Von der Frömmigkeit des Denkens. Der Text einer Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur am 21.9.2014

Von der “Frömmigkeit des Denkens” ist der Titel eines Essays in der Reihe “Glaubenssachen” auf NDR Kultur. Zur Lektüre des Beitrags, der am 21.9. 2014 um 8.40 Uhr gesendet wurde, klicken Sie bitte hier.   Das Manuskript des NDR sollte nur für private Lektüre genutzt werden.

Ein Wort zum Thema der Sendung: Philosophie ist in meinem Verständnis elementar und ursprünglich Philosophieren, also selber aktiv philosphisch denken. Der lebendige Vollzug bestimmt das, was dann sozusagen später Philosophie als akademische Disziplin oder als Titel für eine Buchproduktion usw. auch sein kann. Zuerst kommt das lebendige Denken im Dialog mit sich und anderen, dann das Gedacht-Niedergeschriebene.

In dieser Hinsicht haben wir viel dem französischen Philosophen Pierre Hadot zu verdanken. Auf ihn weist dieser Beitrag im NDR empfehlend hin. Wer sich heute in der philosophierenden und philosophischen Szene umsieht, bemerkt: Pierre Hadot ist keineswegs der einzige, der für Philosophie als eine Form geistlicher und geistiger Übung eintritt, der also Philosophie als Lebensform definiert.

In der empfehlenswerten Zeitschrift “Philosophie Magazin”, Ausgabe Okt. Nov. 2014, Seite 67 ff. erläutert der weithin geschätzte kanadische Philosoph Charles Taylor, Montréal, was für ihn Philosophie bedeutet. In einem Interview mit Wolfram Eilenberger grenzt er sich zuerst ab vom “Positivismus des sogenannten Wiener Kreises” (S. 68). Die selbstverständlich abstrakten Analysen der formalen Logik irritierten den jungen Studenten Taylor in Oxford und ließen ihn, wie er sagt “ziemlich verzweifelt” zurück. Erst durch die Begnung mit dem Werk von Maurice Merleau-Ponty “begann mein Weg”.

Und dann folgen die entscheidenden Sätze, die auch Pierre Hadot unterschrieben hätte (wir selbst, unbescheidener Weise eben auch): “Ich denke, die Kernfrage der Philosophie ist und bleibt: Wie soll man leben? Das war schon in der Antike ihr Zentrum. Im Zuge ihrer Professionalisierung und auch Akademisierung hat die Philosophie diese Frage aus den Augen verloren. Die Beschäftigung mit erkenntnistheoretischen Problemen verkam zum reinen Selbstzweck” (ebd.) Und mit diesem “Selbstzweckcharakter” (also “keine Relevanzhaben”)  der Philosophie hat Charles Taylor in seinem umfangreichen Werk Schluß gemacht. Und dann folgt in dem Interview ein Hinweis auf den Kernpunkt im Denkens Taylors: “Es ist die dialgische Konzeption des Menschen”.

Wir empfehlen dringend die Lektüre des Interviews im ganzen, weil dort auch das praktische politische Engagegement dieses großen Denkers aus Montréal deutlich wird. Etwa: “Das entscheidende Kriterium zur Beurteilung erfolgreicher Integration (von sogen. Immigranten in Kanada) ist das Schicksal der zweiten Generation, also der Kinder der Einwanderer. Hier sind die kanadischen Ergebnisse erfolgreich”…. und zwar deswegen, weil es eine gesetzliche Kindergartenpflicht gibt, in der alle Kinder, aber auch alle, in der Provinz Québec miteinander nur Französisch sprechen. “Diese Kindergartenpflicht sollte (auch in Deutschland, meint Tylor, CM) gesetzlich verordnet werden, bei der Schulpflicht ist das ja unstrittig” (S. 70).

Für religionsphilosophisch Interessierte ist es wichtig, erneut zu erfahren, dass sich Charles Taylor als Philosoph durchaus als praktizierender Katholik versteht. Aber er erklärt diesen Begriff auf eine kluge, philosophisch vermittelte individuelle Art: Nicht die Lehrsätze der Kirche findet Taylor bedeutend und für wahr zu halten. “Vielmehr gibt es eine andere Weise, sich zu einer Religion zu bekennen. Sie ist im Christentum besonders traditionsreich, nämlich das religiöse Leben als einen WEG oder eine REISE zu verstehen, und den Gläubigen als einen Suchenden” (S. 67).  Glauben als Suchen und Fragen, eine Auffassung, die heute auch von einigen weitblickenden katholischen Theologen geteilt wird, wie besonders Tomas Halik in Prag.

Demzufolge wäre der Vorschlag der religiös interessierten Philosophen an die oberste Glaubensbehörde in Rom, sich umzubennen: Die Behörde des äußerst konservativen Kardinals Müller sollte also heißen “Religiöses Institut fürs Fragen und Zweifeln im Christentum/Katholizismus”.  Kardinal Müller wäre dann der Mitdenker der Fragenden, und er müßte beginnen, an seiner eigenen erstarrten Theologie selbst zu zweifeln. Das wäre heilsam, wohl nicht nur für ihn allein und den Kreis seiner anderen Dogmatiker und “Wahrheitsschützer”.

 

copyright: Christian Modehn, re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er salon berlin.