Zweifel und Skepsis müssen zweifelnd und skeptisch gesehen werden. Zum neuen Heft „Philosophie Magazin“ (1. 4.2017)

31. Mrz 2017 | von | Themenbereich: Denkbar, Philosophische Bücher

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon oft das „Philosophie Magazin“ aus Berlin empfohlen. Die neue Ausgabe (April/Mai 2017) ist nicht nur für – im engeren Sinne – philosophisch Interessierte wichtig, wer ist das auch bei der Weite der Philosophie… sondern eben für alle, die tieferes Nachdenken, Selbstkritik, Gesellschaftskritik leben und gestalten wollen. Das Heft bietet mehrere Beiträge zum Zweifel und zur Skepsis, als einer Haltung, die in Zeiten der ständig verbreiteten Lügen (diplomatisch verschleiernd „postfaktische Wahrheiten“ von den politisch mächtigen Herren der Definitionen genannt) förmlich zur Lebenshilfe werden kann. Dabei betont Chefredakteur Wolfram Eilenberger gleich am Anfang: Skepsis wehrt sich gegen Dogmatismus, aber auch „gegen die zersetzende Kraft eines totalen Skepizismus und der moralischen Beliebigkeit“ (S.3). Man wird wieder die Vielfalt der Themen, auch die Buchbesprechungen, mögen, die das Heft bietet. Diesmal finde ich besonders wichtig, dass aus dem ganz neuen Buch des Chefredakteurs des französischen „Philosophie Magazine“ (Michel Eltchaninoff) „Dans la tete de Marine Le Pen“ (2017) einige Passagen übersetzt sind. Deutlich wird, wie Marine Le Pen aus taktischen Gründen die heftige antisemitische und rassistische Sprache ihres Vaters, des Parteigründers Jean – Marie Le Pen, vermeidet; aber im ganzen doch eine radikale Anti-Muslim Position vertritt, ganz abgesehen von der Drohung, im Fall ihrer Wahl aus der EU auszusteigen.  Ihr Gerede vom ewigen Frankreich und der Nostalgie von der großen Nation folgen leider viele, darunter auch zunehmend Katholiken. Und die angeblich gut-bürgerlichen „Républicains“ (Francois Fillon und co) haben längst etliche Sprüche von Marine le Pen übernommen! Zum Thema Zweifeln bietet das Heft ein Essay und einen Hinweis auf die Geschichte des Denkens: Pyrhon,Descartes, Hume… Es sind Hinweise, wie wir trotz der not – wendigen Zweifel nicht den (geistigen) „Boden“ unter den Füßen verlieren. Sehr wertvoll und bestens für Gruppengespräche geeignet ist der Beitrag von Philipp Hübl „Wege aus der Verwirrung“, der u.a. dumme Sprüche von Mister Trump auseinandernimmt, etwa „Alles ist letztlich Ansichtssache“ (S. 52). Auf Mister Trump bezogen ist auch ein längerer Beitrag über den nun wieder hoch aktuellen George Orwell und seinen Roman „1984“. Das leider zu kurze Interview mit Noam Chomsky zu lesen ist ein Vergnügen, und hoch interessant, wie dieser universal gebildete Sprachphilosoph den klassischen „Gedanken einer menschlichen Natur“ verteidigt: „Wir sind weder Affen noch Katzen noch Stühle, also haben wir eine Natur, die uns unterscheidet. Wenn es keine menschliche Natur gäbe, gäbe es auch keinen Unterschied zwischen mir und einem Stuhl, eine absurde Vorstellung“ (S. 72). Bleibt zu hoffen, dass sich etliche „Naturalisten“ und solche, die permanent behaupten, „der“ Mensch sei „ein Tier“, diese Zeilen bedenken. Für uns am meisten inspirierend ist das Interview mit Lorraine Daston und Georg Mascolo über „Welchen Fakten können wir trauen?“. Man kennt ja die Sprüche, dass der Klimawandel halb so schlimm sei und noch viel mehr geforscht werden müsse, ehe man zu einem abschließenden Urteil kommen könne. Hingegen gilt: „Strategische Skepsis kann auch zu Zwecken der Gegenaufklärung genutzt werden“, sagt Lorraine Daston, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut. Im ganzen also erneut: Dieses Heft sollte niemand übersehen und verpassen….

copyright: Christian Modehn

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