Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann. Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann.

Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Von Christian Modehn

Der „Humanistische Islam“ in seinen verschiedenen Ausprägungen beschäftigt den Religionsphilosophischen Salon schon seit langem. Dass wir von der hervorragenden Bedeutung der kritischen Philosophie bei diesem Thema überzeugt sind, ist selbstverständlich.

2010 etwa gestaltete Christian Modehn z.B. eine Radiosendung im NDR (Reihe Lebenswelten, NDR INFO) zu dem damals in der Öffentlichkeit noch nicht umfassend bekannten Thema, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Unvergessen bleibt eine Begegnung mit dem kritischen Islam-Forscher Nasr Abu Zayd anlässlich einer Konferenz über den „Reform-Islam“ in der „Friedrich Ebert Stiftung“ in Berlin 2010. Abu Zaid war, nachdem er aus Ägypten, seiner Heimat, wegen angeblichen Abfalls vom Glauben flüchten musste, an der Universität der Humanisten in Utrecht NL als Professor tätig. Abu Zaid, geboren 1943 ist am 5. Juli 2010 in Kairo verstorben.

Er erläuterte mir noch 2010 in Berlin, wenige Monate vor seinem Tod, was denn für ihn der entscheidende, der wesentliche Mittelpunkt der Koran-Interpretation sei im O TON: „Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.

Die Autobiographie Abu Zaids, aufgeschrieben von Navid Kermani, ist schon 1999 erschienen. Im Oktober 2015 ist sie, pünktlich zur Verleihung des Friedenspreisesdes Deutschen Buchhandels, noch einmal im Herder Verlag erschienen. „Nasr Hamid Abu Zaid – Ein Leben mit dem Islam“. Aus dem Arabischen übersetzt von Cherifa Magdi. 222 Seiten, 2015.

Es gab einmal eine Reform-Moschee in Amsterdam…

Im Oktober 2008 entdeckte ich im Viertel Slotervaart, am Rande der Stadt Amsterdam, eine neue, eine ungewöhnliche Moschee. Sie ist in einem zweistöckigen ehemaligen Bürogebäude untergebracht. Ihr typisch niederländischer Titel: “Poldermoschee“. Mindestens 10 unterschiedliche Räume gehören zur Poldermoschee. Eine zierliche Frau, 25 Jahre alt, mit kleinem bunten Kopftuch, stellt sich als die Leiterin der erst 3 Monate alten Moschee vor. Sie heißt Yassmine Elksaihi, ihr Niederländisch ist perfekt:

„Das wichtigste ist, dass wir dem Islam in den Niederlanden ein Gesicht geben und zwar nicht nur ein liberales oder ein orthodoxes Gesicht oder eines des Mittelweges, sondern wir wollen auch die fröhliche und die gute Seite des Islam zeigen und damit nach außen treten. Daher versuchen wir mit dieser Moschee auch Jugendliche zu erreichen, sie können dann unsere Botschaft weitergeben. Man merkt auch, dass die Moschee viel mehr umfasst als das Haus des Gebetes. Die Menschen kommen nicht nur hierher, um zu beten oder wegzugehen. Vor allem junge Muslims unterschiedlicher Herkunft können hier ihre Freizeit gestalten“. Auch Europäer, selbst Atheisten sind willkommen. Mit dem symbolischen Titel „Polder“ – Moschee soll bewusst auf die Verwurzelung in der holländischen Kultur verwiesen werden.

Yassmine Elksaihi betont: „Die Predigten in dieser Moschee sind anders als in den übrigen Moscheen. Bei uns werden alle Predigten auf Niederländisch gehalten werden. Die Freitagspredigt zum Beispiel, die wichtigste Predigt, gibt’s auf Niederländisch. Manchmal werden kurze Stücke aus dem Koran auf Arabisch übersetzt, aber die Basissprache ist Niederländisch. Uns unterscheidet auch, dass wir einen gemeinsamen Gebetsraum haben für Männer und Frauen. Die Männer sind vorn und die Frauen hinten in demselben Raum“.

Der auch in Deutschland bekannte und geschätzte niederländische Schriftsteller Geert Mak (Amsterdam) äußerte sich zu dieser ungewöhnlichen Moschee: „Das ist auch ein Symbol, dass auch der Islam modernisiert, nicht nur in Holland, im ganzen Westen Europas. Es entwickelt sich ein neuer europäischer Islam. Man muss marokkanische traditionelle Islam umbauen zu etwas ganz Neuem, aber am Ende glaube ich, dass das möglich sein muss.

Im Herbst 2010 musste die Poldermoschee bereits wieder schließen, weil es, so heißt es, an finanziellen Mitteln fehlte…. Darf man die utopische Frage wagen: Wird es in absehbarer Zeit wieder eine REFORM-Moschee geben, in Holland, in Deutschland, eine Moschee, in der auf Niederländisch oder auf Deutsch gepredigt und gebetet wird, in der es nur einen einzigen gemeinsamen Gebetsraum für Männer wie für Frauen gibt usw.? Eine Reformmoschee ist – wie der Name sagt – viel „radikaler“ angelegt in ihrer richtigen Bereitschaft zur Modernisierung des Islam als eine bloß „liberale“…

Einen ausführlicheren Bericht über die Schließung der Poldermoschee siehe Zenitz, Zeitschrift für den Orient.

http://www.zenithonline.de/deutsch/koepfe/a/artikel/mitten-in-den-niederlanden-001231/

 

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