Rassismus in der Dominikanischen Republik: Tausende Haitianer werden jetzt deportiert

6. Jul 2015 | von | Themenbereich: Befreiung, Dominikanische Republik

Rassismus in der Dominikanischen Republik: Haitianer werden zu Tausenden vertrieben

Von Christian Modehn, am 6. 7. 2015

Nachtrag am 9.10. 2016: Es kommt eher selten vor, dass bedeutendere Medien in Europa auf die rechtliche Situation der Haitianer in der Dominikanischen Republik hinweisen, besonders der Haitianer, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden, also aufgrund des „ius solis“ dort dominikanische Staatsbürger sind. „Eigentlich“ sind. Denn der oberste Gerichtshof dieses Landes hat 2013 die dominikanische Staatsangehörigkeit vielen dieser „Haitianer“ aberkannt. Darauf weist jetzt der Forscher am Zentrum CNRS Patrick Weil hin, er ist Spezialist für die „Politik der Immigration“. In „Le Monde“ vom 8. Januar 2016 schreibt er auf Seite 9 im Zusammenhang mit der Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft für Menschen mit einem 2. Pass etwa aus Algerien: „Diese Entscheidung in der Dominikanischen Republik- sie ist das jüngste Geschwür der langen Geschichte von Aberkennungen von Staatsbürgerschaft –  hat nicht ausreichende Reaktionen in Frankreich und in Europa bewirkt“.

Mein text vom 6.7.2015:

Auf den Rassismus im „Ferien-Paradies“ der Karibik, der Dominikanischen Republik, haben wir auf der website des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ schon mehrfach hingewiesen. Diese Informationen gehören  zu einer kritischen Philosophie, die sich den Menschenrechten verpflichtet weiß. Weil der reaktionäre Kardinal von Santo Domingo, Herr Lopez Rodriguez, sich als heftigster Nationalist gegen die Lebensrechte der Haitianer zeigte, ist unser Interesse auch eine religionskritische Arbeit. Selbst der weltbekannte (peruanische) Autor Vargas Llosa hat angesichts der nationalistischen Dummheit von Kardinal Lopez Rodriguez Papst Franziskus im Dezember 2013 öffentlich aufgefordert, diesen alten reaktionären Herrn aus Santo Domingo endlich abzulösen (Lopez Rodriguez ist zudem  Anti-Feminist und Feind des Respekts für  Homosexuelle). Den Artikel von Vargas Lllosa lesen Sie bitte hier. Immerhin hat sich ein Priester in der kleinen dominikanischen Stadt San Francisco de Macoris, Padre Felix Rosario, ebenfalls gegen die nationalistische (also anti-haitianische) Dummheit des Kardinals öffentlich gewandt, lesen Sie einen Hinweis auf seine Kritik bitte hier. Wir hoffen, dass Padre Rosario nicht wie andere kritische Priester durch den Einfluß von Lopez Rodriguez außer Landes verwiesen wurde etc…

Unser Interesse für die Dominikanische Republik ist durchaus auch von Zustimmung geprägt, man denke etwa an unsere Berichte über das “Museo de la Resistancia“ in Santo Domingo oder über die Hilfsbereitschaft des dominikanischen Volkes beim Erdbeben in Haiti oder über das kritische Bildungszentrum der Jesuiten „Centro Bono“ in Santo Domingo usw… Und klar ist auch, dass die Regierungen Haitis sehr wenig tun, um die Würde des Volkes dort auch nur ansatzweise zu respektieren. Dabei können wir aber auch nicht auf die Kritik an Politikern und maßgeblichen Leuten in Ökonomie und Militär in der Dominikanischen Republik verzichten, die sich des theoretischen wie des praktischen Rassismus bedienen. Und die gemeine Gefühle, Anti-Haiti-Gefühle, im dominikanischen Volk wecken und fördern, bloß um dadurch als „starke Männer“ oder einflussreiche Herren der angeblich wertvollen, richtigen dominikanischen Rasse dazustehen; eine Lüge, die schon der blutrünstige Diktator Leonidas Trujillo verbreitete. Der Ungeist Trujillo lebt also weiter, er ist ja auch (erst) vor 54 Jahren ermordet worden. Die heutigen Politiker, so die Vermutung, bedienen sich des Anti-Haiti-Rassismus vor allem, um die nächsten Wahlen wieder erfolgreich zu bestehen. Ein Kenner der Dominikanischen Republik, der Journalist und Buch-Autor (auch über die Dominikanische Republik) Philipp Lichterbeck, schreibt im „Tagesspiegel“ am 4. Juli 2015, Seite 6: „Zudem schürt die dominikanische Regierung immer wieder antihaitianische Ressentiments. Im derzeitigen Manöver sehen Beobachter den Versuch von Präsident Danilo Medina, sich für die Wahlen 2016 zu positionieren. Die Medien spielen das rassistische Spiel mit“.

Offenbar „brauchen“ etliche Dominikaner den Sündenbock, genannt „Haitianer“, um das eigene soziale Elend zu verdrängen: Mehr als die Hälfte der DominikanerInnen lebt am Rande der Armut. Und das bei einem florierenden Massen – Tourismus seot Jahrzehnten, dessen Milliardeneinnahmen in die Taschen vor allem internationaler Konzerne fließen. In dieser Situation von Armut und Gewalt im eigenen Land, von Mord und Totschlag – vor allem von Frauen –  (man lese nur einmal „Hoy“ oder die Tageszeitung acento: http://acento.com.do/), in dieser Situation also ist es für die Politiker sehr wirksam, eben den Rassismus auch als Ablenkung von den eigenen Problemen im Land zu pflegen.

„Objekte“ des dominikanischen Rassismus sind – seit Jahrzehnten – die Nachbarn, die Haitianer, diese Elenden, die selbst die Armut in der Dominikanischen Republik noch vergleichsweise angenehm finden, die Haitianer also, die seit vielen Jahren auf den Zuckerrohrplantagen in der Dominikanischen Republik für einen katastrophalen Hungerlohn schufteten und schuften oder eben auf den Baustellen oder im Straßenbau. Sie werden nun offenbar nicht mehr so dringend gebraucht, man kann sie also getreu dem Ungeist des Neoliberalismus „wegwerfen“… Und sie werden seit dem 17. Juni 2015 zu tausenden deportiert: d.h. von dominikanischen Militärs an die haitianische Grenze gekarrt und dort, im anderen Teil der Insel Hispaniola, ihrem Schicksal als Staatenlose, als Menschen ohne Papiere, überlassen.

Die Dominikanische Republik zählt bei 10 Millionen Einwohnern mindestens 450.000 Immigranten aus dem Nachbarstaat Haiti. Viele Haitianer versuchen dem Hungertod im eigenen Land zu entkommen, indem sie illegal die Grenze überschreiten. 47.000 von ihnen wurden in den letzten 13 Monaten vom dominikanischen Militär wieder zwangsweise zurücktransportiert.

Seit dem 17. Juni 2015 ist aber eine neue Situation entstanden: Seit dem Tag ist das offizielle Programm der Aufenthaltsregulierung durch die dominikanischen Behörden ausgelaufen. Im Okober 2013 hatte das oberste dominikanische Gericht entschieden: Kinder, die auf dominikanischen Boden geboren werden, haben nicht mehr wie früher automatisch die dominikanische Staatsgehörigkeit. Diese neue Regelung wurde allerdings „zurückverlegt“ und gilt nun seit dem Jahr 1929: Diesen juristischen Wahn muss man sich einmal vorstellen, betroffen von dieser willkürlichen Entscheidung sind mindestens 250.000 Haitianer im Land. Sie werden zu Papierlosen, zu Staatenlosen, gemacht. Daraufhin gab es internationale Proteste, und so wurde eben von den Behörden bis zum 17. Juni 2025 die Möglichkeit geboten, sich dominikanische Papiere zu besorgen. Theoretisch jedenfalls. Praktisch haben bei dem bewussten immensen bürokratischen Aufwand nur einige tausend erfolgreich Papiere erhalten. Alle anderen sind nun von der Deportation bedroht, selbst wenn sie von altersher schon einen dominikanischen Pass haben. Dieser wurde ihnen kurz vor der Deportation eben abgenommen.

„Le Devoir“, die angesehene Tageszeitung von Montréal, Québec, bericht jetzt von einer Haitianerin: „Als das Programm der Passbeantragung begann, hat man mir eine Vielzahl von Verabredungen mit den Behörden vorgeschrieben, nach einer langen bürokratischen Prozedur ohne Ergebnis hat man dann die Frau, die in Barahona, also in der Dominikanischen Republik geboren wurde, ohne Papiere in das ihr völlig unbekannte Haiti abgeschoben…“

Und RFI berichtet von haitianischen Zuckerrohrarbeitern: „Wir werden dort auf den Zuckerrohrplantagen wie die Tiere behandelt, es gibt eine alltägliche Diskriminierung. Man sagt uns ganz offiziell rassistische Sprüche: „Haitianer haben nicht das selbe Blut wie die Dominikaner und wir sollten deswegen dahin gehen, wo unser Blut herstammt. Man hat uns plötzlich vertrieben, wir konnten nichts mitnehmen“.

In Haiti, dem Armenhaus, finden diese Vertriebenen kaum Hilfe, abgesehen von einigen ONS und kirchlichen Vereinen. In den Notunterkünften gibt es kein Wasser, keinen Strom, es gibt keinen Arzt. „Der haitianische Staat kümmert sich nicht um diese Menschen, berichtet „Le Devoir“.

Die katholische Kirche in der Dominikanischen Repubik, deren offizielle Vertreter, also die Bischöfe, nicht immer leidenschaftlich die Sache der Haitianer vertreten haben, weil sie sich offenbar mehr der „dominikanischen Ideologie“ als der christlichen Solidarität mit den Haitianern verpflichtet wussten, die katholische Kirche hat am 14. Juni 2105 in ihrer Kirchenzeitung CAMINO ausdrücklich den Respekt der Menschenrechte aufseiten der Dominikaner gefordert…Immerhin. Wird es aber wegen der Haitianer zu einem Konflikt mit der Regierung kommen? Zu einem großen NEIN gegen den Rassismus?

Der Rassismus in der Dominikanischen Republik verdient eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung. Es wäre die Vermutung zu prüfen, ob sich die Menschen auf dem kleinen Territorium der Dominikanischen Republik (so groß wie vergleichsweise Niedersachen) irgendwie – subjektiv- eingeschränkt und bedroht fühlen durch die Anwesenheit von ca. 500.000 Haitianern. Es geht also auch um die Frage, wie die zunehmende Bevölkerungsexplosion ohne wirksame Geburtenkontrolle in den armen Ländern insgesamt eine gewisse Fremdenfeindlichkeit oder sogar einen Rassismus generiert. Vor 50 Jahren lebten 4 Millionen Menschen auf dem kleinen Territorium der Dominikanischen Republik, heute sind es 10 Millionen, Tendenz steigend, zumal jegliche Selbstbestimmung schwangerer Frauen strengstens verboten ist, auch dies ein Resultat des immensen kirchlichen/bischöflichen Einflusses im Land. Nebenbei: Über Geburtenkontrolle, Geburtenplanung usw. wird ernsthaft seit Jahren kaum mehr in diesen Ländern gesprochen, so unser Eindruck. Das Elend der Frauen und Kinder in Lateinamerika wächst ständig, die Slums dehnen sich aus… Da ist es zynisch, die Armen selig zu preisen oder sich verbal an die Seite der Armen zu stellen.

Andererseits ist bei einem so sichtbaren Rassismus in einem katholischen Land zu fragen, wieweit die Botschaft der universalen Solidarität des Evangeliums „angekommen“ ist, verstanden wird. Wurde diese Botschaft überhaupt klar verkündet? Oder ist sie in der Volksfrömmigkeit, den Marienkulten, man denke an den monströsen Wallfahrtsprt Higüey, untergegangen? Warum haben so wenige die biblische Solidarität verstanden? Ist der Glaube eigentlich politisch wirkungslos? Fragen, die natürlich auch in Europa, auch in Deutschland, diskutiert werden sollten, gerade auch angesichts der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer in Europa Zuflucht suchen und so oft abgewiesen werden….

Aktuelle Informationen zum Rassismus etwa auf Französisch siehe:

http://information.tv5monde.com/info/republique-dominicaine-menace-d-expulsion-de-milliers-d-haitiens-39382

http://information.tv5monde.com/info/republique-dominicaine-250-000-apatrides-d-origine-haitienne-4568

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

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