Macht Arbeit Sinn? Zum neuen „Philosophie Magazin“

Macht Arbeit Sinn? Ein Themenschwerpunkt im „Philosophie Magazin“, Ausgabe Oktober 2015

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das „Philosophie Magazin“ erscheint leider nur alle 2 Monate. Die Leidenschaft fürs Philosophieren muss wohl noch erheblich in Deutschland zunehmen, damit wir auch hier – wie in Frankreich – monatlich auch durch Zeitschriften ins Fragen, ins philosophische Fragen, kommen… Das wird wohl erst möglich werden, wenn der Philosophie Unterricht an den Schulen viel weitere Verbreitung und größeren Respekt findet. Und die „philosophischen Cafés“ mehr Verbreitung finden und mehr Ansehen genießen und etwa als eigenständige kulturelle Basisinitiative gefördert werden und öffentliches Interesse finden. Es gibt in Deutschland etliche Literaturhäuser, aber kein einziges „Haus der Philosophie“…

Immerhin: Jedes Heft des Philosophie Magazins bietet auf 100 Seiten eine vielfältige Fülle von Anregungen, ins eigene Denken zu gelangen. Und dies natürlich nicht als eher belangloses „Hobby“. Das eigene kritische und selbstkritische Nachdenken bietet Orientierung und die Fragen, die zu Antworten führen rufen wiederum weitere Fragen wach und so weiter.

Der thematische Schwerpunkt heißt diesmal „Macht meine Arbeit noch Sinn?“ Die Frage ist dringend, und darauf weist Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur, einleitend hin: Im Anschluss an Einsichten Dostojewskis aus dem sibirischen Arbeitslager betont er, dass „das Bewusstsein dauerhafter Sinnlosigkeit“ auch und gerade in der eigenen Arbeit erlebt, nicht ertragen werden kann. Und er weist auf die Tätigkeit der heutigen Finanzmanager hin, die nichts tun als Geld hin und her zu schieben per Computer-Knopfdruck „ohne etwas zu produzieren oder irgendjemandem benennbar zu nutzen“. Und Wolfram Eilenberger deutet politische Implikationen an: „Vielmehr geht die Sage, hinter diesem Geld-Geschiebe versteckten sich in Wahrheit tausend kleine Verbrechen“. Diese Erkenntnis möchte der Leser gern vertiefen. Sie ist auch philosophisch, weil ethisch, und würde zur vollständigeren Antwort die Zusammenarbeit mit Politologen und Verbrechensforschern implizieren. Diese neuen Bündnisse von Philosophie mit anderen Wissenschaften wären nicht nur reizvoll, sie könnten die Philosophie aus der naturgemäß eher abstrakten Argumentation herausführen; Philosophie würde so wieder mehr „ihre Zeit in Gedanken fassen“ (Hegel), also durchaus mehr mit empirischem Material „arbeiten“.

Die weiteren Hinweise von Wolfram Eilenberger sind wichtig: Nach diesem eher sehr wenig Sinn stiftenden Job, etwa an der Börse, „reißen sich“ sehr viele Bewerber. Sie suchen persönlich mit Luxus-Gehältern überhäuft zu werden. Und das ist für sie wichtiger als eine sinnvolle Arbeit. Denn Geld ist der (neue/alte) Gott, dem man sogar die eigene Sinnerfahrung und das eigene sinnvolle Leben opfert. Dieser Gedanke wird leider in dem Beitrag nicht weiter ausgeführt. Er könnte in die Richtung weisen „Für Geld tue ich alles“..

Viele dringende Fragen wirft auch der Beitrag „Macht meine Arbeit auch Sinn?“ auf, verfasst von Nils Markwardt. Auch er betont: „Der Sinnlosigkeitsverdacht der Arbeit beschäftigt uns (heute) wie nie zuvor“. In der Dienstleistung- und Informationsbranche oder im EDV Bereich werden keine vorzeigbaren, greifbaren „Werke“ hergestellt, die – idealerweise – als das eigene Werk angeschaut, eine gewisse Zufriedenheit des Handwerkers bewirkten: „Mein Werk, geschaffen für die anderen“, ist ja das bekannte Motto von Philosophen zugunsten nicht-entfremdeter Arbeit.

Heute hingegen erleben wir die Arbeit als „Fluxus“, als fließend und ungreifbar. „Die Verflüssigung des Werkes macht die Suche nach einem buchstäblich fassbaren Sinn zusehends schwieriger“.

Ob die sinnlose Arbeit dadurch wieder an Sinn gewinnt, „weil es schwer fällt, an den Tod zu denken, wenn es Arbeit zu tun gibt“, wie Alain de Botton in dem Beitrag zitiert wird, ist philosophisch doch sehr zu bezweifeln. Vorausgesetzt, man hält die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod philosophisch für sinnvoll. Das tun ja viele nachdenkliche, nicht nur „fromme“ Leute.

Merkwürdig, zum Fragen aufregend bzw. anregend und inspirierend ist der Schlussteil des Beitrags von Nils Markwardt. Darin behauptet er, dass es doch sinnvoll sei, wenn sich in „Sachen Arbeit“ „die Frage nach dem Sinn gar nicht erst einstellt“ (S. 47). Wir sollen uns in Selbstvergessenheit in der Arbeit öffnen, ein „ozeanisches Gefühl“ würde sich dann einstellen und „ein zeitloser Funkenflug der Selbsterfülllung“ und ein „göttlicher Zustand“ . O Gott, möchte man rufen, sag diese Weisheit bitte einmal nicht nur den gestressten Frauen an der Aldi-Kasse, den afrikanischen Plantagenarbeitern in Spanien, vor allem den ausgebeuteten Landarbeitern in Brasilien (Tageslohn nach 12 Stunden Arbeit: 5 Euro) oder den ausgepowerten, miserabel bezahlten, gesundheitlich stark gefährdeten Fabrikarbeitern etwa in Bangladesh. Nur wenn philosophisches Denken sich der Not der Menschen öffnet, und die allermeisten leben und arbeiten im kapitalistischen Weltsystem höchst erbärmlich, kann es den Anspruch haben, Weisheit zu sein, also humane Orientierung zu bieten. „Der zeitlose Funkenflug der Selbsterfüllung“ und dann sogar „der göttliche Zustand, den jeder von uns bei prosaischer Tätigkeit finden kann“, diese eher poetisch-mystischen Worte sind – mit Verlaub – nichts als Opium, eingepackt in schöne Worte.

In dem Heft werden Menschen vorgestellt, die so privilegiert sind, dass sie sich aus einem langweiligen, nervtötenden und sinnlos erscheinenden Job befreien konnten und neue erfreuliche Arbeit für sich entdeckten. Eine Assistenzärztin in einem deutschen Universitätsklinikum findet bei den „Ärzten ohne Grenzen“ eine insgesamt sinnvollere, auch mehr auf Eigenverantwortung setzende Tätigkeit unter elenden Menschen des Süd-Sudans. Ein Lehrer findet seine sinnvolle Erfüllung als Koch usw. Etliche Beispiele gelungenen Berufswechsels „um des Lebenssinns willen“ werden vorgestellt. Der Leser fragen sich: Habe ich selbst noch die Chance, neu und anders zu arbeiten? Diese Frage kann er weiter reflektieren wenn er sich auf die spannenden kontroversen Vorschläge bedeutender Philosophen einlässt. Michel Eltchaninoff stellt unter anderen die Überzeugungen Hegels und Simmels gegenüber zu der Frage: Arbeiten wir, um Geld zu verdienen? Weitere Beiträge gelten der Auseinandersetzung

Arbeiten wir, ja oder Nein, um die Welt zu verändern?

Erfreulich ist es in unserer Sicht, dass sich das „Philosophie Magazin“ auch religionswissenschaftlichen Themen zuwendet, diesmal wird eine Reportage geboten „Wer ist der nächste Dalai Lama?“.

Ein ausführliches Interview mit Michel Houellebecq über dessen neuestes Buch „Unterwerfung“ wird der klassischen (uralten, gegründet 1829) französischen Kulturzeitschrift „Revue des deux Mondes“ vom Juli 2015 entnommen. Dabei erscheint, mit Verlaub gesagt, der weltberühmte pessimistisch-nihilistisch-verzweifelt- suchende Autor wie ein ewig Klagender und Jammerer. „Gott will mich nicht. Er hat mich zurückgewiesen“ ist seine Aussage, und sein Bekenntnis gipfelt „in der Angst, der puren Angst“, dass „wir“ (also das angeblich christliche Europa) von einer anderen Kultur (gemeint ist eindeutig „der“ Islam) beherrscht werden könnten (Seite 31 unten). Da stellt der Journalist anschließend schon gar keine Frage mehr, er hat seine eigene These: „Aber es gibt keine Lösung für diese Angst“. Houellebecqs geradezu nahe liegende Antwort auf diese These: „Nein, das ist pure Angst“.

Ich finde es hoch bedauerlich, dass dieses doch schon relativ alte Interviews (es wurde für die Pariser Zeitschrift Revue des deux mondes sicher schon im Mai, Juni 2015 geführt) einfach kommentarlos stehen bleibt. Soll der große Meister Michel H. auch uns Angst machen, oder? Dieses Interview aus alten Zeiten jetzt zu platzieren, ist ohnehin sehr schade, hat doch die Tageszeitung „Le Monde“ im August noch mehrere sehr differenzierte Beiträge zu Michel Houellebecqs Denken (und pessimistischen, angstvollen) Raunen publiziert. Erstaunlich ist dabei vor allem der Beitrag vom 22. August 2015, in dem die Autorin Ariane Chemin der Beziehung Houellebecqs zum Katholizismus detailliert nachgeht. Sie berichtet von seinem Besuch im Benediktinerkloster von Ligugé bei Poitiers im Dezember 2013. Im Roman „Unterwerfung“ wird auch darüber ausführlich – mit Änderung der Namen der Mönche dort – geschrieben. Mit 13 Jahren, so betont „Le Monde“, erhält Houellebecq zum ersten mal eine Bibel, später nimmt er an katholischen Gruppen „Groupe de parole chétien“ teil, geht auf Wallfahrt nach Chartres. In Paris geht er viele Jahre zur Messe, nimmt in einer Gemeinde im Montparnasse-Viertel an der Vorbereitung zur Taufe teil. In seinem Buch „Ennemies publics“ lobt Houellebecq in höchsten Tönen das Ritual der katholischen Messe… Interessant ist zudem, wenn „Le Monde“ berichtet, wie der eher konservative Bischof von Poitiers, Msgr. Wintzer, sich, so wörtlich, „als absoluter Houellebecq Fan“ outet, mit dem er per email korrespondiert, beide haben sich sogar schon getroffen. Ganz anderer Meinung ist Erzbischof Dagens im benachbarten Angouleme, er ist Mitglied des Academie Francaise und hält Houellebecq, so wörtlich, für einen Unglückspropheten, vor dem man warnen muss. Auch wenn Houellebecq meint „Gott will mich nicht“, so hat er doch gegenüber Bruder Joel von Ligugé bekannt, nicht mehr Atheist, sondern Agnostiker zu sein (Le Monde, 22. August, Seite 21). „Ich bin sicher, Michel H. ist en route, ist unterwegs“, hofft Frère Joel. „Das Kloster ist bereit, von neuem seine Arme zu öffnen für seinen berühmten Gast“, heißt es in „Le Monde“.

Nach diesem kurzen Exkurs wieder zurück zum Heft:

Mit besonderer Aufmerksamkeit sollte man den Beitrag des in Berlin lehrenden Philosophen Byung-chul Han lesen über „Das falsche Versprechen der Arbeit“ (S. 62 ff.), ein ungeheuer dicht geschriebenes Essay, ursprünglich ein Vortrag zur Ruhrtriennale am 15.8.2015. Eine zentrale These: “Die Welt ist heute ohne jedes Göttliche und Festliche. Sie ist ein einziges Warenhaus geworden…Ich bin mit der Warenwelt nicht einverstanden… Wir haben auch jede Fähigkeit zu Staunen verloren…“ Man fühlt sich in die Zivilisationskritik Martin Heideggers zurückversetzt. Immerhin hat Byung-Chul Han im Unterschied zu dem bloß klagenden Heidegger einen knappen Vorschlag, wie es besser werden könnte: „Wir sollten aus diesem Warenhaus endlich ausbrechen, wir sollten aus dem Warenhaus wieder ein Haus, ja ein Festhaus machen, in dem es wirklich zu leben lohnt“ (Seite 65). Aber: WIE wir denn nun Schritt für Schritt das Warenhaus persönlich und mit anderen in ein Festhaus verwandeln können, wird nicht angedeutet. In dieser Undeutlichkeit meldet sich offenbar Meister Heidegger zurück, der bei solchen Problemen nur eins wusste und ewig wiederholte und seine Getreuen allein ließ mit seinem Raunen: „Hören wir auf die Weisungen des Seins (Seyns), werden wir zu Hirten des Seins“ etc.

copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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