Warum ist es gut, gut zu sein? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

24. Okt 2016 | von | Themenbereich: Weiter Denken

Die Fragen stellte Christian Modehn

Angesichts von Hass, Gewalt und Krieg heute drängen sich elementare Fragen nach dem unaufgebbaren Humanum wie von selbst auf, diese Fragen müssen wohl um der Menschlichkeit willen viel stärker „bearbeitet“ werden. Zum Beispiel: Warum ist es für den einzelnen Menschen gut, selbst gut zu sein? Ist es denn wirklich so schwer, das Gute zu erkennen, das ja doch mehr sein muss als nur das gute Leben für mich allein?

Im Grunde meines Herzens weigere ich mich, schlecht vom Menschen zu denken. Ich habe es selbst immer wieder erlebt, ich kenne so viele Beispiele dafür, dass Menschen gut zueinander sind, bereit einander zu helfen und in schwierigen Situationen beizustehen. Das alles geschieht permanent, sobald Menschen einander wahrnehmen, als ihresgleichen, als Menschen, die Bedürfnisse haben, die aufeinander angewiesen sind, denen einen freundlicher Umgang mit einander guttut. Natürlich weiß auch ich, wozu der Mensch fähig ist. Auch mir stehen die Gräueltaten vor Augen, mit denen der Mensch seinesgleichen in die Folter- und Gaskammern getrieben hat, die Ströme von Blut, die die Menschheitsgeschichte durchziehen. Auch ich nehme die zunehmende Verrohung wahr, die die öffentliche Medienkommunikation durchzieht und bin erschrocken über den Hass, der aus den Kommentaren im Internet spricht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich selbst zunehmend teilnahmslos reagiere auf die Nachrichten über Bombenterror und Kriegstote in Syrien, im Irak, im Jemen, an vielen Orten, ganz in der Nähe, auch in Europa. Ich bin entsetzt. Ich finde das furchtbar. Und ich empfinde die Hilflosigkeit angesichts der offensichtlichen Übermacht des Bösen.

Dennoch widerstrebt es mir zutiefst, zu sagen, so ist er eben, der Mensch, böse von Jugend auf. Als Theologe weiß ich zwar, dass bestimmte christliche Lehrtraditionen dieser Auffassung von der abgrundtiefen Sündhaftigkeit des Menschen Ausdruck gegeben haben. Aber in keiner christlichen Theologie ist die Behauptung von des Menschen Unverbesserlichkeit das letzte Wort über ihn. Christliche Theologie sieht ihn letztlich als einen solchen, der dazu bestimmt ist, jene Güte zu erlangen, die zu verwirklichen ursprünglich Gottes Absicht mit ihm war.

Vielleicht fehlt uns tatsächlich nichts mehr, als dass wir – wie Martin Luther es einmal ausgedrückt hat – nie eine Kreatur recht angesehen haben. Sobald wir das nämlich tun, sehen wir unser aller Bedürftigkeit, unsere Angewiesenheit aufeinander, dann kann es sogar geschehen, dass wir Liebe zueinander empfinden, ein Wohlwollen dem anderen gegenüber. Das ist es, was wir zur Rettung des Menschlichen brauchen, dass wir zu dem stehen, was uns als Menschen miteinander verbindet. Es ist so etwas wie eine gefühlsbasierte Einsicht in die conditio humana: dass wir endliche, begrenzte, aufeinander angewiesene Lebewesen sind. Ja, wir wissen, was gut ist. Wir wissen, dass dazu in erster Linie die Achtung voreinander und die Rücksichtnahme füreinander gehören, was Kritik, Auseinandersetzung, Streit überhaupt nicht ausschließt.

Wer die Frage stellt: Warum ist es gut, gut zu sein? erwartet als Belohnung fürs Gutsein irgendwie eine Art Glücksgefühl, eine innere Befriedigung. Aber lässt sich Gutsein durch diesen „Nützlichkeitsaspekt“ wirklich fördern?

Ich glaube wirklich, dass fast alle Menschen gut sein wollen, da fast jeder Mensch genau die eigene Bedürftigkeit und Angewiesenheit von früh auf erfährt. Insofern läuft vermutlich, wenn wir selbst Gutes tun, die Erwartung immer mit, dass wir, sofern wir selbst in Not geraten, von anderen Gutes erwarten können. Ich würde diese Erwartung von Gegenseitigkeit aber nicht als bloßes Nützlichkeitsdenken abwerten. Damit wir an unserem guten Willen festhalten und angesichts der vielen inneren und äußeren Widerstände nicht zu schnell resignieren, müssen wir den Sinn unseres Handelns unterstellen und auch auf Gegenseitigkeit rechnen können. Kein Mensch hält seinen Willen zum Guten durch, wenn er permanent die Erfahrung machen muss, dass sein Gutsein von anderen ausgenutzt wird, er selbst letztlich sogar den Schaden davon hat. Unsere Bereitschaft, anderen mit Wohlwollen und Hilfsbereitschaft zu begegnen, erlischt, wenn wir den Eindruck gewinnen müssen, dass wir in einer Welt leben, in der es total ungerecht zugeht.

 

Niemand wird rundum gut sein können oder auch nur für andere gut leben wollen. Das Misslingen des Guten, auch das Falsche und Böse, muss als Teil des menschlichen Lebens anerkannt werden. Aber das zu sehen setzt Nachdenklichkeit, Reflexion, voraus. Könnte man nicht im Anschluss an Hannah Arendt sagen: Wer gut sein will und gut leben will, muss vor allem eins leisten: nämlich nachdenken?

Wir kennen die eher verächtlich gemeinte Rede vom „Gutmenschentum“. Ich mag sie eigentlich nicht, weil sie suggeriert, es mache sich jemand, der gut sein und Gutes tun will, unlauterer Absichten verdächtig. Aber diese Redensart entspringt vermutlich der Beobachtung, dass Menschen, obwohl sie durch ihr Tun aktuell Gutes bewirken, zugleich gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse verfestigen helfen, die auf lange Sicht den betroffenen Menschen überhaupt nicht gut tun. Denken wir nur an die kritische Sicht, die wir inzwischen auf das Werk Albert Schweitzers in Lambarene oder das von Mutter Theresa in Kalkutta werfen. Dies eben deshalb, weil sie Menschen in Not zwar geholfen haben, aber gegen die kolonialen Machtstrukturen und imperialen Ausbeutungsverhältnisse, die die Mehrheit der Menschen dort weiterhin in der Armut belassen haben, in gar keiner Weise vorgegangen sind.

Unser Wille zum Tun des Guten lebt von unserem Zutrauen in die Kraft des guten Willens, die in uns ist. Aber das Vertrauen auf diese Kraft darf nicht mit politischer Blauäugigkeit einhergehen. Gerade ungerechte gesellschaftliche Strukturen und verzerrte Machtverhältnisse bringen immer auch Menschen hervor, die zur Erhaltung ihrer Macht vor nichts zurückschrecken. Umgekehrt ist es so, dass die, die aufgrund der ungerechten Strukturen und des so ungleich verteilten Reichtum ausgeschlossen und benachteiligt werden, (verständlicherweise) in Hass, Gewalt und Krieg ihre letzte Zuflucht sehen.

Die Lage ist unübersichtlich und die Verhältnisse sind kompliziert. Unser guter Wille braucht immer auch die politische Analyse, ja, das „Nachdenken“, die Abschätzung der Folgen unseres Handelns. Doch wo keine guter Wille ist und kein Zutrauen, dass es auf alle Fälle gut ist, gut sein und Gutes tun zu wollen, ist alles andere vergeblich und letztlich zu gar nichts nütze.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb

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