HAITI – ein vergessenes Land am Rande des Untergangs

Haiti:

Ein Land am Abgrund.    !!! Dieser Beitrag wurde wenige Wochen VOR der Erdbeben Katastrophe verfaßt, bitte lesen Sie auch den neuen Beitrag: Haiti als Katastrophe !!!

EIN MOTTO VORWEG:
In Haiti erzähen sich die Armen, und das sind 95 Prozent der Bevölkerung, ein Sprichwort: ” Wenn Haiti morgen im Meer versänke, wäre es tragisch für uns Haitianer, aber belanglos für die übrige Welt”…

Drei Millionen Touristen aus aller Welt lassen sich pro Jahr in den feinen All Inclusive Hotels in der Dominikanischen Republik verwöhnen.  Nur wenige Besucher ahnen, dass nur zweihundert Kilometer entfernt, gleich hinter der Grenze, eine andere Welt beginnt: In Haiti leben mehr als 8 Millionen Menschen in unvorstellbarem Elend. Zu Haiti gehört der westliche Teil der Karibik Insel Hispaniola, zur  Dominikanischen Republik der östliche Teil. ADVENIAT, das Hilfswerk der katholischen Kirche zugunsten Lateinamerikas, hat eingeladen, einmal genauer auf die Lebensbedingungen der Menschen in Haiti zu achten.

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon verdient Haiti nicht nur aus politischen und kirchlichen Gründen Aufmerksamkeit, Haiti ist auch das Land, in dem der aus Afrika stammende Voudou Kult eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielt. Ob der Voudou Kult dabei eine befreiende oder eine eher „opium – mäßig beruhigende Wirkung ausübt, wird in Haiti selbst diskutiert. Wir werden darauf zurückkommen, Hier ein Text, der auf Ra­dio­sen­dungen Ende Dezember 2009 zurückgeht.

Voudou Musik,

„Dem Gott im höchsten Himmel“ gilt die Verehrung: Haitianer sind zu einer Zeremonie „ihrer“ Religion zusammengekommen, dem Voudou.  Als afrikanische Sklaven im 16. Jahrhundert in die Karibik verschleppt wurden, brachten sie ihre religiöse Musik mit. Fast alle Einwohner Haitis sind Nachkommen afrikanischer Sklaven. Sie haben sich schon im 18. Jahrhundert gegen die Ausbeutung der Kolonialherren gewehrt und 1804 die erste Republik der Schwarzen ausgerufen. Völlig auf sich allein gestellt und ohne Bündnispartner ist Haiti seitdem im Chaos versunken, ein despotischer Herrscher folgte dem anderen.

Voudou wird weiter gepflegt, voller Leidenschaft und mit letzter Energie. Er stiftet eine Verbindung mit den Ahnen im  Jenseits, den einzigen „freundlichen Wesen“ in diesem erbärmlichen Leben.

Voudou Musik

Wer durchs Land reist, sieht fast kein Grün mehr. Fast alle Bäume wurden in Brennholz verwandelt, die ökologische Katastrophe ist längst Alltag. Auf der Suche nach dem letzten Stück Holz ziehen die Menschen in die Berge; genug Zeit haben sie; mindestens 70 Prozent der Haitianer sind arbeitslos.

Arbeiter auf dem Feld, ATMO

Produziert wird in Haiti schon lange nichts mehr; Touristen verirren sich kaum noch ins Land. Die staatliche Infrastruktur ist längst zusammengebrochen. 8.000 so genannte UNO Blauhelme sorgen dafür, dass die Kriminalität nicht völlig unüberschaubar wird. Pater Gerd Euteneuer aus Wolfsburg besucht jedes Jahr das Land, um dann in Europa aktuell über die Zustände dort zu berichten:

” Ich denke, dass in Haiti ganz viele Menschen jeden Tag ums Überleben kämpfen, allein schon, wenn Sie daran denken, dass Menschen in Slums in Port – au – Prince Lehmkuchen gebacken haben, den sie gegessen haben, dann sehen wie arm das ist und wie brutal das ist”.

Abends beim Kerzenlicht erklingen die Voudou Trommeln; in ihrer Monotonie betäuben sie die Sinne … und vertreiben vielleicht den Hunger.

Haitian. Trance Trommeln

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 57 Jahren. Kriminelle „Heiler“ gibt es an jeder Ecke: Pater Euteneuer:

” Auf der Straße können Sie Medizin kaufen, ohne zu wissen, was es ist;  da sind Straßenhändler, die rote und gelbe und grüne Pillen haben, aber wofür und wogegen, das sagt man  nicht. Wenn zum Beispiel Lehrer in der Grundschule ein Monatsgehalt von 200 haitianischen Dollars haben, dann sind das 40 Euro, etwas mehr als ein Euro pro Tag für eine Familie”.

Gesang in haitian. kath. Kirche

Nach einer offiziellen Schätzung sollen 60 Prozent der Haitianer mit der katholischen Kirche verbunden sein. Die Messen werden auf Kreolisch, der Landessprache, gefeiert.

Weil sich die meisten Pfarrer lieber in den Städten aufhalten, versammeln sich die Armen auf dem Land in Basisgemeinden: Pater Euteneuer:

Es gibt Gemeinden, wo kein Priester hinkommt, die für sich versuchen, Kirche zu sein und Kirche zu leben, und zwar  nicht nur in  Gebetsgottesdiensten oder in Bibelarbeit, das tun sie auch, aber auch in ihrem sozialen Engagement.

Pater Gerd Euteneuer ist Mitglied in der Ordensgemeinschaft der Montfortaner. Sie fördern vor allem die Bildung der Landbevölkerung, in Gros Morne haben sie eine Radiostation eingerichtet:

“Da wird übers alltägliche Leben berichtet, da gibt’s Musik, und da gibt es Informationen, was in dieser Gegend los ist. Und genau das ist es, was die Menschen brauchen”.

Die katholische Hierarchie könnte den Aufbau der Demokratie fördern, aber sie hält sich zurück: Pater Euteneuer:

“Ich habe das Gefühl, dass die haitianischen Bischöfe zum Teil sehr romtreu geworden sind. Vom daher weniger prophetisch in ihre Gesellschaft hineinwirken, dass sie zum Aufbruch, nicht zur Aufruhr, aber zum Aufbruch auffordern.

Wir hatten einen Bischof in Port de Paix von unserer Gemeinschaft, der zum Beispiel, wenn er Gemeinden besuchte, grundsätzlich zu Fuß dahin gegangen ist. Um ihnen zu zeigen, ich bin auf dem Weg zu euch. Mein Weg zu euch ist ein Pilgerfahrt. Und deshalb kam der Mann an, er kam im wahrsten Sinne des Wortes „an“.

Von Deutschland aus wird „die Basis“ unterstützt, in diesem Sinne hat Pater Gerd Euteneuer aus Wolfsburg vor 30 Jahren schon ein Hilfswerk ins Leben gerufen:

„Wir schicken etwa im Jahr 60.000 Euro, das ist eine beträchtliche Summe. Das hängt nicht nur mit der Gemeinde zusammen, das hängt auch hier mit der Eichendorff Schule zusammen, die sich sehr stark engagiert. Aber dieses Geld wird gezielt eingesetzt, in 10 Grundschulen, 2 Gymnasien, 3 Krankenstationen und in Wasser- und Wiederaufforstungsprojekte“.

Interessant ist, dass in Haiti die meisten Katholiken sozusagen „bi – konfessionell“ oder „bi – religiös“ gebunden sind, die Bischöfe tolerieren diese Situation. Die neuen evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen higegenn dulden keine „religiöse Doppelmitgliedschaft“. Trotzdem haben sie bereits 30 Prozent der haitianischen Bevölkerung erreicht…

Nach der katholischen Messe ziehen die meisten gleich zu ihren Voudou Tempeln weiter; für den haitianischen Soziologen Laennec Hurbon, Professor in Port au Prince und Paris, ist dies ein typischer Ausdruck für die Religiosität seiner Landsleute:

“Der Voudou hat die Heiligenverehrung der Katholiken übernommen,  Heilige wurden dann verehrungswürdige Gottheiten.

Ein Großteil der Haitianer, die Vaudou praktizieren, nennen sich gleichzeitig auch Katholiken. Das bedeutet: Voudou ist immer noch Ausdruck für die Phantasie und die Mentalität Haitis”.

Materiell überleben können die Haitianer nur durch die regelmäßigen Überweisungen und Geschenke ihrer Landsleute in den USA und Kanada. Pater Augustinus Diekmann konnte sich kürzlich in der Hauptstadt Port au Prince umsehen:

“Es ist praktisch ein Ort des Reyclings für das, was in den USA nicht mehr gebraucht wird. Also praktisch alles second-hand. Das geht von Geräten, Kleidung, Computer. Alles, was man sich vorstellen kann, das wird dann von den Haitianern von Miami dann rübergeflogen nach Haiti”.

Diese massive Unterstützung aus dem Ausland kann keine Lösung auf Dauer sein. Caritative Hilfen können nur kurzfristig Leiden mindern, sie verändern nicht die Strukturen. Mindestens zwei Millionen Haitianer haben ihre Heimat verlassen, etwa  600.000 von ihnen leben im Nachbarland Dominikanische Republik. Dort sind sie als billige Arbeitskräfte auf den Baustellen oder den Zuckerrohr Plantagen willkommen, so lange sie für einen Hungerlohn schuften und nicht gegen die erbärmlichen Unterbringungen rebellieren. Pater Pierre Ruquoy hat die ausgebeuteten Haitianer in der Dominikanischen Republik Jahre lang begleitet: Er musste feststellen: Die Haitianer arbeiten dort auf den Zuckerrohr Plantagen völlig rechtlose wie Sklaven:

„Dieser Menschenhandel zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik existiert schon fast 100 Jahre. Aber leider haben sich bisher Wissenschaftler kaum dafür interessiert. Meine Studie ist insofern auch der Beginn eines Kampfes gegen diese Menschenhändler. Denn es ist wirklich Sklaverei, was da mit den Haitianern gemacht wird“.

Pater Ruquoy hat diese Sklaverei mehrfach in Büchern dokumentiert, seine Erkenntnisse waren so gefährlich für die Dominkanische republik, dass er des Landes verwiesen wurde, die katholische Hierarchie dort hat ihn offenbar gern ziehen lassen….

Es gibt ein politisches Ziel für Haiti: Die Einwohner müssen gebildet werden, dann müssen sie politisch aktiv werden, um die lange Zeit der politischen Wirrnisse endlich zu beenden. Professor Laennec Hurbon ist schon etwas optimistisch:

Es gibt eine Reihe von Vereinen, sie bereiten die Zivilgesellschaft vor. Denn es ist dringend nötig, dass die Haitianer Vereinigungen und Netzwerke gründen, die dem Staat frei gegen überstehen. Inzwischen gibt es 184 solcher Organisationen.Sie reichen von den Arbeitgebern über die Gewerkschaften, die Lehrer und Studenten, bis hin zu den freien Berufen und Bauern sowie die Leute, die in den Elendsvierteln leben.

Die Haitianer haben sich ihr Interesse an Musik und Malerei „trotz allem“ bewahren können. Ihre sogenannte „naive Kunst“  ist inzwischen weltberühmt. Das sind Hoffnungsschimmer! Und auch in der Musikszene finden die neuen Klänge aus Haiti durchaus international Beachtung, etwa die Gruppe „Twoubadou“.

Ausdrücklicherwähnt soll auf eine leider in Europa häufig vergessene (?) oder gern verdrängte Tatsache hingewiesen werden: In Haiti sind etwa 400 Ärzte aus KUBA tätig, ehrenamtlich, sie ersetzen die vielen haitianischen Ärzte, die wegen besserer materieller Lebensbedingungen in Kanada oder Europa ihre Heimat verlassen haben.

Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte

Die Jesusgestalt zwischen Mythos und Historie:

Geboren aus der Jungfrau – oder ein uneheliches Kind?

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon befassen wir uns auch mit den Gründergestalten der Weltreligionen. Über Jesus wird in verschiedenen “Sprachspielen”  und literarischen Formen berichtet. Wir haben einmal gefragt: Welche Perspektiven ergeben sich, wenn man z.B. die Berichte von der Geburt Jesu von Nazarteh mythologisch ernst nimmt? Was aber passiert, wenn man die historische und kritische Forschung ernst nimmt?  Da kommt man zu spannenden Einsichten für weitere Diskussionen, die immer auch zu der Frage führen: Wie stark fördern bestimmte kirchliche Strukturen und Hierarchien ein bestimmtes Jesusbild. Welches Interesse haben die Vertreter der Dogmen,  z.B. einseitig und ausdauernd das Bild eines himmlischen Kindes oder göttlichen Erlösers weiter einseitig zu propagieren?

Besonders zur Weihnachtszeit verehren Christen aller Konfessionen Maria als süße Jungfrau und „reine Magd“. Aber auch während des ganzen Jahres, in jedem Gottesdienst am Sonntag, betonen sie im Glaubensbekenntnis:  Jesus Christus sei „geboren aus der Jungfrau Maria“. In den „Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche“  ist seit alters her von der „unversehrten Jungfrau Maria“ die Rede. Katholiken werden in ihrem offiziellen Glaubensbuch, dem Katechismus aus dem Jahr 1993, belehrt:

„Maria ist auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes Jungfrau geblieben. Ihre jungfräuliche Unversehrtheit wurde durch die Geburt Jesu nicht gemindert“.

Bei der Geburt Jesu Christi sollen also auf unerklärliche Weise biologische Gesetzmäßigkeiten außer acht gelassen worden sein. Seit dem 4. Jahrhundert waren Theologen davon überzeugt. Bis heute wird im Vatikan die Lehre des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin hochgeschätzt, er schreibt:

„Wenn das Wort Gottes Fleisch wird, ist es angemessen, dass der Leib dieses Wortes Gottes, also Christus, aus dem unversehrten Uterus der Jungfrau geboren wird“.

In dieser Sicht hatte Maria auch keine Schmerzen bei der Geburt. Und bei der Empfängnis ihres Sohnes, so glaubte die Tradition, habe sie lediglich die Öffnung eines ihrer Ohren gebraucht. Ein Relief am Nordportal der Würzburger Marienkapelle zeigt dies in aller Deutlichkeit: Dort erreicht ein Schlauch vom himmlisch thronenden Gottvater aus ein Ohr der Jungfrau. Die Gläubigen nennen diese Darstellung „Gottvater mit dem Blasrohr“. Musiker, wie  Marc Antoine Charpentier, haben im 17. Jahrhundert Lieder geschaffen, die ausdrücklich Maria preisen, weil sie „per aurem“, durch das Ohr, ihr Kind empfangen hat:

Das Bild mag ja ganz hübsch sein und einen tieferen Sinn haben, etwa, dass vom gläubigen Hören auf Gott eben eine wunderbare Verbundenheit mit dem heiligen Geist geschieht. Nachdenkliche Christen und kritische Theologen wollen mit dieser befremdlichen Bilderwelt nichts mehr zu tun haben. Der in Basel arbeitende katholische Theologe Xaver Pfister meint:

„Jungfrau gehört nicht zur Glaubensaussage, sondern das ist eine Interpretation, die sich als sehr fragwürdig erweist und damit für uns nicht mehr vollziehbar ist. Es gibt ja Dinge, die man annehmen muss, so unverständlich sie sind,  aber das ist nicht etwas, was in diese Kategorie hineingehört“.

Aber einige Theologen sind überzeugt: Vielleicht lohnt es sich doch, die Bedeutung der biblischen Bilderwelt zu prüfen. In der historisch – kritischen Forschung der vergangenen 200 Jahre haben Bibelwissenschaftler die besondere literarische Gestalt der Weihnachtsbotschaft genau untersucht. Mit der Eigenart dieser Texte beschäftigt sich seit vielen Jahren der evangelische Theologe Pfarrer Michael Göpfert aus München:

„Die Weihnachtsgeschichten sind natürlich keine historischen Berichte im heutigen Sinn. Wir würden heute vielleicht sagen, sie sind religiöse Legenden, Predigten, Legenden auf jeden Fall für den Gemeindegebrauch, für den Glauben, geschrieben. Das ist eine andere literarische Gattung! Und deswegen kann man sie auch nicht behandeln als historische Reportagen. Es ist ja auch keiner dabei gewesen. Aber auch dann, wenn solche Erzählungen Legenden sind, ändert es nichts daran, dass sie einen Wahrheitsgehalt haben“.

Auch für Menschen von heute kann diese an Wundern so reiche Geschichte von der Geburt Jesu wichtige Einsichten mitteilen: Zum Beispiel, dass ein Mensch ganz eng mit Gott verbunden sein kann. Theologen schätzen den Wert dieser „Mythen“:

„Dass ein Mensch wie Maria so in Anspruch genommen ist von dem heiligen Geist, das finde ich so schön, aber das ist Mythologie.

Das ist doch sehr schön mythologische Sprache, dass der Mann ausgeschaltet wird, und dass hier die Frau die Mutter Gottes geworden ist, wie man das in der Tradition gesagt hat. Und dass das ein Bild, ein Mythos, geworden ist für den sehr besonderen Menschen Jesus“, sagt Gijs Dingemans, er war bis zu seiner Emeritierung Professor für protestantische Theologie an der Universität Groningen in den Niederlanden. Kritischer Umgang mit der Bibel ist für ihn selbstverständlich. Dennoch möchte er gerade zu Weihnachten nicht auf die ungewöhnliche Sprache der biblischen Mythen verzichten:

„Ich kann nur über Liebe oder Tod oder Leben mit Mythen, mit mythologischer Sprache, sprechen. Dafür habe ich andere Worte als Naturwissenschaften, da habe ich genaue Begriffe. Aber wenn ich über die letzten Dinge des Lebens rede, dann brauche ich Symbole, Mythen, Poesie, auch Prosa, Mythos ist auch Prosa, das ist Kunstsprache, die wahrscheinlich noch tiefer geht und noch mehr von uns selbst sagt, als die Sprache der Naturwissenschaften“.

Die Verfasser des Neuen Testaments, auch die Autoren des Matthäus – und Lukas – Evangeliums, nahmen am kulturellen Leben ihrer Umgebung teil. Und da waren mythische Erzählungen über die außergewöhnliche Geburt göttlicher Menschen selbstverständlich. Die Göttin Athene beispielsweise wurde aus dem Kopf ihres Vaters Zeus geboren;  im ganzen Mittelmeer Raum gab es ähnliche Berichte. Auch in Ägypten und Persien verkündeten die dortigen Religionen, dass reine Jungfrauen die Götter oder Halbgötter zur Welt brachten. Die Evangelisten bedienten sich der mythischen Erzählungen, um auf diese Weise bei ihren eigenen Lesern das Verständnis für die besondere Gestalt Jesu zu wecken. Daran erinnert der katholische Theologe Josef Imbach aus Basel:

„Da steckt schon Absicht dahinter, Jungfrauengeburt, da wollte man eben die Jungfrau als solche darstellen. Und die theologische Aussage lautet: Indem Gott Jesus seinen Sohn schickt und die Jungfrau ihn zur Welt bringt, macht er einen absoluten Neuanfang“. 

Dieser Mythos vom Zusammenwirken Gottes mit der asexuellen Jungfrau fand in der frühen Kirche eine geradezu enthusiastische Aufnahme. Aus Maria, der schlichten Frau aus Nazareth, wurde die „jungfräuliche Gottesmutter“, weil sie den Gott – Menschen Jesus Christus zur Welt gebracht hatte. So ist Maria mit der göttlichen Wirklichkeit aufs engste verbunden. Schon die ersten Einsiedler und Mönche verehrten die Jungfrau Maria leidenschaftlich. Sie galt ihnen als himmlisches Vorbild, weil auch sie, so glaubte man, die  Sexualität als „schmutzige Befleckung“ verachtete. Der Berliner  Kirchenhistoriker Christoph Marschies schreibt in seinem Buch „Das antike Christentum“:

„Den Unverheirateten empfahl ein Theologe namens Thomas im 3. Jahrhundert, ehelos zu bleiben. Den Verheirateten gab er den Ratschlag, sich dem Ehepartner zu verweigern. Sexuelle Enthaltsamkeit war „besser“.

Auch wenn die Jungfräulichkeit in der katholischen Kirche von heute nicht mehr höher geschätzt wird als die Ehe: Maria wird nach wie vor als die jungfräuliche Gottesmutter am Throne Gottes angerufen, als Hilfe bei Versuchungen aller Art und als Gnadenmittlerin gepriesen.

Die Marienfrömmigkeit hat ihren Ursprung sicher auch in volkstümlichen Weihnachtslegenden. Diese Geschichten wurden immer wieder erzählt, interpretiert ,um Details bereichert….bis die Gottesmutter schließlich zum Mittelpunkt des katholischen Glaubens wurde,  meint der katholische Theologe Josef Imbach :

„Im Christentum hat das eine große Rolle gespielt, weil das Christentum doch eine sehr patriarchalische Religion ist: der strenge Vater, Gott Vater, der straft, der die Vergehen ahndet. Und da flüchtet sich natürlich das Menschenkind vor diesem strengen Vater unter die schützende Schürze der Mutter. Man muss das psychologisch auch sehen“.

Es gibt zweifellos noch immer viele Katholiken, die eine Art innerer Freude oder gar „einen Seelentrost“ erleben, wenn sie zu Weihnachten die Gottesmutter verehren können, die gottnahe Frau, die mit dem Engel sprechen darf. Dieses Bild Marias hat sich in den Jahrhunderten durchgesetzt. Der Mythos vom göttlichen Kind und der wunderbaren Geburt verleiht dem grauen Alltag Glanz und Würde.

ABER: So sehr viele Christen heute die zauberhafte Welt einer Weihnachtsidylle mit Engeln und Schäfchen sowie der knieenden Jungfrau an der Krippe im Stall respektieren: Sie wollen ihr vernünftiges Denken nicht ausschalten, wenn sie Weihnachten feiern. Denn sie wissen, wie sehr das allseits propagierte Bild von der asexuellen Jungfrau und der reinen Gottesmutter missbraucht wurde: Nicht nur die rigide Ablehnung sexueller Lust, vor allem die Abwertung der Frauen im allgemeinen hat hier ihren Ursprung: Die wahre, die gottgefällige Frau konnte nur die Jungfrau sein. Als Alternative gab es in dieser Symbolwelt nur die Hure. Und Männer, die sich als katholische Priester zum Zölibat verpflichteten, wurden zu den innigsten Verehrern der Jungfrau Maria. Das gilt für die meisten großen männlichen Heiligen! Für Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Dominikus und so weiter. Denn wer als  Mann asexuell leben musste, fand eben in der asexuellen Jungfrau Maria Stütze und Halt. Die vielen anderen Männer fühlten sich aber degradiert, wenn im Wort von Marias  „unbefleckter Empfängnis“ ihr männlicher Sperma nur als Fleck bzw. als Befleckung letztlich als Schmutz angesehen wurde.

Angesichts der Last einer solchen Tradition ist es vielen Christen heute wichtig, die authentische Mutter Jesu kennen zu lernen, die Maria von Nazareth. Bibelwissenschaftler haben allerdings erkannt, dass das Neue Testament keine umfassende Biografie Marias vorlegt. Nur in wenigen Versen oder einzelnen Begriffen können sie etwas von der Mutter Jesu erfahren. Deswegen untersuchen sie die Bedeutung des Titels „Jungfrau“.  Mit diesem Thema hat sich die Theologieprofessorin in Basel, Luzia Sutter – Rehmann befasst:

„Also ich denke, die neuere Forschung stimmt mir da zu, dass man heute darunter junge Frau, ganz ganz junge Frau verstehen sollte. Also ein zwölfeinhalb jähriges Mädchen, d.h. ein heiratsfähiges junges Mädchen. Natürlich waren die auch im biologischen Sinn Jungfrauen, die jungen Mädchen, die sollten es wenigstens sein. Aber der Begriff meint vor allem ein noch nicht verheiratetes Mädchen, jetzt bereit zum Leben“.

„Jungfrau“ im Sinne der sexuellen Unberührtheit kann Maria also nicht genannt werden. Der Evangelist Matthäus bezieht sich auf einen Text des alttestamentlichen Propheten Jesaja. Er kündigt in einer Weissagung lediglich das außergewöhnliche Leben „einer jungen Frau“ an. Sie werde einst den Retter Immanuel zur Welt bringen. Der Prophet spricht ausdrücklich nicht von einer „Jungfrau“. Als man später die hebräische Bibel ins Griechische übersetzte, wurde aus dieser, natürlich auch sexuell lebendigen jungen Frau,  die asexuelle „Jungfrau“.  Das „Mädchen Maria“ wandelte sich  durch einen Übersetzungsfehler zu einer durch Wunder begnadeten Jungfrau. Die Autoren des Matthäus und Lukas Evangeliums sprechen davon. Sie haben ihre Texte nach dem Jahre 80 geschrieben. Christen, die noch eine Generation vorher lebten, hatten von Maria eine andere Vorstellung: In den frühesten Schriften des Neuen Testaments, den Briefen des Apostels Paulus, ist ausdrücklich nicht von Maria, schon gar nicht von der Jungfrau die Rede, betont der katholische Theologe Josef Imbach:

„Jesus wurde geboren von einer Frau. Das finden wir schon bei Paulus im Galaterbrief: Was sagt er: Geboren von einer Frau. Punkt. Wichtig ist, dass da die Menschheit Jesu betont werden soll. Da ist von Jungfrau nicht die Rede“.

Im ältesten Evangelium, das Markus um das Jahr 70 verfasst hat, wird die Geburt Jesu gar nicht erwähnt. So belanglos erschien sie dem Autor gegenüber dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Auch das jüngste aller 4 Evangelien, das Johannes Evangelium, geschrieben nach dem Jahre 90, bietet keine Weihnachtsgeschichte! Lediglich die Evangelisten Lukas und Matthäus erzählen einige Details zur Geburt Jesu. Bei Matthäus wird Josef als der Verlobte Marias vorgestellt. Er muss erleben, dass seine künftige Ehefrau bereits schwanger ist. Darüber ist er offenbar so irritiert, dass er die Beziehung mit Maria abbrechen will. Luzia Sutter – Rehmann stellt diesen Fall in die Ehegesetze der damaligen Zeit:

„Also eine Verlobte, die schwanger wurde, da gab es zwei Möglichkeiten vom Verlobten: Dann muss er still sein, dann muss er eheliches Recht wahr machen, vollziehen. Oder von einem anderen. Und wenn Josef so reagiert, dann sieht das so aus, dass es nicht von ihm wäre“.

Erst nach einem Traum, durch den Zuspruch eines Engels, lässt sich Josef umstimmen, betont Luzia Sutter – Rehmann:

„Das ist eine ganz schöne Geschichte. Der Engel sagt, steht auf, und nimm deine Braut zu Dir. Und dann tut er das auch. Und ich denke, rein rechtlich ist es wichtig, dass er seine Frau geheiratet hat. Rein vor dem Recht ist Jesus sein Sohn, das ist das, was den Text interessiert“.

Trotz dieser nun „geordneten Verhältnisse“ weiß Josef:  Seine Frau, Maria, bringt ein Kind zur Welt, das nicht von ihm stammt. Sonst hätte der Evangelist Matthäus nicht von einer möglichen Trennung des Paares berichtet. Die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehmann:

„Das wäre ein Erzählschub, den man nicht freiwillig erfinden würde, wenn er nicht wahr wäre. Der wäre zu problematisch“.

Auch das  älteste Evangelium nach Markus betont, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu sei. Im  6. Kapitel berichtet dieser Evangelist, wie Jesus von seinen Landsleuten in aller Öffentlichkeit  als „der Sohn der Maria“ bezeichnet wird. Diese Aussage ist sensationell: Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. Darauf weist die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehberg  hin:

„Da gibt es auch Forschungen von Jane Schaberg, die gezeigt hat, dass es zu Zeit der römischen Besatzung in Palästina sehr gut möglich wäre, sich Maria als, ja sag ich mal, Opfer von Soldaten vorzustellen.

Junge Mädchen wurden da irgendwie schwanger, man weiß nicht von wem. Da waren keine geordneten Verhältnisse, da waren Landbesitzer oder Beamte oder Männer, die sich das junge Mädchen mal vorgeknöpft haben. Die Lebensumstände im 1. Jahrhundert in Palästina waren nicht einfach für junge Mädchen. Das ist sicher“.

Jesus ein uneheliches Kind?

Wenn man diesem Forschungsergebnis folgt: Dann ist Jesus als uneheliches Kind anzusehen, und Josef ist sein Stiefvater. Diese Erkenntnis klingt in den Ohren einiger Christen vielleicht befremdlich. Zu sehr sind sie durch das bürgerlich geprägte glanzvolle Weihnachtsfest an bruchlose Harmonie  gewöhnt. Aber für die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehberg wird die so „un- bürgerliche“, eher randständige Herkunft Jesu von einem weiteren Bericht aus dem Lukas – Evangelium bestätigt, dem Gebet Marias:

„Da spricht auch noch das Magnificat dafür, wo Maria davon spricht, dass Gott sie angesehen hat in ihrer Erniedrigung. Meistens wird das übersetzt in ihrer Niedrigkeit. Und Niedrigkeit macht so was Bescheidenes aus diesem Mädchen. Aber das Wort tapeinosis vom Griechischen her  bezeichnet eigentlich eine Gewalttat, die jemandem geschieht, die jemanden erniedrigt. Das muss nicht Vergewaltigung sein, es gibt andere Möglichkeiten von Gewalt. Aber sie sagt, in ihrer Erniedrigung hat Gott sie gesehen. Und da denke ich schon, sie hat erlebt, was das Volk erlebt zu dieser Zeit, das hat viel Gewalt erlebt“.

Luzia Sutter Rehberg hat auch als Pastorin und Predigerin beim Schweizer Radio diese Erkenntnisse verbreitet … und durchaus Zustimmung gefunden:

„Das wäre eine feministische Deutung, die auch heute sehr viele Frauen anspricht, die solche Dinge erlebt haben, also Vergewaltigungen z.B. Und denen dann plötzlich die ganze Jungfrau Maria Geschichte unheimlich einfährt, weil sie merken, mein Gott, die hat das erlebt, was ich auch erlebt habe. Das sind Erfahrungen auch von Gemeindegliedern mit eigenen Kindern und eigenen Leben, die plötzlich theologisch zur Sprache kommen können. Und das allein hat schon einen großen Wert. Es geht ja nicht nur um den exegetischen Buchstaben, und  wer hat jetzt recht. Sondern immer auch um die Frage: Wie wirkt das, wie leben wir das menschlich aus“.

Auch die Bedeutung des heiligen Josef wird dann neu interpretiert: Er ist als Stiefvater alles andere als ein Greis, wie er oft dargestellt wird. Der katholische Theologe Daniel Picot leitet in Montréal, Kanada, eine internationales Studienzentrum über den heiligen Josef:

„Seit langer Zeit wurde Joseph als alter Mann vorgestellt, mit einem Bart, ein „armer alter Typ“. Aber wir erleben seit einiger Zeit eine neue Entwicklung, da stellt man sich Josef vor als einen jungen Mann, der sehr verleibt ist in seine junge schöne Frau, der sein Kind liebt. Josef ist dann doch ein glücklicher Mann, väterlich, und dabei normal“.

Die historisch kritische Bibelforschung fördert ungeahnte Perspektiven zum Weihnachtsfest: Maria bringt als wirkliche Mutter ihr Kind Jesus zur Welt; sie rühmt Gott, dass er auf der Seite der Frauen steht. Und Josef überwindet alle Vorurteile und heiratet seine Verlobte „trotz allem“.  So werden beide ein Ehepaar mit Jesus als dem „Erstgeborenen“, wie es im Lukas Evangelium ausdrücklich heißt. Im „Bibelportal“ der angesehenen Deutschen Bibelgesellschaft heißt es kurz und bündig:

„Keiner der neutestamentlichen Texte weist darauf hin, dass Jesu Geburt und Herkunft außergewöhnlich gewesen wären“.

Eine Erkenntnis, die heute von den meisten Theologen geteilt wird. Der französische Theologe und Publizist Jacques Duqenesne schreibt in seinem Buch „Maria“:

„Jesus wird in den Kirchen als wahrer Mensch verehrt. Dann hatte er als Mann eben auch wie alle anderen Männer ein X Chrosom von der Mutter und ein Y Chrosom vom Vater“.

Jesus wuchs also als „ganzer Mann“ bei Maria und Josef auf. Als Ehepaar hatten sie selbstverständlich weitere Kinder. Der Evangelist Markus erwähnt ja namentlich Jakobus und Joses, Judas und Simon. Und er fragt weiter: „ Leben nicht die Schwestern Jesu hier unter uns?“ Und der jüdische Historiker Flavius Josephus erwähnt Jacobus, und nennt ihn ausdrücklich den „Bruder Jesu“. Die Kirchen hatten früher größte Mühe, die leiblichen Geschwister Jesu anzuerkennen. Schließlich geriet dadurch ihr Glaube ins Wanken, Maria sei „auf ewig“ die asexuelle, die reine Jungfrau geblieben. Luzia Sutter – Rehberg hat sich mit diesem Thema befasst:

„Wenn Paulus seine Adressaten Geschwister nennt, dann ist das für alle klar, er meint seine jüdischen Landsleute und nicht biologische Geschwister. Und da könnte man natürlich jetzt auch irgendwie behaupten, auch bei Jesus wären das irgendwelche Verwandte weiterer Art. Das sind dann eben so Dinge, die man strickt, die der Text eigentlich nicht festlegt.

Ich würde jetzt sagen, das waren weitere Geschwister, weil es nicht anders geht. Maria hatte offenbar weitere Kinder. Und weitere Jungfräulichkeit wäre ganz sicher nicht zu haben“.

Maria als die leibhaftige, als biologische Mutter Jesu: Diese Erkenntnis öffnet auch neue Horizonte für Spiritualität und Frömmigkeit.

„Für mich wäre das Wunder des Lebens eher noch größer als eine Verherrlichung einer außergewöhnlichen Geburt. Weil das verletzliche Leben dann im Zentrum steht, das verletzte Leben Marias, vielleicht auch Josefs, als des nicht stolzen Vaters. Der Sohn kommt in ganz arme Verhältnisse hinein zur Welt. Also das würde  uns viel mehr die Türen öffnen für ungewöhnlichen Zwischenfälle im Leben“.

Inzwischen folgen auch männliche Theologen dieser feministisch – theologischen Perspektive, wie der Basler katholische Theologe Xaver Pfister:

„Auf der anderen Seite gibt es sehr interessante Versuche Maria zu verstehen in der feministischen Theologie als einen Mensch, der bereit ist, auf das Leben einzugehen und das Leben anzunehmen und zu gestalten. Von daher ist Maria eine sehr interessante Figur, wenn dieser Aspekt im Vordergrund wäre, wenn sie nicht die Himmelskönig ist, sondern die wahre Frau, ein Modell des Frauseins, dann hat sie eine reale Bedeutung“.

Maria ist eine Frau, die die Unterdrückung selbst kennen lernte und trotz allem die Hoffnung bewahrte: In Lateinamerika ist Maria ein Vorbild des armen Volkes. Die katholische Nonne Barbara Kiener aus München lebte viele Jahre im brasilianischen Staat Goiania in den Slums. Dort hat sie in Basisgemeinden und Sozialprojekten vor allem Frauen unterstützt. Mit ihnen hat sie „alternativ“, nämlich sehr menschlich Weihnachten gefeiert:

„Sie sprechen von Maria der Befreiung. Maria ist für sie so eine Frau, die Hoffnung stärkt, die angepackt hat, die wusste, wann sie Ja und wann sie Nein sagen muss. Die wirklich aufsteht und mit ihnen für Gerechtigkeit eintritt. Das Evangelium  ist nicht nur eine geschmeidige Botschaft, dass Gott uns alle liebt, sondern auch die Botschaft Jesu vom Reich Gottes ist eine Botschaft, die wirklich die ungerechten Machtverhältnisse umkrempelt. Und dafür setzen sich diese Menschen ein.  Maria, die Mutter Jesu, geht in die gleiche Richtung. Sie verkündet in dem Magnificat, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzen wird und dass er die Niedrigen erheben wird, dass er die Hungernden beschenken wird, und dass er die Reichen mit leeren Händen davon schicken wird.  Diese Hoffnung, dass Gerechtigkeit geschieht, einmal Gerechtigkeit kommen wird, das ist die große Hoffnung dieser Frauen und das erleben sie im Kleinen schon jetzt“.

Nicht nur in Lateinamerika, in allen Teilen der Welt beginnen Christen, Weihnachten „anders“ zu feiern: mit weniger „Glanz und Lametta“, dafür aber  zurückhaltend gegenüber der frommen Phantasiewelt mythischer Erzählungen. Diese Christen und Theologen wollen eine Versöhnung schaffen zwischen kritischem Denken und biblischer Botschaft! Darum sind sie interessiert, Jesus als einen „Menschen unter uns“,  zusammen mit seiner Familie,  zu verstehen. Je menschlicher die Jesus Gestalt erscheint, um so größer sei der Gewinn für den Glauben, meint der evangelische Pfarrer Michael Göpfert:

„Jesus ist Mensch und zwar ganzer Mensch, und kein halber Mensch- Und gerade wenn Gott Mensch wird, was der christliche Glaube beinhaltet, dann ist es überhaupt kein Problem anzunehmen, dass er biologisch von leibhaftigen Eltern abstammt. Die Göttlichkeit bedeutet ja gerade, dass in diesem Menschen, der nichts ist als ein Mensch,  Gott sich offenbart und zeigt, dass Gott in diesem Jesu ein menschliches Antlitz annimmt. Wir glauben an Weihnachten die Menschlichkeit Gottes. In einem Menschen wird sie sichtbar, nicht in einem Halbgott!“.

Dieses Manuskript ist wie alle anderen Texte des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons“  urheberrechtlich geschützt. Copyrigtht: Christian Modehn. Berlin.

Buchempfehlungen:

Josef Imbach. Marienverehrung zwischen Glaube und Aberglaube. Patmos Verlag, Düsseldorf, 2008. 253 Seiten, 19,90 EURO.

Christoph Markschies, Das antike Christentum. Becksche Reihe, München, 2006, 271 Seite, 12, 90 Euro.

Jacques Duquesne, Maria. DVA 2005, 272 Seiten. 14, 95 Euro.

Alan Posener, Maria. Rowohlts Monographien, Reinbek bei Hamburg. 2001, 160 Seiten, 8, 50 Euro.

Sloterdijks “Philosophische Temperamente”

Peter Sloterdijks “Philosophische Temperamente” –   eine Buchempfehlung

Welches philosophische Temperament habe ich? Bin ich mehr Skeptiker als Analytiker, mehr Dialektiker als Hermeneutiker? Oder bin ich als Philosophierender noch auf der Suche nach meinem eigenen, persönlichen Stil zu denken …und damit :  zu leben? Mit diesen Fragen wird sich der Leser von Peter Sloterdijks neuem Buch “Philosophische Temperamente. Von Platon bis Foucault”   befassen. Und Sloterdijk will – zumindest indirekt- diese Fragen stimulieren, denn für ihn ist Philosophieren alles andere als eine hermetisch verschlossene akademische Universitäts-Angelegenheit. Dieses glänzend geschriebene und inspirierende Buch bietet 19 kleine oder manchmal etwas größere Skizzen zum Profil wichtiger Philosophen, von Platon über Descartes und Kant und Fichte hin zu Wittgenstein und Foucault.  In knappen Formulierungen wird das Eigentümliche der jeweiligen Philosophen herausgearbeitet, voller Überraschungen und neuer Blickwinkel. Zu Wittgenstein etwa schreibt Peter Sloterdijk: “So wird für Wittgenstein das Denken zu einem Navigieren zwischen Inseln der formalen Klarheit, die im unklaren Ungeheuren zerstreut liegen” (s. 126f). Spannend auch einige Sätze aus dem Platon Profil: “Statt der märchenfrohen Narkosen und der rhapsodischen Enthusiasmen strebte die philosophische Rede (Platons) einen Zustand der kritischen Nüchternheit an, die seit jeher als das Arbeitsklima des authentischen Philosophierens gegolten hat…Sofern sie Aufklärung war, konnte die Philosophie nicht anders, als die altreligiösen Seelenverfassungen und die kruden Göttergeschichten zu entzaubern…” (s. 22). Ein lesenswertes Buch, das hoffentlich zu weiten Gesprächskreisen der Philosophierenden inspirieren kann, für Menschen auf der Suche nach dem eigenen Temperament, dem philosophischen.

Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente. 145 Seiten, Diederichs Verlag 2009.

Edward Schillebeeckx verstorben – Sein Vermächtnis: VERNÜNFTIG glauben

Edward Schillebeeck am 23. 12. 2009 gestorben – Auf der Suche nach der Vernunft des Glaubens

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon werden auch Theologen diskutiert; mit besonderer Aufmerksamkeit solche, die für die VERNUNFT des GLAUBENS eintreten.

Zu Ihnen gehörte der aus Flandern stammende Dominikaner Theologe Edward Schillebeeckx, geboren am 12. Nov. 1914,  am 23. 12. 2009 in Berg en Dal, in der Nähe von Nijmegen, Niederlande, gestorben. Er hat auch zahlreiche vernünftige Vorschläge zur Reform der römischen Kirche gemacht, die von diesem römischen System „selbstverständlich“ ignoriert und diskriminiert wurden, das gilt z.B. für den wegweisenden Vorschlag von Schillebeeckx, verheiratete Männer und Frauen -nach entsprechender Ausbildung- als katholische Amtsträger (und damit als PriesterINNEN) zuzulassen, wenn die Gemeinden dies wünschen. Dies ist eine konstruktive  Antwort auf die zunehmende Klerikalisierung der römischen Kirche und ein Ausweg angesichts der „Zusammenlegung von Gemeinden“, die einzig und allein nach dem Kriterium der noch vorhandenen Priester geschieht. Aber Rom weiß es mit aller Macht und Gewalt „besser“ …und hat die Vorschläge Schillebeeckx` ignoriert.

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon gibt es Wichtigeres, als sich mit diesen römischen Kircheninterna zu befassen, zumal Schillebeeckx weltweit unter vernünftigen Theologen immer noch hohes Ansehen genießt, nicht zuletzt wegen seines JESUS Buches und des Werkes “MENSCHEN. Die Geschichte von Gott”.

Wichtig ist ein bleibender philosophischer Impuls von Edward Schillebeeckx, mitgeteilt in dem Buch „Edward Schillebeeckx im Gespräch“, Edition Exodus, Luzern 1994, S 148 f.:

„Der Glaube ist das Bekenntnis eines vernünftigen Menschen. Die Rationalität des Glaubens muss immer neu errungen werden und erwiesen werden. Meine ganze Theologie ist die Theologie eines Gläubigen. Die menschliche Vernunft wird auf dem Feld des Glaubens zu hundert Prozent eingesetzt. Den Gehorsam (gegenüber der Kirchenführung, C.M.) ins Feld zu führen und die Augen zu schließen, ist nicht christlich und auch nicht katholisch. …Der Fundamentalismus, den es heute in manchen christlichen Gemeinschaften gibt, führt zum Obskurantismus. Er ist eine große Gefahr, der die menschliche Vernunft negiert“.

Der Religionsphilosophische Salon hat Edward Schillebeeckx als Propheten verstanden. Viele Mitglieder unseres Gesprächskreises sind gespannt, wie Rom die Vorschläge des Propheten entschärft und ins Vergessen vertreibt. Wir werden auf das kritische Werk Schillebeeckx` noch zurückkommen.

Philosophieren – ein Fest des Denkens?

Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden?

Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest….

Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier?

Aber was leistet Philosophieren:

Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition „Licht“.  Aufklärung heißt auf Französisch: Siècle des lumières…Zeitalter der Lichter.

Also:

Wenn Philosophie entrümpelt, schafft sie einen neuen freien und lichten Denkraum und damit einen neuen Lebensraum.

Bei etwas mehr Klarheit kann man sich doch freuen, kann man doch mit den neuen Erkenntnissen umgehen, spielen, sie probieren, ihre Wirkungen genießen. Vielleicht sind sie heilsam, vielleicht beflügeln sie den Geist und damit das Leben.

Dann wird Philosophieren zum „Denkfest“.

Dieses Fest wird immer zunächst in der Einsamkeit des einzelnen gefeiert. Und zwar möglichst oft. Denn das Entrümpeln hat nie ein Ende.

Aber der entrümpelte Denkraum wird immer wieder anderen gezeigt, d.h. er wird mit anderen besprochen. Dann entsteht ein Fest des gemeinsamen Denkens. Ein Symposion.

Und bei dem klassischen Symposion von Platon fehlten niemals Wein und Brot. Gibt es etwa ein „philosophisches Abendmahl“?  Darüber wäre auch im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst nach zu denken.

Legionäre Christi – Ihr Gründer Maciel ein enger Freund von Papst Johannes Paul II.

Der Legionärsgründer Marcial Maciel war ein enger Freund von Papst Johannes Paul II. (veröffentlicht am 13. Dez. 2009)

Ein aktueller Hinweis: Am 26. 11. 2010 habe ich einen weiteren, aktuellen Beitrag ins Netz gestellt: “Das Neuestes zu den Legionären Christi”.

Der Religionsphilosophische Salon, unabhängig von jeder Kirche,  ist auch ein Ort der Religionskritik. Philosophie ohne Kritik der Religionen und Konfessionen ist undenkbar! Immer wieder wurde in unseren Gesprächskreisen nach den “Legionären Christi” gefragt, einem katholischen Orden, der jetzt auf  Befehl Benedikt XVI. weltweit  “untersucht”  wird. Im Mittelpunkt steht dabei die Tätigkeit des Ordensgründers, Pater Marcial Maciel. Er wird seit Jahren pädophiler Verbrechen beschuldigt, Jahre lang hat der Vatikan das ignoriert. Am 15. März 2010 wird die “Visitation” durch fünf Bischöfe abgeschlossen sein, so wurde Anfang Dezember 2009 berichtet. Ob diese Berichte öffentlich zugänglich werden, ist höchst unwahrscheinlich. Inzwischen hat sich der jetzige Generalobere des Ordens, Pater Alvaro Corcuera Martinez del Rio, bei den “Opfern” der sexuellen Umtriebe des einst wie ein Heiliger verehrten Ordensgründers in sehr allgemeinen Worten entschuldigt.

Corcuera versprach, dass dieser mächtige Orden nun “als demütige Kongregation”  auftreten werde. Wenn das Betteln per Zahlkarten in Zeitschriften und in privaten Bettelbriefen demütig ist, mag es stimmen. Aber damit wird der Eindruck erweckt, die Legionäre Christi seien bettelarm und sie bräuchten das Geld der berühmten armen Witwen, die ja besonders spendefreudig sein sollen, wie Kirchenleute gern sagen… Im folgenden Beitrag erinnern Insider daran, wie viele Millionen Dollar tatsächlich dieser äußerst wohlhabende Orden besitzt. Die Bettelei in Deutschland und anderswo kann nur skandalös genannt werden. Die Bettelei ist eine Schande. Den Spendern wird übrigens als Dank das neun tägige Gebet der Novizen der Legionäre Christi versprochen.

Weil es in deutscher Sprache keinerlei  (!)  kritische Auseinandersetzung mit den Legionären gibt, habe ich mich aufgrund der Anfragen im religionsphilosophischen Salon entschlossen, diese Studie als erste Orientierungshilfe zugänglich zu machen.  COPYRIGHT:Christian Modehn  (Dies gilt ja selbstverständlich für alle Texte des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons. )

Ein Freund Johannes Paul II. – Pater Marcial Maciel.

Der Orden  „Legionäre Christi“ in Bedrängnis

Von Christian Modehn

Die „Legionäre Christi“, ein kirchlich wie gesellschaftlich sehr einflussreicher Orden, vergleichbar dem Opus Dei, werden auf Veranlassung Benedikt XVI. offiziell visitiert. Der Staatssekretär des Papstes, Kardinal Tarcisio Bertone, ordnete am 10. März 2009 eine „Apostolische Visitation“ an. Seit dem 15. Juli 2009  überprüften 5 Bischöfe den Orden (1). Auch drei Monate nach dem Beginn dieser offiziellen Überprüfung ist nichts von vorläufigen Ergebnissen oder Einsichten zu hören. Das ist nicht erstaunlich: Denn der Gründer des Ordens, Pater Marcial Maciel, wird beschuldigt, viele Jahrzehnte pädophile Verbrechen begangen zu haben, ohne dafür jemals belangt worden zu sein. Noch heikler ist die Erkenntnis: Der mexikanische Priester, er ließ sich immer offiziell „Generaldirektor“ nennen, war sehr eng mit Papst Johannes Paul II. befreundet, und auch der damalige Chef der obersten Glaubensbehörde, Kardinal Ratzinger, hat zu den Verbrechen geschwiegen. Ob jemals die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht werden, ist angesichts dieser Verbindungen fraglich.

Nur so viel ist seit Beginn der Visitation klar: Es werden die Mitglieder befragt und die Institutionen des Ordens untersucht. Dabei ging es nicht darum, die Treue zur dogmatischen Lehre der Kirche festzustellen. In ihrem lautstarken Bekenntnis zum Papsttum und zum Lehramt lassen sich die Legionäre Christi und die mit dem Orden eng zusammenarbeitenden ca. 70.000 Laien der Bewegung „Regnum Christi“  kaum übertreffen (2). Es geht also vor allem um das moralische und sittliche Niveau der Ordensmitglieder sowie um finanzielle Verflechtungen des Ordens mit der ökonomischen „Elite“ Spaniens, Mexikos und anderer Länder.

Die Legionäre Christi wurden fast 60 Jahre von dem Gründer des Ordens, Pater Marcial Maciel (1920 – 2008) geleitet. Ihm wird vorgeworfen, pädophile Straftaten mit jungen Ordensleuten über viele Jahre begangen zu haben, zudem war er drogenabhängig und darüber hinaus Vater mindestens einer Tochter (3). Von der als maßlos beschriebenen  Bereicherung unter seinen „Freundinnen“ und Gönnern wird in diesem Beitrag noch zu reden sein. In führenden Kreisen der Legionäre („Legionarios“ werden sie in den Spanisch sprechenden Ländern genannt) wurde nach der öffentlich bekannt gewordenen leiblichen Vaterschaft ihres Ordensgründers die angekündigte Untersuchung mit einer nahezu überschwänglichen und schon beinahe verdächtigen Freude begrüßt. Nebenbei: Die Legionäre mussten Maciel stets als „nuesto padre“ oder „notre Père“ auf ausdrückliches Geheiß ihres Leiters ansprechen. Álvaro Corcuera, der jetzige Ordensobere, der ebenfalls den Titel „Generaldirektor“ trägt, erwähnte die pädophilen Verbrechen des Ordensgründers allerdings mit keinem Wort, als er seinen Mitgliedern die offizielle Visitation durch die römischen Gesandten mitteilte.  Corcuera hatte lediglich die Hoffnung ausgedrückt, dass nun »schwerwiegende Tatsachen zum Abschluss« gebracht werden. Welche „schwerwiegenden Tatsachen“ es seien, sagte er nicht.

Die Vaterschaft Maciels kann niemand mehr leugnen. Beobachter haben den Eindruck, dass die Legionäre über die nun bekannt gewordene auch heterosexuelle Orientierung ihres „Padre“ in gewisser Weise froh sind, lenkt das doch von den pädophilen Taten ab. Der Bruch des Zölibatsgelübdes wurde auch von Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa, Santiago de Chile, eher heruntergespielt und als Ausdruck „von zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten“ interpretiert. Maciel sei „ein armer (natürlich nicht im materiellen Sinne, der Autor!)  Mensch gewesen“ (4). Brisant wird die Bedeutung der Visitation durch weitere Dokumente, denen zufolge es innerhalb des Ordens und im Regnum Christi weiterhin ein „Netzwerk von Pädophilen“ (5) geben soll.

Schon als junger Seminarist ein Liebhaber von Knaben

Die Geschichte des Ordens und seines Gründers ist voller Merkwürdigkeiten: Marcial Maciel wurde am 10. März 1920 in dem Dorf Cotija de la Paz in Mexiko (Bundesstaat Michoacán) geboren. Im Alter von 15 Jahren trat er ins Priesterseminar ein. Bis zu seiner Priesterweihe 1944 musste er mehrfach die Seminare wechseln – »wegen allerlei Verdächtigungen«, wie seine damaligen Oberen, darunter Jesuiten,  eher zweideutig erklärten. Schon als 16-Jähriger war Maciel fest entschlossen, aufgrund göttlicher Eingebungen, wie er sagte,  einen eigenen Orden zu gründen. Im Jahr 1941 konnte er, immer noch als Seminarist, 13 Knaben im Alter von etwa 12 Jahren, in einem eigenen »Kleinen Seminar um sich sammeln. Fotos zeigen ihn im Kreis seiner Lieben, alle Kinder sind in Talare gekleidet. Hartnäckig und intensiv betrieb er das Projekt der Ordensgründung! Ihm gelang es, 1946 mit Papst Pius XII. zu sprechen, der soll ihm empfohlen haben: „Nennen Sie Ihren Orden =Legionäre Christi=! Sie sollten sich um die Eliten kümmern“.  Maciel nutzte seine Beziehungen zu ihm wohl gesonnenen mexikanischen Bischöfen und erreichte 1948 die offizielle Errichtung seines Ordens in Mexiko. Die Kongregation für die Ordensleute in Rom hatte ihre Zustimmung gegeben. Dieses Placet musste Rom aber wegen heftigen Widerstandes vor allem von Seiten etlicher Theologen in Spanien, darunter auch Jesuiten,  zurückziehen. Sie wussten nämlich aus eigenem Erleben, dass Maciel eine „problematische Figur“ ist. Aber das entsprechende ablehnende Schreiben aus dem Vatikan erreichte den mexikanischen Bischof erst, nachdem er – zwei Tage vor Empfang dieses Briefes! – die offizielle bischöfliche Errichtung und Approbation des Ordens auf Diözesanebene schon vollzogen hatte. Beobachter meinen, Maciel hätte sich die Anerkennung seines Ordens erschlichen. Andere fragen sich, warum in Rom niemand darauf gedrungen hat, die bischöfliche Anerkennung des Ordens wieder rückgängig zu machen.

So mächtig wie das Opus Dei

Maciel baute den Orden zunächst in Mexiko auf, immer darauf bedacht, exklusive Privatschulen für die ökonomische Elite zu errichten. In diesen Kreisen suchte er auch mit viel Erfolg Nachwuchs für seinen Orden. In Rom eröffnete er schon 1950 sein erstes Haus. Seinem Orden wurde 1958 die Leitung der mexikanischen Kirche „Unsere liebe Frau von Guadelupe“ “ anvertraut, ein Hinweis darauf, wie der Orden sehr früh schon in Rom etabliert war. 1965 wurden die Legionäre Christi eine „Kongregation päpstlichen Rechts“. Aber erst 1983 hatte Papst Johannes Paul II. die Statuten des Ordens endgültig approbiert. Darin mussten sich die Mitglieder (seit Gründung des Ordens) verpflichten, nichts Negatives über den Orden nach außen dringen zu lassen. Dieses vom Gründer so genannte „Gelübde der Liebe“  wurde als Verpflichtung zum Schweigen genannt. Maciel redete seinen Leuten ein, dieses Sondergelübde sei Ausdruck des Willens Christi. Von zahlreichen Spendern unterstützt, konnten die Legionäre zusammen mit den ebenfalls eher wohlhabenden Laien aus dem „Regnum Christi“ im Laufe der Jahre ein weites Netz von Schulen auch außerhalb Mexiko aufbauen, wie in Chile, Spanien, Irland, den USA. Sie alle sind für die so genannte politische und ökonomische Elite bestimmt. Die us- amerikanische Website der Legionäre bezifferte Ende 2008 die Anzahl der Priester in der „Legion“ auf 800. Die Zahl der Seminaristen in Vorbereitung auf das Priestertum soll 2.600 betragen. Der Orden ist heute in 22 Ländern tätig, er leitet 15 Universitäten, 50 Hochschulen, 176 Grund und Mittelschulen mit insgesamt  132.000 Studenten. Mit seinen Massenmedien (Fernsehen, Zeitschriften, Internet, Zenit, eine internationale Presseagentur in Rom) erreicht er  3 Millionen Menschen.

Theologisch gehören die Legionäre eindeutig zu den ultra- konservativen Kreisen, sie gehören zu den erklärten Gegnern der Befreiungstheologie und propagieren eher eine „Theologie des Wohlstands“. In Deutschland zum Beispiel nehmen sie nicht an den von den eher progressiven Laien organisierten Katholikentagen teil, sondern an den reaktionären Treffen des „Forums deutscher Katholiken“, an denen übrigens auch Kardinal Ratzinger teilgenommen hat. In Spanien sind sie eng mit dem konservativen „Partido Popular“ (PP) verbunden, sie sind dort immer in Massen zur Stelle, wenn diese Partei zusammen mit der Bischofskonferenz Protestdemonstrationen gegen die sozialistische Regierung, vor allem gegen deren Gleichberechtigung homosexueller  Paare veranstaltet.

Pädophile Verbrechen werden öffentlich beschrieben

Die Öffentlichkeit erfuhr erst 1997 etwas vom wahren Gesicht dieses nach außen hin so missionarisch – rührigen Paters Maciel. Im November 1997 veröffentlichten 8 ehemalige Mitglieder des Ordens einen Offenen Brief, den sie dem Vatikan zusandten (7). Sie legten im Detail dar, dass sie als Jugendliche und als junge Ordensmänner von Pater Maciel sexuell missbraucht wurden. Weil sie unter diesem Verbrechen seelisch gelitten hatten und es aus Scham nicht wagten, früher an die Öffentlichkeit zu treten, hätten sie sich erst 1997 zu diesem Schritt in die Öffentlichkeit entschlossen. Später meldeten sich weitere ehemalige Legionäre als Opfer pädophiler Verbrechen Maciels. Einige berichteten in eher schockierenden Details,  wie etwa Pater Maciel eine urologische Krankheit vorgab, die nur durch die Sexualität mit den Knaben geheilt werden könnte. Und immer wurden sie nach vollzogener Tat instruiert, dass für sie das Gelübde der Geheimhaltung natürlich absolut gelte. Auch hätten sie von ihm in der Beichte die Lossprechung für die Sünde erhalten, ein Befund, der im geltenden Kirchenrecht die sofortige Exkommunikation nach sich zieht. Aber in Legionärs Kreisen wurde und wird darüber geschwiegen. Aber die Zeugnisse der Ex – Legionäre waren seitdem in der gesamten Spanisch sprechenden Welt sowie in den USA oder in Irland bekannt. In den USA wurde eine eigene DVD (»Vows of Silence«) zu dem Thema produziert, außerdem gibt es eigene Foren und Internetauftritte der Opfer wie www.exlc.org oder www.exlcesp.com.

Selbstverständlich wusste auch der Vatikan davon! Die Akten wurden schließlich von den römischen Behörden gelesen. Formal wurde eine Verteidigerin der Kläger ernannt, die Kirchenrechtlerin Martha Wegan.  Aber von päpstlicher Seite wurde nichts gegen den Generaldirektor unternommen. Maciel verteidigte sich damit, dass es sich um bösartige Verleumdungen handle und dass er nun wie Jesus Christus als ungerecht Verfolgter eben leiden müsse…

Drogenabhängig

Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren offenbar verdrängt, dass es Mitte der fünfziger Jahre schon einmal eine Affäre Maciel gab. Damals wurde er als Generaldirektor auf päpstlichen Befehl hin seiner Funktionen entbunden und ins spanische Exil geschickt. Von einigen kritischen jungen Legionären wurde 1955 die Römische Kongregation für die Ordensleute dringend aufgefordert, die Qualitäten Maciels und die sittlichen Zustände im Orden zu untersuchen. Denn die Drogenabhängigkeit ihres Generaldirektors war den Ordensmitgliedern nicht verborgen geblieben. Felix Alarcon, auch er wurde von Maciel missbraucht, erklärte noch im August 2009 im Chilenischen Fernsehen, dass sich sein Generaldirektor regelmäßig Morphin Derivate spritzte, vor allem Pethidin, ein vollsynthetisches Opioid. Im Frühjahr 1956 befand sich Maciel zur Entgiftung in der römischen Klinik Salvator Mundi.

Auch 5 Bischöfe Mexikos wandten sich Ende August 1956 an Rom und beklagten, Maciel würde die Sodomie mit jungen Ordensangehörigen praktizieren. Seit der Zeit wurde eigentlich schon über die Päderastie des obersten Legionärs nach Rom berichtet!

1956 visitierte der damalige Generalobere der Unbeschuhten Karmeliten, Anastasio Ballestrero,  die Legionäre Christi. Seine Arbeit wurde vor allem behindert durch das so genannte „Gelübde der Liebe“, das alle Mitglieder verpflichtet, nichts Negatives über die Ordensleitung nach außen dringen zu lassen. Als Ergebnis seiner Untersuchungen wünschte Ballestrero die Ernennung eines neuen Generaloberen „von außen“, also eines Nicht- Legionärs,  sowie für allem die Abschaffung des „Schweigegelübdes“. Aber 50 Jahre konnte dieses an die Mafia Methoden erinnernde Gelübde (8) fortbestehen; erst im Jahr 2007 wurde es von Benedikt XVI. in aller Stille abgeschafft . Maciel verteidigte sich wie immer: Die gegen ihn geführte Kampagne als Verleumdung.

Aber die Forderungen Ballestreros wurden nicht nur nicht respektiert, es kam sogar zu einer erneuten Visitation des Ordens: Offenbar hatten befreundete Kardinäle in Rom, wie Micara, Pizzardo, Cicognani, Piazza und Tedeschini  sich für den Orden und für Maciel eingesetzt (9). Diese zweite Untersuchung, unter dem römischen Prälaten Alfredo Bontempi und dem Franziskaner Polidoro van Vlierberghe verlief äußerst positiv für den Orden. Die Frömmigkeit der Legionäre wurde gelobt, hervorgehoben wurde die Tatsache, dass sie die  Bücher progressiver Theologen, wie Congar oder de Lubac,  nicht lesen usw.

1962 wurde ihm offiziell mitgeteilt, dass es vom Vatikan aus keine Maßnahmen gegen ihn geben werde, seit 1959 war er ohnehin wieder offizieller Generaldirektor der Legionäre Christi.

Ein enger Freund des Papstes

Seine Blütezeit erlebte der Orden unter Johannes Paul II: Die Liste der freundschaftlichen Verbindungen ist lang:

1991 wurde Maciel Mitglied der Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode über die Priesterausbildung in der gegenwärtigen Situation.

Im selben Jahr wurde er Mitglied der Kommission für die gerechte Verteilung des Klerus.

1992 wurde er Mitglied der IV. Allgemeinen Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas in Santo Domingo.

1993 wurde er Mitglied der Bischofssynode über das gottgeweihte Leben und seine Sendung in Kirche und Welt.

1994 wurde er zum ständigen Berater der Kongregation für den Klerus ernannt.

1997 wurde er Mitglied der Sonderversammlung der Bischofssynode für Amerika (10). Über die theologische Kompetenz Maciels gibt es keine Zweifel: „ Er hatte eine ärmliche theologische Bildung“, schreibt einer der besten Kenner der Legionäre, der Sozialwissenschaftler Professor Fernando M. González, Mexiko (11).  Wer die Bücher Maciels liest, wird von der absoluten Schlichtheit seines theologischen Denkens überzeugt (12).

Wie die Legionäre auf die Kirche Einfluß nehmen

Die Zuneigung Papst Johannes Paul II. für Maciel und seine Legion hatte sicher mehrere Gründe: Sein Orden hatte stetig viele Priesterweihen, die auch in Rom als „Massenereignis“ zelebriert wurden.  Zudem zeigten sich die Legionäre ausschließlich im schwarzen Talar und dachten ausdrücklich „im Gleichschritt mit der Kirche“, wie Maciel sagte, d.h. mit  der Hierarchie. Auch aus diesem Grund beauftragte Johannes Paul II. Maciel, seine päpstlichen „Pastoralreisen“ nach Mexiko vorzubereiten und zu gestalten. Der Papst gestattete dem Orden den Aufbau der eigenen Universität „Regina Apostolorum“ in Rom, die noch vor kurzem durch Kurse für Exorzisten von sich reden machte. Er überließ dem Orden die Leitung eines Priesterseminars in Rom, in dem Weltpriester aus allen Kontinenten während ihrer Studien wohnen können. Er überließ den Legionären die Leitung des monumentalen „Instituts Notre Dame“ in Jerusalem (das kürzlich noch Papst Benedikt XVI. während seiner Reise nach Israel besuchte). Johannes Paul II. förderte die vatikantreue Legionärs Presseagentur Zenit usw. Auf diese massive Unterstützung von päpstlicher Seite hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger eine entscheidende Antwort gegeben, als er einem der Missbrauchsopfer sagte: „Ich kann in Ihrem Fall nichts tun, denn P. Maciel ist ein persönlicher Freund des Papstes, er hat ihm auch viel Vermögen gegeben“.  (13) Kardinal Ratzinger hat über Jahre verhindert, dass der „Fall Maciel“ kritisch und öffentlich diskutiert wurde…

Die Moral des Papstes: Über die Fehler anderer schweigend hinwegsehen

Auch Johannes Paul II. hat das Gelübde der Geheimhaltung bei den Legionären selbstverständlich gekannt und sogar öffentlich gelobt, als er am 4. Januar 2001 bei einer Audienz eigens für die Legionäre unter anderem sagte: „Ihr wolltet die Herausforderung des Evangeliums in Angriff nehmen, indem ihr die besondere Betonung auf die brüderliche Herzlichkeit eurer zwischenmenschlichen Beziehungen legt und den Geist der Nächstenliebe in euren Gedanken und Werken pflegt. Dabei seht ihr schweigend über die Fehler der anderen hinweg und stellt vielmehr deren positive und nützliche Taten heraus. Möge euch der Herr diese Geisteshaltung bewahren…“

Die Verbundenheit des Papstes mit Maciel war so umfassend, dass es Johannes Paul II. noch am 30. November 2004, also bereits sehr schwer erkrankt, sich nicht nehmen ließ, zusammen mit dem Legionärs Förderer, Kardinal Sodano, noch einmal die Legionäre mit ihrem Generaldirektor zu empfangen, um mit ihnen den Jubeltag des 60. Jahrestages der Priesterweihe dieses „vorbildlichen“ Priesters zu feiern. Der Papst sagte: „Ein herzlicher Gruß geht vor allem an den lieben Pater Maciel, dem ich meine besten Wünsche für einen von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllten priesterlichen Dienst ausspreche. Außerdem grüße ich die Oberen des Instituts Legionäre Christi…Der freudige Anlass, der euch alle hier um den Gründer versammelt sieht, lädt ein, jener Gaben zu gedenken, die er in den 60 Jahren seines priesterlichen Dienstes vom Herrn empfangen hat, und bietet zugleich die Gelegenheit, jene Verpflichtungen zu bekräftigen, die ihr als Legionäre Christi im Dienst am Evangelium übernommen habt…“.

Die Verbrechen werden nicht juristisch verfolgt

Aber der öffentliche Ruf Maciels hatte in der Zeit derart gelitten, dass Kardinal Ratzinger im Januar 2005 nicht mehr umhin kam, persönlich eine Untersuchung der zur Pädophilie des Generaldirektors zu veranlassen. Mit der Recherche wurde Msgr. Charles Scicluna (Rom) beauftragt. Dessen Recherchen waren offenbar so erschütternd gewesen, dass sich Joseph Ratzinger, gerade Papst geworden, genötigt sah, am 26. Mai 2006 Maciel den völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit zu befehlen. In der üblichen vatikanischen Diplomatensprache war die Rede davon, Benedikt XVI. hätte Maciel , so wörtlich, „gebeten“  ein Leben der Buße und des Gebetes zu führen. Von den pädophilen Verbrechen war von päpstlicher Seite keine Rede, von den Opfern wurde nicht gesprochen, die Affäre Maciel sollte ohne jegliche juristische Klärung ausgelöscht und vergessen werden. Ein Jahr zuvor, 2005, hatte Maciel seinen Posten als Generaldirektor aufgegeben, Altersgründe wurden vorgeschoben…Inzwischen hatten einige Bischöfe in den USA den Legionären Christi und dem Regnum Christi jede Aktivität in ihren Diözesen verboten. Schon im Oktober 2004 entschloss sich z.B. der Erzbischof von Saint Paul und Minneapolis, Harry J. Flynn, zu dem Schritt. Als Begründung sagte er: „Die Legionäre bauen eine Parallel-Kirche auf und entfernen somit die Gläubigen von ihren Gemeinden“.

Alles im Schweigen übergehen

Am 30. Januar 2008 ist Maciel nicht am Ort seiner „Buße“, also in Rom, sondern in den USA gestorben. Bestattet wurde er in seinem mexikanischen Heimatdorf, wo man ihm zu Ehren schon früher eine Art „Heiligtum“ errichtet hatte. Prominente Kirchenführer aus Mexiko oder aus Rom waren bei der Bestattung nicht dabei! Der Vatikan war offenbar froh, dass Maciel fern von Rom begraben wurde. Bei einem Begräbnis in Rom hätte der Papst noch eine offizielle Delegation senden müssen, und das wäre höchst peinlich gewesen. So steht das für Maciel vorbereitete Mausoleum in Rom also leer. Das Leben eines Mannes, der von den Seinen wie ein Heiliger verehrt wurde, endete im völligen Abseits.

Sexuell vielseitig – um des Geldes willen

Aber die Affäre Maciel, die eine Affäre der Legionäre ist, erhält nach dem Tod eine neue Dimension: Am 4. Februar 2009 hatte die New York Times berichtet, eine junge Frau hätte öffentlich gestanden, die Tochter Maciels zu sein. Die Mutter der Tochter mit dem Namen Linda meldete sich. Diese einstige Geliebte heißt Norma Hilda Banos, sie stammt aus Acapulco, Mexiko. Beide Frauen wohnen in einem Luxuappartment, das ihnen der Vater, Pater Maciel, in Madrid gekauft hatte. Die Tochter hätte sich offenbar gemeldet, um Anteil an der Erbschaft ihres äußerst vermögenden Vaters zu erhalten, hieß es. Noch wird darüber gestritten, ob der Orden rechtlich verpflichtet ist, die Erbschaft ihres einstigen Generaldirektors zu verteilen. Inzwischen haben sich drei weitere Kinder Maciels in Mexiko gemeldet, so berichtet ihr Rechtsanwalt Jose Bonilla Sada. Die Erben wollen ihren Anteil! Tatsache ist, dass der Orden mit seinen 800 Priestern weltweit über äußerst erhebliche Geldmittel verfügt. José Barba, als ehemaliger Legionär ein Insider, schätzt den Jahreshaushalt des Ordens auf mehr als 500 Millionen Euros, praktisch das Dreifache das Haushalts des Vatikans. Das gesamte Vermögen des Ordens beziffert es auf mehr als 20 Milliarden Euro, aber dies seien Schätzungen, weil ja auch über das Vermögen dieses Ordens, Geheimhaltung besteht.(14) Dieser unermessliche Reichtum ist Resultat einer langjährigen Verbundenheit mit den ökonomischen „Eliten“ in Mexiko, Spanien, Chile usw. Es ist bekannt, das  der mexikanische Multimillionär Carlos Slim, einer der reichsten Männer der Welt, ein alter Freund der Legionäre ist. Er war kürzlich eigens nach Chile gereist, um einer Konferenz der Legionäre teilzunehmen (15). Andererseits ist es kein Geheimnis, dass sich Maciel sehr viel Geld von seinen zahlreichen wohlhabenden Liebhaberinnen schenken ließ: Namentlich bekannt sind:  Talita Reyes, Pachita Pérez, Dolores Barroso, Josefita Pérez und Flora Garza Barragán, sie ist eine bekannte wohlhabende Dame aus Mexiko. Von ihr berichtet deren Tochter Flora in der Zeitschrift „Proceso”, Mexiko: „Seit ihrer Bekanntschaft mit Maciel, dem sie blind vertraute,  gab meine Mutter ihm 50 Millionen Dollar. Bis zu ihrem Tod dachte sie an ihn, sie bat ihn, dass er sie wenigstens anrufe, aber das hat er dann niemals mehr getan“. (16) Diese Aussagen werden jetzt vom Neffen Maciels, Alejandro Espinosa, selbst ehemaliger Legionär, bestätigt. „Maciels  Reichtum ist unermesslich, sagte er. „Er hat auch für mich Geld auf einem Konto in New York angelegt, er hat auch seine acht Brüder reich gemacht. Im übrigen war die Sexualität, die Fähigkeit zur sexuellen Verführung die Passion meines Onkels“ (17).

Sollen die Legionäre weiter bestehen?

In den USA haben in den Wochen nach Bekanntwerden der Vaterschaft Maciels einige Legionäre den Orden verlassen. Die anderen Mitglieder tun so, als hätten sie nie „etwas“ gewusst, andere beklagen die Sünden ihres Gründers, lassen aber durchblicken, dass sein Werk fortgeführt werden muss: „Denn die Leistungen seien doch bedeutend“. Ob die Anmeldungen zu den Eliteschulen der Legionäre nun zurückgehen, bleibt abzuwarten,  genauso, ob sich die Reichen als Förderer zurückziehen. Offiziell wollen sich die Legionäre von ihrem einst wie einen heiligen verehrten Vater distanzieren: Sie haben in ihren Internetauftritten die Hinweise auf Maciel auf ein Minimum reduziert. Und die üblichen Bilder des Gründers, die einst jedes Legionärs-Haus zierten, wurden kommentarlos abgehängt. Manche Beobachter in Mexiko fühlten sich dabei an Machtwechsel in der Sowjetunion erinnert. Ob man so schnell diese „Kriminal – Geschichte“   voller Korruption und Verbrechen zu einem Abschluss bringen kann, ist freilich die Frage. Noch wichtiger ist die Frage, ob die 5 Visitatoren alle Schandtaten tatsächlich erkennen und diese auch der Öffentlichkeit zugänglich machen. Kardinal Franc Rodé, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Ordensleute, gilt jedenfalls als enger Freund des umstrittenen Ordens. Beobachter meinen, die Rom gefällige Lösung der „Affäre Maciel“ besteht darin: Den armen Sünder Pater Maciel zu bedauern, aber sein Werk zu loben und sich weiterhin an dem reichen finanziellen Schatz des Ordens zu erfreuen.

Konservative Katholiken in den USA sehen allein schon wegen dieses intimen Verflechtung Johannes Paul II. mit Maciel die Notwendigkeit, ganz neu über eine mögliche Selig- und Heiligsprechung des polnischen Papstes nachzudenken (6).

Literaturhinweise:

Torres Robles, Alfonso, „La prodigiosa aventura de los Legionarios de Cristo“, 2001, Ed. Foca, Madrid.

Fernando M. González, „Marcial Maciel“, Ed. Tusquets, 2006

-ders. „La iglesia del silencio“, Ed. Tusquets, 2009

Fernando M. Gonzalez, „La iglesia del Silencio“, De martires y pederastas, Tusquets Editores Mexico, 2009.

„El circulo del Poder y la espiral del silencio“. Ed. Salvador Guerrero Chiprés et alii. Ed. Grijalbo, Mexiko 2004.

Jason Berry, „Vows of Silence“. With Gerald Renner, Free Press, New York, 2004.

Jose Martinez de Velasco, „Los documentos secretos  de los Legionarios de Cristo“. Editiones B. Barcelona, Bogota, Bues Aires, 2004.

Marcial Maciel, „Mi vida es Cristo“. Planeta Editicion, Barcelona 2003.

Angeles Conde, David J.P. Murray, „Fundacion“. Historia y actualidad de Legion de Cristo. Planeta Editcion,  2005.

Fußnoten zum Beitrag über die Legionäre Christi von Christian Modehn

1) Es handelt sich um fünf Bischöfe:

-Msgr. Ricardo Watty Urquidi, M.Sp.S., Bischof von Tepic (Mexiko). Er untersuchte die Legionäre in Mexiko, wo der Orden sehr viel Einfluß hat, und in Zentralamerika.

-Msgr. Charles Joseph Chaput, O.F.M. Cap., Erzbischof von Denver (USA), er untersuchte die Legionäre in den USA und Kanada.

-Msgr. Giuseppe Versaldi, Bischof von Alessandria (Italien), er untersuchte die Legionäre in Italien, Israel, Korea und auf den Philippinen.

-Msgr. Ricardo Ezzati Andrello, S.D.B., Erzbischof von Concepción (Chile), er untersuchte die Legionäre in Südamerika.

-Msgr. Ricardo Blázquez Pérez, Bischof von Bilbao (Spanien), er untersuchte die Legionäre in Europa (mit Ausnahme von Italien).

2) Bezüglich der Mitgliederzahlen des Regnum Christi schwanken die Angaben. Die Legionäre selbst nennen am 5. Febr 2009 die Zahl 50.000, andere Quellen nennen höhere Zahlen.

3) New York Times, 4. Februar 2009.

4) Chilenisches Fernsehen am 18.8.2009, Nach einem Bericht der Zeitung La Tercera, Santiago, 19. August 2009.

5) Maciel war nicht der einzige Legionär, den man pädophiler Handlungen anklagte. Einige Jugendliche haben von ihrem Missbrauch gesprochen, in Mexiko gab es Vorfälle in den Schulen Cumbres (1970), Ceica (1983) und Cumbres de Cancun (1991) Siehe: Luis Pablo Beauregard in: http://www.soitu.es/soitu/2009/08/11/actualidad/1249988409_011150.html

6) siehe: Renew America,  August 2009, Eric Giunta.

7) Im November 1997 veröffentlicht, wurde dieser Brief  unterschrieben von:

* Félix Alarcón Hoyos, Priester in den USA

* José de J. Barba Martín,Professor am Instituto Tecnológico Autónomo de México;

* Saúl Barrales Arellano, Professor an einem katholischen Kolleg

* Alejandro Espinosa Alcalá, Unternehmer

* Arturo Jurado Guzmán,  Professor an der Escuela de Lenguas del Departamento de Defensa de Estados Unidos;

* Fernando Pérez Olvera, Chemiker

* José Antonio Pérez Olvera, Rechtsanwalt.

* Juan José Vaca Rodríguez, laisierter Priester, enger Mitarbeiter Maciels während 30 Jahren und ehemaliger Leiter der Legionäre in den USA.

Quelle: http://www.mexiko-lexikon.de/mexiko/index.php?title=Marcial_Maciel_Degolla

8) Zum Missbrauch des Beichtgeheimnisses („absolutio complicis“) durch Maciel verweist der Kenner der Legionäre Fernando M. Gonzalez, auf den ähnlichen Umgang der Mafia mit dem Beichten, am Beispiel des Sizilianers Bernardo Provenzano, in „La iglesia del silencio“, dort S. 232. Siehe Literaturliste am Ende des Beitrags.

9) Auf dieses römische „Netzwerk“ weist Angeles Conde hin in seinem Buch „Die Gründung“, Geschichte und Gegenwart der Legionäre Christi, Wien 2006, S 264. Dieses Buch ist wohl die zeitlich letzte Hagiographie, die über Maciel veröffentlich wurde.

10) dokumentiert in: http://www.mexiko-lexikon.de/mexiko/index.php?title=Marcial_Maciel_Degollado

11) in: „La iglesia de silencio“, op.cit. S 236.

12) Nur ein typisches Zitat aus den „theogischen“  Arbeiten Maciels: „Wahre Freude bestehe nicht, wie vielfach irrtümlich angenommen, in Geld, Genuss oder Macht, sondern darin, dass wir einen einfachen und authentischen Glauben leben. Wer Gott aufnimmt, wer ihn liebt, ihm nachfolgt, ihn nachahmt, der verwirklicht das „innerste Verlangen seines Daseins, der findet den Ort der Glückseligkeit, des Friedens, der inneren Ruhe. So Maciel in seinem Buch: „Es ist wirklich sehr einfach glücklich zu sein“, 2008 erschienen in dem Verlag „Center for Integral Formation“.

Im Verlag der Catholic Media erschienen von Maciel u.a. „Christus ist mein Leben“ und „Priester für das dritte Jahrtausend“. Ausgerechnet Maciel äußerte sich darin auf 287 Seiten zur „Ganzheitlichen Priesterausbildung“. Vgl. Zenit vom 13. Juni 2008.

13) Auch der laisierte Priester Alberto Athié berichtet von Kardinal Ratzinger, der auf die Frage antwortete, warum er nicht die Anklagen der Missbrauchsopfer ernst nehme: „Dies wäre nicht klug, denn Pater Maciel ist eine vom Papst Johannes Paul II. sehr geliebte Person“.

In: „El Circulo del Poder“, S. 92. siehe Literaturliste am Ende des Beitrags.

14) Zum Reichtum der Legionäre: http://www.redescristianas.net/2009/08/15/la-hija-del-pecador-legionario-de-cristoidoia-sotajose-manuel-vidal

15) siehe: El Mercurio, Santiago de Chile, sábado 19 de septiembre de 2009

16) siehe:

http://institutointerglobal.org/catolicismo/1254-marcial-maciel-degollado-y-los-legionarios-de-cristo-iun-hombre-de-dios

17)siehe: http://www.redescristianas.net/2009/09/23/guerra-por-la-herencia-de-maciel-el-estremecedor-testimonio-de-su-sobrino-alejandro-espinosa/

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“Homosexuelle kommen nicht in den Himmel” – Theologische Perspektiven von Kardinal Lozano Barragan

„Homosexuelle kommen nicht in den Himmel“:

Theologische Perspektiven von Kardinal J. Lozano Barragan, Rom

Die italienische Presseagentur ANSA meldet am 2. 12. 2009: Der Kurienkardinal in Rom,  Javier Lozano Barragán (ein Mexikaner, 76Jahre alt),  habe in einem Interview betont: “Homosexuelle und Transsexuelle kommen nicht in den Himmel“. Als Begründung nannte der Kardinal die „berühmte“ Stelle aus dem Römerbrief des Apostels Paulus (1, 23ff).  Wie alle Fundamentalisten versteht er diese Bibelstelle wortwörtlich, er macht sich nicht die geringste Mühe, dieses Statement aus dem Jahre 60(!) in einen historischen Kontext zu stellen.

Der mexikanische Kardinal war bis zu seiner Pensionierung kürzlich einer der engsten Mitarbeiter des Papstes. Er sollte sich als „Präfekt“ um die geistige und körperliche Gesundheit der Katholiken, wenn  nicht der Menschheit kümmern! Lozano Barragán fügte in dem genannten Interview hinzu: „Wenn Homosexuelle und Transsexuelle gegen die Würde des Leibes handeln, werden sie bestimmt nicht in das Himmelreich eingehen“. Was das im einzelnen bedeutet, ließ er offen. Indirekt will er wohl sagen: Sie kommen in die Hölle.

Der Kardinal hat offenbar eine direkte Verbindung zum lieben Gott, er glaubt zu wissen, wem die Himmelstür offen steht und wem nicht. Im Mittelalter hatten viele Theologen solches absonderliche Wissen und konnten entsprechend strafen und ausgrenzen. Mit dieser Aussage, eines Kardinals im 21. Jahrhundert,  werden Homosexuelle und Transsexuelle offiziell als „Verlorene“, als „Minderwertige“, der Hölle offenbar Anheimgegebene betrachtet. Der Kardinal reiht sich damit aktuell ein in die Hasstiraden von heutigen RAP – Sängern z. B. in Deutschland und Jamaika, vor allem in die Schlägertrupps,, die weltweit homosexuell lebende und liebende Menschen verfolgen und gewaltsam erniedrigen. Von  den Verfolgungen Homosexueller bis zum Jahr 1960 selbst in europäischen Staaten ganz zu schweigen.

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ wird über das Thema auch deswegen diskutiert, weil die Ausführungen des Kardinals die Menschenwürde verletzen und indirekt zum Hass aufrufen.

Diese Aussagen sind skandalös, sie sind –nicht nur theologisch- Unsinn. Selbst der im ganzen homosexuellen feindliche Offizielle Katechismus der römischen Kirche ist da noch milder. Die Frage ist, ob irgendein Theologe oder Bischof diesem Kardinal widerspricht. Aber dazu fehlt es in der römischen Kirche vielleicht längst an Mut. Interessanterweise gehört Kardinal Lozano Barragán zu den Verteidigern der Versöhnung des Papstes mit den Pius Brüdern. Er entschuldigte den Holocaust Leugner, den Traditionalisten Bischof Williamson, mit den Worten: „Ist es eine Sünde, eine Dummheit zu sagen?“ (so die spanische Tageszeitung El Mundo am 8. Feb. 2009).  Und als er als Chef des Gesundheit – Ressorts des Papstes zur Aids Thematik angesprochen wurde, begründete er seine Ablehnung der Kondome mit den Worten: „Meine offizielle Meinung besteht darin, das getreu wiederzugeben, was der Papst sagt“, so am 6. Mai 2006, in „Cardinalrating“. Mit solchen Worten haben Funktionäre in Bürokratien aller Länder immer schon gesprochen. Bis jetzt hat sich der Papst nicht von den Worten seines Mitarbeiters distanziert. Ist das zu erwarten?

Perry Schmidt -Leukel plädiert für multireligiöse Bindungen

Vorschläge von Prof. Perry Schmidt Leukel, Münster

In einem Interview am 21. 11. 2008:

Unterschiedliche spirituelle Traditionen, gut ausgewählt und mit Bedacht praktiziert, erschließen die unausschöpfliche Tiefe der göttlichen Wirklichkeit. Wie in einem Kunstwerk fügen diese Menschen verschiedene Elemente zur Einheit zusammen. Theologen sprechen darum in einem positiven Sinn von Patchwork – Religiosität. Wer Geschmack an mehreren Religionen findet, sollte sich seine Vorliebe nicht schlecht reden lassen, meint der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt – Leukel. Als katholischer Theologe hat er selbst die Grenzen konfessioneller Kirchlichkeit kennen gelernt, als ihm die Bischöfe in Bayern die Lehrbefugnis verweigerten wegen seiner Interessen am interreligiösen Dialog. An der Universität von Glasgow, Schottland, konnte er hingegen SEIN Thema, die „multireligiöse Bindung“,  weiter bearbeiten. Inzwischen ist er Mitglied der schottischen Episcopal Church.  Seit kurzer Zeit lehrt er in Münster. Dieses Auf und Ab im eigenen Leben ist für Perry Schmidt Leukel aber kein Grund, sich den Geschmack an der Vielfalt der Religionen verderben zu lassen.

„Man hat dafür auch den Begriff geprägt,  dass Menschen heute zunehmend Religion à la carte haben. Andere haben darauf hingewiesen,  auch von soziologischer Seite, dass jemand, der also kein fertiges Menu im Restaurant bestellt, sondern sein Essen à la carte aussucht, ja durchaus in der Regel bereit ist, mehr auszugeben und eventuell auch bewusster wählt. Wenn jemand à la carte isst, heißt das ja nicht,  dass er als Vorspeise, als Hauptgericht, als Nachtisch dreimal nur Süßspeise wählt. Das kann durchaus gelegentlich Mal der Fall sein. Es kann aber durchaus sein, dass jeder von allem, was es gibt, jeweils die gesündesten Dinge aussucht. Und ich denke, das gilt auch für diese Patchwork – Religiositäten“.

Multireligiöse Mystiker halten nichts von Propaganda und Werbekampagnen. Sie treten nicht ständig in die Öffentlichkeit. So ist ihre genaue Anzahl schwer zu ermitteln. Immerhin haben sie in Holland ihren eigenen Internetaufritt, und im englisch – sprachigen Raum gilt „Multireligiös“ bereits als Trend, hat der Theologe und Religionswissenschaftler Perry Schmidt Leukel beobachten können:

„Früher war der Gedanke eines Entweder Oder. Entweder die eine Religion ist wahr, oder die andere Religion ist wahr. Wenn ich jetzt Wahrheit in der anderen Religion entdecke, dann muss ich konvertieren, weil dann kann wohl meine eigene nicht mehr wahr sein. Heute, auch theologisch, rechnen wir mehr und mehr damit, dass sich geistliche, spirituelle Wahrheit in verschiedenen religiösen Traditionen findet. Und das ermöglicht dann auch den Gedanken, dass, wenn ich von einer anderen religiösen Tradition angezogen bin im konstruktiven Sinne, wenn ich die Erfahrung mache, das, was ich von anderen Religionen lerne, hilft mir in meinem eigenen privaten Leben, in meinem Glaubensleben, dass ich dann so etwas wie eine multireligiöse Identität entwickle“.

Inzwischen reagieren die Führer der alten, fest umschriebenen religiösen Identität sehr gereizt auf so viel interreligiöse Lernbereitschaft. Papst Benedikt XVI. hat im November 2008 betont, ein „interreligiöser Dialog im Sinne von persönlicher Lernbereitschaft aufseiten der Christen“ sei „nicht möglich“. Entsprechend verwarnte der Vatikan einmal mehr engagierte Theologen, so kürzlich den in Washington lehrenden vietnamesischen Peter Phan: In seinen Büchern zum Dialog mit dem Buddhismus relativiere er die absolute Wahrheit des Christentums, heißt es! Klare konfessionelle Grenzen wünschen sich auch konservative Mullahs in Indonesien: Sie wollen den Muslimen die Yoga Praxis verbieten: Wer Mantren singe, schwäche seinen islamischen Glauben… Die Führer der Religionen wollen Untertanen, die der einen konfessionellen Wahrheit sozusagen hundertprozentig entsprechen. Aber dies ist ein Ansinnen, das Religionswissenschaftler, wie Professor Schmidt Leukel, geradewegs naiv finden:

„Denn welcher Mensch kann denn von sich sagen, dass er oder sie in seinem Leben eine komplette religiöse Tradition verinnerlicht hat? Ist es nicht so, dass jeder von uns sich immer nur die Dinge aus einer Religion aneignet, die er oder sie als besonders hilfreich in seinem Leben auch erlebt hat. Niemand von uns glaube ich, lebt das ganze Christentum. Kein Muslim lebt den ganzen Islam, sondern bestimmte Aspekte, mit denen wir konfrontiert wurden und die wir als hilfreich erfahren haben und die uns prägen. D.h. Religion, Religiosität, scheint mir immer irgendwo Patchwork Religiosität zu sein. Nur mit dem Umstand, dass heute für viele Menschen die Patches zunehmen, aus unterschiedlichen religiösen Traditionen stammen und nicht mehr nur aus einer einzigen“.

Immer mehr Menschen werden sich persönlich auf mehrere Religionen einlassen, darin sind sich die Beobachter einig. Und Perry Schmidt Leukel meint sogar, die Bereitschaft des einzelnen, von anderen Religionen zu lernen, dürfe von nichts und niemandem auch nur eingeschränkt werden:

„Wenn jemand ernsthaft sein Leben als religiöser Mensch zu leben versucht, in einer anderen Religion etwas findet, was man persönlich als gut, als wahr, als heilig betrachtet. Dann hat dieser Mensch ja gar nicht die Freiheit, dieses abzulehnen. Es ist schlicht und ergreifend keine spirituelle Option zu sagen: Ich erkenne dort eine Wahrheit, aber nein: Davon will ich nichts wissen, weil diese Wahrheit steht in einer anderen Religion. Dieses ist nicht möglich. Es ist in gewisser Weise eine spirituelle Verpflichtung, all das in mein Leben zu integrieren, was gut, wahr und heilig ist. Paulus schreibt einmal: Prüfet alles, das Gute behaltet“.

Erkennen die großen religiösen Institutionen diese Chance? Der Religionswissenschaftler Perry Schmidt Leukel:

“Die Herausforderung scheint mir wirklich die zu sein: Können die christlichen Kirchen mit diesem zunehmenden Phänomen multireligiöser Spiritualität oder Identität umgehen? Sind sie darauf vorbereitet? Wie reagieren Sie darauf, dass in Ihrer eigenen Mitte Menschen sind, deren persönliche Religiosität bereits von mehreren Religionen geprägt ist? Wie gehen Kirchen damit um, wie gehen sie darauf ein. Das ist noch eine vollkommen offene und bisher weitgehend ignorierte Fragestellung“.

(Diese Stellungnahmen wurden zum großen Teil schon in Radio Beiträgen von mir für den RBB und WDR eingesetzt.)

Herman Verbeek: Poet, Mystiker, Theologe

Herman Verbeek, geb. 1936 in Groningen, konnte am 1. Februar 2013 dort, in seiner Heimatstadt, nach schwerer Krankheit, mit ärztlicher Hilfe – nach eigenem Entschluß -, sterben. Er war katholischer Priester, Poet, Mystiker, Politiker. Er war viele Jahre Vorsitzender der PPR (Partei der Radikalen),  dann für die Grünen Mitglied im Europaparlament. In den ökumenischen Basisgemeinden war er stark engagiert. Seine Asche würde über dem Meer ausgestreut.

Wir kannten ihn seit 30 Jahren. Er war ein Freund. Unvergessen. Bitte beachten Sie auch einen anderen Beitrag von uns über Herman Verbeek: Klicken Sie bitte hier.

Eine aktuelle Ergänzung, zuerst in niederländischer Sprache: Onlangs is verschenen het boek ‘De monnik, het leven en de dood’.
Dit boek is geschreven door Herman Verbeek en was in concept voor zijn sterven in 2013 al gereed.
Het Verbeekfonds heeft gemeend dit boek alsnog uit te moeten geven. Het bevat 100 liederen met tekst, muziek en uitgebreide toelichting van Herman Verbeek en is geïllustreerd door de tekenaar Sam Drukker. U kunt het boek bestellen via het Verbeekfonds  www.Verbeekfonds.nl.  Prijs € 24,50 excl. verzendkosten of via mijn mailadres: Onlangs is verschenen het boek ‘De monnik, het leven en de dood’.
Dit boek is geschreven door Herman Verbeek en was in concept voor zijn sterven in 2013 al gereed.
Het Verbeekfonds heeft gemeend dit boek alsnog uit te moeten geven.
Het bevat 100 liederen met tekst, muziek en uitgebreide toelichting van Herman Verbeek en is geïllustreerd door de tekenaar Sam Drukker.
U kunt het boek bestellen via het Verbeekfonds  www.Verbeekfonds.nl.  Prijs € 24,50 excl. verzendkosten.

Vor kurzem erschien das Buch von Herman Verbeek “Der Mönch, das Leben und der Tod”. Vor seinem Tod 2013 war das Konzept dieses Buches fertig. Darin sind 100 Lieder von Herman Verbeek enthalten, auch mit ausführlichen Erläuterungen von ihm, Sam Drukker hat das Buch illustriert.  Bestellungen über den Verbeek Fonds: www.Verbeekfonds.nl

……….

In unserem Beitrag von 2009, nach einer weiteren Begegnung mit Herman Verbeek in Groningen,  schrieben wir:

Für Herman Verbeek kommen nur ökumenische Feiern (mit gemeinsamem Abendmahl) in Frage. Seit mehr als 20 Jahren ist er Dichter und Musiker. Er hat mehrere Gedichtbände und Liedtexte publiziert sowie auch CDs, sie finden in Holland viel Beachtung. Sie sprechen von der Tiefe des Lebens, ohne dabei dogmatisch gebunden oder konfessionell eingeschränkt zu sein. In Deutschland sind die Gedichte Herman Verbeeks leider noch ziemlich unbekannt. der “Religionsphilosophische Salon” weist machdrücklich und voller Sympathie auf Verbeeks Arbeiten und seine Theologie hin. Denn dort kommen viele für uns religionsphilosophisch wichtige Perspektiven zur Sprache. Herman Verbeek hat sich von den klassischen chrislichen Dogmen weithin befreit. Er sah sie als Belastungen und Irritationen an, nicht nur in den chrislichen Kreisen! Ihm lag daran, frei zu werden für das einzig Entscheidende: ein menschliches, menschenwürdiges Leben für alle. Dieser Spiritualität fühlte er sich verpflichtet in seinen zahlreichen Gedichten und Liedern.

Werd still meine Seele

Werd still meine Seele, geh in den Garten der Stille,

Geh zu dem Baum, der da heißt Lebensbaum.

Hör auf die Stimme, die bittet, stille zu werden,

Damit du eine Weile in deinem Traum verweilst,

Damit Ehrfurcht sei für alle Bäume des Lebens.

Hör auf den Baum, die Stimme spricht in deinem Traum.

Werd still meine Seele, sieh dich um in der Stadt der Menschen

Wo man betäubt die stille Stimme nicht hört.

Bei dem Getöse und den blinden roten Augen,

Die nicht mehr sehen, wo auch Hören nichts mehr hört.

Höre dort die Stimme in sanft verträumten Tönen

Ein sanftes Lied vom Leben, selbst ein Wort.

Werd still meine Seele, neige dich zur Erde,

Erschaudere vor Ehrfurcht.

Setz Fuß für Fuß auf die vor Tau schimmernde nasse Weide

Sieh auf die Spur, auf der deine Schritte gehen.

Zertritt ihn nicht, den Erdenmund

Werd still meine Seele, damit du in Liebe gehst.

Übersetzung: Christian Modehn

Aus der neuen CD von Herman Verbeek: „Word stil mijn ziel“. Teksten van Herman Verbeek op anglicaanse melodien. Stichting Verbeek Fonds. Groningen.  2006.

Wenn das Licht kommt

Wenn das Licht kommt

Tritt nach draußen in das Licht

Wenn ein Weg ist

Begib dich behutsam auf den Weg

Wenn irgendwo ein Stein liegt

Trag den Stein auf deinem Rücken

Wenn sich ein Wort ankündigt

Lass das Wort für dich zur Offenbarung werden

Wenn es Tränen gibt

Vertrau dich den Tränen an

Wenn jemand dich fragt

Vereinige dich mit ihm

Und bleib allein

Und lebe mit Gott

Lass niemanden zurück

Grüße den Frieden

Wenn plötzlich die Nacht kommt

Grüß ganz offen die Nacht

Aus: „Getijden“. Ein Sammlung von Gedichten von Herman Verbeek.

Übers. Christian Modehn

 

Aus einem Interview: Christian Modehn im Gespräch mit Herman Verbeek, Groningen NL.

Man soll sich nie ein Gottesbild machen, auch nicht mit der Sprache, auch nicht mit Lehre. So macht man sich ein Abgott.

Worauf zielt meine Haltung?

Erstens: Das Leben ist heilig. Jedes Leben, auch eine Rose, auch ein Baum, auch Wasser.

Ich denke, der schönste Namen, den man in der hebräischen Bibel für Gott hat, ist Stimme, und Stimme ist weiblich.

Die Stimme ist deine Stimme, sie sucht deine Worte. Wenn du ernsthaft lebst und die Liebe nicht fürchtest, hörst du eine Stimme. Diese Stimme ist kein Dogma!

Zweitens.

Ich mag das Wort Gott nicht. Es ist ein germanisches Wort. Gott kann man nicht singen. Sie hören mich nie „Gott“ sagen, auch nicht in der Kirche, auch nicht in der Liturgie. Ich nehme als katholischer Priester immer an ökumenischen Gottesdiensten teil. Eigentlich spreche ich auch nicht von „Gottesdienst“. Ich meine eher: Wir feiern, wir kommen zusammen, wir besinnen uns, wir haben Meditation, wir haben Fest usw. Aber das Letzte, im Sinne des Wichtigsten,  ist immer: Du, Liebe, Du.

Aber so viele laufen den Göttern der Welt in die Arme. Geld, Leistung, Konsum, Wachstum. Der eigentliche Gott ist Geld. Das ist so pervers, dass Gott „rollen“ muss, wie man das Geld zählt. Geld und Konsum, das sind die Götter, die herrschen.

Kaufhaus, Börse, das sind die neuen Tempel. Die Kirchen haben das nicht verstanden, oder sie wollen es nicht wissen, wo die am meisten verehrten Götter heute sind.

Welttag der Philosophien – nur heute?

Welttag der Philosophie – mehr als ein Titel?

An jedem dritten Donnerstag im November wird – nun schon seit einigen Jahren – der WELTTAG der PHILOSOPHIE …ja was denn: begangen? Was heißt in dem Zusammenhang „begehen“: Wer geht da wirklich hinein ins Philosophieren? Wie viele erstarren noch immer, wenn sie Philosophie hören, weil sie meinen, sie sei nur abstrakt, akademisch, abgehoben, überflüssig usw.?

Wird dieser Welttag des umfassend – kritischen Nachdenkens  nicht erdrückt von so vielen anderen Welttagen, die sich auf Krankheiten, Gebrauchsgegenstände, soziale Fragen usw. beziehen? Ist es Ausdruck philosophischer Arroganz vorzuschlagen, dass der „Welttag der Philosophie“ einen Ehrenplatz unter allen anderen Welttagen erhalten sollte, weil ja die Philosophie so all – gemein, d.h. für alle denkenden Wesen, wichtig sei?

Wie kann es gelingen, dass Philosophie überhaupt aus der akademischen Nische, in Deutschland vor allem,  befreit wird? Wie können Philosophen in der Öffentlichkeit zeigen, dass Philosophieren tatsächlich ein Lebensvollzug eines JEDEN Menschen immer schon ist? Jeder Mensch ist also Philosoph, ohne, dass er es –meistens – schon weiß.

Dann könnte die Philosophie als Lebensform wieder ins Gespräch gebracht werden.  Gerade angesichts aller Krisen in Politik und Ökonomie, aller Versteinerungen und Fundamentalismen in den Religionen und Kirchen lockert Philosophie das Denken auf, entkrampft aus dogmatischen Erstarrungen, fördert die Lust am Leben. Philosophie ist alles andere als die „ancilla theologieae“, die Dienerin der Theologie, wie die mittelalterlichen Kirchen arrogant sagten und dabei das selbständige philosophische Denken eingrenzten, wenn nicht (zer)störten.

Aber diese Themen, etwa von Philosophen der Lebenskunst ins Spiel gebracht, allen voran von Pierre HADOT, müssen in Deutschland die breite Öffentlichkeit erreichen. Welche Bedeutung hat die Lebenskunst einer neu gelesenen Stoa? Welche spirituelle Kraft bietet auch die modern gelesene Skepsis?

Warum gibt es in Frankreich etwa die hervorragende natürlich an Kiosken vertretene Monatszeitschrift „philosophie magazine“? Warum gibt es in Holland mehrere philosophische Monatszeitschriften? Warum gibt es dort einen Monat der Philosophie? Warum hat die niederländische Tageszeitung TROUW sinnvoller weise TÄGLICH eine Rubrik „Religion und Philosophie“?  Warum verschläft Deutschland das zunehmende Interesse der Menschen am „selber denken“?  Was heisst Welt- Tag der Philosophie? Wie steht es mit der Philosophie in Indien und Costa Rica, in Gabun und Papua Neuguinea, in Kanada und Brasilien? Wer weiß überhaupt etwas vom Philosophieren dort?

Vielleicht sollten philosophisch Interessierte und Philosophen deutlich machen: Philosophie braucht zwar einen Welttag der Philosophie als Erinnerung, dass es sie noch gibt (natürlich immer im Plural!), aber man sollte doch betonen: Philosophieren ist alltäglich. Jeder Tag ist Welt – Tag der Philosophien.

Beiträge in der Zeitschrift Orientierung, Zürich

Meine Beiträge, etwa über die Neue Rechte in Frankreich (1982), in der Zeitschrift Orientierung, Zürich, sind erreichbar unter:
http://www.orientierung.ch/page.asp?DH=30&t1=Christian&t2=Modehn
Die Zeitschrift ORIENTIERUNG wurde leider eingestellt.Aber im Internet sind die Beiträge dieser wichtigen Zeitschrift noch ereichbar.
Meine Artikel im einzelnen:

KIRCHE Nr. 3 15. Februar 1983
Guy-Marie Riobé (1911-1978): Zu einer Veröffentlichung von J. S. Six – Biographie mit reichhaltiger Dokumentation – Ein traditioneller Christ wird Bischof – Öffentlicher Fürsprecher für Kriegs- und Atomtestgegner – Im gesellschaftlich-politischen Konflikt Berufung zum Bischof neu entdeckt – Die politisch-soziale Dimension des Amtes – Im Zweifel für die Freiheit des Evangeliums – «Mystik des Ereignisses» – Priester- und Amtsfrage in der Kirche – Isoliert von seinen bischöflichen Kollegen.
Christian Modehn, Berlin

IDEOLOGIE Nr. 11 15. Juni 1982
Die neue Rechte – europäisches Phänomen (2):: Nominalistischer Wirklichkeitsbegriff und zyklisches Geschichtsverständnis – Herren-Moral bestimmt über Gut und Böse – Lob des Polytheismus gegen den jüdisch-christlichen Monotheismus – Wider die Sprengkraft der politisch umgesetzten Gleichheitsforderung – Christentum nur als Ordnungsmacht akzeptierbar – Forderung nach einem «unversehrten» Europa – Mögliche politische Wirkung der Neuen Rechten: sie bietet einem repressiven Staat Legitimationssprache an.
Christian Modehn, Berlin

IDEOLOGIE Nr. 10 31. Mai 1982
Die Neue Rechte – europäisches Phänomen (1): Gruppierungen, Zeitschriften und Autoren – «Deutsche Seelentiefe» neuentdeckt in Paris – A. de Benoist als wichtigster Propagandist – Nach rückwärts gewandte Kulturkritik – Gefährlicher Denkfehler: Gleichsetzung von «verschiedenen» und «ungleich» – Sozialbiologisch verpacktes Plädoyer für Renaissance von Führern und Eliten – Hierarchie im Tirereich abgstützt.
Christian Modehn, Berlin

PASTORAL Nr. 2 31. Januar 1979
Carl Sonnenschein (1876-1929): Berliner Großstadt-Seelsorger in den «zwanziger Jahren» – Lehrjahre in Wuppertal/Elberfeld und Arbeit beim Katholischen Volksverein in Mönchengladbach – Für die Entklerikalisierung der christlichen Gewerkschaften – Antwort auf die Herausforderungen der Großstadt und ihrer sozialen Probleme – Engagement in der Publizistik – Kirche und deren Klassenbindung als Anfrage an kirchliches Handeln.
Christian Modehn, Berlin

KLÖSTER Nr. 18 30. September 1978
Neue und alte Kommunitäten in Paris: Eine Ordensgründung eigener Art: die «Neue Mönche» in St. Gervais –Oasen der Kontemplation auch bei Benediktinern, Klarissen und Vistitantinnen – «Au curé» gegenüber dem Moulin Rouge – «Gemeinschaft der Hoffnung» – Das Vorbild der Dominikanerinen. Le Saulchoir: Theologie für die Stadt.
Christian Modehn, Berlin

GEMEINDE Nr. 17 15. September 1978
Experimente in Paris: Neue Formen pastoraler Präsenz in der Metropole – Die «offene Kirche» von St. Séverin: Abendkonferenz und Gespräche für jedermann – St. Merri beim Centre Pompidou: Kunstausstellungen und Kirchenmusik – St. Louis d’Antin: Elf Eucharistiefeiern in Bahnhofnähe – Experimente von Laienverantwortung in der Gemeindeleitung.
Christian Modehn, Berlin

THEOLOGIE Nr. 12 30. Juni 1973
Theologie der Befreiung im Gespräch: Südamerikanische Theologie gewinnt in Europa Interesse – Hoffnung nach der Überwindung falscher Gegensätze – Ist die europäische Theologie kapitalistisch? – Die Mühe des Verstehens – Das Ungenügen der Theorie.
Christian Modehn, St. Augustin

Heideggers “praktische Lebenshilfe”

Die Leidenschaft für das “Nutzlose”

Gelassenheit führt uns ins Offene, und als freie Menschen können wir immer noch Nein sagen zur Verführung durch die Allmacht der Automaten. Gespräche am Feldweg mit Martin Heidegger

Von Christian Modehn

Pünktlich zum Glockenspiel der Martinskirche in Messkirch haben sie sich versammelt: Zwei Philosophen, ein Theologe und ein Mönch. Martin Heidegger hat sie in seine badische Heimat eingeladen. Im Mesnerhaus am Kirchplatz ist er großgeworden. An der Kirche vorbei, über den weiten Platz des Renaissanceschlosses hinweg ist er schon als Student zu Spaziergängen aufgebrochen. Auf dem Feldweg, gleich hinter der Stadt, wollte er sich nicht etwa »die Zeit vertreiben«, sondern im achtsamen Gehen und Verweilen inmitten der Natur konnte er philosophisch meditieren und dabei die Gelassenheit einüben. An dieser Erfahrung möchte er seinen Gästen Anteil geben. »Hat denn Gelassenheit nicht mit Loslassen zu tun, mit dem Verzicht auf bisherige Lebensentwürfe?« Mit dieser Frage hat er seine Gäste begrüßt. »Könnte nicht die Gelassenheit wie eine grundlegende Therapie erscheinen im Umgang der Menschen mit sich selbst und der Umwelt?« Die technische Welt der Maschinen und Roboter, diese Welt der permanenten Beschleunigung und der Ausbeutung aller Kräfte kann Heidegger nicht aufheben. Er möchte ein neues Denken vorschlagen, damit sich die Menschen von dieser Welt nicht völlig vereinnahmen lassen. Seinen Gästen schärft er ein: »Die Natur wird zu einer einzigen riesenhaften Tankstelle, zur Energiequelle für die moderne Technik und Industrie. Welche große Gefahr zieht so herauf? Dann geht mit dem höchsten und erfolgreichsten Scharfsinn des rechnenden Planens und Erfindens die Gleichgültigkeit gegenüber dem besinnlichen Nachdenken zusammen. Wenn diese Entwicklung sich fortsetzt, verliert der Mensch sein Eigenstes, dass er nämlich ein nachdenkendes Wesen ist.« Heidegger zeigt, wie wir als freie Menschen immer noch Nein sagen können zur Verführung durch die Allmacht der Automaten und Computer.

Bevor sie zum Feldweg aufbrechen, empfiehlt Heidegger, grünen Tee im »Schlosscafé« zu trinken. Bei diesem »himmlischen Getränk«, wie Japaner sagen, sammelt sich das Denken. Der Geist wird wach, die Vernunft weitet sich in das ungegenständliche Denken. Damit wird die Seins-Frage berührt: Denn Heidegger nennt alle Wirklichkeiten der Welt, Menschen wie Dinge, »Seiendes«. Und dieses »Seiende« wird vom »Sein« wie von einer unsichtbaren Energie im Dasein gehalten und am Leben erhalten. »Sein« ist vergleichbar einer geistigen Ursprungskraft. Ihr gilt das ganze Denken Heideggers. So verwundert es die zum Tee Versammelten nicht, dass er das Gespräch mit seinem bevorzugten Thema eröffnet: »Das Auszeichnende des Menschen beruht darin, dass er als das denkende Wesen auf das Sein bezogen bleibt und ihm so entspricht. Der Mensch ist eigentlich dieser Bezug der Entsprechung. Im Menschen waltet ein Gehören zum Sein. Mensch und Sein sind einander übereignet, sie gehören einander.«

Schwierige Worte, gewiss. Heidegger will darauf hinweisen: Der Mensch ist mit dem Sein, dem Unsichtbar-Wirkenden und Umgreifenden, verbunden, er ist nicht in der sichtbaren Welt der Dinge eingeschlossen. Wird das Sein zum Beispiel als die Lichtquelle verstanden, die alles erleuchtet, so erlebt der Mensch: In meinem Geist kommen die Dinge und die Lichtquelle für alles Dasein zusammen. Insofern ist der Mensch mit dem Sein, dem Unsichtbar-Wirkenden, verbunden. Er »gehört« zum Sein, er vermag dessen Botschaft zu vernehmen. Das Sein ist so umgreifend und alles begründend, dass es über die Macht des Menschen hinausreicht …

Nach dem Tee führt Heidegger seine Gäste ins Freie: Durch das Hofgartentor gelangen sie auf den Feldweg. Im Gehen, im Unterwegssein, in diesem so einfachen Vollzug, will er mit seinen Gästen nachdenken, wie denn ein »anderes« Denken möglich ist, also ein friedliches, sanftes Denken, das nicht egozentrisch herrschen will.

Der Weg führt mit leichten Steigungen über Wiesen und Felder vorbei zum Ehnried. Im stets wiederkehrenden Blühen und Welken und Absterben zeigt sich die Ganzheit des Lebens. Natur und Welt werden von dem gründenden, aber unsichtbaren Sein wie von einer alles ermöglichenden Energie belebt. In Formeln oder Definitionen kann man das »Sein« nicht greifen, es ist kein irgendwann lösbares Rätsel, sondern ein »Geheimnis«. Im Schatten der Linden nimmt die Gruppe Platz, Heidegger ergreift das Wort: »Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen. Sie gewähren uns die Möglichkeit, uns auf eine ganz andere Weise in der Welt aufzuhalten. Sie versprechen uns einen neuen Grund und Boden, auf dem wir stehen und bestehen können.«

Martin Heideggers Plädoyer für die Gelassenheit findet unter seinen Gästen viel Zustimmung. Der Ordensbruder Johannes Kirschner leitet in Berlin das Kloster »Meister Eckhart«: »Es geht um das Loslassen von Anhaftungen und Gewohnheiten. Etwa wenn ich glaube, ich müsste jetzt unbedingt dies und das haben, die Zigarette oder das neue Auto. In diesen Momenten bin ich nicht mehr innerlich frei für Inspirationen, Gaben, neue Erfahrungen.«

Gelassenheit bedeutet viel mehr als der »kühle Kopf«, den man gelegentlich in hektischen Situation bewahren muss, meint Bruder Johannes: »Gelassenheit ist ein Übungsweg. Und es gibt verschiedene Formen der Übung, sei es die Meditation, sei es die Tätigkeit oder auch die geistige Auseinandersetzung. Wir sollten täglich üben, jeder in seiner Art, wie er veranlagt ist. Für mich ist der Karma-Yoga-Weg ganz wichtig, der meditative Weg der Tätigkeit. Meine Übung besteht darin, alle Gedanken loszulassen, ich gebe mich ganz der Tätigkeit hin, vereine mich mit ihr, dann komme ich in die innere Leerheit, die mich dann frei macht.«

Martin Heidegger ist dankbar, dass ein Mönch Gelassenheit als praktischen Übungsweg der Freiheit beschreibt. Nur so gibt es die Möglichkeit, das Umgreifende, das Sein, zu erfahren. Er selbst kann als Philosoph nur im Denken zeigen, wie man von der Bindung an die Technik, vom heute üblichen Verfallensein an Computer Abstand gewinnt. »Im Denken wird jedes Ding einsam und langsam«, an diese Lebensweisheit von einst erinnert er, an das Abstandnehmen von den Dingen, an die Übungen des Langsamwerdens. Seine Freunde aus Japan und anderen asiatischen Ländern sind auch für diese Kultur der Achtsamkeit eingetreten. Unter seinen Gästen ist auch ein Spezialist für asiatische Philosophien. Luis Gutheinz lebt als Jesuit in Taiwan. Er befasst sich seit vielen Jahren mit Lao Tse und dessen Weisheitslehre im Buch »Tao Te King«: Diese Weisheitssprüche aus dem fünften Jahrhundert vor Christus inspirieren auf dem Weg zur Gelassenheit, meint er:

»Es sind eher Fingerzeige zu einem Lebensgeheimnis. Hinweise, wie wir ganzheitlicher, ehrlicher, wesentlicher werden könnten. Dadurch, dass wir das Allzugeschäftigsein, das Krampfen, all dieses übertriebene Bemühen, dass wir all das noch einmal fallen lassen und den Mut haben, näher an den Rhythmus des Geschehenlassens heranzukommen, der Leere, des Hohlraumwerdens.«

Die philosophierenden Spaziergänger erleben, wie sich fernöstliche Philosophie und europäisches Denken nahekommen. Aber für Heidegger erschließen sich im Bedenken der Gelassenheit neue Horizonte. Er liest seinen Gästen eine Zeile aus »Der Feldweg« vor: »Die Weite aller gewachsenen Dinge, die um den Feldweg verweilen, spendet Welt. Im Unausgesprochenen ihrer Sprache ist, wie der alte Lese- und Lebemeister Eckhart sagt, Gott erst Gott.«

Martin Heidegger bezieht sich auf den Philosophen Meister Eckhart. Der lebte als Dominikanermönch in Erfurt und Köln im 13. Jahrhundert. Auch er hat alte Gottesbilder aufgegeben, als er über die Gelassenheit als »Lassen« und »Loslassen« nachdachte. Bruder Johannes meldet sich zu Wort: »Meister Eckhart sagt: Wenn du glaubst, du hast Gott erkannt, dann hast du irgendjemanden erkannt, aber nicht Gott. Also, Gott gefunden kann ja nur heißen, ich habe Vorstellungen und Bilder von Gott gefunden, die Bilder von Gott sind ja sehr vielfältig und schön, sie sind wunderbar. Aber es sind eben nur Bilder. Und dann gibt es dahinter eine Wirklichkeit, die viel größer und anders ist.«

Beim Spaziergang hat die Gruppe das Ehnried erreicht, in der Ferne sind die Türme der Martinskirche schon wieder sichtbar. Heidegger hat lange geschwiegen, seine Begleiter wissen, Gedanken fallen ihm in der Stille sozusagen »zu«. Als Philosoph will er nicht Altbekanntes wiederholen, sondern in einer »philosophischen Unruhe« bislang Ungesagtes entdecken, auch zur Gottesfrage. Der Philosoph Günter Figal, ein Teilnehmer auf dem Spaziergang, will gerade darauf hinweisen: »Heidegger versucht, den Erfahrungsgehalt von Religion in eine philosophische Sprache zu bringen. Er geht hinter die dogmatischen Theologien zurück, hinter die Theologien, die eine bestimmte Lehre verkünden. Er denkt das Ereignis der Präsenz Gottes als eine für sich bestehende philosophische Möglichkeit. Er versucht nicht weniger, als sich vorzustellen, wie das Göttliche oder ein Gott jenseits religiöser Dogmen als lebendig erfahren werden kann. Es ist das Wesen des Göttlichen, befreit von religiösen Erscheinungsformen.«

Der Philosoph Holger Zaborowski ergänzt diese ungewöhnliche Denkmöglichkeit mit einem Hinweis auf die Biografie Heideggers: »Er ist ja noch geprägt von einer bestimmten Form von Religiosität, die versucht hat, Gott in ein System des Denkens einzuholen, in dem man gemeint hat, man könne mit dem menschlichen Denken alles, eben auch Gott, in den Griff bekommen. Was hat Heidegger aber gemacht: Er hat versucht zu verstehen, wie denn dann eigentlich von Gott gesprochen werden kann.« Und diese »eigentliche Form des Erlebens Gottes zeigt sich im bedächtigen Denken, in der Gelassenheit …«

Der philosophische Spaziergang führt wieder durch das schmale Hofgartentor zum Kirchplatz.

Heidegger will das philosophische »Feldweg-Gespräch« ausklingen lassen, wie es begonnen hat: bei einem Glas Tee. Die Teilnehmer haben erlebt, wie sich im besinnlichen Nachdenken, im Abstand vom Alltag der Stadt, Spuren der Transzendenz zeigen. Zum Schluss ergreift der Gastgeber noch einmal das Wort: Es ist eine Einladung, die philosophische Gelassenheit im besinnlichen Denken regelmäßig zu üben, und zwar um ihrer selbst willen: »Erst wenn die Menschen sich vom dauernden Rechnen und Herrschen, Verwerten und Verwenden gelöst haben, leben sie frei«, betont Martin Heidegger und fährt fort: »Dann wächst die eigentliche Leidenschaft des Denkens, nämlich die Leidenschaft zum »Nutzlosen«. Dann wächst die Einsicht, dass ein Gedanke erst echter Gedanke ist, wenn er keinen Nutzen braucht und keinen Vergleich mit der Nutzbarkeit. Dann kann es einem vielleicht zeitweise glücken, das zu werden, was man einen Vorgänger nennt, den, der vorausgeht, auch zu einer neuen undogmatischen Gotteserfahrung in der Gelassenheit.«

Martin Heidegger (1889-1976) zählt zu den bedeutendsten Philosophen. Peter Sloterdijk hat mehrfach darauf hingewiesen, dass es Heidegger um eine grundlegende, durchaus radikale Neuorientierung des Menschen in der Welt ging, jenseits überlieferter metaphysischer Konzepte. Diese Vorschläge bleiben gültig, auch wenn Heidegger in der NS-Zeit mit seiner Parteimitgliedschaft »einen Irrweg« gegangen ist, wie der Philosoph und Biograf Manfred Geier schreibt. Geier unternimmt den Versuch, »Heidegger zu verstehen, ohne ihn lieben zu müssen«, wie er sagt. »Heidegger wurde mir zwar nicht sehr sympathisch, aber ich konnte das Konzept seines Lebens nachvollziehen. Es ließe sich ganz einfach zusammenfassen: Heidegger kommt aus kleinen Verhältnissen und strebt als Denker immer zum Größten.« Das sei das wesentliche Geheimnis seiner gesamten Philosophie, in der sich ein sehr monumentaler Zug verstecke: »Diese narzisstische Übersteigerung führte zu seinem Kokettieren mit der projizierten Größe des Nationalsozialismus.« Zusammenfassend schreibt Manfred Geier: »In der Gesamtentwicklung ist Heideggers Bild, das er sich vom Nationalsozialismus zusammengedacht hat, nur eine Episode.« In einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers vom 8. April 1950 schreibt Heidegger, er empfinde eine Scham, »jemals unmittelbar und mittelbar (am Nationalsozialismus) mitgewirkt zu haben«.

Erschienen in PUBLIK Forum, 2009.

Benedikt XVI. und die Hierarchie

Die Pyramide des lieben Gottes

Über die Macht und das System in der römischen Kirche

Von Christian Modehn

Dieser Text entspricht weitgehend der WDR Sendung:

Lebenszeichen vom 1. 11. 2009

1.O TON, 0 10“, Pesch

Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch.

Sprecher:

Otto Hermann Pesch, katholischer Theologe in München, plädiert für menschenfreundliche Strukturen in der römischen Kirche:

2. O TON, 0 14“, Pesch

Dass die Fakten oft anders sind, muss in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden, als ein Missbrauch, der geändert werden muss.

Sprecher:

„Ändern“ wollten Papst und Bischöfe ihren Umgang mit der Macht tatsächlich schon einmal: Vor fast 50 Jahren, beim Zweiten Vatikanischen Konzil, verpflichteten sich die „Oberhirten“, ihre Vorherrschaft zu begrenzen.

3. O TON, 0 21“, Pesch

Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!

Sprecher:

Worte, auf die sich Kirchenreformer bis heute wie auf eine göttliche Utopie berufen. Unmittelbar nach dem Konzil wurden zahlreiche Landessynoden und Beratungen in den Bistümern veranstaltet. Dort versammelte sich das „Volk Gottes“  im Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Weg der Kirche mitzubestimmen, sollte kein frommer Wunschtraum der Laien bleiben.

4. O TON,  0 15“, Pesch

Auf der anderen Seite fällt auf, dass man aus Furcht vor Demokratisierung der Kirche mit dem Volk-Gottes-Begriff in den lehramtlichen Äußerungen nach dem Konzil sehr zurückhaltend geworden ist.

Sprecher:

Das Prädikat „zurückhaltend“ findet Otto Hermann Pesch dann doch zu beschönigend.  Er entschließt sich, deutlicher zu werden:

5. O TON, 0 17“, Pesch

Manche sprechen ja regelrecht schon von einer Art roll back hinter das Konzil zurück., Man fürchtet, dass doch wieder daran gearbeitet wird, faktisch doch wieder die alten Überordnungs-  und Unterordnungsverhältnisse, oder wenn sie wollen, Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen.

Sprecher:

Die Hoffnungen auf eine möglichst herrschaftsfreie Kirche ließen sich nicht verwirklichen. Kritische Theologen wissen spätestens seit dem Regierungsantritt Benedikts des XVI: Papst und Bischöfe bevorzugen wieder verstärkt uralte Modelle geistlicher Herrschaft. Professor Otto Hermann Pesch:

6. O TON, 0 37“ , Pesch

Der Ausdruck Hierarchie für die kirchliche Ämterverfassung kommt zum ersten Mal auf im 5. und 6. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem berühmten Buch eines Verfassers namens Dionysius vom Areopag. Und der hat ein Buch geschrieben über die himmlische Hierarchie, und das bedeutet die Abstufung, der Stufenweg, von Gott zur Schöpfung und der Stufenweg von Gott zu den Menschen. Und dieser Hierarchie, der himmlischen Hierarchie, muss auch die kirchliche Hierarchie entsprechen. Das heißt, auch da muss es dann auch die Abstufungen geben.

Sprecher:

So gibt es also auch seit dem 4. Jahrhundert eine regierende Spitze und eine gehorsame Basis. Dieses Modell ist nicht von Weisungen des Evangeliums inspiriert, sondern vom Meisterdenker Platon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Der Kopf als „Ort“ des Geistes sei wichtiger als der übrige Körper, meinte der griechische Philosoph, und so seien auch die führenden Häupter wichtiger als der Leib mit seinen niederen Organen. Diese untergeordneten Glieder sind für die geweihten Amtsinhaber „natürlich“ das Volk, die „Laien“. Das griechische Wort laikós (Betonung hinten!) bedeutet ja: Zum Volk gehörig. Auch mit dem Urbild des altägyptischen Sakralbaus, der Pyramide, konnte sich das Papsttum anfreunden: An der obersten Spitze thront mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist der Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden. Mit diesem eher unbescheidenen Denken hat sich der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel befasst:

7. O TON, 0 46, Imbach

Faktisch wird das so gehandhabt, dass man von diesem pyramidalen Denken ausgehen muss. Aber theologisch hat dieses pyramidale Denken eigentlich keinen Rückhalt. Wenn wir auch die Konzilstexte in Betracht ziehen, letztes Konzil,  und natürlich auch die Anfänge der Christenheit, dann stellen wir da schon ein anderes Denken fest. Wenn wir dann zurückschauen auf die frühe Christenheit, die haben schon gestritten, aber das Communio prinzip, das war natürlich maßgebend, das Gemeinschaftsprinzip, Austausch usw. Von daher ist das pyramidale Denken theologisch gar nicht haltbar.

Sprecher:

Zeitgemäße theologische Kritik hat für viele Kirchenführer in Rom keine Bedeutung, meinen etliche Beobachter. Und mit dem Kirchenmodell des Neuen Testaments, der „brüderlichen Gemeinschaft“, wollten sie auch nicht so viel zu tun haben. Statt dessen bestimmten autoritärer Umgang, Kontrollen, Überprüfungen, Treue – Eide, Zensurbestimmungen das kirchliche Leben.

Nur ein Beispiel: Der Minoritenpater Josef Imbach, Professor an der Päpstlichen Fakultät San Bonaventura, wurde vom vatikanischen Machtapparat gemaßregelt: Auf Betreiben der römischen Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger musste er im Jahr 2002 seinen Lehrstuhl aufgeben. Der Grund: Er hatte die Lehre über die von Gott gewirkten Wunder modern interpretieren wollen. Ein fairer Prozess nach demokratischen Grundsätzen wurde ihm wie so vielen anderen „verdächtigten“ Theologen nicht zugestanden. Inzwischen arbeitet der Katholik Josef Imbach an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel. Aber viel schwerwiegender als die eigenen Erfahrungen sei die Personalpolitik des Papstes, meint der angebliche Irrlehrer.

8. O TON, 0 24“,  Imbach

Da werden Bischöfe ernannt von Rom. Welche Personen kommen da in Frage? Personen, die von vornherein sich die römische Denkart voll und ganz zu eigen gemacht haben. Dann ist es klar, dass dann der Weltepiskopat einheitliche Positionen von vornherein vertritt, eben aufgrund dieser Auswahlkriterien.

Sprecher:

Auch die gesamte theologische Lehre und Forschung steht unter der Kontrolle der Ortsbischöfe oder des Vatikans selbst. In Deutschland dürfen nur Theologen an eine katholische Fakultät berufen werden, die die offizielle Genehmigung, das nihil obstat der Kirche haben;  eine Politik des Verdachts, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal offiziell verteidigt hat:

9. O Ton mit Applaus 0 21“, Ratzinger

Deswegen verursachen wir manchmal mit dem nihil obstat Ärger, es zieht sich hin  usw.,  aber ich nehme diesen Ärger auf mich. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben Ärger eben einkaufen müssen. Beifall.

Sprecher:

Fröhlichen Beifall für eine harte Linie spenden hier Mitglieder des ultra konservativen „Linzer Priesterkreises“. Ganz anders ist dem katholischen Theologen Josef Imbach zumute:

10. O TON, 0 28“, Imbach

Das ist der Tod der theologischen Forschung. Denn wer irgendwie  eine akademische Laufbahn einschlagen möchte, wird sich natürlich von vornherein hüten müssen, irgendwelche heißen Eisen auch nur anzurühren. Und so wird auch hier langfristig eben dirigiert. Und das ist natürlich katastrophal für die theologische Forschung. Es ist nicht so, dass alles gesagt wurde, was hätte gesagt werden sollen. Es ist so, dass sich niemand zu sagen traut, was zu sagen ist.

Sprecher:

Als vor zwei Jahren im brasilianischen Aparecida (sprich: Appareßida mit Betonung auf dem i!) Bischöfe aus ganz Lateinamerika behutsam die Basisgemeinden unter Führung von Laien fördern wollten, korrigierte der Vatikan vor der Veröffentlichung kurzerhand das Dokument.  Der katholische Theologe und Lateinamerika Experte Gerhard Kruip hat diesen Vorgang unmittelbar beobachtet, wie ein progressives Reformpapier „gesäubert“ wurde:

11. O TON, 0 40“  Kruip

Die Änderungen sind erfolgt aus einem großen Misstrauen heraus gegenüber kritischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Die Änderungen sind geprägt von einer Haltung der Ängstlichkeit. Man betont immer wieder den hierarchischen Aspekt der Kirche! Man betont immer wieder die Kontrolle, die die Bischöfe ausüben müssen über ihre Ortskirchen, man ist insgesamt skeptisch gegenüber allem, was ein Neuaufbruch sein könnte. Wenn es vorher hieß, die Basisgemeinden sind ein Zeichen der Vitalität der lateinamerikanischen Kirche: Dann ist das nachher unter die Bedingung gestellt worden, dass die Basisgemeinden treu zur katholischen Lehre und zum jeweiligen Ortsbischof stehen.

Sprecher:

Pfarrer sind die Stellvertreter der Bischöfe in den Gemeinden und damit ebenfalls Glieder der Hierarchie. Weil aber der Mangel an Priestern immer größer wird, haben viele tausend Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber anstatt kompetente Laien, Frauen und Männer, mit der Leitung der Gemeinden zu beauftragen, werden die wenigen verbliebenen Priester mit immer mehr Aufgaben belastet, berichtet der katholische Theologe Xaver Pfister aus Basel:

12. O TON, 0 30“ Pfister

wobei bei uns jetzt Pfarreien zusammengelegt werden! Da muss immer ein leitender Priester dabei sein. Wenn ein Regionaldekan in 17 Pfarreien die Pfarreiverantwortung hat, dann ist dem Buchstaben Genüge getan, aber dem Leben überhaupt nicht. In dieser Zeit ist ganz klar die Tendenz, dass der Bischof Kirche repräsentiert und jede Pfarrei vom Bischof her ihre Form hat und nicht eine Vielfalt hat.

Sprecher:

Diese Entwicklung ist in ganz Europa und auch in Amerika zu beobachten. Den autoritären Führungsstil der Kirchenleitung erleben Betroffene als heftigen Widerspruch zur Kultur ihrer Länder:

13. O TON, 0 29“, Pfister

Man hat keine Mühe damit, dass etwas entschieden wird, wenn das einmal einsichtig ist. Aber man möchte eigentlich eine Einsicht haben und ernst genommen sein als Mensch, der handelt, weil er etwas einsieht. Und der nicht handeln muss, weil es ihm etwas aufoktroyiert ist oder befohlen ist. Das ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt, dass man demokratisch verhandeln kann und aushandeln kann, dass das so gehandhabt wird.

Sprecher:

Xaver Pfister hat unter den so wenig demokratischen Maßnahmen der kirchlichen Hierarchie über viele Jahre schwer gelitten. Als langjähriger Leiter der Pressearbeit im Bistum Basel ist er schließlich an Depressionen erkrankt, darüber hat er später in einem Buch berichtet. Wie er freimütig bekennt, hat ihn auch das Erleben kirchen-amtlicher Autorität psychisch geschädigt.

14. O TON, 0 32“, Pfister.

Ich hatte da zu wenig Rollendistanz gehabt, und ich hab mich von meinem Naturell her ganz reingegeben, und immer wieder was Neues probiert und noch mal probiert. Da kommt mal an eine Grenze. Es fehlt auch die nüchterne Bilanz: Was ist der Spielraum, was ist möglich, was ist erwartbar. Aber es gibt eine Grenze. Und jetzt beschränke ich mich darauf meine Überzeugung zu sagen.

SPR.:

Der stille Rückzug der Reformer stört die meisten „Hierarchen“ wenig. Gemeint sind mit dem Wort Machthaber in der Kirche, geweihte Männer, die die Herrschaft des Klerus über die Laien verteidigen. Wer noch katholisch sein will, soll gehorsam sein und dem „Mitarbeiter der Wahrheit“ Folge leisten! Diesen anspruchsvollen Wahlspruch hatte  sich Joseph Ratzinger als Kardinal in München ausgesucht: An seinem Motto „Mitarbeiter der Wahrheit“  hält er auch als Papst unbeirrt fest, meint der katholische Theologe Herman Häring aus Tübingen.

15. O TON, 0 40“, Häring

Nach meinem Wissen gibt es keinen Fall, also keinen Kollegen, keine Kollegin, kein betroffenes Kirchenmitglied, das vorher Sanktionen erfahren hat und bei dem, bei der er sich mal entschuldigt hätte oder was revidiert hätte. Es wurde auch nichts zurück genommen. Für ihn war katholischer Glaube von Anfang an ein autoritätsgebundener Glaube. Mich hat er immer erinnert an ein Kirchenlied, das wir als Kinder gesungen haben: Fest soll mein Taufbund immer stehen, ist der erste Vers, und der zweite: Ich will die Kirche hören. Nicht: ich will die Bibel oder Christus, sondern die Kirche. Und das war für ihn dann schon immer der Rahmen

Sprecher:

Schon als Kardinal ermunterte Joseph Ratzinger besonders „rom-treue“ Studenten, ihre möglicherweise häretischen Theologieprofessoren aufzuspüren und zu benennen. Von „Spitzeln“ wollte er bei einem Vortrag im Jahr 1990 doch lieber nicht sprechen.

16. O TON, 0 34“, Ratzinger

Mir scheint, dass also ein erster Punkt der ist, dass solche Theologiestudenten in aller Offenheit dies dem Bischof offenbaren in einer Weise, die ihm auch verständlich macht, dass es hier nicht um Denunziation oder irgendetwas geht, sondern wirklich um die Not des Gewissens und um die Verpflichtung des Glaubens, den Dienst der Kirche und die Verkündigung ihres Glaubens rein zu halten.

Sprecher:

Der „reine Glaube“  wird als ein wertvoller Schatz gedeutet, als „Glaubensdepósitum“, wie man in Rom sagt, als ein dogmatisches System, das es zu hüten und pflegen gilt:  Der katholische Theologe Hermann Häring:

17. O TON, 0 15“ , Häring

Für ihn ist der Glaube halt von Anfang an sozusagen das Glaubensdepositum gewesen. Man denkt automatisch an Fort Knox, mit Goldbarren, die drin liegen, und da ist alles, und das muss unberührt bleiben, und da kann man mal was abrufen.

Sprecher:

Was einmal als Dogma formuliert wurde, behält nach amtlicher Lehre ewige Gültigkeit. Revisionen und Korrekturen sind unerwünscht. Eines von vielen Beispielen ist die Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert, der zufolge alle Menschen schon mit der Geburt als Sünder definiert werden, für den Philosophen Herbert Schnädelbach ein eher abstoßender Gedanke:

18. O TON, 0 34“, Schnädelbach

Das geht ja vollkommen gegen den Augenschein. Also, wir haben das Glück, drei sehr niedliche Enkel zu haben Und wenn ich mir jetzt vorstelle und gucke mir die an und sehe wie die aufwachsen. Und dann zu sagen: So sind das sind geborene Sünder und die müssen erst mal getauft werden. Das ist ja eine Geschichte, die hat die Menschen Jahrhunderte tyrannisiert. Da wurden Halb- und Totgeborene noch schnell getauft, dann gab es diese Lehre von der Vorhölle für die ungetauften Kinder alle sind. In dieser ganzen Debatte wird ja klar gemacht, sie sind unfähig zum Guten. Und das ist ja  etwas, wo gegen man sich auflehnen kann.

Sprecher:

Denn ohne Taufe, also ohne die entscheidende Mitwirkung der Kirche, bleibt jeder Mensch ein unwürdiger Sünder… Zwar möchten auch Theologen diese Lehre neu interpretieren, aber diese Dogmen gar abzuschaffen, dürfen sie sich nicht erlauben. Selbst bei vorsichtigen neuen Deutungen uralter Traditionen stoßen sie in Rom keineswegs auf offene Ohren, meint Otto Hermann Pesch:

19. O TON,  0 26“ Pesch

Wenn da eine offenere Gesprächsatmosphäre wäre, auch mit dem Risiko, dass man einen Konfliktfall im Moment nicht beilegen kann, sondern darauf vertraut, dass in der öffentlichen Disputation innerhalb der Kirche sich dann die Wahrheit herausstellt, wenn solches Vertrauen mal wachsen und ein Papst auch mal sagen würde: Habt keine Angst vor dem streit in der Kirche bei einer so wichtigen Sache wie den Dingen, die christliche Glaube vertritt, ist doch natürlich, dass man darüber sich streitet, wie das richtig zu verstehen ist. Habt keine Angst, wenn es solchen Streit gibt, als ob dann der Untergang der Kirche bevorstünde, wenn so etwas mal von päpstlicher Seite aus gesagt würde, das würde Mut machen.

Sprecher:

Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die meisten Oberhirten halten sich lieber an die Gruppen und Zirkel treu ergebener Schäfchen. Hubert Gindert vom sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken“ hat diese Vorliebe Roms  noch mit Kardinal Ratzinger besprechen können:

20. O TON, 0 14“  Gindert

Er hat sich einmal geäußert, ihm kommt es nicht auf die große Zahl an. Nein, ihm kommt es drauf an: Gibt es innerhalb der Volkskirche, gibt es also hier missionarische Bewegungen, missionarische Zellen.

Sprecher:

Die Kirche als kleine Herde der hundertprozentig treuen Seelen: das ist das Kirchenbild heutiger Hierarchen. Kritische Beobachter fürchten, die römische Kirche könnte sich bald dem intellektuellen Niveau einer großen Sekte nähern. Der Baseler katholische Theologe Xaver Pfister hat diese Mentalität der Behüter und Bewahrer genau beobachtet:

21. O TON 0 14“, Pfister

Wir müssen die sammeln, die noch übrig sind. Und die sollen zusammenbleiben und die sollen eine Heimat finden. Und in dieser Einseitigkeit, denke ich,  ist das wirklich der Selbstvollzug des Endes.

Sprecher:

Aber selbst vom Schwund an Gläubigen lassen sich viele Bischöfe gar nicht irritieren. Sie sind eher stolz darauf, dass noch einige Kreise der offiziellen Lehre treu ergeben sind und dies auch lautstark bekennen, wie Pater Klaus Einsle vom Orden der Legionäre Christi:

22. O TON, 0 30“ Einsle

Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.

Sprecher:

Wie das Lehramt denken und alle Glaubenssätze möglichst unverändert bewahren: Darin sieht auch die weltweite Gemeinschaft der konservativen Neokatechumenalen Gemeinschaften ihre Aufgabe, betont der Missionar Bruno Caldera:

23. O TON, 0 14“   Caldera

“Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige ist, der uns lehrt. der jenige, der  uns lehrt, der uns die Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben”.

Sprecher:

In den Kreisen der neuen geistlichen Gemeinschaften, also der  Neokatechumenalen und Legionäre, der Charismatiker und Opus Dei Mitglieder, fühlten sich konservative Amtsträger sehr wohl, betont der katholische Theologe Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl. Er hat sich als  Mitglied im „Freckenhorster Kreis“, einem Forum von Kirchenreformern, mit diesen „Bewegungen“ auseinander gesetzt.

24. O TON, , 0 17″  Kerstiens

Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.

Sprecher:

Angesichts der machtvollen Hierarchie ist die römische Kirche heute gespalten: Selbstbewusste, kritische Gläubige sehnen sich noch immer nach dem geschwisterlichen „Volk Gottes“. Ihnen steht die einflussreiche Gruppe derer gegenüber, die den Ruhm des Papsttums und der  Hierarchie wie ein Glaubensbekenntnis verstehen:

25. O TON,  0 22“, Meisner

Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen.

Sprecher:

Kardinal Joachim Meisner bei einer Messe zu Ehren des Papstes in der Berliner Sankt Hedwig – Kathedrale im April 2007:

26. O TON, 0 33“. Meisner

Papst Benedikt XVI ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, in ihrer Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn Mozart unter den Theologen nennt.

Seine Worte klingen wie Musik in den Ohren und Herzen des Menschen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.

Sprecher:

Diese „hinreißende Musik“ päpstlicher Stellungnahmen enthält aber auch kritische Töne, zum Beispiel den Vorwurf: In den Staaten der westlichen Welt herrsche „der Relativismus“.

27. O TON, 0 24“, Meisner

Als Diktatur des Relativismus bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine oberste und unveräußerlichen Wahrheit und Werte mehr gibt,  für sie ist alles gleichgültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach gut und böse gleichgültig macht.

Sprecher:

Relativismus bedeutet für die modernen demokratischen Gesellschaften das Ringen verschiedener, aber gleichberechtigter  Positionen um die Wahrheit: Niemand „hat“ die Wahrheit, alle suchen sie. Relativismus und Demokratie sind untrennbar! Die Frage drängt sich auf: Ist die Ablehnung des Relativismus durch den Papst zugleich eine Zurückweisung der Demokratie?

Die Entwicklung solcher Denkmodelle findet der protestantische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf  aus München alles andere als erstaunlich:

28. O TON, 0 37“, Graf

Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer: die wahre Demokratie, die rechte Demokratie, nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.

Sprecher:

Die römische Kirche kann zwar nicht mehr die Gesetze der Staaten bestimmen. Aber sie kann in der Gesellschaft versuchen, ihre traditionellen  Moralvorstellungen durchzusetzen, etwa zu Fragen der Schwangerschaft. Die katholische Ethik gilt den Konservativen innerhalb der Hierarchie als die letzte Bastion, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf:

29. O TON, Graf, 0 40“.

Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum. Hier RAUS GEHEN

Sprecher:

Hingegen meint der katholische Theologe Hermann Häring, Relativismus und Katholizismus seien durchaus zu versöhnen:

30. O TON, 1 03“.  Häring

Ich bin Relativist, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht,  der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Das verstehe ich wohl. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen  Kirchen, aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.

Sprecher:

Aber von jüdischer Weisheit lässt sich der Vatikan nicht so häufig inspirieren… Die Vielfalt der Meinungen zu akzeptieren, könnte ja bedeuten, den demokratischen Staat nachzuahmen und demokratische Prinzipien für die Kirche selbst anzuerkennen. Tatsächlich gleicht der Vatikan eher einem spätantiken Feudalstaat. Dort vereinte der eine Herrscher alle Gewalten in seiner Person. Der Vatikan glaubt, diese Rolle habe der Papst von  Anbeginn gehabt. Aber gibt es wirklich eine ungebrochene Linie vom ersten Papst, dem Fischer Petrus vom See Genezareth, hin zu Benedikt XVI. in seinem Palast?  Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch warnt vor einer allzu weitgehenden Interpretation:

31. O TON, 0 30“,  Pesch

Wie kommt es dann, dass die Nachfolger des Petrus bis hin zu Clemens absolut legendarische Figuren sind. Auf festem Boden einer römischen Gemeinde mit ganz bestimmter Leitungsstruktur sind wir wieder erst mit dem ersten Clemens,  der nach Corinth schreibt, aber nicht mit Weisungsbefugnis, sondern mit Ermahnung.  Dieser Clemens ist nun mitnichten Papst Clemens der Erste, sondern Mitglied des römischen Presbyteriums.

Sprecher:

Der Papst als der erste unter vielen anderen Bischöfen inmitten vieler Gemeinden: Ist diese frühchristliche Tradition wirklich nicht mehr gültig? Könnte sich der Stellvertreter Christi auf Erden nicht daran orientieren, fragt Otto Hermann Pesch:

32. O TON, 0 43“ Pesch.

Er sollte sein Amt verstehen und auch ausüben, wie es allein vom Neuen Testament her begründet werden kann, nämlich als Petrusdienst. Man sagt heute schon mal ganz gerne Petrusdienst und meint  das Petrusamt, das ist aber in der Form dann etwas eine  Schönfärberei. Petrusamt heißt Vollmacht des Papstes in jede einzelne Diözese hineinregieren zu können, nach gutem Ermessen, um nicht zu sagen nach Gutdünken. Petrusdienst heißt, dass der Papst als Bischof von Rom und eben Haupt des Bischofskollegiums einen Dienst tut, da, wo er helfen muss und helfen kann.

Sprecher:

Der Papst als bescheidener Helfer, als Ratgeber, als Freund und Begleiter: Das ist keine Utopie, sondern biblischer Auftrag.

Joseph Ratzinger hat selbst bei einem Vortrag im österreichischen Aigen  vor 15 Jahren einmal angedeutet, dass es den Amtsträgern nicht in erster Linie auf Macht und Einfluss ankommen sollte:

33. O TON, 0 43“ Ratzinger, mit Beifall

Auch in der Kirche ist nicht das entscheidende, welche Funktion einer einnimmt. Sondern  das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht, dass man Kardinal wird oder ich weiß nicht sonst etwas wird, sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist, dass wir Gott nahe und ihm ähnlich werden, dass wir heilig werden. Und wenn ein Bischof oder Kardinal es nicht wird, dann nützt ihm seine ganze Würde nichts, dann ist er wirklich eben bei den geringsten im Reich Gottes, wo wir immer noch hoffen, dass er wenigstens noch drinnen ist.  Lachen und Beifall.

Sprecher:

Kritische Äußerungen zum Umgang mit päpstlicher Macht hat man  von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. (noch) nicht gehört. Darum sind sich viele kritische katholische Theologen in aller Welt einig: Das vom Vatikan seit Jahrhunderten geförderte hierarchische System kann nur zu einer in sich geschlossenen Herrschaftselite führen, zu Abwehr, Ausgrenzung und neurotischem Freund  – Feind – Denken. Trotzdem: Mit dieser Vorherrschaft maßgeblicher kirchenamtlicher Kreise wollen sich viele „Kirchenreformer“  nicht abfinden. Sie haben dabei allerdings viel Mühe, die so oft von Päpsten und Prälaten beschworene „Freude am Glauben“ zu bewahren. Pater Josef Imbach:

34. O TON, 0 30“, Imbach

Wie können wir eigentlich froh unseren Glauben leben, wenn es in unserer Kirche so unfroh zu- und hergeht? Der französische Schriftsteller Paul Claudel hat einmal gesagt: Dort, wo die meiste Wahrheit ist, ist auch die meiste Freude. Ja, wenn sie sich dann so umschauen innerhalb unserer Kirche, dann muss ich mich ja fragen, wie viel Wahrheit ist eigentlich in unserer Kirche, in meiner Kirche

LITERATUR:

Graf, Friedrich-Wilhelm: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58478-7

Graf, Friedrich-Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51750-1

Häring, Hermann: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt.  Gütersloher Verlagshaus. 2009, 192 Seiten.

Imbach, Josef: “Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens.

Woran die Kirche heute krankt”. 248 Seiten, Patmos Verlag Düsseldorf, 2.

Aufl., 2005,

Modehn, Christian: „Alles, was rechts ist.. Politisch theologische Optionen Joseph Ratzingers“, S 143 – 162. in: Sommer, Norbert. und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Pesch, Otto-Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008

Posener, Alan: “Benedikts Kreuzzug. Der Kampf des Vatikans gegen die moderne Gesellschaft” (Ullstein 2009)

Sommer, Norbert und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Anglikaner konvertieren – eine neue “Ökumene” ?

Anglikaner kehren nach Rom zurück

Die Ökumene erhält eine neue Richtung

Von Christian Modehn , ein Beitrag für NDR INFO  am 24. 10. 2009

—Im RELIGIONSPHILOSOPHISCHEN SALON wird aus der gebotenen kritischen Distanz das religiöse Geschehen beobachtet und kommentiert. Wenn jetzt offenbar “massenweise” konservative Anglikaner zum Katholizismus konvertieren, ist das auch für uns ein Thema. Angesichts des sogenannten Ökumenischen Kirchentages in München 2010 kommen da gewisse Fragen auf… Trotz aller ökumenischen Gespräche wird allmählich dem letzten ökumenischen Optimisten klar: Die römische Kirche fühlt sich als das einzig wahre Zentrum der vielen christlichen Kirchen —

Konservative Gläubige der Anglikanischen Kirche, Bischöfe,  Priester und Laien, werden jetzt mit offenen Armen in die katholische Kirche aufgenommen; und es können viele tausend werden, die zur sogenannten „Mutter – Kirche“, also nach Rom zurückkehren. Diese Nachricht wird dieser Tage verbreitet, und sie kann ein historisches Datum markieren.  Denn bisher stand das Gespräch der getrennten Christen, nicht aber die Konversion im Mittelpunkt der ökumenischen Bemühungen um die Einheit der Kirchen. Christian Modehn berichtet.

Heute gehören etwa 70 Millionen Menschen weltweit zur  Anglikanischen Kirche, die aus der „Church of England“ hervorgegangen ist. Wer an ihren Gottesdiensten teilnimmt, fühlt sich angesichts der liturgischen Pracht oft an katholische Messen erinnert. Diese Kirche entstand, als sich König Heinrich VIII. im Jahr 1534 vom Papst lossagte und sich selbst zum Kirchenoberhaupt ernannte. So konnte er die päpstliche Ehegesetze ignorieren und problemlos mehrfach heiraten, immer aber mit kirchlichen Zeremonien, die ihm das römisch-katholische Kirchenrecht verweigert hatte. Auch seinen Priestern gestattete der König die Heirat. Und so sind auch die anglikanischen Pfarrer, die sich jetzt von ihrer Kirche trennen und in die Katholische Kirche eintreten, keineswegs zölibatäre Geistliche. Der Vatikan hat für diesen Fall bereits eine Ausnahmeregelung geschaffen, und so dürfen die  anglikanischen Pfarrer jetzt als  katholische Priester ihre Ehe selbstverständlich weiterführen. Diese verheirateten katholischen Priester werden allerdings in einer eigenen kirchlichen Struktur arbeiten, also nicht einem Ortsbischof unterstellt sein, sondern einem weltweiten „anglikanisch – katholischen Bistum“ mit einem eigenem Oberhirten, der muss allerdings unverheiratet sein. Soweit geht die päpstliche Toleranz in Zölibatsfragen dann doch nicht.

Interessant ist es in jedem Fall, wie schnell sich der Papst bereit findet, den sonst mit höchstem dogmatischen Eifer verteidigten Zölibat doch als relativ und sekundär anzusehen, wenn es um ein noch höheres Ziel geht, nämlich um die Rückkehr der von Rom getrennten Seelen zur „Mutter Kirche“, wie man gern sagt, zum Katholizismus. Die Freude über die Rückkehrer ist in konservativen Katholischen Kreisen nicht zu überhören, wird dadurch doch das Selbstbewusstsein gestärkt, der Katholizismus sei die wahre Kirche, die für alle getrennten Brüder und Schwestern Raum bietet. Die Konvertiten gehören zum Teil zu einer unabhängigen traditionalistischen Gruppierung der Anglikaner, andererseits  sind sie aber noch Mitglieder dieser Kirche selbst. Sie haben seit 17 Jahren dagegen protestiert, dass es nun auch  Priesterinnen in der Anglikanischen Kirche gibt, sie haben sich gegen alle Formen eines zeitgemäßen Glaubens ausgesprochen, etwa gegen die Segnung homosexueller Paare in der Kirche. Sie haben entsetzt aufgeschrieen, als in den USA ein homosexueller Priester Bischof ihrer Kirche wurde. Vertreter des Vatikans haben diesen Kreisen schon immer deutlich gemacht, dass der Papst ihre Überzeugungen mit Sympathie begleitet.

Durch die Massenkonversion erhalten aber jene römischen Kreise weitere Verstärkung, die sich ebenso vehement gegen das Priestertum der Frau wehren oder gegen die Gleichberechtigung homosexueller Partnerschaften  polemisieren. Die römische Kirche wird durch die Massenkonversion also noch konservativer. Die Einrichtung eines neuen weltweiten anglikanisch – katholischen Bistums dürfte als Vorbild gelten für die bevorstehende Integrierung traditionalistischer Katholiken aus den Kreisen der berüchtigten Pius Brüder. Und es bleibt abzuwarten, ob sich nun  auch konservative Lutheraner etwa aus Schweden, den USA oder Lettland berufen fühlen, sich mit dem Papst versöhnen. Die Ökumene hat schon jetzt eine neue Richtung genommen, nicht mehr nur auf freundliche Gespräche kommt es an, Konversionen sind als Ziel der Ökumene in Rom durchaus erwünscht. Nach diesen Ereignissen sind die  Aussichten für die wenigen noch verbliebenen progressiven Katholiken eher düster: Sie sehen sich einer konservativen Übermacht in ihrer eigenen Kirche gegenüber und müssen erleben, wie Rom offenbar nach dem Motto handelt: Je traditionalistischer ein Christ denkt, um so stärker ist er beim Papst willkommen.

Darüber wird hoffentlich beim Ökumenischen Kirchentag in München im nächsten Jahr gesprochen werden. Die Massenkonversion traditionalistischer Anglikaner sollte die Programmgestaltung bestimmen. Es geht um die Frage: Ist der Katholizismus die einzig wahre christliche Religion, zu der alle Christen streben sollten, oder ist er eine von vielen gleichberechtigten christlichen Kirchen? Die Ereignisse der letzten Tage geben bereits eine – vorläufige – Antwort auf diese Frage.

Herbert Schnädelbach, ein “frommer Atheist”

HERBERT SCHNÄDELBACH: .

Von Christian Modehn


Herr Schnädelbach, Sie haben als Philosoph den Begriff »frommer Atheist« geprägt. In welcher Weise trifft er für Sie selbst zu?

Herbert Schnädelbach: Ich habe damit zunächst einen Typus von Atheismus beschreiben wollen. Sehr verbreitet ist ja die Vorstellung, dass Atheisten vor allem Menschen sind, die militant den Gottesglauben bekämpfen, sich also als Anti-Theisten gebärden. Aber: Die meisten Atheisten sind vielmehr Menschen, die einfach ohne Gott leben wollen. Diese nachdenklichen Atheisten sagen: Ich will gar nicht lauthals vertreten, dass es Gott nicht gibt, sondern ich glaube einfach nicht an seine Existenz. Und der fromme Atheist ist dann derjenige, der nicht anders kann als die Glaubensinhalte, die er nicht vertritt, doch ernst zu nehmen. In diesem Sinne bin ich ein frommer Atheist. Ich bin einer, der sich darüber aufregt, dass die religiösen Inhalte heute verschleudert werden durch Kommerzialisierung oder durch Instrumentalisierung seitens der Politik. So nach dem Motto: Wir brauchen wieder Werte, wir brauchen sozialen Kitt, und deswegen benötigen wir auch die Religion.

Leiden Sie als frommer Atheist darunter, dass Sie religiöse Glaubensinhalte für sich selbst nicht realisieren können, etwa im Gebet, in Riten?

Schnädelbach: Ich würde das nicht mit »Leiden« beschreiben. Was mich betrifft, so ist mein Atheismus zum großen Teil das Ergebnis einer Befreiung. Ich habe eher das Gefühl, vom Glaubenmüssen erlöst zu sein. Aber natürlich ist da auch ein Bedauern: Menschen mit einem festen Glauben haben es offenbar im Leben leichter. Sie können viel mehr Nöte »wegschieben«, alle Sorgen auf Gott werfen, wie es in der religiösen Sprache heißt. Ich bin mehr auf mich selbst gestellt. Es gibt schon Augenblicke, wo ich es schade finde, dass ich nicht religiös leben kann. Auf der anderen Seite will ich als frommer Atheist diesen Glauben auch nicht. Ich weiß, dass ich nicht glauben kann. Der authentische religiöse Glaube rechnet ja mit Gott, verlässt sich auf ihn. Für mich gilt: Ich kann das nicht. Oder besser: Ich kann das nicht mehr. Es ist eine falsche Vorstellung, dass man sich zum Glauben einfach entschließen kann.

Waren Sie denn in Ihrer Kindheit oder Jugend gläubig?

Schnädelbach: Der Glaube war in meiner Familie ganz selbstverständlich. Die Eltern waren mit einer pietistischen Freikirche verbunden. Da gehörte der Glaube »an den Vater im Himmel« zum Alltag. Wir haben als Kinder schlimme Situationen erlebt bei der Flucht aus Schlesien und dann auch beim Angriff der Alliierten auf Dresden. Zu dem Zeitpunkt wusste ich genau: Wir werden sterben, aber ich hatte keine Angst, denn da war ja diese Stabilität des Kinderglaubens. Bei meinen Eltern war übrigens der Glaube nicht mit äußerem oder innerem Druck verbunden. Der kam dann für mich später im Umfeld der Gemeinde; und mit diesem Druck kamen die Zweifel. Es waren Unstimmigkeiten und Widersprüche in der Lehre, die man so hörte, die mich nachdenklich gemacht haben. Ich fing deshalb an, mich um Theologie zu kümmern. Aber letztlich war das Zweifeln die Triebkraft, mich immer mehr mit Philosophie zu beschäftigen. So ist mein Weg zur Philosophie ein Ausgang aus der kindlichen Geborgenheit im christlichen Glauben gewesen.

Welche Glaubenslehren fanden Sie damals besonders fragwürdig oder belastend?

Schnädelbach: Es waren merkwürdige Ängste, mit denen ich konfrontiert war. Wir hatten zum Beispiel in Leipzig eine Gemeindeschwester, die sagte: »Wir müssen so leben, als wenn Jesus jeden Augenblick wiederkäme.« Und dann haben wir uns Gedanken gemacht: In welches Kino dürfen wir jetzt gehen? Wenn Jesus wiederkommt, will er uns sicher in diesem oder jenem Film nicht antreffen. Wir haben uns ernsthaft den Kopf zerbrochen, ob wir die »Sünde wider den Heiligen Geist« schon begangen hätten. Und dann diese dauernde Pflege von Schuldgefühlen, die gerade im Pietismus sehr ausgeprägt war! So nach dem Motto: »Du musst dich erst bekehren, bevor du glücklich sein darfst.« Diese Lehre hat bei mir nicht funktioniert, Bekehrungserlebnisse habe ich nicht gehabt. Dann kamen Fragen zur Autorität der Bibel und Ähnliches; trotzdem habe ich damals sehr viel von der Bibel gelernt. Aber es stellte sich mir die Frage: Was ist wahr an der Religion?

Könnten Sie nicht auch sagen: Ich habe diesen Pietismus erlebt, aber vielleicht sollte ich eine andere, eine vernünftigere Form von Christentum suchen?

Schnädelbach: Das weiß ich nicht, man kann aus seiner Biografie ja nicht aussteigen. Aber als ich dann später meine Kritik am Christentum formulierte, handelte es sich jedenfalls nicht um eine Verarbeitung meiner religiösen Sozialisation. Meine Religionskritik, die mir so wichtig ist, kann nicht ins Biografische abgeschoben werden!

Sie denken an Ihren viel diskutierten Beitrag »Der Fluch des Christentums«, der den Untertitel trägt: »Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion«?

Schnädelbach: Ja, da habe ich eine kulturelle Bilanz des Christentums zu ziehen versucht, und dies vor allem auf der Grundlage meiner Beschäftigung mit der Philosophie und Kulturgeschichte der Neuzeit. Ich zeige, welche »Geburtsfehler« oder folgenreichen Hypotheken mit der Ablösung des frühen Christentums vom Judentum verbunden waren. So ist meine Streitschrift »Der Fluch des Christentums« entstanden.

Zwei »Geburtsfehler«, die Sie nennen, sind die Erbsündenlehre und der dominierende Einfluss des Platonismus auf das Christentum. Sind diese Geburtsfehler für Sie immer noch ein Fluch?

Schnädelbach: Die Erbsündenlehre hat die Menschen jahrhundertelang tyrannisiert. Da wurden Halbtot- und Totgeborene noch schnell getauft, da gab es diese Vorhölle für die ungetauften Kinder. Niemand kann einem erklären, warum Neugeborene schon Sünder sein sollen. Diese kirchliche Lehre vom Menschen muss man infrage stellen. Dass alle Menschen als Sünder geboren werden, als Schuldige, ist für mich eine verhängnisvolle Weichenstellung des frühen Christentums. Das ist negative Anthropologie, keine Anthropologie des aufrechten Ganges. Die Menschen werden hier von vornherein klein gemacht. Es heißt: Sie seien zum Guten gar nicht fähig, sie bräuchten dafür die Gnade, und die Gnade kommt durch die Taufe, also durch die Kirche. Und der christliche Platonismus mit der Überordnung der Seele über den Leib, mit der Verachtung der Frauen wirkt bis heute. Dazu gehört der Kult um Maria als Jungfrau. Abgesehen von der dahinterstehenden Zurückweisung gelebter Sexualität: Maria wird nicht nur als Helferin im Himmel verehrt, sondern häufig genug selbst angerufen, ja angebetet: Bleibt da der Monotheismus eigentlich noch gewahrt? Der jetzige Papst ist ferner in der Nachfolge Augustins ein Vertreter des christlichen Platonismus; man denke nur, wie er die Vernunft mit dem fleischgewordenen, göttlichen Logos des Johannesevangeliums identifiziert: So wird Christus zum Inbegriff der Vernunft, die alle bestimmen soll.

Von diesen Vorstellungen haben Sie sich als Philosoph verabschiedet. Was haben Sie jetzt für Ihr Leben gewonnen?

Schnädelbach: Der Verlust des Glaubens ist nicht größer als das, was ich dazugewonnen habe. Ich stelle mir nicht mehr die Frage: Gehöre ich zu den Erlösten, oder gerate ich in die ewige Verdammnis? Wenn man das mal losgeworden ist und sich sagt: »Es gibt ein Leben vor dem Tod« – wenn also die Angst vor der Hölle verschwindet –, dann kann ich auch auf den Himmel verzichten. Das gilt sicher auch für viele junge Leute. Sie wollen intellektuell auf eigenen Füßen stehen, während ein sehr enges Christentum ja aus lauter Denkverboten besteht.

Sie können es sich als Philosoph nicht vorstellen, die Transzendenz, das Göttliche, das Umgreifende durch die Reflexion zu erreichen?

Schnädelbach: Es gibt keine Argumente, durch die man jemanden fromm machen kann. Wir haben zwar eine neue Konjunktur von sogenannten Gottesbeweisen, aber die funktionieren nicht. Wir sind endliche Wesen, wir haben eine kurze Lebenszeit, wir haben das meiste vergessen, was die Menschheit schon mal gewusst hat. Wir leben in Verhältnissen, wo wir angewiesen sind auf andere, wir verfügen nicht über unser Lebensschicksal. Natürlich denken wir über diese begrenzten Gegebenheiten hinaus. Gedanklich überschreiten wir die Grenzen des Endlichen, aber dieses Überschreiten können wir nicht wieder positiv denken, so, als kämen wir dann in der Transzendenz an. Immanuel Kant ist da für mich ein moderner Denker. Er hat klar gesehen: Im Bereich dessen, was unserer Vernunft zugänglich ist, können wir uns nicht auf Gott beziehen. Das ist Ausdruck unserer Endlichkeit.

Es gibt aber doch die Erfahrung des Erhabenen und Unendlichen, zum Beispiel in der Kunst.

Schnädelbach: Ich bin überzeugt: Man muss sehr deutlich unterscheiden zwischen religiösen Erfahrungen und ästhetischen Erfahrungen. Heute glauben zwar viele Menschen, religiöse Erlebnisse im ästhetischen Bereich zu haben. Leute, die sich gar nicht als Christen verstehen, gehen jedes Jahr in die Matthäuspassion und weinen immer an derselben Stelle. Aber da wird das Religiöse bloß in ästhetisierter Form konsumiert, und das hat nichts mit authentischer religiöser Erfahrung zu tun. Die hat man vielmehr dann, wenn man zum Beispiel erlebt, dass etwas wider Erwarten gut ausgegangen ist. Dann möchte man sich bei jemanden bedanken. Oder auch dann, wenn einem eine ganz schlimme Ungerechtigkeit passiert oder man eine schwere Krankheit bekommt: Da möchte man sich bei jemanden beklagen. Aber bei wem? Religiöse Menschen können sich dann an Gott wenden. Ich kann das nicht.

Angesichts dieser Erfahrungen könnten Sie sich doch sagen: Ich kann dem christlichen Glauben als dogmatisch formulierter Lehre nicht folgen, aber ich halte mir die Wirklichkeit eines absoluten Geheimnisses offen.

Schnädelbach: Nur weil wir nicht alles wissen, kann man von Geheimnis sprechen. Aber dieses Geheimnis kann man nicht einfach als das religiös Bedeutungsvolle definieren. Ich sehe dahinter den Versuch, die Begrenztheit unseres Lebens wieder ins Positive zu wenden, und das finde ich nicht vertretbar.

Aber inwiefern äußert sich dann bei Ihnen »das Fromme« in Ihrem Atheismus?

Schnädelbach: Fromm zu sein heißt ja, einer Sache treu zu bleiben und diese auch ernst zu nehmen. Ich frage mich immer wieder: Warum interessierst du dich eigentlich noch für die Religion? Du hast sie doch hinter dir? Und warum regst du dich auf, wenn mit der Religion so viel Missbrauch getrieben wird, wenn sie instrumentalisiert wird? Meine Frömmigkeit ist wohl am ehesten zu beschreiben als ein Widerstreben gegen diesen Missbrauch. Ich bleibe den authentischen Überlieferungen treu.

Meinen Sie damit die Lehren des historischen Jesus? Das »Jesuanische«?

Schnädelbach: Ja, da ist bei mir etwas geblieben, das es mir möglich macht, mir diesen bedeutenden Menschen zur Richtschnur zu nehmen. Aber ich kann auch noch auf andere verweisen. Manchmal habe ich zum Beispiel zu meinen Studenten gesagt: »Das hat Kant formuliert, und weil er es gesagt hat, stimmt es« (lacht) – aber das ist nicht ernst gemeint. Ich beschäftige mich auch viel mit dem alten Bach und finde es unglaublich, dass er ein solches Lebenswerk hinterlassen hat. Oder ich denke an den Dirigenten Georg Solti, der in einem Interview erklärt hat: »Für mich gibt es zwei Gottesbeweise: Das sind Mozart und das Lächeln meiner Kinder.« Aber mit solchen Aussagen sind wir meines Erachtens noch nicht im religiösen Bereich angekommen. Ich sage also: Insoweit ich Jesuaner bin, bleibe ich dabei im Humanen und Kulturellen.

Auch im Politischen?

Schnädelbach: Ob wir das, was wir für authentisch jesuanisch halten, auch politisch verwenden können, weiß ich nicht.

Haben Sie als frommer Atheist auch eine Poesie, die Sie Gebet nennen könnten?

Schnädelbach: Nein. Fromme Poesie, Gebete, habe ich nicht.

Haben fromme Atheisten Interesse an einer Gemeinschaft Gleichgesinnter?

Schnädelbach: Nein. Wenn ich sage: Ich glaube nicht, dass Gott existiert, dann ist die Debatte eigentlich zu Ende. Ich muss nicht noch weiter begründen, dass ich das nicht glaube.

Warum eigentlich nicht?

Schnädelbach: Ich habe ja nichts zu vertreten, und es wäre ein Missverständnis, wenn mein Unglaube als ein anderer dogmatischer Glaube aufgefasst würde. Ich sage nur: Ihr Glaubenden bezieht euch auf etwas, das ich nicht teilen kann. Es ist doch ganz normal in einer Welt so vieler verschiedener Überzeugungen zu sagen: Diese Meinung kann ich nicht teilen.

Wie schätzen Sie die Rolle der Kirchen in Deutschland heute ein?

Schnädelbach: Ich denke angesichts der genannten Probleme im Bereich der Lehre der Kirchen: Das institutionelle Christentum hat sein Ende erreicht, ohne es bemerkt zu haben. Wer versteht noch die Lieder, Predigten, Bibelverse? Das soziale Engagement der Kirchen verdient Respekt. Aber die positiven Energien des Christentums sind übergegangen in einen profanen Humanismus.

Lesetipp: Herbert Schnädelbach: Religion in der modernen Welt. Fischer. 192 Seiten, 12,95 € (Publik-Forum Bestell-Nr. 8332)

Erschienen in PUBLIK FORUM am 22. 10. 2009  www.publik-forum.de

Herbert Schnädelbach wurde 1936 im thüringischen Altenburg geboren. Der Philosoph kommt aus der Schule der Kritischen Theorie, von der er sich aber später abgrenzte. Er veröffentlichte Bücher über Kant, Hegel, Geschichts-, Kultur- und Sprachphilosophie. Sein Kernthema war stets die Frage nach der Vernunft. Immer wieder bezieht er sich auf aktuelle Debatten, zum Beispiel über die Rolle der Religionen oder die Bedeutung der Neurowissenschaften. Er lehrte in Frankfurt am Main, Hamburg und an der Humboldt-Universität in Berlin. Der emeritierte Professor lebt in Hamburg.