Bourdieu vor 15 Jahren gestorben: „Die Kirche neigt zum „Schönreden“ (Euphemisierung)

26. Dez 2016 | von | Themenbereich: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 23. Januar 2002 ist der große Soziologe Pierre Bourdieu (geboren am 1.8.1930) in Paris gestorben. Sein sehr umfangreiches Werk ist in vielerlei Hinsicht, zweifelsfrei, von bleibender Bedeutung. Bourdieu hat in frühen Jahren eine „Konversion des Philosophen zum Ethnologen“ (so Stephan Egger) und dann weiter zum Soziologen erlebt. Dabei spielen zwar seine sechs expliziten Beiträge zum Thema Religion im gesamten Werk-Umfang eine nicht so  beträchtliche Rolle. Aber seine religionssoziologischen Arbeiten (auf Deutsch in dem Band „Religion“ des Suhrkamp-Verlages 2011 publiziert) bieten doch viele Inspirationen, um nicht nur deutlich die Arbeitsweise Bourdieus zu erleben, sondern auch die (nicht nur auf Frankreich bezogenen) religionssoziologischen Erkenntnisse weiter zu studieren.

Dabei ist es erneut interessant, die selbstverständliche sachliche Distanz Bourdieus zum Thema Kirche zu beobachten; er spricht über die französischen Bischöfe als „Episkopat“ „im Feld der Macht“ unter dem leicht ironischen Titel „Die Heilige Familie“ sehr ausführlich. Selbstverständlich mit sehr zahlreichem statistischen Material und Interviews. Sie führen empirisch in die katholische Kleriker- bzw. Bischofswelt der Jahre 1932 bis 1952 sowie zwischen 1972 und 1980. Und da wird, wie Bourdieu betont, im ganzen des Kirchlichen vieles verschleiert, „euphemisiert“, wie er das nennt, um nach außen hin den Charakter einer heiligen Bischofs-Familie zu bekunden. Nebenbei: In Frankreich ist die Zahl der Bischöfe sehr viel größer als etwa in Deutschland, wenn man in Frankreich alle „Hilfsbischöfe“ bzw.“Weihbischöfe“ mitzählt, kommt man schnell auf eine Zahl über 100 sich selbst nennende „Ober-Hirten“ bzw. „Episkopoi“, wörtlich aus dem Altgriechischen übersetzt „Aufseher“! Wir haben es der Religionssoziologie und der empirischen Studie Bourdieus zu verdanken, dass der immer wieder behauptete Schleier der Heiligkeit entfernt wird und Bischöfe in ihrem sehr weltlichen und politischen Gebaren sichtbar werden. Der Beitrag „Die Heilige Familie“ (also über die Bischöfe) zerstört die öffentliche kirchliche Propaganda, die Bischöfe würden einen einheitlichen „Corpus“ darstellen. Dieser Eindruck war 1982, als der Beitrag Bourdieus erschien, vielleicht noch gültig; heute erlebt die Öffentlichkeit durchaus etwas (!) vom Streit innerhalb der Bischofskonferenzen und der Kardinäle in Rom. Aber diese Pluralität wird nicht als Zeichen von Lebendigkeit von den Bischöfen selbst bewertet, sondern eher als Fehler, als Mangel an „Einheit“. Große autokratische Organisationen verlangen wegen des Machterhalts immer nach dem Begriff der Einheit. Vielfalt gefährdet die Macht, das wussten schon die Fürsten spätestens seit dem Absolutismus. Aber bischöfliche Einheit ist für Bourdieu empirisch bewiesen eine „Illusion“ (S. 96).

Das Thema Bourdieus ist keineswegs nur für den kleinen Kreis der Spezialisten interessant. Denn Bourdieu zeigt, wie es unter den Bischöfen Frankreichs tatsächlich eine durch „klassenmäßige Unterschiede“ bedingte Pluralität gibt. Die aber in den Klerikerkreisen vertuscht wird. Auf die sehr interessanten Studien zur unterschiedlichen sozialen und kulturellen Herkunft der französischen Bischöfe wollen wir hier nicht eingehen: Bourdieu unterscheidet die sozusagen dem katholischen Bauernstand bzw. Kleinbürgermilieu entstammenden Bischöfe von den eher aus kulturell gebildeten und finanziell arrivierteren Familien kommenden „Oberhirten“.

Interessant sind die Hinweise zur absoluten Bevorzugung der klassischen Hetero-Familie durch die Bischöfe. Sie waren ja kürzlich im Kampf gegen die Homoehe in Frankreich an „vorderster Front“. Ohne die klassische Hetero-Ehe gibt es eben in der Denkwelt des Klerus „keine Reproduktion der Geistlichkeit“, man ist, klerikal gesehen, eben „von der christlichen Familie abhängig“. Bourdieu weist nach, dass die meisten Bischöfe kinderreichen Familien entstammen.

Interessant ist auch der relativ kleine Beitrag über „Das Lachen der Bischöfe“ von 1994: Darin zeigt Bourdieu die übliche klerikale Sprachregelung, „weltliche“ und politische Tatsachen euphemisch zu verschleiern. Statt von Marketing wird von Apostolat gesprochen; statt von Kundschaft in den Gemeinden von Gläubigen. Die Kirche pflegt das Tabu, also die Angst vor expliziten Formulierungen: Statt von Reisebüro zu sprechen, ist von „Wallfahrtsunternehmen“ die Rede. Eine Russland-Reise wird zur „Begegnung mit der Orthodoxie“ umbenannt. Auch hinsichtlich der Rechte der Laienmitarbeiter in der Kirche gilt dies: Mitgliedschaften in öffentlichen Gewerkschaften sind tabu, es wird der „Familiengeist“ vorgeschoben, als Euphemisierung eines realen „Ausbeutungsverhältnisses!, wie Bourdieu sagt (S. 235). So werden die Priester in Frankreich auch nicht als Empfänger von (prosaischem) Gehalt bezeichnet, sondern als Empfänger von „Bezügen“ (S. 237) „Die religiöse Sprache fungiert permanent als ein Werkzeug der Euphemisierung“ (S. 238).

So wird die Wahrheit in gewisser Weise ausgeblendet zugunsten eines Scheins von heiler Welt. Aber dieser Schein verschwindet immer mehr, weil er von den Medien angekratzt wird und auch die katholische Kirche als eine menschliche, d.h. veränderbare Organisation sichtbar wird.

Copyright: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

 

 

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