Monatsarchiv



HAITI – ein vergessenes Land am Rande des Untergangs

30. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Befreiung

Haiti:

Ein Land am Abgrund.    !!! Dieser Beitrag wurde wenige Wochen VOR der Erdbeben Katastrophe verfaßt, bitte lesen Sie auch den neuen Beitrag: Haiti als Katastrophe !!!

EIN MOTTO VORWEG:
In Haiti erzähen sich die Armen, und das sind 95 Prozent der Bevölkerung, ein Sprichwort: “ Wenn Haiti morgen im Meer versänke, wäre es tragisch für uns Haitianer, aber belanglos für die übrige Welt“…

Drei Millionen Touristen aus aller Welt lassen sich pro Jahr in den feinen All Inclusive Hotels in der Dominikanischen Republik verwöhnen.  Nur wenige Besucher ahnen, dass nur zweihundert Kilometer entfernt, gleich hinter der Grenze, eine andere Welt beginnt: In Haiti leben mehr als 8 Millionen Menschen in unvorstellbarem Elend. Zu Haiti gehört der westliche Teil der Karibik Insel Hispaniola, zur  Dominikanischen Republik der östliche Teil. ADVENIAT, das Hilfswerk der katholischen Kirche zugunsten Lateinamerikas, hat eingeladen, einmal genauer auf die Lebensbedingungen der Menschen in Haiti zu achten.

Im Religionsphilosophischen Salon verdient Haiti nicht nur aus politischen und kirchlichen Gründen Aufmerksamkeit, Haiti ist auch das Land, in dem der aus Afrika stammende Voudou Kult eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielt. Ob der Voudou Kult dabei eine befreiende oder eine eher „opium – mäßig beruhigende Wirkung ausübt, wird in Haiti selbst diskutiert. Wir werden darauf zurückkommen, Hier ein Text, der auf Radiosendungen Ende Dezember 2009 zurückgeht.

Voudou Musik,

„Dem Gott im höchsten Himmel“ gilt die Verehrung: Haitianer sind zu einer Zeremonie „ihrer“ Religion zusammengekommen, dem Voudou.  Als afrikanische Sklaven im 16. Jahrhundert in die Karibik verschleppt wurden, brachten sie ihre religiöse Musik mit. Fast alle Einwohner Haitis sind Nachkommen afrikanischer Sklaven. Sie haben sich schon im 18. Jahrhundert gegen die Ausbeutung der Kolonialherren gewehrt und 1804 die erste Republik der Schwarzen ausgerufen. Völlig auf sich allein gestellt und ohne Bündnispartner ist Haiti seitdem im Chaos versunken, ein despotischer Herrscher folgte dem anderen.

Voudou wird weiter gepflegt, voller Leidenschaft und mit letzter Energie. Er stiftet eine Verbindung mit den Ahnen im  Jenseits, den einzigen „freundlichen Wesen“ in diesem erbärmlichen Leben.

Voudou Musik

Wer durchs Land reist, sieht fast kein Grün mehr. Fast alle Bäume wurden in Brennholz verwandelt, die ökologische Katastrophe ist längst Alltag. Auf der Suche nach dem letzten Stück Holz ziehen die Menschen in die Berge; genug Zeit haben sie; mindestens 70 Prozent der Haitianer sind arbeitslos.

Arbeiter auf dem Feld, ATMO

Produziert wird in Haiti schon lange nichts mehr; Touristen verirren sich kaum noch ins Land. Die staatliche Infrastruktur ist längst zusammengebrochen. 8.000 so genannte UNO Blauhelme sorgen dafür, dass die Kriminalität nicht völlig unüberschaubar wird. Pater Gerd Euteneuer aus Wolfsburg besucht jedes Jahr das Land, um dann in Europa aktuell über die Zustände dort zu berichten:

“ Ich denke, dass in Haiti ganz viele Menschen jeden Tag ums Überleben kämpfen, allein schon, wenn Sie daran denken, dass Menschen in Slums in Port – au – Prince Lehmkuchen gebacken haben, den sie gegessen haben, dann sehen wie arm das ist und wie brutal das ist“.

Abends beim Kerzenlicht erklingen die Voudou Trommeln; in ihrer Monotonie betäuben sie die Sinne … und vertreiben vielleicht den Hunger.

Haitian. Trance Trommeln

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 57 Jahren. Kriminelle „Heiler“ gibt es an jeder Ecke: Pater Euteneuer:

“ Auf der Straße können Sie Medizin kaufen, ohne zu wissen, was es ist;  da sind Straßenhändler, die rote und gelbe und grüne Pillen haben, aber wofür und wogegen, das sagt man  nicht. Wenn zum Beispiel Lehrer in der Grundschule ein Monatsgehalt von 200 haitianischen Dollars haben, dann sind das 40 Euro, etwas mehr als ein Euro pro Tag für eine Familie“.

Gesang in haitian. kath. Kirche

Nach einer offiziellen Schätzung sollen 60 Prozent der Haitianer mit der katholischen Kirche verbunden sein. Die Messen werden auf Kreolisch, der Landessprache, gefeiert.

Weil sich die meisten Pfarrer lieber in den Städten aufhalten, versammeln sich die Armen auf dem Land in Basisgemeinden: Pater Euteneuer:

Es gibt Gemeinden, wo kein Priester hinkommt, die für sich versuchen, Kirche zu sein und Kirche zu leben, und zwar  nicht nur in  Gebetsgottesdiensten oder in Bibelarbeit, das tun sie auch, aber auch in ihrem sozialen Engagement.

Pater Gerd Euteneuer ist Mitglied in der Ordensgemeinschaft der Montfortaner. Sie fördern vor allem die Bildung der Landbevölkerung, in Gros Morne haben sie eine Radiostation eingerichtet:

„Da wird übers alltägliche Leben berichtet, da gibt’s Musik, und da gibt es Informationen, was in dieser Gegend los ist. Und genau das ist es, was die Menschen brauchen“.

Die katholische Hierarchie könnte den Aufbau der Demokratie fördern, aber sie hält sich zurück: Pater Euteneuer:

„Ich habe das Gefühl, dass die haitianischen Bischöfe zum Teil sehr romtreu geworden sind. Vom daher weniger prophetisch in ihre Gesellschaft hineinwirken, dass sie zum Aufbruch, nicht zur Aufruhr, aber zum Aufbruch auffordern.

Wir hatten einen Bischof in Port de Paix von unserer Gemeinschaft, der zum Beispiel, wenn er Gemeinden besuchte, grundsätzlich zu Fuß dahin gegangen ist. Um ihnen zu zeigen, ich bin auf dem Weg zu euch. Mein Weg zu euch ist ein Pilgerfahrt. Und deshalb kam der Mann an, er kam im wahrsten Sinne des Wortes „an“.

Von Deutschland aus wird „die Basis“ unterstützt, in diesem Sinne hat Pater Gerd Euteneuer aus Wolfsburg vor 30 Jahren schon ein Hilfswerk ins Leben gerufen:

„Wir schicken etwa im Jahr 60.000 Euro, das ist eine beträchtliche Summe. Das hängt nicht nur mit der Gemeinde zusammen, das hängt auch hier mit der Eichendorff Schule zusammen, die sich sehr stark engagiert. Aber dieses Geld wird gezielt eingesetzt, in 10 Grundschulen, 2 Gymnasien, 3 Krankenstationen und in Wasser- und Wiederaufforstungsprojekte“.

Interessant ist, dass in Haiti die meisten Katholiken sozusagen „bi – konfessionell“ oder „bi – religiös“ gebunden sind, die Bischöfe tolerieren diese Situation. Die neuen evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen higegenn dulden keine „religiöse Doppelmitgliedschaft“. Trotzdem haben sie bereits 30 Prozent der haitianischen Bevölkerung erreicht…

Nach der katholischen Messe ziehen die meisten gleich zu ihren Voudou Tempeln weiter; für den haitianischen Soziologen Laennec Hurbon, Professor in Port au Prince und Paris, ist dies ein typischer Ausdruck für die Religiosität seiner Landsleute:

„Der Voudou hat die Heiligenverehrung der Katholiken übernommen,  Heilige wurden dann verehrungswürdige Gottheiten.

Ein Großteil der Haitianer, die Vaudou praktizieren, nennen sich gleichzeitig auch Katholiken. Das bedeutet: Voudou ist immer noch Ausdruck für die Phantasie und die Mentalität Haitis“.

Materiell überleben können die Haitianer nur durch die regelmäßigen Überweisungen und Geschenke ihrer Landsleute in den USA und Kanada. Pater Augustinus Diekmann konnte sich kürzlich in der Hauptstadt Port au Prince umsehen:

„Es ist praktisch ein Ort des Reyclings für das, was in den USA nicht mehr gebraucht wird. Also praktisch alles second-hand. Das geht von Geräten, Kleidung, Computer. Alles, was man sich vorstellen kann, das wird dann von den Haitianern von Miami dann rübergeflogen nach Haiti“.

Diese massive Unterstützung aus dem Ausland kann keine Lösung auf Dauer sein. Caritative Hilfen können nur kurzfristig Leiden mindern, sie verändern nicht die Strukturen. Mindestens zwei Millionen Haitianer haben ihre Heimat verlassen, etwa  600.000 von ihnen leben im Nachbarland Dominikanische Republik. Dort sind sie als billige Arbeitskräfte auf den Baustellen oder den Zuckerrohr Plantagen willkommen, so lange sie für einen Hungerlohn schuften und nicht gegen die erbärmlichen Unterbringungen rebellieren. Pater Pierre Ruquoy hat die ausgebeuteten Haitianer in der Dominikanischen Republik Jahre lang begleitet: Er musste feststellen: Die Haitianer arbeiten dort auf den Zuckerrohr Plantagen völlig rechtlose wie Sklaven:

„Dieser Menschenhandel zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik existiert schon fast 100 Jahre. Aber leider haben sich bisher Wissenschaftler kaum dafür interessiert. Meine Studie ist insofern auch der Beginn eines Kampfes gegen diese Menschenhändler. Denn es ist wirklich Sklaverei, was da mit den Haitianern gemacht wird“.

Pater Ruquoy hat diese Sklaverei mehrfach in Büchern dokumentiert, seine Erkenntnisse waren so gefährlich für die Dominkanische republik, dass er des Landes verwiesen wurde, die katholische Hierarchie dort hat ihn offenbar gern ziehen lassen….

Es gibt ein politisches Ziel für Haiti: Die Einwohner müssen gebildet werden, dann müssen sie politisch aktiv werden, um die lange Zeit der politischen Wirrnisse endlich zu beenden. Professor Laennec Hurbon ist schon etwas optimistisch:

Es gibt eine Reihe von Vereinen, sie bereiten die Zivilgesellschaft vor. Denn es ist dringend nötig, dass die Haitianer Vereinigungen und Netzwerke gründen, die dem Staat frei gegen überstehen. Inzwischen gibt es 184 solcher Organisationen.Sie reichen von den Arbeitgebern über die Gewerkschaften, die Lehrer und Studenten, bis hin zu den freien Berufen und Bauern sowie die Leute, die in den Elendsvierteln leben.

Die Haitianer haben sich ihr Interesse an Musik und Malerei „trotz allem“ bewahren können. Ihre sogenannte „naive Kunst“  ist inzwischen weltberühmt. Das sind Hoffnungsschimmer! Und auch in der Musikszene finden die neuen Klänge aus Haiti durchaus international Beachtung, etwa die Gruppe „Twoubadou“.

Ausdrücklicherwähnt soll auf eine leider in Europa häufig vergessene (?) oder gern verdrängte Tatsache hingewiesen werden: In Haiti sind etwa 400 Ärzte aus KUBA tätig, ehrenamtlich, sie ersetzen die vielen haitianischen Ärzte, die wegen besserer materieller Lebensbedingungen in Kanada oder Europa ihre Heimat verlassen haben.



Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte

30. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Die Jesusgestalt zwischen Mythos und Historie:

Geboren aus der Jungfrau – oder ein uneheliches Kind?

Im Religionsphilosophischen Salon befassen wir uns auch mit den Gründergestalten der Weltreligionen. Über Jesus wird in verschiedenen „Sprachspielen“  und literarischen Formen berichtet. Wir haben einmal gefragt: Welche Perspektiven ergeben sich, wenn man z.B. die Berichte von der Geburt Jesu von Nazarteh mythologisch ernst nimmt? Was aber passiert, wenn man die historische und kritische Forschung ernst nimmt?  Da kommt man zu spannenden Einsichten für weitere Diskussionen, die immer auch zu der Frage führen: Wie stark fördern bestimmte kirchliche Strukturen und Hierarchien ein bestimmtes Jesusbild. Welches Interesse haben die Vertreter der Dogmen,  z.B. einseitig und ausdauernd das Bild eines himmlischen Kindes oder göttlichen Erlösers weiter einseitig zu propagieren?

Besonders zur Weihnachtszeit verehren Christen aller Konfessionen Maria als süße Jungfrau und „reine Magd“. Aber auch während des ganzen Jahres, in jedem Gottesdienst am Sonntag, betonen sie im Glaubensbekenntnis:  Jesus Christus sei „geboren aus der Jungfrau Maria“. In den „Bekenntnisschriften der Lutherischen Kirche“  ist seit alters her von der „unversehrten Jungfrau Maria“ die Rede. Katholiken werden in ihrem offiziellen Glaubensbuch, dem Katechismus aus dem Jahr 1993, belehrt:

„Maria ist auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes Jungfrau geblieben. Ihre jungfräuliche Unversehrtheit wurde durch die Geburt Jesu nicht gemindert“.

Bei der Geburt Jesu Christi sollen also auf unerklärliche Weise biologische Gesetzmäßigkeiten außer acht gelassen worden sein. Seit dem 4. Jahrhundert waren Theologen davon überzeugt. Bis heute wird im Vatikan die Lehre des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin hochgeschätzt, er schreibt:

„Wenn das Wort Gottes Fleisch wird, ist es angemessen, dass der Leib dieses Wortes Gottes, also Christus, aus dem unversehrten Uterus der Jungfrau geboren wird“.

In dieser Sicht hatte Maria auch keine Schmerzen bei der Geburt. Und bei der Empfängnis ihres Sohnes, so glaubte die Tradition, habe sie lediglich die Öffnung eines ihrer Ohren gebraucht. Ein Relief am Nordportal der Würzburger Marienkapelle zeigt dies in aller Deutlichkeit: Dort erreicht ein Schlauch vom himmlisch thronenden Gottvater aus ein Ohr der Jungfrau. Die Gläubigen nennen diese Darstellung „Gottvater mit dem Blasrohr“. Musiker, wie  Marc Antoine Charpentier, haben im 17. Jahrhundert Lieder geschaffen, die ausdrücklich Maria preisen, weil sie „per aurem“, durch das Ohr, ihr Kind empfangen hat:

Das Bild mag ja ganz hübsch sein und einen tieferen Sinn haben, etwa, dass vom gläubigen Hören auf Gott eben eine wunderbare Verbundenheit mit dem heiligen Geist geschieht. Nachdenkliche Christen und kritische Theologen wollen mit dieser befremdlichen Bilderwelt nichts mehr zu tun haben. Der in Basel arbeitende katholische Theologe Xaver Pfister meint:

„Jungfrau gehört nicht zur Glaubensaussage, sondern das ist eine Interpretation, die sich als sehr fragwürdig erweist und damit für uns nicht mehr vollziehbar ist. Es gibt ja Dinge, die man annehmen muss, so unverständlich sie sind,  aber das ist nicht etwas, was in diese Kategorie hineingehört“.

Aber einige Theologen sind überzeugt: Vielleicht lohnt es sich doch, die Bedeutung der biblischen Bilderwelt zu prüfen. In der historisch – kritischen Forschung der vergangenen 200 Jahre haben Bibelwissenschaftler die besondere literarische Gestalt der Weihnachtsbotschaft genau untersucht. Mit der Eigenart dieser Texte beschäftigt sich seit vielen Jahren der evangelische Theologe Pfarrer Michael Göpfert aus München:

„Die Weihnachtsgeschichten sind natürlich keine historischen Berichte im heutigen Sinn. Wir würden heute vielleicht sagen, sie sind religiöse Legenden, Predigten, Legenden auf jeden Fall für den Gemeindegebrauch, für den Glauben, geschrieben. Das ist eine andere literarische Gattung! Und deswegen kann man sie auch nicht behandeln als historische Reportagen. Es ist ja auch keiner dabei gewesen. Aber auch dann, wenn solche Erzählungen Legenden sind, ändert es nichts daran, dass sie einen Wahrheitsgehalt haben“.

Auch für Menschen von heute kann diese an Wundern so reiche Geschichte von der Geburt Jesu wichtige Einsichten mitteilen: Zum Beispiel, dass ein Mensch ganz eng mit Gott verbunden sein kann. Theologen schätzen den Wert dieser „Mythen“:

„Dass ein Mensch wie Maria so in Anspruch genommen ist von dem heiligen Geist, das finde ich so schön, aber das ist Mythologie.

Das ist doch sehr schön mythologische Sprache, dass der Mann ausgeschaltet wird, und dass hier die Frau die Mutter Gottes geworden ist, wie man das in der Tradition gesagt hat. Und dass das ein Bild, ein Mythos, geworden ist für den sehr besonderen Menschen Jesus“, sagt Gijs Dingemans, er war bis zu seiner Emeritierung Professor für protestantische Theologie an der Universität Groningen in den Niederlanden. Kritischer Umgang mit der Bibel ist für ihn selbstverständlich. Dennoch möchte er gerade zu Weihnachten nicht auf die ungewöhnliche Sprache der biblischen Mythen verzichten:

„Ich kann nur über Liebe oder Tod oder Leben mit Mythen, mit mythologischer Sprache, sprechen. Dafür habe ich andere Worte als Naturwissenschaften, da habe ich genaue Begriffe. Aber wenn ich über die letzten Dinge des Lebens rede, dann brauche ich Symbole, Mythen, Poesie, auch Prosa, Mythos ist auch Prosa, das ist Kunstsprache, die wahrscheinlich noch tiefer geht und noch mehr von uns selbst sagt, als die Sprache der Naturwissenschaften“.

Die Verfasser des Neuen Testaments, auch die Autoren des Matthäus – und Lukas – Evangeliums, nahmen am kulturellen Leben ihrer Umgebung teil. Und da waren mythische Erzählungen über die außergewöhnliche Geburt göttlicher Menschen selbstverständlich. Die Göttin Athene beispielsweise wurde aus dem Kopf ihres Vaters Zeus geboren;  im ganzen Mittelmeer Raum gab es ähnliche Berichte. Auch in Ägypten und Persien verkündeten die dortigen Religionen, dass reine Jungfrauen die Götter oder Halbgötter zur Welt brachten. Die Evangelisten bedienten sich der mythischen Erzählungen, um auf diese Weise bei ihren eigenen Lesern das Verständnis für die besondere Gestalt Jesu zu wecken. Daran erinnert der katholische Theologe Josef Imbach aus Basel:

„Da steckt schon Absicht dahinter, Jungfrauengeburt, da wollte man eben die Jungfrau als solche darstellen. Und die theologische Aussage lautet: Indem Gott Jesus seinen Sohn schickt und die Jungfrau ihn zur Welt bringt, macht er einen absoluten Neuanfang“. 

Dieser Mythos vom Zusammenwirken Gottes mit der asexuellen Jungfrau fand in der frühen Kirche eine geradezu enthusiastische Aufnahme. Aus Maria, der schlichten Frau aus Nazareth, wurde die „jungfräuliche Gottesmutter“, weil sie den Gott – Menschen Jesus Christus zur Welt gebracht hatte. So ist Maria mit der göttlichen Wirklichkeit aufs engste verbunden. Schon die ersten Einsiedler und Mönche verehrten die Jungfrau Maria leidenschaftlich. Sie galt ihnen als himmlisches Vorbild, weil auch sie, so glaubte man, die  Sexualität als „schmutzige Befleckung“ verachtete. Der Berliner  Kirchenhistoriker Christoph Marschies schreibt in seinem Buch „Das antike Christentum“:

„Den Unverheirateten empfahl ein Theologe namens Thomas im 3. Jahrhundert, ehelos zu bleiben. Den Verheirateten gab er den Ratschlag, sich dem Ehepartner zu verweigern. Sexuelle Enthaltsamkeit war „besser“.

Auch wenn die Jungfräulichkeit in der katholischen Kirche von heute nicht mehr höher geschätzt wird als die Ehe: Maria wird nach wie vor als die jungfräuliche Gottesmutter am Throne Gottes angerufen, als Hilfe bei Versuchungen aller Art und als Gnadenmittlerin gepriesen.

Die Marienfrömmigkeit hat ihren Ursprung sicher auch in volkstümlichen Weihnachtslegenden. Diese Geschichten wurden immer wieder erzählt, interpretiert ,um Details bereichert….bis die Gottesmutter schließlich zum Mittelpunkt des katholischen Glaubens wurde,  meint der katholische Theologe Josef Imbach :

„Im Christentum hat das eine große Rolle gespielt, weil das Christentum doch eine sehr patriarchalische Religion ist: der strenge Vater, Gott Vater, der straft, der die Vergehen ahndet. Und da flüchtet sich natürlich das Menschenkind vor diesem strengen Vater unter die schützende Schürze der Mutter. Man muss das psychologisch auch sehen“.

Es gibt zweifellos noch immer viele Katholiken, die eine Art innerer Freude oder gar „einen Seelentrost“ erleben, wenn sie zu Weihnachten die Gottesmutter verehren können, die gottnahe Frau, die mit dem Engel sprechen darf. Dieses Bild Marias hat sich in den Jahrhunderten durchgesetzt. Der Mythos vom göttlichen Kind und der wunderbaren Geburt verleiht dem grauen Alltag Glanz und Würde.

ABER: So sehr viele Christen heute die zauberhafte Welt einer Weihnachtsidylle mit Engeln und Schäfchen sowie der knieenden Jungfrau an der Krippe im Stall respektieren: Sie wollen ihr vernünftiges Denken nicht ausschalten, wenn sie Weihnachten feiern. Denn sie wissen, wie sehr das allseits propagierte Bild von der asexuellen Jungfrau und der reinen Gottesmutter missbraucht wurde: Nicht nur die rigide Ablehnung sexueller Lust, vor allem die Abwertung der Frauen im allgemeinen hat hier ihren Ursprung: Die wahre, die gottgefällige Frau konnte nur die Jungfrau sein. Als Alternative gab es in dieser Symbolwelt nur die Hure. Und Männer, die sich als katholische Priester zum Zölibat verpflichteten, wurden zu den innigsten Verehrern der Jungfrau Maria. Das gilt für die meisten großen männlichen Heiligen! Für Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Dominikus und so weiter. Denn wer als  Mann asexuell leben musste, fand eben in der asexuellen Jungfrau Maria Stütze und Halt. Die vielen anderen Männer fühlten sich aber degradiert, wenn im Wort von Marias  „unbefleckter Empfängnis“ ihr männlicher Sperma nur als Fleck bzw. als Befleckung letztlich als Schmutz angesehen wurde.

Angesichts der Last einer solchen Tradition ist es vielen Christen heute wichtig, die authentische Mutter Jesu kennen zu lernen, die Maria von Nazareth. Bibelwissenschaftler haben allerdings erkannt, dass das Neue Testament keine umfassende Biografie Marias vorlegt. Nur in wenigen Versen oder einzelnen Begriffen können sie etwas von der Mutter Jesu erfahren. Deswegen untersuchen sie die Bedeutung des Titels „Jungfrau“.  Mit diesem Thema hat sich die Theologieprofessorin in Basel, Luzia Sutter – Rehmann befasst:

„Also ich denke, die neuere Forschung stimmt mir da zu, dass man heute darunter junge Frau, ganz ganz junge Frau verstehen sollte. Also ein zwölfeinhalb jähriges Mädchen, d.h. ein heiratsfähiges junges Mädchen. Natürlich waren die auch im biologischen Sinn Jungfrauen, die jungen Mädchen, die sollten es wenigstens sein. Aber der Begriff meint vor allem ein noch nicht verheiratetes Mädchen, jetzt bereit zum Leben“.

„Jungfrau“ im Sinne der sexuellen Unberührtheit kann Maria also nicht genannt werden. Der Evangelist Matthäus bezieht sich auf einen Text des alttestamentlichen Propheten Jesaja. Er kündigt in einer Weissagung lediglich das außergewöhnliche Leben „einer jungen Frau“ an. Sie werde einst den Retter Immanuel zur Welt bringen. Der Prophet spricht ausdrücklich nicht von einer „Jungfrau“. Als man später die hebräische Bibel ins Griechische übersetzte, wurde aus dieser, natürlich auch sexuell lebendigen jungen Frau,  die asexuelle „Jungfrau“.  Das „Mädchen Maria“ wandelte sich  durch einen Übersetzungsfehler zu einer durch Wunder begnadeten Jungfrau. Die Autoren des Matthäus und Lukas Evangeliums sprechen davon. Sie haben ihre Texte nach dem Jahre 80 geschrieben. Christen, die noch eine Generation vorher lebten, hatten von Maria eine andere Vorstellung: In den frühesten Schriften des Neuen Testaments, den Briefen des Apostels Paulus, ist ausdrücklich nicht von Maria, schon gar nicht von der Jungfrau die Rede, betont der katholische Theologe Josef Imbach:

„Jesus wurde geboren von einer Frau. Das finden wir schon bei Paulus im Galaterbrief: Was sagt er: Geboren von einer Frau. Punkt. Wichtig ist, dass da die Menschheit Jesu betont werden soll. Da ist von Jungfrau nicht die Rede“.

Im ältesten Evangelium, das Markus um das Jahr 70 verfasst hat, wird die Geburt Jesu gar nicht erwähnt. So belanglos erschien sie dem Autor gegenüber dem Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu. Auch das jüngste aller 4 Evangelien, das Johannes Evangelium, geschrieben nach dem Jahre 90, bietet keine Weihnachtsgeschichte! Lediglich die Evangelisten Lukas und Matthäus erzählen einige Details zur Geburt Jesu. Bei Matthäus wird Josef als der Verlobte Marias vorgestellt. Er muss erleben, dass seine künftige Ehefrau bereits schwanger ist. Darüber ist er offenbar so irritiert, dass er die Beziehung mit Maria abbrechen will. Luzia Sutter – Rehmann stellt diesen Fall in die Ehegesetze der damaligen Zeit:

„Also eine Verlobte, die schwanger wurde, da gab es zwei Möglichkeiten vom Verlobten: Dann muss er still sein, dann muss er eheliches Recht wahr machen, vollziehen. Oder von einem anderen. Und wenn Josef so reagiert, dann sieht das so aus, dass es nicht von ihm wäre“.

Erst nach einem Traum, durch den Zuspruch eines Engels, lässt sich Josef umstimmen, betont Luzia Sutter – Rehmann:

„Das ist eine ganz schöne Geschichte. Der Engel sagt, steht auf, und nimm deine Braut zu Dir. Und dann tut er das auch. Und ich denke, rein rechtlich ist es wichtig, dass er seine Frau geheiratet hat. Rein vor dem Recht ist Jesus sein Sohn, das ist das, was den Text interessiert“.

Trotz dieser nun „geordneten Verhältnisse“ weiß Josef:  Seine Frau, Maria, bringt ein Kind zur Welt, das nicht von ihm stammt. Sonst hätte der Evangelist Matthäus nicht von einer möglichen Trennung des Paares berichtet. Die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehmann:

„Das wäre ein Erzählschub, den man nicht freiwillig erfinden würde, wenn er nicht wahr wäre. Der wäre zu problematisch“.

Auch das  älteste Evangelium nach Markus betont, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu sei. Im  6. Kapitel berichtet dieser Evangelist, wie Jesus von seinen Landsleuten in aller Öffentlichkeit  als „der Sohn der Maria“ bezeichnet wird. Diese Aussage ist sensationell: Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. Darauf weist die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehberg  hin:

„Da gibt es auch Forschungen von Jane Schaberg, die gezeigt hat, dass es zu Zeit der römischen Besatzung in Palästina sehr gut möglich wäre, sich Maria als, ja sag ich mal, Opfer von Soldaten vorzustellen.

Junge Mädchen wurden da irgendwie schwanger, man weiß nicht von wem. Da waren keine geordneten Verhältnisse, da waren Landbesitzer oder Beamte oder Männer, die sich das junge Mädchen mal vorgeknöpft haben. Die Lebensumstände im 1. Jahrhundert in Palästina waren nicht einfach für junge Mädchen. Das ist sicher“.

Jesus ein uneheliches Kind?

Wenn man diesem Forschungsergebnis folgt: Dann ist Jesus als uneheliches Kind anzusehen, und Josef ist sein Stiefvater. Diese Erkenntnis klingt in den Ohren einiger Christen vielleicht befremdlich. Zu sehr sind sie durch das bürgerlich geprägte glanzvolle Weihnachtsfest an bruchlose Harmonie  gewöhnt. Aber für die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter Rehberg wird die so „un- bürgerliche“, eher randständige Herkunft Jesu von einem weiteren Bericht aus dem Lukas – Evangelium bestätigt, dem Gebet Marias:

„Da spricht auch noch das Magnificat dafür, wo Maria davon spricht, dass Gott sie angesehen hat in ihrer Erniedrigung. Meistens wird das übersetzt in ihrer Niedrigkeit. Und Niedrigkeit macht so was Bescheidenes aus diesem Mädchen. Aber das Wort tapeinosis vom Griechischen her  bezeichnet eigentlich eine Gewalttat, die jemandem geschieht, die jemanden erniedrigt. Das muss nicht Vergewaltigung sein, es gibt andere Möglichkeiten von Gewalt. Aber sie sagt, in ihrer Erniedrigung hat Gott sie gesehen. Und da denke ich schon, sie hat erlebt, was das Volk erlebt zu dieser Zeit, das hat viel Gewalt erlebt“.

Luzia Sutter Rehberg hat auch als Pastorin und Predigerin beim Schweizer Radio diese Erkenntnisse verbreitet … und durchaus Zustimmung gefunden:

„Das wäre eine feministische Deutung, die auch heute sehr viele Frauen anspricht, die solche Dinge erlebt haben, also Vergewaltigungen z.B. Und denen dann plötzlich die ganze Jungfrau Maria Geschichte unheimlich einfährt, weil sie merken, mein Gott, die hat das erlebt, was ich auch erlebt habe. Das sind Erfahrungen auch von Gemeindegliedern mit eigenen Kindern und eigenen Leben, die plötzlich theologisch zur Sprache kommen können. Und das allein hat schon einen großen Wert. Es geht ja nicht nur um den exegetischen Buchstaben, und  wer hat jetzt recht. Sondern immer auch um die Frage: Wie wirkt das, wie leben wir das menschlich aus“.

Auch die Bedeutung des heiligen Josef wird dann neu interpretiert: Er ist als Stiefvater alles andere als ein Greis, wie er oft dargestellt wird. Der katholische Theologe Daniel Picot leitet in Montréal, Kanada, eine internationales Studienzentrum über den heiligen Josef:

„Seit langer Zeit wurde Joseph als alter Mann vorgestellt, mit einem Bart, ein „armer alter Typ“. Aber wir erleben seit einiger Zeit eine neue Entwicklung, da stellt man sich Josef vor als einen jungen Mann, der sehr verleibt ist in seine junge schöne Frau, der sein Kind liebt. Josef ist dann doch ein glücklicher Mann, väterlich, und dabei normal“.

Die historisch kritische Bibelforschung fördert ungeahnte Perspektiven zum Weihnachtsfest: Maria bringt als wirkliche Mutter ihr Kind Jesus zur Welt; sie rühmt Gott, dass er auf der Seite der Frauen steht. Und Josef überwindet alle Vorurteile und heiratet seine Verlobte „trotz allem“.  So werden beide ein Ehepaar mit Jesus als dem „Erstgeborenen“, wie es im Lukas Evangelium ausdrücklich heißt. Im „Bibelportal“ der angesehenen Deutschen Bibelgesellschaft heißt es kurz und bündig:

„Keiner der neutestamentlichen Texte weist darauf hin, dass Jesu Geburt und Herkunft außergewöhnlich gewesen wären“.

Eine Erkenntnis, die heute von den meisten Theologen geteilt wird. Der französische Theologe und Publizist Jacques Duqenesne schreibt in seinem Buch „Maria“:

„Jesus wird in den Kirchen als wahrer Mensch verehrt. Dann hatte er als Mann eben auch wie alle anderen Männer ein X Chrosom von der Mutter und ein Y Chrosom vom Vater“.

Jesus wuchs also als „ganzer Mann“ bei Maria und Josef auf. Als Ehepaar hatten sie selbstverständlich weitere Kinder. Der Evangelist Markus erwähnt ja namentlich Jakobus und Joses, Judas und Simon. Und er fragt weiter: „ Leben nicht die Schwestern Jesu hier unter uns?“ Und der jüdische Historiker Flavius Josephus erwähnt Jacobus, und nennt ihn ausdrücklich den „Bruder Jesu“. Die Kirchen hatten früher größte Mühe, die leiblichen Geschwister Jesu anzuerkennen. Schließlich geriet dadurch ihr Glaube ins Wanken, Maria sei „auf ewig“ die asexuelle, die reine Jungfrau geblieben. Luzia Sutter – Rehberg hat sich mit diesem Thema befasst:

„Wenn Paulus seine Adressaten Geschwister nennt, dann ist das für alle klar, er meint seine jüdischen Landsleute und nicht biologische Geschwister. Und da könnte man natürlich jetzt auch irgendwie behaupten, auch bei Jesus wären das irgendwelche Verwandte weiterer Art. Das sind dann eben so Dinge, die man strickt, die der Text eigentlich nicht festlegt.

Ich würde jetzt sagen, das waren weitere Geschwister, weil es nicht anders geht. Maria hatte offenbar weitere Kinder. Und weitere Jungfräulichkeit wäre ganz sicher nicht zu haben“.

Maria als die leibhaftige, als biologische Mutter Jesu: Diese Erkenntnis öffnet auch neue Horizonte für Spiritualität und Frömmigkeit.

„Für mich wäre das Wunder des Lebens eher noch größer als eine Verherrlichung einer außergewöhnlichen Geburt. Weil das verletzliche Leben dann im Zentrum steht, das verletzte Leben Marias, vielleicht auch Josefs, als des nicht stolzen Vaters. Der Sohn kommt in ganz arme Verhältnisse hinein zur Welt. Also das würde  uns viel mehr die Türen öffnen für ungewöhnlichen Zwischenfälle im Leben“.

Inzwischen folgen auch männliche Theologen dieser feministisch – theologischen Perspektive, wie der Basler katholische Theologe Xaver Pfister:

„Auf der anderen Seite gibt es sehr interessante Versuche Maria zu verstehen in der feministischen Theologie als einen Mensch, der bereit ist, auf das Leben einzugehen und das Leben anzunehmen und zu gestalten. Von daher ist Maria eine sehr interessante Figur, wenn dieser Aspekt im Vordergrund wäre, wenn sie nicht die Himmelskönig ist, sondern die wahre Frau, ein Modell des Frauseins, dann hat sie eine reale Bedeutung“.

Maria ist eine Frau, die die Unterdrückung selbst kennen lernte und trotz allem die Hoffnung bewahrte: In Lateinamerika ist Maria ein Vorbild des armen Volkes. Die katholische Nonne Barbara Kiener aus München lebte viele Jahre im brasilianischen Staat Goiania in den Slums. Dort hat sie in Basisgemeinden und Sozialprojekten vor allem Frauen unterstützt. Mit ihnen hat sie „alternativ“, nämlich sehr menschlich Weihnachten gefeiert:

„Sie sprechen von Maria der Befreiung. Maria ist für sie so eine Frau, die Hoffnung stärkt, die angepackt hat, die wusste, wann sie Ja und wann sie Nein sagen muss. Die wirklich aufsteht und mit ihnen für Gerechtigkeit eintritt. Das Evangelium  ist nicht nur eine geschmeidige Botschaft, dass Gott uns alle liebt, sondern auch die Botschaft Jesu vom Reich Gottes ist eine Botschaft, die wirklich die ungerechten Machtverhältnisse umkrempelt. Und dafür setzen sich diese Menschen ein.  Maria, die Mutter Jesu, geht in die gleiche Richtung. Sie verkündet in dem Magnificat, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzen wird und dass er die Niedrigen erheben wird, dass er die Hungernden beschenken wird, und dass er die Reichen mit leeren Händen davon schicken wird.  Diese Hoffnung, dass Gerechtigkeit geschieht, einmal Gerechtigkeit kommen wird, das ist die große Hoffnung dieser Frauen und das erleben sie im Kleinen schon jetzt“.

Nicht nur in Lateinamerika, in allen Teilen der Welt beginnen Christen, Weihnachten „anders“ zu feiern: mit weniger „Glanz und Lametta“, dafür aber  zurückhaltend gegenüber der frommen Phantasiewelt mythischer Erzählungen. Diese Christen und Theologen wollen eine Versöhnung schaffen zwischen kritischem Denken und biblischer Botschaft! Darum sind sie interessiert, Jesus als einen „Menschen unter uns“,  zusammen mit seiner Familie,  zu verstehen. Je menschlicher die Jesus Gestalt erscheint, um so größer sei der Gewinn für den Glauben, meint der evangelische Pfarrer Michael Göpfert:

„Jesus ist Mensch und zwar ganzer Mensch, und kein halber Mensch- Und gerade wenn Gott Mensch wird, was der christliche Glaube beinhaltet, dann ist es überhaupt kein Problem anzunehmen, dass er biologisch von leibhaftigen Eltern abstammt. Die Göttlichkeit bedeutet ja gerade, dass in diesem Menschen, der nichts ist als ein Mensch,  Gott sich offenbart und zeigt, dass Gott in diesem Jesu ein menschliches Antlitz annimmt. Wir glauben an Weihnachten die Menschlichkeit Gottes. In einem Menschen wird sie sichtbar, nicht in einem Halbgott!“.

Dieses Manuskript ist wie alle anderen Texte des „Religionsphilosophischen Salons“  urheberrechtlich geschützt. Copyrigtht: Christian Modehn. Berlin.

Buchempfehlungen:

Josef Imbach. Marienverehrung zwischen Glaube und Aberglaube. Patmos Verlag, Düsseldorf, 2008. 253 Seiten, 19,90 EURO.

Christoph Markschies, Das antike Christentum. Becksche Reihe, München, 2006, 271 Seite, 12, 90 Euro.

Jacques Duquesne, Maria. DVA 2005, 272 Seiten. 14, 95 Euro.

Alan Posener, Maria. Rowohlts Monographien, Reinbek bei Hamburg. 2001, 160 Seiten, 8, 50 Euro.



Sloterdijks „Philosophische Temperamente“

25. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher

Peter Sloterdijks „Philosophische Temperamente“ –   eine Buchempfehlung

Welches philosophische Temperament habe ich? Bin ich mehr Skeptiker als Analytiker, mehr Dialektiker als Hermeneutiker? Oder bin ich als Philosophierender noch auf der Suche nach meinem eigenen, persönlichen Stil zu denken …und damit :  zu leben? Mit diesen Fragen wird sich der Leser von Peter Sloterdijks neuem Buch „Philosophische Temperamente. Von Platon bis Foucault“   befassen. Und Sloterdijk will – zumindest indirekt- diese Fragen stimulieren, denn für ihn ist Philosophieren alles andere als eine hermetisch verschlossene akademische Universitäts-Angelegenheit. Dieses glänzend geschriebene und inspirierende Buch bietet 19 kleine oder manchmal etwas größere Skizzen zum Profil wichtiger Philosophen, von Platon über Descartes und Kant und Fichte hin zu Wittgenstein und Foucault.  In knappen Formulierungen wird das Eigentümliche der jeweiligen Philosophen herausgearbeitet, voller Überraschungen und neuer Blickwinkel. Zu Wittgenstein etwa schreibt Peter Sloterdijk: „So wird für Wittgenstein das Denken zu einem Navigieren zwischen Inseln der formalen Klarheit, die im unklaren Ungeheuren zerstreut liegen“ (s. 126f). Spannend auch einige Sätze aus dem Platon Profil: „Statt der märchenfrohen Narkosen und der rhapsodischen Enthusiasmen strebte die philosophische Rede (Platons) einen Zustand der kritischen Nüchternheit an, die seit jeher als das Arbeitsklima des authentischen Philosophierens gegolten hat…Sofern sie Aufklärung war, konnte die Philosophie nicht anders, als die altreligiösen Seelenverfassungen und die kruden Göttergeschichten zu entzaubern…“ (s. 22). Ein lesenswertes Buch, das hoffentlich zu weiten Gesprächskreisen der Philosophierenden inspirieren kann, für Menschen auf der Suche nach dem eigenen Temperament, dem philosophischen.

Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente. 145 Seiten, Diederichs Verlag 2009.



Edward Schillebeeckx verstorben – Sein Vermächtnis: VERNÜNFTIG glauben

24. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Edward Schillebeeck am 23. 12. 2009 gestorben – Auf der Suche nach der Vernunft des Glaubens

Im Religionsphilosophischen Salon werden auch Theologen diskutiert; mit besonderer Aufmerksamkeit solche, die für die VERNUNFT des GLAUBENS eintreten.

Zu Ihnen gehörte der aus Flandern stammende Dominikaner Theologe Edward Schillebeeckx, geboren am 12. Nov. 1914,  am 23. 12. 2009 in Berg en Dal, in der Nähe von Nijmegen, Niederlande, gestorben. Er hat auch zahlreiche vernünftige Vorschläge zur Reform der römischen Kirche gemacht, die von diesem römischen System „selbstverständlich“ ignoriert und diskriminiert wurden, das gilt z.B. für den wegweisenden Vorschlag von Schillebeeckx, verheiratete Männer und Frauen -nach entsprechender Ausbildung- als katholische Amtsträger (und damit als PriesterINNEN) zuzulassen, wenn die Gemeinden dies wünschen. Dies ist eine konstruktive  Antwort auf die zunehmende Klerikalisierung der römischen Kirche und ein Ausweg angesichts der „Zusammenlegung von Gemeinden“, die einzig und allein nach dem Kriterium der noch vorhandenen Priester geschieht. Aber Rom weiß es mit aller Macht und Gewalt „besser“ …und hat die Vorschläge Schillebeeckx` ignoriert.

Im Religionsphilosophischen Salon gibt es Wichtigeres, als sich mit diesen römischen Kircheninterna zu befassen, zumal Schillebeeckx weltweit unter vernünftigen Theologen immer noch hohes Ansehen genießt, nicht zuletzt wegen seines JESUS Buches und des Werkes „MENSCHEN. Die Geschichte von Gott“.

Wichtig ist ein bleibender philosophischer Impuls von Edward Schillebeeckx, mitgeteilt in dem Buch „Edward Schillebeeckx im Gespräch“, Edition Exodus, Luzern 1994, S 148 f.:

„Der Glaube ist das Bekenntnis eines vernünftigen Menschen. Die Rationalität des Glaubens muss immer neu errungen werden und erwiesen werden. Meine ganze Theologie ist die Theologie eines Gläubigen. Die menschliche Vernunft wird auf dem Feld des Glaubens zu hundert Prozent eingesetzt. Den Gehorsam (gegenüber der Kirchenführung, C.M.) ins Feld zu führen und die Augen zu schließen, ist nicht christlich und auch nicht katholisch. …Der Fundamentalismus, den es heute in manchen christlichen Gemeinschaften gibt, führt zum Obskurantismus. Er ist eine große Gefahr, der die menschliche Vernunft negiert“.

Der Religionsphilosophische Salon hat Edward Schillebeeckx als Propheten verstanden. Viele Mitglieder unseres Gesprächskreises sind gespannt, wie Rom die Vorschläge des Propheten entschärft und ins Vergessen vertreibt. Wir werden auf das kritische Werk Schillebeeckx` noch zurückkommen.



Philosophieren – ein Fest des Denkens?

19. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden?

Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest….

Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier?

Aber was leistet Philosophieren:

Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition „Licht“.  Aufklärung heißt auf Französisch: Siècle des lumières…Zeitalter der Lichter.

Also:

Wenn Philosophie entrümpelt, schafft sie einen neuen freien und lichten Denkraum und damit einen neuen Lebensraum.

Bei etwas mehr Klarheit kann man sich doch freuen, kann man doch mit den neuen Erkenntnissen umgehen, spielen, sie probieren, ihre Wirkungen genießen. Vielleicht sind sie heilsam, vielleicht beflügeln sie den Geist und damit das Leben.

Dann wird Philosophieren zum „Denkfest“.

Dieses Fest wird immer zunächst in der Einsamkeit des einzelnen gefeiert. Und zwar möglichst oft. Denn das Entrümpeln hat nie ein Ende.

Aber der entrümpelte Denkraum wird immer wieder anderen gezeigt, d.h. er wird mit anderen besprochen. Dann entsteht ein Fest des gemeinsamen Denkens. Ein Symposion.

Und bei dem klassischen Symposion von Platon fehlten niemals Wein und Brot. Gibt es etwa ein „philosophisches Abendmahl“?  Darüber wäre auch im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst nach zu denken.



Legionäre Christi – Ihr Gründer Maciel ein enger Freund von Papst Johannes Paul II.

13. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Der Legionärsgründer Marcial Maciel war ein enger Freund von Papst Johannes Paul II. (veröffentlicht am 13. Dez. 2009)

Ein aktueller Hinweis: Am 26. 11. 2010 habe ich einen weiteren, aktuellen Beitrag ins Netz gestellt: „Das Neuestes zu den Legionären Christi“.

Der Religionsphilosophische Salon, unabhängig von jeder Kirche,  ist auch ein Ort der Religionskritik. Philosophie ohne Kritik der Religionen und Konfessionen ist undenkbar! Immer wieder wurde in unseren Gesprächskreisen nach den „Legionären Christi“ gefragt, einem katholischen Orden, der jetzt auf  Befehl Benedikt XVI. weltweit  „untersucht“  wird. Im Mittelpunkt steht dabei die Tätigkeit des Ordensgründers, Pater Marcial Maciel. Er wird seit Jahren pädophiler Verbrechen beschuldigt, Jahre lang hat der Vatikan das ignoriert. Am 15. März 2010 wird die „Visitation“ durch fünf Bischöfe abgeschlossen sein, so wurde Anfang Dezember 2009 berichtet. Ob diese Berichte öffentlich zugänglich werden, ist höchst unwahrscheinlich. Inzwischen hat sich der jetzige Generalobere des Ordens, Pater Alvaro Corcuera Martinez del Rio, bei den „Opfern“ der sexuellen Umtriebe des einst wie ein Heiliger verehrten Ordensgründers in sehr allgemeinen Worten entschuldigt.

Corcuera versprach, dass dieser mächtige Orden nun „als demütige Kongregation“  auftreten werde. Wenn das Betteln per Zahlkarten in Zeitschriften und in privaten Bettelbriefen demütig ist, mag es stimmen. Aber damit wird der Eindruck erweckt, die Legionäre Christi seien bettelarm und sie bräuchten das Geld der berühmten armen Witwen, die ja besonders spendefreudig sein sollen, wie Kirchenleute gern sagen… Im folgenden Beitrag erinnern Insider daran, wie viele Millionen Dollar tatsächlich dieser äußerst wohlhabende Orden besitzt. Die Bettelei in Deutschland und anderswo kann nur skandalös genannt werden. Die Bettelei ist eine Schande. Den Spendern wird übrigens als Dank das neun tägige Gebet der Novizen der Legionäre Christi versprochen.

Weil es in deutscher Sprache keinerlei  (!)  kritische Auseinandersetzung mit den Legionären gibt, habe ich mich aufgrund der Anfragen im religionsphilosophischen Salon entschlossen, diese Studie als erste Orientierungshilfe zugänglich zu machen.  COPYRIGHT:Christian Modehn  (Dies gilt ja selbstverständlich für alle Texte des Religionsphilosophischen Salons. )

Ein Freund Johannes Paul II. – Pater Marcial Maciel.

Der Orden  „Legionäre Christi“ in Bedrängnis

Von Christian Modehn

Die „Legionäre Christi“, ein kirchlich wie gesellschaftlich sehr einflussreicher Orden, vergleichbar dem Opus Dei, werden auf Veranlassung Benedikt XVI. offiziell visitiert. Der Staatssekretär des Papstes, Kardinal Tarcisio Bertone, ordnete am 10. März 2009 eine „Apostolische Visitation“ an. Seit dem 15. Juli 2009  überprüften 5 Bischöfe den Orden (1). Auch drei Monate nach dem Beginn dieser offiziellen Überprüfung ist nichts von vorläufigen Ergebnissen oder Einsichten zu hören. Das ist nicht erstaunlich: Denn der Gründer des Ordens, Pater Marcial Maciel, wird beschuldigt, viele Jahrzehnte pädophile Verbrechen begangen zu haben, ohne dafür jemals belangt worden zu sein. Noch heikler ist die Erkenntnis: Der mexikanische Priester, er ließ sich immer offiziell „Generaldirektor“ nennen, war sehr eng mit Papst Johannes Paul II. befreundet, und auch der damalige Chef der obersten Glaubensbehörde, Kardinal Ratzinger, hat zu den Verbrechen geschwiegen. Ob jemals die Untersuchungsergebnisse veröffentlicht werden, ist angesichts dieser Verbindungen fraglich.

Nur so viel ist seit Beginn der Visitation klar: Es werden die Mitglieder befragt und die Institutionen des Ordens untersucht. Dabei ging es nicht darum, die Treue zur dogmatischen Lehre der Kirche festzustellen. In ihrem lautstarken Bekenntnis zum Papsttum und zum Lehramt lassen sich die Legionäre Christi und die mit dem Orden eng zusammenarbeitenden ca. 70.000 Laien der Bewegung „Regnum Christi“  kaum übertreffen (2). Es geht also vor allem um das moralische und sittliche Niveau der Ordensmitglieder sowie um finanzielle Verflechtungen des Ordens mit der ökonomischen „Elite“ Spaniens, Mexikos und anderer Länder.

Die Legionäre Christi wurden fast 60 Jahre von dem Gründer des Ordens, Pater Marcial Maciel (1920 – 2008) geleitet. Ihm wird vorgeworfen, pädophile Straftaten mit jungen Ordensleuten über viele Jahre begangen zu haben, zudem war er drogenabhängig und darüber hinaus Vater mindestens einer Tochter (3). Von der als maßlos beschriebenen  Bereicherung unter seinen „Freundinnen“ und Gönnern wird in diesem Beitrag noch zu reden sein. In führenden Kreisen der Legionäre („Legionarios“ werden sie in den Spanisch sprechenden Ländern genannt) wurde nach der öffentlich bekannt gewordenen leiblichen Vaterschaft ihres Ordensgründers die angekündigte Untersuchung mit einer nahezu überschwänglichen und schon beinahe verdächtigen Freude begrüßt. Nebenbei: Die Legionäre mussten Maciel stets als „nuesto padre“ oder „notre Père“ auf ausdrückliches Geheiß ihres Leiters ansprechen. Álvaro Corcuera, der jetzige Ordensobere, der ebenfalls den Titel „Generaldirektor“ trägt, erwähnte die pädophilen Verbrechen des Ordensgründers allerdings mit keinem Wort, als er seinen Mitgliedern die offizielle Visitation durch die römischen Gesandten mitteilte.  Corcuera hatte lediglich die Hoffnung ausgedrückt, dass nun »schwerwiegende Tatsachen zum Abschluss« gebracht werden. Welche „schwerwiegenden Tatsachen“ es seien, sagte er nicht.

Die Vaterschaft Maciels kann niemand mehr leugnen. Beobachter haben den Eindruck, dass die Legionäre über die nun bekannt gewordene auch heterosexuelle Orientierung ihres „Padre“ in gewisser Weise froh sind, lenkt das doch von den pädophilen Taten ab. Der Bruch des Zölibatsgelübdes wurde auch von Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa, Santiago de Chile, eher heruntergespielt und als Ausdruck „von zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten“ interpretiert. Maciel sei „ein armer (natürlich nicht im materiellen Sinne, der Autor!)  Mensch gewesen“ (4). Brisant wird die Bedeutung der Visitation durch weitere Dokumente, denen zufolge es innerhalb des Ordens und im Regnum Christi weiterhin ein „Netzwerk von Pädophilen“ (5) geben soll.

Schon als junger Seminarist ein Liebhaber von Knaben

Die Geschichte des Ordens und seines Gründers ist voller Merkwürdigkeiten: Marcial Maciel wurde am 10. März 1920 in dem Dorf Cotija de la Paz in Mexiko (Bundesstaat Michoacán) geboren. Im Alter von 15 Jahren trat er ins Priesterseminar ein. Bis zu seiner Priesterweihe 1944 musste er mehrfach die Seminare wechseln – »wegen allerlei Verdächtigungen«, wie seine damaligen Oberen, darunter Jesuiten,  eher zweideutig erklärten. Schon als 16-Jähriger war Maciel fest entschlossen, aufgrund göttlicher Eingebungen, wie er sagte,  einen eigenen Orden zu gründen. Im Jahr 1941 konnte er, immer noch als Seminarist, 13 Knaben im Alter von etwa 12 Jahren, in einem eigenen »Kleinen Seminar um sich sammeln. Fotos zeigen ihn im Kreis seiner Lieben, alle Kinder sind in Talare gekleidet. Hartnäckig und intensiv betrieb er das Projekt der Ordensgründung! Ihm gelang es, 1946 mit Papst Pius XII. zu sprechen, der soll ihm empfohlen haben: „Nennen Sie Ihren Orden =Legionäre Christi=! Sie sollten sich um die Eliten kümmern“.  Maciel nutzte seine Beziehungen zu ihm wohl gesonnenen mexikanischen Bischöfen und erreichte 1948 die offizielle Errichtung seines Ordens in Mexiko. Die Kongregation für die Ordensleute in Rom hatte ihre Zustimmung gegeben. Dieses Placet musste Rom aber wegen heftigen Widerstandes vor allem von Seiten etlicher Theologen in Spanien, darunter auch Jesuiten,  zurückziehen. Sie wussten nämlich aus eigenem Erleben, dass Maciel eine „problematische Figur“ ist. Aber das entsprechende ablehnende Schreiben aus dem Vatikan erreichte den mexikanischen Bischof erst, nachdem er – zwei Tage vor Empfang dieses Briefes! – die offizielle bischöfliche Errichtung und Approbation des Ordens auf Diözesanebene schon vollzogen hatte. Beobachter meinen, Maciel hätte sich die Anerkennung seines Ordens erschlichen. Andere fragen sich, warum in Rom niemand darauf gedrungen hat, die bischöfliche Anerkennung des Ordens wieder rückgängig zu machen.

So mächtig wie das Opus Dei

Maciel baute den Orden zunächst in Mexiko auf, immer darauf bedacht, exklusive Privatschulen für die ökonomische Elite zu errichten. In diesen Kreisen suchte er auch mit viel Erfolg Nachwuchs für seinen Orden. In Rom eröffnete er schon 1950 sein erstes Haus. Seinem Orden wurde 1958 die Leitung der mexikanischen Kirche „Unsere liebe Frau von Guadelupe“ “ anvertraut, ein Hinweis darauf, wie der Orden sehr früh schon in Rom etabliert war. 1965 wurden die Legionäre Christi eine „Kongregation päpstlichen Rechts“. Aber erst 1983 hatte Papst Johannes Paul II. die Statuten des Ordens endgültig approbiert. Darin mussten sich die Mitglieder (seit Gründung des Ordens) verpflichten, nichts Negatives über den Orden nach außen dringen zu lassen. Dieses vom Gründer so genannte „Gelübde der Liebe“  wurde als Verpflichtung zum Schweigen genannt. Maciel redete seinen Leuten ein, dieses Sondergelübde sei Ausdruck des Willens Christi. Von zahlreichen Spendern unterstützt, konnten die Legionäre zusammen mit den ebenfalls eher wohlhabenden Laien aus dem „Regnum Christi“ im Laufe der Jahre ein weites Netz von Schulen auch außerhalb Mexiko aufbauen, wie in Chile, Spanien, Irland, den USA. Sie alle sind für die so genannte politische und ökonomische Elite bestimmt. Die us- amerikanische Website der Legionäre bezifferte Ende 2008 die Anzahl der Priester in der „Legion“ auf 800. Die Zahl der Seminaristen in Vorbereitung auf das Priestertum soll 2.600 betragen. Der Orden ist heute in 22 Ländern tätig, er leitet 15 Universitäten, 50 Hochschulen, 176 Grund und Mittelschulen mit insgesamt  132.000 Studenten. Mit seinen Massenmedien (Fernsehen, Zeitschriften, Internet, Zenit, eine internationale Presseagentur in Rom) erreicht er  3 Millionen Menschen.

Theologisch gehören die Legionäre eindeutig zu den ultra- konservativen Kreisen, sie gehören zu den erklärten Gegnern der Befreiungstheologie und propagieren eher eine „Theologie des Wohlstands“. In Deutschland zum Beispiel nehmen sie nicht an den von den eher progressiven Laien organisierten Katholikentagen teil, sondern an den reaktionären Treffen des „Forums deutscher Katholiken“, an denen übrigens auch Kardinal Ratzinger teilgenommen hat. In Spanien sind sie eng mit dem konservativen „Partido Popular“ (PP) verbunden, sie sind dort immer in Massen zur Stelle, wenn diese Partei zusammen mit der Bischofskonferenz Protestdemonstrationen gegen die sozialistische Regierung, vor allem gegen deren Gleichberechtigung homosexueller  Paare veranstaltet.

Pädophile Verbrechen werden öffentlich beschrieben

Die Öffentlichkeit erfuhr erst 1997 etwas vom wahren Gesicht dieses nach außen hin so missionarisch – rührigen Paters Maciel. Im November 1997 veröffentlichten 8 ehemalige Mitglieder des Ordens einen Offenen Brief, den sie dem Vatikan zusandten (7). Sie legten im Detail dar, dass sie als Jugendliche und als junge Ordensmänner von Pater Maciel sexuell missbraucht wurden. Weil sie unter diesem Verbrechen seelisch gelitten hatten und es aus Scham nicht wagten, früher an die Öffentlichkeit zu treten, hätten sie sich erst 1997 zu diesem Schritt in die Öffentlichkeit entschlossen. Später meldeten sich weitere ehemalige Legionäre als Opfer pädophiler Verbrechen Maciels. Einige berichteten in eher schockierenden Details,  wie etwa Pater Maciel eine urologische Krankheit vorgab, die nur durch die Sexualität mit den Knaben geheilt werden könnte. Und immer wurden sie nach vollzogener Tat instruiert, dass für sie das Gelübde der Geheimhaltung natürlich absolut gelte. Auch hätten sie von ihm in der Beichte die Lossprechung für die Sünde erhalten, ein Befund, der im geltenden Kirchenrecht die sofortige Exkommunikation nach sich zieht. Aber in Legionärs Kreisen wurde und wird darüber geschwiegen. Aber die Zeugnisse der Ex – Legionäre waren seitdem in der gesamten Spanisch sprechenden Welt sowie in den USA oder in Irland bekannt. In den USA wurde eine eigene DVD (»Vows of Silence«) zu dem Thema produziert, außerdem gibt es eigene Foren und Internetauftritte der Opfer wie www.exlc.org oder www.exlcesp.com.

Selbstverständlich wusste auch der Vatikan davon! Die Akten wurden schließlich von den römischen Behörden gelesen. Formal wurde eine Verteidigerin der Kläger ernannt, die Kirchenrechtlerin Martha Wegan.  Aber von päpstlicher Seite wurde nichts gegen den Generaldirektor unternommen. Maciel verteidigte sich damit, dass es sich um bösartige Verleumdungen handle und dass er nun wie Jesus Christus als ungerecht Verfolgter eben leiden müsse…

Drogenabhängig

Der Vatikan hatte in den neunziger Jahren offenbar verdrängt, dass es Mitte der fünfziger Jahre schon einmal eine Affäre Maciel gab. Damals wurde er als Generaldirektor auf päpstlichen Befehl hin seiner Funktionen entbunden und ins spanische Exil geschickt. Von einigen kritischen jungen Legionären wurde 1955 die Römische Kongregation für die Ordensleute dringend aufgefordert, die Qualitäten Maciels und die sittlichen Zustände im Orden zu untersuchen. Denn die Drogenabhängigkeit ihres Generaldirektors war den Ordensmitgliedern nicht verborgen geblieben. Felix Alarcon, auch er wurde von Maciel missbraucht, erklärte noch im August 2009 im Chilenischen Fernsehen, dass sich sein Generaldirektor regelmäßig Morphin Derivate spritzte, vor allem Pethidin, ein vollsynthetisches Opioid. Im Frühjahr 1956 befand sich Maciel zur Entgiftung in der römischen Klinik Salvator Mundi.

Auch 5 Bischöfe Mexikos wandten sich Ende August 1956 an Rom und beklagten, Maciel würde die Sodomie mit jungen Ordensangehörigen praktizieren. Seit der Zeit wurde eigentlich schon über die Päderastie des obersten Legionärs nach Rom berichtet!

1956 visitierte der damalige Generalobere der Unbeschuhten Karmeliten, Anastasio Ballestrero,  die Legionäre Christi. Seine Arbeit wurde vor allem behindert durch das so genannte „Gelübde der Liebe“, das alle Mitglieder verpflichtet, nichts Negatives über die Ordensleitung nach außen dringen zu lassen. Als Ergebnis seiner Untersuchungen wünschte Ballestrero die Ernennung eines neuen Generaloberen „von außen“, also eines Nicht- Legionärs,  sowie für allem die Abschaffung des „Schweigegelübdes“. Aber 50 Jahre konnte dieses an die Mafia Methoden erinnernde Gelübde (8) fortbestehen; erst im Jahr 2007 wurde es von Benedikt XVI. in aller Stille abgeschafft . Maciel verteidigte sich wie immer: Die gegen ihn geführte Kampagne als Verleumdung.

Aber die Forderungen Ballestreros wurden nicht nur nicht respektiert, es kam sogar zu einer erneuten Visitation des Ordens: Offenbar hatten befreundete Kardinäle in Rom, wie Micara, Pizzardo, Cicognani, Piazza und Tedeschini  sich für den Orden und für Maciel eingesetzt (9). Diese zweite Untersuchung, unter dem römischen Prälaten Alfredo Bontempi und dem Franziskaner Polidoro van Vlierberghe verlief äußerst positiv für den Orden. Die Frömmigkeit der Legionäre wurde gelobt, hervorgehoben wurde die Tatsache, dass sie die  Bücher progressiver Theologen, wie Congar oder de Lubac,  nicht lesen usw.

1962 wurde ihm offiziell mitgeteilt, dass es vom Vatikan aus keine Maßnahmen gegen ihn geben werde, seit 1959 war er ohnehin wieder offizieller Generaldirektor der Legionäre Christi.

Ein enger Freund des Papstes

Seine Blütezeit erlebte der Orden unter Johannes Paul II: Die Liste der freundschaftlichen Verbindungen ist lang:

1991 wurde Maciel Mitglied der Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode über die Priesterausbildung in der gegenwärtigen Situation.

Im selben Jahr wurde er Mitglied der Kommission für die gerechte Verteilung des Klerus.

1992 wurde er Mitglied der IV. Allgemeinen Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas in Santo Domingo.

1993 wurde er Mitglied der Bischofssynode über das gottgeweihte Leben und seine Sendung in Kirche und Welt.

1994 wurde er zum ständigen Berater der Kongregation für den Klerus ernannt.

1997 wurde er Mitglied der Sonderversammlung der Bischofssynode für Amerika (10). Über die theologische Kompetenz Maciels gibt es keine Zweifel: „ Er hatte eine ärmliche theologische Bildung“, schreibt einer der besten Kenner der Legionäre, der Sozialwissenschaftler Professor Fernando M. González, Mexiko (11).  Wer die Bücher Maciels liest, wird von der absoluten Schlichtheit seines theologischen Denkens überzeugt (12).

Wie die Legionäre auf die Kirche Einfluß nehmen

Die Zuneigung Papst Johannes Paul II. für Maciel und seine Legion hatte sicher mehrere Gründe: Sein Orden hatte stetig viele Priesterweihen, die auch in Rom als „Massenereignis“ zelebriert wurden.  Zudem zeigten sich die Legionäre ausschließlich im schwarzen Talar und dachten ausdrücklich „im Gleichschritt mit der Kirche“, wie Maciel sagte, d.h. mit  der Hierarchie. Auch aus diesem Grund beauftragte Johannes Paul II. Maciel, seine päpstlichen „Pastoralreisen“ nach Mexiko vorzubereiten und zu gestalten. Der Papst gestattete dem Orden den Aufbau der eigenen Universität „Regina Apostolorum“ in Rom, die noch vor kurzem durch Kurse für Exorzisten von sich reden machte. Er überließ dem Orden die Leitung eines Priesterseminars in Rom, in dem Weltpriester aus allen Kontinenten während ihrer Studien wohnen können. Er überließ den Legionären die Leitung des monumentalen „Instituts Notre Dame“ in Jerusalem (das kürzlich noch Papst Benedikt XVI. während seiner Reise nach Israel besuchte). Johannes Paul II. förderte die vatikantreue Legionärs Presseagentur Zenit usw. Auf diese massive Unterstützung von päpstlicher Seite hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger eine entscheidende Antwort gegeben, als er einem der Missbrauchsopfer sagte: „Ich kann in Ihrem Fall nichts tun, denn P. Maciel ist ein persönlicher Freund des Papstes, er hat ihm auch viel Vermögen gegeben“.  (13) Kardinal Ratzinger hat über Jahre verhindert, dass der „Fall Maciel“ kritisch und öffentlich diskutiert wurde…

Die Moral des Papstes: Über die Fehler anderer schweigend hinwegsehen

Auch Johannes Paul II. hat das Gelübde der Geheimhaltung bei den Legionären selbstverständlich gekannt und sogar öffentlich gelobt, als er am 4. Januar 2001 bei einer Audienz eigens für die Legionäre unter anderem sagte: „Ihr wolltet die Herausforderung des Evangeliums in Angriff nehmen, indem ihr die besondere Betonung auf die brüderliche Herzlichkeit eurer zwischenmenschlichen Beziehungen legt und den Geist der Nächstenliebe in euren Gedanken und Werken pflegt. Dabei seht ihr schweigend über die Fehler der anderen hinweg und stellt vielmehr deren positive und nützliche Taten heraus. Möge euch der Herr diese Geisteshaltung bewahren…“

Die Verbundenheit des Papstes mit Maciel war so umfassend, dass es Johannes Paul II. noch am 30. November 2004, also bereits sehr schwer erkrankt, sich nicht nehmen ließ, zusammen mit dem Legionärs Förderer, Kardinal Sodano, noch einmal die Legionäre mit ihrem Generaldirektor zu empfangen, um mit ihnen den Jubeltag des 60. Jahrestages der Priesterweihe dieses „vorbildlichen“ Priesters zu feiern. Der Papst sagte: „Ein herzlicher Gruß geht vor allem an den lieben Pater Maciel, dem ich meine besten Wünsche für einen von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllten priesterlichen Dienst ausspreche. Außerdem grüße ich die Oberen des Instituts Legionäre Christi…Der freudige Anlass, der euch alle hier um den Gründer versammelt sieht, lädt ein, jener Gaben zu gedenken, die er in den 60 Jahren seines priesterlichen Dienstes vom Herrn empfangen hat, und bietet zugleich die Gelegenheit, jene Verpflichtungen zu bekräftigen, die ihr als Legionäre Christi im Dienst am Evangelium übernommen habt…“.

Die Verbrechen werden nicht juristisch verfolgt

Aber der öffentliche Ruf Maciels hatte in der Zeit derart gelitten, dass Kardinal Ratzinger im Januar 2005 nicht mehr umhin kam, persönlich eine Untersuchung der zur Pädophilie des Generaldirektors zu veranlassen. Mit der Recherche wurde Msgr. Charles Scicluna (Rom) beauftragt. Dessen Recherchen waren offenbar so erschütternd gewesen, dass sich Joseph Ratzinger, gerade Papst geworden, genötigt sah, am 26. Mai 2006 Maciel den völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit zu befehlen. In der üblichen vatikanischen Diplomatensprache war die Rede davon, Benedikt XVI. hätte Maciel , so wörtlich, „gebeten“  ein Leben der Buße und des Gebetes zu führen. Von den pädophilen Verbrechen war von päpstlicher Seite keine Rede, von den Opfern wurde nicht gesprochen, die Affäre Maciel sollte ohne jegliche juristische Klärung ausgelöscht und vergessen werden. Ein Jahr zuvor, 2005, hatte Maciel seinen Posten als Generaldirektor aufgegeben, Altersgründe wurden vorgeschoben…Inzwischen hatten einige Bischöfe in den USA den Legionären Christi und dem Regnum Christi jede Aktivität in ihren Diözesen verboten. Schon im Oktober 2004 entschloss sich z.B. der Erzbischof von Saint Paul und Minneapolis, Harry J. Flynn, zu dem Schritt. Als Begründung sagte er: „Die Legionäre bauen eine Parallel-Kirche auf und entfernen somit die Gläubigen von ihren Gemeinden“.

Alles im Schweigen übergehen

Am 30. Januar 2008 ist Maciel nicht am Ort seiner „Buße“, also in Rom, sondern in den USA gestorben. Bestattet wurde er in seinem mexikanischen Heimatdorf, wo man ihm zu Ehren schon früher eine Art „Heiligtum“ errichtet hatte. Prominente Kirchenführer aus Mexiko oder aus Rom waren bei der Bestattung nicht dabei! Der Vatikan war offenbar froh, dass Maciel fern von Rom begraben wurde. Bei einem Begräbnis in Rom hätte der Papst noch eine offizielle Delegation senden müssen, und das wäre höchst peinlich gewesen. So steht das für Maciel vorbereitete Mausoleum in Rom also leer. Das Leben eines Mannes, der von den Seinen wie ein Heiliger verehrt wurde, endete im völligen Abseits.

Sexuell vielseitig – um des Geldes willen

Aber die Affäre Maciel, die eine Affäre der Legionäre ist, erhält nach dem Tod eine neue Dimension: Am 4. Februar 2009 hatte die New York Times berichtet, eine junge Frau hätte öffentlich gestanden, die Tochter Maciels zu sein. Die Mutter der Tochter mit dem Namen Linda meldete sich. Diese einstige Geliebte heißt Norma Hilda Banos, sie stammt aus Acapulco, Mexiko. Beide Frauen wohnen in einem Luxuappartment, das ihnen der Vater, Pater Maciel, in Madrid gekauft hatte. Die Tochter hätte sich offenbar gemeldet, um Anteil an der Erbschaft ihres äußerst vermögenden Vaters zu erhalten, hieß es. Noch wird darüber gestritten, ob der Orden rechtlich verpflichtet ist, die Erbschaft ihres einstigen Generaldirektors zu verteilen. Inzwischen haben sich drei weitere Kinder Maciels in Mexiko gemeldet, so berichtet ihr Rechtsanwalt Jose Bonilla Sada. Die Erben wollen ihren Anteil! Tatsache ist, dass der Orden mit seinen 800 Priestern weltweit über äußerst erhebliche Geldmittel verfügt. José Barba, als ehemaliger Legionär ein Insider, schätzt den Jahreshaushalt des Ordens auf mehr als 500 Millionen Euros, praktisch das Dreifache das Haushalts des Vatikans. Das gesamte Vermögen des Ordens beziffert es auf mehr als 20 Milliarden Euro, aber dies seien Schätzungen, weil ja auch über das Vermögen dieses Ordens, Geheimhaltung besteht.(14) Dieser unermessliche Reichtum ist Resultat einer langjährigen Verbundenheit mit den ökonomischen „Eliten“ in Mexiko, Spanien, Chile usw. Es ist bekannt, das  der mexikanische Multimillionär Carlos Slim, einer der reichsten Männer der Welt, ein alter Freund der Legionäre ist. Er war kürzlich eigens nach Chile gereist, um einer Konferenz der Legionäre teilzunehmen (15). Andererseits ist es kein Geheimnis, dass sich Maciel sehr viel Geld von seinen zahlreichen wohlhabenden Liebhaberinnen schenken ließ: Namentlich bekannt sind:  Talita Reyes, Pachita Pérez, Dolores Barroso, Josefita Pérez und Flora Garza Barragán, sie ist eine bekannte wohlhabende Dame aus Mexiko. Von ihr berichtet deren Tochter Flora in der Zeitschrift „Proceso”, Mexiko: „Seit ihrer Bekanntschaft mit Maciel, dem sie blind vertraute,  gab meine Mutter ihm 50 Millionen Dollar. Bis zu ihrem Tod dachte sie an ihn, sie bat ihn, dass er sie wenigstens anrufe, aber das hat er dann niemals mehr getan“. (16) Diese Aussagen werden jetzt vom Neffen Maciels, Alejandro Espinosa, selbst ehemaliger Legionär, bestätigt. „Maciels  Reichtum ist unermesslich, sagte er. „Er hat auch für mich Geld auf einem Konto in New York angelegt, er hat auch seine acht Brüder reich gemacht. Im übrigen war die Sexualität, die Fähigkeit zur sexuellen Verführung die Passion meines Onkels“ (17).

Sollen die Legionäre weiter bestehen?

In den USA haben in den Wochen nach Bekanntwerden der Vaterschaft Maciels einige Legionäre den Orden verlassen. Die anderen Mitglieder tun so, als hätten sie nie „etwas“ gewusst, andere beklagen die Sünden ihres Gründers, lassen aber durchblicken, dass sein Werk fortgeführt werden muss: „Denn die Leistungen seien doch bedeutend“. Ob die Anmeldungen zu den Eliteschulen der Legionäre nun zurückgehen, bleibt abzuwarten,  genauso, ob sich die Reichen als Förderer zurückziehen. Offiziell wollen sich die Legionäre von ihrem einst wie einen heiligen verehrten Vater distanzieren: Sie haben in ihren Internetauftritten die Hinweise auf Maciel auf ein Minimum reduziert. Und die üblichen Bilder des Gründers, die einst jedes Legionärs-Haus zierten, wurden kommentarlos abgehängt. Manche Beobachter in Mexiko fühlten sich dabei an Machtwechsel in der Sowjetunion erinnert. Ob man so schnell diese „Kriminal – Geschichte“   voller Korruption und Verbrechen zu einem Abschluss bringen kann, ist freilich die Frage. Noch wichtiger ist die Frage, ob die 5 Visitatoren alle Schandtaten tatsächlich erkennen und diese auch der Öffentlichkeit zugänglich machen. Kardinal Franc Rodé, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Ordensleute, gilt jedenfalls als enger Freund des umstrittenen Ordens. Beobachter meinen, die Rom gefällige Lösung der „Affäre Maciel“ besteht darin: Den armen Sünder Pater Maciel zu bedauern, aber sein Werk zu loben und sich weiterhin an dem reichen finanziellen Schatz des Ordens zu erfreuen.

Konservative Katholiken in den USA sehen allein schon wegen dieses intimen Verflechtung Johannes Paul II. mit Maciel die Notwendigkeit, ganz neu über eine mögliche Selig- und Heiligsprechung des polnischen Papstes nachzudenken (6).

Literaturhinweise:

Torres Robles, Alfonso, „La prodigiosa aventura de los Legionarios de Cristo“, 2001, Ed. Foca, Madrid.

Fernando M. González, „Marcial Maciel“, Ed. Tusquets, 2006

-ders. „La iglesia del silencio“, Ed. Tusquets, 2009

Fernando M. Gonzalez, „La iglesia del Silencio“, De martires y pederastas, Tusquets Editores Mexico, 2009.

„El circulo del Poder y la espiral del silencio“. Ed. Salvador Guerrero Chiprés et alii. Ed. Grijalbo, Mexiko 2004.

Jason Berry, „Vows of Silence“. With Gerald Renner, Free Press, New York, 2004.

Jose Martinez de Velasco, „Los documentos secretos  de los Legionarios de Cristo“. Editiones B. Barcelona, Bogota, Bues Aires, 2004.

Marcial Maciel, „Mi vida es Cristo“. Planeta Editicion, Barcelona 2003.

Angeles Conde, David J.P. Murray, „Fundacion“. Historia y actualidad de Legion de Cristo. Planeta Editcion,  2005.

Fußnoten zum Beitrag über die Legionäre Christi von Christian Modehn

1) Es handelt sich um fünf Bischöfe:

-Msgr. Ricardo Watty Urquidi, M.Sp.S., Bischof von Tepic (Mexiko). Er untersuchte die Legionäre in Mexiko, wo der Orden sehr viel Einfluß hat, und in Zentralamerika.

-Msgr. Charles Joseph Chaput, O.F.M. Cap., Erzbischof von Denver (USA), er untersuchte die Legionäre in den USA und Kanada.

-Msgr. Giuseppe Versaldi, Bischof von Alessandria (Italien), er untersuchte die Legionäre in Italien, Israel, Korea und auf den Philippinen.

-Msgr. Ricardo Ezzati Andrello, S.D.B., Erzbischof von Concepción (Chile), er untersuchte die Legionäre in Südamerika.

-Msgr. Ricardo Blázquez Pérez, Bischof von Bilbao (Spanien), er untersuchte die Legionäre in Europa (mit Ausnahme von Italien).

2) Bezüglich der Mitgliederzahlen des Regnum Christi schwanken die Angaben. Die Legionäre selbst nennen am 5. Febr 2009 die Zahl 50.000, andere Quellen nennen höhere Zahlen.

3) New York Times, 4. Februar 2009.

4) Chilenisches Fernsehen am 18.8.2009, Nach einem Bericht der Zeitung La Tercera, Santiago, 19. August 2009.

5) Maciel war nicht der einzige Legionär, den man pädophiler Handlungen anklagte. Einige Jugendliche haben von ihrem Missbrauch gesprochen, in Mexiko gab es Vorfälle in den Schulen Cumbres (1970), Ceica (1983) und Cumbres de Cancun (1991) Siehe: Luis Pablo Beauregard in: http://www.soitu.es/soitu/2009/08/11/actualidad/1249988409_011150.html

6) siehe: Renew America,  August 2009, Eric Giunta.

7) Im November 1997 veröffentlicht, wurde dieser Brief  unterschrieben von:

* Félix Alarcón Hoyos, Priester in den USA

* José de J. Barba Martín,Professor am Instituto Tecnológico Autónomo de México;

* Saúl Barrales Arellano, Professor an einem katholischen Kolleg

* Alejandro Espinosa Alcalá, Unternehmer

* Arturo Jurado Guzmán,  Professor an der Escuela de Lenguas del Departamento de Defensa de Estados Unidos;

* Fernando Pérez Olvera, Chemiker

* José Antonio Pérez Olvera, Rechtsanwalt.

* Juan José Vaca Rodríguez, laisierter Priester, enger Mitarbeiter Maciels während 30 Jahren und ehemaliger Leiter der Legionäre in den USA.

Quelle: http://www.mexiko-lexikon.de/mexiko/index.php?title=Marcial_Maciel_Degolla

8) Zum Missbrauch des Beichtgeheimnisses („absolutio complicis“) durch Maciel verweist der Kenner der Legionäre Fernando M. Gonzalez, auf den ähnlichen Umgang der Mafia mit dem Beichten, am Beispiel des Sizilianers Bernardo Provenzano, in „La iglesia del silencio“, dort S. 232. Siehe Literaturliste am Ende des Beitrags.

9) Auf dieses römische „Netzwerk“ weist Angeles Conde hin in seinem Buch „Die Gründung“, Geschichte und Gegenwart der Legionäre Christi, Wien 2006, S 264. Dieses Buch ist wohl die zeitlich letzte Hagiographie, die über Maciel veröffentlich wurde.

10) dokumentiert in: http://www.mexiko-lexikon.de/mexiko/index.php?title=Marcial_Maciel_Degollado

11) in: „La iglesia de silencio“, op.cit. S 236.

12) Nur ein typisches Zitat aus den „theogischen“  Arbeiten Maciels: „Wahre Freude bestehe nicht, wie vielfach irrtümlich angenommen, in Geld, Genuss oder Macht, sondern darin, dass wir einen einfachen und authentischen Glauben leben. Wer Gott aufnimmt, wer ihn liebt, ihm nachfolgt, ihn nachahmt, der verwirklicht das „innerste Verlangen seines Daseins, der findet den Ort der Glückseligkeit, des Friedens, der inneren Ruhe. So Maciel in seinem Buch: „Es ist wirklich sehr einfach glücklich zu sein“, 2008 erschienen in dem Verlag „Center for Integral Formation“.

Im Verlag der Catholic Media erschienen von Maciel u.a. „Christus ist mein Leben“ und „Priester für das dritte Jahrtausend“. Ausgerechnet Maciel äußerte sich darin auf 287 Seiten zur „Ganzheitlichen Priesterausbildung“. Vgl. Zenit vom 13. Juni 2008.

13) Auch der laisierte Priester Alberto Athié berichtet von Kardinal Ratzinger, der auf die Frage antwortete, warum er nicht die Anklagen der Missbrauchsopfer ernst nehme: „Dies wäre nicht klug, denn Pater Maciel ist eine vom Papst Johannes Paul II. sehr geliebte Person“.

In: „El Circulo del Poder“, S. 92. siehe Literaturliste am Ende des Beitrags.

14) Zum Reichtum der Legionäre: http://www.redescristianas.net/2009/08/15/la-hija-del-pecador-legionario-de-cristoidoia-sotajose-manuel-vidal

15) siehe: El Mercurio, Santiago de Chile, sábado 19 de septiembre de 2009

16) siehe:

http://institutointerglobal.org/catolicismo/1254-marcial-maciel-degollado-y-los-legionarios-de-cristo-iun-hombre-de-dios

17)siehe: http://www.redescristianas.net/2009/09/23/guerra-por-la-herencia-de-maciel-el-estremecedor-testimonio-de-su-sobrino-alejandro-espinosa/

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„Homosexuelle kommen nicht in den Himmel“ – Theologische Perspektiven von Kardinal Lozano Barragan

4. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Neue Lebensformen, Religionskritik

„Homosexuelle kommen nicht in den Himmel“:

Theologische Perspektiven von Kardinal J. Lozano Barragan, Rom

Die italienische Presseagentur ANSA meldet am 2. 12. 2009: Der Kurienkardinal in Rom,  Javier Lozano Barragán (ein Mexikaner, 76Jahre alt),  habe in einem Interview betont: “Homosexuelle und Transsexuelle kommen nicht in den Himmel“. Als Begründung nannte der Kardinal die „berühmte“ Stelle aus dem Römerbrief des Apostels Paulus (1, 23ff).  Wie alle Fundamentalisten versteht er diese Bibelstelle wortwörtlich, er macht sich nicht die geringste Mühe, dieses Statement aus dem Jahre 60(!) in einen historischen Kontext zu stellen.

Der mexikanische Kardinal war bis zu seiner Pensionierung kürzlich einer der engsten Mitarbeiter des Papstes. Er sollte sich als „Präfekt“ um die geistige und körperliche Gesundheit der Katholiken, wenn  nicht der Menschheit kümmern! Lozano Barragán fügte in dem genannten Interview hinzu: „Wenn Homosexuelle und Transsexuelle gegen die Würde des Leibes handeln, werden sie bestimmt nicht in das Himmelreich eingehen“. Was das im einzelnen bedeutet, ließ er offen. Indirekt will er wohl sagen: Sie kommen in die Hölle.

Der Kardinal hat offenbar eine direkte Verbindung zum lieben Gott, er glaubt zu wissen, wem die Himmelstür offen steht und wem nicht. Im Mittelalter hatten viele Theologen solches absonderliche Wissen und konnten entsprechend strafen und ausgrenzen. Mit dieser Aussage, eines Kardinals im 21. Jahrhundert,  werden Homosexuelle und Transsexuelle offiziell als „Verlorene“, als „Minderwertige“, der Hölle offenbar Anheimgegebene betrachtet. Der Kardinal reiht sich damit aktuell ein in die Hasstiraden von heutigen RAP – Sängern z. B. in Deutschland und Jamaika, vor allem in die Schlägertrupps,, die weltweit homosexuell lebende und liebende Menschen verfolgen und gewaltsam erniedrigen. Von  den Verfolgungen Homosexueller bis zum Jahr 1960 selbst in europäischen Staaten ganz zu schweigen.

Im „Religionsphilosophischen Salon“ wird über das Thema auch deswegen diskutiert, weil die Ausführungen des Kardinals die Menschenwürde verletzen und indirekt zum Hass aufrufen.

Diese Aussagen sind skandalös, sie sind –nicht nur theologisch- Unsinn. Selbst der im ganzen homosexuellen feindliche Offizielle Katechismus der römischen Kirche ist da noch milder. Die Frage ist, ob irgendein Theologe oder Bischof diesem Kardinal widerspricht. Aber dazu fehlt es in der römischen Kirche vielleicht längst an Mut. Interessanterweise gehört Kardinal Lozano Barragán zu den Verteidigern der Versöhnung des Papstes mit den Pius Brüdern. Er entschuldigte den Holocaust Leugner, den Traditionalisten Bischof Williamson, mit den Worten: „Ist es eine Sünde, eine Dummheit zu sagen?“ (so die spanische Tageszeitung El Mundo am 8. Feb. 2009).  Und als er als Chef des Gesundheit – Ressorts des Papstes zur Aids Thematik angesprochen wurde, begründete er seine Ablehnung der Kondome mit den Worten: „Meine offizielle Meinung besteht darin, das getreu wiederzugeben, was der Papst sagt“, so am 6. Mai 2006, in „Cardinalrating“. Mit solchen Worten haben Funktionäre in Bürokratien aller Länder immer schon gesprochen. Bis jetzt hat sich der Papst nicht von den Worten seines Mitarbeiters distanziert. Ist das zu erwarten?