Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 30.10.2015

Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 30.10.2015

Von Christian Modehn

Das Thema „Herr und Knecht“ bei Hegel hat in der weiteren Philosophie (u.a. Karl Marx) wie in der Literatur (etwa Bert Brecht) eine herausragende Rolle gespielt. Hegels Überlegungen können auch heutige Verhältnisse klären…Sie zeigen und das ist der zentrale Punkt: Es ist der Knecht, der trotz und wegen seiner untergeordneten Stellung das entwickeltere Selbst-Bewußsein sich „erobert“, der den Herrn auch als Individuum wahrnehmen kann, der bewusstseinsmäßig weiter ist als Herr und der als Knecht die Herr-Knecht-Beziehung aufbrechen und verändern kann. Zu einer Anerkennung der Menschen als gleichberechtiger Menschen, die gemeinsam an der Vernunftteil haben.Das ist das Ergebnis der Ausführungen Hegels.

Im einzelnen geht es Hegel um die Beschreibung der Dialektik an einem idealtypischen Verhältnis:

Der Herr ist in seiner Ich-Fixiertheit gar nicht in der Lage, den Knecht als Menschen wahrzunehmen. Er sieht ihn eher als Ding. Zu wahrer Menschlichkeit im Sinne von Respekt vor dem anderen wird der Herr durch den Knecht geführt.

Der Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung ist im Sinne Hegels ein Kampf auf Leben und Tod. Nur der wird den Respekt erlangen, der den eigenen Tod wagt, betont Hegel. Freiheit muss errungen werden. Und Tod muss ja nicht immer als physisches Ende verstanden werden, sondern auch als Zustimmung zu einem einschränkenden Lebensentwurf, in dem es keine Freiheit gibt.

Das Motto Hegels könnte sein: „Die Menschen müssen sich ineinander wieder finden wollen“ (Enzyklopädie III, 220, § 431). Das heißt sich als gleichwertige Teilhaber des einen universalen Geistes anerkennen.

Und Hegel fährt fort: „Dies kann aber nicht geschehen, solange die Menschen in ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer Natürlichkeit (also in ihrem Egozentrismus), befangen sind. So können die Menschen nicht als freie Menschen füreinander sein. Denn diese Natürlichkeit ist es, dass die Menschen nicht als freie für einander da sein können“,

Mit dem Thema, „Herr und Knecht“ als Kampf um Anerkennung, hat sich Hegel schon sehr früh, etwa in Jena 1802, dann in der „Phänomenologie des Geistes, 1807, befasst, bis hin zu den Vorlesungen über die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (noch einmal in den Vorlesungen 1830).

Das Thema der Herrschaftsüberwindung war damals schon philosophisch und politisch en vogue: Fichte hatte erkannt: Es gibt eine Wechselseitigkeit der Aufforderung: Dass ich frei sein will UND die Begrenzung meiner Freiheit durch den anderen als Bedingung meiner Freiheit respektiere, siehe Fichte: „Grundlage des Naturrechts“ 1796. Das sind eher abstrakte Überlegungen, die aus der Reflexion auf die Ich-Struktur allein zustande kommen.

Anders denkt Hegel: Er verortet das Anerkanntwerden der Menschen in der konkreten Geschichte. Er weiß, dass die Anerkennung des anderen ein Kampf ist, ein politischer Kampf, der einst stattgefunden hat, nun aber im Staat mit den Gesetzen ein gewisses Ziel erreicht hat. Hegel hat die Französische Revolution als das tiefste und einschneidende Ereignis seiner Gegenwart gedeutet. Und er kannte den Sklavenaufstand in Haiti und die Gründung der ersten „Schwarzen“ – Republik 1804. Die Philosophie wollte ihre eigene Zeit in Gedanken fassen, das versucht er bei unserem Thema. Wobei er durchaus seine intellektuellen Grenzen hatte, und von Schwarzen nicht gerade immer wohlwollend sprach.

 Ich fasse einige Gedanken aus der Enzyklopädie, Band III, zusammen: § 431:

Zwei Subjekte sind da, sie sind jeweils noch nicht entwickeltes Selbstbewusstsein. Aber in ihrem Wesenskern als an sich seiende geistvolle Menschen ist Wahres angelegt. Die Menschen sind nicht bloß natürlich, also nicht selbst bewusste Wesen, sie können ein Selbstbewusstsein, ein Sich als Individuum wissen, erwerben. Und sie begreifen sich als freie Wesen erst nach einem langen Prozess.

Frei bin ich, wenn ich in gewisser Weise (als Geistwesen wie der andere) identisch mit dem anderen bin, wenn der andere frei ist wie auch ich frei bin.

Beide sind in ihrer wechselseitigen Freiheit vereint.

Die Menschen sind innerlich in der Freiheit verbunden. Wenn man sich nur sieht als bedürftiges Wesen, als Not leidendes Wesen sieht, dann ist die Beziehung zu dem anderen nur äußerlich, noch nicht geistig, noch nicht als einander zu Freiheit herausrufend. Wenn ich dem anderen nur helfe, mitleidig, sehe ich ihn noch als Objekt. Es kommt darauf an, als freie Menschen für einander frei als gleichberechtigt dazusein. Die Natürlichkeit, also den nicht selbstbewussten, noch unfreien Zustand, kann ich nur überwinden im Kampf.

Nur durch Kampf kann Freiheit erworben werden, dieser Kampf um die Freiheit kann die Gefahr (!) des eigenen und des fremden Todes einschließen. Es gilt also um der Freiheit willen das Leben zu riskieren.

Es geht darum, sich in die Gefahr des Todes zu bringen, also alles zu riskieren, um die Freiheit zu gewinnen, also alles zu wagen, letztlich auf alles zu setzen: Dann erlangt man die Freiheit.

§ 432

Aber der wirkliche Tod des anderen kann gar keine Freiheit der Anerkennung mehr bringen. Die Anerkennung muss also geistig geschehen. Indem man einander als Geistwesen anerkennt. Dieser Kampf auf Leben und Tod findet in der bürgerlichen Welt, im Staat, in dieser Weise nicht mehr statt, mein Hegel, jetzt gibt es vernünftige Gesetze, die das Miteinander der Freiheit regeln.

§ 433

Die wahre Entwicklung zum Selbstbewusstsein macht der Knecht durch. Der Knecht bezieht sich schon auf den Herrn, er nimmt ihn als solchen ernst, zwar noch in der Position der Unterdrückung. Aber der Knecht sieht schon über seinen eigenen engen Horizont der eigenen Einzelheit hinaus. Indem er auch auf den Herrn schaut, arbeitet er sich hoch zu einem wahren Selbstbewusstsein „hoch“. Der Knecht überwindet das Auf-sich-selbst-Fixiertsein, das den Herrn noch bestimmt. Hegel meint: Man muss seine eigene Selbstsucht nichtig finden, als nur auf sich fixiert sein, darum ist der Knecht auf dem Weg der Freiheit. Der Knecht, der Unterlegene, ist also im dialektischen Fortgang der Stärkere.

§ 435 Der Herr bleibt in seiner Selbstsucht befangen.

Ziel dieser Bewegung zwischen Herr und Knecht, dass beide sich als freies vernünftiges Selbstbewusstsein anerkennen. Als Geistwesen, als Menschen, die den gemeinsamen Geist haben in ihrer jeweiligen Individualität.

Damit ist ein Weg beschritten, der zur Überwindung der Einzelheit führt und hin zur Vernunft, die auch im anderen den Geistvollen Menschen sieht. Auch der Herr muss erkennen, dass er seinen egoistischen Willen dem allgemeinen vernünftigen Geist unterwirft.

Der Knecht führt den Herrn zur Freiheit Siehe III., § 436, S. 227.

„Wer für die Erringung der Freiheit das Leben zu wagen, den Mut nicht besitzt, der verdient es, ein Sklave zu sein“ (§435 Zusatz).

Der Kampf kann beendet werden, wenn beide Seiten, die ja nun das Selbstbewusstsein gefunden haben, aufhören, ihre jeweiligen „Rollen“ aufgeben und aufhören eben „Herren“ und „Knechte“ zu sein. Wenn also als neue Menschen aus diesem Prozess hervorgehen.

Hingegen gibt es historisch gesehen immer wieder Entgleisungen in diesem Prozess des Wandels: Der Knecht kann dann der (neue) Herrschende werden und die Rolle des Herrn übernehmen. Dann beginnt die fatale Entwicklung von neuem, es gibt wieder neue Herren und neue Knechte. Diese möglicherweise ständige Wiederholung gilt es zu beenden. Indem beide anerkennen: Wir sind beide gleichwertige, vom gemeinsamen Geist geprägte Wesen, Personen. Wir wollen vernünftig, d.h. geistvoll mit einander leben, im Wissen, dass wir beide Teil haben an demselben universalen Geist, der die Menschheit als Menschheit und letztlich die Welt im ganzen auszeichnet.

Entscheidend ist nun im Blick auf die Flüchtlinge in Europa, in Deutschland, heute:
Es gibt immer noch die Herren, die gerade aus der Nichtanerkennung der anderen, der Sklaven, leben; das gilt für die Verbrecher-Politiker in den arabischen Ländern selbst, aber auch für jene, eigentlich human gesinnten Politiker, die diesen Zustand der Sklaverei in bestimmten Ländern der arabischen Welt oder der „3.Welt“ einfach hinnehmen, weil dieser Zustand den Europäern ökonomischen Vorteil bringt.

Nun brechen sehr viele Oppositionen, „Knechte“ aus diesen Ländern nach Europa auf. Europa weiß selbstverständlich, dass es selbst an dieser Fluchtbewegung mitschuldig ist, indem man eben die Verbrecher-Regierungen in den genannten Ländern aus ökonomischen Profitstreben gewähren ließ und gewähren lässt. Beispiele sind auch Waffenlieferungen aus Europa in diese Verbrecherstaaten.

Jetzt sind also die Opfer, die Knechte, eben als Flüchtlinge aus diesen Ländern, Syrien, Irak usw. bei uns. Gilt dann jetzt hier weiter die Haltung: Ich, der Europäer, bin der Herr, ihr, die Opfer und Flüchtlinge, ihr seid die Knechte. Also die Minderwertigen, über die ich Europäer bestimme und verfüge. „Ich gebe euch Taschengeld, ich lasse euch in Zelten frieren, ich verfüge, wohin ihr geschickt werdet“ usw.

„Ich bin ich, und ich bleibe ich; und die anderen sind eben die anderen, die Fremden, die Minderen“. Ist das die Haltung, die Devise der Herren in Europa?

Genauso abwegig wäre die andere Haltung der Flüchtlinge, der Knechte: Wir mit unserem Glauben (etwa Islam) wollen herrschen und werden eines Tages herrschen als die neuen Herren. Wir haben recht, unsere Religion ist die einzig wahre usw. Solche Positionen haben keine Wahrheit und kein politisches Recht. Toleranz ist das Mindeste.

Wird also der Kampf um die Herrschaft auch hierzulande weitergehen? Wird es immer weitergehen, auch unter veränderten Strukturen, mit der Herrschaft und Unterdrückung?

Hegel lehrt uns und damit die allgemeine Einsicht der Vernunft: Der Prozess des Respekts muss beginnen, der Prozess der wechselseitigen Anerkennung. Also Aufgabe der Herrschaftsgesten der „Herren“ (Europäer) und Sich Einlassen auf die neue Kultur der Gastgebenden Länder als der neuen Heimat der Flüchtlinge.

Es kommt also, Hegel folgend, auf die Veränderung des Bewusstseins im Miteinanders des nun ehemaligen Herrn und des nun ehemaligen Flüchtlings an.

Die Dialektik legt frei: Wir werden im Prozess des veränderten Selbstbewusstseins zu anderen; wir wandeln unsere alte, selbstverständliche Rolle und Identität.

Wir werden neue Menschen, können und sollten jedenfalls neue Menschen werden, wenn wir nicht die alte Welt der Unterdrückung bequemer finden als die eigene Freiheit und Verantwortung für sich und andere.

Noch ein Hinweis zur historischen Genese des philosophischen Motivs „Herr und Knecht“ bei Hegel:

Es geht um die Erkenntnis der Tatsache, dass Hegel schon von den Aufständen der Schwarzen in Haiti und der Gründung der „Schwarzen EX-Sklaven“ Republik Haiti (als erste Republik der „Schwarzen“ seit dem 1.1.1804 unabhängig) gehört hatte. Dafür bietet das überaus spannende und lehrreiche Buch „Hegel und Haiti“ der us-amerikanischen Philosophin Susan Buch-Morss viele Belege. (erschienen auch bei Suhrkamp, 2011, 16 €).

Aus der Geschichte des Befreiungskampfes der Schwarzen Sklaven auf Haiti nur kurz einige Stichworte: Haiti war damals die wichtigste Kolonie Frankreichs, mit Unmengen an Zucker und Kaffee, die von dort durch Sklavenarbeit nach Europa kamen.

Der Hauptakteur der Schwarzen Befreiung war Toussaint L-Ouverture. 1791 organisierte er die Revolte. Dabei spielte die Religion der schwarzen Sklaven aus Afrika, der Voodou, eine zentrale Rolle. „Lauscht der Stimme der Freiheit, die in unser aller Herzen spricht“ , sagten Voodou Priester in Haiti.Erstaunliche Worte aus dem Voodou.

Die Französische Revolution hatte – nicht zuletzt durch den entschiedenen Einsatz des Demokraten, des katholischen Priesters Abbé Grégoire, die Sklaverei abgeschafft. Das hörten die Sklaven in Haiti.

1794 wurde von Ihnen erzwungen, die bereits nun de facto bestehende Abschaffung der Sklaverei in Paris anzuerkennen.

So konnten die freigelassenen Sklaven auf französischer Seite gegen die Engländer kämpfen.

Napoléon wollte die Abschaffung der Sklaverei auf Haiti rückgängig machen, er holte den Schwarzen Führer Toussaint nach Frankreich … und kerkerte ihn ein. Er starb in Frankreich.

Jedoch der Kampf gegen Napoléon ging auf Haiti weiter: Unter dem Schwarzen Jean Jacques Dessalines. Am 1. 1. 1804 führte sein Kampf gegen Napoleon zur Unabhängigkeit Haitis von Frankreich. „Freiheit oder Tod“ war sein Wahlspruch. Die Geschichte Haitis begann mit einem Freiheitskampf der Knechte, der Sklaven. Einige Schwarze (bzw. Mulatten) sahen sich als führende Politiker in Haiti nur als die neuen Herren … und sorgen bis heute den politischen und ökonomischen Niedergang des eigenen freien Landes. Und Europa? Es konnte nicht ertragen, dass die europäischen Herrscher, die Herrenmenschen, von Sklaven besiegt wurden. Die Herren taten alles, um diesen Befreiungskampf zu behindern und die neue Republik der einstigen Knechte, der Sklaven, ab 1804 zu behindern bzw. zu attackieren.

 

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