Der Glaube ist auch Poesie? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

24. Jun 2015 | von | Themenbereich: Weiter Denken

Weiterdenken: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Der Glaube ist auch Poesie?

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Es gibt erfreulicherweise immer mehr „Poesie-Festivals“ in verschiedenen Städten, in Berlin nun schon zum 16. Mal. Gute Gedichte sind anspruchvoll, keine Frage: Sie sind Kunst. Das wäre ein Grund mehr, dass sich die Kirchen und die Theologen deutlicher als bisher für die Poesie einsetzen. Sind doch die wichtigsten Gebete in den Gottesdiensten die Psalmen, also Gedichte. Aber welche Bedingungen sollten erfüllt sein, dass sich Menschen von heute auch in den uralten Psalmen wieder finden?

Dass die Poesie auf den Poetry-Slams, sowie dem Poesie-Festival, wie es Mitte Juni in Berlin wieder gestaltet wurde, große Aufmerksamkeit findet, ist ein hoch erfreulicher Sachverhalt. Denn poetische Texte führen über den bloß instrumentellen Gebrauch der Sprache hinaus. Poetische Texte bilden die vorhandene Wirklichkeit nicht ab, sondern sie schaffen eine neue. Dazu arbeiten sie mit der metaphorischen, verändernden Kraft der Sprache. Die Poesie bewegt sich in der Umgangssprache, gibt den Wörtern aber eine andere, ein neues Denken anregende Bedeutung. Das müssten die Kirchen und Theologen eigentlich alle wissen. Denn auch die Bibel ist voller Poesie, nicht nur in den Psalmen, aber diese sind natürlich ganz besonders. Um gleich die Poesie der Psalmen ein wenig zu Gehör zu bringen –, so sind wir Menschen dort, Ps. 103, „wie Gras“ oder „wie eine Blume auf dem Felde, wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“ Solche Sprachbilder beschreiben die Wirklichkeit, aber ungleich tiefer und vor allem existentiell berührender als es die bloße Feststellung des Faktischen zu tun in der Lage wäre. Wenn wir diese Verse aus dem 103. Psalm hören, wird uns nicht nur bestätigt, was wir längst wissen, eben dass wir zerbrechliche, endliche Wesen sind. Wir werden zugleich hineingetrieben in die Frage danach, was das Ganze dennoch uns bedeuten will bzw. bedeuten könnte, die ganze Anstrengung, die das Leben immer auch ausmacht, gerade dann, wenn wir es gestalten wollen, Verantwortung übernehmen, Gutes tun. Was bleibt? Bleibt überhaupt etwas?

Die Poesie, die Verdichtung der Sprache, die sie schafft, der metaphorische, übertragene Gebrauch, den sie von den Wörtern unserer Alltagssprache macht, schließen die Welt und unsere Erfahrungen in ihr in den Bedeutungen auf, die sie für uns haben oder – wenn wir nur Augen hätten, zu sehen – haben könnten. So ist die Poesie der das Wissen und die Wissenschaft transzendierende Zugang zur Wirklichkeit.

Die Wissenschaft findet weder im Universum noch in den kleinsten Bausteinen der Materie einen Sinn. Dass sie dennoch einen solch enormen Eindruck auf uns macht, ist das Versprechen einer durch die Erfolge der Technik fortschreitenden Erlösung von der Mühsal des Lebens. Diese Erlösung tritt natürlich nicht ein und wird auf diese Weise nie eintreten. Aber der Glaube an die Wissenschaft und die Hoffnung auf die Wunderkraft der Technik leben ungebrochen fort, obwohl nur der kleinere Teil der Menschheit von ihren Erfolgen profitiert und die problematischen ökologischen Kehrseiten allzu offensichtlich sind.

Die Poesie jedoch schafft – und deshalb ist sie die größte, mit der Religion zusammengehörende Kulturleistung – einen ganz anderen, recht eigentlich erst lebensdienlichen Zugang zur Wirklichkeit. Sie klärt uns über unsere merkwürdige Stellung in der Welt auf, dabei zuletzt oft den allein noch rettenden Gott anrufend oder – häufiger – sein Schweigen beklagend.

Der 103. Psalm wendet die Erkenntnis eines Lebens, das wie Gras verwelkt und wie eine Blume auf dem Felde vergeht, in das Lob des Gottes um, dessen Gnade währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das ist keine Beschreibung einer wissenschaftlichen Erkenntnis, aber vielleicht der Impuls für die Einsicht, dass wir von Voraussetzungen leben, die selbst hervorzubringen wir nicht in der Lage sind. Sie aber geben uns das Gefühl, nicht vergeblich da zu sein und Freude an unserem merkwürdigen Dasein haben zu können.

Gerade in den Psalmen haben Menschen über die Jahrtausende diese Sprache gefunden, die das ganze Spektrum der Lebenserfahrungen in sich aufnimmt, die Erfahrungen des Glücks, des Gelingens und der Schönheit ebenso wie die der größten Not, der Verbitterung und Enttäuschung, der Verfolgung, der Gewalt und unversöhnlicher Feindschaft. Indem all diese Erfahrungen eine Sprache finden, die in unserm Innern nachklingt, öffnet die Poesie zugleich den Raum für Gedanken, die ausgreifen auf den rettenden Gott, der uns dennoch in der Welt hält.

Die Psalmen entwerfen großartige Sprachbilder für die rettende und bewahrende Gegenwart des Göttlichen in der Welt; wenn etwa der Beter des 36. Psalms ausruft: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und dein Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe.“

2. In den Kirchen wird moderne Kunst allmählich ernst genommen und auch die Musik zeitgenössischer Komponisten hat manchmal einen Platz in den Gottesdiensten. Nur die zeitgenössische Poesie kommt kaum vor im kirchlichen Raum und wird auch nicht als Inspiration für die private Spiritualität empfohlen. Welche Vorschläge hätten Sie, damit das kunstvolle Wort, das Gedicht, wichtig wird auch unter religiösen Menschen?

Wichtig wäre es zunächst einmal, überhaupt ein Verständnis dafür zu gewinnen, was es eigentlich heißt, religiös zu sein. Dass es da nicht darum geht, an Dogmen oder die Bibel zu glauben, sondern unser merkwürdiges Dasein in dieser Welt tiefer zu verstehen. Die bildende Kunst und die Musik, sie führen uns in Erfahrungen, die Resonanzräume eröffnen. Kunst und Musik sind menschliche Schöpfungen. Sie errichten Bild- und Klangwelten, deren Besonderheit darin liegt, dass sie uns zugleich uns selbst in unserem auf die Welt bezogenen Dasein erkennen lassen. Sie erzeugen eine Rückbetroffenheit, klingen in uns nach. So machen sie es, dass wir das Gefühl gewinnen, in die Welt zu passen. Ebenso lassen sie uns den Schmerz tiefer empfinden, über die Risse, Widersprüche und Unvereinbarkeiten, die durch die Welt und unser eigenes Leben gehen.

Wie die Kunstobjekte und die Musik versucht all dies auch die Dichtung zu sagen. Da sie dies mit Worten tut, zielt sie sogar direkter auf die Erfüllung des Anspruchs, den alle große Kunst erhebt und der alle große Kunst letztlich zur Sprache der Religion macht: uns Menschen über unser merkwürdiges Dasein in dieser Welt zu verständigen. Aber da die Poesie dies mit Worten, also auf diskursive Weise tut, im Unterscheid zur bildenden Kunst und zur Musik, die uns ganzheitlich, sinnlich unmittelbar anzusprechen in der Lage sind, erweist sich die Poesie oft als schwerer zugänglich – für viele Werke zeitgenössischer Kunst und Musik gilt dies freilich auch, dass sie oft hohe Anforderungen ans Verstehen stellen.

Der Vorschlag, den ich habe, der geht somit dahin, die auf den ersten Blick, aufs erste Lesen oder Hören hin, sich als schwer zugänglich erweisende Dichtung, als Chance zu begreifen, tiefer zu greifen in der Arbeit des Verstehens unseres Daseins, zu dem sie uns doch auf inspirierende Weise auffordert. Was uns die Dichtung, mehr als andere Weltdinge, erschließt, ist der Tatbestand, dass wir resonanzkräftig mit der Welt verbunden sind. Sie lässt uns immer wieder das Glück empfinden, das es bedeutet, nicht einem sinnleeren Universum ausgesetzt zu sein, sondern einer höheren, göttlichen Bestimmung zu folgen.

3. Wenn spirituelle Anregungen und Provokationen nicht nur von Psalmen oder Gebeten etwa Paul Gerhardts ausgehen: Wäre es nicht an der Zeit, so genannte weltliche, tatsächlich aber spirituelle Poesie viel deutlicher im Raum der Kirche zu platzieren? Warum also nicht ein Rilke Gedicht im Gottesdienst oder Poesie von Hilde Domin oder Rose Ausländer?

Nirgendwo besser und theologisch tiefgreifender finde ich eine religiöse Poesie, durch die ich mich über mein eigenes religiöses Gefühl verständigt empfinde, als in Rilkes „Herbstgedicht“:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Wie im Psalm 103, aber in der Sprache unserer Zeit, werden wir in diesem Gedicht auf das Bewusstsein unserer Endlichkeit angesprochen. Zugleich läuft es aber auch auf die affirmative Gewissheitsbehauptung des Aufgehobenseins in dem unendlich Einen zu.

Was bei Rilke zum Ausdruck religiöser Gewissheit wird, ist anderen Dichtern der Moderne eine offene Frage. Doch so oder so artikuliert sich in meinen Augen eine Spiritualität, die Ausschau hält nach dem Sinn, der unserem einmaligen, aber so zerbrechlichen menschlichen Leben innewohnt.

Wie das „Herbstgedicht“ von Rilke, so könnte man genauso auch das Gedicht Gottfried Benns, dem dieser den Titel „Nur zwei Dinge“ gegeben hat, ins Zentrum eines Gottesdienstes oder einer religiösen Andacht rücken.

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

„Durch so viel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du“. Die überlieferten Antworten der Religion, die Bergung und Orientierung boten, dem Ich seine Identität zuschrieben, dem Wir seinen Zusammenhalt gaben und die Vertrauensbasis für das Du schufen, sind längst vergangen. Zurück bleibt nur die ewige Frage: Wozu“.

„Das ist eine Kinderfrage“, fährt der Dichter fort und gesteht zugleich ein, dass es auf sie dennoch keine leichte Antwort gibt. „Ertrage dein fernbestimmtes: Du musst.“ Das ist die Antwort. Du bist letztendlich zu der Einsicht genötigt, dass du über deinen Lebensgang nicht allein verfügst, dass es da ein fernbestimmtes „Du musst“ gibt.

Zur unhintergehbaren Vorausgesetztheit unseres Lebens, will der Dichter sagen, können wir uns einsichtsvoll verhalten. Wir können die Zeichen, die sich in unsere Lebensgeschichte eingeschrieben haben, als die Spuren göttlicher Fügung und Bewahrung deuten.

Solche Deutung anzuregen, ist das, worum es in religiöser Rede geht. Dabei nicht nur von der Poesie der Bibel, sondern auch von zeitgenössischer Dichtung auszugehen, kann höchst anregend sein. Dies insbesondere deshalb, weil den Dichtern, die unsere Zeitgenossen sind, die traditionelle religiöse Sprache selbst zerfallen ist. Deshalb nennen sie den „Einen“, wie Rilke es in seinem Herbstgedicht tut, nicht beim Namen oder, wie es bei Benn der Fall ist, stellen sie neben den „Einen“, dem unsere Lebenszeichen sich verdanken, noch ein Zweites. Dem gezeichneten Ich droht immer auch das zweite „Ding“, die Leere, in die es stürzen könnte.

Aus der Arbeit an einer immer wieder neuen Deutungssprache und der Suche nach noch unverbrauchten Metaphern kommt die spirituelle Kraft zeitgenössischer Dichtung. In den Sprachräumen, die Poesie entstehen lässt, finden Menschen, die danach suchen, vielfältige Anregung zu einer auf Ganze gehenden und damit in religiöse Tiefendimensionen reichenden Verständigung über unser merkwürdiges Dasein.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

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