Georg Elser – der einzelne und seine (Ohn)Macht. Hinweise und dringende Fragen zum Film

27. Apr 2015 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Georg Elser – der einzelne und seine (Ohn)Macht

Hinweise, dringende Fragen und radikale Vorschläge anlässlich des Films

Von Christian Modehn

Einige Szenen, einige Aussagen, kann niemand vergessen, der oder die den Film ELSER (mit Christian Friedel in der Hauptrolle) gesehen hat. Diese Szenen/Aussagen/Bilder bleiben im Gedächtnis, das ist wohl das Beste, was man von einem kinofilm sagen kann. Sie werden weitere Diskussionen und hoffentlich auch Veränderungen in der deutschen Erinnerungs-Kultur auslösen.

Vorweg noch ein Hinweis zur Dringlichkeit des Themas, darum diese Ergänzung vom 29.4.2015: Mit Nachdruck erinnert der Film ELSER an die Mitläufer, die Weggucker, die Unschuldslämmer, die Dummen, die Feigen, die Frommen, die Egoisten und alle die anderen, die sich dem Verbrechen der Nazis nicht entgegenstellen, also an die Mehrheit der Deutschen damals. Und heute? Die Juristin Doris Dierbach ist die Anwältin von zwei Nebenklägern im NSU Prozeß nach mehr als 200 Verhandlungstagen. In „DIE ZEIT“  (vom 29. April 2015, Seite 4) antwortet auf  sie die Frage, ob Sie denn nun besser verstehe, warum 10 Menschen (von den Nazis) ermordet wurden: „Wir wissen heute mehr darüber, was sich abgespielt hat. Aber es steigt auch die Verständnislosigkeit. Ich hätte nie geglaubt, dass es in unserem Land eine so manifeste Nazi-Szene gibt. Ich verstehe heute auch besser, warum der NSU so lange unerkannt bleiben konnte: Weil so viele in diesem Umfeld diese Mentalität teilen“. Und ihr Kollege, der Jurist Thomas Bliwier, auch er Anwalt von zwei Nebenklägern, weist im gleichen Interview darauf hin, dass diese Nazis (NSU) Leute sich im Laufe der Jahre immer mehr radikalisierten. „Aber niemand schritt ein, weil das Umfeld das gar nicht problematisch fand“.

Es gibt angesichts der hier nur angedeuteten deutschen Zustände allen Grund, sich näher mit dem Film ELSER zu befassen:

Die Poesie

Als Georg Elser zum ersten Mal von den Nazis verhört wird und – so will es die Bürokratie – seinen Namen und sein Geburtsdatum nennen muss, antwortet er nicht direkt. Er beginnt leise, in sich gekehrt, das Volkslied „Kein schöner Land in dieser Zeit“ (Text und Musik von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, 1838) zu summen: Das ist bittere Ironie. Denn kein Land ist 1939 katastrophaler als das Hitler „Reich“. Andererseits: Poesie zeigt sich hier als Quelle des Widerstands, des seelischen Halts, als Methode, an den ewigen Wert des Menschen zu glauben, auch in dem Ausgeliefertsein an die Nazis – Bestien. Und eben als Erinnerung, dass es einmal … „das schöne Land“ gab. Die Mitläufer und alle vom Wahn Geblendeten haben dieses schöne Land, die „Heimat“, so viel beschworen, aufgegeben, verraten, zugunsten des Todes-Landes Nazi-Reich.

Das Gebet

Georg Elser, der Freigeist, betet in einer Gefängnis-Zelle. Beten sprengt den Raum. Elser sieht unter den vielen Graffitis an der Wand seiner Zelle ein Wort: JESUS CHRISTUS. Das gekrakelte Wort wird zu seiner Ikone. Er betet „Das Vater Unser“. Was denn sonst? Das Gebet, das alle religiösen Menschen immer sprechen können. Und das „Dein Reich komme“, also das Gottes Reich, können sogar Atheisten und Humanisten ersehnen und poetisch sprechen: Siehe etwa Ernst Bloch. Damit zusammenhängend: Szenen aus besseren Zeiten zeigen Georg Elser beim Schwimmen im Bodensee, wunderbare Bilder, die deutlich machen: Elser spürt inmitten der Natur, im Eintauchn ins Wassers, im Blick auf die umgebenden Berge, eine tiefe Lebensbejahung und eine Form von transzendenter Geborgenheit. Das ist religiös. Mehr braucht der Mensch kaum.

Der einzelne

Georg Elser handelt als verschwiegener, hoch begabter einzelner. Er muss Hitler aus dem Weg räumen. Er unterstützt nicht die Schlägereien, in die Kommunisten die Nazis etwa in der Dorfkneipe verwickeln. Das ist für ihn bloß wirkungsloser Aktionismus. Er will das System stürzen. Zurecht. Das ist das einzige, was weiterhilft. Keine homöpathischen Protestworte also, sondern radikales Handeln. Das kann auch der einzelne. Georg Elser tat es leid, dass sein leider erfolgloses Attentat doch auch Unschuldige (und leider nicht Hitler) in den Tod gerissen hat. Als Gefangener versucht er, seine Entschuldigung und sein Mitgefühl den Opfern und Hinterbliebenen noch mitzuteilen. In der Philosophie wird der Tyrannenmord als „ultima ratio“ ethisch verteidigt. Mord und tötende Gewalt sind als absolute Ausnahmen alles andere als alltägliche Vollzüge, wie manche Fundamentalisten heute meinen. Elser will Hitler nicht aus ideologischen, religiösen Gründen ermorden, sondern aus menschlichen. Er will die Menschheit retten, indem er Hitler tötet.

Der Liebende

Georg Elser wird als der erotisch Liebende gezeigt. Die Liebe zu den Frauen ist für ihn -poetisch gesprochen- ein Vorschein des Glücks. Interessant ist, dass der Film Elser nur als den erotisch Liebenden, nicht als den sexuell Aktiven, zeigt. Er will eine Welt, in der Liebe wieder ohne Gewalt möglich ist. Eine erotische Welt also. Rebellion lebt aus der Kraft der erotischen Liebe.

Das System rechnet nicht mit dem einzelnen

Die ihn verhören, quälen und erniedrigen aus Sadismus und im Auftrag Hitlers sind fassungslos, dass ein einzelner überhaupt noch auf die Stimme seines Gewissens hören kann. Die Nazis rechnen auch nicht damit, dass ein einzelner „kleiner Mann“ so umfassende technische Kompetenz besitzen kann, um Bomben mit Zeitzünder zu bauen! Das Verbrecher-System, wie vielleicht jedes System und Regime, rechnet vor allem gar nicht mehr damit, dass es noch Individuen mit einem lebendigen Gewissen gibt, dass es noch Menschen gibt, die ihre eigene Vernunft gebrauchen; die nicht nachplappern, die nicht um der Karriere willen schweigen und das Verschwinden der Nachbarn, der Juden, übersehen: es könnte ja den hoch heiligen Job kosten. Das Nazi-System wie jedes System glaubt, dass immer nur Organisationen mittels unfreier, gehorsamer (Partei-) Mitglieder handeln. Das Nazi –System glaubt also, dass die Gleichschaltung der Bürger, das Ausradieren ihres kritischen Bewusstseins, durch die Allmacht der Apparate und Organisationen total sein kann. Darin sind wohl alle Systeme und Regime verwandt..

Der 20. Juli

Die prominenten Widerstands-Kämpfer des 20. Juli 1944 stehen gegenüber Georg Elser eigentlich seit diesem Film sehr blass und als verspätete Akteure da. Sie kamen zu spät, viel zu spät. Elser lehrt: Nur rechtzeitiges Verändern eines verbrecherischen Systems ist überhaupt sinnvoll..

Wird man in Zukunft den Erinnerungstag, den 20. Juli, auf andere Weise begehen. Wird Georg Elser, der „einfache Mann“, in die Runde der zum Teil adligen Herren und Helden des 20. Juli einbezogen? Wie viele Schulen werden nach Elser benannt werden? Immerhin sind 56 Straßen und Wege nach Georg Elser benannt. Allerdings: Keine Straße im Zentrum des damaligen Faschismus, in Berlin. Wann wird man eine der vielen nach Bismarck benannten Alleen und Straßen z. B. zu Elser Straßen umbenennen?

Warum wurde Georg Elser so lange vergessen/verdrängt?

Dies ist die entscheidende Frage, die kritische Historiker bitte klären sollten: Falls das längst geschehen ist, bitte mich zu informieren! Meine Frage: Warum wollte die Bundesrepublik seit 1945 nichts von Elser wissen? Wollte die DDR etwas von ihm wissen? Gab es vielleicht eine stillschweigende Diffamierung in der BRD, Elser sei ja Kommunist gewesen, was ja nicht stimmt? Passte Elser also nicht ins Weltbild des Kalten Krieges?

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

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