der Philosoph André Duarte (Universität Parana) aufgreift in seinem Beitrag über „Gemeinschaften im Plural und politische Aktion“. Er bezieht sich dabei auf die neuen Formen des Bürgerprotestes in Brasilien; er sieht dort Ansätze für eine neue radikale demokratische Politik, diese Gruppen haben den öffentlichen Raum besetzt, der nicht mehr nur ökonomischer Handelsplatz bleiben soll, sondern ein Platz demokratischer Debatte und demokratischen Protestes. Einige politische Kollektive bedienen sich in Brasilien auch neuer Formen des Happenings; sie legen frei, was bisher verborgen war. Die Akteure „bedienen“ sich dabei ihres nackten Körpers, um möglichst weite Kreise zu sensibilisieren und zu provozieren für Themen, die bisher unterdrückt und „versteckt“ wurden. Interessant wäre es zu erfahren, ob es religionsphilosophische Versuche in Brasilien gibt, als Möglichkeiten, im kritischen Fragen „das Religiöse“ zu erreichen oder kritisch religiöses Leben zu beobachten.

Der Religionsphilosophische Salon eröffnet eine Debatte über brasilianische und lateinamerikanische Philosophie heute. Manche Mitglieder unseres Salons wünschen sich dringend einen Austausch mit einem „philosophischen Salon“ in Lateinamerika … und mehr deutschsprachige Publikationen zum Thema.

Copyright:
Christian Modehn für den Religionsphilosophischen Salon Berlin.

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