Ungehorsam ist eine Tugend. Zum Religionsphilosophischen Salon am 24. Juli 2015

26. Jul 2015 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Ungehorsam ist eine Tugend: Zum Gespräch im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 24. 7. 2015.

Einige Hinweise von Christian Modehn. Einen ergänzenden Kommentar von Bianca Weihrauch (Berlin) finden Sie am Ende dieses Beitrags, publiziert am 11.8.2015.

Philosophie kann auch die Bedingungen schaffen für die sichere Erkenntnis, dass Ungehorsam eine Tugend ist; eine Tugend des (privaten) Individuums und eine Tugend des Bürgers, gerade heute in Deutschland und innerhalb der Macht der „Trias“, die von schwachen Mitgliedsstaaten, wie Griechenland, Unterwerfung und Gehorsam verlangen. Zur recht spricht der Philosoph Jürgen Habermas vom Verlust der Demokratie dort durch die Vorschriften der Trias; der Publizist und Ökonomie-Spezialist Harald Schumann, Der Tagesspiegel, spricht überzeugend von der Herrschaft des Stärkeren, die sich in einer Art „Protektorat Griechenland“ ausdrückt.

Und die Deutschen finden sich nun ungewollt und ungefragt, durch die Verfügungen dieser Regierung (mit Herrn Schäuble), auf der Seite der „Stärkeren“ wieder, auf der Seite derer, die eben in der Sicht prominenter Wissenschaftler und Philosophen bereits post-demokratisch agieren. Was für eine Schande für ein Land, das sich selbst erst seit 45 Jahren in halbwegs demokratisches Leben eingewöhnt. Da hilft vielleicht die Einübung in das Verständnis des Ungehorsams. Deutsche müssen sich insgesamt noch von der tief sitzenden Unkultur des Gehorsams (man lese etwa „Der Untertan“ von Heinrich Mann) befreien. Erst inmitten dieser reflektierten und (selbst-)kritischen Kultur des Ungehorsams kann dann politische Praxis möglich werden. Damit ist von Anfang an deutlich, dass auch über die Tugend des Ungehorsams differenziert gesprochen muss: Wer meint, in seinem Ungehorsam die Menscherechte verletzen zu dürfen und etwa blutige Attacken auf Ausländer und Flüchtlingsheime verübt, ist nicht „ungehorsam“, sondern ein Verbrecher.

Die zentrale Einsicht ist: Es gibt eine enge und ständige Verbundenheit von Gehorsam und Ungehorsam. Das eine gibt es nie ohne das andere. Der Gehorsame kann sich nur frei und autonom zum eigenständigen Individuum entwickeln, wenn er ungehorsam wird. Und der Ungehorsame, wenn er denn nicht in totaler egoistischer Willkür leben will, wird auf seine Art auch gehorsam sein müssen. Aber wem gegenüber? Die Antwort ist klar: Dem Gewissen oder den Weisungen dessen, was Kant den Kategorischen Imperativ nennt oder auch den Menschenrechten gegenüber. Darum ist erst der diesen Menschenrechten „gehorsame Ungehorsam“ vernünftig. Aber der Ungehorsam ist sozusagen eine Bewegung, kein Stillstand. Immer neu gilt es im Dasein, ungehorsam neu einzuüben, gerade in Gesellschaften und Verhältnissen, die Resultat eines Ungehorsams (vielleicht einer Revolution sind). Der „etablierte Revolutionär“ ist ein Widerspruch.

Für eine weitere Reflexion zum Thema ist wichtig:

Ohne Gehorsam lernt kein Mensch – als Kind – den Umgang mit der Welt. Lernen heißt auch gehorchen. Gehorsam ist eine notwendige Voraussetzung für die Anpassung des Kindes an die Welt. Aber die Ablösung von der Gehorsamshaltung muss später erreicht werden, das ist auch Aufgabe der Eltern und der Erzieher.

Der reifer werdende Mensch auf dem Weg zur Autonomie muss die Vorgaben der Autoritäten prüfen: Blinder Gehorsam darf von einem vernünftigen Menschen NICHT und niemals geleistet werden. Er muss sich von den von außen vorgegebenen Formen der Anpassung und des Befehlens lösen.

Blinder Gehorsam folgt den irrationalen Ansprüchen bestimmter Macht-Autoritäten. Wer dem folgt, „will regiert werden“ (Erich Fromm). So bildet sich der autoritäre Charakter. In der gehorsamen Anpassung an den fremden Willen muss an die alte gefährliche Regel erinnert werden: „Wer einmal selbst befehlen will, muss zuerst gehorchen können. Gehorche heute, so wirst du morgen befehlen“.

Wer blinden Gehorsam leistet, kann diese Abhängigkeit sogar allmählich normal und beglückend finden. Manès Sperber spricht davon, dass den totalitären Systemen Menschen zustimmen, „willenlos Sklave zu sein und, wenn es die Führung verlangt, zu beschwören, dass die Sonne um Mitternacht auf geht“. Die Tyrannei lebt davon, dass die Untertanen die Tyrannei bejahen und ermöglichen. Auch in den „(post-) demokratischen Bürokratien“ werden die Menschen zum Gehorsam angehalten, den sie gern leisten, ohne dabei zu bemerken, wie fremdbestimmt sie sind. Dafür gibt es viele Beispiele: Wir gehorchen (= folgen) oft unreflektiert den Propaganda- und Werbesprüchen. Wir folgen schon wie selbstverständlich und oft unkritisch den Weisungen, Wegbeschreibungen usw. der Smartphones, die wir nie aus der Hand geben und permanent gläubig-gehorsam-harrend geradezu verehrend anstarren. Wir werden zum Konformismus erzogen und merken es oft nicht einmal. Wir sollen der Mode heute folgen, die morgen schon wieder eine andere ist. Modetrends leben vom Gehorsam. Wer ständig neue Moden schafft, will unser Geld…

Die Gesellschaften und Staaten wollen den gehorsamen, d.h. den folgsamen und bitte möglichst kritikfreien „stummen“ „Bürger“. Er soll dem System zustimmen und glauben, wenn Politiker als verlängerte Stimmen der internationalen Konzerne behaupten: „Es gibt keine Alternative“ zu dem, was die Konzerne und Weltbank usw. behaupten. Das System hat Interesse daran, die Bewohner eines Staates zu vereinzeln, jeder wird in vielen Bereichen zu einer Nummer. Jeder lebt für sich allein. Da kann dann Ungehorsam als gemeinschaftliche Aktion nur schwer entstehen. „Damit eine Herrschaft total sein kann, müssen alle Menschen einander entfremdet, ja einander Feind werden“, so Manès Sperber.

Eine Erinnerung an Kants Schrift von 1784, „Was ist Aufklärung?“: „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es andern so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein“.

Ohne Mut gibt es keinen Ungehorsam. Mut ist die Tugend, die Ungehorsam möglich macht. „Ohne den Mut kann man eben bei sich und bei anderen dem Schlimmsten nicht wehren“ (André Comte- Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, 2001, S. 66). „Mut ist nicht Wissen, sondern Entscheidung, nicht Meinen, sondern Handeln“, so zitiert Comte-Sponville den Philosophen Jankélévitch (67) „Mut ist die Weigerung, beim Denken der Angst nachzugeben“ (S. 68). Comte- Sponville erinnert an den Aufstand des Warschauer Gettos: „Warum in solcher Lage kämpfen? Weil man kämpfen MUSS. Weil alles andere unwürdig wäre. Aristoteles schreibt: Der mutige Mann handelt aus dem Beweggrund der Sittlichkeit, aus Liebe zum Guten“ (73).

Mutig kann nur sein, wer sein Leben im ganzen sinnvoll getragen weiß von einem „Grund“, der umfassender ist als das Alltagsgeschehen. Von diesem Grund wissen wir uns immer schon getragen in unseren alltäglichen Entscheidungen. Wir leben dann von der Überzeugung, diese Entscheidung, dieses Nein, so bescheiden auch immer, ist im ganzen meines Lebens sinnvoll. Ist sinnvoller, als zu schweigen, als wegzusehen, Mitläufer zu sein. Voraussetzung für wirksamen Ungehorsam ist darum die Gruppenbildung. Und das lebt heute, auch politisch, man denke an „Podemos“ in Spanien, an Attac, an Syriza, an neue Formen des Konsumierens, des Verkehrs usw.

Erich Fromm nennt den Ungehorsam eine revolutionäre Einstellung, damit meint er die Loslösung und Befreiung, von den Bindungen an Blut und Boden, von seiner Mutter und seinem Vater, von besonderer Treue zu Staat, Klasse, Rasse, Partei oder Religion“ (in Funk, „Mut zum Menschen“, S. 129). „Der revolutionäre Charakter ist fähig, NEIN zu sagen, er ist zum Ungehorsam fähig“ , Erich Fromm.

Der ungehorsame Mensch ist auf dem Weg zur Autonomie. Aber er bindet sich in der Lösung vom autoritären Gehorsam an Werte des Humanismus. „Das einzige, wozu sich der Ungehorsame bekennen kann, ist ein universaler Humanismus“ (ebd.)

Ich denke, man muss dieser Erkenntnis den exklusiven Charakter nehmen, so, als wären wir nur höchst selten mal ungehorsam. Ich meine, wir sind immer schon im Alltag ungehorsam, wenn wir uns schon in „bescheidenen“ Entscheidungen anders verhalten als die Mehrheit. Oder wenn wir Notlügen benutzen, einen inneren Vorbehalt haben und den auch ausleben usw. Nur wenn wir erkennen, dass wir immer schon ungehorsam waren und sind, entdecken ir die schon vorhandene Energie, bei wichtigen Themen ungehorsam sein. Der Geist als das Überschreitende, Transzendierende, ist wesentlich ungehorsam. Das hießt: Wir sind mit unserem Geist wesentlich immer schon ungehorsam.

Aber, noch einmal, nicht jeglicher Ungehorsamist in sich schon wertvoll. Auch der Terrorist glaubt in seiner irrigen Sicht ungehorsam sein zu dürfen. Maßstab des humanen und vernünftigen Ungehorsams sind humanistische Werte. Wir meinen konkreter: Die Menschenrechte, deren Respekt auch die individuelle Befreiung fördert.

Dieser Maßstab gilt selbstverständlich auch für die Religionen: Kadavergehorsam etwa darf es in keiner Religion, die den Naen verdient, geben, in keiner Kirche und Gemeinschaft. Im Jahr 1558, zwei Jahre nach dem Tod des Ordensgründers, des Ignatius von Loyola, wurde vom Papst die Ordensregel der Jesuiten approbiert, darin heißt es zum Thema Kadavergehorsam: „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen muss, als sei er ein toter Körper, Kadaver, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie ein Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn der benutzen will.“ (Deutsche Übersetzung von Peter Knauer SJ).

Heute sind die Jesuiten offenbar weit entfernt, noch den Kadavergehorsam zu respektieren. Kritische Geister sind unter den Jesuiten heute zahlreich. Aber immer noch haben sie ein eigenes Gelübde, das den besonderen Gehorsam gegenüber dem Papst betont. Aber es gibt Gruppen in den Kirchen, vornehmlich der römischen, die den blinden Gehorsam immer noch praktizieren, da könnten genauere Studien etwa zu den „Legionären Christi“ oder dem „Opus Dei“ vieles deutlich machen.

Es wäre eigens über die biblischen Mythen zum Thema Gehorsam zu berichten, etwa über die Bereitschaft Abrahams, seinen viel geliebten Sohn Issac auf Gottes befehl hin zu töten, zu opfern. Es wäre vor allem darauf hinzuweisen, dass diese Kindestötung durch den Eingriff eines Engels verhindert wird. Beginnt damit in Israel eine Geschichte der Gewaltfreiheit und der Abwehr, die eigenen Kinder zu töten? Im Buch der Richter im AT wird im 11. Kapitel noch berichtet, wie der Richter Jiftach seine Tochter tötet, und diese sogar zustimmt, weil es sich um ein Gott wohlgefälliges Opfer handelt. Das Buch der Richter wurde in dieser Form etwa um 450 vor Chr. geschrieben bzw. zusammengestellt!

Ein weiteres Thema wäre: Ungehorsam als Quelle der Kreativität. Künstler können ohne Ungehorsam (gegen vorgebene Trends und Traditionen, man denke an die Sezessionen) gar nicht leben. Viele Künstler müssen heute hingegen „gehorsam“ sein und den Moden der Kunst entsprechen, um über-leben zu können. Und auch in der Wissenschaft ist das Nein zu dogmatischen Überzeugungen der Sprung in eine Qualität der Forschung. Selbst die Theologie hat das Nein und den Ungehorsam nicht ganz vergessen: Was wäre die Reformation ohne den Ungehorsam Martin Luthers zum römischen System? Werden die religiösen Menschen, auch die Christen, den Ungehorsam heute nicht nur theoretisch wieder entdecken, sondern auch praktisch leben, in der Ökumene etwa, und einfach bestehende Kirchen-Gesetze (wie das Verbot eines ökumenischen Abendmahls) überspringen und beiseite schieben? Es sieht aber nicht danach aus, dass dieser Mut und dieser Ungehorsam zumindest im ängstlichen und gehorsamen Deutschland eine Chance hat. Das Reformationsjubiläum 2017 könnte ja auch ein Jahr des reformatorischen Ungehorsams sein. Aber daran denken vielleicht einige, sie wollen sich als gut bezahlte Kirchenfunktionäre nur nicht ihre Karriere verderben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

BIANCA WEIHRAUCH sendet diesen Kommentar:

Beim Lesen Ihres Textes fiel mir immer wieder das bekannte kleine Essay

„Empört Euch!“ von Stéphane Hessel ein, wegen des Aufrufs zum Ungehorsam

gegen jene Systeme, die unsere Menschenrechte gefährden und auch wegen

seines klarsichtigen Hinweis (der ja auch so in unserer Diskussion

betont wurde), dass man sich in unserem heutigen globalisierten und

digitalisierten Zeitalter nur noch in einem Bereich entschlossen

einsetzen muss und kann, da die Gesellschafts- und natürlich auch die

Herrschaftsstrukturen für etwaige „Pauschal-Revolutionen“ viel zu

Komplex geworden sind.

Ich denke gerade dieses Büchlein ist eines der wenigen, das unsere

Generation dazu veranlasst hat, für grundlegende Werte einzutreten und

unsere Meinung zu vertreten. Deshalb wollte ich es hier gerne noch

einmal anmerken.

Auch den Gedanken, dass wir Deutschen den Ungehorsam erst einüben müssen

fand ich interessant. Ich hatte das Buch „Ungehorsam als Tugend“ von

Peter Brückner gelesen, der sogar von einer „Pathologie des Gehorsams“ als

endemische deutsche Krankheit gesprochen hatte (da ich Freunde in Irland

und Frankreich habe, die über die „preußische“ Gehorsamsmentalität nur

lachen, kann ich diese Definition leider bestätigen).

Ich denke, dass unsere heutige Arbeitswelt im ach-so-reichen und

international herausragenden Deutschland, dazu beiträgt, diese

Mentalität zu verschärfen. Dazu der Hinweis auf den folgenden Artikel:

http://www.zeit.de/karriere/2015-05/generation-y-mythos-leiharbeit-befristetung-unbezahlt-praktika/komplettansicht?print=true

 

 

 

 

 

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