Eine Welt der neuen Klänge. Warum die „zeitgenössische Musik“ inspiriert. Ein Vorschlag von Joachim Gies

Ein „Rückblick“ auf unseren Salonabend zum Thema: „Sprache der Musik – ein Weg in die Transzendenz ?“ (am 26. 9. 2014): Dabei hat Joachim Gies mit uns diskutiert und auch Ausschnitte aus seinen Kompositionen fürs Saxophon zu Gehör gebracht. In seinem folgenden Beitrag geht Joachim Gies der Frage nach, warum wir „zeitgenössische Musiker“ – selbst wenn sie manchmal für viele Irritierendes  komponieren – doch als  Inspiration schätzen lernen könnten.

Liebe Freunde besonderer Musik,

heute möchte ich über einen Komponisten des 20. Jahrhunderts reden, den ich für einen der Größten von den 60er bis zu den 90er Jahren halte: György Ligeti    http://de.wikipedia.org/wiki/György_Ligeti

Nach dem Aufstand in Ungarn 1956 flüchtete er nach Österreich und wurde zu einem Erneuerer der zeitgenössischen Musik im Westen. Nachdem er zwei politische Diktaturen überstanden hatte, unterhöhlte er die Denkschablonen der Nach-Schönberg-Ära, in der die Kompositionen in allen Bereichen (Tonfolge, Rhythmik, Atonale Harmonik bis hin zur Klangfarbe) determiniert waren. Also fast so, wie zuvor die politischen Diktaturen agiert hatten: alles Individuelle war einem „System“ unterzuordnen. Ligetis erste Aufsehen erregende Komposition war 1961 Atmosphéres, hier in einer Interpretation mit Claudio Abbado:

http://www.youtube.com/watch?v=JWlwCRlVh7M

Als berühmtes Chorwerk entstand 1966 „Lux Aeterna“:

http://www.youtube.com/watch?v=mIcO8fPspP0

Alles verschmilzt zu einem Klangfeld, das magisch wirkt. So sehr, dass die meisten von euch die Musik schon gehört haben, denn Stanley Kubrick benutzte die Werke in seinem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ neben der „Blauen Donau“ von Johann Strauss und dem „Zarathustra-Beginn“ von Richard Strauss. Auch in seinen späteren Filmen „Shining“ und „Eyes Wide Shut“ setzte Kubrick die Musik Ligetis ein. Eine hübsche Anspielung auf Ligeti machte Kubrick in „A Clockwork Orange“, wo in einem hippiemäßig ausgestatteten Plattenladen eine Ligeti-LP zu sehen ist. Für mich sind Kubricks Filme genauso sehenswert wie die Musik Ligetis hörenswert ist. Filme mit philosophischem Ernst sind heute ja kaum noch zu finden. Kubrick setzt Nietzsches Gedanke der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ in „“2001“ und in „Shining“ eindrucksvoll ins Bild.

http://de.wikipedia.org/wiki/Stanley_Kubrick

Weitere beeindruckende Werke von Ligeti sind:

http://www.youtube.com/watch?v=GrVagXdfnbc

„Lontano“ für großes Orchester

http://www.youtube.com/watch?v=l2OQbA3r78M

Nach Ligeti weiß man als ehrlicher Komponist stets, wen man nachahmt, wenn man eine Komposition mit einem Ton beginnen lässt oder wenn man sich auf wenige Töne begrenzt.

Das Besondere an Ligeti ist es aber, dass er, bei allen Erfolgen, nie einen Stil bis zur Ermüdung beibehalten hat. Er ist dabei durch schwere Schaffenskrisen gegangen, aber am Ende hat er sich stets neu erfunden. Solch eine Lebenshaltung gibt mir zurzeit viel Mut.

So befasste er sich in den 80er Jahren fremdartigen Stimmungen, die für uns „wohltemperiert“ Zentralbeheizte ein wenig „falsch“ klingen. Ein sehr schönes Beispiel ist das „Hamburg Concerto“ für Orchester und einen Horn-Solisten.

http://www.youtube.com/watch?v=OXWjayXSzcE

Ligeti beschäftigte sich auch intensiv mit afrikanischer Polyrhythmik und einer Art von Maschinenmusik, fast unspielbar:

Ètude Nr. 1 “Désordre“

http://www.youtube.com/watch?v=qj9QlWltv8s

Für 30 € gibt es die sehr gut aufgenommene Sony-Edition mit 9 CD bei einem Internethändler, der nicht mit „A“ beginnt.

https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Gy%F6rgy-Ligeti-1923-2006-Gy%F6rgy-Ligeti-Edition-Sony-Classical/hnum/5116806

Auch das Ligeti-Project ist mit 5 CDs noch erschwinglich:

https://www.jpc.de/s/ligeti+project

Ich würde mich freuen, wenn ich euch dazu anregen könnte, einmal etwas Zeit der neuen Musik zu gönnen. Natürlich ist das nichts zum nebenher hören. Aber ich glaube, die Reise in die Welt der neuen Klänge zeigt uns vieles, was außerhalb und innerhalb von uns liegt, woran wir sonst vorbei gingen.

Copyright:   Joachim Gies, Berlin