Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv. Philosophisches zur Bischofssynode

3. Okt 2015 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik

Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv: Zur Bischofssynode in Rom (4. – 25. Oktober 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer die gegenwärtige „Lage“ der Welt vor Augen hat: Syrien, Ukraine-Russland, Flüchtlinge, Elend, Kinderarbeit, Ökokatastrophen, Missachtung der Menschenrechte weltweit, Korruption, Völkermord und so weiter und so weiter, der wundert sich, dass am 4. Oktober 2015 im Vatikan aus aller Welt ca. 260 Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle, zusammenkommen, um über „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ zu debattieren. Haben diese Prälaten kein wichtigeres Thema, haben sie keine Ideen mehr, wie der Menschheit in der Krise geholfen werden könnte? Vielleicht haben sie wirklich keine hilfreichen Vorschläge… Und reden lieber über das genannte Thema.

Wie auch immer: Diese Synode mit dem Papst als Vorsitzenden und Letzt-Entscheidenden wird, so berichten Insider weltweit einmütig, trotzdem ein wichtiges Ereignis sein, das den Weg der römischen Kirche und das Schicksal des eher reformfreudigen Papstes Franziskus bestimmen wird. Deswegen ist diese Synode auch für religionskritisch Interessierte von Bedeutung.

Warum also wird dieses im ganzen doch nicht absolut relevante Thema in Rom debattiert? Weil die Bestimmung dessen, was Familie ist, und damit, was Sexualität und Kindererziehung und Partnerschaft bedeuten, die allerletzte Bastion ist, die die römische Kirche noch als ihr eigen betrachtet: Die Gesetzgebung der Staaten kann die Kirche nicht mehr, wie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert, mitbestimmen. Zum Frieden kann sie zwar immer wieder mahnen, aber sie kann keinen politischen Frieden schaffen. Und selbst das subjektive Glaubensbewusstsein der einzelnen kann die Kirchenführung nicht mehr beeinflussen. Zahllose Umfragen haben ergeben: Die Katholiken halten sich de facto nicht mehr an die Gebote der Ehe – und Sexualmoral. Sie sind darüber – „Gott sei Dank “ hinausgewachsen. Trotzdem reden mehr als 250 ältere Prälaten erneut über diese starre fixierte Ethik, an die sich fast niemand mehr hält. Irgendwie wollen die konservativen Kirchenführer diese veralteten Moralvorstellungen am liebsten den Katholiken vielleicht einimpfen…Heftige Debatten wird sicher das öffentliche coming-out eines Priesters, Theologen und Mitarbeiters in der obersten vatikanischen Glaubensbehörde (Chef: Kardinal Müller) in Gang bringen: Der aus Polen stammende Priester Krzysztof Charamsa hat sich am 3. Oktober 2015 als homosexuell geoutet und sich mit seinem Partner öffentlich gezeigt, siehe auch Fußnote 2 unten.  Der Theologe Charamsa ist zweifellos eher dem theologisch-konservativen „Lager“ zuzurechnen, er studierte u.a an der bekanntermaßen konservativen Hochschule von Lugano (eng mit den Neokatechumenalen verbunden) und war bis zuletzt als Dozent an der Universität des Ordens „Legionäre Christi“, Regina Angelorum, in Rom, tätig. Die „Legionäre“ nehmen bekanntermaßen nur konservative Theologen in ihre Universität als Dozenten auf. Diese theologische Orientierung Charamsas ist für die konservative Kirchenführung ein um so größerer Schock.

Jedenfalls, Tatsache ist: Die römische Kirche hat jetzt de facto alle äußere Macht und damit allen „Glanz“ verloren, die sie im Mittelalter, bis über die Französische Revolution hinaus besaß. Wenn nun die Kirche jeglichen Einfluss auf die „Familienfrage“ und auf die Vorschriften zur Sexualität verliert, dann steht sie in der Öffentlichkeit definitiv arm und förmlich nackt da. Sie ist dann nur noch eine spirituelle Organisation. Aber welche Spiritualität hat sie zu bieten? Das ist ein anderes Thema.

Hat die Kirche zur Familie und dem weiten Umfeld der Sexualität nichts mehr zu sagen, dann ist das Mittelalter definitiv zu Ende. Davor haben die Prälaten natürlich Angst.

DESWEGEN kämpfen die konservativen Kleriker in Rom jetzt besonders heftig um den Erhalt der letzten noch verbliebenen kirchlichen Machtansprüche für „die Welt“, also für „die Familie“. Und diese Kleriker verunglimpfen in ihrem Kampf jene, die, etwas sich aufgeschlossener zeigen und durchaus ein bisschen Verständnis für Veränderungen in der Ehe-„Lehre“ und im Tolerieren der „Homosexuellen“ haben.

Tatsache ist: Selten wurde in solchen Schlammschlachten von konservativ-reaktionärer Seite auf die halbwegs noch etwas aufgeschlossenen Kleriker eingedroschen. Es würde im Rahmen der für unseren Philosophischen Salon selbstverständlichen Religionskritik zu weit führen, alle diese Attacken zu dokumentieren. Man wird ihnen vom 4. Oktober erneut vom Vatikan aus begegnen, falls denn eine objektive Berichterstattung gelingt und nicht nur offizielle Propaganda von kirchlicher Seite als „Information“ verabreicht wird.

Was erstaunt ist: In einer Zeit, in der gebildete Menschen äußerst zurückhalten sind, wenn es gilt, inhaltlich fest beschriebene Wahrheiten als gültig für alle und immer hinzustellen, treten konservative Kleriker, ohne vor Scham zu erbleichen, möchte man sagen, auf und verfügen: Unsere inhaltlich präzise Meinung ist die Wahrheit für alle und für immer. Vor allem sehen sie sich förmlich auf der Seite des „lieben Gottes“ und haben keine Angst, ein dermaßen verdinglichtes Gottesbild zu propagieren! Wann gibt es nicht den Aufstand der Mystiker gegen diese unsäglichen Gottesbilder, wenn etwa Kardinal Sarah sagt: „Unsere Wahrheit stammt von Gott selbst!“ Man lese die Stellungnahme des aus Guinea stammenden Kurienkardinals Robert Sarah, er ist der oberste Chef in allen Fragen, die Gottesdienste (Liturgien) betreffen. Sarah hat jetzt ein Buch verfasst mit dem eindeutigen Titel „Gott oder Nichts“. Also kurz zusammengefasst: „Wer meinem Gott nicht folgt, landet im Nichts“. Oder: „Wer meinem Gott, er ist der einzig Wahre, nicht folgt, zerstört sich selbst, zerstört die Kirche, zerstört die Welt“. Dabei nimmt Kardinal Sarah das Neue Testament wortwörtlich, in diesen vielfältigen und z. T. widersprüchlichen Texten spricht für ihn Gott selbst, behauptet er, weil es ihm in seinen eigenen ideologisch-politischen Kram passt! Und der heißt: Die alte Ordnung der Hetero-Ehe muss streng bewahrt bleiben. Dabei müsste er wissen, dass die Hetero-Liebesehe eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts ist, die jetzt als DIE Ehe in manchen Kreisen Europas gilt. In Afrika ist diese europäische Liebesehe des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Realität, auch in Lateinamerika hat eine katholische Frau normalerweise 5 Kinder von 3 verschiedenen Männern. Die Frau allein kümmert sich um die Kinder. Werden diese Menschen jemals zur förmlich in Rom heilig gesprochenen Liebesehe des 19. Jahrhunderts finden? Oder wären nicht ganz andere Fragen wichtig? Wie kann die Gesellschaft so gerecht gestaltet werden, dass Frauen und Kinder und auch die Väter wenigstens ein Minimum an Menschenrechten genießen dürfen? Aber Nein, die Kardinäle reden über Wiederverheiratet-Geschiedene. Darf man aus philosophischer Sicht erneut sagen? Das ist angesichts der „Lage“ der Welt geradewegs lachhaft, wenn nicht skandalös; zumal: wenn man auch bedenkt wie viele Millionen Dollar diese Synode an Unkosten verursacht, von den weltweiten Flügen und ihren ökologischen Implikationen der aus allen Ländern anreisenden Prälaten einmal ganz abgesehen.

Wenn das Wort nicht so abgegriffen wäre: Kardinal Sarah vertritt puren FUNDAMENTALISMUS. Merken wir uns: Es gibt ihn also nicht nur in islamischen oder hinduistischen Kreisen…

Es ist bezeichnend, dass dieses Buch „Gott oder Nichts“ im September 2015 im Schloss der Frau Fürstin von Thurn und Taxis in Regensburg vorgestellt wurde, das Vorwort schrieb kein Geringerer als der Intimus Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, der wohl immer noch zusätzlich als Sekretär von Papst Franziskus tätig ist (1). Da schreibt also der engste Mitarbeiter des etwas aufgeschlossenen Papstes Franziskus ein Vorwort in einem Buch, das sich zumindest indirekt entschieden gegen Franziskus selbst richtet. Eine hübsche Geschichte vom „Hofe“ (früher soll ähnliches am Hofe Ludwig XIV. passiert sein). Aber wichtiger ist, dass dieses Buch von Kardinal Müller, einst Regensburg, jetzt oberster Glaubenswächter im Vatikan, bei der Fürstin vorgestellt wurde. Da sieht man, was sich da an Connections im Vatikan gegen Franziskus zusammengebraut hat. Zu Kardinal Sarah, der ebenfalls durch seine Anwesenheit die Fürstin erfreute, (auch Martin Mosebach war selbstverständlich dabei und der Bruder des Papstes Emeritus, also der einstige oberste Regensburger Domspatz Georg Ratzinger). Zum Buchautor Kardinal Sarah bemerkt Hannes Hintermeier in einem wertvollen Beitrag in der FAZ (am 3.9.2015): „Bei der nächsten Papstwahl dürfte Sarah zu den „papabile“ zählen. Mit siebzig Jahren ist er in einem Alter, in dem man in der Kurie zur Kategorie „Hoffnungsträger“ zählt“.

Ein Hoffnungsträger in der Sicht Roms also, dieser Fundamentalist, der Denker in Kategorien des „Alles oder Nichts“, Verzeihun:  „Gott oder Nichts“. Sandro Magister, Vatikan-Spezialist, berichtet über ihn in La Repubblica“, wir zitieren Sarah in einer Übersetzung: “Homosexual unions are completely against God’s plan, which was to create man and woman who complement one another perfectly. And the family and the future of society comes from this [hetrosexual] union. A homosexual union has no future, it does not create life . . .”

Warum werden solche Äußerungen nicht als Volksverhetzung erkannt? Warum wird Herr Sarah wegen dieser Diffamierung Homosexueller nicht angeklagt? Die Antwort dürfte bekannt sei: Es handelt sich eben um Äußerungen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft, diese Äußerungen muss die Glaubensgemeinschaft selbst regeln, da darf sich kein Gericht einmischen. Das sind noch Restbestände mittelalterlichen Denkens, von der eigentlich in zivilisierten demokratischen Ländern gültigen Laizität ist da wenig zu spüren!

Der AFP Pressedienst (Autor: Jean-Louis Vaissiere, am 28.2.2015) bietet weitere Zitate von Kurienkardinal Sarah: „Gott hat sich deutlich über Homosexualität ausgesprochen. (…) Wenn ein Prälat sich gegen die Offenbarung stellt, ist das seine Sache, aber wir werden auch weiterhin unterstreichen, was Gott von Homosexualität hält. Das bedeutet nicht, dass man diese Menschen nicht pastoral begleiten muss“, sagt Sarah. Offenbar geht die Begeleitung dahin, dass sie ihre Homosexualität, nach allerlei drangsalierenden „Therapien“, aufgeben.. Sarah fährt fort:

„Das gleiche gilt für die bürgerlich wiederverheirateten Geschiedenen: Da gab es eine Erklärung des Katechismus der Katholischen Kirche und eine starke Aussage von Johannes Paul II (…), dass es nicht möglich ist, wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu geben. Dennoch muss der Priester diese Menschen begleiten, sie ermutigen, zur Messe zu gehen und ihren Kindern eine christliche Erziehung zu geben“, fügt er hinzu.

Direkt auf die Debatten der Synode bezogen, warnt Sarah vor einem nicht-fundamentalistischen Verständnis der Bibel, denn diese enthält ja wie alle wissen, die direkten Äußerungen Gottes: „Wie soll man verstehen, dass katholische Pfarrer die Doktrin, das Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche zur Homosexualität, Scheidung und Wiederheirat zur Abstimmung freigeben?“

Und Kardinal Sarah tut so, als wäre eine Neuinterpretation der katholischen Doktrin über die Homosexualität z.B. ein Abfall vom Glauben, den möglicherweise dieser Papst mitzuerantworten hat. Da sagt Sarah wie in einer Drohgebärde: „Ich versichere feierlich, dass die afrikanische Kirche stark sein wird gegen jede Rebellion gegen die Lehre von Jesus und dem Lehramt! Wie kann eine Synode die beständige Lehre von Paul VI, Papst Johannes Paul II und Benedikt XVI. revidieren wollen? Ich setze mein Vertrauen in die Treue von Franziskus.“

Das heißt: Der Reaktionär aus Guinea rechnet damit, dass die Synode die angeblich ewige Lehre Gottes aufgeben könnte. Er hofft aber, deutlich in seiner Zweideutigkeit, „auf die Treue von Papst Franziskus“. Was meint da Treue von Papst Franziskus: Treue zum reaktionären Flügel der afrikanischen Kirche? Oder gar noch tief greifender: „Treue zu Evangelium“? Sarah unterstellt also, dass der Papst dem Evangelium untreu werden könnte, also ein Ketzer werden könnte. Das Klima in der römischen Kirche ist vergiftet, vor lauter Wahrheitsbehauptungen und dem Wahn, auf der Seite Gottes zu stehen, hat sich römische Kirche wie in einem riesigen Netz verklammert. Wie löst man eigentlich ideologisch-wahnhaft bedingte „gordische Knoten“? Martin Luther wusste es noch.

Diese Hinweise zeigen, dass der Streit um die angeblich absolute Wahrheit die alten wackeren Herren in ihrem römischen Barock-Palästen förmlich aus dem Häuschen bringt, die Emotionen steigen, der Hass, die Ablehnung. Manche Beobachter sprechen von einer Spaltung der Institution der Kirche, die die schon längst de facto bestehende theologische Spaltung der römischen Kirche in reaktionär und ein bisschen aufgeschlossen nur institutionell deutlich machen würde. Dann könnten sich die Piusbrüder wenigstens dem offiziell reaktionären vatikanischen Flügel anschließen.

Aber so weit wird es wohl nicht kommen: Der Papst als der oberste definitive Entscheider, als der absolute Herr des letzten Wortes, wird um des lieben (angeblichen) Friedens willen, den Konservativen und Reaktionären recht geben und weitere, etwas progressivere Entwicklungen auf spätere Jahre (Sankt Nimmerleinstag) verschieben. Er wird nachgeben müssen, um selbst in diesem heißen Kessel aus Polemik und Hass zu überleben. Mächtig sind ja bekanntlich in jeder Hinsicht immer die Konservativen. Weil sie eben nur alte „Wahrheiten“ wiederholen müssen, weil sie nur die alten Autoritäten zitieren müssen. Die Reaktionären brauchen nicht zu argumentieren, sie müssen alte Texte nur zitieren. Das ist, nebenbei, ein interessantes philosophisches Thema, das sich im Blick auf die Synode erneut zeigt.

Papst emeritus Benedikt XVI. wird aus der Nähe seinen geschulten Blick auf die Synode werfen und über Herrn Gänswein einige Worte, direkt oder indirekt, verbreiten. „Macht weiter ihr lieben Konservativen, kämpft den guten Kampf“ wird er sagen.

Philosophisch ist dieser Vorgang interessant, weil er zeigt, auf welch einem so wenig reflektierten, um nicht zu sagen blamablen theologischen Niveau sich die maßgeblichen vatikanischen Herren und Glaubenslehrer bewegen. Herr Sarah hat ja als junger Kleriker zahlreiche Studien in Rom absolviert. Und diese mit diesem jetzt sichtbaren „Erfolg“ bestanden. Wie soll sich auch jemand von ewigen Wahrheiten befreien, dem Jahre lang in allen theologischen Fakultäten Wahrheit und nichts als Wahrheit eingepaukt wurden. Sarah und die anderen römischen Wahrheitsfanatiker sind nur das sichtbare Ergebnis einer in sich schon hoch problematischen (um nicht zu sagen arrogant-verkorksten) offiziellen Theologie, einer Theologie des Hofes, der Curia romana.

Interessant wäre auch eine öffentliche, interdisziplinäre Debatte: Warum sind so viele Afrikaner gegen den menschlichen Respekt für Homosexuelle? Wer erzeugt diesen Hass, dieses Morden homosexueller Menschen? Wer tritt eigentlich für sie ein? Wer schützt homosexuelle Menschen in Kenia, Uganda, Simbabwe und so weiter? Doch wohl nicht katholische oder pfingstlerische Gemeinden? Aber erhalten diese nicht viele Spenden aus Europa? Spenden da etwa noch gebildete Europäer für diese Verächter der Menschenwürde? Warum müssen die Kirchenführer Afrikas, auch Kardinal Sarah, diese rassistische homophobe Ideologie ihrer Staaten wichtiger nehmen, diesen irren Wahn, als die humanistische Menschenfreundlichkeit, die ja ein bisschen wohl auch im Neuen Testament durch die Gestalt Jesu repräsentiert wird? Wie verblendet sind diese alten Herren? Gibt es da noch Hoffnung auf Licht, auf Aufklärung, fragen sich philosophisch Interessierte? Gibt es Hoffnung auf einen schwachen Sieg der Philosophie der Aufklärung? Man lese bitte „unbedingt“ Kants Schrift „Über die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Man erkennt dann: Die faktisch bestehenden Religionen mit ihren so vielfältigen angeblich absoluten Wahrheiten sollten durch das Licht der Vernunft „gereinigt“ werden, also zur Menschlichkeit finden, zum humanen Maß. Dann ginge es etwas menschlicher zu in dieser Welt. und in unserer Sicht: Jesuanischer! Aber wird außerhalb kleine philosophischer Kreise noch über eine moderne Religion der Vernunft debattiert? Hat die christlich orientierte Vernunft-Religion noch eine Chance? Vielleicht wäre eine moderne liberale Theologie der Ort dafür.

(1) In seinem Vorwort tut Gänswein so, als wäre das Buch Sarahs eine hübsche und harmlose Geschichte eines alten afrikanischen Prälaten: Tatsächlich vertritt Gänswein erneut – wie der Buchautor – die offizielle römische traditionelle Theologie der völligen Unwandelbarkeit der katholischen Lehre: „Es wäre falsch, dieses Buch als einen Beitrag zu einer ganz bestimmten Debatte oder eine Erwiderung auf konkrete Standpunkte anderer zu lesen. Damit würde man der Tiefe dieser Theologie und der Strahlkraft dieses bewegenden Glaubenszeugnisses nicht gerecht. Kardinal Sarah geht es gerade nicht um die einzelne Konfliktfrage, sondern um das Ganze des Glaubens; er beweist, wie aus dem richtig verstandenen Ganzen auch das Einzelne zu verstehen ist – und wie, umgekehrt, mit jedem theologischen Versuch, Teilfragen zu isolieren, auch das Ganze beschädigt und geschwächt wird. Mag sein, dass Politik die Kunst des Machbaren ist, die Fertigkeit des Kompromisses unter sich ständig wandelnden Bedingungen; die christliche Botschaft aber kann niemals Verhandlungsmasse sein. Sie ist uns anvertraut und kann nur unverfälscht ihre heilbringende Wirkung in der Welt entfalten – auch und gerade in der Welt von heute“. Vatikanstadt, am Gedenktag Jean-Marie Vianneys, des heiligen Pfarrers von Ars, am 4. August 2015 + Georg Gänswein

(2) Der Vatikan-Theologe Krzysztof Charamsa betont: „Die Kirche ist im Vergleich zu dem Wissen, das die Menschheit inzwischen hat, zurück geblieben“, sagte der 43-Jährige Priester und Theologe Krzysztof Charamsa. „Es ist nicht möglich, noch weitere 50 Jahre zu warten. Die katholische Kirche müsse hinsichtlich gläubiger Homosexueller „die Augen öffnen und verstehen, dass ihre Lösung, totale Abstinenz und ein Leben ohne Liebe zu leben, unmenschlich ist“. Der polnischen Ausgabe des Magazins „Newsweek“ sagte Charamsa, der Klerus sei „überwiegend homosexuell und traurigerweise auch homophob bis zur Paranoia, weil es an Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung mangelt“. Er wolle die Kirche nicht zerstören, sondern ihr helfen. „Mein Coming Out soll ein Appell an die Bischofssynode sein, ihr paranoides Handeln gegenüber sexuellen Minderheiten aufzugeben“, sagte er weiter. Charamsa sagte dem „Corriere della Sera“, die homosexuelle Liebe sei eine „familiäre Liebe“. Überdies habe er das Gefühl, dass er ein „besserer Priester, der bessere Predigten hält“, geworden sei, seit er zu seiner Orientierung stehe. (afp)

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