Der „Fall Heizer“: Über die Macht der Institution.

29. Mai 2014 | von | Themenbereich: Religionskritik

Keine Chance für Kreative:

Was der „Fall Heizer“ (Tirol) offenbart: Perspektiven und Fragen des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“

Religionsphilosophie, das haben wir in unserem Studienkreis oft betont, ist immer auch Religionskritik aus der Kraft der Argumente.Dabei müssen selbst „kleinere Ereignisse“ gewürdigt werden, sie könnten sich oft zu Bewegungen größeren Ausmaßes entwickeln, sind zumindest „Symbole“ für das Verhalten religiöser Institutionen.

Martha und Gert Heizer haben in ihrer Wohnung in Absam, Tirol, einige Jahre lang regelmäßig Eucharistie gefeiert, ohne offiziellen Auftrag, ohne jegliche Form der Weihe durch die Hierarchie etc. Beide sind tief in der katholischen Tradition verwurzelt. Sie sind wichige Vertreter der Bewegung für eine „Kirche von unten“.

Die Heizers taten das, was die erste Generation der Christen nach dem Tod Jesu tat, nämlich Eucharistie in den Häusern zu feiern. Davon sprechen die Texte des neuen Testaments. Von zölibatären Priestern, die dieser Eucharistie vorstehen, ist da eher am Rande die Rede.

Die Hierarchie hat Martha und Gert Heizer jetzt wegen der privaten Eucharistiefeier exkommuniziert, also mit einer der schwersten Kirchenstrafen belegt. Harte Strafen im religiösen Bereich sind Ausdruck der Hilflosigkeit und Angst. Dabei beruft sich die Hierarchie ebenfalls ständig auf diese frühen neutestamentlichen Texte; einige wenige Verse sind sozusagen die Basis für ihren Anspruch, ausschließlich zu bestimmen, was und wer katholisch ist: Die Hierarchie unterstellt auch heute: Jesus von Nazareth habe „die“ Kirche begründet, die römisch – katholische ist gemeint eben in der hierarchischen Struktur und der Trennung von Laien und Klerus. Jesus von Nazareth soll also in der Sicht der Hierarchie der Gründer der heutigen Kirche sein: Dabei hat der arme Gekreuzigte nur vom baldigen Kommen des Gottes Reiches gesprochen! Das weiß allmählich jeder Oberschüler. Dieser Glaube der Hierarchie (Jesus von Nazareth als Kirchengründer) wird auch seit mindestens 200 Jahren von der kritischen theologischen Bibelwissenschaft abgewiesen sowie von einigen vernünftigen, aufgeschlossenen protestantischen Kirchen: Es waren doch die Gläubigen, die dann die Gemeinden formten und Kirchen gründeten. Von daher entsteht eine große Freiheit in der Lehre und der Gestaltung. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse sind der römischen und österreichischen usw. Hierarchie in dem Fall egal. Theologische Erkenntnisse sind offenbar eher banales Glasperlenspiel.

Die Hierarchie glaubt zudem aufgrund eines Bibelverses, dass Jesus von Nazareth den Fischer Petrus zum Papst (Petrus, der „Fels“) erwählt hat. Sie glaubt hingegen nicht, dass man mit der biblisch bezeugten Bergpredigt Politik oder gar Kirchenpolitik machen kann. Diese Bibelstellen sind dann doch etwas zu sehr radikal, … Mit anderen Worten: Die Hierarchie wählt also aus, welche Verse sie im Neuen Testament für sich selbst wichtig findet und welche nicht. „Häresie“, also „Auswahl“ aus bestimmten Bibelstellen, nannte man das früher.

Die Auswahl der relevanten Bibelstellen folgt einem einzigen Kriterium: Was dient der Macht des Klerus und was nicht. das ist die Frage, über die diskutiert werden könnte/müsste.

Wenn nun Laien, sogar Frauen, selbst in bescheidenem, privaten Rahmen, ihre Frömmigkeit pflegen und eben privat Eucharistie feiern, wird die Macht des Klerus in Frage gestellt. Denn noch einmal: Nur die zölibatären Priester dürfen Eucharistie feiern, so sagt das Kirchenrecht, das der Klerus geschaffen hat. Nur das Feiern der Eucharistie „können“ Priester, das unterscheidet sie, macht sie zu einem heiligen Stand. Darum wird die Eucharistie in der offiziellen Theologie in Rom auch nach wie vor für den einzigartigen Mittelpunkt des katholischen Glaubens gehalten, weil eben nur die zölibatären Priester „Messe können“. Darüber darf es keine Diskussion geben, jeder Kreative, jeder Abweichler wird rausgeschmissen, d.h. exkommuniziert. Hat Jesus eigentlich jemanden exkommuniziert? Weiß da jemand eine Antwort? Vielleicht Papst Franziskus, der die Barmherzigkeit so viel bespricht und wegen dieser schönen Worte so bewundert wird?

Die Heizers in Tirol stellen also die letzte verbliebene Kompetenz des Klerus in Frage. Das ist ihr Verbrechen. Weil ihr Tun revolutionär ist und die Kirche reformieren KÖNNTE.

Die Exkommunikation zeigt, dass die neutestamentliche Rede vom „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ im Vatikan kaum mehr als schönes Gerede ist. Schon das 2. Vatikanische Konzil, das so viel gerühmte, hat das allgemeine Priestertum aller Gläubigen nur UNTER Führung des Klerus überhaupt für der Rede wert gehalten.

Die Exkommunikation der Heizers zeigt weiter: Da wird ein Warnsignal gesetzt angesichts des Priestermangels und der heftig um sich greifenden Zusammenlegung von Pfarr – Gemeinden zu den (immer weiter klerikal geleiteten) Großgemeinden: Nur die Priester werden diese Großgemeinden mit der Eucharistie betreuen, sonst niemand. Bitte keine Laieneucharistie! Sie bleibt streng verboten für  glaubende Laien! Damit niemand auf die Idee kommt, sonntags ohne Priester in der priesterlosen Pfarrgemeinde Eucharistie zu feiern… Nebenbei: Allein das Wort „Laien“ ist probelmatisch: Diese Gläubigen werden im alltäglichen sprachlichen verständnis zu Nieten erklärt, zu Nichts-Wissern, zu Inkompetenten. Wenn „Laos“ (Laien)  aus dem Altgriechischen übersetzt Volk bedeutet, dann sind auch Kleriker Teil des Volkes, also Laien.

Die Exkommunikation erinnert an ein kürzlich zurückliegendes, leider schon wieder vergessenes Ereignis: 2007 hatten die niederländischen Dominikaner ein wichtiges, viel beachtetes Dokument („Kirche und Amt. Unterwegs zu einer Kirche der Zukunft“)  herausgegeben, das die „Laien“ aufforderte, in den katholischen Gemeinden Hollands eigenständig sonntags Eucharistie zu feiern, falls kein zölibatärer Priester zur Verfügung steht. Das Dokument wurde selbstverständlich von Rom sofort niedergeschmettert, die Dominikaner mussten Abbitte leisten ein entwürdigender Vorgang, der zeigte: Die Christen, selbst die Ordensleute, sind eher dumme Kinder gegenüber dem Vater, dem Papa, dem Papst, der Hierarchie. Jetzt geht der Niedergang der niederländischen katholischen (klerikalen) Kirche weiter.

Auch die Basisgemeinden in Lateinamerika sind durch die Exkommunikation der Heizers eindringlich gewarnt: „Denkt bloß nicht daran, in euren Hütten, in den Favelas oder in den entlegenen Dörfern Eucharistie selbst zu feiern“, heißt die Warnung: Wartet brav auf den zolibatären Priester, der euch zweimal im Jahr besucht. Das muss euch reichen für die Feier dieses Gottesdienstes, den die Herren im Vatikan für den einzigartigen Mittelpunkt des katholischen Glaubens halten. Ihr seid nur dumme Laien, ohne Kompetenz. Viele Katholiken wenden sich den so genannten Pfingstgemeinden evangelikaler Art zu, der Papst bedauert das. Aber die römische Kirche ist selbst „schuld“ an diesem Wechsel in andere Konfessionen.

Der „Fall von Martha und Gert Heizer“ ist alles andere als ein banales Ereignis am Rande. Wir haben den Eindruck: Mit der Exkommunikation fügt sich die katholische Hierarchie schweren Schaden zu. Vielleicht fördert auch dieses Ereignis das kritische Nachdenken usw.

Aus historischen Studien wissen wir: Die Kirchen wären nie vorangekommen, wenn es nicht immer Menschen gegeben hätte, die einige der bestehenden Kirchengebote überschritten hätten, also „praeter legem“ gehandelt hätten. Der jetzt so viel zitierte Franziskus von Assisi war so ein Gesetzesbrecher mit der Gründung seiner Armutsbewegung in einer feudalen Kirche. Ohne Gesetzesbrecher, die sinnloses Gesetz überspringen, zugunsten einer neuen Lebendigkeit, gibt es auch in der römischen Kirche kein Leben. Aber so viel Freiheit des Denkens gibt es selbst im Vatikan eines Papst Franziskus nicht.

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