Der Glaube kommt vom Hören. Oder von der goldenen Gottesmutter? Beobachtungen in Spanien.

3. Jul 2017 | von | Themenbereich: Befreiung, Forschungsprojekte

Philosophisch – theologische Eindrücke in Spaniens Kirchenwelt heute

Hinweise von Christian Modehn

Wer einige Barockkirchen in Spanien besucht und besichtigt, wird von der Fülle der Bilder, des Bunten, des Vergoldeten als Zierde der Heiligen, der Madonnen, der Kreuze und Himmelfahrten und Trinitäten förmlich erschlagen. Dabei soll die formale Leistung der Künstler damals keineswegs schlecht gemacht werden. Sie haben Auftragsarbeiten abgeliefert, die von Herrschern, politischen wie klerikalen, für hoffentlich gutes Geld bestellt wurden. Aber, dies ist die Erfahrung heute: Das Erstaunen und gelegentliche Entzücken über die pralle farbige Welt des Ibero – Katholischen stellt sich nur am ersten Tag ein, wenn der Reisende, etwa aus dem nüchternen, barockfernen Norden, in den einst und heute noch eher wohl pro forma etwas katholisch geprägten Süden, nach Spanien, kommt.

Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo hat in seinem immer noch lesenswerten Buch „Spanien und die Spanier“ (1982 bei Suhrkamp) auf diese erdrückende Bilderwelt der Kirchengebäude, selbst für einen Spanier, sehr treffend hingewiesen: „Eben der Überfluss und die Wirrnis von so viel Gold und Glanz, die man da im Dämmer gewahrt, erregen und blenden die Seele. Der Besucher wird nicht eingeladen, zu schauen und zu begreifen. Er wird aufgefordert, sich passiv und nur aufnehmend zu verhalten. Er wird in einen hypnotischen Zustand versetzt“ (S. 247). Dieses Gezwungenwerden in einen Dämmerzustand angesichts der Bilderflut und der vielen Hauptaltäre und Nebenaltäre und Heiligenstatuen ist damals, von den Herrschern und Geldgebern, so gewollt worden. Sie wollten das anwesende so genannte gläubige Volk, oft unwissend und Analphabeten, eben mit dem Schauen beschäftigen, während der Priester am Altar die Messe still vor sich hin las. Das war ja die übliche Form des „Messe – Lesens“ im Katholizismus bis zum Jahr 1964. Also: Beim passiv sitzenden Volk: Ablenkung, Phantasie-Spielereien, Erstaunen über die bunte, golden gefärbte religiöse Welt. Dies waren, und sind wohl immer noch, die Reaktion des Betrachters. Wer konnte schon einen heiligen Simon von einem heiligen Philippus unterscheiden? Welche Freude hatten die Leute, wenn sie zum tausendsten Mal eine neue, aber altvertraute Marien Statue mit dem Jesuskind betrachteten?

Diese thematische Einfalt und Monotonie in Bezug auf Maria wäre ein eigenes Thema, ebenso die Erkenntnis: Durch diese wahnhafte Überfülle der Mariendarstellungen kann man sich einfach nicht gegen die Erkenntnis wehren, dass Maria eine Muttergottheit darstellt. Maria als Göttin mit dem Kind, für diese künstlerisch – theologische Aussage gibt es tausende von Belegen!! In der Basilika hoch oben auf dem Berg von Bilbao z. B. sitzt sie stolz in der absoluten Mitte des Hochaltars. Ihr gilt die Messe. Das ist einfach unübersehbar. Die Göttin Maria sollte den strengen Vater – Gott und den immer leidenden Jesus am Kreuz sozusagen „neutralisieren“ und in bessere, heilsamere Dimensionen führen. Und dies wurde auch so gemeint, wenn Maria sogar auf den Hochaltären die absolute Dominanz hat. In bittersten Zeiten der Kriege und Hungersnöte war die Muttergottheit Maria tatsächlich eine Art Rettung und eben ein „Schutzmantel“. Erfreulich nur, wenn manchmal, wie in Madrid, zur Abwechslung, ein heiliger Sebastian, hübsch und fast nackt, der absolute Mittepunkt des Hochaltares ist, zur Freude der Frauen und der Schwulen.

Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus: Sondern:

In diesem barocken überladenen Bilderkirchen wird diese Theologie faktisch verbreitet: Der Glaube kommt vom Sehen, vom Schauen, von meinen Gefühlen, die ich angesichts der Bilderflut habe. Ich denke mir meinen Teil und sehe plötzlich (in einer Vision?) den heiligen Josef als Teil der Trinität. Warum auch nicht? Der Schauende bastelt sich in seiner Phantasie seine Theologie. Diese Kirchen und mit ihren goldigen Heiligenfiguren etc. wollen geradezu den subjektiv zusammen gebastelten Glauben fördern. Diese Kirchen sind also letztlich anti – orthodox im Sinne des Vatikans. Vielleicht ist der Glaube an die Muttergottheit mit dem Namen Maria auch auf „schauende Weise“ gefördert worden? Es wäre jedenfalls ein tolles Thema kritischer Theologie: Maria als katholische Muttergottheit zu thematisieren. Bisher ist in der katholischen orthodoxen, d.h. kirchenamtlich abhängigen Theologie dieses Thema verdrängt worden. Es durfte nicht sein, was da faktisch in der Kunst zu Tage tritt. Prinzipiell, im Rahmen einer liberalen Theologie, könnte man sagen: Jeder religiöse Mensch möge und sollte sich seinen eigenen, ureigenen, hoffentlich dann auch befreienden Glauben entwickeln! Aber der Glaube sollte vor dem Abrutschen bewahrt bleiben, also befreiend sein, vernunftgeleitet, Jesus als erlösendes Vorbild vor Augen.

Trotz allem: Es gibt einen anderen Weg: Der Glaube kommt vom Hören, sagt Paulus im 10. Kapitel des Römerbriefes. Das ist für eine anthropologisch interessierte Theologie sehr wichtig: Wer hört, der hört immer mindestens einen anderen Menschen. Dieser muss ja nicht der autoritäre Lehre/Prediger sein. Sondern ein Suchender, wie alle anderen. Im Einanderzuhören entsteht aber immer eine Gemeinschaft, denn der Hörende muss selbstverständlich dem Redenden antworten, beide müssen miteinander in einen Dialog treten und selbstverständlich streiten. Der bloß entzückt schauende Glaubende hingegen ist allein. Wer hört, sucht die Gespräche, den kritischen Dialog. Dies wäre eine Chance für die eher bildfeindlichen Kirchen aus dem Geist der Reformation Calvins. Die hörende Theologie pflegt auch die kritische Vernunft mit ihrer Sorge um begriffliche Klarheit.

Noch eine Beobachtung: Heute sind viele große Kirchen und Kathedralen in Spanien während der Woche, außerhalb der Gottesdienste,  nur gegen Gebühr (mindestens 5 Euro) zu betreten. Die Kirchenbeamten verstehen also ihre eigenen Kirchengebäude selbst längst als Museen! Wer etwa in der Kathedrale von Malaga noch individuell beten will, muss dies dem Wachpersonal ausdrücklich mitteilen. Dann wird er (gratis) in eine kleine Gebetskapelle verwiesen. Mit anderen Worten: Die Kirchenbeamten wissen, dass barocke Kirchenkunst immer noch die Schaulust der Touristen befriedigt; aber sie wissen auch, dass dies nur im Rahmen eines Museumsbesuches gewünscht wird. Beten und meditieren – das kann man vor dieser verwirrenden Farben- und Puttenfülle sicher nicht. Beten heißt Worte finden für die eigene Poesie, diese gelingt nur in der Stille, ohne Ablenkung durch goldene Putten usw. Und es ist interessant, dass diese Poesie, die das Gebet ist, in diesem Prachttempeln nicht gelehrt wird und nicht gelehrt werden kann!

Noch eine Bemerkung: Die „voll gestopfteste“ Kathedrale, Entschuldigung für diesen Ausdruck, die ich je gesehen habe in ihrer ganzen verwirrenden Überfülle: Ist die Kathedrale von Toledo. Eigentlich ein frommer Irr – Garten. Aber selbst kleinere Kirchen, wie die Klosterkirche Santa Maria la Real in Najera, Rioja, bedrückt durch eine maßlose Pracht des Hauptaltares. Der offizielle Kirchen“führer“ in Najera spricht selbst davon: „Üppigkeit und Selbstherrlichkeit sind die Hauptmerkmale des Altar – Rentabels aus dem Jahre 1690 von Francico de la Cueva und Mateo de Rubalcaba“. Das massivste Gold –Ensemble über dem Hochaltar wird dann typischerweise gekrönt an oberster Spitze, wirklich, vom Wappen des Kaisers Karl V. Er, der Kaiser und König, wird dann als aller oberster Himmelsherr verehrt! Vor Gold trieft förmlich auch auch die Sakristei der Klosterkirche von Yuso, in La Rioja: Die Priester, die sich dort zur Messe verkleideten, sahen förmlich alles Gold, das ihnen die Eroberer Lateinamerikas in die Heimat brachten. So konnte man des armen Jesus von Nazareth gedenken bzw. ihn vergessen.

Eine weitere Bemerkung, die kirchenpolitisch vielleicht am wichtigsten ist: Die Messen, an denen ich teilnahm, waren wie die meisten in Deutschland, Frankreich oder Holland, tatsächlich Seniorenmessen. Niemals habe ich auch einen Ministranten gesehen, ganz selten Jugendliche oder junge Leute. Mein Eindruck, der soziologisch bewiesen werden kann: Auch die spanische Kirche stirbt vor Müdigkeit und Routine. Ich erinnere mich etwa an eine Samstagabend Messe in der großen Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada: Da spulte der Priester die Samstagabendmesse in einer unangenehmen brüllenden Stimme die Messe förmlich im Eiltempo herunter. Aufstehen, Knieen, Setzen, Aufstehen, Antworten usw… ständig ging das hin und her. Ein Horror. In Onati, Baskenland, verteilten interessanterweise einige Frauen die Oblaten der Kommunion, aber dies in einem Tempo, als würden den Leute Zweieuro-Münzen schnell in die Hand geschoben. Eine Orgel gibt es in vielen Kirchen, aber offenbar verstehen nur wenige, sie zu spielen. Die Orgeln sind reine Zierde.

Die Routine, die Erstarrung, sind nach meinem Eindruck in Spaniens Katholizismus groß. Die alten Kirchengebäude, immer in grauem Stein, aus dem 15. Jahrhundert, wirken museal, es sind Orte eines musealen Glaubens. Nur noch Traditionsbegeisterte setzen sich da rein zur schnell absolvierten Messe. Kein Wunder also, wenn sich heute, 40 Jahre nach dem Ende der „all katholischen“, aber faschistoiden Franco-Diktatur, höchstens noch 70 Prozent (die Alten) der Spanier katholisch nennen. Diese Kirche(ngebäude) der barocken Pracht, ausgestattet mit dem Gold der Conquistadores, vertreiben schlicht und einfach jüngere und gebildete Menschen. Das ist eine Tatsache! Für diese erstarrte, aber noch üppige reiche Kirche als Institution, will sich kaum noch einer oder eine engagieren. Diese Kirche ist Folklore (siehe etwa die „semana santa“) und barocke Schau (Show) Kultur geworden.

Diese Kirche, da muss man kein Prophet sein, hat keine Zukunft, weil sie auch theologisch an den dogmatischen Erstarrungen und den routinierten Floskeln festhält. Die vielen verfallenen Dorfkirchen, die vielen verlassenen Klöster und Konvente in den kleinen Städten, die heute oft zu Luxus Hotels umgestaltet sind, sprechen eine deutliche Sprache. Kein Orden kommt offenbar auf die Idee, das große alte Kloster als Begegnungszentrum für alle religiös suchenden Menschen umzugestalten. Lieber überlässt man diese Klöster reaktionären neu gegründeten Ordensgemeinschaften. Diese jungen Nonnen (etwa im Städtchen Lerma) ziehen sich total zurück und tun für die Menschen nichts anderes, als Kekse zu backen, zumal für die Touristen. Aber diese Nonnen teilen nicht mit den Menschen die eigenen, hoffentlich interessanten spirituellen Einsichten. Wahrscheinlich haben sie auch nichts Neues zu sagen.

Hingegen hat diese Kirche noch Freude, ihren eigenen religiösen Aberglauben sichtbar zu feiern: Inmitten der Kathedrale von Domingo de la Calzada, Rioja, sitzen ständig ein Hahn und ein Henne in einem eigens gebauten Glaskästchen. Alle Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela pilgern zu diesem Hühnerstall in der Katedrale. Die Geschichte ist albern und dumm und lang, sie wird im offiziellen Prospekt dieser Kirche erzählt: Nur so viel: Ein zum Tode Verurteilter (ausgerechnet ein Deutscher) wird im Mittelalter durch die Fürsprache des heiligen Domingo vom Strang gerettet. Der Richter glaubt nicht an das Überleben des angeblichen Missetäters: Aber da fliegen ihm beim Mittagessen die Hühner vom Teller. Und, was passiert: Der Richter glaubt durch dieses Hühnerwunder nun an die Unschuld des Gehängten, der ja lebt. Hühner retten Leben, könnte ein Werbeslogan heißen. Aber: Solchem Blödsinn gibt die Kathedrale tatsächlich sichtbar Raum. Die Kathedral – Hühner werden alle 14 Tage ausgewechselt, wer sie dann verspeisen darf, wird nicht verraten. In jedem Fall nehmen diese Tiere an den Messen teilen. Das  Kikiriki ist kaum hörbar wegen der dicken Glasscheiben. Ob das Huhn bei der Messe Eier legt, wird nicht berichtet… Nirgendwo kann man die Melange von Glauben und Aberglauben so deutlich studieren wie an dem eleganten Hühnerstall inmitten der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada. Fehlt bloß noch, dass ein Vegetarier auf die Idee kommt, die Hühner zu taufen, damit sie nicht geschlachtet werden…

Im ganzen also kein Eindruck, der einen spirituellen und vernünftigen Enthusiasmus erzeugt: Viele große alte Kirchen und vor allem diese riesigen Klöster in Spanien wirken wie Gefängnisse, unnahbar, hässlich, vergittert, gewaltig. Da gibt es keinen Einlass, bestenfalls, um bei den Nonnen Kekse zu kaufen.

Welchen musealen Eindruck macht die christliche Religion längst? Was für eine Schande ist dieses Tote und Museale in spirituellem Zusammenhang. Einige Millionen Spanier haben sich von dieser erstarrten Religion befreit. Aber: Welche Spiritualität kommt danach? Und welche Ideologie herrscht schon längst? Hat Pasolini recht, wenn er sagt: Die neue Religion ist der Konsumismus? Der ist weder theistisch noch atheistisch. Der ist einfach platt und dumm.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin.

 

 

 

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