Monatsarchiv



Gegen die Macht der Gewohnheit – Widerstand fördert Lebensenergie

28. Januar 2010 | Von | Kategorie: Neue Lebensformen

Innerhalb des praktischen Philosophierens sollte es immer auch um praktische Lebensfragen, vielleicht manchmal auch – griechischen Vorbildern folgend – um Anregungen für eine erneuerte Lebenspraxis gehen. Angesichts des Gefühls permanenter Überforderung und dauernder Frustration über die offenkundige Unmöglichkeit, in absehbarer Zeit widerwärtige Zustände von Ungerechtigkeit in Gesellschaft, Staat, Ökonomie usw. zu verändern, bleibt die Frage: Wo gibt es einen Ausweg aus der Verzweiflung.  Im folgenden ein Vorschlag, der im Januar 2010 in PUBLIK FORUM veröffentlicht wurde.

S E I   U N G E H O R S A M !

Veränderung geschieht nur durch Leid und Leidenschaft. Doch wer diese Gesellschaft verbessern will, braucht Vernunft – und spirituelle Kraft

Von Christian Modehn

Wir lebten im Zeichen der Doppelnull.« – Dieses wenig fröhliche Resümee steht am Beginn des neuen Jahres. Die Tatsache, dass zur Zählung der ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends zwei Nullen erforderlich waren, wird politisch gedeutet: Korruption, Gewalt, Katastrophen allerorten. Die Unvernunft regierte; weltweit erschallten Litaneien der Depression: Ökokrise, Terrorismus, Hungersterben, Arbeitslosigkeit, Klimakatastrophen und politische Apathie. Nicht zu vergessen die fundamentalistische Einbunkerung von Kirchen und Religionen. Die Klageweiber und Klagemänner warnen und mahnen also, beschwören und appellieren: »Die Verantwortlichen« sollten endlich alles besser machen. Dumm nur, dass diese »Verantwortlichen« auf derselben Ebene argumentieren: Die Bürger sollten nun endlich die Karre aus dem Dreck ziehen.

Aufbegehren! Wer einen Ausweg aus diesem Kreislauf sucht, muss die Vernunft aktivieren, ihr wieder etwas zutrauen. Denn wenn wir auf unser Bewusstsein achten, wird sichtbar: In unserem Jammern und Klagen kommen Kontrasterfahrungen ans Licht, Zeichen des Aufbegehrens: »So, wie die politische und ökonomische Gegenwart ist, sollte menschliches Miteinander doch eigentlich nicht sein.«

In unserem leidenschaftlichen Verlangen sind wir »trotz allem« über das allgemeine Elend schon ein Stück hinaus: Durch unsere Fantasie, Sehnsucht und Vernunft sind wir verbunden mit dem großen Menschheitstraum: »Eine andere Welt ist möglich.« Dies ist die lebensbejahende Erfahrung unseres Geistes. Wir müssen sie mit den Gefühlen verbinden: Dann wird »beherztes Denken« möglich.

Schon die ersten Philosophen wussten davon, welch besondere Wirkung Erkenntnisse haben können. Nämlich dann, wenn sie verinnerlicht, also in einem tiefen Sinne angenommen werden. Sie erzeugen dann echte Lust, führen zu einem geradezu erotischen Erlebnis. Möglicherweise sollten wir unsere vernünftige Lebensweisheit für uns selbst laut aussprechen – wie ein Gebet. Zum Beispiel: »Meiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit will ich tatsächlich folgen.« Die philosophische Heilmethode der alten griechischen Denker bestand ja darin, lebensbejahende Wahrheiten immer wieder sprechend zu bedenken – und im Gespräch mit anderen zu vertiefen.

So könnte es gelingen, sich vom ideologischen Müll der letzten Jahre zu befreien. Der erste Befreiungsschlag ist die Frage: Mit welcher Charakterstruktur haben Politiker und Ökonomen diese offenbar heillose Situation erzeugt? Der Psychotherapeut und Sozialphilosoph Erich Fromm bietet eine überzeugende Analyse: Er spricht vom »Marketing-Charakter« einer Persönlichkeit, die sich unter anderem Makler, Manager, Beamte, Politiker zulegen müssen, um sich in ihrem Beruf durchzusetzen. »Um Erfolg zu haben, müssen diese Menschen imstande sein, in der Konkurrenz mit anderen die eigene Persönlichkeit vorteilhaft zu präsentieren. Diese Menschen müssen unter allen Umständen gut funktionieren.« Erich Fromm betont: »Diese Marketing- Charaktere kümmern sich dann nicht mehr um ihr eigenes Leben und ihr eigenes Glück, sondern nur noch um ihre Verkäuflichkeit. Sie werden selbst zu einer Ware.«

Die seelischen Konsequenzen sind offensichtlich: »Die Marketing-Charaktere haben ein sich ständig wandelndes Ich. Aber keiner von ihnen hat ein Selbst.« Die innere Leere muss notwendigerweise durch Gier nach »immer mehr« befriedigt werden. Und mit der Gier entsteht die Angst, der andere könnte das gierig Geraubte wieder wegnehmen. Aggressionen und Krieg haben hier ebenso eine Wurzel wie die Unfähigkeit, die Gefühle anderer wahrzunehmen. Erich Fromm sagt: »Das mag auch erklären, warum sich diese Marketing–Typen keine Sorgen über die Gefahren nuklearer und ökologischer Katastrophen machen, obwohl sie alle Fakten kennen, die eine solche Gefahr ankündigen.« Zu diesem verpanzerten Charakter passt eine fundamentalistische Ideologie, die besserwisserisch und aggressiv ist.

Das Phänomen Berlusconi. Jene Charaktere in »der ersten Reihe« aber werden letztlich von einer tief sitzenden Zustimmung breiter Kreise getragen. Eklatant ist das im heutigen Italien. Das Phänomen Berlusconi lässt sich nur so verstehen: Die Anhäufung von Vermögen, die Bestechlichkeit, die Willkür gegenüber den Gesetzen, die Verachtung »der anderen«, die pauschal nur »Linke oder Kommunisten« sein können, diese destruktive Charakterstruktur entspricht tatsächlich auch der tiefen Sehnsucht breiter Kreise: »Eigentlich möchten wir selber Berlusconi sein«, sagt Roberto Saviano, Autor des Buches »Gomorrha«. Er macht darauf aufmerksam, wie verdorben die Charakterstrukturen nicht nur der Herrschenden, sondern auch der Beherrschten sind. Berlusconi und Co. können sagen: »Meine Wähler wollen mich so.« Die sogenannte Elite in Politik und Ökonomie vertritt die Interessen »ihres Volkes«.

Wie aber funktioniert das? Die Massenmedien der Herrschenden haben »im Volk« genau das Bewusstsein geschaffen, das die eigene Karriere sichert. Das gilt nicht nur für das System Berlusconi, sondern – auf weniger fundamentalistische, aber dennoch auf wirksame Weise – für alle Formen gesellschaftlicher Besitzstandswahrung. Darum zum Beispiel konnte es beim Weltklimagipfel in Kopenhagen letztlich nur um egoistische Interessen gehen. Vor Tagungsbeginn wurde die Erfolglosigkeit dieses Treffens vorausgesagt – zu Recht.

Wie kann man sich da noch vor tiefer Verzweiflung bewahren? Patentrezepte gibt es nicht. Aber: Menschen resignieren nicht im Miteinander, in der Vitalität von Gruppen, die ihr Leiden an der Realität konstruktiv bearbeiten. Wer die Berichte von Greenpeace-Aktivisten liest – wie sie zum Beispiel innerhalb des 220 Meter hohen Schornsteins des englischen Kohlekraftwerkes Kingsnorth hochkletterten, um dann von der Spitze des Schornsteins aus die Regierung zur ökologischen Umkehr aufzufordern –, der weiß: Es ist die von Vernunft geleitete Leidenschaft, die diesen Menschen den Mut gibt, Angst zu überwinden.

Nicht jeder kann sich an Greenpeace-Aktionen beteiligen; doch viele wollen ihrem Gewissen folgen. Angesichts der globalen Probleme heute hat Gutes-Tun jedoch nur Sinn, wenn Verändern Verbessern bedeutet. Und das heißt: Wandel der politischen und ökonomischen Strukturen. Es muss sichtbar werden, dass auch die Ausgegrenzten und Ausgebeuteten eine Verbesserung leibhaftig erleben.

Wenn Immanuel Kant heute lebte, hätte der Philosoph einen neuen Kategorischen Imperativ formuliert: »Handle so, dass die Veränderungen, die du leistest, auch zu einer wirksamen Verbesserung der Lebensbedingungen derer führen, die bisher wie Untermenschen behandelt wurden.«

Die Besinnung auf die »große Sehnsucht«, die im Leiden an allem Negativen aufleuchtet, fordert eine neue Tugend: den Ungehorsam, der mehr ist als eigensinniges Nein-Sagen. Ungehorsam ist der aktive Verzicht darauf, gängige Verhaltensmuster weiterhin zu akzeptieren, in ihnen zu leben und zu handeln. Dieser Verzicht lebt aus der Leidenschaft, mit anderen zum Beispiel über neue Formen des Konsums zu beraten und sie dann auch zu probieren. Die Freude – etwa über den Erfolg eines Verbraucherstreiks – muss man in einem Fest auskosten. Oder: Welche Leidenschaft kann es sein, E-Mail-Petitionen zu inszenieren – etwa um die parlamentarische Diskussion der Steuer für Finanztransaktionen durchzusetzen? Und wie glücklich kann es machen, nicht einfach wegzuschauen, wenn Kollegen im Betrieb kaltgestellt werden – sondern den Mut aufzubringen, sich zu solidarisieren? Fromm schreibt: »Jeder Akt des Ungehorsams ist zugleich Gehorsam gegenüber einem wichtigeren Prinzip: Ich bin dem gesellschaftlich propagierten Idol gegenüber ungehorsam, weil ich Gott gehorche. Ich widersetze mich dem Kaiser.«

Wie auch immer Gott verstanden wird – entscheidend ist, sich an die Kraft der Vernunft und an seine eigenen spirituellen Reserven zu halten. Nur so können sich Kritik und Widerstand nachhaltig behaupten. Ob Kirchen und Religionen 2010 wohl für dieses Empowerment stehen werden?



Haiti: Das uralte Gift des Rassismus

26. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

Die Diskussionen – auch in unserem religionsphilosophischen Salon –  über HAITI gehen weiter.  Die Katastrophe dort hatte schon vor dem Erdbeben begonnen: Der Mangel an jeglicher Infrastruktur behindert heute die Rettung und Aufbauarbeit. Gibt es auch Gründe für dieses Disaster im Bereich der Mentalitäten?

Das uralte Gift des Rassismus: Was Haiti im Innern zerstört

Von Christian Modehn

Für ihre Befreiung aus der Sklaverei hatten sie wahnsinnigen Mut aufgebracht. Ohne strategische Erfahrung glaubten die Schwarzen an den Erfolg ihres Aufstandes. Sie hatten die Gunst der Stunde erkannt und die revolutionäre Entwicklung in Frankreich mit der Erklärung der Menschenrechte für sich selbst genutzt. Selbst gegen Napoléon konnten sie sich durchsetzen, im Kampf gab tausende von Toten auf beiden Seiten. Die Befreiung aus der jahrhundertealten blutigen Sklaverei gelang nur mit einem enormen „Blutbad“. Das hat sich in das Gedächtnis des Volkes tief eingegraben. Am 1. 1. 1804 wurde die erste Republik auf dem südamerikanischem Kontinent ausgerufen. Gedemütigte, wie Tiere behandelte schwarze Sklaven hatten sich selbst befreit. Für die meisten Europäer war dies eine enorme Erniedrigung. Die USA sprachen sich schon 1806 für einen Handelsboykott aus. Als sich die vertriebenen französischen Eigentümer der Zuckerrohrplantagen gemütlich in Paris niedergelassen hatten, präsentierte der französische Staat eine furchtbare Rechnung: Die junge Republik der Schwarzen musste 150 Millionen (damaliger) Francs, umgerechnet 21 Milliarden US Dollar,  als „Entschädigung“ zahlen. Eine maßlose Summe, Ausdruck rassistischen Denkens, so sollten die befreiten Sklaven nun ökonomisch erneut zu versklavt werden.

Dabei waren die Kolonisten bereits zu immensem Reichtum gekommen, Haiti galt weltweit als die lukrativste Kolonie überhaupt. Aber die neuen „freien“ Herrscher in Haiti waren so eingeschüchtert, dass sie treu und brav die Zahlungen der „Wiedergutmachung“ leisteten.

Haiti war als freie Republik revolutionärer Sklaven von Anfang an auch diplomatisch völlig isoliert. Kein Staat respektierte das Land. Simon Bolivar, der berühmte „Befreier“ Venezuelas und Kolumbiens, fand 1815 Zuflucht in Haiti, später durften ihm noch schwarze Soldaten in seiner Heimat zur Seite stehen. Aber bei zunehmendem Erfolg ließ selbst er Haiti fallen. Die USA fürchteten, die Sklaven im eigenen Land könnten sich an Haiti ein Beispiel nehmen. Auch der Vatikan hat fast 60 Jahre gewartet, ehe er die Republik der Schwarzen anerkannte, obwohl deren Politiker immer wieder um Nonnen und Priester zum Aufbau eines guten Schulwesens gebettelt hatten. Die schwarzen Politiker galten den Päpsten als „zu aufmüpfig“…

Die Befreier Haitis waren seelisch tief verwundet nach all den Jahren der Sklaverei. Und sie folgten dem Denkschema ihrer Herren: der  Unterscheidung zwischen Oben und Unten, zwischen wertvoll und minderwertig. Schwarze bekämpften die wenigen im Land verbliebenen, etwas besser gebildeten Mulatten, und die wiederum verachteten die „dummen Neger“. Dieses rassistisch geprägte Gegeneinander durchzieht die politische Geschichte Haitis bis heute.

Schon in den ersten Jahren war das Land gespalten: In der Republik im Süden regierten Mulatten, im Norden hatten Schwarze ein Kaiserreich geschaffen, mit den absurdesten Formen eines Hofstaates etwa unter Jacques I., Henri I. oder Faustin I. Dieser verübte unsägliche Massaker an Mulatten. Seinen Spuren folgte der Gewaltherrscher Francois Dauvailier, ein Schwarzer, der von seiner „Tropen SS“, den Tontons Macoutes, vor allem Mulatten tötete. Ein Grund für das klägliche Ende des ersten frei gewählten Präsidenten, des Armenpriester Aristide, ist sicher auch die Ablehnung, die er, der Schwarze, von der reichen Oberschicht der Mulatten erfuhr. Die hatten sich in Pétionville nahe der Hauptstadt in ihren Luxusvillen eingebunkert. Beim Erdebeben blieben diese bestens ausgestatteten Paläste weithin verschont!

Der ökonomische Niedergang begann mit der Ablehnung der Schwarzen, weiterhin die Plantagen, ihre Orte des Schreckens, zu kultivieren. Die einstigen Sklaven dachten nur an ihr Eigentum, an ihre kleinen Parzellen Land, um den Eigenbedarf zu decken. Haiti verarmte so sehr, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts sogar Zucker importiert werde musste. 1915 (bis 1934) besetzten die USA das Karibikland. Sie redeten dem erbärmlichen Volk ein, die Schulden gegenüber Frankreich am besten durch Kredite in den USA zu bezahlen. Als Zeichen der „Anerkennung“ durften die USA dann mit extrem niedrigen Lohnkosten in Haiti produzieren. Haitis Menschen wurden seit der großen Befreiung immer wieder reingelegt, betrogen, gedemütigt. „Das pyramidale Herrschaftsmodell aus Kolonialzeiten wurde dem freien Haiti übergestülpt, in diesem vegetieren die Nachkommen der Sklaven bis heute“, schreibt der Haitispezialist, der Soziologe F. Saint-Louis. (1

Zwei wichtige Studien:

Fridolin Saint- Louis, „Le Voudou Haitien“, Paris, Ed. L`Harmattan, 2000

-und auf das grundlegende Buch von Walter l. Bernecker „Kleine Geschichte Haitis“. Suhrkamp Vl., Frankfurt 1996.



Werden aus Feinden nun Freunde? Wie die Dominikanische Republik jetzt Haiti hilft

25. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung, Interkultureller Dialog

In unserem Religionsphilosophischen Salon werden immer wieder auch Fragen einer gerechteren Friedensordnung diskutiert, nicht nur im Sinne Kants, der ja schon einen „Bund der Nationen“ vorgeschlagen hat, sondern auch im überschaubaren Rahmen, etwa in der Beziehung zwischen zwei Staaten. Kann aus einer Katastrophe, wie jetzt in Haiti, auch ein positiver Effekt folgen? Können bislang verfeindete Menschen über ihren Schatten springen? Wir haben den Eindruck, dass es bemerkenswerte, positive Tendenzen gibt in der Beziehung der Dominikanischen Republik zu Haiti.  Weil mindestens 1 Million Deutsche als Touristen mit der Dominikanischen Republik in irgendeiner Weise verbunden sind, ist dieses Thema alles andere als ein „Randthema“. Es verdient viel Aufmeksamkeit gerade im Zusammenhang von „Völkerverständigung“.

Werden aus Feinden Freunde?

Haiti und de Dominikanische Republik: Wirkungen der Katastrophe

Von Christian Modehn

Helfer aus der Dominikanischen Republik waren (wie die Kubaner) die ersten, die sich in Haitis Hauptstadt Port – au – Prince um die Bergung von Verschütteten kümmerten. Die schnelle Hilfe ist eigentlich selbstverständlich, denn die beiden Länder sind Nachbarn auf der Insel „Hispaniola“. Seit dem 13. Januar ist die Solidarität ungebrochen. „Wir müssen jetzt die beste Hilfe für Haiti leisten“, sagt Carlos Morales Troncoso, Außenminister der Dominikanischen Republik. Erstaunliche Worte: Denn bis zum 12.Januar waren die Beziehungen zwischen beiden Ländern alles andere als freundlich. Mindestens 500.000 Haitianer arbeiten in der Dominikanischen Republik auf Zuckerrohrplantagen oder auf Baustellen. Sie hausen in erbärmlichen Unterkünften, werden miserabel bezahlt, verfügen über keine Rechte. Sie sind als „Neger“ die Untermenschen, sprechen Kreolisch und nicht Spanisch wie die Dominikaner. Und die sind mehrheitlich zwar Mulatten, aber stolz darauf, „zur weißen Rasse zu gehören“. Die dominikanische Polizei verschleppt die „Gastarbeiter“ immer wieder, führt sie zur Grenze, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Kinder werden von ihren Eltern getrennt, der hart verdiente Lohn verschwindet in den Taschen der Zwischenhändler. Menschenrechtsorganisationen haben die Dominikanische Republik mehrfach wegen sklavenähnlicher Verhältnisse angeklagt. Bisher gab es keine Verbesserung der Gesetze, die Mentalitäten der meisten scheinen versteinert zu sein. Ungestraft blieb schon das große Massaker an Haitianern,  als der dominikanische Diktatur Trujillo vom 2. Bis 4. Oktober 1937 mindestens 20.000 wehrlose Haitianer hinrichten ließ, ein Akt der „Abschreckung, Symbol für angebliche Überlegenheit, Ausdruck rassistischen Wahns. Schwarze  mussten an der Grenze das spanische Wort perejil, (Petersilie) korrekt aussprechen: Wer das r korrekt spanisch „rollte“ und das j wie ein ch aussprach, galt als Dominikaner. Wer es nicht schaffte, war Haitianer, er wurde ermordet. Trujillo fand sich später bereit, 750.000 Dollar „Entschädigung“ zu zahlen. Das Geld erreichte die Hinterbliebenen nie, die Regierung in Haiti steckte es sich in die eigene Tasche.

Der Massenmord sollten das Unrecht rächen, das die Dominikaner im 19. Jahrhundert von Haiti aus erlebten:  Schon 1801 besetzten die „befreiten Sklaven“ das Gebiet der heutigen Dominkanischen Republik. Von 1822 bis 1843 gab es dort ein Regime haitianischer Diktatoren, denn sie fühlten sich von allen Seiten bedroht. Selbst nach der Unabhängigkeit der Dominikanischen Republik 1844 besetzten Haitis Truppen noch einmal das Land. Die seelischen Verletzungen auf beiden Seiten der Insel wurden nie besprochen, geschweige denn bearbeitet oder „geheilt“.

Jetzt gibt es eine reale Chance, dass angesichts der Katastrophe neue Beziehungen möglich werden: Die Dominikanische Regierung hat sofort 231 Millionen Dominikanische Pesos (fast eine halbe Million Euro) für das Nachbarland Haiti zur Verfügung gestellt. Sonia Pierre, inzwischen weltbekannte Menschenrechtsaktivistin in Santo Domingo, muss diesmal sogar die Regierung loben: „Ohne die Hilfe des dominikanischen Staates wäre die Tragödie in Haiti noch größer“. Aber: Bei einem „Marathon“ auf allen dominikanischen TV –  und Radioprogrammen wurden 55 Millionen Pesos (ca. 110.000 Euro) gespendet, eine beträchtliche Summe! Denn den meisten Dominikanern geht es ökonomisch zwar etwas besser geht als den Haitianern, aber auch sie leben nicht in einem reichen Land. Auch Santo Domingo gibt es große Slums! Aber die Leute lassen sich anrühren: Künstler, wie der berühmte Merengue Sänger Juan Luis Guerra von Santo Domingo, sammeln Geld, sie fahren über die Grenze, bieten ihre Hilfe an. Die Bischöfe weisen jetzt jegliches „nationalistisches Denken“ zurück. Die Kirchengemeinden an der Grenze, selbst bettelarm, nehmen sich der verzweifelten Menschen an. Mehr als 15. 000 verletzte Haitianer wurden in der ersten Woche in dominikanischen Kliniken versorgt. Die Regierung in Port au Prince hat zugestimmt, dass sich sogar 150 dominikanische Soldaten um die Sicherung der Straßen in Haiti kümmern können, allerdings unter der Leitung peruanischer „UNO – Soldaten“.

Eine allgemeine Öffnung der Grenze kommt für die dominikanischen Behörden nicht in Frage: Es wäre wohl vorauszusehen, so heißt es, dass viele tausend Haitianer ins Land strömen würden. „So viele Menschen könnten wir bei unserer Infrastruktur auch nicht betreuen“, sagen dominikanische Politiker. Und damit haben sie wohl recht.



HAITIS Zukunft – ein PROTEKTORAT?

18. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung

Haitis Zukunft nach dem Erdbeben: Ein Protektorat?     (Aus einer Diskussion im Religionsphilosophischen Salon)

Angesichts der fast totalen Zerstörung von Port  – au  – Prince und anderer Städte im Süden des Landes sowie der zweifellos offenkundigen institutionellen Schwäche des Staates Haiti fragen viele Beobachter: Wie geht es weiter mit Haiti? Wer leistet –wenn die ersten Nothilfen tatsächlich geleistet sind – einen nachhaltigen Neuaufbau, nachdem schon zwischen 1990 und 2003 „rund vier Millionen Dollar Entwicklungshilfe eingenommen wurden“, wie der Tagesspiegel am 18.1. 2010 schreibt. Wer sorgt dafür, dass Haiti später einmal nicht mehr von Almosen lebt, wer sorgt dafür, dass die Korruption aufhört und alle Menschen lesen und schreiben können usw…

Manche schlagen eine Art internationales Protektorat vor. Der Publizist Josef Joffe schreibt im TAGESSPIEGEL vom 18. Januar: “Haiti gehört eigentlich unter internationale Kuratel, die in den nächsten Jahrzehnten für Sicherheit und Aufbau sorgt“. Und dann fügt Josef Joffe die entscheidende Antwort hinzu: „Aber das wäre „Neo – Kolonialismus“.  Die Frage ist: Muss ein Protektorat oder wie auch man diese „internationale Übergangsregierung“ nennen könnte, tatsächlich gleich Neokolonialismus sein? Gibt es keinen demokratischen Zwischenweg?

Auch von anderer Seite wird der Gedanke an ein Protektorat zurückgewiesen: Denis Vienot, ehemaliger Präsident der in Haiti erfahrenen „CARITAS International“,  schreibt in „La Croix“: „Haiti sollte nicht unter ein Protektorat gebracht werden. Mehrere Verantwortliche von NGOs und Solidaritätsvereinigungen waren schockiert, als dieser Gedanke vorgebracht wurde: Die Insel gehöre unter internationale Vormundschaft (tutelle heisst es im französischen Text!) wegen des Wiederaufbaus“.

Denis Vienot hingegen meint: „Es gibt Ingenieure, Ärzte, Mediziner, Professoren usw“. Aber im Ernst muss man fragen: Reicht dieses Personal aus für einen demokratischen Wiederaufbau? Es ist ja nicht immer Ausdruck von Rassismus zu sagen, dass die Haitianer demokratische Hilfe brauchen von mehreren demokratischen Regierungen. Ob das die USA und Frankreich sein müssen, beide sind als Kolonisten im 17. und 18. Jahrhundert und als (USA – ) Besatzern des Landes (1915) eher unbeliebt, wäre zu fragen.  Thierry Durand, einer der Direktoren von ÄRZTE OHNE GRENZEN,  gibt zu denken: „Es müssen die Institutionen Haitis aufgebaut werden. Wer von internationaler Vormundschaft oder ähnlichem spricht, greift die Souverenität Haitis an. Darin kann noch eine Quelle von Spannungen liegen zwischen den Bürgern Haitis und der internationalen Gemeinschaft“.



HAITI als Katastrophe. Warum die Philosophie manchmal schreit.

14. Januar 2010 | Von | Kategorie: Befreiung

Haiti als Katastrophe

Philosophie muss manchmal schreien

Was kann Philosophie zur Erdbebenkatastrophe in Haiti sagen? Soll man wiederum räsonieren, wie einst nach dem Erdbeben in Lissabon ( am 1. 11.1755) über die Frage: „Wie kann Gott das zulassen“?

Mitglieder unseres „Religionsphilosophischen Salons“ meinen: Jetzt keine Metaphysik, kein Aufrollen der Gottesfrage, zu betreiben;  so sehr vielleicht auch viele Verzweifelte in Haiti in ihrem religiösen Glauben fragen: „Warum hat Gott, haben die Voudou Götter, unser erbärmliches Land verlassen?“.

Wichtiger ist jetzt eine politische Philosophie zur Katastrophe in Haiti. Und diese politische Philosophie muss zu denken geben, muss fragen:

Ist das Ausmaß der jetzigen Katastrophe nicht deswegen so ungeheuerlich, weil vorher schon, unter den „normalen“ Bedingungen, katastrophale Zustände herrschten? Die Liste des Elends in Haiti ist lang: Fehlen jeder Infrastruktur; Fehlen von Bildung weitester Kreise, 80 Prozent Analphabeten; Fehlen jeglicher medizinischer Versorgung. Zu den wenigen Ärzten,  so wird berichtet, die dort ihren Dienst versehen, gehören Kubaner, gesandt vom „Sozialistischen Staat Castros“. Warum wird dies übrigens so selten in den Medien der „freien Welt“ erwähnt?  Gäbe es wenigstens eine einfache Infrastruktur, könnte wenigstens erfolgreich geholfen werden. Wer ist für diese Versäumnisse verantwortlich?

In jedem Fall:  Haiti war schon vor dem Beben eine Katastrophe. Alle Welt wusste davon. Diese permanente Katastrophe VOR der jetzigen wurde von der ganzen Welt hingenommen.

Haiti als Katastrophe ist ein Beispiel für die Ignoranz der westlichen Welt, für die Unmenschlichkeit, die krepierenden „fernen Nächsten“ zu vergessen. Wer hat sich aufgeregt, dass viele tausend Haitianer Brot aus Lehm essen mussten? Dass Kinder dort wie Sklaven gehalten wurden?

Warum gab es keine strukturelle Hilfe, sondern nur Einzelspenden?  Weil Haiti nichts zu bieten hat, ökonomisch nichts zu bieten hat. Darum glaubte man, mit ein paar „Blauhelmen“ das Allerschlimmste dort zu verhindern.

Haiti ALS Katastrophe: Wir können gespannt sein, wie viele Hilfsgelder und wie viel Hilfspersonal tatsächlich für die Menschen im absoluten Elend bereit gestellt werden.

Wir empfehlen allen politisch – philosophisch Interessierten dringend, diese Hilfe nach einer Woche und später mit der Hilfe für die Tsunami Opfer in Thailand zu vergleichen!

Dort wurde aller schnellstens millionenfach geholfen. Lange Lifesendungen im Fernsehen waren selbstverständlich. In Haiti gab es noch nicht einmal Korrespondenten. Beim Tsunami waren ja „wertvolle Menschen“, dort waren Europäer umgekommen. Darf man solches sagen? Rührt da die politische Philosophie an einen geheimen Rassismus im reichen Teil der Welt?

Ermutigend ist, dass  die benachbarte Dominikanische Republik zur Hilfe bereit ist, es ist ja bekannt, dass die Haitianer in der Dominikanischen Republik nicht gerade beliebt sind, da gibt es uralte Vorurteile. Wenn jetzt Hilfe möglich ist, wäre dies ein Ende der uralten Feindseligkeiten?

Einige Mitglieder unseres Salons äußern die Befürchtung: Wird es auch nach der Katastrophe in Haiti katastrophal bleiben?  Die Menschheit, d.h. werden die Tonangebenden, die Kriege Führenden, die Manager und Spekulanten, die Banken – Sanierer mit ihren Milliarden,  sie alle., werden sie  nach den letzten Zuckungen der Nachbeben wieder bekanntermaßen andere Interessen haben?  Sie werden wohl Ihre Aufmerksamkeit darauf richten, wo „für uns“ was zu holen ist.

„Die Philosophie muss manchmal schreien“, soll Sartre einmal gesagt haben. Ob Schreien, als Argument, etwas nützt, wagen Philosophen zu bezweifeln. Sie sind Skeptiker. Sie stellen eher die Frage: Unter welchen Bedingungen kann ein Neuaufbau Haitis, kann ein Neuaufbau von Port au Prince gelingen?   Lissabon wurde ja damals recht hübsch neu errichtet, aber es gehörte eben zu Europa. Braucht Haiti vielleicht eine befristete und kontrollierte internationale Regierung, die den Neuaufbau des Landes koordiniert und überwacht?  Braucht Haiti eine Geburtenkontrolle, damit auf diesem winzigen Flecken nicht bald 12 Millionen im Elend leben?

Die religiös Begabten  und die Bibelfesten geben noch zu bedenken: „99 Prozent der Haitianer lebten vor dem Beben bereits sozial und menschlich in der Vorhölle. Jetzt haben sie die Hölle auf Erden erreicht“. Bloß: Wofür werden sie dann eigentlich bestraft, diese armen Geschöpfe Gottes? Ist es zynisch, diesen Menschen wenigstens noch einen schönen Himmel zu wünschen?



Albert Camus – „Ein Atheist aus göttlicher Gnade“

4. Januar 2010 | Von | Kategorie: Denkbar

Camus – „Wir müssen helfen, das Leiden der Menschen zu verringern“

Er glaubte nicht an Gott. Er war aber auch kein „Atheist“

Vor 50 Jahren, am 4. Januar 1960, ist der Philosoph (und Schriftsteller) ALBERT CAMUS gestorben, er kam bei einem Autounfall ums Leben. Geboren 1913 in Algerien, lebte er zuerst in seiner dortigen Heimat, dann in Paris und in der Provence.

Er wird bis heute hoch geschätzt als Autor, der die persönliche Wahrhaftigkeit über alles stellte. Er lädt seine Leser ein, mit ihm auf die Suche nach einem authentischen menschlichen Leben zu gehen, in dem es keine Tabu Themen geben darf, in dem alles „Wesentliche“ ausgesprochen werden kann.

Im Religionsphilosophischen Salon wurde und wird die Frage diskutiert: Wie kam Albert Camus dazu, sich auf die Basis eines radikalen Nichtwissens in Bezug auf metaphysische Fragen zu stellen? Das “Absurde“ war für ihn unbezweifelbar. Ein „Sprung“ in eine religiöse Geborgenheit kam für ihn nicht in Frage. Dennoch oder gerade deswegen entwickelte er eine ausdauernde Kraft menschlicher Solidarität gerade mit den Menschen am Rande, den Armen, den Proletariern. Er nahm an der Résistance teil. Um das Leiden zu verringern, seien größte menschliche Anstrengungen nötig, Gott kann nicht helfen…. Ausdrücklich kritisierte Camus das Verhalten der katholischen Hierarchie unter den Faschisten Franco und Hitler. Dennoch blieb er an einem Dialog zwischen Atheisten und einzelnen Christen interessierrt. Aber Camus wusste: Frieden kann er weder im Gott der Kirche noch in der Gesellschaft (Geschichte)  finden. Nach der Veröffentlichung seines Romans „La Chute“  hatte er erklärt, nicht an Gott zu glauben, aber auch nicht dem (institutionalisierten) Atheismus verpflichtet zu sein. Sein Ziel war, der Erde treu zu bleiben, das Leben zu lieben, das Sein zu schätzen. Eine dualistische Trennung der Wirklichkeiten kam für ihn nicht in Frage. “Die Sonne lehrt mich, dass die Geschichte nicht alles ist“. Deswegen konnte er schreiben: „Die Massen sind der Arbeit, des Leidens und des Sterbens müde, es sind Massen ohne Gott. Unser Platz ist an ihrer Seite“ (A. Camus in: „L Homme Revolté“).

Die französischen Arbeiterpriester haben diese Botschaft gut verstanden. Aber sie wurden zu Lebzeiten von Albert Camus diffamiert, ausgegrenzt, verfolgt. Und Theologen, die Verständnis hatten für diesen Philosophen, der aus Gründen der Wahrhaftigkeit nicht glauben konnte, wie der Dominikaner Marie Dominique Chenu, wurden zum Schweigen verurteilt.
In der katholischen Tageszeitung La Croix, Paris, veröffentlicht der Schriftsteller Ariq Rahimi (geboren in Kabul, Afghanistan, lebt seit 1985 im Exil in Paris) am 28. Juli 2011 auf Seite 18 einen Beitrag über den Roman „Der Fremde“ von Camus. Atiq Rahimi schreibt: „Das Denken von Camus enthält ich eine beachtliche religiöse Dimension. Er ist offenbar ein Anhänger Blaise Pascals. Man kann von Camus sagen: Er ist Atheist geworden dank der Gnade Gottes“.