Protestantische Verteidiger der Toleranz und des Humanismus –Werden sie im Reformationsjubliäum 2017 vergessen?

Protestantische Verteidiger der Toleranz und des Humanismus –Werden sie im Reformationsjubliäum 2017 vergessen?      Hinweise zur frühen Geschichte der Remonstranten und zur Gegenwart einer nicht dogmatischen protestantischen Kirche.

Von Christian Modehn

Wenn Historiker und Theologen heute wie früher über „Toleranzdiskurse in der frühen Neuzeit“ (so ein neues Buch hg. von Friedrich Vollhardt, erschienen 2015) sprechen und über Duldung und besser noch Akzeptanz religiöser Pluralität, „dann ist es auffällig, dass die großen Vordenker der Toleranz intensive Kontakte zu den Remonstranten in Holland gepflegt haben“, schreibt Professor Yves Bizeul (Rostock) in seinem Beitrag über den Philosophen Pierre Bayle. Dass sich nach all den Kriegen und Religionskämpfen die Toleranz-Idee immer mehr dann doch durchsetzte, hat verschiedene Gründe; ein entscheidender Grund ist, dass sich der „liberale Flügel des Protestantismus“ in Holland, also die Remonstranten, als starke intellektuelle christliche wie humanistische Kraft erweisen konnten. Yves Bizeul erwähnt den großen Hugo Grotius, „er stand den Remonstranten nahe“, Bizeul nennt weiter Spinozas Verbindungen zu Remonstranten, auch Locke „der lange Gespräche führte mit dem Remonstranten Philippe von Limborch; erwähnt wird auch, dass Pierre Bayle befreundet war mit dem Remonstranten Adrian de Paets.. (Vgl. in dem genannten Buch die Seiten 205 f.)

Es gab also schon der Mitte des 17. Jahrhunderts – in Holland – eine unter kritischen Intellektuellen angesehene (kleine) protestantische Kirche, die auch humanistische Ideale als die eigenen verstand. Über die Entwicklung einer theologisch – engen lutherischen Orthodoxie im 17. Jahrhundert und später ist viel geklagt worden. Es wäre wohl hilfreich zu erinnern, dass es einmal ein protestantisch-humanistisches Christentum der Toleranz gab und auch heute noch in der Remonstranten Kirche gibt. Dies wäre auch ein Thema der Reformationsfeierlichkeiten 2017:  Humanismus und Protestantismus! Wobei der Respekt vor dem Humanismus die Hochachtung für die Menschen der jeweiligen Zeit bedeutet. Die Menschen mit ihren jeweiligen „Lebensphilosophien“ gestalten dann auch zurecht die Kirche und das Verständnis der Lehre immer wieder neu. Starrheit, Dogmatismus, Fundamentalismus kann es dann nicht geben. Debatten der Dogmatiker, etwa auf Synoden,  haben immer etwas eher Unerfreuliches, Langweiliges, Verstaubtes, Erstarrtes. Die absolute Wahrheit ist eine offene Frage, Gott gerät niemals in die Verfügung der Menschen, auch nicht der Herren der Kirche. Christen als Humanisten, wie die Remonstranten, wissen, dass alle Menschen in erster Hinsicht Fragende und Suchende sind, deswegen kann es für die Remonstranten als christliche Humanisten kein festes und starres Lehrgebäude geben, keinen Glauben an Dogmen und eben auch tatsächlich kein offiziell für alle verbindliches, in Worte gefasstes Glaubensbekenntnis. So ist es bei den remonstranten. Vielmehr wird Mut gemacht, den eigenen, persönlichen Glauben bzw. Unglauben zu suchen und auszusagen und mit anderen weiter zu befragen. Eine christliche Kirche wie die Remonstranten als Gemeinschaft der Suchenden und Fragenden: Das verbindet sie mit allen, die ähnlich humanistisch denken, etwa auch in anderen Religionen. Unter islamischen Theologen in Europa gibt es auch dafür Ansätze. Es gibt also einerseits eine Ökumene der Dogmatiker in allen Religionen, und eine (leider im Augenblick zahlenmäßig nicht so ganz starke) Ökumene der spirituell Suchenden. Warum haben solche Themen in offiziellen (irgendwie immer „orthodoxen“, d.h. dogmatisch festgelegten) kirchlichen Kreisen keine Chancen, freimütig diskutiert zu werden? Es ist so einfach Dogmen und uralte nachzusprechen, ewig zu wiederholen…

Nebenbei: Es gibt gelegentlich gemeinsame Veranstaltung der „Jungen Mitglieder des Niederländischen Humanistischen Verbandes NL“ und der „Jungen Remonstranten“. Eine Mitarbeiterin des neuen theologischen Instituts der Remonstranten an der „Vrije Universiteit van Amsterdam“, Christa Anbeek, hat etliche Jahre an der (staatlich anerkannten) „Humanistischen Universität“ von Utrecht als Dozentin gearbeitet.

Copyright:  Christian Modehn, Forum der Remonstranten Berlin.