Mit sich selbst befreundet sein

31. Dez 2014 | von | Themenbereich: Denkbar

Mit sich selbst befreundet sein

Von Elisabeth Hoffmann, am 30.12.2014 (dem 101. Geburtstag meines Vaters)

Wer wird da sein, wenn niemand da ist? Wer kann mich wirklich im Innersten verstehen? Wer kann immer da sein und segnend die geistigen Hände über mich halten, wenn ich falle? Wer kann spüren, was ich spüre? Den großen Schmerz ermessen, der mein Sein zum Werden zwingt? Wer ist da, wenn niemand mehr da ist? Wer kann mich ernst nehmen, wenn ich an Grenzen komme, wenn ich am Ende bin mit meiner Zuversicht, den nächsten Tag, das nächste Jahr so zu durchschreiten, daß ich mich ehren kann? Wenn ich keinen Ort mehr habe, der Geborgenheit spendet, wer wird mir als Brücke dienen, bis ich wieder festen Grund habe? Wer kann meine ureigenen Bedürfnisse ernst nehmen, fördern, Gelegenheiten schaffen, sie zu erfüllen? Wer weiß von meinen tiefsten Sehnsüchten nach einem anderen, eigentlicheren Leben? Wer ist Zeuge meines Ichs durch all die verschiedenen Identitäten im Laufe meines Lebens hindurch vom Kind, über die Jugendliche, junge Erwachsene, bis zur Alten und irgendwann Sterbenden? Wer weiß am Besten von all meiner inneren Wahrheit? Wer kann weitergehen, wenn ich nichts erkennen kann? Wer will aus meiner Enttäuschung lernen? Wer möchte den Unterschied machen vom So-Sein wie die Anderen zum Selbst-Sein des Eigenen? Immer ich selbst. Mit meine inneren Aufmerksamkeit mir selbst gegenüber kann ich mich sehen, spüren, verstehen, so lassen und Hoffnung spenden – von innen her kann ich mich erfahren, mit meiner Präsenz mich so-sein-lassen, mich mit allem was ist einverstanden erklären, in mir, mit mir. Weil ich so bin, wie ich bin, weil ich erlebe was ich erlebe, weil ich empfinde, wie ich empfinde, wäre es wirklich ein kleiner Segen, wenn ich mir freundschaftlich zugewandt leben könnte.

Selbst wenn ich nicht alles von mir verstehe, kann ich mir mit Wohlwollen gewogen sein. Ich kann mich grundsätzlich lieben, radikal lieben, egal, ob ich Erfolg habe oder scheitere, egal, ob ich mich dumm anstelle oder inspirierend für mich und andere bin, egal, ob ich hilflos verunsichert ohnmächtig oder voller Selbstgewissheit bin. Selbst wenn ich in Angst bin oder in Zuständen bzw. Ablenkungen, um die Angst nicht zu fühlen, könnte ich im Wohlwollen mir gegenüber bleiben ohne mich zu entlassen aus dem nächsten Wachstumsschritt, der hinter der Angst auf mich wartet. Meine freundschaftliche Haltung könnte mir Mut zusprechen und die Ermutigung, noch ein wenig mit dem nächsten Schritt zuwarten oder mir klar zu werden, wessen es noch bedarf, damit ich ihn gehen kann.

Meine Liebe zu mir, meine Freundschaft mit mir selbst könnte der Beginn eines Lebens werden im Einverständnis mit mir und meinem Schicksal, meinen Grenzen, meinem Geworfen-Sein in die Umstände, die ich erfahre – vom ersten bis zum letzten Atemzug den ich mache. Leider ist unsere innere Aufmerksam, unser Merk-Sinn dem Lebendigsein in uns gegenüber, mit Maßstäben, Urteilen, Ängsten und Scham verunsichert worden. So verstecken wir uns oft hinter Masken und Rollen, und betäuben unsere Gefühle von Angst und Ohnmacht mit ungesunden Gewohnheiten, mit falschen Tröstern statt uns selbst ein bester Freund zu sein, der uns hält und auch herausfordert, in den Spiegel zu sehen und die Grenzen anzuerkennen, um sie endlich zu überwinden. „Wir sind. Aber wir haben uns nicht. Darum werden wir erst“ schrieb Ernst Bloch – und Werden kann man mit Freunden, echten Freunden viel besser als mit Idealen (und der Strenge, die sie oft implizieren) und So-tun-als-ob (einhergehend mit Überheblichkeit anderen gegenüber).

Ist die Freundschaft zu sich selbst ein Ersatz für nicht gelebte Freundschaft zu anderen?

Wer so in einem inneren liebevollen verstehenden Dialog mit sich ist, ist derjenige nicht egoistisch, zu sehr auf sich selbst bezogen in narzistischer Abkehr von der Welt? Wie wäre eine Welt voller selbst liebenden Menschen, selig versunken in ihren Selbstbezug? Das kann es doch nicht sein, denken sicher viele. Und sie haben Recht und auch nicht. Aber probieren Sie es doch aus? Leben Sie eine Woche diese radikale Art der Selbstfreundschaft, Lächeln Sie ihrem eigenen Herzen zu (Thitch Nhat Than), dem inneren Kind, dem verkrampften Erwachsenen und schauen Sie sich die Wirkung nach einer Woche an.

Lieben Sie sich, wenn Ihnen die innere kritische Stimme wieder einmal die Leviten liest, was sie wieder falsch gemacht haben oder sich dumm angestellt, ein Vorhaben vergessen oder nicht geschafft haben. Solidarisieren Sie sich mit dem Beschimpften und weisen sie die Kritik bestimmt zurück. Bitten Sie mal den inneren Kritiker etwas freundlicher mit Ihnen zu reden und schauen Sie welche Wirkung das hat. Und wenn die Orientierung gebende Stimme des Gewissens Sie merken lässt, dass Sie nicht einverstanden sein können, mit dem, wie Sie sich verhalten, dann stehen sie sich als FreundIn bei und stützen sich, um zu dem als richtig Erkannten wieder zurückzukommen ohne sich schämen zu müssen, sondern aufrichtig zu seiner Unachtsamkeit stehen, erst vor sich, dann vor anderen. Wie schön könnte die Welt sein, mit solchen ehrlichen menschlichen Menschen.

Nur wer eine freundschaftliche Haltung zu sich eingeübt hat, braucht sich mit Schuld- und Schamgefühlen nicht mehr zu verstecken, sondern kann zu sich stehen, ohne zu verleugnen, was geschehen ist. Wir geißeln uns nicht länger, wir wissen von unseren Grenzen und Schatten, wir kennen unseren unachtsamen Modus und unsere eigene familiäre Prägung, die nicht immer zu unserem Umfeld passt, die Andere befremden kann, unsere Nächsten oder unsere Kollegen. Wir lernen von unserem Gewissen, wir öffnen uns dafür und spüren, dass auch im Gewissen ein innerer Freund mit uns spricht, einer der uns liebevoll die Richtung immer wieder geduldig weist.

Aber die Praxis, die Stimme des Gewissens von der des Über-Ichs (unsere anerzogenen Gebote durch Autoritäten der Kindheit) und von der des Kritikers (sozial eingeübte Gebote, oft Moden, oder Vergleiche mit anderen erfolgreicheren, schöneren Menschen, etc) nach und nach unterscheiden zu lernen, dafür brauchen wir unsere innere FreundIn. Wir brauchen eine Haltung und eine Stimme des unbedingten Zu-uns-Stehens – ähnlich wie die Stimme eines Anwalts vor Gericht – um die zarte Flamme der Würde des Mensch-Seins durch den Sturm des inneren Konfliktes zu schützen. Dann werden wir daraus mit gefestigter Position hervorgehen und ehrlicher zu uns und dann auch zu anderen uns verhalten können. Wir verlieren Angst so zu sein, wie wir jetzt sind. Wir entwickeln die Stärke des Zu-uns-stehen-Könnens während wir uns fehlbar und unsicher fühlen. Das nenne ich radikale Selbstfreundschaft. Und wenn wir so differenziert, milde stark zu sein lernen, dann werden wir diese milde Stärke verkörpern und so sichtbar werden – außerhalb des Verstecks der Scham. Wir werden wie wir sind und sind Zugewandte zu uns und anderen und keine Abgegrenzten oder gar Richter uns bzw. anderen gegenüber mehr. Wir leben entspannter mit uns und anderen, weil wir da sind, wo wir sind.

Schritte zur Freundschaft mit sich selbst

Beginnen könnten wir mit einem Entschluss: ich will mir selbst FreundIn sein. Ein Entschluß setzt eine Markierung in unser Leben, auf die wir immer wieder zurückkommen können, auch wenn wir x-mal diese neue Karawane der Selbstfreundschaft verlassen werden, kehren wir, wenn möglich, wieder zurück, ohne uns zu verurteilen, sie verlassen zu haben. Wir kehren einfach wieder zurück und fühlen uns freundlich empfangen von unserer Seele, die immer geduldig auf uns wartet und nichts übelnimmt. Wir kommen wieder zurück zu uns. Immer wieder. Besonders in schlechten Zeiten. Aber in den Guten üben wir, die Freundschafts-Seile zu halten, damit dieser innere Halt hält, wenn es härtere Winde gibt für unsere kleine Nussschale auf dem Ozean des Lebens.

Es gibt so viele schöne Liebeslieder. Es kann eine Ahnung für die Qualität der Selbstfreundschaft vermitteln, wenn wir ein Liebeslied so hören, als ob wir es uns selbst widmeten. Es gibt vom gerade erst verstobenen Sänger Joe Cocker ein wunderschönes Lied „You are so beautiful“, was sich eignet, es mal in einer Haltung zu hören, als sängen wir es uns selbst vor. „You are so beautiful“. Wir üben beide „Rollen“ oder Gemütszustände gleichzeitig oder abwechselnd einzunehmen: mal als Hymne der Freundin unserer selbst an uns selbst („you are so beautiful“) und ein anderes Mal als Gemeinte und Beschenkte, als Zuhörende eines für uns gemeinten Liebesliedes, das wir tief in uns hineinlassen „I am so beautiful“. Meine freundschaftliche Haltung mir selbst gegenüber bezeugt mir ihre unbedingte Liebe. Das öffnet mich für diese emotionale Tiefe der Selbstfreundschaft.

Im Alltag sind gerade die Situationen wichtig, Freundschaft mit uns zu pflegen, wenn wir in schwierigen emotionalen Gewässern segeln, oder wenn wir unsere Ziele nicht erreicht haben, wenn uns etwas umgehauen hat und wir aus der Balance geraten sind, dann wäre es hilfreich, sich der Selbstfreundschaft zu erinnern, statt uns allein und elend und gottverlassen zu fühlen. Es gibt schöne selbst bestärkende Sätze die uns Mut und Achtung uns selbst gegenüber wiedergeben können. Zu Beginn kommt uns diese Praxis sicher sehr merkwürdig vor …. jawohl: würdig, diese neue Haltung zu merken. Es lohnt sich.

Wenn wir dieses Zu-uns-stehen-und-lieben immer und immer wieder praktizieren, dann werden wir uns trauen, uns auch anderen zu öffnen und dieses Innere uns trauen anderen mitzuteilen. Wenn ich diesen Selbsthalt nicht habe, laufe ich Gefahr andere mit meinem Selbstbezeugungsdrang zu überfordern, und die weiteren Folgen können dann schmerzlich sein: Abgrenzung oder Ignoranz, belächelt werden, verdreht werden, gemobbt werden, etc….. Kränkungen, die wir alle zutiefst kennen und die das Gift in den zwischenmenschlichen Beziehungen (von der individuellen bis zur Staatsebene) emporsteigen lassen und die Fronten weiter verstärken.

Aber wir werden keine Anderen als Freunde gewinnen, wenn wir uns nicht öffnen können, wenn wir aus einmal erlittener Verwundung durch Nicht-Verstanden-Werden uns misstrauisch verschließen. Der Grat ist sehr schmal und ein großes Wagnis. Ich glaube, wenn wir mit uns innerlich befreundet sind, dann können wir uns trauen, uns zu zeigen, dann spüren wir, wann ein richtiger Moment für die Selbstbezeugung einem anderen Menschen gegenüber gekommen ist und wir können uns halten, wenn die Aufnahme unserer Öffnung im Anderen nicht so gelingt, wie wir es uns vorgestellt haben. Wir trösten uns und bemühen uns um einen adäquateren Selbstausdruck, der annehmbar für mein Gegenüber ist. Selbstfreundschaft bietet so eine Voraussetzung für eine Freundschaft zu einem anderen Menschen. Ich erkenne meine Grenzen und respektiere die des Anderen. Die innere Ent-täuschung wiege ich freundschaftlich in meinem Herzen, statt sie als Enttäuschungswut gegen mich, den anderen oder im neuen Kontext an Schwächeren auszuleben.

Je mehr ich auch eine Art Selbst-Empathie mit meinen schwierigen emotionalen Zuständen einübe, um so besser kann ich einerseits Empathie anderen gegenüber praktizieren und auch nach und nach innerlich präsent bleiben, wenn ich durch ein äußeres Geschehen mit anderen Menschen aus der Fassung gerate. Ich kann mich freundschaftlich begleiten und erstmal wieder beruhigen, um dann freundlich meine Erfahrung und mein Bedürfnis auszudrücken, ohne den Anderen wiederum aus seiner Fassung mit meiner Reaktivität zu bringen. Freundschaft in mir verhilft mir sicher, nicht den Respekt für das Anders-Sein des Anderen aus den Augen zu verlieren – gerade bei den mir Nächsten aber auch bei den mir Wesens- bzw. Kulturfremden.

Das Nadelöhr des Allein-Seins

Die Praxis der Selbstfreundschaft führt uns direkt zur Erfahrung des Allein-Seins. Das ist eine sehr große Hürde bzw. Enge auf dem Weg der Selbstfreundschaft. Das ist ein heikler Ort in unserer Seele. Aber unser Schicksal, Mensch zu sein, birgt die Aufforderung, Bewusstsein über das Mensch-Sein zu erlangen. Niemand bewältigt sein Leben, ohne dieses Bewusstsein. Viele scheuen sich jedoch davor, weil diese existentielle Einsamkeit als horror vakui darin erlebt werden kann. Und gerade darum ist die innere Selbstfreundschaft so wichtig. Sie erscheint mir als der einzige Weg zur Entfaltung meines Mensch-Seins an sich, meines Individuum-Seins – hier, wo ich gerade bin unter anderen. Wir gehen durch dieses Nadelöhr hindurch, es gibt ein vorher und nachher und merken, wir kommen an im eigenen Leben, bei uns selbst und verlassen uns nicht mehr. Es wird ein anderer Wind wehen – ein Wind der uns näher zu uns bringt und neu und anders nah zu den Anderen. Erstmal fühlt sich das kühl und einsam an. Dann kann aber etwas erblühen, was auf der „Wiese“ der symbiotischen Nähe nie aufblühen wird – echte Nähe jenseits der Identifikation mit dem Anderen oder mit dem WIR der anderen.

Nur manchmal müssen Freunde mir meine ureigne Melodie selbst wieder vorsingen, wenn ich sie gerade nicht mehr hören kann, sie bestärken mich, wenn ich es selbst nicht mehr kann – aber so wie ich mich kennenlernen kann, so kann es niemand. So nah wird mir nie jemand sein. Ich werde mich brauchen, noch oft. Ich war nicht da als ich kam, aber ich werde da sein, wenn ich gehe. Und das wird ein weiteres Wunder werden. Wie alles was uns widerfährt. Leben – ein einziger heiliger Moment. Welch Geschenk. Beschenken wir uns mit einer exquisiten Freundschaft zu uns selbst. Möge es uns gelingen – zum Wohle aller.

Copyright: Elisabeth Hoffmann

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