Das Göttliche, in allen und allem. Zur Gegenwart der Mystik. 3 Fragen an Wilhelm Gräb

23. Jul 2014 | von | Themenbereich: Weiter Denken

Das Göttliche, in allen und allem
Zur Gegenwart der Mystik

3 Fragen an Wilhelm Gräb im Juli 2014, die Fragen stellte Christian Modehn

1.
Wer von den Veränderungen des religiösen Bewusstseins im heutigen Europa spricht, wird auch – für viele neu – erleben, dass die Mystik wichtige Anregungen bietet für eine Neuorientierung. Unter dem Titel Mystik sind unterschiedliche Texte versammelt; berühmt und (trotz aller Verdächtigungen durch die römische Kirche) immer noch weltweit geschätzt ist der Dominikanermönch Meister Eckart (1260 – 1318). In seinem umfangreichen Werk läuft alles auf die Einsicht hinaus: Jeder Mensch ist mit Gott verbunden. Sogar, wie Eckart radikal formuliert, jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht Teil des Göttlichen.
Hat diese Erkenntnis Eckarts auch heute aktuelle Bedeutung für eine neue liberale Theologie und für Menschen, die sich von ihr inspirieren lassen?

Meister Eckhardt bewegte sich zwar in ganz anderen philosophisch-theologischen Denkzusammenhängen als sie der modernen, historisch- und erkenntniskritischen liberalen Theologie eigen sind. Schon Ernst Troeltsch freilich, der Meisterdenker der liberalen Theologie um 1900, hat auf die Nähe der Mystik zu einem modernen, undogmatischen Christentum hingewiesen. Was uns Heutige an der Mystik eines Meister Eckhardt fasziniert, ist in der Tat die Entgrenzung der personalen Gottesvorstellung in die universale Weite der Wirklichkeit des Göttlichen.

Die personale Gottesvorstellung verlangt den Glauben an einen Gott, der ins Weltgeschehen eingreift, anstelle von uns Menschen handelt – und das über unser menschliches Vermögen hinaus. Dieser Gott dient zur Entlastung des Menschen. Er handelt ohne dass wir Menschen handeln, vor allem dann und dort, wo wir mit unseren Möglichkeiten am Ende sind. Der Gott der Mystik hingegen ist über solche Personalisierungen, Verendlichungen und Vergegenständlichungen Gottes hinaus.

Der Gott der Mystik ist die Gottheit bzw. das Göttliche. Die Gottheit bzw. das Göttliche sitzt nicht droben im Himmel. Das Göttliche ist vielmehr die schöpferische Kraft, die uns Menschen die Wirklichkeit erkennen und zielorientiert gestalten lässt. Der Mensch hat das Göttliche bzw. die Gottheit nicht als das andere seiner selbst außer sich. Der Mensch steht der Gottheit auch nicht gegenüber, sondern er hat an ihr teil. Das Göttliche gehört zum Menschen. Es ist die Dimension der Tiefe im Sein des Menschen, dessen wahres Wesen.

Wahre Selbsterkenntnis führt zur Gotteserkenntnis und umgekehrt. Was dem Menschen fehlt, um zur Lebenserfüllung zu finden, ist nichts anders als die Besinnung auf sich selbst und den Ermöglichungsgrund seiner Freiheit. Der Wirklichkeit Gottes begegnet der Mystiker auf dem Grund der eigenen Seele. Er erkennt in ihr den grundlosen Grund seines Grundvertrauens.

Das Göttliche ist im Unterschied zu dem Gott, der droben im Himmel ist, kein Gegenstand des Glaubens. Das Göttliche ist nicht einigen Menschen, den Gläubigen, zugänglich, während es den anderen, den Ungläubigen, prinzipiell verschlossen bliebe. Das Göttliche ist vielmehr dasjenige in uns Menschen, was uns überhaupt fähig macht, der Wirklichkeit wirksam zu begegnen. Als von Gott erfüllte Wesen können wir ganz bei den Dingen dieser Welt sein und in Liebe einander zugewandt. Was jetzt „Glaube“ heißt, ist das Vertrauen in den göttlichen Seins- und Sinngrund allen Lebens. Wer religiös ist, investiert bewusst sein Vertrauen in diesen göttlichen Grund seines Lebensmutes, seiner Daseinszuversicht und seiner Liebesfähigkeit.

Das ist das Moderne an der Grundeinsicht in die Teilhabe der Menschen am göttlichen Lebensprinzip. Sie ermutigt uns dazu, statt von Gott vom Göttlichen zu reden und dieses in der Tiefe einer jeden Menschenseele zu finden. Wer im Menschen, in sich selbst und in anderen den göttlichen Grund alles Seins wie alles Sinns erkennt, der achtet den Wert des Lebens und liebt die Menschen.

2.
Wenn Nähe und Vertrautheit des Menschen mit Gott bzw. dem Göttlichen (Eckart spricht von „Gottheit“) erfahrungsmäßig gegeben sind: Könnte man darin auch den Kern des Glaubens erkennen, also das so viel besprochene „Wesen des Christentums“?

Das Göttliche im Menschen zu erkennen, wird Eckardt vom Gedanken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus her möglich. Das christologische Dogma hat er so verstanden, dass es die christliche Sicht auf den Menschen nicht nur ausdrückt, sondern auch wirksam einer jeden Gegenwart mitteilt. Eckardt verstand die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gerade nicht exklusiv. Was die Bibel von Jesus Christus sagt, gilt von jedem Menschen. Jeder Mensch ist eins mit Gott, so er nur des göttlichen Grundes seiner Menschlichkeit sich bewusst wird.

Das ist zugleich das am Christentum religiös Wesentliche. Das Christentum hat diesen Blick auf den Menschen, der jedes Individuum in seiner Unverfügbarkeit und Unantastbarkeit sehen lässt, in die Menschengeschichte eingeführt. Die Mystiker praktizieren diese Grundeinsicht des Christentums, die aus dem Gedanken der Menschwerdung Gottes hervorgeht. In der Aufklärung gelangt sie dann mit der Erklärung der unverletzlichen Menschenwürde und den daraus abgeleiteten unverlierbaren Menschenrechten zur Durchsetzung in Gestalt einer universalen Ethik des Humanen. Was es noch braucht und wofür eine heutige liberale Theologie eintritt, das ist die Überführung der Ethik des Humanen in die politische Wirklichkeit. Deshalb auch die Nähe von liberaler Theologie und Befreiungstheologie.

3.
Eckart, der Mystiker, lobt in seiner Predigt über Maria und Martha, also über die fromm – zuhörende und die tätige – hilfsbereite Frau, ausdrücklich die Aktive, also Martha. Eckart sieht in Martha das wichtige Vorbild. Sollten wir dieser Spur folgend auch umdenken und nicht länger Mystik mit frommer Betrachtung verwechseln? Warum ist also der wahre Mystiker – im Sinne Eckarts – der tätige, der engagierte Mensch?

Das war genau der Grund, weshalb Dorothee Sölle, diese große Kämpferin für eine politische Theologie der Befreiung, sich zugleich zur Mystik hingezogen fand. Sie hat immer das Ineinander von Kontemplation und Aktion betont. Die Kontemplation führt in die gesteigerte Bewusstheit für die göttlichen Kraftquellen des Lebens. Sie macht dankbar für das wunderbare Geschenk des Lebens. Sie weckt die Liebe zu allen Geschöpfen. Sie gibt niemanden verloren. Denn sie nährt den Glauben, dass der göttliche Grund allen Seins und allen Sinns wirksam ist in allen und allem.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

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