In der Nacht sehen wir mehr: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

16. Mai 2016 | von | Themenbereich: Weiter Denken

Weiterdenken: 3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin.

„In der Nacht sehen wir mehr“

Mehr als eine Mode: Die langen Nächte der Kultur und Kirchen im Sommer

Die Fragen stellte Christian Modehn

In ganz Europa finden in den Sommermonaten zahlreiche besondere Kulturveranstaltungen statt. Die große Beliebtheit erlaubt sicher nicht das Urteil, dies sei bloß eine Modeerscheinung. Es handelt sich um die „langen Nächte…“ der Museen, der Poesie, der offenen Kirchen usw. Wenn wir uns auf den Zusammenhang von Nacht und Spiritualität bzw. Kirche konzentrieren: Hat denn die Stimmung der Nacht, der (relativen) Dunkelheit, eine besondere theologische Qualität? Werden denn sogar Transzendenz und Gott eher im Dunkel erfahrbar, wie die Mystiker behaupten?

Die Nacht hat eine spirituelle Qualität. Dem folgen die Kirchen seit jeher und das mit großem Erfolg. In besonderen Nächten, in der „Heiligen Nacht“, in der „Osternacht“, sind die Gottesdienste besonders gut besucht. Die Langen Nächte der Wissenschaft und der Museen, zu denen in Berlin und anderen großen Städten jetzt wieder eingeladen wird, folgen den religiösen Inszenierungen der Nacht lediglich nach. Dass die Kirchen an Pfingsten zur „Langen Nacht der Kirchen“ einladen – freilich ohne große Resonanz – zeigt, dass sie ihre eigene Erfindung vergessen haben und nun, wie so oft, lediglich einem kulturellen Trend hinterher laufen – ohne ihre spirituelle Kraft zur rituellen Gestaltung der Nacht auszuspielen.

Keine Nacht ist ohne den Tag, kein Dunkel ohne das Licht. Es sind dieser Kontrast, die Dramatik des Gegensatzes, die dialektische Beziehung zwischen Nacht und Tag, zwischen der Dunkelheit und dem Licht, wodurch spirituelle Qualitäten freigesetzt werden. Wir sind keine Nachtgestalten. Wir wollen nicht im Dunkeln bleiben. Wir sehnen uns nach dem Licht und je länger die Nacht dauert, desto mehr erwarten wir den anbrechenden Tag.

Insofern steigert die Nacht unsere Sehnsucht und unsere Erwartung. Sie lässt uns tiefer empfinden, was fehlt, klarer sehen, was nicht in Ordnung ist, intensiver den Schmerz über das Versäumte spüren. In der Dunkelheit, die sich um uns breitet, erliegen wir nicht mehr so leicht dem schönen Schein, verleugnen wir nicht mehr so schnell, was uns bedrückt und belastet. Deshalb steigert die Nacht die Erwartung nach dem Aufgang des Lichts. Deshalb empfinden wir in der Bedrängnis der Nacht umso tiefer unsere Sehnsucht nach Erlösung.

Die Widerspannung, die Gegenläufigkeit, die die Nacht in unser Zeiterleben einfügt, hat die Mystiker seit jeher fasziniert. Denn auf der einen Seite schafft die Nacht eine Zeit des Übergangs. Aus dem Dunkel führt sie hinüber ins Licht. Auf der anderen Seite lässt sie uns auch zur Ruhe kommen. Zur Nacht gehört der Schlaf, „schlafen geht die Welt“. Indem die Geschäfte des Tages von uns abfallen, wird innere Einkehr möglich. Der Nacht gehören zudem die Träume, in denen unsere abgrundtiefen Ängste, aber auch unsere Glückerwartungen ihre Sprache finden. So kann es gerade im Dunkel der Nacht geschehen, wovon die Mystiker letztlich ausgehen, dass wir Gott finden – auf dem abgründigen Grund der eigenen Seele.

Wer sich spirituell auf die Erfahrung der Nacht, der Dunkelheit und hoffentlich auch des Schweigens in der Dunkelheit einlässt: Welche neuen Einsichten melden sich dann? Vielleicht die Annahme der eigenen wie existentiellen Dunkelheit?

Schon das Johannes-Evangelium berichtet ausdrücklich davon, dass Nikodemus, ein gebildeter Pharisäer und einer der Obersten unter den Juden, „bei der Nacht“ zu Jesus kam. (Joh 3,1 ff.) Er war auf der Suche nach dem Sinn und einer neuen Ausrichtung seines Lebens. Die Nacht war für ihn die richtige Zeit, um das tief gehende Gespräch zu suchen. Er wollte von Jesus wissen, wie ein Mensch, obwohl alt geworden, doch in ein neues Leben finden kann.

Nikodemus fand zu Jesus „bei der Nacht“. Was ihn zu ihm trieb, waren zudem schmerzliche Nachtgedanken. Es war die Dunkelheit, die sich in seinem Inneren ausgebreitet hatte. Er hatte die Freude am Leben verloren. Von Jesus erhoffte er sich neue Ermutigung, einen neuen Anfang gar.

Wir haben alle schon solche Gespräche erlebt, bis tief in die Nacht. Froh, nicht allein zu sein, mit dem, was auf der Seele lastete. Ja, es ist so wichtig, dann jemanden zu haben, der mit aushält in der Dunkelheit, auch – oder vielleicht gerade dann – wenn dies im Schweigen geschieht.

Denn da ist letztlich ein undurchdringliches Dunkel, das unserem Selbstverhältnis innewohnt. Im Schweigen der Nacht erkennen wir oft erst unsere unaufhebbare Bedürftigkeit und Angewiesenheit. Wir werden dessen gewahr, dass wir abhängige, schlechthin abhängige Wesen sind. Doch der Gott der fehlt, ist der, der bei uns ist.

Könnte es sein, dass die bisherige herrschende Theologie zu sehr am strahlenden, man möchte sagen „scharfen“ Licht des Tages orientiert war? Wird deswegen das falsche Verlangen nach dogmatischer Exaktheit, Abweisung von Gefühlen, Trennung von gläubig und ungläubig, verständlich?

Wer die Nachtseiten des Lebens kennt, kann mit einer Theologie, die mit dogmatischen Setzungen arbeitet und biblische oder kirchliche Lehren verbreitet, nichts anfangen. Was wir in den Nächten unseres Lebens brauchen, ist eine Theologie, die die unauflöslichen Ambivalenzen und Widersprüche des Lebens kennt. Ihre Aufgabe sieht diese Theologie darin, unser Leben, das sich in seinem Von-Woher und Woraufhin letztlich selbst verborgen ist, in dieser seiner abgründigen Unbegreiflichkeit zu verstehen. Dazu gehört zunächst und vor allem, das Dunkel auszuhalten, das unserem Selbstverhältnis innewohnt, uns unsere unaufhebbare Angewiesenheit und Bedürftigkeit erkennen zu lassen.

Die Theologie, die uns so ins Dunkel des eigenen Innern führt, hat keine eindeutigen Antworten parat. Sie weiß, dass sie es mit genau denjenigen Fragen unseres menschlichen Daseins zu tun hat, auf die es überhaupt keine Antworten gibt. Dennoch kann sie zu der tröstlichen Einsicht führen, dass da, merkwürdig genug, doch eine Basis ist, von der wir uns getragen fühlen können.

Dieses Gefühl, das der Theologe Friedrich Schleiermacher, das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ genannt hat, führt uns nicht zu einem gegenständlichen Wissen von Gott. Es kann uns aber die Gewissheit geben, dass wir, trotz der dunklen Unbegreiflichkeit unsers merkwürdigen Daseins in dieser Welt, doch nicht im nirgendwo verloren gehen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon.

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