Thomas Merton zum 100. Geburtstag: Mystiker, Philosoph, Kritiker … und offene Fragen

Thomas Merton zum 100. Geburtstag am 31. Januar 2015

Mystiker, Philosoph, Kritiker — mit offenen Fragen

Von Christian Modehn

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ erinnert an einen Trappisten-Mönch, der auf das Philosophieren nicht verzichten konnte, als Mystiker und Autor zahlreicher Bücher und Tagebücher; er war ein anregender, ein provozierender und deswegen guter geistlicher Meister, auch mit dem Zen verbunden. Er setzte sich leidenschaftlich für die Friedensbewegung (also gegen den Vietnamkrige) ein und kritisierte heftig die westliche Wohlstandsgesellschaft: Als philosophisch leidenschaftlicher Mensch wollte er nicht zulassen, dass die Weisheit stirbt in der westlichen Zivilisation. Sein Name : Thomas Merton. Er sagte noch ein Jahr vor seinem Tod: Er habe keine Antworten, sondern „er fange erst an, die Fragen zu suchen. Und wie heißen die Fragen: Kann der Mensch sein Dasein mit Sinn erfüllen?“ (zit. in Thomas Merton, Zeiten der Stille, S. 119).

Biographisches

In den USA wird er gerühmt als „der religiöse Prophet des 20. Jahrhunderts“, so der spirituelle amerikanische Erfolgsautor Richard Rohr. Dort gibt es gut ausgebaute Thomas-Merton-Studienzentren, zahlreiche Publikationen über ihn, viele Tagungen und Konferenzen und vor allem eine Fülle, auch posthum veröffentlichter Schriften. Thomas Merton wurde am 31. Januar 1915 in Prades, bei Perpignan, Frankreich, geboren. Am 10. Dezember 1968 starb er durch einen Unfall (Stromschlag, heißt es offiziell) in Bangkok. 1941 wurde er Mönch (sein Ordensname: Bruder Louis) in einem der allerstrengsten (manche sagen: rigidisten) Orden der katholischen Kirche, den Trappisten im Kloster Gethsemani, Kentucky. 1955 wurde er für die Ausbildung der damals noch sehr zahlreichen Novizen zuständig, eine ungewöhnliche Ehre für diesen Mann mit einer sehr bewegten „Vorgeschichte“ (siehe weiter unten).

1966 zog er sich auf dem Klostergelände in eine Art Eremitage zurück. Der Autor Stephan Richter berichtet, dass sich Merton auch um einen Eintritt in den Franziskanerorden (vergeblich) bemüht hatte und später, als Trappist, ernsthaft überlegte, in den Kartäuser Orden überzuwechseln: „Weil er dort –in dem Einsiedlerorden- eine bessere Möglichkeit zur totalen Versenkung zu finden hoffte“( so in „Christ in der Gegenwart“, 1979, S. 89). Offenbar fühlte sich Thomas Merton in dem großen Kloster der Trappisten, das z.B. nur gemeinsame Schlafsäle kennt, das Sprechen fast total verbietet und damals (nur damals?) seine Mitglieder privat kontrollierte, etwa den Briefverkehr der Mönche, überhaupt nicht „zuhause“, (siehe dazu Mertons Schrift „Day of a Stranger“, 1965). Jedenfalls hat Merton auch als „Einsiedler“ und Mönch eine sehr umfangreiche Korrespondenz führen können, abgesehen von der Tatsache, dass noch posthum, wenn wir uns nicht verzählt haben, 28 Bücher von ihm bis jetzt veröffentlicht wurden, hoffentlich als kritische Studienausgaben ohne Zensur, was zu überprüfen wäre. (Quelle: http://merton.org/chrono.aspx#Posthumous)

Zu Publikationen in deutscher Sprache

In Deutschland und Frankreich ist von einem lebhaften Interesse an den Arbeiten Mertons wenig zu spüren. Es gibt hier keine wirkliche – wenigstens literarische – „Merton-Begeisterung“, wie man sie in den USA auch außerhalb des Katholizismus kennt. Als Wunibald Müller und Detlev Cuntz das Buch „Kontemplativ leben. Erinnerungen an Thomas Merton“ (Vier Türme Verlag) planten, hatten sie 120 verschiedene Klöster im deutschsprachigen Raum gebeten, zur Bedeutung von Thomas Merton fürs eigene Mönchsleben Stellung zu nehmen. „Leider war, was den Umfang der Rückmeldungen betraf, das Resultat eher dürftig“ (S. 13), schreiben Wunibald Müller und Detlev Cuntz. Die Nonnen und Mönche haben also Besseres zu tun, als zu einem vielseitig begabten, immer wahrhaftig schreibenden, kritischen und politischen Mönch und Einsiedler Stellung zu nehmen. Wie viele Klöster tatsächlich auf die Frage antworteten, verraten die Herausgeber leider nicht, wäre aber der Wahrhaftigkeit wegen sehr angebracht. Solche „halben“, d.h. bloß angedeuteten Fakten kennen Journalisten aus dem katholischen Raum seit langem.

Merton – der Philosoph

Thomas Merton ist für (religions)philosophisch Interessierte anregend. Er ist provozierend, denn er zeigt, wie auch ein spiritueller Denker nicht ohne das Philosophieren auskommt, also kritisches, in die Tiefe gehendes Fragen. Merton hat einem seiner Texte den Titel gegeben „Notes for a Philosophy of Solitude, (1960). Darin setzt er sich mit der von Blaise Pascal besprochenen Ablenkung und Zerstreuung des (modernen) Menschen auseinander. Mertons Kritik erinnert an Heideggers Darstellung der Verfallenheit an das „Man“ in „Sein und Zeit“ oder an Aussagen von Adorno in seiner „Negativen Dialektik“. Merton sieht, wie die westliche Gesellschaft den Menschen alles bietet, „an sich selbst vierundzwanzig Stunden täglich VORBEIZULEBEN….Niemand wird durch Zerstreuung im Sinne des divertissement zur Persönlichkeit“( S. 70 f. in Zeiten der Stille).

Wer aber die Zerstreuung aufgibt, der hat auch nicht das pure Glück der Sorglosigkeit und Freiheit. Der Mensch blickt dann in die Abgründe des eigenen Daseins, er schaut in Dinge, „die unbegreiflich sind“. Erst wer diese philosophische Erfahrung gemacht hat, kann im Sinne Mertons zum authentischen Glauben finden! Ohne Philosophie also kein Glaube, könnte man zugespitzt sagen. Merton betont: „Im übrigen wird echter Glaube erst möglich, wenn man sich kompromisslos der offenkundigen Absurdität des Lebens gestellt hat. Sonst neigt der Glaube dazu, ein geistlicher Zeitvertreib zu sein, bei dem man anerkannte übliche Floskeln sammelt und sie zum gängigen Erklärungsmuster zusammensetzt, ohne wirklich ihren Sinn zu erfassen…“ (ebd. 72)

Thomas Merton ist provozierend in seiner dargestellten (!) Erfahrung der göttlichen Wirklichkeit, die er auch, so die starke Gewissheit der Lesenden, ungefiltert und ungeschützt, also ohne Angst und innere Zensur, ausdrückt. Thomas Merton ist ein hoch gebildeter Autor, er kennt die Welt der Dichtung, ist eine Art Rilke-Spezialist, vertieft sich in das zenbuddhistische und taoistische Denken, setzt sich mit dem Vietnam Krieg auseinander usw. Er ist ein vielseitiger Mensch mit verschiedenen Lebens-Aspekten und einer großen poetischen Begabung. Und vor allem: Er spricht wirklich von sich selbst, von seinem eigenen Ringen, seinem eigenen Zweifel und Verzweifeltsein. Er schreibt – im Unterschied zu deutschen spirituellen Erfolgsautoren – nicht bloß objektiv-distanziert lehrmäßige Sätze. Er lässt die LeserInnen teilhaben an dem eigenen (!) Leben. Das macht ihn so inspirierend!

Nur einige Stichworte, die weiter zum Lesen und zur kritischen Auseinandersetzung ermuntern können:

Uns gefallen seine Beschreibungen der Erlebnisse mit der Natur, die ihn in ganzer Fülle auf dem Klostergelände umgab. (für weitere kritische Hinweise in dem Zusammenhang siehe Fußnote 1)

Merton spricht etwa von dem „point vierge (also dem reinen, unberührten Punkt CM), der Morgendämmerung unter einem Himmel, der noch ohne wirkliches Licht ist, ein Augenblick der Scheu und der unaussprechlichen Unschuld, wenn der Vater (also Gott, CM) in vollkommenem Schweigen ihre Augen öffnet…“ (77) Diese viel ausführlichere, behutsame Beschreibung des Naturereignisses ist immer noch lesbar, vielleicht als eine „Prosa-Form“ von Haikus ?

Auf den „point vierge“ kommt Merton in einem Text zurück, der stark an Meister Eckart erinnert: Was der mittelalterliche Philosoph den göttlichen Funken nennt, ist bei Merton „der Punkt der lauteren Wahrheit, ein Punkt oder Funke, der ganz Gott gehört. Nie können wir über diesen Punkt verfügen, sondern Gott fügt von diesem Punkt aus unser Leben…“ (79). Damit spielt Merton an auf das Gnadengeschehen, dem er sich aus religiöser Mensch ausgesetzt sah.

Gesellschaftskritik

Gesellschaftskritisch hoch interessant ist Mertons Plädoyer für den kontemplativen Lebensstil, der ja durchaus auch einmal zur philosophischen Existenz in Griechenland und Rom gehörte, man denke etwa an die Stoa. Dabei ist für Merton entscheidend: Das kontemplative Leben ist eine Form des Widerspruchs und Widerstands gegen die heute übliche Selbstverständlichkeit, „dass sich der individuelle oder kollektive Wille zur Macht durchsetzen müsse“ (85). Für den Menschen, bestimmt vom Willen zur Macht/Herrschaft (vgl. Nietzsche), steht das individuelle Selbst des einzelnen absolut im Mittelpunkt; der einzelne sieht sich in einer Welt als einem „Sammelsurium begrenzter Wesen, die miteinander im Konflikt sind… Wenn man das durchschaut, bietet sich die ganze Welt als ein einziger riesiger Kriegsschauplatz dar, auf dem der einzig mögliche Friede dadurch zustande kommt, dass der Starke siegt“ (85 f.) Dabei klagt Merton (1966) die USA besonders heftig an: „Die reichste und bestentwickelte Kultur auf der Welt… verwendet ihre ungeheure Macht und ihren Reichtum nicht darauf, Fruchtbares zu leisten, sondern Vernichtungswaffen herzustellen…Solche Menschen (in den USA) leben in immerwährender Selbstverteidigung“ (S. 102).

Hingegen befreit die Kontemplation, die hier durchaus überkonfessionell, allgemein-menschlich, also philosophisch gemeint ist, aus diesen Verhaftungen. Kontemplation lässt wahrnehmen: „Das, was uns in Wirklichkeit vorgegeben ist, ist das Sein selbst, das in allen existierenden Wesen ein und dasselbe ist und sich durch sie offenbart“ (87). Dann folgen die entscheidenden, auch philosophisch wichtigen Sätze: „Das Ziel des Kontemplativen ist im Allertiefsten das Wahrhaben dieser Herrlichkeit des Seins und der Einheit“. (ebd.)

Kirchenkritik

Thomas Merton ist sehr skeptisch in der Einschätzung, ob dieses Kontemplative in der Moderne noch eine Chance der Geltung und des Respekts finden wird. Denn der moderne, stressgeplagte, gehetzte Mensch findet „in seinem Herzen keinen Platz zum Ausruhen mehr“, weil auch das Herz des Menschen leer ist. Aber wenn denn der Mensch bloß diese Leere als Leere annehmen könnte: „Wenn er doch wüsste, dass die Leere selbst, sofern der Geist über ihr schwebt (!), ein Abgrund voller schöpferischer Fülle ist“ (92). Gegen Ende seines Lebens nimmt wohl der Pessimismus zu, selbst apokalyptische Perspektiven/Ängste sind ihm nicht fremd (etwa in „Day of a Stranger, 1967, siehe „Zeiten der Stille, S. 109: “Doch wie alle anderen Menschen lebe ich (als Mönch) im Schatten des apokalyptischen Cherubs. Ich werde von ihm überwacht, ganz sachlich und nüchtern“. Das Bewusstsein, ÜBERWACHT zu werden, war schon bei Merton lebendig, er ist 2015 unser Zeitgenosse! Die Flugzeuge, die über seinen Kopf hinweg mit Bomben beladen Richtung Vietnam flogen, nennt er den „metallenen Cherub der Apokalypse in den Wolken“ (S. 118)

Aber letztlich hat Merton auch von der Kirche keine Hilfe für das alles Entscheidende, die Stärkung der Kontemplation als Lebensform, erwartet. Die Kirche hat „einen Gott aus Marmor gepredigt, der den Menschen sich selbst entfremdet, einen Gott, der sich grimmig, wie ein unverträgliches Objekt im Herzen des Menschen ansiedelt und den Menschen verzweifelt die Flucht vor sich selbst ergreifen lässt“ (S. 92). Auch zum Zölibat hat er Stellung genommen, obwohl ihn diese kleinlichen und im letzten, objektiv gesehen, lächerlichen Themen theologisch kaum interessierten (lebensmäßig war er diesen Gesetzen ja offenbar ausgeliefert, auch wenn er am Ende wieder opponierte!) Aber, es gibt in ihm den Zwiespalt noch als Mönch: „Ich sehe keinen Grund, warum ein Mann nicht zu gleicher Zeit Gott und eine Frau lieben können sollte“, geschrieben 1967, also im Erleben der großen Liebe zu M. (S. 113) Weitere kritische Hinweise siehe Fußnote 2.

Thomas Merton bleibt philosophisch und theologisch wichtig, weil er Mut macht zu einem neuen Stil des religiösen Lebens innerhalb wie außerhalb der etablierten dogmatischen Kirchen mit ihrem schrecklichen „Marmorgott“, wie ihn Merton nannte: Er lehrt hingegen ganz Einfaches, so Menschliches, so Friedliches, nämlich auf die Gegenwart zu achten, d.h. auf das Gegenwärtigsein im langen Augenblick; er lehrt, still zu werden, nicht um der Stille wegen, sondern um die Quelle des Daseins zu erfahren. Darauf kommt es zu allererst im Leben an! Merton weiß, dass die offiziellen religiösen Worte erstarrt sind und Floskeln werden. Faszinierend seine Worte: „Statt etwas zu tun, lebe ich. Statt zu beten atme ich“ (111). Und weiter: „Hier in den Wäldern (beim Kloster) liegt das Neue Testament offen da: Das heißt: Der Wind weht durch die Bäume, und du atmest ihn ein“ (ebd.)

Die späte Liebe. Das wunderbare Lieben mit „Frau M“

In seinen letzten Lebensjahren hatte der Mönch und Einsiedler das für ihn wahrlich wundervolle Geschenk erlebt, mit einer Frau, die er in seinen Tagebüchern immer nur „M“ nennt, intensiv Liebe zu erleben, zweifellos auch körperlich. Frau M wird in den Publikationen über Merton Krankenschwester (oft auch als eine wesentlich jüngere Frau) genannt. Mark Shaw hat ihre Identität erfahren. Dass auf Deutsch die wunderbaren Liebesgedichte Merton für M nicht mehr gedruckt erscheinen dürfen, darauf wurde in Fußnote 1 hingewiesen. Wer kann das noch ertragen? Im 20. Jahrhundert erlaubt sich eine religiöse Institution, das Kloster in Kentucky und sicher auch die Kirchenführung, wer weiß das genau, Zensur und Verbot noch auszusprechen, sondern auch in dem (katholischen) Herder Verlag erfolgreich durchzusetzen.

In dem vergriffenenen Buch „Zeiten der Stille“ sind noch einige Zeugnisse veröffentlicht; Wunibald Müller schreibt über „Anima-Erfahrungen im Leben von Thomas Merton und Karl Barth“ in seinem Buch „Kontemplativ leben“. Der Klarname von Frau M. wird in dem ganzen Buch nicht genannt. Dabei ist längst bekannt, dass es sich um die junge Krankenschwester Margie Smith handelte. Ihr wurde wohl von entscheidender Seite nahegelegt, nach dem Ende der „Liebesaffäre“ mit dem berühmten Pater Merton doch besser zu schweigen. Was sie dann auch gemacht hat. Margie Smith lebt heute verheiratet in Ohio. Warum diese Heimlichtuerei in Deutschland? Oder hat man nicht ausreichend recherchiert?

Merton war ein Liebender, selbstverständlich auch ein sexuell Liebender, das macht ihn bei vielen LeserInnen so sympathisch. Ob man dann Mertons Entscheidung gegen Frau M. und für die Fortsetzung des Klosterlebens auch noch sympathisch findet, ist eine andere Frage. Merton selbst hat wohl unter dieser Entscheidung gelitten. Denn Erotik und Sexualität waren ihm sehr vertraut: Schon vor seinem Ordenseintritt „zeugte Merton wie Augustinus ein außereheliches Kind“, schreibt der Benediktiner Otto Betler (St. Ottlien) in dem Buch „Kontemplativ leben“, wobei der Hinweis „wie Augustinus“ erstaunt: Soll damit Merton in den Schatten der Heiligkeit gestellt werden? Bei Augustinus kennt man wenigstens den Namen des Kindes, nämlich Adeodat, das er dann um seiner Berufung und Karriere willen verlassen hatte, seine Geliebte nennt Augustinus hingegen nicht. Aber wer ist das Kind von Herrn Merton?

Eigentlich ist es ja ein Ausdruck von Liberalität, dass 1941 ausgerechnet ein wahrlich für Liberalität gar nicht bekanntes Trappisten-Kloster diesen Herrn als Novizen aufnahm, bei der Rigidität der damaligen kirchlichen Regeln. Wie sehr war das Kloster „unter Druck“, dass man einen bekanntermaßen sehr intelligenten Mönch „brauchte“?

Die Frage bleibt offen: Wer hat sich um Mertons Kind gekümmert? Solche Hinweise wären wichtiger als der Satz Pater Betlers OSB, dass mit Merton doch endlich mal ein Heterosexueller den Mönchsstand erwählt hat. Pater Betler, so wörtlich, findet dies gerade „irgendwie erfrischend in einem Jahrhundert, in dem männliche Zölibatäre ständig dem Verdacht der Homosexualität ausgesetzt sind“ (45). Die Ärmsten, möchte man beinahe zynisch bemerken, was müssen diese wenigen heterosexuellen Mönche leiden, wenn sie auch noch als (offenbar minderwertige) Homosexuelle öffentlich verdächtigt werden? Vielleicht outet sich gar ein als Hetero eingetretener Mönch später im Kloster als Homo. „Furchtbar“ ist eine solche Schande im keuschen Kloster!

Man darf wohl sagen, dass solche Hinweise des katholischen Priesters Pater Betler irritieren, der zudem als analytischer Psychologe am C G Jung in Zürich ein Diplom erhalten hat. (S. 49, Kontemplativ leben).

Aber abgesehen davon: Das Buch „Kontemplativ leben“ bleibt für philosophisch und religionskritisch Interessierte doch noch etwas lesenswert, vor allem wegen der Beiträge von Detlev Cuntz über „Merton und Rilke“ und von David Steindl-Rast „Gedanken über das Gebet“.

Letzte Gedichte, Liebesgedichte

Momentan, so scheint es, ist weit und breit kein spiritueller Autor innerhalb des Katholizismus zu sehen, der dieses Format eines Thomas Merton hat. Er schreibt selbstkritisch als Mitglied eines religiösen Systems, dass damals für ihn das Kloster eher eine Hölle war. Zur Zeit seiner großen, wundervollen Liebe zu „M“ notiert Merton: :

„Ich bin ein Häftling

In einer Theologie des Wollens…

Ich bin vermauert

Ich baue zehn steinernde Theorien

Von einer Steinmauer umschlossen mein Eden“ (S. 139, Zeiten der Stille“.

Oder noch eindringlicher ein anderes Gedicht von Thomas Merton:

„Wir sind zwei halbe Menschen und wandern

In zwei verlorenen Welten.

Wir haben die Hörer beiseite gelegt. Vorbei

Dass die Liebe

Wenigstens leise in den langen Drähten

Singt…

Wie elend verlassen liegt nun die Liebe

Da selbst unser Schluchzen nun schweigt.

(S. 133f., Zeiten der Stille)

Ob Frau „M“, die so innig Geliebte noch lebt und wenn ja, wie sie lebt, was sie denkt von der Trennung von ihrem geliebten Mönch, erfährt man in deutschsprachigen Publikationen bisher nicht. In amerikanischen auch nicht so richtig. Die Kirchen/Klosterführung hat ein Interesse daran, den viel gelesen Autor Merton nicht allzu „sinnlich“, erotisch, verliebt erscheinen zu lassen. Aber: Die Geschichte der „so inniglich geliebten Frau M“ wäre doch einmal ein hübsches Buch…

Der plötzliche Tod „durch Stromschlag“ (siehe auch Fußnote 3 unten)

Wunibald Müller schreibt in einem Beitrag für die „Herder Korrespondenz (Heft 1/2015) über Thomas Merton mit dem Titel „Der Nonkonformist“ auf Seite 31 über die letzten Stunden des Mönchs, die er in Bangkok bei einem spirituellen Kongress verbrachte. „Er hält einen Vortrag (den Titel nennt Müller nicht, CM), in dem er öfters die Formulierung „I dissapear“ und am Schluss „I am finished“, also ich bin ans Ende gekommen, gebraucht. Wenige Stunden später starb er an einem Stromschlag“.

Nähere Umstände des Stromschlages werden nicht genannt. Oder dürfen die wahren Gründe und Umstände nicht genannt werden? Stephan Richter schreibt deutlich: “Am 10. Dezember 1968 hatte Merton seine Thesen über „Marxismus und Perspektiven des Mönchslebens“ (dies ist also der Titel !) vorgelegt, als ihn wenig später der Tod ereilte. Eine Ergänzung am 30.1.2015: Wer sich wirklich um Fakten und nicht um spirituelle, relativ faktenfreie Auferbauungen über Thomas Merton bemüht, entdeckt immer wieder Neues: So berichtet die us-amerikanische Theologin Sheila T. Harty auf ihrer Website, dass Merton viel spezieller als von Pater Richter angegeben über „Die monastischen (= klösterlichen) Implikationen von (Herbert) Marcuse“  sprach und damit sehr wenig Verständnis ernete bei den versammelten Mönchen. Merton war eben dicht „dran“ am Thema des Jahres 1968, er war Zeitgenosse! Ich zitiere auszugweise, welche Aussagen Thomas Merton in dem Moment wichtig waren: „The monk is essentially someone who takes up a critical attitude toward the worldand and ist structures….The monk is somebody who says, in one way or another, that the claims of the world are fraudulent. This view puts the monk on the same plane as the Marxist… The difference between the monk and the Marxist is fundamental insofar as the Marxist view of change is oriented to the change of economic substructures and the monk is seeking to change man’s consciousness“. (Quelle: http://sheila-t-harty-speaker-editor.com/Thomas%20Mertons%20Last%20Talk%20in%20Bangkok%201968.pdf)

Zu seinem Tod:  Im Bad des Zimmers, das er während des Mönchskongresses bewohnte, traf ihn der elektrische Schlag des Rasierapparates“. Komisch, 9 Jahre nach Mertons wird noch das Märchen mit dem Rasierapparat erzählt. Tatsächlich aber, so sagt der so genannte „offizielle Biograph“ (Was ist denn das?), John Howard Griffin, , Merton sei durch die Flügel eines großen Ventilators verletzt worden und so wurde sein Körper z.T. verbrannt, siehe: /www.ralphmag.org/FB/mertons-death.html.

Wie konnte das passieren, war Merton so ungeschickt, so müde usw, wie behauptet wird? J.H. Griffin berichtet weiter, dass ausgerechnet eine österreichische Nonne, die zufällig (!) da war und vor ihrem Kloster-Eintritt als Ärztin arbeitete, den Tod Mertons sofort den Tod als Unfall festgestellt hat: „and she determined (!) that he died from the effects of electric shock“.

Offene Fragen, in den USA offen debattiert

Jedenfalls verweist Wunibald Müller in seinem Aufsatz im Zusammenhang des Todes Mertons noch darauf hin, dass Merton beim Anblick des riesigen Buddhas in Polonnaruwa auf Ceylon sozusagen die letzte, tiefste Wahrheit kurz vor seinem Tod noch wahrnehmen konnte und dies auch so aussprach. Müller beschließt seinen Aufsatz – im Blick auf den plötzlichen Tod – mit den merkwürdigen Worten: „Jetzt erfüllte sich sein (Mertons) Primizspruch endgültig: =Er wandelte mit Gott, dann war er nicht mehr. Denn Gott ihn hinweg genommen= Genesis, 5, 24). Mit „er“ ist übrigens Henoch gemeint, der seinen Weg mit Gott gegangen war und „entrückt wurde“. Diese seltsame Entrückung Henochs wurde Thema vieler esoterischer Spekulationen…

Darf man diese Andeutungen Wunibald Müllers mysteriös nennen? Wahrscheinlich! Wird da ein unheimliches göttliches Walten im Leben Mertons beschworen, gar etwas Schicksalhaftes? Oder wird schlicht und einfach verschwiegen, wie abgrundtief die Trauer, die Verzweiflung, über die beendete, so wunderbare Liebe zu Frau M ist? Und: Warum wäre es denn schlimm zu sagen, dass Merton voller Deprimiertheit („Ich bin am Ende“, sagt er kurz vor seinem Tod selbst) Suizid begangen hat? Wäre Merton an einem Suizid gestorben, wären er und sein Werk dann etwa weniger wertvoll? Sicher würde in der Sicht eher bescheiden denkender Menschen das Bild eines modernen Mönchs ins Wanken geraten. Und vielleicht ließen sich dann seine Bücher nicht mehr gewinnbringend für Kirche/Kloster verkaufen.

Noch ist vieles unklar: Schon 1979 schrieb Stephan Richter über die Qualität der veröffentlichten Tagebücher Mertons: „Was die klösterliche Zensur in seinen Tagebüchern alle gestrichen haben mag, erahnen wir nur“…

Jetzt muss man das alles nicht mehr alles erahnen, man bräuchte nur einige kritische Studien beachten, wie die von Mark Shaw. Er publizierte im November 2009 im seriösen Palgrave Macmillan Verlag das Buch „Beneath the Mask of Holiness: Thomas Merton and the Forbidden Love Affair that Set Him Free“. In diesem Buch wird der Klarname von Frau M. genannt und eine weitere heftig wirkende Vermutung zum plötzlichen Tod Mertons in Bangkok ausgebreitet, die wir hier nicht mehr weiter verfolgen können. Siehe: http://www.huffingtonpost.com/mark-shaw/the-thomas-merton-book-th_b_415367.html

Interessant ist, dass etliche unabhängige Denker in den USA das kritische Buch von Mark Shaw loben, so etwa der Psychologe Prof. Lewis Rambo: „This book will provide people with a new view of the deeply human, but transcendent, love story of Thomas Merton–loving God and loving a woman. [It will be] a great contribution to the spiritual journey of thousands of people.“ Dr. Lewis Rambo, Professor of Pastoral Psychology at San Francisco Theological Seminary, and conversion expert.

Warum wird von diesen Themen in Deutschland nicht gesprochen, wenn schon ein neues großes Buch über Thomas Merton erscheint?

……………..

Fußnote 1:
In dem Herder Taschenbuch „Zeiten der Stille“ (1992) hat Bernhardin Schellenberger auf knappen Raum zentrale Texte versammelt; wie schon erwähnt, alle folgenden Zitate stammen aus dem sehr empfehlenswerten Buch! Es ist leider nur noch antiquarisch zu haben. Eine Neuauflage des Buches liegt unter dem gänzlich anderen Titel „Ein Tor zum Leben ist überall“ vor. Für die dritte Auflage im Jahr 2008 (!!) „kam aus den USA der Bescheid“, so der Übersetzer und Herausgeber Schellenberger, „das vorletzte Kapitel (also „Das Wagnis, eines Menschen zu bedürfen“), also 5 Seiten mit Liebesgedichten Mertons für (seine Freundin) M. dürfte nicht mehr publiziert werden, so dass diese Ausgabe gekürzt werden musste“. Der Übersetzer und Mertonkenner Bernardin Schellenberger fügt dann scheinbar hilflos hinzu: “Ich weiß nicht, wie ich das deuten soll“. Weiß Schellenberger das wirklich nicht, wo er doch ein exzellenter Kenner der us-amerikanischen Spiritualität und auch Mertons ist?

Fußnote 2:
Thomas Merton wird sehr viel beachtet, zumindest in den USA, dort ist sein Buch von 1949 „The Seven Storey Mountain“ (=SSM) ein absoluter Bestseller, wenn man das sagen darf, hoch gerühmt, von der Kirche gepriesen als das große Buch einer wirklichen Bekehrung. Damit will die Kirche glänzen! Der Merton Spezialist Mark Shaw etwa hat aber herausgefunden, dass dieses Buch tatsächlich von der klösterlich-kirchlichen Zensur bearbeitet wurde. Shaw schreibt: „Merton himself wanted to revise his book, but was not permitted to do so, telling brother monk Father John Eudes, „it doesn’t belong to me anymore…. The fact that SSM was heavily censored is a given. Its editor, Robert Giroux, admitted it; official Merton biographer Michael Mott corroborated it; and fellow monk Father Basil Pennington, with apparent direct knowledge, confirmed it. Most important, longtime Merton friend and confidant Edward Rice criticized the publication of SSM by questioning its legitimacy when he exposed the cover-up in 1970, two years after Merton died. He reported that after Merton’s draft was submitted for publication, „Then came the immense job of editing–and castrating– the manuscript. During the year before publication a large portion, perhaps as much as one third, was either seriously altered or literally thrown away on the insistence of the Trappist censors.“ (Quelle: http://www.huffingtonpost.com/mark-shaw/famous-merton-book-must-b_b_424440.html)

Fußnote 3:

Zum Tod Thomas Mertons: Sein plötzliches Sterben in Bangkok halten kompetente Beobachter nach wie vor für ungeklärt und damit für mysteriös:

Nur wenige Hinweise, die leider in Deutschland keine Beachtung finden

1.Der Benediktiner und kompetente Forscher des Dialogs zwischen östlicher, buddhistscher, und westlicher Spiritualität Dom Jean Leclercq OSB schreibt 1969:

„How exactly did his death come about? We will never know exactly and with certitude. There are already a number of scenarios circulating—the sort of thing you expect when an extraordinary person dies. Some have begun spreading the rumor that the last moments of his life were in the presence of a statue of the Buddha. Others have suggested that he was assassinated like Martin Luther King had been. On the evening of his death two different versions were already being put forth by the media of Thailand and the United States. Papers in the United States only made mention of electrocution; those in Thailand spoke only of a heart attack. On both sides there was a desire to explain his death in such a way as to forestall certain hypotheses, none of which are all that significant. In all probability the death of Thomas Merton was due in part to heart failure, in part to an electric shock. Neither one nor the other alone would normally be fatal. The disproportion between the cause of his death and its consequences—the loss that it represents for the Church—is what makes his death both a mystery and a sign—more precisely, a God-given mysterious sign whose meaning we must strive to understand. What is certain is that God wanted him to die there and then: in Asia, at work, at the service of monasticism, of interreligious dialogue, of all humanity, of God.

Quelle: https://web.archive.org/web/20081212155450/http://monasticdialog.com/a.php?id=873

2.Andere Autoren sind deutlicher: „No autopsy was conducted on Merton’s body because of the desire to bury him on the grounds of Gethsemani“.

Quelle: http://boatagainstthecurrent.blogspot.de/2008/12/this-day-in-religious-history-contested.html

3.Schon Stephan Richter hat 1979 voller Verwunderung darauf hingewiesen, dass der „linke“ Gegner des Vietnamkrieges, Thomas Merton, „einfach so“, möchte man sagen, als Leiche ausgerechnet mit einem Militärflugzeug der USA in sein Kloster in Kentucky zurückgebracht wurde, Richter schreibt: „Und die Ironie der Geschichte wollte es, dass Merton mit einem Militärflugzeug aus dem Kampfgebiet Vietnam in seine Heimat überführt wurde- Am frühen Nachmittag des 17. Dezember kam der Leichnam in der Abtei an“. (Christ in der Gegenwart 1979, Seite 90.) Am 10. Dezember war er in Bangkok verstorben. Leider werden die Fragen nicht diskutiert:

Wie konnte der Orden das zulassen, dass ausgerechnet ein US amerikanischer Kriegsbomber den Leichnam des Friedensaktivisten Thomas Merton zurücktransportierte. Wie konnte die Ordensleitung diese doch öffentlich sichtbare Blamage ertragen? Wollte der Orden Geld sparen, indem man keine Linienmaschine, sagen wir Bangkok –New York, engagierte? Wollte der Orden ihn möglichst schnell aus Bangkok wegschaffen? Und warum? Hat sich das amerikanische Militär angeboten, den Leichnam mit einem eigenen Flieger – vielleicht gratis?_ zurückzuschaffen und vor allem fortzuschaffen, damit keine Obduktion geschieht.

4. In seinem Buch „Christian Mystics“ wiederholt der Theologe und Mystik-Spezialist Matthew Fox auf Seite 383 seine von ihm mehrfach ausgebreitete Hypothese: „Some say he (Merton) was murdered“. An anderen Stellen schreibt Fox: Vermutlich auch vom CIA… Bis heute wird Fox zu offiziellen Merton-Konferenzen in den USA als Referent eingeladen, er ist alles andere als ein Panikmacher etc…

Was bedeuten diese Hinweise:

Eine den Namen verdienende kritische Aufarbeitung des Lebens und Sterbens sowie eine kritische Herausgabe seines  Werkes haben eigentlich noch nicht stattgefunden. Zu viele Manipulationen von offizieller Seite werden sichtbar. Und neue (deutschsprachige) Publikationen verschweigen viele Themen und machen hübsch „auf spirituell“, d.h. harmlos und bloß erbaulich. Das ist üblich im katholischen Raum bzw. in katholischen Publikationen. Gerade das Oberflächliche, das Ignorieren der Fakten, aber verachtete Thomas Merton. Und nicht nur er. Allein um der Aufklärung willen befasst sich der Religionsphilosophische Salon Berlin mit solchen eher religionswissenschaftlichen Fragen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin