Den anonymen Gott verehren – Für eine weltliche Spiritualität: Gonsalv Mainberger

Den anonymen Gott verehren – Interview mit Gonsalv K. Mainberger

Von Christian Modehn

Am 22. Mai 2015 ist der Theologe und Philosoph Gonsalv Mainberger (Zürich) verstorben. Er wurde von etlichen nachdenklichen Menschen auch in Deutschland sehr geschätzt, als Autor, der Neues sagt und zum Selberdenken inspiriert, gerade im Umgang mit den Religionen.

Wir wollen an ihn erinnern und bieten zur Lektüre noch einmal ein Interview an, das in der Zeitschrift PUBLIK FORUM im Jahr 2009 erschienen war.

Herr Mainberger, Sie haben sich früher, als junger Philosoph, mit der mittelalterlichen Philosophie befasst, später haben Sie sich für die moderne französische Philosophie eingesetzt. Woran halten Sie sich heute?

Ich bin schon über 80 Jahre alt und immer noch dabei, ein anderer zu werden, mich zu entwickeln. Deutlich aber ist, das Ziel, auf das ich hin gehe, ist nicht das „ewige Leben“ des alten Glaubens und der klassischen Metaphysik, also der rationalen Suche nach dem letzten Grund. Diese Verbindung ist für mich als Philosoph zerbrochen. Metaphysik ist für mich ein Sprachspiel, interessant zwar, sich auf die Spekulationen einzulassen. Die Konzeption des ewigen Lebens ist einst aus der Angst gewachsen. Sie wurde von der Kirche verbreitet. Ich kann es der Kirche eigentlich nicht verzeihen, dass sie die Angst vor der Hölle epidemisch erzeugt hat und dadurch das Leben so vieler Menschen eingeschränkt hat.

Welche persönliche Bedeutung hat für Sie heute die göttliche Dimension?

Ich kann vom Göttlichen nur sehr vage Aussagen machen, kann eher sagen, was das Göttliche nicht ist als was es konkret bedeutet. Ich bin natürlich kein Atheist in dem Sinne, dass alles Transzendieren, alles Überschreiten des Weltlichen,  negiert wird. Ich bin skeptisch, was Gott betrifft. Aber meiner Skepsis gegenüber bin ich auch wieder skeptisch! Denn es bleibt das Unverfügbare, sozusagen nicht Manipulierbare, im Leben. Wir können ja z.B. über unsere Gesundheit und Krankheit letztlich nicht verfügen, können nicht über die Liebe zu anderen Menschen verfügen usw. Diese Situation hinterlässt Fragen. Dennoch glaube ich, dass wir sehr wenig von Gott wissen können. Ich plädiere für eine große Bescheidenheit, eher fürs Schweigen. Theologische Systeme, die alle von Gott, sozusagen von A bis Z wissen,  sind passé. Die Dreifaltigkeitslehre z.B. ist unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden, aber sie weiß zu viel von Gott. Bestenfalls ist Gott im Innersten des Herzens, wie Augustinus sagt, aber dieses Innerste kennen wir ja auch nicht exakt. Gott ist ein unbekanntes Geheimnis. Ich verehre eher den anonymen Gott.

Ist das Wort von Augustinus vielleicht die treffende Beschreibung Ihrer Spiritualität?

Mir liegt an einer weltlichen Spiritualität: Da kommt es für mich darauf an, sozusagen VOR der Ewigkeit das Leben hier auf dieser Erde für alle gerecht zu gestalten. Ich brauche meine intellektuellen und gesellschaftspolitischen Kräfte dafür, dass wir jetzt und hier überleben können!  Wir Europäer tun uns schwer, aus dieser Erkenntnis zu wirksamer Solidarität zu finden. Wir sind immer in gewisser Weise noch Imperialisten, wir wollen die ganze Welt nach unseren Vorstellungen gestalten. Wenn die Menschen aus diesen Ländern zu uns kommen, dann weisen wir sie ab.

Frage: Weltliche Spiritualität wäre denn für Europäer z.B. heute hilfreich?

Mit dem Begriff der Spiritualität habe ich meine Probleme: Spiritualität wird heute eher als lebensdienliche Erholungs – und Erneuerungspraxis angeboten. Es florieren die exotischen Liebhabereien und Traditionen, z.B. aus dem indianischen oder hinduistischen Bereich, es gibt gewisse Privatreligionen. Jeder baut sich etwas zusammen. Das fügt sich offenbar ein in die Fitness –  und Spaßkultur. Authentische Spiritualität ist m E. eher dort, wo Menschen noch offene Fragen haben, wo sie das Glück inmitten des Alltags suchen und zum Beispiel das Göttliche ahnen, wenn sich Menschen lieben. Diese weltliche, ernst zu nehmende Spiritualität gilt es zu pflegen. Sie ist ohne große Ambitionen im schlichten Alltag zu Hause.

Möchten Sie anstelle des etwas abgegriffenen Begriffes Spiritualität eher von Lebensphilosophie oder philosophischer Lebenskunst sprechen?

Das ist treffender. Der Kernpunkt meiner Lebensphilosophie ist die Sorge um sich selbst, immer verbunden mit der Sorge um die Nächsten, die anderen. Das Ziel ist, ein guter Mensch zu sein. Gerecht und ethisch gut zu leben, das ist Frömmigkeit im weltlichen Sinne. Darauf kommt es an. Dazu sind wir „auf Erden“. Das klingt einfach, ist aber von fundamentaler Bedeutung für das  Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Das „gute Leben“ verbindet! Nicht die verschiedenen, gegensätzlichen Religionen verbinden. Ziel ist: Ein Mensch zu werden, an dem es möglichst wenig zu kritisieren gibt, der ethisch wertvoll ist. Das ist für mich ein frommer Mensch, manchmal sogar ein Heiliger in einem weltlichen Sinne. Ich will die alten religiösen Kategorien neu konstruieren. Ich möchte an einer Religion der weltlichen Bürger festhalten, in der aller Nachdruck auf die menschliche Kompetenz gesetzt wird. Wir müssen den Gottesbegriff zivilisieren.

Spielt in dieser weltlichen Lebenskunst auch die gemeinsame Feiern eine Rolle?

Die weltliche Religion des Bürgers braucht natürlich auch gewisse Feiern, das ist klar, aber Feiern ohne religiöse Vorzeichen von einst. Da gibt es noch viel zu tun, wirklich Feiern zu gestalten, bei dem alle Anwesenden in ein tieferes Gespräch verwickelt werden und Lebensfreude gepflegt wird. Das ist die Aufgabe für eine neue weltliche Kultur der Feier. Die alten kirchlichen Liturgien sind erstarrt, auch die Messen in deutscher Sprache sind ja von unverständlichen Texten geprägt. Man hat ja einfach die lateinischen Texte wortwörtlich ins Deutsche übersetzt, diese Übertragungen haben eine befremdliche Sprache.

Wann haben Sie sich denn von den klassischen theologischen Formeln abgewendet?

Ich war von 1964 bis 1975 als Priester im Dominikanerorden einer der theologischen Begleiter der „Gemeinde Maihof“  in Luzern. Dort versuchten wir in der Folge des 2. Vatikanischen Konzils eine neue Sprache für die Religion zu finden. Die traditionelle Sprache war voller Mythen und uralter Bilder, die ich nachvollziehbar und verständlich für Menschen von heute übersetzte. Wir wollten einen entzauberten Glauben, konnten in unserer intellektuellen Redlichkeit z.B. nichts mehr anfangen mit der Vorstellung: Gott der Vater lässt seinen eigenen unschuldigen Sohn vorsätzlich leiden und willentlich sterben. Einen solchen Gott nannten wir einen Sadisten. Gegen diese Opfertheorie setzte ich meinen Vorschlag, Jesus habe sich als Mensch vorbehaltlos in die Vergeblichkeit seines eigenen Lebens und Sterbens hineinbegeben. Jesus war kein Held. „Jesus starb umsonst“, wie ich meinem Buch gleichnamigen Buch zeigte. Der klassische Mythos von Jesus als Opfer mag früheren Menschen geholfen haben, heute ist er unzulänglich. Die Kirchenhierarchie hat mich für diese Neuübersetzung bestraft und mich ausgegrenzt. So bin ich mit diesem Programm der konsequenten Übersetzung alter Bilder gescheitert. Ich habe mein Priesteramt niedergelegt. Ich bin seit 30 Jahren glücklich verheiratet. Ich habe mich fast nur noch als Philosoph betätigt.

Damit haben sich neue Chancen eröffnet.  Sie können als Philosoph frei arbeiten. Welche Möglichkeiten haben Sie, autoritäre Strukturen zu kritisieren?

Als Philosoph habe ich mich z.B.  mit dem Verfall der Sprache, der sprachlichen Dekadenz, befasst. Der Verlust der Sprachkunst reicht sehr weit: Wir leben in einer Welt, in der die Rhetorik nur noch affekt- und emotionsbezogen ist. Menschen werden zu Idolen verfälscht und Gegenstände wie ein Fetisch behandelt. Eine weltliche Spiritualität muss die Sprache, den Klang, die Rhythmen, auch die Ästhetik wieder pflegen.

Also Widerstand gegen die Gewalt des Banalen?

Die Sprache ist für mich eine Form der Gegengewalt gegen den zunehmenden Sprachverfall, der ja ein Kulturverfall ist. Betroffen ist auch die Poesie, aber auch die Musik, die Malerei, die man im 17. Jahrhundert =stumme Rhetorik= nannte. Es gibt auch die Sprache des Leibes, in der Gestalt der Gebärde, das Schreien, Lächeln, Brüllen, Wimmern usw. Diese sprachliche Gegengewalt im weiteren Sinne gilt es zu pflegen, bedeutet: Das Offene der Sprache zu verteidigen, das Dichterische kann die aggressive Gewalt oder die stille Gewalt des Banalen bändigen. Das Dichterische lässt Widerspruch und Zustimmung zu, es handelt sich auch ums schwebende Bedeutungen, ein Raum der Freiheit entsteht. Denn alle Gewaltsysteme sind in sich geschlossen, sie erlauben keine Abweichung, gestattet keinen offenen Raum. Die religiöse Lyrik könnte da Widerstand leisten, aber sie liegt im Argen. Kurt Marti (Schweiz) und Huub Oosterhuis (Niederlande) sind die Ausnahmen. Es grassieren in den Kirchen die Stereotypen, sie sind oft die Produkte kirchlicher Kanzleien oder magisch-demagogische Beschwörungen, also Produkte der reaktionären Fraktionen.

Welcher Wert ist Ihnen wichtig?

Für mich ist eine wichtige menschliche Haltung, ein „Wert“, die Wahrhaftigkeit. Also so zu sein und zu sprechen, als der man wirklich ist. Ich glaube eine weltliche humane Kultur lebt entscheidend davon. Aber Wahrhaftigkeit hatte keine großen Chancen im Laufe der Kirchengeschichte. Ich befasse mich jetzt mit der Zeit der frühen Aufklärung in Frankreich, also im 17. Jahrhundert. Eine spannende Epoche! Da ist bemerkenswert, dass z.B. viele gelehrte Priester ihre wahren religiösen und theologischen Überzeugungen nicht öffentlich ausdrücken durften. Sie waren die „clandestinen“, also die „heimlichen“  Aufklärer. Sie mussten ihre Meinungen verbergen. „Dissimulation“, das Sich – Verstellen ist ihre Haltung. Sie mussten sich anders geben als sie waren. In einem autoritären Gewaltregime hatten sie keine andere Chance.

Ist das nur ein Thema von gestern?

Ich frage mich manchmal, wie stark heute noch Theologen und Pfarrer die Kunst der „dissimulation“  beherrschen müssen. Die Bürokratie der religiösen Ideologen lässt oft kein anderes Verhalten zu. Vielleicht können diese Theologen erst nach der Pensionierung wagen, wahrhaftig zu sprechen. Ich selbst konnte als junger Priester und Prediger Anfang der sechziger Jahre auch nicht frei sagen, was ich wirklich dachte, musste mich also auch in der Dissimulation, im Versteckspiel, üben. Das ist typisch für unfreie, unmenschliche Verhältnisse. Ich will arbeiten an der Aufklärung über diese Situation von damals und heute. Das ist mir heute wichtig.