PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest… und ein politisches Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.5. 2017

Kein Fest der Christen ist vielen so unbekannt wie Pfingsten. Das sagen hingegen nicht (klassische, „idealistische“) Philosophen. Denn Pfingsten ist auch ihr Fest, das Fest des sich selbst reflektierenden Geistes, also der Vernunft. Wir feiern, auch trotz der Linkshegelianer und Marxisten, naturgemäß eben auch, moderat, Hegel, den Meister des absoluten Geistes … zu Pfingsten. Dass diese philosophische Haltung politisch-kritisch ist, habe ich 2016 in einem eigenen Beitrag darzustellen versucht, siehe weiter unten….

Pfingsten und Himmelfahrt und Ostern: Diese drei christlichen Feste, beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen: Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz  die Erleuchtung, um es mal buddhistisch angehaucht, aber heutzutage verständlich zu sagen, als die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth,  dieser wunderbare Mensch, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten explizit gefeiert. D.h.: Das Ewige ist im Menschen. Es hat auch Jesus ins weite Leben geführt – wie es alle anderen Menschen auch, weil alle mit dem Ewigen „begabt“. Pfingsten also ein Fest dieser fundamentalen Einsicht. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde, genannt, zu versammeln.

Nun zum Zusammenhang von Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten…

Warum werden eigentlich in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Haben diese Gedenktage und Feste denn alle einen grundlegend verschiedenen Inhalt? Die Antwort vorweggenommen, siehe Weiteres unten, heißt: Nein. Es ist vielmehr der gleiche Inhalt, der an den drei verschiedenen Gedenktagen bzw. Feiertagen bedacht wird.

Dass die Kirchen dreimal in kurzem zeitlichen Abstand Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten feiern, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, Feste eben „feste“ zu feiern und vor allem: Es hängt vor allem mit dem so genannten Kirchenjahr zusammen, das sich auf das säkulare Jahr „legt“, allerdings mit anderen Neujahrstagen und anderen Silvestertagen: Neujahr im Kirchenjahr ist nicht der 1.Januar, sondern jeweils der erste Sonntag im Advent. Und Silvester als der letzte Tag des (weltlichen) Jahres ist im Kirchenjahr förmlich der Sonntag vor dem 1. Adventssonntag, der in evangelischen Kreisen „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. Das Kirchenjahr mit einem eigenen Anfang und eigenen Ende folgt den Lehren der Kirche, also von der Erwartung Jesu Christi (Advent) bis zum Ende der Welt…Und darin sind Ostern, Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten platziert.

Mit diesem Sonder-Kalender wollen die Kirchen signalisieren, dass sie doch nicht ganz den Rhythmen der weltlichen Zeit und der Welt folgen wollen. Darum wurde auch früher, als die Menschen noch stärker christlich und vor allem deutlicher katholisch geprägt waren, der Namenstag (bezogen auf einen Heiligen im Kirchenjahr !) viel besser gefeiert als der (natürliche) Geburtstag, der sozusagen zur weltlichen Zeit gehört. Ein Christ feiert den christlichen Namenstag, hieß und heißt die Devise. Damit wurde zugleich dem Menschen ein leibhaftiges Vorbild vor Augen gestellt… wenn es denn eines war: Einen heiligen Georg soll es als historische Person nicht gegeben haben….

1. Ostern bedeutet als das Fest und als Form des Gedenkens: Nach dem historisch stattgefundenen Tod (der Kreuzigung) Jesu von Nazareth kommen die Jünger nach einer Zeit der Trauer und Depression zu der gemeinsam geteilten, aber in unterschiedlichen Sprachformen übermittelten Überzeugung: Dieser Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche Mensch, den wir liebten, der uns liebte, kann nicht im Nichts verschwunden sein. Er lebt auf neue Art; er wird als auf neue Art Lebendiger von der Gemeinde erlebt. Dies ist – kurz gesagt – Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist eine begründbare Überzeugung für die Gemeinde, weil sie wissen: Das Ewige und in dem Sinne Göttliche ist bereits eine unabwerfbare, freilich in einer oberflächlich-kapitalistischen Welt übersehbare Wirklichkeit im Menschen. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Deswegen sagt auch der Apostel Paulus: Jesus Christus zeigt sich nur als der Erste, der vom Tod Auferweckten. Ein historisches, greifbares datierbares Ereignis (für Historiker) ist die Auferstehung Jesu von Nazareth selbstverständlich nicht. Die Rede vom leeren Grab ist ein Bild, mehr nicht. Der Tod ist überwunden, auch wenn der Körper im Grab liegt. Das letzte historisch – fixierbare Datum aus Jesu Leben ist der Prozess, die Kreuzigung und der Tod am Kreuz. Historisch greifbar als Ereignis ist hingegen die Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Jesus lebt für uns in der göttlichen Wirklichkeit. Und dahin gelangen auch wir – wie auch immer – nach dem Tod unseres Körpers.

2. Und damit sind wir bei dem, was Christi Himmelfahrt meint: Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise für den Ort des Göttlichen hält, im „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also ein Variante des Osterfestes.

3. Und Pfingsten? An dem Gedenk- und Feiertag wird klar: Die erste Gemeinde hat die innere Voraussetzung für ihre Überzeugung bezüglich Ostern und Christi Himmelfahrt reflektiert: Und sie weiß dann im gemeinsamen Sprechen, fragen und Nachdenken: Dass wir erste Christen überzeugt sind, dass Jesus von Nazareth auf eine unvorstellbare Weise lebt, ist förmlich ein Geschenk, ein Geistes-Blitz, ein Widerfahrnis, womit eigentlich niemand gerechnet hat.

Insofern ist Pfingsten das Fest der Einsicht, der überwältigenden Erkenntnis, des Geistesgeschenks. Und dies führt die Menschen zusammen, etwa in Gemeinden und Kirchen. Dass später dann in charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden der emotionale Überschwung begann, das Trallala, die Zungenrede, die merkwürdig (abstoßenden) Geistes-Heilungen usw., ist, geistvoll betrachtet, ein Irrweg. Pfingsten ist vielmehr das Fest des kritischen Nachdenkens über das Leben in dieser Welt, selbstverständlich sollte sich diese Überzeugung auch körperlich ausdrücken, im Tanz, der Bewegung, dem gemeinsamen Unterwegssein.

Die Kirche als vom Geist gegründete ist eigentlich der Ort, wo die Vernunft ihren Ehrenplatz hat. Aber leider de facto selten hat. Siehe die Ablehnung der Philosophie durch Luther, die Ablehnung des modernen Humanismus usw. Da haben dann philosophische Salons ihre Aufgabe!

Natürlich lässt sich Pfingsten auch säkular feiern: Indem man reflektiert und die Frage stellt: Ist denn alles erlebte Geschehen des Geistes (Liebe, Eros, Kunst usw.) in mir und in anderen nicht auch ein Geschenk, eine Gabe, ein geistvoller Zu-Fall? Pfingsten befreit also von der Banalität des angeblich bloß grauen Alltags.

Christen feiern Pfingsten zudem als Fest der Gleichberechtigung aller Menschen: Denn alle haben den heiligen Geist. Der Geist wird nun heilig! Bekanntlich konnten die vielen Christen aus vielen Kulturen und Sprachen – laut Bericht der Apostelgeschichte – einander nicht nur verstehen, sie respektierten auch einander. Insofern ist Pfingsten dann doch auch ein Fest der absolut, also göttlich gewollten Pluralität der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen; selbstverständlich haben alle Kulturen und alle Menschen das gleiche Lebensrecht! Insofern ist Pfingsten auch das Fest der universalen Menschenrechte. Die Kirchen sollten eigentlich Modelle sein für dieses multikulturelle Zusammenleben, sind sie aber leider eher selten. Im Ausgrenzen von „anderen“ sind auch die Kirchen sehr erfahren und immer noch fixiert. Man denke nur an die aktuellen furchtbaren Hasstiraden des Patriarchen Kirill von Moskau gegen Homosexuelle. Solche Leute wie Kirill als mächtige, stinkend reiche Staatstheologen Putins sind (noch) nicht vom Geist berührt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mein Beitrag zu Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Das Wissen ist: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere. Sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden… zum Besseren.

Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein zeigt in Umrissen eine neue Welt, dieses Nein ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden.

In der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten usw. hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst Franziskus doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grund stürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen, nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher; sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher, abgesehen von Events, wie den Kirchentagen. Danach tritt wieder die erstarrung ein, im römischen Katholizismus herrscht ohnehin Erstarrrung, trotz des munteren Papstes… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: Eher nicht, es ist schon zu spät, zu belastend sind die versteinerten Traditionen.

Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

 

Pfingsten: Der Geist ist heilig. Der Leib natürlich auch…

Pfingsten ist leider ein philosophisch und theologisch weithin unbekanntes Fest. Es sollte darum in nachvollziehbaren Worten erklärt werden. Dabei wird an den zwei Pfingstfeiertagen die Erfahrung und die Einsicht gefeiert: Der Geist  (also auch die Vernunft) ist ein göttliches Geschenk. Etwas Heiliges. Und der Geist weiß: Der ganze Mensch, die ganze Person, jeder und jede, ist von sakraler Würde: “Unanstastbar”, sagen die Menschenrechts – Erklärungen. Und: Ostern und Pfingsten gehören inhaltlich zusammen: Weil zu Ostern die Gemeinde nach Jesu Tod entdeckte:  Es gibt das Ewige und über den Tod Bleibende im Menschen. Auch Jesus hatte dieses Ewige, Unzerstörbare, “in sich”, deswegen lebt er auf unbekannte Art weiter. Wie alle anderen Menschen auch wissen können: Auch wir haben wie Jesus das Ewige “in uns”. Diese Erkenntnis wird zu  Pfingsten gefeiert. Und Gemeinde ist jene weite und immer internationale Gruppe, die aus dieser Überzeugung frei leben kann…Und hoffentlich das Feiern nicht verlernt hat…

Ich habe einige Beiträge zu dem zentralen philosophischen und religiösen Fest notiert, klicken Sie hier.

Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Pfingsten 2016: Wie der heilige Geist heute zu politischer Kritik ermuntert

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum “Fest des Geistes” sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen  gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in den aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere; sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden. Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein im Umrissen sichtbare neue Welt ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden. In der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten, hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: “Das Elend der Welt”, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns “die Welt des Elends”, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grundstürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen,nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher;  sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: eher nicht, es ist zu spät. Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text “Veni creator spiritus” formulierte: “Komm heiliger Geist…” Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von G.W.F.Hegel

Der Seelenfunken in jedem Menschen:

Pfingsten in der Deutung Hegels

Von Christian Modehn

Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst – Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, der wird fast wie von selbst, möchte man sagen, zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel geführt. Er ist der Philosoph des Geistes „schlechthin“, wobei er von der grundlegenden Erfahrung geleitet ist, dass die Philosophie den Geist als ihr Thema hat und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, etwa auch für die  „Materialisten“. Die Frage ist nur, inwieweit diese Voraussetzungen kritisch „eingeholt“ werden können und inwieweit sie sich fruchtbar machen lassen für das Verstehen der ganzen Wirklichkeit. Aber vielen Menschen ist wie schon zu Zeiten Hegels der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist – Philosophie einzulassen und auch als Hilfe, das eigene Leben transparenter zu sehen. Von daher mag die Hegelsche „Pfingstphilosophie“ vielleicht heute zu anspruchsvoll wirken, tatsächlich aber hält sie viele Vorschläge der Reflexion auch für heute bereit.

Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. präsentiert, C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: Vorlesungen über die Philosophie der Religion II., Suhrkamp, S. 341). Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in der Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens aufgehoben, d.h. beides: bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341). In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch verstandene Pfingst – Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema in dem Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch übersetzt – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Nach der unmittelbaren Erfahrung der Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom historischen Ereignis in ein „geistiges Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S 301). Indem das Neue Testament behauptet, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte :“Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt.

Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die nun in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.

Man muss als philosophischer Leser den  anspruchsvollen philosophischen Aussagen  tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: der einzelne Mensch wird gewusst als Gott (sic, C.M.) und mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch als (endlicher) Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch.

Indem Pfingsten sozusagen den Menschen, jeden Menschen, erhebt zu einem mit Gott „ausgestatteten“ Wesen, wird, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung (Erlösung) an und für sich vollbracht“ ( 318). Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch, also geht es um Gestaltung der Freiheit des Geistes in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit; der freie Geist will sich äußern, also ent -äußern, verleiblichen, wenn man so will.  Dabei traut Hegel diese Leistung, etwa einen Rechtsstaat zu errichten, ausschließlich der protestantischen Religion zu;  der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und zu veräußerlicht und korrupt.

Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel – Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33). Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichts“: Diese – in anderen Zusammenhängen viel zitierte Formulierung – erinnert an den Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Anteilhabe des Menschen an Gott mit dem Begriff “göttlicher Funke“  ausdrückt. Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in diesem Vortrag, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott: Auch die Wirklichkeit der Gottesliebe führt zu den Traditionen Meister Eckarts. Innerhalb seiner Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, s 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben“.

Jedenfalls ist die mystische Erfahrung für Hegel alles andere als fremd. Hegel als Mystiker – das wäre ein spannendes Thema, das auch die “Phänomenologie des Geistes” und die “Logik” einbeziehen müßte.

Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: Es ist etwas pathetisch und gar nicht werbewirksam gesagt: “Das Fest des göttlichen Funkens in jedem Menschen“, sozusagen das Ewige in einem jeden, das als Ewiges auch Endliches überdauert. Die Fragen rund um den Tod erhalten so ein neues Licht.

Copyright: Christian Modehn

Pfingsten – Fest des Geistes. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Pfingsten – das Fest des Geistes
Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Hat das Pfingstfest eine Bedeutung für die heutige moderne Lebenserfahrung, die so oft sagt: Wir leben in geistlosen Zeiten?

Bereits der Gregorianische Hymnus aus dem 9. Jahrhundert ruft nach der schöpferischen Kraft des Geistes. „Veni Creator Spiritus“ – „Komm Schöpfer Geist“. Offensichtlich war der Eindruck schon immer der, dass es an Geist mangelt oder jedenfalls, dass wir um den Geist bitten müssen. Nach dem Geist verlangen, um den Geist bitten wir, weil wir nicht über ihn verfügen, weil wir ihn nicht machen können, aber doch von diesem Geist leben! In uns selbst aufkommend, aber eben unverfügbar aufkommend: ‚Da hatte ich eine Idee!‘ ‚ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen!‘ Jetzt wird mir die Sache klar!‘ Wir wissen, wie sehr alle menschliche Kreativität vom gelungenen Einfall lebt!

Geistlose Zeiten? Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, was Menschen alles können, auf den Gebieten von Wissenschaft und Technik, von Kunst und Kultur. Großartiges mit zuvor ungeahnten Möglichkeiten finden wir auch in unserer Zeit, denken wir nur an den Computer und das Internet. Wozu der Mensch fähig ist, das freilich ist auch an Grausamkeit nicht zu überbieten. Der menschliche Geist ist wirklich zu allem fähig!

Ich sehe im Geist die göttliche Kraft in uns Menschen, das Schöpferische und Kreative. Ich sehe in ihm den göttlichen Grund der menschlichen Freiheit. Deshalb, so meine ich, verlangt und ermöglicht zugleich der Geist aber auch, dass wir uns bewusst und d.h. letztlich immer auf verantwortliche, kritische Weise zu ihm verhalten. Wir verfügen nicht über den Geist. Er ist vielmehr die schöpferische Energie aus der wir leben. Genau dies können wir uns jedoch bewusst klar machen. Dann sehen wir darauf, dass wir verantwortlich mit unseren schöpferischen Fähigkeiten umgehen müssen.

Der schöpferische Geist von uns Menschen kann sich in eine teuflische Kraft verwandeln, ins Zerstörerische und Mörderische. Auch deshalb braucht er die kulturelle und ethische Formung. Er muss sich ausrichten können an dem, was dem Leben dient. Er braucht die Einsicht in das, was gut ist für alle Menschen.

Der menschliche Geist ermöglicht aber selbst auch die Selbstthematisierung, in ethischer und in religiöser Hinsicht, die Ausrichtung am Guten, die Vergewisserung dessen, dass der Mensch in Gott gründet – einem Gott, der nichts als Liebe ist. In dieser Selbstbesinnung auf die Kraft des Geistes liegt die Bedeutung des Pfingstfestes.

Wenn der Geist geehrt und gefeiert wird zu Pfingsten: Ist denn der “heilige Geist” in jedem Menschen lebendig?
Der „heilige“ Geist ist keine Größe, die wir uns in gegenständlicher Gegebenheit vorzustellen hätten. Die biblisch fundierte Bildwelt des Christentums hat zwar für solche Vorstellungen gesorgt – Feuerzungen auf den Häuptern; die Taube, die vom  Himmel herabfährt – aber das sind symbolische Zeichen, die dafür stehen, dass der Geist uns Menschen ergreift, dass er über uns kommt, uns erfüllt. Wir spüren seine Kraft, aber wir können dieses Spüren nicht selbst hervorrufen. Wenn wir aber diese uns erfüllende Kraft spüren, dann können wir uns bewusst zu ihr verhalten, ihr eine Form geben und sie zu lebensdienlicher Wirkung bringen.

So verstanden ist der „heilige Geist“ in jedem Menschen lebendig als diese unwahrscheinliche Lebenskraft. Allerdings achten wir zumeist gar nicht darauf, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht hervorgebracht haben und hervorzubringen nicht in der Lage sind. Deshalb, wenn wir an Pfingsten den Geist feiern, dann feiern wir im Grunde das Wunder des Lebens, dann zelebrieren wir die Energie, die in uns Menschen steckt, unseren Einfallsreichtum, die elementare Kraft zur Bewältigung dieses oft so komplizierten Lebens.

Alle Menschen haben Geist, haben Vernunft: Haben sie dadurch Göttliches in sich selbst, das sich vielfältig ausdrückt?

Die Kraft des Geistes ist in allen. Insofern kann man auch sagen, alle Menschen haben Göttliches in sich, so wie der Theologe Friedrich Schleiermacher der Meinung war, alle Menschen seien Künstler, ein Dictum, das ebenso von dem Aktionskünstler Joseph Beuys überliefert ist. Gemeint ist das kreative Potential, das in uns Menschen steckt, von dem aber ebenso gilt, dass es in Form gebracht, bewusst gestaltet, mit vernünftiger Einsicht vermittelt werden will.

Wenn der göttliche Geist so allgemein ist: Sind dann die vielen nichtchristlichen Religionen auch von dem einen göttlichen Geist beeinflusst?

Da muss ich die Bibel zitieren: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3, 8) Der Geist kennt keine Grenzen. Er richtet sich nicht nach den sozialen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten, in die wir die Menschen und Menschgruppen einteilen. Er ist unverfügbar, in seinem Woher und Wohin nicht manipulierbar. Dadurch ist er der Grund der menschlichen Freiheit, selbstverständlich der Freiheit aller Menschen.

Der heilige Geist ist kein Christ. Die verschiedenen Religionen sind vielmehr verschiedene Formungen des menschlichen Geistes, sofern dieser sich seines göttlichen Grundes bewusst wird. Wo Menschen nicht nur aus der Kraft des ihnen innewohnenden göttlichen Geistes leben, sondern sich dieser Kraft bewusst werden, als einer solchen, die von außen, von Gott her, über sie kommt, dort ist gelebte Religion – in welcher Form auch immer. Jede Religion ist als Religion umso lebendiger, je klarer sie die bewegende Kraft des Geistes feiert, dann aber ihr auch eine lebensdienliche, in der Liebe eifrige Form gibt.

Wir identifizieren oft Geist mit der Fähigkeit zur Kritik. Ist der heilige Geist also auch skeptisch, auch kritisch, aber wem oder was gegenüber?
Das genau gehört entscheidend zur Formung, zu der die Bewusstheit des Geistes diesem selbst verhilft, die Fähigkeit zur Kritik. „Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4, 24) Wo wir der Lebendigkeit des Geistes in uns selbst bewusst werden, ihn gar religiös feiern, ihm begeistert unsere Lieder singen und unser Herz schenken, da tun wir dies nur dann auf rechte Weise, wenn wir uns zu seiner Wirkung in uns selbst und in anderen kritisch verhalten. Wir müssen prüfen, ob das, was wir in der Kraft des Geistes, der unsere Lebendigkeit ausmacht, tun, auch wirklich dem Leben dient, uns selbst förderlich ist und denen, für die wir da sind und Verantwortung tragen, für diese Welt und ihre Zukunft.

Die sich ihrer bewusst werdende Lebendigkeit des Geistes ist immer kritisch, kritisch sich selbst gegenüber. Sie weiß, dass der Geist  zu allem fähig ist, auch zu teuflischem Tun. Deshalb können wir den Geist nicht feiern, ohne ihn zu prüfen. Das Kriterium der lebendigen Kraft des Geistes liegt aber bereits in ihr selbst. Zu prüfen ist, ob sie dem Leben dient.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon

Pfingsten – Fest der Philosophen

Pfingsten – Fest der Philosophie, Fest der Freiheit

Bekanntlich bezieht sich das Pfingstfest innerhalb der Religionsgeschichte der Christen auf die Erfahrung, dass der Gemeinde nach dem Tod und der dann folgenden himmlischen Existenz Jesu der Geist geschenkt wurde. Geist hatten diese Menschen als Menschen natürlich schon vorher. Zu „Pfingsten“ wussten sie nur deutlicher, dass der Geist es ist, der die ganze Existenz belebt, dass der Geist es ist, der die Menschen zu einer Selbstbezüglichkeit führt und Dialog ist, dass der Geist also identisch mit Freiheit ist. So steht es ja auch in neutestamentlichen Texten.

Diese Freiheitserfahrung haben Christen später fast nur als seelische, nur als innere Freiheit verstanden, haben also die freie Weltgestaltung in Richtung realer Freiheit für alle eher anderen überlassen. Siehe den Kampf um die Menschenrechte. So wurden die meisten Kirchen selbst zu Orten der Unfreiheit, des blinden Gehorsams, der Angst vor der nächst höheren Instanz innerhalb der pyramidalen Hierarchie, wo das Oben das Unten bestimmt; wo diese Hierarchie bis beute im Ernst als göttlich behauptet wird. Gerade die katholische Kirche zeigt sich auch heute als die „allumfassende Kirche der Angst“, um ein Wort Christoph Schlingensiefs etwas zu erweitern. Man frage einmal einen Bischof oder einen Theologen nach seiner eigenen tiefen Überzeugung, man wird hören: Das darf ich nicht sagen…

Philosophen, die sich an die klassische Lehre des Geistes halten und die Erkenntnisse Kants, Fichtes und Hegels nicht achtlos beiseite schieben, wissen: Wenn es eine Brücke gibt zwischen christlicher Religionsgeschichte und Philosophie dann im Pfingstfest. Es ist das Fest des freien Geistes, das Fest der Philosophen, die allerdings Neues einbringen.
Diesen Geist hat jeder Mensch.
Diesen Geist kann jeder Mensch auf seine Art ausgestalten.
Dieser Geist wird welthaft greifbar, in dem er eine freie Gesellschaft aller aufbauen will und Unfreiheit kritisiert und bekämpft. Befreiungstheologie und Befreiungsphilosophie haben hier ihren Ort.
Dieser Geist der Philosophen braucht keine hierarchische Gemeinschaft. Er ist nur interessiert am Austausch freier Menschen über den Geist. Insofern braucht auch die Philosophie Gemeinschaft, aber als Gesprächsgemeinschaft. Es gibt einige wenige christliche Kirchen, die dieser Erfahrung Freiheit Raum geben, also freie Kirchen sind.
PS: Der Titel: “Allumfassende Kirche der Angst” ist reserviert.
copyright: re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de

Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes: Der Geist ist heilig.

Der menschliche Geist ist heilig. Hinweise für eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn         (Eine Neufassung eines Beitrags von 2014)

Mit dem Pfingstfest tun sich die meisten Menschen heute schwer. Auch religiöse Menschen. Und daran sind die Kirchen mit-schuld: Die bis heute in kirchlichen Kreisen übliche theologisch-spitzfindige Trennung von (bloß auf den Menschen bezogenem) „Geist“ und dem offenbar göttlichen „Heiligen Geist“ ist nicht nur problematisch. Sie ist falsch. Sie ist ein Relikt aus Zeiten, als die Kirche und ihre amtliche, herrschende Theologie die Wirklichkeit aufspaltete, in “Natürlich” und “Über-Natürlich” trennte. Dabei konnte kein Theologe erklären, was denn nun die “Übernatur” ist. Aber es wurden zwei Welten geschaffen, die eine (natürliche, angeblich heidnische) als fern von Gott befindliche Wirklichkeit; die andere, die übernatürliche Wirklichkeit, als Gnaden-Wirklichkeit: Und diese wird von der Kirchenführung verwaltet und bestimmt. Der weltweit geachtete katholische Theologe Karl Rahner SJ hat in seinen zahlreichen Hinweisen zur Gotteserfahrung immer gezeigt, dass im Wahrnehmen menschlichen Geistes (in der Einsamkeit, in der Liebe, in der Angst usw.) das Göttliche erfahren werden kann. Im menschlichen Geist, wohlgemerkt, an dem alle Menschen Anteil haben. Theologisch formulierte das Karl Rahner so: “Wir leben immer schon in einer von Gott, dem göttlichen Geist, bestimmten Wirklichkeit”. Mit anderen Worten: Der göttliche Geist ist in jedem Menschen immer schon wirksam. Universal. Selbstverständlich in allen Religionen.

Die im Neuen Testament beschriebene Geschichte vom Pfingstereignis will darauf hinweisen: Auch die Gemeinde ist (nach dem Weggang Jesu von Nazareth) geisterfüllt, lebendig, kreativ. Und sie erlebt ihren neuen Optimismus als Geschenk. Sie erlebt vor allem ihre eigene Vielfalt als Geschenk. Jede einzelne Sprache, d.h. jede einzelne Kultur, ist wertvoll, keine Sprache, keine Kultur darf dominieren. Alle Sprachen, alle Kulturen, haben das gleiche Lebensrecht. Der in Berlin immer zu Pfingsten stattfindende “Karneval der Kulturen” als Fest der Vielfalt und der Gleichberechtigung aller Kulturen, ist ein (fernes) Echo auf die religiösen Geschichten vom Pfingstfest. Nur wird aus diesem Fest der Viefalt eben ein “Karneval”. Und ein Karneval als Ereignis eines Tages hat keine politischen Konsequenzen für eine gelebte Politik der Vielfalt.  Hat keine Konsequenzen etwa auf die Flüchtlingspolitik, auf die Abwehr des Fremden, auf die alltäglichen (geschürten) Ängste vor dem Anderem. Der “Karneval der Kulturen” ist insofern bloß ein “ästhetisches”, aber kein politisches Ereignis.

Schon früher lehrten Philosophen und Theologen, wie Meister Eckart, darin durchaus Thomas von Aquin folgend: Es gibt nur einen einen und einzigen Geist im Menschen. Eigentlich eine Einsicht, die in der geistvollen Erfahrung eines jeden Menschen bestätigt wird: Hat jemand schon einmal seinen “natürlichen” Geist als solchen, später aber seinen “übernatürlichen”, so genannten heiligen Geist als solchen erfahren? Der Geist als Geist ist heilig, weil er das Belebende, das Kreative, ist. Er ist das über alles Gegebene stets hinaus Weisende im menschlichen Leben;  weil Geist Sprache ist und Poesie in ihrer unendlichen Fähigkeit des Ausdrucks und Suchens; weil Geist auch Musik ist und neue Welten erschließt; weil Geist Philosophie ist in der Suche nach jenen Zeichen, die über das Weltliche hinausweisen; weil Geist Religion (bzw. Religionen im Plural) ist in der Suchbewegung, sich von selbst gemachten Göttern zu befreien und des Namenlosen, des alles gründenden Geheimnisses inne zu werden. Weil Geist Freiheit ist, und Freiheit etwas Unantastbares, Heiliges, Sakrales, vom Menschen nicht Totzuschlagendes, nicht Abzuschaffendes ist. Weil mit dem Symbol Geist letztlich das Menschliche des Menschen gemeint ist, selbst wenn einzelne Philosophen, wie Nietzsche meinen, der Geist des Menschen sei dann doch noch von Trieben anhängig: Aber allein diese Erkenntnis kann kein Trieb als Trieb formulieren, dazu braucht man dann doch wieder den Geist. Er ist dann also doch größer als der Trieb… Also: Der Geist wird als letztlich Unzerstörbare, wenn nicht Absolute erfahren, und das ermutigt zu der Hoffnung: Der allgemeine Geist, an dem jeder und jede teilhat, wird den inidviduellen Tod überdauern. Das hat der Berlienr Philosoph Wilhelm Schmid in seinem Buch “Gelassenheit” schön beschrieben.

Pfingsten ist also das Fest des einen, universalen Geistes. In einer aufs Materielle fixierten Welt, in der der universale Gott das Geld ist und die Banker an der Wall street und anderswo die Hohenpriester sind, hat ein “Fest des Geistes” einen schweren Stand. Trotzdem bleibt die Erkenntnis, die tröstlicher ist als die Börsennotiz der Wall street: Wo immer und wann immer noch geistvoll gelebt wird, auch in der Weise der Reflexion, des Sich-Beziehens auf den Geist, im geistvollen Miteinander, da wird das umfassend menschliche (eben geistvolle) Leben gefeiert und dem Gott des Bloß-Materiellen widerstanden. Dabei ist “geist-voll” überhaupt nicht gemeint als Eröffnung eines dualistischen Denkens, sozusagen als Absage alles Leiblichen, Erotischen usw. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt sicher nichts Geistvolleres als gelebte Erotik, als geistvoll gestaltete Leiblichkeit.

Pfingsten will also eine geistvolle Gesellschaft. Man kann sie eine offene Gesellschaft nennen, eine solche, die ohne Überwachung und Kontrolle auskommt, eben eine Gesellschaft, die Freiheit für das höchste Gut hält und jeglichem autoritärem Verhalten Widerstand leistet.

Insofern ist Pfingsten ein Fest der Freiheit des Geistes. Da müssen sich die Kirchentüren weit öffnen, um vor allem die dogmatisch erstarrten Kirchen erst einmal selbst zu verwandeln: Weil eben alle zum Fest eingeladen sind, alle, die die Freiheit des Geistes verteidigen, Skeptiker, Agnostiker, weltliche Humanisten…Wo finden solche ökumenischen Feiern statt?

Pfingsten ist also nicht bloß das Fest der Ökumene der Kirchen. Es ist das Fest der Ökumene der Menschen, aller Menschen, die sich an den Geist, also an die Vernunft, halten wollen. D.h. die  in den Austausch treten, was denn für uns und die Gesellschaft das Gute und das dringend Gebotene, das menschlich heute Erforderliche, ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.

Viele Nationen. Aber keine Nationalisten. Ein neues kosmopolitisches Volk? Beim Betrachten des Petersplatzes zum „Urbi et Orbi“ am 16. 4. 2017

Von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16.4.2017

Wie oft haben wir die Bilder am Ostersonntag gesehen, wenn der Papst seinen Segen „Urbi et Orbi“ spricht.

Wie oft haben wir dort, in der Menge herausragend, die vielen Fahnen gesehen, auf die auch Pilger nicht verzichten können: Sie wollen stolz zeigen, wo sie herkommen und wo sie national hin gehören. Also: Deutsche Flaggen, polnische, brasilianische, argentinische, kroatische, sogar eine schwedische Flagge habe ich heute entdeckt und viele andere mehr. Man muss förmlich Flaggenkundler sein, also der eher noch marginalen Vexillologie verbunden sein, um alle die bunten nationalen „Tücher“ zu identifizieren. Aber der Eindruck ist prägend: Diese Gruppen wollen nicht dem Nationalismus frönen, sondern eher die bunte Vielfalt des Glaubens, in vielen Nationen zu Hause, ausdrücken.

Selbst wenn zu Beginn der TV Übertragung die Hymne des Staates Vatikanstadt und danach die italienische Hymne gespielt wird, also ein Hauch des Nationalen entsteht: Aber der ist nur der (eigentlich überflüssigen) musikalischen Tradition verpflichtet.

Diese internationale Versammlung auf dem Petersplatz ist keine Versammlung von Nationalisten. Wer sich da mit seiner Flagge hinstellt, neben die Flagge einer anderen nationalen Gruppe, überwindet gerade seine nationale Bindung. Kaum vorstellbar also, dass sich Madame Le Pen (sie nennt sich Katholikin) da mit der französischen Flagge hinstellt (und dem Papst zuhört) und in ihrer Nachbarschaft etwa ist sie der Flagge aus Eritrea oder einem anderen afrikanischen Staat ausgesetzt, aus Staaten also, wo die Flüchtlinge herkommen…Oder kann man sich den rechtsradikalen Holländer, Herrn Wilders, ehemals katholisches Kirchenmitglied, auf dieser Versammlung anlässlich des Urbi et Orbi vorstellen oder gar Frau Petry oder Frau von Storch (AFD), diesmal als ökumenische Gäste. Diese sich Politiker nennenden Leute schaffen noch nicht den Sprung, mit ihrer Flagge sozusagen den Nationalismus zu überwinden…Sie bleiben begrenzt und verschlossen.

Sind die anderen alle Kosmopoliten, wenn sie da auf dem Petersplatz bunt gemischt stehen und die Friedensworte hören? Hoffentlich. Wer kann schon ins Herz der 50.000 Katholiken dort schauen. Aber de facto setzen sie mit ihrer Flagge neben den vielen anderen Flaggen eben eine Relativierung des Nationalen. Bleibt zu hoffen, dass alle diese verschiedenen Menschen nach dem Segen dann, mit Geist und Courage gesegnet, das multikulturelle Gespräch suchen, in kleinen Gruppen auf den Plätzen, den hoffentlich offenen Kirchen und Klöster oder in den Cafes. Dann wäre Ostern gleichzeitig Pfingsten. Ohne einen geweiteten, neuen Geist, kann niemand Ostern verstehen. Insofern sind Ostern und Pfingsten sachlich –theologisch sowieso eins.

Ein Debatten – Thema sollte sein: Die Rückbesinnung auf die schöne Definition der Kirche: Sie nennt sich – ohne dabei antisemitisch zu sein – neues Volk Gottes: Es gibt also förmlich ein neues, ein universales, die Welt umfassendes kosmopolitisches Volk: Die eine neue über-nationale „Nation“, die keinen Krieg mehr duldet zwischen den dann relativen und kleinen „realen“ Nationen, heißen sie nun USA, Russland, Deutschland, usw. Diese Nationen sind eben begrenzt und zweitrangig. Gegenüber der einen großen Friedens-Nation derer, die sich zum Christentum bekennen. Und über die enge Konfessionalität dieses Glaubens hinauswachsen: Also in diesem Bekenntnis niemanden ausgrenzen, geschweige denn attackieren! Also keine neue/alte Rechthaberei! Sondern dieses neue Volk, das sich Volk Gottes nennt, ist einzig der Menschlichkeit verpflichtet, dem Frieden, den Menschenrechten. Aber dies ist ein Projekt, vielleicht ein Traum. Hat die Kirche schon realisiert, dass sie eigentlich eine große Friedensbewegung ist? Mit allen politischen Konsequenzen. Mit aller Parteinahme für den Frieden?

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wo bleiben die Emotionen in den Kirchen Deutschlands? Zugleich ein Hinweis auf Weihnachten!

Ein neuer Beitrag der Reihe “Weiterdenken”: Drei Fragen an den Theologen Prof.  Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Sie haben sich kürzlich zu Studien in Ghana aufgehalten und dort auch die zahlreichen und lebendigen Pfingstgemeinen kennen gelernt und deren Profil untersucht. Emotionen, Gefühle, körperlicher Ausdruck im Gottesdienst sind dort selbstverständlich. Ohne ein Klischee zu verbreiten: Liegt das daran, dass die Menschen in Ghana ohnehin kulturell immer viel mehr Wert auf emotionalen Ausdruck legen? Oder ist es auch der christliche Glaube selbst, der sich bei diesen Christen in Afrika eben nicht auf „karge“ Worte und begrifflich feine Predigten begrenzen lässt?

Ja, die Emotionen spielen in der afrikanischen Kultur und ganz besonders in afrikanischen Pfingstgemeinden, wie ich sie besucht habe, ein große Rolle. Das ist auch schon vielfach beschrieben worden. Pfingstgemeinden, auch hierzulande, zeigen eine stärkere emotionale Beteiligung, mit Zwischenrufen, erhobenen Händen, spontanen Gebeten und einer mitreißenden Musik.

Ich frage mich jedoch, ob die Unterscheidung emotional/rational die Sache trifft. Die Predigten, die ich in den Gottesdiensten einiger Pfingstkirchen in Ghana gehört habe, waren weniger durch Emotionalität als vielmehr durch eine sehr direkte Ansprache und ein sehr konkretes Eingehen auf praktische Probleme des täglichen Lebens gekennzeichnet. Gewiss, ich habe auch exaltierte Lobpreisgesänge erlebt, unverständliches Zungenreden und redundante Beschwörungen des Jesus-Namens. Wenn ich anschließend mit den Predigern sprach, dann konnten sie jedoch ganz nüchtern davon reden, dass ihre Gottesdienste auf genau diese Weise innere Beteiligung schaffen und ein intensives Gemeinschaftserleben hervorrufen.

In diesen Gottesdienste geschieht, dass sich den einzelnen mitteilt: Du bist gemeint, die göttliche Botschaft gilt dir, du gehörst mit allen anderen, die jetzt hier sind, zu einer großen christlichen Gemeinschaft. Ihr seid untereinander und mit dem Herrn Jesus verbundenen. Dies alles kraft des Heiligen Geistes, der jeden einzelnen von euch und die ganze Gemeinde mit seiner Energie erfüllt und antreibt. So auch die theologische Erklärung, die die charismatischen Prediger mir für die uns fremd erscheinende Art, Gottesdienst zu feiern, gaben.

Es gilt der Vorrang der Erfahrung vor der Reflexion, vielleicht muss man auch sagen, des Emotionalen vor dem Rationalen. Aber, was bedeutet das?

Inzwischen gibt es auch bei uns Anstrengungen, die Emotionen als ein Vermögen zur Erkenntnis und Bewältigung von Wirklichkeit neu in den Blick zu nehmen. In der Psychologie betreibt man Emotionsforschung. Es werden neue Wege zu einer Philosophie und auch einer Theologie der Gefühle beschritten. Es wird zwar bestritten, dass es besondere religiöse Gefühle gibt. Dennoch hat auch ein energisches Nachdenken über den Zusammenhang von Religion und Emotion begonnen – unter dem Vorzeichen allerdings der Rationalität der Emotionen. Die Emotion wird nicht gegen die Rationalität gestellt, sondern als eine eigene Form der Rationalität ausgewiesen. Sie gilt als eine spezifische und unverzichtbare Weise unseres Zugangs zur Wirklichkeit.

Unsere Emotionen machen es, dass wir uns bestimmten Gegenständen gegenüber auf präreflexive Weise angemessen verhalten, etwa, indem wir besonders vorsichtig werden, sobald wir eine Schlange sich im Gestrüpp bewegen sehen. Gefühle erschließen uns unmittelbar die Zustände unseres Daseins, obwohl diese durch wechselnde innere und äußere Umstände vermittelt sind. Gefühle machen es, dass wir vor Angst erstarren oder von Freude erfüllt sind, dass wir unser Glück kaum fassen können oder der Schmerz uns zu Boden drückt.

Unsere Emotionen sind es, die uns ganz bei einer Sache und zugleich ganz bei uns selbst sein lassen. Deshalb lebt in ihnen auch die Religion. Sie kommen in uns auf, dort wo wir vom Göttlichen ergriffen und zugleich in uns selbst vertieft werden.

Die vernünftige Rechenschaftsgabe folgt nach. Das ist dann die Reflexion auf solche Erfahrung des Ergriffenseins. Sie wird in den Pfingstkirchen im Anschluss an die Erzählung des ersten Pfingsten in Apostelgeschichte 2 eine Geisterfahrung genannt und auf diese Weise auch biblisch-theologisch begründet.

Entscheidend für mich war jedoch, zu sehen, welche Begeisterung der Gottesdienst in Menschen wecken kann. Das ist das eine. Das andere, was mich noch stärker beeindruckt hat, war, dass sich die religiöse Begeisterung in diesen Menschen in ein Engagement umsetzt, aus dem heraus sie unter den schwierigsten ökonomischen und politischen Bedingungen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, sie als einzelne den beruflichen Erfolg suchen und als Gemeinde ein soziales Netz zur gegenseitigen Unterstützung knüpfen. Der christliche Glaube wirkt hier als energische Lebenskraft.

2. Das führt uns zu der Frage: Warum sind eigentlich die meisten Gottesdienste in Deutschland, ja in Europa vielleicht insgesamt, so verkopft und damit oft so wenig bewegend, also langweilig? Das Kloster Taizé wird ja als einzige Ausnahme ständig zitiert… Ist der christliche Glaube also hier mehr Doktrin als eine emotionale Lebenshaltung? Könnte man hier also einiges von Ghana “lernen”?

Ich weiß gar nicht, ob unsere Gottesdienste so verkopft sind. Sie pflegen einen anderen Stil der Kommunikation und der ästhetischen Darstellung. Das muss auch so sein, wollen sie die Menschen in unserem kulturellen Kontext erreichen und emotional einbeziehen. Die Emotionen spielen aber auch in unseren Gottesdiensten eine ganz entscheidende Rolle, weil es nur so zu innerer Beteiligung, zu eigenem Dabeisein und zum Erleben von Gemeinschaft kommt.

Eine Predigt, die einen biblischen Text so auslegt, so, dass deutlich wird, was er uns über die Gegenwart Gottes in der Welt und in unserem eigenen Leben zu verstehen gibt, wird ihre Hörer doch nur dann erreichen, wenn sie sich zugleich innerlich angesprochen fühlen. Der gedankliche Nachvollzug der Rede muss begleitet sein davon, dass ich auch emotional ergriffen werde. Deshalb sind auch ästhetische Kategorien zur Beurteilung einer Predigt ganz angemessen. Dass eine Predigt schön war und sie mir gut getan hat, ist zugleich ihr höchstes Lob.

Was so von der Predigt gilt, gilt natürlich erst recht für die übrigen Elemente des Gottesdienstes, dass sie uns emotional ansprechen müssen, wenn wir uns durch sie zum Leben ermutigt und zu neuer Hoffnung angestiftet finden wollen.

In erster Linie schafft das natürlich die Musik, in unseren Kulturzusammenhängen am ehesten die Musik Johann Sebastian Bachs. Gerade jetzt wieder in der Advents- und Weihnachtszeit. Was wäre diese Zeit ohne die Musik Bachs oder Händels? Es ist diese Musik, die die Botschaft von der Geburt des göttlichen Kindes auch heute vielen, der Kirche ansonsten entfremdeten Menschen in die Seele schreibt, sodass sie etwas vom Glück der Gotteskindschaft empfinden.

Weihnachten überhaupt, dass dies ein solch mächtiges Fest ist, erklärt sich nicht aus Kommerz und Konsum allein, auch nicht daraus, dass die Familie zusammenkommt – was oft ja auch viele Probleme schafft. Die ungebrochene Attraktivität von Weihnachten, so meine ich, besteht darin, etwas von dem Wunder spüren, fühlen, erahnen zu können, dass es einen vollkommenen Neuanfang, doch noch ein Glücken der Menschheitsgeschichte geben könnte: Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Wie das sollte wirklich werden können, wird kein Verstand erfassen. Aber kaum jemand kann sich dem Gefühl entziehen, dass genau dahin doch aller Menschen Sehnsucht geht.

3.Der von Ihnen sehr erforschte Theologe Friedrich Schleiermacher sprach vom Gefühl, wenn er die Bindung des Menschen an die göttliche Wirklichkeit ansprach. Was meinte er eigentlich mit Gefühl, und warum ist dieses Gefühl im Sinne Schleiermachers offenbar so unbeachtet und im Allgemeinen als Kirchenpraxis verloren gegangen?

Schleiermacher war der Theologe, der die Bedeutung des Gefühls für die Religion erkannt hat. Dies aber genau deshalb, weil er als Theologe auf die grundlegende anthropo-theologische Bedeutung des Gefühls gestoßen ist. Er hat zunächst das Gefühl im Singular von den Gefühlen bzw. Emotionen im Plural unterschieden. Das Gefühl im Singular war für ihn gleichbedeutend der prä-reflexiven, also unmittelbaren Selbstbeziehung. Er konnte statt vom Gefühl auch vom „unmittelbaren Selbstbewusstsein“ sprechen. Was er damit meinte, war die Erfahrung von Präsenz, dessen, dass mir mein Dasein in der Welt gegenwärtig ist, erschlossen in seinem unbedingten Sinn.

Das, so Schleiermachers Theologie, ist zugleich die Gegenwart Gottes in der Welt. Gott ist da, sobald ich den ersten Atemzug tue und die Augen aufschlage. Er ist mir näher als ich mir selbst nahe kommen kann. Er ist das Licht, in dem ich sehe und die Luft, in der ich atme. Nicht zu sehen, nicht gegenständlich vorzubringen, aber da, als die Kraft, die mich überhaupt erst zu mir selbst und in die Welt bringt.

Suchen wir nach der Erfahrung, in der uns diese Präsenz Gottes in der Welt aufgeht, dann, so Schleiermacher, finden wir sie in unserem Selbstgefühl. Jeder Mensch, davon war er überzeugt, kann diese Erfahrung machen, aus einer nicht reflexiv erzeugten, sondern unmittelbar aufkommenden Selbstvertrautheit zu leben. Sie ist die Quelle unseres Lebensmutes. Benennen wir ihr „Woher“, so Schleiermacher, dann ist es angemessen, von Gott zu reden. An ihn wenden wir uns besonders dann, wenn der Lebensmut auf brüchigem Lebensgelände zu schwinden droht. Er ist das „Woher“ dessen, dass wir die uns zur Präsenz kommende Lebensenergie dennoch fühlen, dann aber auch auf den Höhen des Glücks und in den ganz alltäglichen Dingen.

Beweisen lässt sich diese Gottespräsenz nicht, auch niemandem mit noch so guten Argumenten andemonstrieren. Aber jeder, der einiger Selbstbeobachtung fähig ist, kennt doch dieses Selbstgefühl, eine jeden Selbstreflexion immer schon vorauslaufende Vertrautheit mit sich. Mit ihr ist Gott da, im Leben eines jeden Menschen, da als Kraft, die jeden und jede zu sich und zur Welt bringt.

Kinder leben diese Selbstvertrautheit und den Lebensmut, der aus ihr erwächst, ohne sie reflexiv zu brechen. Später müssen wir sie mühsam immer wieder zu erneuern versuchen, um angesichts all des Absurden und Schrecklichen, das diese Welt durchzieht und uns zerreißt, nicht ins Elend zu fallen.

Doch wiederum, deshalb ist Weihnachten ein so mächtiges Fest: Im Anblick des göttlichen Kindes und im Hören auf die Botschaft der Engel über den Feldern Bethlehems kann sich uns das Gefühl der Selbstvertrautheit und des aus ihr erwachsenden Lebens- und Hoffnungsmutes immer wieder erneuern. Dieses Gefühl entspringt unserer Geborgenheit im Göttlichen. Und es streckt sich aus, hinein in unsere Sehnsucht nach Frieden auf Erden und einem allen Menschen verheißenen Wohlgefallen.

Ob dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Göttlichen in der allgemeinen Kirchenpraxis zu wenig angesprochen wird, vermag ich gar nicht recht zu beurteilen. Ich jedenfalls kann mir eine pastorale kirchliche Praxis, vor allem die der Gottesdienste und Predigten, ohne die Absicht, genau dieses Gefühl anzusprechen, überhaupt nicht vorstellen. Ich setzte dieses Gefühl in jedem voraus und für mich hat alle religiöse Mitteilung nur dann einen Sinn, wenn es in ihr darum geht, Menschen tiefer über dieses Gefühl, das in ihnen ist, zu verständigen.

Darum jedenfalls sollte es m.E. in jedem Gottesdienst gehen, und ganz besonders an Weihnachten, darum, dass wir – alle Jahre wieder – die Geburt des Gottes auf dem Grund der eigenen Seele fühlen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auferstehung: Das Ewige im Menschen erkennen und leben

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Gedicht von Clara F. Janning.

Die Kirchen feiern eine lange Osterzeit bis Pfingsten: Von daher gibt es Wochen lang Gelegenheit, sich über die Auferstehung des Lebens Gedanken zu machen…

Man könnte den folgenden Text nur als TROST mißverstehen; dies ist er vielleicht auch, zumal möglicherweise für die Milliarden Menschen, die im Laufe der Geschichte immer als Untermenschen, als Unwichtige, Überflüssige, als “Menschenmaterial” mißhandelt wurden und werden. Etwas “Ewiges” hatten und haben sie trotzdem! Über das “Ewige im Menschen” auch in Verbrechern (auch Verbrechern als “Politiker”, Stalin, Hitler usw.) kann sich jeder Leser, wie bei allen Vorschlägen hier, selbst Gedanken machen.

Wie die Emmaus -Erzählung heute neu – im Horizont gegenwärtiger Politik – verstanden werden kann, habe ich zu erklären versucht.

Über Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth und damit unsere menschliche „Auferstehung“ können wir und sollten wir nur in nachvollziehbaren, des gemeinsamen nachdenklichen Gesprächs würdigen Formulierungen reden. Und nicht, wie so oft (in Predigten) üblich, einfach nur eine der Geschichten von Jesu Auferstehung bilderreich aus dem Neuen Testament nacherzählen. Dann können wir nichts verstehen. Oder wir glauben nur, dass die Bilder des Neuen Testaments irgendwie doch „historische Wunder“ sind, die uns zwar zum Verzicht auf jegliche Vernunft verpflichten, aber doch das (falsche) Gefühl geben, irgendwie etwas Mysteriöses berührt zu haben. Es gibt zweifelsfrei das Geheimnis im Leben, aber es nicht gebunden an Bilder und Vorstellungen des 1. Jahrhunderts und an Sprachen, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Die förmlich einen Riss in unser Leben bringen und uns zur gläubigen Dummheit verdonnern. Das wollen bekanntlich immer weniger Menschen. Gott sei Dank.

Wie also von Ostern und der Auferstehung Jesu Christi sprechen?

Entscheidend ist, meine ich, die vielen bunten und hübschen Bilder und mysteriösen Ereignisse (der Auferstandene erscheint leiblich, verschwindet dann wieder unleiblich etc…) auf etwas zugänglich Menschliches zurückzubeziehen. Sie also nicht historisch ernst zu nehmen. Von der Auferstehung Jesus gibt es keinen Zeitungsbericht. Wie sollte das auch gehen?

Ostern und die Auferstehung Jesu sind als Angebot einer Daseinsdeutung zu verstehen, die eine menschliche Qualität erschließt, über die aber man sprechen kann. Ostern macht also eine besondere Qualität des Menschen offenbar, die man „Auferstehung“ nennt. Indem Jesus schon sehr früh „der Erste der Auferstandenen“ genannt wurde, offenbart er nur, was alle anderen Menschen an bleibender, „auferstandener“ Qualität, also ewiger Qualität „haben“. Dieses „Haben“ ist kein von Menschen Gemachtes, sondern etwas mit der „Schöpfung“ der Welt und der Menschen Gegebenes. Über die Schöpfung also muss man reden, wenn man von der Auferstehung als der Erkenntnis des Ewigen im Menschen spricht. Dies ist die Grundlage.

Ich biete jetzt noch einmal den Text an, den ich den Abonnenten des newsletters zu Ostern 2018 geschickt hatte:

Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich für Zweifelnde und Skeptiker, zu denen auch ich gehöre, zum Weiterdenken inspirierend, Hinweise für ein kritisches Verstehen der Auferstehung und damit zu Ostern vorschlagen kann. Was jetzt folgt, sind einige Thesen… Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, diese Zeilen zu lesen. Heute wird gern im Internet die Lesedauer eines Beitrags genannt: Gelesen also ca. 10 Minuten. Bedacht ca. 1 Stunde. Klingt arrogant, ist aber wahr. Wer keine Denkzeit hat, lese bitte etwas anderes!

Tatsache ist: Nichts ist schwieriger als in Begriffen über eine ungewöhnliche Erfahrung zu sprechen, die einige Menschen nach dem Tod Jesu hatten: Sie sprachen von der Auferstehung Jesu von Nazareth, sein Befreitsein aus dem Tod in eine andere Form des Bleibens, des unanschaulichen Daseins und der Lebendigkeit.

Nichts ist schwieriger, als über die vielfältigen (!) Auferstehungs-Erzählungen im Neuen Testament zu sprechen, die alltägliches Denken und Sprechen sprengen. Denn wir sind auch heute (leider) gewöhnt, in unserer Konsumgesellschaft, uns ganz aufs Gegenständliche und Greifbare zu beziehen und von daher unser Denken und unseren ganzen, umfassenden Lebensentwurf bestimmen zu lassen. Wir leben in gewisser Weise in eindimensionalem Denken.

Andererseits: Es gibt nichts Dringenderes, als tatsächlich von dem zu sprechen und sprachlich darum zu ringen, was unser Dasein betrifft im Blick auf die Endlichkeit und Begrenztheit unseres Lebens. Der Tod ist ja immer mein Tod, der mich vor die Frage stellt: Und die Frage nach dem Tod ist eine andere als die des guten Sterbens, diese steht heute völlig im Mittelpunkt. Zurecht, aber nur in gewisser Hinsicht. Die Frage bleibt irgendwie doch bei einigen: War es mit dem Tod dann alles? Die Asche wird verstreut. Ende. Aus. Basta. ?

So sehr ich materialistische Lebensentwürfe versuche zu verstehen: Ich bleibe doch immer auch der sehr Tiefes sehenden metaphysischen Denk – Tradition verpflichtet. Weil sie eben gerade heute inspiriert! „Alt“ in der Philosophie bedeutet ja niemals vergangen und passé!

Es wäre in diesem Sinne zu sprechen über zentrale Lebens – Erfahrungen, die wiederum schwer in Worte zu bringen sind, nichts desto weniger aber in jedem Leben real sind und deswegen wachgerufen werden können. Es sind dies Lebenserfahungen, die zeigen: Es „gibt“ Ewiges in unserem Leben.

Viele Menschen erleben unerwartet Augenblicke des grundlegenden Getragenseins und Geborgenseins als ein Geschenk. Viele erleben einen kürzeren schönen, aber gar nicht „opium – mäßigen“ Ausstieg aus der Alltäglichkeit, etwa im Hören von verschiedenen Formen der Musik, immer wieder: Bach. Beim Hören der Matthäus Passion weinen ja bekanntlich auch Atheisten, aus welchen Gründen auch immer. Wir erleben Momente des absolut Sich Verpflichtetfühlens, also im ethischen Leben. Es gibt Ekstasen in der Erotik, wo Menschen spüren, sich selbst zu überschreiten. Es gibt Einsichten, dass wir mit allen Menschen das Hineingestelltsein teilen in die von uns unabwerfbare Erfahrung, dass es Gutes als Gutes gibt, Wahres als Wahres, Schönes als Schönes. Dies ist eine nicht zu tötende formale Erfahrung im Lebendigsein. Es gibt Erfahrungen des solidarischen Handelns, in den wir über die engen Grenzen unseres Ich hinauswachsen. Dieses „Mehr“ ist gemeint, das nicht von uns manipuliert werden kann, das da ist und nur mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden kann.

Die Liste der Erfahrungen, die auf Unbedingtes und allen Menschen Gemeinsames hinweisen, auf allgemeine und bleibende Strukturen des Geistes, möge jeder und jede fortsetzen: Es gibt in einer bestimmten Form der Daseinsinterpretation die Einsicht: Es gibt in mir etwas Bleibendes, Nicht Zerstörbares, man könnte sagen: Ewiges IM MENSCHEN, das nicht aus dem individuellen Leben entspring!

Warum sage ich das alles? Gerade das erschließt das Verständnis von Auferstehung.

Genau diese Erfahrung des Ewigen, des Bleibenden, des Tragenden, des Wesentlichen wie auch immer: Genau diese Erfahrung ist philosophisch gesehen ein Kennzeichen der Menschen: Sie haben Ewiges, Bleibendes, Erhebendes in sich selbst, in ihrem Geist oder in der Seele sprechen. Schließlich sind wir Menschen sicher nicht ein plumper Klumpen purer Materie.

Diese Erkenntnis (des Ewigen im Menschen) gilt nicht nur für die guten reichen Bürger im satten Europa. Diese Erfahrung trägt letztlich auch die Lebensenergie der Armen weltweit. Die natürlich einen absoluten Anspruch auf menschenwürdige Verhältnisse haben. Aber nur aus der genannten inneren Erfahrung können Sie überhaupt um Gerechtigkeit kämpfen, auf Gerechtigkeit hoffen, auf die Bekehrung der Reichen zur Solidarität mit den Armen. Man denke an die Spiritualität Gandhis oder des heiligen Erzbischof Oscar Romero El Salvador…

Was hat das mit der Auferstehung zu tun? Genau diese Erfahrung des Ewigen, Bleibenden, im Menschen IST Auferstehung: Es gibt etwas, das nicht vergeht von mir und von keinem Menschen. Nicht das Ich als konkrete Gestalt bleibt ewig; aber ein Funke, ein Glanz, der mich im Dasein beschenkt hat, ist unzerstörbar und ewig. Ob darin etwas Persönliches bewahrt ist? Darüber kann man nur spekulieren. Mystiker und philosophische Mystiker sprachen jedenfalls vom ewigen göttlichen Funken. Dies ist eine Erkenntnis aus einer Theologie der Schöpfung der Welt und damit des Menschen durch Gott(Göttliches). Das kann hier nur angedeutet werden. Und die Sprache ist hilflos, weil wir Dimensionen berühren, die da sind, aber die wir selten artikulieren in unser aufs Platte und Pragmatische eingeschränkten Sprache…

Genau dieser ewige göttliche Funken in jedem Menschen wird zu Ostern gefeiert. Man merkt, wie schwer sich die Sprache tut, diese Dimension überhaupt in Worte zu bringen. Aber: Diese Einsicht ist Ostern. Das ist unglaublich viel. Eine universale menschliche Botschaft, ein Vorschlag zur Daseinsdeutung. Das heißt: Jesus von Nazareth hat als der gerechte Mensch nach seinem grausamen Tod diese Erkenntnis unter seinen Freundinnen und Freunden wachgerufen: Sie haben erkannt: Dieser geliebte Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, lebt in gewisser Weise nach seinem Tod. Denn er hatte diesen göttlichen Funken, den auch wir haben. Das hat er uns offenbart! Mit ihm sind wir auferstanden, weil wir den göttlichen Funken als Gabe des Göttlichen in uns nun wissen.

Natürlich lag der tote Mensch Jesus von Nazareth nach seinem Tod im Grab. Seine Leiche verweste. Aber er lebte, das wussten die Menschen um ihn, die mit ihm den göttlichen Funken als das Ewige in jedem Menschen entdeckt hatten. Diese Ewigkeit im Menschen lebt selbstverständlich in allen Menschen aller Religionen.

Das Drama ist: Die Kirchen haben die bildhaften Erzählungen des Neuen Testaments von der Auferstehung Jesu ebenso anschaulich und in gewisser Weise naiv permanent weiter – und nacherzählt, die Bilderwelten nur nach – gesprochen, aber dadurch kaum tiefes Verstehen des Auferstehungsgeschehens bewirkt. Die Texte des Neuen Testaments sind Bilder. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen das Eine: Das Ewige im Menschen ist unzerstörbar. Wie konkret dann dieses Ewige post mortem bewahrt bleibt, muss naturgemäß offen bleiben.

Wer diesen Hinweis mit – gedacht hat, kann gern noch über ein Wort von Plotin nachdenken: Auf dem Sterbebett  sagte Plotin: “Ich versuche gerade, das Göttliche in mir zum Göttlichen im Universum zu bringen” (Porphyrius, Das Leben des Plotin).

——-Wer sich mit dem Thema weiter befassen will, kann meine 24 Minuten dauernde Ra­dio­sen­dung hören: Am Ostersonntag um 9.04 RBB KULTUR oder nachlesen im Programm RBB. Der Titel: Auferstehung für Aufgeklärte. (Siehe auch: https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/gott_und_die_welt/archiv/20180401_0904.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ich hatte die LeserInnen des newsletters eingeladen, Ihre eigene Weise der Auferstehungs – Erfahrung mitzuteilen für eine Publikation auf dieser website. Clara F. Janning schickte mir ein Gedicht, geeignet als Gesang, eine Poesie, die sie schrieb, inspiriert von Willigis Jäger, auch Hermann Hesse und musikalischen Gedanken aus dem ABBA Song „arrival“:

Komm, komm, wenn die Zeit zur Ankunft gekommen ist, dann komm.

Scheu die Mühe nicht, wir warten voll Freude, darum komm.

Mit dem, was du mitbringst, ist für dich ein Platz bei uns bereit.

Komm und teil‘ ein Stück von deinem Weg und ein Stück von deiner Zeit. ://

Woher kommen wir, wer sind wir, wohin führt unser Weg?

All dies fragen wir, indem wir ihn gehen, unsern Weg,

fließen mit im Strom des Lebens und „verbringen“ unsre Zeit,

sind ein Teil der Sinfonie des Lebens in aller Jahreszeiten Kleid. ://

Geh, geh, wenn die Zeit zum Abschied gekommen ist, dann geh.

Trauer hält dich nicht, der Fluss fließt zum Meer, und dahin geh.

Geh in Liebe, und geh im Vertrau’n auf eine Wiederkehr.

Allem Ende wohnt ein Zauber inne, der Anfang ist, ein Mehr. ://

Clara F. Janning

 

 

 

 

 

Der heilige Geist ist skeptisch. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

„Der heilige Geist ist skeptisch“. Eine kleine Philosophie des Pfingstfestes

Von Christian Modehn

Einige Thesen zum Salon am 25.5.2012:

Bei dem Thema erleben wir einmal, wie Philosophie Lebenshilfe sein. Hilfe im Sinne der Klärung, Analyse. Ohne gedankliche Klarheit kein Klarheit im Leben, als ein unabgeschlossenes Geschen.

-Fragen, Staunen, Zweifeln sind die Vollzüge der Skepsis.

-Skepsis heißt um sich schauen, prüfen, auf den Wahrheitsanspruch „abklopfen“.

-In der griech. Philosophie eine (relativ) kleine Schule: die Skeptiker. Begründet von Pyrrhon von Elis, 365- 275 vor Chr.

-Er bedient sich des skeptischen Fragens, des Zweifelns an allem, mit dem Ziel: um dadurch die innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Seelenfrieden zu finden. Denn: Wenn nichts als wahr erkennbar ist, ist eigentlich alles egal: Von daher sein „alternativer Lebensstil“, angstfrei sich verhalten. Sextus Empiricus (ca. 200 nach Chr. ) hat Pyrrhons Werk vermittelt.

-Methodischer Zweifel heißt das Stichwort bei Descartes. In Zeiten tiefster Erschütterungen (Kopernikus, Amerikas „Entdeckung“) Suche nach Sicherheit. Er findet sie im „Ich denke, (also) ich bin“.

-Skeptizismus ist die radikale Skepsis, die auch das ganze Leben betrifft und an den Rand der Verzweiflung führt. Der Zweifler lässt die Zweifel „tief in sich selbst ein“. Aus Zweifeln wird Verzweiflung. Nichts ist erkennbar, nichts ist wertvoll. Denkt in diese Richtung der Schrifsteller Emile Cioran ? („Vom Nachteil, geboren zu sein“, „Verfehlte Schöpfung“…) Aber: Auch Cioran entkommt nicht der Tatsache, dass sein Skeptizismus dann doch eine sichere Lebens Basis ist.

Was geht uns Skepsis an?

Wir können mit dem methodischen Zweifel leben: Skepsis ist elementar: Vorsicht lernen, wenn Widersprüche in geistigen religiösen Organisationen offensichtlich sind. Ohne diese methodische Skepsis kein geistiges Leben. Skepsis befreit von falschen Vorstellungen. (Zum Beisipiel: Eine Organisation, die Menschenrechte naxch außen verteidigt aber in ihrer eigenen Organisation keine Menschenrechte respektiert, ist sehr fragwürdig. Ein Skeptiker sagt: Besser nicht mit dieser Organisation).

Skepsis ist Lebenshilfe.

-Skepsis kann zur Lebenshaltung werden.  Montaigne: „Nichts ist gewiss, soviel bin ich sicher“.

Aber zerstört Skepsis das Grundvertrauen?

Was ist die Differenz zwischen Skepsis und Misstrauen?

Grundvertrauen sollte als Basis des reflektierten Lebens bleiben. Grundvertrauen aber ist „erarbeitet“, nichts Blindes, nichts Naturwüchsiges.

Grundvertrauen wird bestärkt durch die Überlegung: Der Skepsis gegenüber skeptisch sein!

Denn merke ich, dass Skepsis immer Vollzug des Geistes ist. Der Geist ist größer als die jeweilige Skepsis. Er ist sozusagen das Tragende, das Bleibende. Geist ist immer körperlicher Geist. Der Geist  bleibt, auch wenn ich an allem zweifle. (Bei Descartes war es das Ich, hier ist es mehr, der Geist, der über das Ich hinausreicht).

– Was hat das alles mit dem heiligen Geist zu tun?

Von Pfingsten wird bildreich von der Geistesgabe an die Gemeinde gesprochen. Als einem „Ereignis“.

Philosophisch betrachtet: Wir nehmen das Ereignis als Offenbarung für etwas Allgemeines, siehe Hegel.

D. h: Der menschliche Geist ist göttlich. Er ist in den Menschen als dynamische, belebende Kraft.

Der Apostel Paulus und Autor neutestamentlicher Texte: Der (heilige) Geist bestimmt ihn selbst und die ersten Christen.

Er schreibt im 1. Thessalonicher Brief (um 50 geschrieben): „Prüfet alles, das Gutes behaltet“.

D. h. Philosophisch gesehen, die Aufforderung zu prüfen, also skeptisch zu ein. Das Gute behalten, was ist das Gute? Was geistvoll ist, was der prüfende Geist als seinen Geist erkennt. D. h. Also das Geistvolle bewahren.

Was ist Geist? Geist ist Freiheit. Wesensbestimmung des Geistes ist die Freiheit. Siehe Reflexion: Sich auf sich beziehen, ich denke mich. Darin sehe ich mich in meinen freien Möglichkeiten. Ich frage im Geist, wer bin ich, was soll ich tun, was darf ich hoffen?

Der heilige Geist als der Geist aller Menschen ist elementar fragend/ skeptisch: Das heißt: Unser (heiliger)Geist ermöglicht uns, im Fragen und Zweifeln unsere Freiheit zu erkennen, Abstand zu nehmen von Widersprüchen und frei das Leben zu gestalten, frei immer verstanden als geistvoll. Ziel des gemeinsamen Leben ist: Geistvolles, freies Miteinander. Das muss politisch gestaltet werden.

Copyright: christian modehn.

 

PS.: Wir erlauben uns, aus aktuellem religionskritischem Anlaß,  ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  “Nachtgedanken eines Beichtvaters” (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  “Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird”.

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Herodes bis Hoppenstedt: Das umfassendste Buch über Weihnachten. Von Frank Kürschner – Pelkmann

Von Herodes bis Hoppenstedt

Ein inspirierendes Werk über Weihnachten….lesbar immer, auch zu Ostern.

Von Christian Modehn

So viel Weihnachten war noch nie. Jedenfalls nicht in der Gestalt eines theologischen Buches über das populärste aller christlichen Feste. Der Hamburger Journalist und Autor Frank Kürschner – Pelkmann (Hamburg) hat in diesen Tagen ein wahrliches Meisterwerk vorgelegt: „Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte“ nennt er viel zu bescheiden sein 696 Seiten starkes Opus mit insgesamt 1.814 Belegen aus Wissenschaft und Forschung. Aber keine Angst, das Buch ist kein langatmiges Werk von Spezialisten für Spezialisten, es erschließt sich jedem „theologischen Laien“ … und es macht geradewegs Spaß, die schätzungsweise 50 Kapitel zu lesen: Der (Haupt -) Titel sagt schon alles: “Von Herodes bis Hoppenstedt“. Herodes kennen wir irgendwie, den Statthalter, und den Hoppenstedts sind wir (fast) alle schon im Fernsehen begegnet: In dem Film von Loriot über das eher missratene, etwas katastrophische Weihnachtsfest … eben bei Familie Hoppenstedt. So breit ist das Spektrum des Buches, weil die Rezeption des Weihnachtsfestes so unendlich ist … bis heute. Weiterlesen ⇘

Krzysztof Charamsa, Theologe und Kaplan seiner Heiligkeit, legt das schwule Leben im Vatikan etwas frei

Krzysztof Charamsa, Priester und führender Mitarbeiter in der vatikanischen Glaubenskongregation, über Leben, Lieben und Lust der Glaubenswächter.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 5. 2017

Der italienische Untertitel des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches von Krzysztof Charamsa „Der erste Stein“ ist noch treffender: „Ich, ein schwuler Priester, und meine Rebellion gegen die Scheinheiligkeit (Heuchelei) der Kirche“. Das Buch ist tatsächlich Ausdruck einer Rebellion, des Aufstandes, der Erhebung, der Revolte. Ob diese tatsächlich ausgelöst wird, hängt auch davon ab, wie viele Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe dieses Buch lesen und daraus Konsequen ziehen. Vielleicht sollten die Verlage dieses Buch jedem Bischof als Geschenk zu Pfingsten zusenden…

Auf Deutsch ist der Untertitel eher zurückhaltend „Der erste Stein“. Mit dem Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“. Das Buch ist Ende April 2017 bei C. Bertelmann erschienen.

Es ist auch für die Interessenten des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons wichtig, weil Religionskritik ein ständiges Thema bleibt. Das Buch ist keineswegs eine bloß aufgeregte, Neugier weckende „Skandalstory“. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, durch die Erkenntnisse eines Insiders hinter die (tatsächlich auch im materiellen Sinne vorhandenen) Festungsmauern des Vatikans zu blicken.

Dieses Buch ist ein Dokument, das diese Mauern zwar nicht einreißen wird, aber doch etwas ins Wanken bringen könnte. Es ist wichtig für alle, die die innere Verfasstheit der klerikalen Mitarbeiter an der Spitze der römischen Kirche, also in der Glaubensbehörde, verstehen wollen. Mindestens jeder zweite Priester ist homosexuell, so betont das Buch, aber kaum einer lebt das offen, verzichtet also auf seine persönliche Identität. Das gilt auch für die Kirchenzentrale. Sie wird von Männern geführt, die „scheinheilig“ sind, wie der Buchtitel sagt. Das gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017 freizulegen, als seit 1517 durch den Mönch Martin Luther die Welt des zölibatären Klerus wenigstens für die evangelischen Kirchen abgeschafft wurde, ist von besonderem Reiz. Das Buch zeigt einmal mehr die jetzt auch wieder allgemeine Erkenntnis, wie wenig sich das System und die Lehren der römischen Kirche tatsächlich durch Luther, auch nur entfernt, „berühren“ oder gar verändern lassen. Alles katholische Rede von ökumenischen Fortschritten heute ist angesichts dieser Dokumente doch sehr marginal

In jedem Fall: Das Buch von Krzysztof Charamsa ist ein durchaus historisch zu nennendes Dokument. Wer einen Vergleich will: Es ist so, als würde eines der führenden Mitglieder an der Spitze einer Parteizentrale das innere Leben, etwa die Korruption und die Verlogenheit dieser Parteizentrale freilegen. Das passiert weltweit selten, weil die Karriere wichtiger ist als das Zeugnis der Wahrheit.

Krzysztof Charamsa jedenfalls hat auf seine glänzende Karriere in der römischen Glaubensbehörde verzichtet. Immerhin hatte er den Ehrentitel Monsignore erhalten und durfte sich als „Kaplan seiner Heiligkeit“ ansprechen lassen.

Das Buch zeigt, dass im Reich des Papstes Scheinheiligkeit stärker ist als die nach außen hin gezeigte Heiligkeit.

Charamsas im engeren Sinne historisch-theologischen Publikationen in italienischer Sprache von 2002 bis 2014 sind eher von einem traditionellen theologischen Konzept, etwa den Interpretationen des mittelalterlichen Thomas von Aquin, geprägt. Er ist als Konservativer, vom Katholizismus Begeisterter, zum Rebellen geworden. Es gab den Bruch, das Nicht mehr Aushalten können der ständigen Verlogenheit, das ihn zum radikalen Abstandnehmen vom System führte: Krzysztof Charamsa hat sich in aller Öffentlichkeit am 3. Oktober 2015 in Rom als schwuler Priester, als Monsignore, als Theologiedozent und führender Mitarbeiter in der Glaubensbehörde, deren Chef der Deutsche Kardinal Müller ist, geoutet und sich zu seinem Partner bekannt. Selbstverständlich wurde er danach von dem zuständigen polnischen Bischof aller seiner Ämter entbunden und als Priester suspendiert, d.h. er darf in der Sicht Roms keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben.

Das Buch bietet viele Erkenntnisse zum Zustand der katholischen Kirche, diese Erekenntnisse können hier natürlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit besprochen werden. chließlich soll eine Buchkritik nicht die Lektüre ersetzen, dass die Lektüre empfohlen wird, ist klar.

Es bietet eine Biographie des aus Polen stammenden Autors.

Es berichtet über den Zustand der katholischen Kirche in Polen nach der Wende, über die maßlose hysterische Verehrung des polnischen Papstes, den Kult um seine Denkmäler usw. „Der polnische Klerus besteht aus ideologischen Manipulatoren“ (Seite 53).

Interessant und kaum zu glauben ist der Zustand der offenbar miserable Zustand der Priesterseminare in Polen, nicht nur das schlechte Essen, vor allem das schlimme Niveau der dort gelehrten bzw. eingepaukten Theologie. “Die theologischen Hochschulen, Priesterseminare also, sind große Kasernen , „in denen die Rekruten eines Heeres gedrillt wurden, das im Dienst einer restriktiven Ideologie stand“ (S. 72). Nebenbei: Diese Priester werden nach ganz Europa geschickt, um den im Westen aussterbenden Klerus zu ersetzen…

Überhaupt die Theologie, das wäre ein eigenes Thema: Man erlebt einmal mehr, dass diese dort in den Seminaren Kirchen- Lehre offenbar nur mit Mühe noch Wissenschaft zu nennen ist.

Das Buch zeigt, wie die vielen homosexuellen Priester im Vatikan sich permanent selbst verleugnen und sogar zu expliziten Feinden der Schwulen werden, bloß um nicht aufzufallen und korrekt zu erscheinen. Diese Freilegung des Lügen-Systems, in das der einzelne homosexuelle Priester und Theologe gezwungen wird, ist wohl psychologisch und religionsphilosophisch am bedenklichsten. Theologen, die sich selbst ständig belügen und keine (sexuelle) Identität haben dürfen, kontrollieren als Mitarbeiter der Glaubensbehörde jene Theologen, denen man vorwirft, gegenüber dem Lehramt zu lügen, Irrlehren zu verbreiten. Lügner kontrollieren also so genannte Lügner. Denn die angeblichen „Ketzer“ sind ja nur solche, die kreativ die Theologie etwas voranbringen wollen. Und dann verfolgt werden.

In dem Buch nennt der Autor seine Behörde, die Glaubenskongregation oft „Inquisitionsbehörde“.

Über Papst Franziskus wird oft voller Zustimmung gesprochen. Nur glaubt der Autor nicht, dass der Papst sich gegen die Macht des vatikanischen Apparates durchsetzen kann. Er berichtet, dass bei einem Kongress über die Ehe (gemeint war der Kamf gegen die Homoehe) der Papst sogar eine Rede abgelesen hat, die die konservativen Veranstalter ihm „aufgesetzt hatten“ (S. 175).

Insgesamt zeigt das Buch lang und breit, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation permanent und ständig vom Thema Homosexualität wie getrieben sind, als gäbe es nichts anderes in dieser Kirche und dieser Welt. In dieser Fixiertheit zeigt sich einmal das narzisstische Verhalten dieser Kleriker. Sie kennen nur sich und die Verleugnung ihrer Identität, um Karriere zu machen, vielleicht einmal Bischof zu werden etc…

Bitter böse ist etwa ein Text, wie ein Gebet, von Krzysztof Charamsa formuliert auf Seite 177: „Gott, segne den Papst und seine Kirche. Aber Gott, halte sie fern von uns. Seine Leute (also der Klerus) können der Menschheit nicht länger den rechten Weg weisen….

An anderer Stelle ein ähnlicher Gedanke: „Das starre System der Kirche muss zerstört werden, damit sie wieder zu einer Kirche der Menschen werden kann, wie ich einer bin“ (S. 280).

Mein Coming out habe ich „der Kirche mit aller Macht ins Gesicht geschrieen“ (280). Mit diesem Buch will Krzysztof Charamsa „nur einen ersten Stein legen, einen Grundstein zu einem Leben in Freiheit“ (259). Zusammenfassend: Charamsa hat „ das Reich der Lüge hinter sich gelassen“ (Seite 281)

Fragen zum Buch:

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass Krzysztof Charamsa erklärt, warum er das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. das „schwulste Pontifikat der Neuzeit“ (S. 165) nennt, sicher weil der deutsche Papst die alten hübschen Gewänder und roten Schuhchen wieder aus der Mottenkiste hervorholte und den Pomp liebte. Sicher auch, dass seine Texte gegen Homosexuelle vor Menschenrechts-Gerichten hätten verhandelt werden müssen. Aber warum mag Charamsa diesen Papst? Warum sagt er kein Wort zu den nun einmal überall kursierenden Erzählungen, von Zeugen belegt, Ratzinger sei selbst „betroffen“, also schwul. Das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist die Verleugnung dieser Identität, die zur Verfolgung derer führt, die eben nicht so verklemmt sind wie man selbst!

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass ausführlicher auf seine Tätigkeit als Dozent in der Universität des Ordens Legionäre Christi in Rom eingeht. Eine Seite zu dem Thema ist zu wenig über diesen immer noch einflussreichen Orden, der jetzt überlebt, ohne seinen Gründer auch nur nennen zu dürfen, nämlich den pädophilen Verbrecher Pater Marcial Maciel. Ein Orden, der förmlich vor Geld stinkt, wie mexikanische Journalisten dokumentieren. Es ist für die Unabhängkeit der Wissenschaft eigentlich ein Skandal, wenn Leute aus der Glaubensbehörde auch noch als Theologiedozenten in der Uni der genannten Legionäre Christi wie auch der Jesuiten-Universität Gregoriana tätig sind. was ist das für ein Niveau? Offenbar findet man diesen Niedergang freier wissenschaftlicher Forschung in Rom normal. Wie wäre es also, dem vatikanischen Vorbild folgend, wenn Beamte des BND Vorlesungen zur Sicherheitspolitik an der Uni halten? Oder der Innenminister als Professor einer Uni die innere Ordnung Deutschlands lehren würde…

Interessant wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viel der so gefragte Theologe und Prälat Charamsa als ein hoher Funktionär in der Glaubensbehörde monatlich verdient hat. Woher kommt das Geld für alle diese klerikalen Diener des Systems? Denn die privaten Reisen, von denen die Rede ist, sind ja selbst mit Billigfliegern nicht ganz gratis. Und wie und wo wohnte er als Kaplan seiner Heiligkeit? Vielleicht Seite an Seite mit Kardinal Müller? Da kann man doch Klartext reden!

Dass der Autor keine Namen der offenbar scharenweise homosexuellen Priester in der Glaubenskongregation ist ein bisschen verständlich, man will sich kostspielige Prozesse ersparen. Aber einige Namen betroffener Prälaten usw. sind ja auf anderem Wege doch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Warum diese enorme Angst?

Merkwürdig kurz fällt auch der Hinweis auf das reaktionäre polnisch-katholische Rundfunk/Fernsehimperium MARYJA aus. Mich würde interessieren, warum scheitern alle Versuche, den Gründer dieser Propaganda-Maschine, Pater Rydzyk vom Redemptoristenorden, aus dem Verkehr zu ziehen?

Auch über die theologische Fakultät in Lugano (Schweiz) hätte man gern mehr erfahren, an der Krzysztof Charamsa einige Jahre studierte. Diese Fakultät gilt als Zentrum sehr konservativer religiöser Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat. Auch Professoren dieser Lehranstalt, wie Manfred Hauke, er war Assistent bei dem Traditionalisten Prof. Ziegenaus in Augsburg, gehören dem sehr konservativen Flügel an.

Trotz dieser offenen und natürlich vom Autor gewünschten kritischen Fragen (das ist ja demokratische Kultur) ist das Buch durchaus ein historisches Dokument. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte gibt es ein „coming out“ eines prominenten „Kaplans seiner Heiligkeit“. Die traurige Geschichte der Homosexuellen, über die wir so wenig wissen, weil alle Zeugnisse immer vernichtet wurden, bekommt durch das Buch eine neue, durchaus befreiende Bedeutung.

Wird der Apparat der Kirche so dumm sein, und dieses Buch übersehen? Ignorieren? Polemisch belächeln? Schon möglich. Die Macht des Apparates ist leider immer noch gewaltig und gewalttätig. Wie viele Menschen, wie viele Homosexuelle, sind durch die perversen Verurteilungen aus Rom in ihrem Leben irritiert und zerstört worden? Wer spricht von den vielen Opfern? Wann finden Bußgottesdienste der (selbst schwulen) Kardinäle in Rom statt, in denen sie sich heftig entschuldigen, für alles Leid, das sie und ihre Vorgänger homosexuellen Menschen angetan haben und antun. Die Festpredigt sollte dann der Priester Krzysztof Charamsa halten. All das wird in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren. Die Mauern des Vatikans sind “ewig”, und die Insassen dieses geistigen (leiblichen) Gefängnisses sind noch stolz auf diese „Ewigkeit“…

Copyright: Christian Modehn . Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet

Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet
Von Christian Modehn

Wir wurden in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, unsere früheren Informationen und Dokumentationen über eine Gruppe der sogenannten “Neuen Geistlichen Gemeinschaften” innerhalb der römischen Kirche wieder zugänglich machen, schließlich machen sich, so wurde uns berichtet, nicht nur das Opus Dei und die Legionäre Christi, sondern auch die sogenannten Neokatechumenalen Gemeinschaften “immer mehr breit”, so wörtlich ein Freund aus Köln; der berichtet, dass ein neokatechumenaler Priester alsbald (Weih) Bischof in Köln werden wird; er wurde von Papst Franziskus, dem armen und angeblich progressiven, ernannt.
Wir kommen dieser Anfrage nach, obwohl wir klarstellen: Wir sind ein philosophischer Salon, aber aufgrund der – in unserer Sicht oft unvernünftigen – Zustände in den Religionen heute immer wieder verpflichtet, Religions – Kritik zu betreiben, als eine Form kritischer Bildung. Unter diesem Blickwinkel sind auch die folgenden drei Beiträge zu verstehen; sie wurden im Jahr 2000, 2006 und 2011 veröffentlicht. Das meiste des dort Gesagten ist nach wie vor gültig, wenn auch die weltweite Integration der Neokatechumenaen weltweit auch als offiziell römische, also offiziell anerkannte “Bewegung” inzwischen viel weiter fortgeschritten ist, etwa: In manchen Bistümern sind junge (oder “mittel-alterliche”) Priester fast ausschließlich Mitglieder des Neokatechumenats. Die Neokatechumenalen im allgemeinen sind theologisch so unglaublich “bescheiden” zu sagen: “Unsere Theologie ist der römische Katechismus”. Da ahnt der Beobachter, wohin sich der römische Katholizismus entwickelt, wenn alsbald fast nur noch Neokatechumenale oder Legionäre Christi und Leute von “Das Werk” oder die Priester vom “Inkarnierten Wort” oder die “Kleinen Grauen” (das sind die Brüder vom Heiligen Johannes) usw. usw. die Gemeinden leiten und die Bistümer führen…Man muss kein Prophet sein: Diese finanziell äußerst starken und im Machtanspruch – auch gegenüber Journalisten – nicht zimperlichen Bewegungen werden “das Gesicht der römischen Kirche” weiter ganz wesentlich verändern bzw., je nach Blickwinkel, entstellen in Richtung: “Der Katechismus ist unsere Theologie und wer ihm nicht folgt, ist nicht katholisch”. Zu einem Beitrag für den WDR klicken Sie bitte hier.

….. Es folgen nun drei Beiträge, in der ursprünglichen (Sende-) Form des Radios bzw. der Zeitschrift. Noch einmal: Das copyright liegt beim Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon.

…..
1.
Wer glaubt, fragt nicht (2000)
Die neokatechumalen Gemeinschaften (NDR)
Von Christian Modehn

24 O TÖNE, insgesamt ca. 13 30“ lang.
EIN SPRECHER

EIN HINWEIS im August 2013:
Hier handelt es sich auch um ein Manuskript aus dem Jahre 2000, das für eine Hörfunkproduktion verwendet wurde. Die sogen. O Töne sind hier nicht vollständig ausgeschrieben, sondern nur stichwortmäßig zusammengefasst nur als Orientierung für den Producer.
Ich habe leider nicht die Zeit, diese O Töne noch vollständig auszuschreiben. Ich biete den Text dennoch an, weil er auch auf diese Weise durchaus noch einen informierenden Wert hat, vor allem durch die Vielzahl der betroffenen Interviewpartner.

…………….
Sie haben exotisch klingende Namen: Focolarini oder Communione e liberazione, Opus Dei oder neokatechumenale Gemeinschaften: Gruppen, die seit mehr als 30 Jahren das Leben der Katholischen Kirche bestimmen. Weltweit haben sie mehrere Millionen Mitglieder und Sympathisanten. Es sind vor allem Laien, Frauen und Männer, die in diesen Gruppen ein intensives religiöses Leben suchen. Auch in Norddeutschland machen diese Kreise von sich reden, zum Beispiel die Neokatechumenalen Gemeinschaften. Christian Modehn hat Anhänger und Kritiker dieser Gruppen getroffen, seiner Sendung gab er den Titel „Wer glaubt, fragt nicht“.

—————————

1.O TON. Bruno Caldana. 0 18“
„Ich war ein Ehebrecher. Und ich hab gesehen, wie Gott mich geliebt hat. Fand die Möglichkeit, eines Tages der Versuchung zu widerstehen“.

Hundertmal hat Bruno Caldana schon diese Geschichte erzählt. Bei religiösen Vorträgen und Katechesen, in Beratungsgesprächen und Interviews. Bruno Caldana berichtet gern von seiner gottlosen Vergangenheit, das gehört nun einmal zu seinem Amt als katholischer Laien-Prediger. Seit 13 Jahren lebt der gebürtige Römer mit seiner Familie in Hannover. Wenn er nachmittags seine Arbeit als Buchhalter beim Malteser Hilfsdienst beendet hat, kümmert er sich um den Aufbau der neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese „geistliche Bewegung“ will er in Deutschland fördern und verbreiten; aus Dankbarkeit, wie er sagt; denn im Neokatechumenat wurde er ein neuer Mensch.

2.O TON, Bruno Caldana 0 22“
„Gott, durch die Kirche und durch das Neokatechumenat, Gott hat uns gerettet, verhindert, daß wir uns trennten, Familie wiederaufgebaut. Haben gesehen, wie Gott uns geholfen hat, uns gegenseitig zu vergeben“. .

Rita und Bruno Caldana gehören heute im Bistum Hildesheim zum Leiterkreis des Neokatechumenats. Der erste Wortteil, das „neo“, bedeutet neu; und katechumenal bezeichnet die Glaubensunterweisung: Neokatechumenale Gruppen wollen also neu den Glauben lehren, nicht den Heiden, sondern, wie sie sagen, den lau und lax gewordenen Katholiken. Vor 35 Jahren wurde das Neokatechumenat von Kiko Arguello, einem Künstler aus Madrid, und der ehemaligen Nonne Carmen Hernandez gegründet. Heute sind die Neokatechumenalen nach eigenen Angaben in 105 Nationen, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden vertreten. Eine Million Katholiken sollen mit dieser Gemeinschaft verbunden sein. Sie alle haben ein Ziel: Jeder Katholik soll sozusagen wieder hundertprozentig glauben und bekennen, was der Papst und die Kirchenlehre vorschreibt. Darum bieten sie Kurse an, bei denen sogenannte Sonntagschristen zu eifrigen Missionaren ausgebildet werden. Hartmut Berkowsky nimmt seit 12 Jahren an diesen Unterweisungen teil.

3. O TON, Hartmut Berkowsky 0 37“
„Auf der einen Seite bin ich Geschäftsführer bei Maltesern, wo ich humanitäre Aufgabe wahrgenommen. Humanitär helfen. Aber ich denke, nicht das, was eigentlich wichtig ist. Erfahren, daß ich den Menschen, denen ich begegne, daß ich da Gott begegne. Was ihr den geringsten getan hat, das habt ihr mir getan. Wahlspruch für mein Leben geworden, wo ich draufzugehe“.

Wer sich einer neokatechumenalen Gruppen anschließt, möchte seinen ganzen Alltag christlich gestalten. Arbeit, Kunst, Politik, alles soll kirchlichen Grundsätzen entsprechen. Bruno Caldana kommt ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die neokatechumenalen Jugendgruppen in seiner Heimatstadt Rom denkt. Sie verbringen die Freizeit mit gottesdienstlichen Feiern:

4. O Ton, Bruno Caldana 0 38“
„Dadurch werden viele Jugendliche von falschen Wegen abgehalten. Hunderte, die warten, Eucharistie zu feiern. Anstatt ins Kino zu gehen, zu Disco… viele Jugendliche werden durch Disco auch abgelenkt“.

„Es gibt kein Glück auf dieser Welt“, schreibt der Gründer Kiko Arguello seinen Getreuen, „alles in dieser Welt sei nun einmal eitler Wahn“.
Gottesdienst und Glaubensunterweisung gelten als Ausweg gegenüber den Verlockungen der Konsumgesellschaft. Auch Propst Klaus Funke, der katholische Stadtdekan für Hannover, bietet Jugendlichen am Samstag abends ins Gemeindehaus von Sankt Clemens eine Alternative zu den Vergnügungen des Wochenendes. Propst Funke:

5. O TON, Propst Funke 0 19“ (Glocke im Hintergrund)
„Die neokatechumenale Idee ist wie so ein Zeichen, ja, man könnte sagen des Himmels, daß Gott selber Menschen stößt auf Realitäten, die wir so in unseren Gemeinden gar nicht mehr wahrnehmen und erleben“.

Propst Funke ist seit etwa 10 Jahren ein enger Freund und Vertrauter der Neokatechumenalen: Ihn beeindruckt, wie sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft vorbehaltlos in den Dienst des Papstes stellen:

6. O TON, Propst Funke 0 30“
„Das Neokatechumenat lebt von Itineranten, das sind Laien, die sich bereit erklären, für die Sache Jesu vom Papst in alle Welt schicken zu lassen vom Papst. Per Los gezogen am Tag der Heiligen Familie. Da stehen Familien. Du kannst uns hinschicken, es ist vorbereitet; es gibt eine Menge Anfragen, und sie gehen dahin“.

Missionare, die per Los-Entscheid in alle Welt gesandt werden: Seit 1986 ist dies gängige Praxis; der Papst ist immer dabei, er hat daran sein Wohlgefallen! Auch das Ehepaar Caldana aus Rom wurde zusammen mit ihren vier Kindern im Rahmen einer Verlosung als Itineranten-Paar, also wie Wandermissionare, nach Hannover entsandt. Es hätte genauso gut Wladywostok, Tokyo oder Lima sein können; in Deutschland mußten die Caldanas selber sehen, wie sie mit der neuen Kultur und Sprache zurecht kommen. Inzwischen haben sie in ihren neo-katechumenalen Unterweisungen einen Schwerpunkt entdeckt: Rita Caldana:

7. 0 TON, Rita Caldana 0 19“
„Europa neu evangelisieren: Das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagte, gegen das Böse kämpfen müssen, nicht gegen kleine Sachen, das heißt es ist ein grosser Kampf“.

Die Frommen kämpfen gegen den Teufel, die Guten gegen das Böse: Auf welcher Seite die Neokatechumenalen stehen, ist klar. Propst Funke meint bei den Neokatechumenalen sozusagen positives, heilsames Dynamit gefunden zu haben:

8. O TON, Propst Funke 0 39“
„Was mich an dieser Idee eben so fasziniert, ist: echte Alternative zu dem Alltag, den ich sonst in den Gemeinden erlebe. Ich will diesen Alltag nicht diskriminieren; er ist die eine Seite der Volkskirche. Aber daneben, kann man sagen, ist das wie so ein bißchen Dynamit. In diesem Alltag. Manchmal krachend aufflackert. Macht deutlich, daß sich Dynamit in der Botschaft Jesu verbirgt, was wir eigentlich verschweigen oder unentdeckt lassen“.

Um im Bild zu bleiben: Nicht immer sind die Veranstaltungen des Neokatechumenates Dynamit; manchmal sind sie sehr langweilig, davon konnte sich Pfarrer Albrecht Przyrembel aus dem Bistum Hildesheim überzeugen; er hat an neokatechumenalen Unterweisungen teilgenommen; dabei fühlte er sich an die schlichte Theologie des 16. Jahrhunderts, an die Zeiten des Konzils von Trient, erinnert:

9. O TON, Przyrembel 0 41“
„Das ist der Katechismus von Trient. Bei dieser Gemeindekatechese war ich dabei, um Erfahrungen zu sammeln. Da waren Tafelbilder wie ich sie in der Grundschule gebrauche. Aber eben mit Erwachsenen Menschen nicht.. das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten. Wie im Katechismus: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um in den Himmel zu kommen. Was für Menschen eine Hilfe ist. Es gibt ja eine Neuauflage der alten Katechismen.

Die neokatechumenalen Missionare rühmen sich selbst, keine eigene Theologie zu entwickeln für das Gespräch mit den angeblich lauen und abständigen Katholiken; sie wollen sich keiner neuen, modernen Sprache bedienen. Bruno Caldana:

10. O TON, Caldana 0 15“
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Weil Gott ist derjenige, der uns lehrt, Gott gibt uns Antworten. Ich bin der Meinung, daß Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

Wenn sich einmal Protestanten in die neokatechumenalen Kurse verirren, wird ihnen deutlich gemacht: die volle christliche Wahrheit gibt es nur im römischen Katholizismus. Einen jungen Protestanten haben die Caldanas einmal nach Rom begleitet:

11. O TON, Caldana, 0 12“
„Bei der Pilgerfahrt hat er direkt erfahren, diese Figur des Papstes hat ihn so stark beeindruckt, daß er zur katholischen Kirche konvertiert hat“:

Konvertieren, also sich bekehren, das ist nicht nur Pflicht der Protestanten. Vor allem Katholiken werden aufgefordert, sich als Sünder zu bekennen und von einem unmoralischen Lebenswandel Abstand zu nehmen. Randgruppen und Minderheiten sollen die offizielle katholische Morallehre respektieren. Propst Funke:

12. O TON Funke 0 58“
„Homosexualität kommt in der Natur vor, ist aber nicht natürlich. Entspricht nicht der eigentlich Veranlagung des Menschen. Will nicht von Schuld erst einmal reden. In der Bibel gibt es keine positive Stellungnahme. Immer kritisch und sündhaft. Erst recht, wenn sie praktiziert wird. Jeder der darunter leidet, wie der Geldgierige, der Sture und kommt: Tut mir leid, ich komm davon nicht weg. der findet immer den barmherzigen Gott. Nur wer eben versucht aus einer Unvollkommenheit eine Vollkommenheit zu machen, der scheitert“.

Die Neokatechumenalen fühlen sich gedrängt, diese Wahrheiten den katholischen Pfarr-Gemeinden Deutschlands mitzuteilen. An der amtlichen, römischen Kirchenlehre wollen sie kein I Tüpfelchen verändert sehen. Sie bieten sich den Seelsorgern an, um in der Glaubensunterweisung zu helfen, wie sie das nennen. Pfarrer Hans-Joachim Osseforth aus der Diözese Hildesheim hatte vor einigen Jahren dieses Angebot aufgegriffen:

13. O TON Osseforth 0 32“
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Ich muß mich bekehren, dann auch die Gemeinde. Ich wurde als Unbekehrter als nicht richtig Glaubender angesprochen, kommt diskriminierend immer rüber“.

Erfahrungen, die keineswegs nur in Niedersachsen gemacht werden. Ein Berliner, der katholische Dekan Pfarrer Bernhard Obst erinnert sich an seine Begegnungen mit neokatechumenalen Missionaren:

14. O TON, Obst
„Ich wurde dann nur noch indoktriniert.. bis zur Beleidigungen. Ich sollte mich erst bekehren. Das war peinlich Bat sie dann, die Wohnung zu verlassen. Ich hätte doch rechte als Hausherr und müßte mich von ihnen nicht beleidigen lassen“.

Eine Frauengruppe der Gemeinde Bruder Klaus in Berlin-Neukölln hatte sich auf die Neo-Katechumenalen eingelassen, in aller Offenheit und guten Glaubens. Wie hätte es auch anders sein können: Über diese neuen Missionare gibt es keine allgemein zugänglichen Broschüren, Bücher oder Zeitschriften. Die Neokatechumenalen sind sozusagen öffentlich nicht greifbar; sie lieben die Verschwiegenheit. In der Gruppe gab es schon bald erhebliche Spannungen; zwei Frauen, die lieber ungenannt bleiben wollen, erläutern die Probleme:

15. O TON, zwei Frauen hintereinander. 1 23“
„Wenn man mit ihnen spricht, daß ist DER Weg, man bedrängt auch, geht bis zur Beschimpfung, Teufel spricht aus einem. Tut weh! Wir haben sie im Frauenkreis gehabt, Unruhe, sie sind das Salz der Erde, und sie haben die Kinder besser im Griff. Da wird morgens schon Schriftlesung. Also es war sehr schwer. Ich persönlich halte das nicht aus, ich geh nicht mehr hin“.

Die neokatechumenalen Missionare lassen sich nicht beirren; sie ziehen weiter. Haben sie sich aber einmal in einer Pfarrei niedergelassen, gibt es oft Unruhe und Irritationen: Denn die Neokatechumenalen feiern am Samstagabend separat ihre eigene Gruppen Messe im Saal, manchmal hinter verschlossenen Türen; auch die Osternacht zelebriert der neokatechumenale Kreis für sich allein, ohne die Teilnahme der Ortsgemeinde. Kein Wunder, daß solche Abgrenzung von „den anderen“, den „gewöhnlichen Katholiken“, wenig Symapthie findet. Pfarrer Osseforth erinnert sich an einen neokatechumenalen Glaubenskurs:

16.O TON, Osseforth 0 38“
„Wir haben in der Gemeinde mit über 25 Leuten angefangen, am Schluß nach 4 Monaten waren nur noch 4 dabei; das Ende ist Wochenende, wo man sich entschließt, ob man weitermachen will.. Alle wollten nicht mehr mitmachen, zu einengend. Man muß Bußgottesdienste machen, man wird gezwungen zu beichten. Es floß dann mit ein, daß Gott nur auf dem Weg des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt. Das ist zu eng. Das geht nicht“.

In Hannover wird jetzt seit 12 Jahren für den neokatechumenalen Weg geworben: Bisher haben sich trotz intensiver Bemühungen erst 11 Erwachsene der Gemeinschaft angeschlossen. Die Kategorie „Erfolg“ haben die Neokatechumenalen in Deutschland jedenfalls aus ihrem Vokabular gestrichen, und sie fühlen sich dabei sogar sehr wohl. Rita Caldana:

17. O TON, Rita Caldana 0 10“
„Erfolg existiert nicht im Christentum. Weil Jesus Christus auch kein Erfolg gehabt hat. Oder: nur das Kreuz. Und wir sind in die richtige Platz“.

Die Neokatechumenalen stehen sozusagen auf der Seite Jesu, nehmen an seinem Leiden am Kreuz teil, und trösten sich damit, daß wenigstens der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe gut funktioniert: Propst Funke:

18. O TON, Funke 0 34“
„Innerhalb der Gemeinschaften gibt es ein unwahrscheinlich intensives Anteilnehmen am Schicksal jedes einzelnen. Was ich erlebt habe, Güterteilung, Autos, Wohnungstausch. Kinderbetreuung, Vertretungen, bei Nöten, grossem geldlichen Einsatz, das ist erstaunlich“.

Das Neokatechumenat zählt nach eigenen Angaben weltweit mehr als 15. 000 solcher offenbar vorbildlichen Gruppen, Lebensgemeinschaften und Freundeskreise. Aber, sie alle sind untereinander vernetzt, betont Pfarrer Osseforth:

19. O TON Osseforth, 0 41“
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Sehr zentral gesteuert. Gut durchstrukturiert. Der oberste Chef ist Kiko, das ist der Jesus des Neokatechumenates. Alles, was Kiko gemacht hat, ist gut. Seine Bilder sind wie Ikonen. Nur diese zählen etwas auf unserem Weg. Das halte ich auch für eine Engführung“.

Der feste Zusammenhalt in einer von Befehlen und Gehorchen geprägten Gemeinschaft übt für viele junge Menschen immer noch eine faszinierende Wirkung aus. Aus den neokatechumenalen Familien, die oftmals 8 oder 10 Kinder zählen, entschliessen sich immer wieder junge Männer, Priester zu werden. Propst Funke:

20. O TON Funke 0 32“.
„Das Neokatechumenat hat in aller Welt jetzt vierzig Priesterseminare. Weil aus den Gemeinschaften so viele Priester werden wollen, daß man nur neidisch werden. So was habe ich in meinem Seminar nicht erlebt, an Freude am Glauben, grundsätzlich positiven Haltung zur Kirche“.

Bei dem zunehmendem Mangel an Priestern freuen sich zahlreiche Bischöfe vor allem im Osten Europas über den geistlichen Nachwuchs, den die Neokatechumenalen bereit stellen. In Berlin gibt es seit mehr als 10 Jahren ein neokatechumenales Priesterseminar mit 30 Studenten. Einige dieser Theologen arbeiten inzwischen als Kapläne in Berliner Gemeinden; aber länger als ein Jahr erträgt kaum eine Gemeinde diese jungen, aber extrem konservativ denkenden Priester. Vielleicht ist dies ein Grund, daß der sonst eher wohlwollende Berliner Kardinal Georg Sterzinsky vorsichtig Distanz andeutet:

21. O TON, Sterzinsky, 0 35“
„Ich mach da nur mit, damit ich auch eingreifen kann oder mitsprechen kann; daß es nicht einen Wildwuchs gibt. Kaderschulung in der Missionierung. Wir bleiben bei 30 Studenten. Weil ich nicht meine, daß man mit Klerikern in den Osten starten sollten.

Prominente katholische Kirchenführer haben sich deutlich vom Neokatechumenat distanziert: Der englische Kardinal Hume nannte diese Gemeinschaft schlicht und einfach fundamentalistisch; Kardinal Martini von Mailand warnt ausdrücklich vor den Neokatechumenalen, in manchen Bistümern der Vereinigten Staaten sind sie offiziell unerwünscht. Kiko Arguello, der Gründer der Neokatechumenalen, macht aus Kritikern einfach nur „Verfolger“. Für ihn und seine Gemeinschaft ist die ganze Kirche in Gute und weniger gute Mitglieder aufgespalten. Das konnte Pfarrer Osseforth beobachten:

22. O TON, Osseforth, 0 29“
„Sie sondieren auch ganz klar. Sie sagen sofort, der Bischof uns nicht so liebt, wie wir das wollen, der ist nicht katholisch. Wird diskriminiert. Immer: der Papst unterstützt uns doch. Viele Bischöfe tun das auch.Viele Bischöfe, die kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.

Die neokatechumenalen Gemeinschaften haben in fast allen Bistümern Deutschlands Fuß gefaßt, auch in der Diözese Hildesheim. Aber allzu großer Beliebtheit erfreuen sie sich nicht, betont Pfarrer Osseforth:

23. O TON, Osseforth, 1 00“
„Es gibt kritische Interessiertheit, haben einzelnen geholfen, die versaut waren, aber es ist nicht die Erneuerungsbewegung“.

Der Papst sieht das anders: Er ist begeistert von dem Eifer dieser aufdringlich für die römische Kirchenlehre werbenden Missionare; er freut sich über die Bereitschaft der neokatechumenalen Jugendlichen, geradezu massenhaft päpstliche Veranstaltungen zu besuchen. Allein beim katholischen Weltjugendtreffen in Paris im Jahre 1998 waren 50.000 neokatechumenale Jugendliche hilfreich in der Organisation; sie waren vor allem die öffentlich sichtbaren Papst-Fans und Jubel-Rufer in den überfüllten Veranstaltungen. Auch in diesem Jahr, dem Heiligen Jahr in Rom, wird man die Neokatechumenalen nicht übersehen können. Sie gelten längst – neben dem Geheimbund Opus Deials die Stoßtruppen des Vatikans. Sie verändern das Gesicht der katholischen Kirche. Viele Beobachter haben den Eindruck: Sie machen aus der Kirche, der vielfältig lebendigen Gemeinschaft der Glaubenden, ein starre Institution der Indoktrination und Besserwisserei.

Wie kommen Katholiken dazu, sich dieser kämpferischen, zentralistischen und dogmatisch erstarrten Gemeinschaft anzuschließen? Pater Karl Hermann Lenz aus dem Pallottiner Orden hat sich mit dieser fundamentalistisch genannten Gemeinschaft befaßt:

23. O TON Pater Lenz. 0 55“
„Daß sie bei Teilen der Kirchenleitung eine Beliebtheit haben, in Zeiten der Unsicherheit, Johannes Paul der zweite wir stehen an deiner Seite. Mensch da haben wir noch Leute, die wirklich kirchentreu sind-
Zulauf wegen Gruppe, Verbindlichkeit, klare Antworten bekommt, ist ja was Grosses. Spirituelles Wachstum, da gibt es ja auch viel zu wenig in den Gemeinden“.

Copyright:Christian Modehn

……….

Deutschlandfunk 2011
Studiozeit: Aus Religion und Gesellschaft
“Das Vertrauen ist erschüttert – die neuen geistlichen Gemeinschaften in der Krise”
Von Christian Modehn

1. Spr.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator und Übersetzer
O TÖNE, zus. ca. 10 00“.

1. SPR.:
Die katholische Kirche liebt die Einheitlichkeit. Weltweit wird das gleiche Glaubensbekenntnis gesprochen, überall werden die Messen nach den gleichen liturgischen Vorschriften gefeiert. Der Pluralismus zeigt sich vor allem in der Vielfalt der Lebensformen. Mönche und Arbeiterpriester in Fabriken sind sehr verschieden, auch Missionare und Einsiedler haben wenig gemein. Pluralität der Lebensformen war viele Jahrhunderte auf Kleriker und Ordensleute begrenzt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit 50 Jahren, gestalten vor allem Laien, Frauen wie Männer, „neue religiösen Gemeinschaften“. Allein in Deutschland sind 70 unterschiedliche Gruppen vertreten; weltweit sollen mindestens 500.000 Katholiken dazu gehören. Der katholische Theologe und Religionssoziologe Professor Michael Ebertz aus Freiburg im Breisgau hat diesen Trend untersucht:

7. O TON, Ebertz, 0 26“.
Im Grunde könnte man sagen: Diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften sind Nachfolger eigentlich so dieser Ordensleute und sie steigern, sie erhöhen die Vielfalt, die Komplexität, innerhalb der Kirche, weil wir in diesen geistlichen Gemeinschaften auch sehr gegensätzliche Positionen finden. Man könnte sagen, von der fundamentalistischen bis hin zu einer sehr ökumenisch, also auch den evangelischen Christen gegenüber sehr aufgeschlossenen Gemeinschaften.

1. SPR.:
Dazu gehört etwa die „Gemeinschaft Sant Egidio“, die sich für den Dialog der Weltreligionen einsetzt; auch die Gruppen der „Focolarini“ nehmen Protestanten als Mitglieder auf. Konservativ und auf die traditionelle katholische Identität bedacht sind die Gemeinschaften der „Neokatechumenalen“ und der „Charismatiker“, des „Opus Dei“ und der „Legionäre Christi“. Sie haben jeweils mehr als 50.000 Mitglieder. Viele von ihnen leben in eigenen Häusern zusammen, also wie in einem Kloster; die meisten aber wohnen „inmitten der Welt“, wie sie gern sagen. Bei den Gruppentreffen mindestens einmal in der Woche pflegen sie die Verbundenheit untereinander.
Zur Theologie dieser so unterschiedlichen Kreise meint Professor Ebertz:

6. O TON, Michael Ebertz, 0 26“.
Sie unterwerfen sich dem hierarchischen Anspruch der Bischofs – und der Papstkirche. Sie setzen ganz auf die religiöse Karte und interpretieren das Evangelium und die christliche Tradition in einem sehr entschiedenen Sinne. Man könnte auch sagen, sie sprechen damit die religiösen Virtuosen unter den Katholikinnen und Katholiken an. Also alle, die etwas mehr wollen als das Übliche, was in den Pfarrgemeinden abläuft.

1. SPR.:
Darum bietet ihnen die Messe am Sonntag noch nicht „ausreichend geistliche Nahrung“, wie sie sagen, und die üblichen Bibelkreise am Abend erscheinen ihnen zu oberflächlich. Sie wollen ihren Glauben in eigenen Veranstaltungen intensiv pflegen. Und dabei entstehen dann Konflikte:

1. O TON, Pater Gerhard Pöter, 0 08“
Die Charismatiker in der Gemeinde, die machten, was sie wollten. Also in der Gemeinde hatte ich überhaupt nichts zu melden. Die haben das Ganze dirigiert.

1. SPR.:
Pater Gerhard Pöter aus dem Dominikaner Orden berichtet über seine Erfahrungen mit katholischen Charismatikern. Sie glauben, besondere Gnadengaben des Heiligen Geistes empfangen zu haben. In der Gemeinde, die Pater Gerhard Pöter leitet, fühlten sie sich darum als die „besseren Christen“.

2. O TON, Pater G. Pöter, Fortsetzung von 1.OTON, 0 20“
Wenn die ein Studium machten, natürlich nicht mit mir oder mit einem anderen von unserem Orden, ein Studium mit irgendeinem Führer der charismatischen Bewegung, die also ganz oben gesteuert werden, dann kamen diese Leute in die Gemeinde, die grüßten noch nicht einmal den Priester. Nein! Die machten das völlig parallel. Wenn der Priester nicht charismatisch ist, dann machen die eben ihre Sache alleine.

1. SPR.:
Pater Pöter arbeitet seit 30 Jahren als Pfarrer im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er hat dort erlebt, wie sich in dieser Zeit das Profil der katholischen Kirche grundlegend veränderte. Anstelle der sozial – kritischen „Basisgemeinden“ wollen sich nun konservativ geprägte Laien und die mit ihnen verbundenen Priester für die klassischen Glaubenslehren einsetzen. Sie sprechen von „totaler Übereignung an Gott und die Kirche“.
So denken auch die Gruppen des Neo – Katechumenats; sie möchten unbedingt allen Katholiken noch einmal „neu“ die gesamte Kirchenlehre ausführlich erklären. Der katholische Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover hat die Neokatechumenalen persönlich kennen gelernt:

3. O TON, Pfr. Hans Jochim Osseforth, 0 15”.
Man musste einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden, man wird fast gezwungen zu beichten. Das floss dann also doch sehr stark mit ein, dass Gott eigentlich weitgehend nur auf dem Weg des Neokatechumenates die Menschen in die Freiheit führt. Und dann merkte ich: Das ist einfach zu eng, das geht nicht.

1. SPR.:
Genauso wichtig wie die radikal gelebte Frömmigkeit ist die enge Bindung an den Gründer des Neokatechumenats, den Spanier „Kiko“ Argüello, betont Pfarrer Osseforth:

4. O TON, 0 20“.
Erst reingehen bei:
Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, der ideelle Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, das halte ich dann auch für eine Engführung.

1. SPR.:
Gegen diese „Engführung“ eines autoritär geprägten Glaubens gab es schon häufig Widerspruch innerhalb der Kirche. Jetzt melden sich auch Katholiken in Japan Wort. In dem buddhistisch geprägten Land nähmen die neokatechumenalen Missionare keine Rücksicht auf die Eigenheiten der dortigen Kirche, heißt es. In der katholischen Zeitung „Katorikku Shimbun“ hat Leo Ikenaga, der Erzbischof von Osaka, kürzlich geschrieben:

2. SPR.:
Wo diese geistliche Gemeinschaft der neokatechumenalen Missionare aktiv ist, beobachten wir Verwirrung, Konflikte, Spaltung und Chaos in unserer japanischen Kirche.

1. SPR.:
Vier japanische Bischöfe reisten im Dezember vergangenen Jahres nach Rom. Sie wollten den Papst bitten, mit einem Machtwort die Aktivitäten der aufdringlich werbenden neokatechumenalen Missionare wenigstens für die nächsten fünf Jahre zu unterbinden. Benedikt XVI. hörte sich zwar die Klagen an. Aber ein Ende dieser Missionstätigkeit wollte er nicht verfügen. Schließlich kann er die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ nicht verprellen, betont Professor Ebertz:

20. O TON, 0 22“,
Das sind sozusagen innerkirchliche Bio – oder Soziotope, die fruchtbar sind im Blick auf die Rekrutierung, die Gewinnung, von Priesternachwuchs. Und das sind natürlich der Kirche liebste Kinder, die nicht so kompromißlerisch sind, nicht so im Grunde eine Religion light, ein Katholischsein light, pflegen, sondern auch ein Bekenntnis ablegen und dazu stehen. Und Sünde Sünde nennen.

1. SPR.:
Darum ist es nicht erstaunlich, dass die neuen geistlichen Gemeinschaften auch die offizielle kirchliche Approbation erhalten haben. Aber gelegentlich müssen sie doch ermahnt werden, treu „zur Kirche zu stehen“. Benedikt XVI. erklärte Mitte Januar dieses Jahres im „Saal Paul VI.“:

5. O TON, Benedikt XVI. , auf Italienisch 0 47“.
2. SPRECHER:
Die Kirche hat im Neokatechumenalen Weg ein besonderes Geschenk des heiligen Geistes erkannt. Deswegen muss sich diese Gemeinschaft in großer Harmonie mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft befinden. So gesehen, muss sie sich auch in tiefer Gemeinschaft mit den Bischöfen und allen Mitgliedern der Ortskirchen befinden.

1. SPR.:
Benedikt XVI. will unbedingt diese „intensiv“ Frommen unter die Aufsicht der Hierarchie stellen. Schon als Leiter der römischen Glaubensbehörde hatte er sich dafür eingesetzt, abwegig erscheinende Lehren aus den Kreisen neuer geistlicher Gemeinschaften zu korrigieren:

9. O TON Ratzinger, 0 39“. in Aigen.1991
So sind wir verfahren bei einer Ordensgemeinschaft, die in Mallorca sich gebildet hatte unter dem Namen Identes.

1. SPR.:
…berichtete Kardinal Ratzinger 1991 bei einem Vortrag im österreichischen Aigen – Schlägl:

(FORTSETZUNG)
Der Gründer war ein etwas geistig verworrener und theologisch schwärmerisch und träumerischer Mann, so dass seine Gründung absolut unmöglich erschien und unakzeptabel auch mit Disziplin und Lehre der Kirche unvereinbare Elemente enthielt. Aber wir dann einen Weg gefunden haben, der dahin ging, dass der Gründer selbst den Großmut fand, sich ganz von seiner Gründung zu trennen, die dann neu konstruiert werden konnte.

1. SPR.:
Die neuen geistlichen Führer und Gründergestalten lassen sich von ihren Anhängern „Vater“ oder „Hirte“ nennen; sie verstehen sich als „Wegweiser zum wahren Glauben“. Der Züricher Philosoph Gonsalv Mainberger hat einen dieser „von Gott begnadeten Meister“, den Pater Marie – Dominique Philippe, etliche Monate unmittelbar an der Universität Fribourg erlebt.

8. O TON, Gonsalv Mainberger, 0 35“.
Philippe habe ich erfahren in seiner Art Messe zu lesen, das war jedes Mal eine ekstatische oder pseudomystische Angelegenheit. Er zitterte und hat jedes Mal ein Gotteserlebnis konstruiert. Pathetisch! Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit, mit der er dann auf die Menschen losging. Und dann merkte ich, er verlangt Unterwerfung. Das wollte ich nicht. Es wird Gefolgschaft abverlangt, und ich wollte das nicht.

1. SPR.:
Unterwerfung und Gefolgschaft: Diese Stichworte kehren immer wieder, wenn man die Geschichte der von Pater Philippe gegründeten geistlichen Gemeinschaften studiert. Die Nonnen seines französischen Ordens, die „Soeurs de la compassion“, hielten junge Schwestern aus Rumänien und der Slowakei Monate lang wie Gefangene in ihren Klöstern. Alle persönlichen Gegenstände, selbst die Ausweise wurden ihnen abgenommen. Erst als die Gerichte einschritten, besserte sich die Lage. Auch der internationale Orden der „Brüder vom heiligen Johannes“ ist eine Gründung Pater Philippes. Die Brüder wurden wegen ihres autoritären und politisch äußerst rechtslastigen Verhaltens selbst dem konservativen Kardinal Lustiger suspekt; er hat diese Mönche aus Paris vertrieben. Die Nachrichten Agentur KIPA aus der Schweiz schrieb im Juni 2006:

2. SPR.:
Papst Benedikt XVI hat die kirchlich umstrittene „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, eine Gründung Pater Philippes mit 500 Mitgliedern, zu mehr Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder ermahnt.

1. SPR.:
Die Kirchenführung hat heute kein ungebrochen positives Verhältnis mehr zu den sich machtvoll gebärdenden geistlichen Gemeinschaften. Offenbar haben Papst und Bischöfe aus früheren Fehlern gelernt. Der größte Irrtum war wohl die mehr als 50 Jahre dauernde Unterstützung für den mexikanischen Pater Marcial Maciel, den Gründer der Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ und der Laien – Gemeinschaft „Regnum Christi“. Maciel hatte schon als 20 Jähriger in Mexiko sein eigenes Kloster gegründet, in dem er als Oberhaupt mit 12 – bis 14 jährigen Knaben zusammen lebte. Als Leiter seiner Gemeinschaften in Rom verpflichtete er schon in den fünfziger Jahren seine Mitglieder zum Stillschweigen über alle internen Vorgänge. Und das mit gutem Grund: Pater Maciel neigte ständig zu sexuellen Übergriffen an Knaben und Seminaristen. Erst im Jahr 1997 fanden sieben mexikanische Opfer den Mut, von den Schandtaten Maciels öffentlich zu sprechen. Sie sind inzwischen Priester und Professoren; sie zeigten Maciel bei Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger an. Aber die Beschwerde wurde in Rom völlig ignoriert. Über die Gründe äußert sich der in Mexiko lebende katholische Theologe Alfons Vietmeier:

14. O TON, Vietmeier, 0 36“.
Das hing damit zusammen, dass das Angebot des Ordens war: Wir haben stramm Rom treue, gehorsame Priester, und aus einer rechtskatholischen Oberschicht, die politisch dann auch wiederum antikommunistisch und antisozialistisch war und ist. Und insofern gewisse Stimmungslagen eines aus Polen stammenden Papstes traf, der genau das suchte, in einer Welt, die laut offizieller Logik in Rom und einschließlich unseres jetzigen Papstes in den Wirren der Zeit unterzugehen droht.

1. SPR.:
Die „Legionäre Christi“ und die Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ haben zusammen etwa 65.000 Mitglieder weltweit. Während der Vatikan die Vorwürfe ignorierte, berichteten in Spanien, den USA und vor allem in Mexiko alle großen Medien ausführlich über die Verbrechen Maciels. Der in Mexiko Stadt lehrende Historiker Professor Enrique Dussel kennt die Legionäre Christi sehr gut:

11. O TON, Prof. Henrique Dussel. 0 26“.
2.SPR..
Ihr Gründer ist ein Päderast, er ist obendrein korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als 10 Zeugnisse von Leuten aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr großes Problem.

1. SPR.:
Und der ebenfalls in Mexiko – Stadt lebende kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo betont:

10. O TON, Fernando Vallejo. 0 21“.
2.SPR.:
Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten Organisationen der Katholische Kirche. Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen Maciel führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit.

1. SPR.:
Die Legionäre Christi haben über viele Jahrzehnte alle Vorwürfe gegen ihren geliebten „Vater“ pauschal zurückgewiesen. Pater Klaus Einsle von der Düsseldorfer Legionärs – Zentrale betonte noch im Jahr 2005:

12. O Ton Einsle, 0 15“.
Unser Ordensgründer hat nie wirklich Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine große Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.

1.SPR.:
So konnten sie verschwiegen mit ihrem pädophilen Ordensvater unter einem Dach leben; im Vatikan hatte er viele Freunde:

18. O TON, P. Einsle 0 22“.
Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährte uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr herzliche, verbundene Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine große Verbundenheit da ist.

1. SPR.:
Auch mit Papst Johannes Paul II. und prominenen Kardinälen war Pater Marcial Maciel eng befreundet. Die angesehene Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ aus den USA hat nachgewiesen, wie Maciel seine vatikanischen Freunde zu Weihnachten mit großzügigen Geldgeschenken bedachte. Besonders eng verbunden war der „geistliche Meister“ mit dem damaligen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano. Alfons Vietmaier aus Mexiko betont:

17. O TON, Vietmeier, 0 24“.
Es haben unzählige Bischöfe Flugscheine bezahlt bekommen, Stipendien für Priesterstudien bezahlt bekommen, die Synoden in Rom sind erheblich mitfinanziert worden von den Legionarios. Es gibt also dort eine Vernetzung, die ganz klar bis zu Papst Johannes Paul II geht, der ganz eindeutig das favorisiert hat.

1.SPR.:
Wie konnten so viele Kirchenführer das wahre Gesicht Pater Maciels Jahrzehnte lang ignorieren? Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor einem Jahr die pädophilen Verbrechen im Berliner Canisius Kolleg offen benannt hat, meint:

19. O TON, Pater Klaus Mertes, 0 27“
Es gibt einen Typ von Pädophilen, der andere Menschen verzaubern kann. Es ist ganz schwierig, sich diesem Zauber zu entziehen. Und in dem Moment, wo man in dem Beziehungszauber drin ist, wird auch das Hinüberreichen und Herüberreichen von Geld und Bestochenwerden schon gar nicht mehr als solches erlebt. Das ist sozusagen Teil des Beziehungszaubers, der von einem ausgeht.

1.SPR.:
Pater Maciel hat bis zum Jahr 2004 zahlreiche Päpste, Bischöfe und Kardinäle „bezaubert“. Erst vor 7 Jahren trat er als Ordensoberer mit dem gar nicht so geistlichen Titel „Generaldirektor“ zurück. 2006 ist er in den USA im Alter von 86 Jahren gestorben.
Seit einem Jahr ist die neue Führung der Legionäre Christi und des Regnum Christi entmachtet. Der Papst hat an die Spitze beider Gemeinschaften einen päpstlichen Delegaten gesetzt, den Kirchenrechtler Kardinal Velasio de Paolis. Er soll diese Gemeinschaften „reinigen“ , wie es heißt, also grundlegend reformieren. Neun Monate lang wurde die beiden geistlichen Gemeinschaften Pater Maciels in päpstlichem Auftrag untersucht, es wurde geprüft, wie weit z.B. pädophile Tendenzen bei Mitgliedern des ganzen Ordens zu finden sind. Benedikt XVI. nannte zum Abschluss der Untersuchungen allerdings nur einen Hauptschuldigen. Er erklärte am 1. Mai 2010:

2. SPR.:
Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung

1. SPR.:
Aber wegen dieser Straftaten kann Marcial Maciel nicht mehr gerichtlich belangt werden, bis zu seinem Tod hat der Vatikan ihn gedeckt und geschützt…Neben den zahlreichen pädophilen Verbrechen ist nun auch noch erwiesen: Der Pater ist auch Vater von mindestens 5 Kindern. Seine Freundinnen waren Angehörige der so genannten „obersten Oberschicht“ in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Sie beschenkten ihren Liebhaber überaus reichlich. Das Vermögen des Ordens wird heute auf 25 Milliarden US Dollar geschätzt. Der Theologe Alfons Vietmeier in Mexiko über diesen pädophilen Frauenheld, der selbst noch seine eigenen Söhne sexuell missbrauchte:

13. O TON, Alfons Vietmeier, 0 27“.
Eine solche deutlich als Heiliger herausgestellte Figur bricht zusammen, und damit bricht auch eine kirchliche Glaubwürdigkeit zusammen. Und das erschüttert die Grundfesten einer Kirche, die immer stramm auf Moral hin gearbeitet hat, die immer die Werte der Familie, der Enthaltsamkeit hoch gehalten hat, und das bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

1.SPR.:
In Deutschland reagieren die Legionäre Christi gelassen auf diese Enthüllungen, sie haben sich mit ein paar Worten die Untaten Maciels bedauert! Der Orden hat bisher nur zwei deutsche Niederlassungen: In Düsseldorf ist die Zentrale, in Bad Münstereifel befindet sich das Noviziat und ein „Knabenseminar“, eine „Apostolische Schule“ für 12 bis 14 jährige Jungs. Als Kardinal Joachim Meisner am 26. Oktober 2010 dieses Knabenseminar besuchte, erklärte er abschließend auch gegenüber den Legionären:

2. SPR.:
Ich sage nicht: Werdet gut . Sondern BLEIBT gut. .

1. SPR.:
Die Laiengemeinschaft Regnum Christi hat prominente Mitglieder, berichtet einer ihrer Freunde, der Journalist Hubert Gindert:

20. O TON, Hubert Gindert, 0 19“,
Fürst Löwenstein, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Lothringen, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch sehr eng verbunden mit Regnum Christi. Ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnismäßig stark repräsentiert ist
KÜRZUNGSMÖGL. ENDE.

1. SPR.:
Inzwischen wurden aus allen Häusern der Legionäre Christi die Fotos des „geliebten Vaters Maciel“ entfernt. Auch die Aufnahmen, die ihn zusammen mit seinem „lieben Förderer“ Papst Johannes Paul II. zeigen, mussten verschwinden. Maciels Bücher dürfen nicht mehr vertrieben werden. Ist das die große „Reinigung“ innerhalb einer Ordensgemeinschaft? Das Ziel hat der Papst schon vorgegeben: : Einzig der Ordensgründer soll schuldig gesprochen werden, alle anderen werden entlastet. Nur so kann die Kirche weiter auf eine finanziell starke wie missionarisch aktive Organisation setzen. Der Papst braucht die neuen geistlichen Gemeinschaften, meint Professor Ebertz:

16. O TON: Michael Ebertz, 0 46“.
Wenn wir auf dieses Rechts – oder auch fundamentalistische Spektrum auch dieser Gemeinschaften schauen, dann ist es natürlich auch hier die Idee einer Religion totale. Also eines christlichen Staates, eines christlichen Gottesstaates. Die Idee einer Verchristlichung der Gesellschaft mit der Grundidee, dass für jeden Daseinsbereich, ob das nun die Familie ist, die Schule, die Wirtschaft ist, der Staat ist, dass christlich – katholische Vorzeichen entstehen. Das ist schon Stoßrichtung. Einige dieser fundamentalistischen Kreise der geistlichen Gemeinschaften, die sitzen z.T. auch an wichtigen Stellen in Kirche und Gesellschaft, die sind z.B. Massenmedien, die sind da präsent, und machen ihr Ding. Und die sitzen natürlich auch in Schaltstellen der Hierarchie unter Bischöfen oder sie sind in Rom, in der Kurie.

1. SPR.:
Die neuen geistlichen Gemeinschaften werden nicht zu unrecht die immer einsatzbereiten „Stoßtrupps“ des Papstes genannt; sie sind personell und finanziell in der Lage, Priesterseminare zu bauen oder kirchliche Fernsehsender zu bezahlen. Sie organisieren zusammen mit konservativen Parteien Massenveranstaltungen, etwa in Madrid die Proteste gegen die „staatliche Liberalisierung der Sexualmoral“. Sie sind auch in Scharen dabei, wenn der Papst zu katholischen Weltjugendtagen einlädt. Professor Ebertz:

21. O TON, Michael Ebertz. 0 43“.
Je stärker sich das Top – Management der katholischen Kirche mit diesen fundamentalistischen Gemeinschaften sich verbündet, um so stärker tendiert letztlich das Ergebnis eines solchen Managements in die Mitte und der reformorientierte Katholizismus hat das Nachsehen. Das ist eine Strategie, glaube ich, die langfristig dahinter steht. Von daher muss mal also überhaupt sagen, dass die römisch – katholische Kirche im Feld des Religiösen übrigens weltweit eher versucht, das Konservative Spektrum zu besetzen und sich gar nicht auf eine Konkurrenz mit dem linken oder liberalen religiösen Spektrum einlässt.

Copyright: Christian Modehn

………………………….

2.
Eine Gruppe mit Sonderstatus, PUBLIK FORUM
Die Neokatechumenalen
Von Christian Modehn

Seit fast 5 Jahren ist der “Neokatechumenale Weg”, eine äußerst umstrittene “geistliche Gemeinschaft”, offiziell päpstlich anerkannt: Nach zuverlässigen Schätzungen sind heute mehr als eine Million Katholiken mit dieser Gruppierung verbunden, vor allem Laien, die als Missionare von Tür zu Tür gehen und für ihre Glaubensunterweisungen werben. Sie unterstellen, die getauften Katholiken seien noch gar nicht richtig katholisch und auf neuen Katechismus Unterricht angewiesen, darum “das Neo” in ihrem Titel. Immer wenn es päpstliche Massenkundgebungen gibt, sind diese Kreise dabei, mit ihren Fähnchen jubelnd und winkend, vor allem aber organisatorisch im Hintergrund. Sie kennen keine Mühe und haben genug Geld, 100.000 Getreue und mehr aus aller Welt z.B. nach Köln (zum Weltjugendtag) oder Rom (zu diversen Heiligsprechungen) oder Valencia (zum Welt – Familienkongress) zu transportieren. Am 29. Juni 2002 wurde der Eifer für die Kirche honoriert: Diese weltweit missionierende Gemeinschaft wurde offiziell approbiert, fand das Wohlgefallen durch den Päpstlichen Rat für die Laien . Die “Neos”, wie sie mit kritischem Unterton weltweit genannt werden, haben ihr Ziel erreicht: Sie gelten von nun an als authentisch römisch – katholisch. Damit ging der “inbrünstige Wunsch des Heiligen Vaters”, Johannes Paul II., in Erfüllung. Er liebte diese offensiv für den römischen Katechismus werbenden Katholiken “ganz inniglich”, wie es viele seiner Aussagen belegen.
Diese und viele weitere Informationen zum “Neokatechumenalen Weg”, so der offizielle Titel, sind dem Theologen Bernhard Sven Anuth zu verdanken: Er hat in einer umfangreichen Studie auch den neuen Rechtscharakter dieser Gruppierung untersucht und dabei festgestellt: Für die offizielle päpstliche Anerkennung wurde eine neue, eine eigene kirchliche Rechtsform geschaffen, die sich umständlich “Itinerarium katholischer Ausbildung” nennt. Unter diesem Titel ist die neokatechumenale Gruppierung keiner bestehenden katholischen Gemeinschafts – und Rechtsform zugeordnet. Sie ist ein “Novum”. Und genau das wollten die Leiter, die sich in schlicht “Initiatoren” nennen, also der Maler Francisco “Kiko” Argüello und die Theologin Carmen Hernandez. Sie regieren seit der Gründung diese Gruppierung im Jahre 1962 unumschränkt. In dem neuen päpstlichen Statut gibt es für römische Verhältnisse ungewöhnliche Bestimmungen. Z.B.: “Eine Absetzung des Internationalen Teams des Neokatechumenalen Weges oder eines seiner Mitglieder durch den Päpstlichen Rat für die Laien ist im neuen päpstlichen Statut nicht vorgesehen” (B.S. Anuth). Das heißt: Die Leitung der eine Million umfassenden Bewegung kann unkontrolliert agieren. Papst Benedikt XVI. hat vor einem Jahr verfügt, dass diese Kreise auf ihre eigenen stundenlangen Messfeiern als Konkurrenz zu den Pfarrgemeinden verzichten sollen, dass sie sich überhaupt stärker in die Gemeinden einfügen: Prompt betonte der Verantwortliche der “Neos” in den USA das Gegenteil: “Der Brief akzeptiert das Prinzip, dass wir besondere Feiern am Samstagabend abhalten”, so Giuseppe Gennarini. Dabei werden diese Kreise nicht müde zu betonen, Benedikt XVI. sei ein sehr guter Freund: Tatsächlich hatte er schon als Erzbischof von München die “Neos” zugelassen. Und bei einem großen Treffen der neuen geistlichen Bewegungen zu Pfingsten 2006 waren diese Gruppen ausdrücklich beteiligt. So könnte man meinen, die sanfte Kritik Benedikt XVI. an allzu eigenmächtigem Verhalten der Neos diene vor allem der Beruhigung der weiten Kreise der Kritiker.
In zahllosen Dokumenten, Publikationen und persönlichen Zeugnissen werden die Neos nicht nur kritisiert, sondern als Irrweg beschrieben: Von einer “Parallelkirche” sprechen die Kritiker und ehemaligen Mitglieder, weil die Neokatechumenalen die eigene Gruppe über alles stellen. Von sozialer Abstinenz ist die Rede, weil sich alles um die Lehren des römischen Katechismus, nicht aber auch um sozial-politisch wirksame Projekte dreht. Von Spaltung der Gemeinden wird berichtet, weil sich die neokatechumenalen Missionare gern als besserwisserische Elite aufführen. Sie wollen den getauften Katholiken einreden, sie würden nur über den tatsächlich 12 bis 15 Jahre dauernden Katechismus Kurs ihr Heil erlangen. Etliche Mitglieder, meist Ehepaare, werden bewusst unvorbetreitet und “arm” in völlig entlegene Regionen der Welt als Missionare entsandt: Italiener nach Kasachtan, Spanier nach Finnland usw. Seminaristen aus diesen Kreisen werden über die 60 eigenen Priesterseminare weltweit willkürlich verteilt, bei dieser “Auswahl” gehe es zu, “wie auf dem Viehmarkt”, berichtet einer der es wissen muss, der Kölner Neo-Priester Ansgar Puff. ( Anuth, S. 195, Fußnote 799).
Finanzielle Interessen der Leitungsebenen können selbst für einen seriösen Forscher nur erahnt werden, bei dem Thema werden keinerlei Auskünfte erteilt. Nur vereinzelt berichten Ehemalige: “Die meisten Mitglieder geben das Geld ihrer Gruppe gern und merken gar nicht, dass zum Bespiel der Gründer Kiko immer mit einem riesengroßen BMW durch die Gegend fährt”. Fraglos ist, dass z.B. nach der finanziellen Pleite des Erzbistums Berlin das Priesterseminar der Neokatechumenalen in der Hauptstadt von Spenden der Anhänger finanziert wird. Da muss ganz ordentlich “geopfert” werden…Zahlreiche Stiftungen finanzieren das Werk, genaue Informationen wurden B.S. Anuth verweigert, wie er mehrfach betont. Die Stiftungen gelten in Deutschland als gemeinnützig. So können Spender Steuer sparen und der Staat meint, die Neos seien nützlich für die Allgemeinheit der Gesellschaft und des Staates.
Auch die kostspieligen Treffen mit Bischöfen aus Europa im Wiener Hotel Interconti (1993) oder aus Amerika im New Yorker Sheraton (1997) wurden von Mitgliedern bezahlt, und sicher auch das äußerst aufwendig gestaltete neue Zentrum am See Genetareth. Ein pompöses Bauwerk, das u.a. auch dem Dialog mit den Juden dienen soll: Wobei die Neokatechumenalen ausdrücklich die ultra-orthodoxe Lubawitsch-Bewegung als Gesprächspartner rühmen, weil “sie messianische Juden sind”.
Wird das Neokatechumenat kritisiert, werden die Überbringer der Botschaft normalerweise diffamiert. Eine Auseinandersetzung über die Neos findet in kirchlichen Kreisen, etwa in Katholischen Akademien, nicht statt. Weil diese Kreise viele junge Priester “liefern”, wird über alles “Neokatechumenale” offiziell geschwiegen. Selbst Gemeindemitglieder aus Pfarreien mit noekatechumenalen Priestern wagen nur anonym Auskunft zu erteilen. Die Neos verbreiten Angst.
Sie haben gewagte Ansprüche, wollen etwa das säkulare Europa bekehren. In den Texten der Führer dieser Gruppierung wird die moderne Gesellschaft aber abgelehnt , wenn nicht verteufelt. Keine gute Ausgangsbasis für einen Dialog. In der weiten Ökumene haben bisher sehr wenige begriffen, wie die Gruppen der Neos das Angesicht der Katholischen Kirche insgesamt bereits verändert haben.

. . . . . . . . . . . . . .
3.
Deutschlandfunk 2001
Studiozeit, Red. Hartmut Kriege
— Ein Manuskr. für eine Ra­dio­sen­dung, unkorrigiert–
“Das Sanierungsprogramm Gottes”
Die Neokatechumenalen
Eine Sendung von Christian Modehn

29 O TÖNE, incl. von 2 musikal. Zuspielungen.

1. O TON Zusp,. Pfarrer Ansgar Puff, 0 41″
“Ich bin Pastor in 3 Pfarrgemeinden am Rand der Innenstadt von Düsseldorf. Und bei uns gibt es kein Missionsgebiet, jeder von uns hier hat mal was von Christus gehört. Aber unsere Gemeinden strahlen auch nicht das Evangelium aus. In einer solchen Situation ist es wichtig, neu zu evangelisieren. Das bedeutet erstens einen Schwerpunkt auf die Erwachsenenkatechese zu legen, zweitens kleine kirchliche Gemeinschaften zu bilden. Und drittens systematisch die Fernstehenden anzusprechen. Und um diese drei Ziele zu erreichen, gibt es ein sehr gutes Instrument, ein katechetisches Instrument, in der Hand der Gemeinde und des Pfarrers, und das ist der neokatechumenaler Weg”.

Pfarrer Ansgar Puff gehört seit etlichen Jahren zur Gemeinschaft des Neokatechumenats. Der Name aus dem Griechischen ist Programm: Die Mitglieder dieser neuen geistlichen Bewegung halten “Katechesen”, also Glaubensunterweisungen. Sie wenden sich überwiegend an getaufte Christen. “Neu” ist vor allem die lange Dauer der Schulungen: Nach geltendem Kirchenrecht wird ein Ungetaufter höchstens zwei Jahre lang im katholischen Glauben unterwiesen. Bei den Neokatechumenalen vergehen viele Jahre, ehe man als ein “richtiger Katholik” gelten kann: Das unterstützt Paul Josef Cordes; er ist Kurienbischof in Rom und ein enger Förderer des Neokatechumenats:

2. O TON, 0 21″ Bischof Cordes.
“Als ich zum ersten Mal gehört habe, daß das über zehn Jahre dauert: da habe ich gedacht, das kann doch nicht wahr sein, das kann man doch heute keinem Menschen mehr zumuten, 10 Jahre irgendetwas mit Regelmässigkeit zu tun. Das ist gegen alle Gesetze der Erwachsenenbildung”. —-APPLAUS bleibt!

Diesem neokatechumenalen Weg zum Glauben folgen Katholiken in 105 Staaten, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden, mindestens 200.000 Gläubige werden auf diese Weise erreicht. Überall wollen sie innerhalb der Pfarrgemeinden ihre eigenen Gruppen aufbauen. So manch ein Geistlicher ist zunächst einmal froh, wenn sich ehrenamtliche Mitarbeiter anbieten: Auch bei Pfarrer Klaus Spors in Berlin-Hellersdorf hatten sich die Neokatechumenalen gemeldet, als ein Kaplan aus dieser Gemeinschaft seinen Dienst antreten wollte:

3. O TON, 0 24″ Spors.
“Dann hab ich auch mal gefragt, gerade auch als der Kaplan da war: ich möchte doch mal irgendein Schriftstück oder irgendeine Ordnung dieses Vereins haben, oder so. Das gäbe es nicht, und die Satzungen seien noch nicht fertig und die seien in Rom in Arbeit. Dieses ganze Gelaber, wenn einer irgendwas nicht sagen will und wenn man vor allem Dinge sich nicht festlegen will”.

Von Rom aus steuert Kiko Arguello diese internationale Gemeinschaft: Der Künstler aus Spanien gründete 1964 in Madrid das Neukatechumenat. Mit dessen bislang geheimen Strukturen hat sich Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover intensiv befaßt:

4. Zusp., 0 43″
“Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Das ist innerhalb der Kirche noch mal eine sehr zentral gesteuerte geistliche Bewegung, die sehr eng ist, die sehr gut durchstrukturiert ist. Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, auch seine Schriften, seine Bilder oder so. Die wie heilige Ikonen behandelt werden, so daß man sagt: nur diese Bilder sind eigentlich die richtigen, nur diese Bilder gelten was. die uns begleiten auf unserem Weg, das halte ich dann auch für eine Engführung”.

Mit dem Papst stehen Kiko und seine Leute in bestem Einvernehmen; Johannes Paul der Zweite entsendet selbst Laienmissionare aus dieser Gemeinschaft in alle Welt. In Deutschland wollen die Neokatechumenalen auch mit ihren Liedern die Menschen zum Glauben bewegen:

5. O TON, Lied insgesamt: 0 45″. bleibt ca. 010″ freistehen, dann wegziehen.

Rita ist eine von vielen neokatechumenalen Missionare: Sie stammt aus Italien und wurde zusammen mit ihrem Mann nach Hannover entsandt; dort bietet sie ihre sogenannten Glaubens-Kurse an:

6. O TON, Rita 0 19″
“Europa neu evangelisieren, das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagt, daß wir gegen das Böse in die Welt kämpfen, nicht gegen kleine Sachen, die uns stören. Das heißt, das ist ein grosse Kampf”.

Die neokatechumenale Missionarin Bruna setzt andere Akzente in ihren Vorträgen:

7. O TON, Bruna 0 35″
“Es gibt eine Bombe, die viel grösser ist als die Atombombe, und diese Bombe ist die Abtreibung. Ich weiß nicht, ob sie gelesen haben: Ind er Welt passieren jedes Jahr 40 Millionen Abtreibungen. Viele sagen, daß diese Abtreibungen wird der Grund sein für 3. Weltkrieg. Man meint vielleicht als Strafe, die Menschheit wird bestraft. Aber deswegen!

Auch Toni ist neokatechumenaler Missionar; er will in seinen Vorträgen die traditionelle Lehre vom Priestertum verbreiten:

8. O TON, Toni, 0 40”.
“Warum eine Frau nicht Priester sein kann? Sie kann eine Prophetin sein, wunderbar, sie kann verkündigen, wunderbar! Kann vermitteln. Aber nicht Vorsitzende. Es tut mir leid, daß Jesus ein Mann war. Es tut mir leid, daß Jesus ein Jude war. Vielleicht wolltest du, daß Jesus aus Oberammergau kommt. Aber er kommt nicht aus Oberammergau. er kommt von einem kleinen Dorf in der Wüste. Es tut mir leid, die Kirche benützt den Wein und nicht das Tee oder Bier. Jesus ist ein Mann.

Diese Beiträge der Katechisten kann Pfarrer Ansgar Puff aus Düsseldorf nicht hoch genug einschätzen: Die Missionare würden so heilsam auf die Menschen wirken, meint er:

9. O TON, Puff. 0 29”.
“Es geht nicht darum, daß die Katechisten die besseren Psychologen wären. Aber es geht darum, daß wenn Jesus und die Botschaft seiner Auferstehung die Menschen wirklich erreicht, daß dann ein Prozeß der Heilung beginnt in den Menschen. Das Erstaunliche an dem neokatechumenalen Weg ist, daß es, ich sage es einmal salopp, eine Art Sanierungsprogramm Gottes ist, das ist keine Sache der Psychologie, das ist eine Auswirkung der Gnade, wenn sie so wollen, die Gott einem einem schenkt.

Das Neokatechument ein “Sanierungsprogrmm Gottes” für die heutige Welt? Ursula Wenzel aus Berlin sieht das anders; sie war Mitglied im Pastoralrat des Erzbistums Berlin; sie hat sich einmal auf diese neokatechumenalen Schulungen eingelassen:

10: O TON, Wenzel. 0 20″
“Man sieht den Menschen nur als grossen Sünder.Vielleicht ist das auch ein den Menschen in eine bestimmte Situation und in eine bestimmte Abhängigkeit bringen. Indem ich ihm sage, wie groß seine Sünde ist, desto besser kann ich in den Weg einbeziehen, und desto gefügsamer ist er dann auch”.

Beobachtungen, die Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover aus eigenem Erleben nur bestätigen kann:

11. O TON Osseforth 0 12″
“Man muß dann einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden. Man wird fast gezwungen zu beichten. Es floß dann also mit ein, daß Gott weithin nur auf dem Wege des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt.

Auch Pfarrer Albrecht Przyrembelaus Hannover hat sich auf die Neokatechumenalen Katechesen eingelassen; er hielt einige Wochen durch, bis es ihm zu schlicht und simpel wurde:

12. O TON: Przyrembel. 0 27”
“Da waren denn Tafelbilder, wie ich sie in der Grundschule gebrauche, aber eben mit erwachsenen Menschen nicht. Das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten, wie der Katechismus früher fragt: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um dann auch in den Himmel. Was für manche Menschen auch heute noch ne Hilfe ist, es gibt ja ne Neuauflage der alten Katechismen.

Kurien-Bischof Paul Josef verteidigt hingegen diese Art der Glaubensunterweisungen. Ihn stört es ganz und gar nicht, daß die neokatechumenalen Missionare kein Theologiestudium absolviert haben. Er findet es sogar gut, wenn sie fern von der akademischen Welt und ihren Privilegien leben. Überhaupt hat der Bischof Cordes, enger Freund der Neokatechumenalen, etwas gegen kritische Akademiearbeit der Kirchen:

13. O TON, Cordes. 0 31” endet mit Beifall
“Ich habe also nichts dagegen, daß man staatliche Hilfen in Anspruch nimmt. Aber manchmal habe ich die Sorge, daß wir aufgrund der staatlichen Hilfe anfangen, Bildungspläne zu machen, die mit Glaubensverkündigung auch nicht mehr indirekt etwas zu tun haben.

Nicht kritische Nachdenklichkeit, allein Frömmigkeit zählt bei den Neokatechumenalen: Kurienbischof Cordes:

14. O TON Cordes, 0 18”
“Ich halte es für besser, eine Fastenpredigt zu halten mit Gebet und Aussetzung des Allerheiligsten als sich in einen Konferenzsaal zu setzen und nachzudenken über die Fastenzeit und eine Bildungsveranstaltung zu machen.

Und immer wieder werden die Glaubensunterweisungen für “moderne Heiden” von “hauseigenen” Chansons begleitet:

15. O TON, Maria, Tochter deines Sohnes. ca. 0 17″ bis “Tochter deines Sohnes” zu hören war!!
INSGESAMT: 1 20″

Man stolpert schon über den ersten Vers: “Maria, Tochter deines Sohnes”. Wie geht das? Die Neokatechumenalen antworten: Maria sei die Tochter des ewigen göttlichen Logos im Himmel; sie sei sozusagen die menschliche Tochter des Himmlischen Gottes. Solche Texte werden mit Inbrunst gesungen:

15. O TON, Lied, bei 0 53″: noch einmal hochziehen,

Mit diesen Liedern ziehen die Neokatechumenalen in die Gemeinden Deutschlands… Pfarrer Klaus Spors aus Berlin-Hellersdorf kennt diese Songs; ihm wurde vor 7 Jahren ein Kaplan zugewiesen, der Mitglied des neokatechumenalen Weges war. Pfarrer Spors erinnert sich:

16. O TON, Spors, 0 33″.
“Sie haben die wahre Religion und auch den wahren Katholizismus. Das kling so immer durch. Am eklatantesten war das Ostern 97, mit Ach und Krach habe ich den Kaplan dazu bekommen, in der Pfarrei zu sein und als das fertig war. Dann danach war immer Ostertreffen der Jugend angesagt. Dann hat er das auch gemacht. Dann um halb zwei nachts, haben mir die Jugendlichen gesagt: Er hat gesagt, jetzt kann ich endlich dahin gehen, wo wahres Ostern ist, und dann hat er sich ins Auto gesetzt und ist zu seinem Neokatechumenat gefahren.

Ein Mitglied einer anderen Berliner Gemeinde will aus Angst vor Repressalien lieber anonym bleiben; diese Frau hat neokatechumenale Kapläne aus nächster Nähe erleben können:

17. O TON, Thekla, 0 27”
“Die andere Seite war ein relatives Engagement in der Gemeinde. Begrenzt auf das Notwendige; da wurden Absprachen nicht eingehalteb.Der eine Kaplan kam ständig zu spät zum Religionsunterricht, es gab Ostersonntag keine Predigt, weil er in der Nacht beim Neokatechumenat war. Das Engagement war bei sehr niedrigem Niveau, was die Gemeinde betraf!

Der viel zitierte “Dienst des Priesters” war nicht mehr als ein schönes Wort: .

18. O TON, Thekla;
0 28″
“Normalerweise sollte es so sein, muß es so sein, daß wenn jemand Priester wird, Gott dient, aber auch dem Nächsten dient, der Gemeinde dient. Und diese Kapläne mit neokatechumenaler Ausbildung haben anderes Selbstbewußtsein. Wenn ich es einmal etwa salopp ausdrücken darf: Freut euch, daß ich Priester geworden bin und erweist mir dabei die gebotene Ehre und Dankbarkeit”.

Von Aufbau der Gemeinde hielt der neokatechumenale Kaplan nicht viel:

19.OTON 0 26″.
“Ich denke, was am schmerzlichsten war, das äusserte sich im stillen Auszug. ein Beispiel ist nur: es gab etwa 20 Jugendliche einer 9. Klasse, die regelmässig zum Religionsunterricht kamen. Nach Ende des Schuljahres mit dem Kaplan kamen noch zwischen 1 und 10. das ist eigentlich das gefährlichste, dieser stille Auszug, wo man sich nicht auflehnt und sagt: Ja ich gehe einfach weiter.

Auch Pfarrer Spors aus der Sankt Martins Gemeinde in Berlin hat die Anwesenheit eines neokatechumenalen Kaplans als Belastung erlebt:

20. O TON. Spors. 0 53″
Dann ging es immer um seinen freien Tag, den er also im Neokatechumenat verbringen wollte, verbringen mußte, ich weiß es nicht. Ich hab gesagt, der freie Tag richtet sich nach der Pfarrei und nicht nach seinen Verpflichtungen. Darauf sagte, er nein, den freien Tag muß er haben. Dann er also immer nicht da war, nicht erreichbar war. Und dann kam plötzlich eine situation, in der er mir sagte, er müßte da alles ganz anders machen und sein Hauptaugenmerk jetzt auf das Neokatechumenat richten. Und darauf sagte ich: nein, das sehe ich nicht ein. Er ist als Kaplan in der Pfarrei und die Pfarrei geht vor. Da müßte er sich nach richten. Dann gab es kleine Auseinandersetzung, daraufhin habe ich den Weihbischof angerufen und gesagt: ich bitte um die Versetzung des Kaplans, das hat keinen Sinn”:

Ursula Wenzel weiß von ihrer Tätigkeit im Berliner Pastoralrat, welche Auswirkungen die Anwesenheit neokatechumenaler Missionare in zahlreichen Gemeinden hat:

21. O TON, Wenzel. 0 18″
“Die Vertreter des neokatechumalen Weges verfolgen ein Ziel. Und das ist nicht unbedingt die Gesamtheit der Gemeinde, sondern nur ihre Mitglieder.Und da muß es zu unterschiedlichen Meinungen kommen, und da muß es auch zu unterschiedlichen Wegen dann führen. Und da ist eigentlich eine Spaltung in der Gemeinde vorhanden”(Stimme oben)

Erfahrungen, die auch anderswo in Deutschland gelten, etwa in Hannover. Dort arbeitet Pfarrer Hans Joachim Osseforth:

22. O TON, Osseforth, 0 36”
“Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Und immer davon sprachen, daß die Gemeinde wie ich mich wandeln muß. daß ich mich zunächst bekehren muß. Also ich wurde als ein Unbekehrter, nicht richtig Gläubiger angesprochen. Ich habe sie dann gefragt, ob sie das dsikriminierend meinten, das haben sie immer verneint, aber es kommt diskriminierend immer rüber”.

Die neokatechumenale Bewegung hat sich absolut dem Wort der Verkündigung und ausschließlich der Belehrung verschrieben. Der caritative Aspekt, der Einsatz für materiell Notleidende, fehlt völlig. Es ist kein einziges neokatechumenales Projekt für Obdachlose oder Ausländer in Deutschland bekannt! Ursula Wenzel:

23. O TON, Wenzel, 0 18″
Sie sagen, es ist nicht unsere Sache, Dinge zu ändern. Sondern wir müssen uns auf Gott berufen. Und Gott wirds richten. Also dieses Zurückgehen auf Gott, der alles tut. Das ist für mich ne Engführung des Glaubens. Und diakonische Aktivitäten habe ich also noch nicht gesehen”.

Nun werden bald auch die Katholiken im Erzbistum Köln von neokatechumenalen Priestern missioniert werden: Die Konzeption des neue Priesterseminars in Bonn erläutert Pfarrer Ansgar Puff:

24. O TON, PUFF 0 21″
“Es ist ein Diözesanseminar, das bedeutet: es ist nicht ein Seminar des Neokatechumenats, es ist nicht so wie bei Orden, daß das Neokatechumenat ein eigenes Seminar hätte, sondern es ist ein Diözesanseminar, das dem Bischof untersteht und alle, die dort ausgebildet werden, werden inkardiniert in das Erzbistum Köln.

Eine diplomatische Nuance: Neokatechumenale Priester, die nicht in einem neokatechumenalen Seminar ausgebildet werden…Aber diese jungen Pastoren werden dann doch nicht nur im Erzbistum Köln eingesetzt werden:

25. O TON, Puff, 0 17”.
“Dieses Seminar ist missionarisch ausgerichtet und hat da Ziel, neu zu evanglisieren. Und die Mitglieder dieses Seminars werden so ausgebildet, daß sie nicht nur im Erzbistum Köln ihren Dienst tun können, sondern auf Anfrage beispielsweise eines Bischofs aus Lettland, auch in Lettland”.

Die Kostenfrage für Bau und Unterhalt des Seminars ist längst entschieden:

26. O TON, PUFF, 0 26″
“Es wird wahrscheinlich einen kleinen Zuschuß der Diözese geben. Die Verantwortlichen des Seminars, also der Regens und der Spiritual sind angestellt vom Bistum Köln und bekommen natürlich auch ein ganz normales Gehalt wie jeder Priester im Bistum Köln. Ansonsten werden die Studiengebühren und der Lebensunterhalt, und alles, was da notwendig ist, von en Laien des Neokatechumenats aus dem Erzbistum Köln und aus Spenden gedeckt”.

Die Mitglieder der neokatechumenalen Gemeinschaften werden immer wieder zu großzügigen Gaben für die eigene Bewegung gedrängt. Mindestens 10 Prozent des Monatslohns gehen in die Kasse der Bewegung. Bei vielen tausend Mitgliedern weltweit hat man genug Geld: Beobachtungen, die auch Pfarrer Spors aus Berlin anläßlich der Errichtung eines neokatechumenalen Priesterseminars in Berlin-Biesdorf machen konnte:

27. OTON 0 23″
“Es ist in der Kirche so, wo das Geld ist, ist eben auch die Macht. Leider. Geld scheint keine Rolle zu spielen. zum Beispiel ist eindeutig: Die haben das gekauft und total renoviertel, dieses Biesdorfer Ding, und angeblich hat das Bistum nicht einen Pfennig dazugegeben. Und 10 Millionen sind kein Pappenstiel”.

Die Diskussion über das Neokatechumenat wird in Deutschland eher zunehmen. Kiko Arguello und seine Getreuen polarisieren; sie teilen die Kirche in Gute und weniger Gute ein. Beobachtungen von Pfarrer Hans Joachim Osseforth:

28. O TON 0 31″
“Die sondieren auch ganz klar, und die sagen sofort: Aha, der Bischof, der uns nicht so liebt und leidet, wie wir das wollen, der ist nicht mehr so ganz katholisch. Also es wird ganz schön diskriminiert, bei Priestern, bei Bischöfen. Immer mit dem Hinweis: Der Papst unterstützt uns, der Papst hält unsere Bewegung für gut. Und viele Bischöfe tun das auch, das sind dann die lieben Bischöfe, und die Priester und Bischöfe, die etwas kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten”.

Für Pfarrer Klaus Spors ist nach seinen Erfahrungen klar:

29. O TON. 0 34″
“Also das Neokatechument ist meiner Meinung der Versuch einer geistlichen Richtung in der Kirche, die konservativ geprägt wird, mit einem Alleinvertretungsanspruch auftritt. Und vor allem über die Rekrutierung eines sektenähnlichen Klüngels in der Kirche eine Erneuerung hervorrufen will. Aber alle diese Dinge funktionieren innerhalb einer regulären Seelsorge meiner Meinung nach nicht”.

Copyright: Christian Modehn

In der Nacht sehen wir mehr: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken: 3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin.

„In der Nacht sehen wir mehr“

Mehr als eine Mode: Die langen Nächte der Kultur und Kirchen im Sommer

Die Fragen stellte Christian Modehn

In ganz Europa finden in den Sommermonaten zahlreiche besondere Kulturveranstaltungen statt. Die große Beliebtheit erlaubt sicher nicht das Urteil, dies sei bloß eine Modeerscheinung. Es handelt sich um die „langen Nächte…“ der Museen, der Poesie, der offenen Kirchen usw. Wenn wir uns auf den Zusammenhang von Nacht und Spiritualität bzw. Kirche konzentrieren: Hat denn die Stimmung der Nacht, der (relativen) Dunkelheit, eine besondere theologische Qualität? Werden denn sogar Transzendenz und Gott eher im Dunkel erfahrbar, wie die Mystiker behaupten?

Die Nacht hat eine spirituelle Qualität. Dem folgen die Kirchen seit jeher und das mit großem Erfolg. In besonderen Nächten, in der „Heiligen Nacht“, in der „Osternacht“, sind die Gottesdienste besonders gut besucht. Die Langen Nächte der Wissenschaft und der Museen, zu denen in Berlin und anderen großen Städten jetzt wieder eingeladen wird, folgen den religiösen Inszenierungen der Nacht lediglich nach. Dass die Kirchen an Pfingsten zur „Langen Nacht der Kirchen“ einladen – freilich ohne große Resonanz – zeigt, dass sie ihre eigene Erfindung vergessen haben und nun, wie so oft, lediglich einem kulturellen Trend hinterher laufen – ohne ihre spirituelle Kraft zur rituellen Gestaltung der Nacht auszuspielen.

Keine Nacht ist ohne den Tag, kein Dunkel ohne das Licht. Es sind dieser Kontrast, die Dramatik des Gegensatzes, die dialektische Beziehung zwischen Nacht und Tag, zwischen der Dunkelheit und dem Licht, wodurch spirituelle Qualitäten freigesetzt werden. Wir sind keine Nachtgestalten. Wir wollen nicht im Dunkeln bleiben. Wir sehnen uns nach dem Licht und je länger die Nacht dauert, desto mehr erwarten wir den anbrechenden Tag.

Insofern steigert die Nacht unsere Sehnsucht und unsere Erwartung. Sie lässt uns tiefer empfinden, was fehlt, klarer sehen, was nicht in Ordnung ist, intensiver den Schmerz über das Versäumte spüren. In der Dunkelheit, die sich um uns breitet, erliegen wir nicht mehr so leicht dem schönen Schein, verleugnen wir nicht mehr so schnell, was uns bedrückt und belastet. Deshalb steigert die Nacht die Erwartung nach dem Aufgang des Lichts. Deshalb empfinden wir in der Bedrängnis der Nacht umso tiefer unsere Sehnsucht nach Erlösung.

Die Widerspannung, die Gegenläufigkeit, die die Nacht in unser Zeiterleben einfügt, hat die Mystiker seit jeher fasziniert. Denn auf der einen Seite schafft die Nacht eine Zeit des Übergangs. Aus dem Dunkel führt sie hinüber ins Licht. Auf der anderen Seite lässt sie uns auch zur Ruhe kommen. Zur Nacht gehört der Schlaf, „schlafen geht die Welt“. Indem die Geschäfte des Tages von uns abfallen, wird innere Einkehr möglich. Der Nacht gehören zudem die Träume, in denen unsere abgrundtiefen Ängste, aber auch unsere Glückerwartungen ihre Sprache finden. So kann es gerade im Dunkel der Nacht geschehen, wovon die Mystiker letztlich ausgehen, dass wir Gott finden – auf dem abgründigen Grund der eigenen Seele.

Wer sich spirituell auf die Erfahrung der Nacht, der Dunkelheit und hoffentlich auch des Schweigens in der Dunkelheit einlässt: Welche neuen Einsichten melden sich dann? Vielleicht die Annahme der eigenen wie existentiellen Dunkelheit?

Schon das Johannes-Evangelium berichtet ausdrücklich davon, dass Nikodemus, ein gebildeter Pharisäer und einer der Obersten unter den Juden, „bei der Nacht“ zu Jesus kam. (Joh 3,1 ff.) Er war auf der Suche nach dem Sinn und einer neuen Ausrichtung seines Lebens. Die Nacht war für ihn die richtige Zeit, um das tief gehende Gespräch zu suchen. Er wollte von Jesus wissen, wie ein Mensch, obwohl alt geworden, doch in ein neues Leben finden kann.

Nikodemus fand zu Jesus „bei der Nacht“. Was ihn zu ihm trieb, waren zudem schmerzliche Nachtgedanken. Es war die Dunkelheit, die sich in seinem Inneren ausgebreitet hatte. Er hatte die Freude am Leben verloren. Von Jesus erhoffte er sich neue Ermutigung, einen neuen Anfang gar.

Wir haben alle schon solche Gespräche erlebt, bis tief in die Nacht. Froh, nicht allein zu sein, mit dem, was auf der Seele lastete. Ja, es ist so wichtig, dann jemanden zu haben, der mit aushält in der Dunkelheit, auch – oder vielleicht gerade dann – wenn dies im Schweigen geschieht.

Denn da ist letztlich ein undurchdringliches Dunkel, das unserem Selbstverhältnis innewohnt. Im Schweigen der Nacht erkennen wir oft erst unsere unaufhebbare Bedürftigkeit und Angewiesenheit. Wir werden dessen gewahr, dass wir abhängige, schlechthin abhängige Wesen sind. Doch der Gott der fehlt, ist der, der bei uns ist.

Könnte es sein, dass die bisherige herrschende Theologie zu sehr am strahlenden, man möchte sagen „scharfen“ Licht des Tages orientiert war? Wird deswegen das falsche Verlangen nach dogmatischer Exaktheit, Abweisung von Gefühlen, Trennung von gläubig und ungläubig, verständlich?

Wer die Nachtseiten des Lebens kennt, kann mit einer Theologie, die mit dogmatischen Setzungen arbeitet und biblische oder kirchliche Lehren verbreitet, nichts anfangen. Was wir in den Nächten unseres Lebens brauchen, ist eine Theologie, die die unauflöslichen Ambivalenzen und Widersprüche des Lebens kennt. Ihre Aufgabe sieht diese Theologie darin, unser Leben, das sich in seinem Von-Woher und Woraufhin letztlich selbst verborgen ist, in dieser seiner abgründigen Unbegreiflichkeit zu verstehen. Dazu gehört zunächst und vor allem, das Dunkel auszuhalten, das unserem Selbstverhältnis innewohnt, uns unsere unaufhebbare Angewiesenheit und Bedürftigkeit erkennen zu lassen.

Die Theologie, die uns so ins Dunkel des eigenen Innern führt, hat keine eindeutigen Antworten parat. Sie weiß, dass sie es mit genau denjenigen Fragen unseres menschlichen Daseins zu tun hat, auf die es überhaupt keine Antworten gibt. Dennoch kann sie zu der tröstlichen Einsicht führen, dass da, merkwürdig genug, doch eine Basis ist, von der wir uns getragen fühlen können.

Dieses Gefühl, das der Theologe Friedrich Schleiermacher, das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ genannt hat, führt uns nicht zu einem gegenständlichen Wissen von Gott. Es kann uns aber die Gewissheit geben, dass wir, trotz der dunklen Unbegreiflichkeit unsers merkwürdigen Daseins in dieser Welt, doch nicht im nirgendwo verloren gehen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon.