Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

10. Okt 2015 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben

Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, Autor und beliebter Referent, hat dieser Tage sein neues Buch im Herder Verlag unter dem Titel „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“ veröffentlicht. Christian Modehn traf Prof. Khorchide am 10. Oktober 2015 in Berlin (anläßlich einer Tagung des „Humanistischen Verbandes Deutschlands“) zu einem Interview. Darin äußert sich Khorchide unter anderem auch zum Friedensnobelpreis 2015, den das tunesische „Quartett“ für den nationalen Dialog erhalten wird. Die Gruppe bemühte sich, nach dem Sturz des tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali im Jahr 2011, die Demokratie möglich zu machen und aufzubauen.

Mouhanad Khorchide:  „Der Nobelpreis für Tunesien ist ein sehr wichtiges Signal, wenn man bedenkt, dass in der arabischen Welt vor ein paar Jahr noch Regime dort geherrscht haben. Nun sieht man, dass Menschen in Tunesien in der Lage sind, sich demokratisch zu entfalten, dass auch demokratische Grundwerte dort gewürdigt werden. Das zeigt: Es macht Sinn, daran zu arbeiten. Und der Nobelpreis ist ein Symbol für andere Länder, die noch nicht so weit sind. Sie sollen sehen: Es macht Sinn für die Menschenrechte einzutreten, aber man muss selber die Veränderungen in die Hand nehmen“.

Steht diese Aussage auch im Zusammenhang mit Ihrer Theologie?

„Wir Muslime glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, gerade demokratische Grundwerte, Menschenrechte, alles, was im Sinne des Menschen steht, ist im Sinne Gottes.

Der Koran unterstreicht, dass man bestehende politische Realitäten kritisch hinterfragt. Und wenn man die heutige islamische Welt anschaut, dann wird man feststellen, es fehlen dort Menschenrechte großenteils. Da und dort gibt es Ausnahmen. Und dann ist es Aufgabe der Theologie, diese Grundwerte in den Kern der Theologie zu rücken; es geht nicht um dogmatische Sätze, sondern darum, dass praktisch die Werte der Menschenrechte umgesetzt werden.

Es gibt einen Grundsatz im Koran, in der 21. Sure, Vers 107, da heißt es: „Wir haben dich, Mohammed, lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ Barmherzigkeit in dem Sinne: Alles, was den Menschen gut tut. Das heißt: Wir können aus diesem Grundsatz der Barmherzigkeit heute die Menschenrechte genauso ableiten wie unsere demokratischen Grundwerte, weil alles, was im Sinne des Menschen ist, auch im Sinne Gottes ist. Wir glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, alle demokratischen Grundwerte, Menschenrechte, alles was im Dienste des Menschen ist, ist eben auch im Sinne Gottes.

copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon

 

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