Die Ohnmacht der Lüge und die Macht der Wahrhaftigkeit. Ein philosophischer Salon in Berlin.

23. Apr 2017 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Philosophische Bücher

Die Ohnmacht der Lüge und die Macht der Wahrhaftigkeit.   (Philosophisch ist dieser Titel wahr,  aber politisch nur sehr selten gültig).

Einige Perspektiven im Religionsphilosophischen Salon Berlin am Freitag, den 21. 4. 2017

Von Christian Modehn. Gleichzeitig habe ich eine kleine philosophische Satire veröffentlicht mit dem Titel „Ich bete an die Macht der Lüge“… Klicken Sie hier.

Unser Thema im Salon ist aktuell: Wir sind in der vernetzten Welt umgeben und bestimmt von Politikern, die ständig lügen. Die „Washington Post“ berichtet: 133 Lügen wurden Mister Trump allein im ersten Monat seiner Amtszeit nachgewiesen. Das sind durchschnittlich etwa 4 Lügen pro Tag. Man kann Trump also einen Fake-Selfmade-Man nennen. Fakes, gemachte Wahrheiten sind „en vogue“. Aber die treffende Qualifizierung als Lügner stört Trump eigentlich nicht. Er lügt ungebremst weiter. Wie so viele andere Männer, die sich als gewählte Politiker ständig der Lüge bedienen: Putin, Erdogan, Orban, polnische Führer usw.

Für sie und alle bewusst lügenden Menschen, vor allem die Machthaber in Politik und Religionen,  gilt der Satz von Bertold Brecht („Leben des Galilei“): „Wer die Wahrheit nicht kennt, ist ein Dummkopf. Wer sie aber kennt und eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher“.

Tatsache ist, eine evidente Tatsache, wenn man die Zuspitzung will: Lügner zerstören das Grundvertrauen in Staaten und Gesellschaften. Lügen haben verheerende Wirkungen.

Lügen sind alles andere als „Nebenthemen“ oder, theologisch klassisch gesehen, sie sind keine „lässlichen Sünden“, wie etwa die relativ harmlose Unpünktlichkeit.

Die Lüge ist eine Realität, seitdem Menschen bewusst mit sich selbst und anderen umgehen, also Entscheidungen treffen, an einem Selbstbild arbeiten, Erfolg haben wollen, Leben gestalten.

Eine fundamentale Einsicht, alles andere als banal:

Das Lügen ist die bewusste Praxis von Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Diese sind Tugenden. Lügen ist eine Untugend. Sie zerstört den Menschen, wie alle absolut gelebten Untugenden.

Die Lüge, als Satz etwa formuliert, ist das Gegenteil von einer satzhaften Wahrheit. Je plausibler und detaillierter Lügen satzhaft vorgetragen werden, um so eher werden sie geglaubt. Glauben und wechselseitiges Vertrauen in dieser allgemeinen menschlichen Form ist eine Basis des Zusammenlebens und der geistigen Identität.

Tatsache ist, Fakt ist: Es gibt satzhafte, objektive Wahrheiten, auch wenn diese ständig weiter diskutiert werden, wie etwa in den Naturwissenschaften. Die Erde dreht sich um die Sonne, ist Fakt. Die Menschen sind für den Klimawandel verantwortlich, ist Fakt. Die Evolution der Menschheit ist Fakt. Aber auch in der Philosophie: Der Spruch des Gewissens in einem jedem (Gesunden) ist Fakt. Der Spruch des Gewissens in einem jeden kann nur mit Gewalt (Gehirnwäsche) getötet werden.

In der Wissenschaft werden „alte“ und natürlich damals gültige Wahrheiten stets ergänzt, revidiert und neu formuliert werden, dann werden diesen neuen Erkenntnisse eben auch wieder als (vorläufige) Wahrheiten verbreitet und wahrgenommen. Aber an diese tatsächlich relativen Wahrheiten gilt es, sich zu halten und sich mit anderen Menschen auszutauschen über deren relative Wahrheiten. Wahrheit und Relativität ist kein Widerspruch. Aber alle relativen Wahrheiten können nur korrigiert werden, weil es eben ein übergreifendes Wahrheitsbewusstsein gibt. Weil wir eben doch „der“ Wahrheit nachstreben und ihr verpflichtet sind. Also noch einmal: Selbst im historischen Verlauf relativ erscheinende Wahrheiten haben im Moment des Lebens, meines Lebens, absolute Gültigkeit … mit der Perspektive der möglichen Verbesserung durch das Gespräch mit anderen etwa.

Diese Dialektik von relativer, aber für mich und andere im Moment absolut geltender Wahrheit ist entscheidend. Aber es muss jede relative Wahrheit eben Wahrheit sein, kein Fake, keine Propaganda, kein Dogma.

Einige Erkenntnisse, die vertieft werden können:

Wer lügt, der glaubt: Meine für mich erkannte Wahrheit ist zu schwach. Ich muss wider besseren Wissens Gegenteiliges und Falsches behaupten. Vielleicht ist das für mich erfolgreicher.

Wer sich selbst und den anderen belügt, will sich das eigene Leben zunächst einfach machen. Lügen spart Zeit. Eigene Wahrheiten aussprechen und mit den wahren Erkenntnissen der anderen konfrontieren und besprechen, erfordert viel Zeit und Geduld und gute Nerven. All das haben wir meist nicht. Wir leben in einer Hektik-Kultur, die das Lügen fördert. Das heißt nicht, dass im Mittelalter, etwa in ruhigen und beschaulichen Klöstern etwa, weniger gelogen wurde.

Lügen entspricht aber auch einer Kultur, in der verbaler Streit keinen humanen Wert hat. Wer etwa als Kind nie für die Wahrheit streiten durfte, kann dies auch später nur mit Mühe.

Es wird aus ökonomischen Gründen und um Erfolg zu haben und angepasst zu sein gelogen … wie verrückt.

Das Wort Lüge kennt viele Begriffe, die unterschiedlichen Inhalts sind, aber doch zusammen gehören (Lügen ist natürlich vom unbewusst/unreflektierten Irrtum zu unterscheiden):

Eine Maske tragen.

Sich verstellen.

Etwas Wesentliches verschweigen. Aber jeder Mensch hat auch sein Recht auf „sein“ Geheimnis.

Nach außen hin anders tun als man innerlich selbst ist. Dies ist die bis heute übliche Empfehlung aller Machthaber in diktatorischen Systemen gegenüber Minderheiten (etwa: Homosexuelle sollen in der römischen Kirche „bloß nichts Wahres über sich selbst sagen, sie dürfen aber alles verschwieign, alles heimlich machen“. So wird ein Lügensystem stabilisiert. Die Erfolge dieses Systems sieht man am Zustand der römischen Kurie und der Vatikan-Banken usw.)

Nur die Hälfte der Wahrheit sagen.

Mit vollem Bewusstsein schweigen und angeblich nichts wissen, nichts gesehen haben.

Meineid leisten.

Insgesamt: Lügen, auf Dauer praktiziert, zerstört die Person.

Wer lügt, der unterstellt, dass Wahrheit und Auseinandersetzungen zur vielfältig erfahrenen Wahrheit verletzend sind. Das Gegenteil ist der Fall. Reifen kann der Mensch, kann die Gruppe, die Gesellschaft, wenn man miteinander Lügen und Sich Verstellen überwindet.

Ist es bloß eine Floskel, wenn viele Menschen sagen und schreiben: “Ehrlich gesagt, würde ich meinen“…

Lügen stiftet keinen Frieden. Die Lügen-Welt schaukelt sich hoch.

Gibt es eine Anti-Lügen-Therapie?

Einige Hinweise aus der Geschichte der Philosophie:

Von einer „organischen Verlogenheit“ spricht Max Scheler, in: „Vom Umsturz der Werte“. „Diese organische Verlogenheit ist immer dann gegeben, wenn Menschen nur das sehen wollen, was ihrem Interesse oder ihrer triebhaften Aufmerksamkeit dient. Wer in dieser Weise völlig verlogen ist, braucht nicht mehr (im einzelnen) zu lügen“. Bei der organischen Verlogenheit ist die Selbsttäuschung in Fleisch und Blut übergegangen, wie der evangelische Theologe Jochen Schmidt, („Wahrgenommene Individualität. Eine Theologie der Lebensführung“) schreibt. Es geht in dem Fall nicht mehr um die einzelne Lüge, wie es bei einem einfachen Lügner gilt: Er sieht eine Wirklichkeit und verfälscht diese Wirklichkeit in seiner Aussage ganz bewusst. Bei einem „organisch Verlogenen“ ist aber alles von Lüge durchsetzt; die eigene Lüge wird gar nicht mehr im Bewusstsein wahrgenommen, Lüge ist eine Art Automatismus, der systematisch Verlogene weiß gar nichts von seiner Verlogenheit.

Das setzt sich politisch durch: Nach dem Motto: Wir bestimmen, wen wir wann töten können und wollen. Das gilt etwa für die Mafia, das gilt für politische Organisationen, die sich über alle absolut geltenden Grundsätze hinwegsetzen. Man denke an die Faschisten, die bestimmen, wer ein wertvoller Mensch ist und wer nicht. Indem die Nazis propagandistisch und extrem der Lüge verpflichtet waren und den Deutschen einredeten: Juden sind keine Menschen, glaubten autoritätshörige Deutsche diese Lügen und taten alles, um Juden zu vernichten.

Gehirnwäsche ist die extreme Form der Annahme einer Lügenwirklichkeit. Die totale Neuorientierung des menschlichen Gehirns ist eine Möglichkeit der technischen Zukunft.

Man denke auch an die Mitarbeiter des Stalinismus, die das Lügen-System aufrecht erhalten wollten und dann sagten: Dieser oder jener Mensch vertritt nicht den Klassenstandpunkt der Partei, er stört das Volk, das System, er kann also eliminiert werden, weil er dem Fortschritt nichts nützt. Lügensysteme gehen normalerweise unter, aber nicht alle.

Eine Philosophie der Lüge interessiert sich für die Literatur. Dort ist das Stichwort Lebenslüge wichtig:

 Die Lebenslüge als organische Verlogenheit: Die Lebenslüge ist ein Begriff, den wir etwa aus dem Theaterstück „Die Wildente“ von Ibsen kennen. Lebenslüge ist das krampfhafte Festhalten am schönen Schein. Nur ganz kurz zur Erinnerung: Ein Mann, Greger, besucht seinen alten Freund Ekdal, er stellt fest, wie dieser sich in einem Wirrwar von Lügen bewegt. Greger will ihn daraus befreien, aber dies gelingt nicht. Aus Lebenslügen kann nicht befeit werden…

Thomas Bernhard hat in seinem großartigen Roman „Holzfällen“ bezeichnenderweise auf die „Wildente“ Bezug genommen: Da wartet eine Abendgesellschaft auf den Burgschauspieler der „Wildente“ bei dem durch und durch verlogenen Ehepaar Auersberger (alias Lampersberg). Das Buch von Bernhard ist auch eine Aufdeckung der Lebenslügen und der Schwieirgkeit sich zu befreien. Man lese die letzten Seiten von „Holzfällen“…

Aus der Geschichte der Philosophie:

Denken wir an den klassischen Satz: „Epimenides, der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner!“

Zumindest behauptet Epimenides kein Lügner zu sein, weil er ja eine Wahrheit behauptet.

Zudem: Lügner behaupten für sich selbst und gegenüber anderen mit ihren Aussagen, die Wahrheit zu sagen. Die Bindung an die Wahrheit oder die Wahrhaftigkeit ist also im Moment der Lüge da, und zwar unabwerfbar.

Nebenbei: Die gleiche Erfahrung gilt auch für die absolute formale Bindung eines jeden Selbstbewusstseins ans Gute und Schöne: Selbst der Mörder glaubt noch, im Morden für sich selbst (möglicherweise auch für andere) Gutes zu tun. Und jeder noch so laienhafte Künstler findet die unbeholfenen Pinselstriche für sich schön. Den transzendentalen Bedingungen (im Sinne Kants) für Wahres, Gutes und Schönes entkommt kein Selbstbewusstsein, also kein denkender Mensch.

Aber, wie gesagt: Das sind formale, aber unabwerfbare Bindungen des Geistes in der Lebens-Praxis; diese Bindungen sind evident. Sie haben keine inhaltliche Füllung, etwa: Nur die romantische Kunst ist schön.

Aber dann beginnt bereits der Streit um die richtige Interpretation der Fakten:

Es gibt zweifellos Fakten, an die sich alle halten sollen, wenn sie reflektierende Menschen sein wollen. Etwa auch im ethischen Bereich: Es ist verboten zu morden. Man denke an das fünfte Gebot der zehn Gebote: „Du sollst nicht töten“. Aber auch dieses evidente, von allen Menschen geteilte Faktum findet eine Ausnahme im Fall des Tyrannenmordes: Einen Tyrann, der nachweislich von sehr vielen kritischen Beobachtern als Tyrann erkannt wird, kann getötet werden, um schlimmstes Unrecht zu verhindern.

Aber dies ist die Ausnahme. Faktum ist und bleibt: Du sollst nicht einen anderen Menschen töten. Die Ausnahme kann niemals zur Regel werden und die Ausnahme kann niemals zum göttlichen Gebot werden: Etwa in der Art: Du kannst töten, wen und wann du willst…Damit hätte der so Sprechende seinen eigenen alsbaldigen gewaltsamen Tod vor Augen.

Es gibt Lügen in den Religionen, eingesetzt von den Herrschern in den jeweiligen religiösen Institutionen. Theologisch längst überwundene und zurückgewiesene Thesen werden von den Kirchen-Führungen noch weiter verbreitet, und dies wider besseren theologischen Wissens. Die Lüge dient auch hier dem Machterhalt. Etwa zu behaupten, dass Jesus keine Priesterinnen für die katholische Kirche wollte. Oder beim Wunderglauben: Dass Gott mal hier und mal da eingreift, den einen heilt, den anderen nicht; der willkürlich handelnde Gott im immer noch propagierten Wunderglauben ist insofern eine Lüge. Die Wunderorte werden aus kommerziellen Gründen beibehalten. Wer würde sonst im Ernst ins einstige Dörfchen Fatima, in die jetzt florierende Wallfahrer-Stadt in Portugal fahren? Oder ins abgelegene Lourdes oder Santiago de Compostela: Da geben die Leute ihr Geld aus, wohl wissend, dass der heilige Jacobus der Ältere dort garantiert nicht ruht. Man macht also das religiöse Wunderspiel mit. Man denke an die Verehrung des „heiligen Rocks“ (ein paar gut erhaltene Lumpen, die angeblich Jesus von Nazareth getragen hat) in Trier. Dieser Kult wurde im 19. Jahrhundert kritisiert von dem katholischen Priester Johannes Ronge, der nach seiner öffentlichen Kritik „selbstverständlich“ sofort exkommuniziert wurde..

Oder man denke an den Wahn der „Blutwunder in Neapel“ und so weiter und so weiter. Zum Blutwunder nur ein Zitat aus dem Wikipedia Beitrag zum Blutwunder in Neapel: „Das „Blut“ in den Kapseln von Neapel wurde bisher nicht chemisch oder biochemisch untersucht. Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat allerdings im April 2004 das Blutwunder aus nächster Nähe beobachtet und festgestellt, es sei sehr einfach, ein solches Wunder mit thixotropen Stoffen, die auch zum Zeitpunkt des ersten Auftretens im Mittelalter schon bekannt gewesen seien, im Labor zu reproduzieren. Solche Stoffe sind im Ruhezustand geleeartig, verflüssigen sich aber, wenn sie genügend bewegt werden. Demnach könnte das „Blut“ eine einfache chemische Reaktion aus FeCl3 mit Eierschalenkalk und Wasser sein“. Gelesen am 23.4.2017.

Also noch einmal: Wer wider besseren Wissens an einem Wahn, auch einem religiös gefärbten Wahn, festhält und diesen den armen frommen Seelen verkauft, ist ein Lügner.

Manche Kirchenführer meinen, ihren Glauben nur dann aufrechterhalten zu können, wenn man eben solchen Spuk als Wunder propagiert…

Lügen und Philosophie

Auch dieses Thema kann hier nur kurz vorgestellt werden für weitere persönliche Studien!

Hier wäre über postmodernen Relativismus zu sprechen.

Die postmoderne Philosophie ist vor allem mit dem Namen Jean Francois Lyotard verbunden, 1979 erschien sein grundlegendes Buch: La condition postmoderne. Die These: Es gibt eine kaum zu überbrückende Pluralität der Denkformen. Es herrscht also eine Kritik der einen Vernunft und Rationalität vor. Es ist die Kritik der Vernunftbegriffe. Logik sei repressiv und totalisierend. (so in: Heidegger-Handbuch, S. 453) Es ist die postmoderne Liebe zum Nicht-Darstellbaren, auch zu dem, was Martin Heidegger das Ereignis nannte.

Es wäre hier der Ort, über Heideggers a-letheia (in dieser ! Schreibweise bitte) – Lehre zu sprechen und über diese a- letheia Lehre als bewusst eingesetzte falsche Übersetzung für Wahrheit im Sinne der Unverborgenheit im Ringen mit der Verborgenheit zu sprechen. Wenn Heidegger diese esoterische a-letheia-Lehre bewusst eingesetzt und nach eigenem Gusto ausgebaut hat, wäre dies eine Verfälschung, eben eine Lüge.

Heidegger selbst spricht im Zusammenhang von Verborgenheit und Entbergung auch treffend von bleibender Irre. Weiß er zum Schluss noch, ob und wie lange er sich in der Irre bewegt? Wohl kaum. Ein Freund sagte mir zynisch: “Ist doch irre mit Heideggers Irre“, aber das am Rande…

Der Philosoph Ernst Tugendhat hat in seiner großen Studie zum „Wahrheitsbegriff bei Heidegger“ nachgewiesen, dass der spezifische Wahrheitsbegriff bei Heidegger wirklich verloren ist; dass Heideggers außergewöhnliche, konstruiert esoterische, „gewollte“ Wahrheitskonzeption, als Lichtung, Entbergung und Verbergung dazu dienen konnte, die eigene politische Irre, also das doch wohl bewusste Fehlgeleitetsein, (Nazi-Partei-Mitgliedschaft bis 1945!, Antisemitismus usw.) zu entschuldigen. Dieses Lichtungs- und Entbergungsgeschehen als passiv erlebtes Ereignis kann dann von einer umgreifenden Vernunft gar nicht mehr kritisiert werden (Tugendhat, S. 364).

Heidegger lebt und denkt also in der Irre aufgrund der bewusst eingesetzen falschen Wahrheits-Interpretation: Er sieht sich als passiver Empfänger der Seyns (sic ! )-Sprüche, natürlich völlig schuldlos…“Wer groß denkt, muss groß irren“, mit diesen Worten zieht sich Heidegger aus der Affäre… „Aber der Irrende ist ohne Schuld“, so Peter Trawny in „Irrnisfuge“, S. 68. „Es ist eine Entmächtigung des Subjekts“, so Trawny, S 37. „Es gibt keine Verantwortung , es gibt keine Erwartungen zu Verantwortung und Schuld“, Trawny, S. 69.

Die Frage ist: Kann man Heidegger, der einiges Kluge ja sagte sagte, insgesamt ernst nehmen? Darüber geht die Debatte auch angesichts der „Schwarzen Hefte“…

Kurz zu Voltaires hübsch klingenden, aber oberflächlichen Satz: „Die Lüge ist ein Laster, wenn sie Böses tut. Sie ist eine sehr große Tugend, wenn sie Gutes tut. Seien wir also tugendhafter denn je“, sagt Voltaire, Brief an A.M.Thieriot, 21. Okt. 1736. Woher weiß ich aber im voraus, wenn ich denn lüge, dass ich letztlich beim anderen Gutes bewirke? Dieser Satz von Voltaire ist also philosophischer Populismus…

Das führt zur Frage Kann es ein Recht auf Lügen geben?

Kant war strikt dagegen: „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ ist sein kurzer Aufsatz (1797), in dem er die Auffassung vertritt, dass es selbst bei Gefahr für Leib und Leben kein Recht auf Lügen („Notlüge“) gibt. (Der Kant Text selbst im Internet: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/%C3%9Cber+ein+vermeintes+Recht+aus+Menschenliebe+zu+l%C3%BCgen)

Kants Erkenntnis: Es kann niemals einen Rechtsgrund auf Lüge geben. Es gibt sonst die Ungereimtheit: Ich lüge also und beziehe mich dabei auf ein Recht, lügen zu dürfen. Vielleicht aber ist dieses Recht aber selbst eine Lüge. So dass ich letztlich im Unrecht bin und mit Strafen rechnen muss. Andere beanspruchen auch das Recht aufs Lügen mir gegenüber, ich weiss dann auch nicht mehr, woran ich mich halten soll…

Aber es gibt Momente, wo wir lügen müssen?  Da sind die Meinungen verschieden:

Wenn es um die Rettung anderer geht: Ich verstecke einen verfolgten Juden und sage bei einer Überprüfung durch die Gestapo nicht, dass ich jemandem verstecke. Das ist keine Lüge. Denn ich habe ja in meiner Praxis, eben in dem Verstecken selbst, schon gezeigt, dass ich Leben retten will und auch bereit bin, mich selbst dabei zu gefährden. Ich habe also mein Lügen einem höheren und vor allem einem guten Zweck untergeordnet. Und dieser Zweck ist ein guter Zweck, weil er Leben rettet.

Kant zeigt in seiner oben genannten Schrift, dass auch diese Position ethisch nicht haltbar ist (siehe oben).

Lügen als Notlügen müssen also überprüft werden auf ihre ethische Qualität hin. Welche Not will ich lügend überwinden? Will ich mich egoistisch als Held zeigen oder primär den anderen retten? Distaniere ich mich nah vollzogener Notlüge wieder vom Lügen? Oder wird Lügen meine Lebens-Tradition?

Werden wir eines Tages in einer lügenfreien Welt leben?

Wohl kaum, weil die (geglaubte) Bequemlichkeit der Lüge die Strapaze der Wahrhaftigkeit überwiegt. Weil derjenige, der oft wahrhaftig ist (bzw. war) in einer verlogenen Umgebung nur leiden muss unter seiner Wahrhaftigkeit. Schließlich wird der Wahrhaftige in einem allgemeinen Lügen-System als Lügner bezeichnet und ausgegrenzt. Man denke an das Schicksal der so genannten Ketzer unter den Theologen… Schließlich hat die Mehrheit recht, auch dies ein Satz, der eine Lüge sein kann…

Nur in einer Welt, die entschieden und gebildet Wahrhaftigkeit ganz hoch hält und schätzt, kann das Lügen-System überwunden werden. Von einer solchen Welt sind wir angesichts der Lügen-Barone, die sich Politiker nennen, Lichtjahre entfernt. Aber eine kritische Philosophie kann niemals darauf verzichten, das Thema weiter zu bedenken und für die vorrangige, wenn nicht absolute Geltung der Wahrhaftigkeit und Wahrheit einzutreten. Sonst siegen die Lügner. Nicht ohne Grund nennt die Bibel den Teufel als den Herrn der Lüge. Dieses Bild ist richtig, auch wenn man den Teufel bloß für ein Symbol hält.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literatur:

Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden und andere Schriften. Fischer Taschenbuch für nur 8 Euro. Dieser Band gehört in jedes Haus, enthält viele leicht lesbare Kant – Texte, auch den kleinen Text „Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen“ S 225 bis 231.

André Comte-Sponville (Philosoph in Paris, ein Jankélévitch- Schüler), Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tiugenden und Werte. Darin: Kapietl 16: Die Aufrichtigkeit. S 229 – 246. Rowohlt Tachenbuch 8, 90 Euro. Viele Bücher von Comte-Sponville sind sehr lesenswert und leicht nachvollziehbar.

Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, Piper Verlag 2016, 10 Euro.

Wer sich mit Heideggers IRRE etwas befassen will, kann als Hinführung, allerdings Heidegger verteidigend, die kleine, aber für Nicht-Heideggerianer schwierige Studie von Peter Trawny lesen: „IRRNISFUGE“. Verlag Matthes und Seitz, 2014, 89 Seiten, 10 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 

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