Monatsarchiv



Philosophie des Weltbürgertums. Ein Buch von Kwame A. Appiah

20. Februar 2010 | Von | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Philosophische Bücher

„Der Kosmopolit“ heisst das neue Buch des in Princeton lehrenden Philosophen Kwame Anthony Appiah, er wurde in London geboren, ist aber in Ghana aufgewachsen, das Thema ist ihm also auch persöhnlich vertraut. Das Buch hat den Untertitel: „Philosophie des Weltbürgertums“. Dieser Begriff klingt zunächst etwas „klassisch“, wenn nicht antiquiert. Tatsächlich aber zeigt Kwame A. Appiah, dass angesichts des „Krieges der Kulturen“ und der eher beliebigen Multi-Kulti Szene der „Kosmopolit“ seine Einbindung in die Menschheit ernst nimmt, ohne dabei „den Nächsten“ nebenan zu vergessen. Er plädiert für ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Solidarität mit den Fernsten und der Nächstenliebe.  „Weltbürgertum“ hat ebenso viel mit Intelligenz, kritischem Nachdenken zu tun wie mit Engagement“ (S 201) . Nur mit der kritischen Vernunft ist zu entscheiden, welche Hilfe für die ungerecht behandelten Menschen etwa im Süden der Welt wirksam und nachhaltig ist. Spenden allein ist dem Weltbürger völlig unangemssen, er legt Wert auf kritische Bildung und auch auf kritische Nachfrage bei den Politikern des eigenen Landes, wie es denn mit der Verpflichtung bestellt ist, Menschen in Not, etwa in der sogen. Dritten Welt, wirksam zu helfen.  Leider erwähnt der Autor nicht die Rolle der Kirchen, die sich als weltweite Organisationen verstehen und eigentlich die geeigneten Orte wären, Weltbürger auszubilden und das Kosmopolitische zu leben. Hingegen begrenzen sich die meisten Kirchen darauf, zu Spenden aufzurufen und Informationen zu publizieren, die unmittelbar das Spendewesen stützen. Und das Nebeneinander von sogen. fremdsprachigen Gemeinden (Afrikaner, Lateinamerikaner usw. ) und z.B. deutschen Gemeinden ist Ausdruck für die Abwesenheit kosmopolitischer Verbundenheit. Ohne die Förderung der Demokratie, davon ist der Autor überzeugt, wird es keine Anerkennung der Menschenrechte für alle geben, an der ja der Weltbürger leidenschaftlich interessiert ist. „Was wir brauchen ist Vernunft, keine Explosion der Gefühle (etwa bei Spendenaufrufen anläßlich von Katstrophen).  S. 204.

Das Buch „Der Kosmopolit“ ist in der beckschen reihe erschienen, München 2009, 222 Seiten, 12, 95 Eruo.



Kritik der Hegelschen Geschichtsphilosophie

7. Februar 2010 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher

Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“

Eine Arbeit von László F. Földényi.

Er ist ein inzwischen europaweit geschätzter Kulturtheoretiker, Literaturkritiker und Übersetzer, er lebt in Budapest.

Der Text bezieht sich auf die Auseinandersetzung Dostojewskis mit der „Philosophie der Weltgeschichte“ von G.W.F. Hegel, eine Auseinandersetzung, die ausgerechnet während der Verbannung des Dichters nach Sibirien (1849 – 1853) stattfand.

Der ungarische Autor kann auf wenigen Seiten ein Kernproblem der Philosophie Hegels auf den Punkt bringen. Warum gesteht der Philosoph der Wirklichkeit Sibiriens (wie anderer entlegener Regionen, etwa Afrika) keine welthistorische Bedeutung zu? „Hegel will von einer unbekannten Welt nichts wissen…Er kennt den Abgrund der (sibirischen) Hölle nicht“ (S. 45). Hegels „moderne Philosophie“ würdige nur den Fortschritt, nur die Vernunft, das Glänzende, das Siegreiche, für die Europäer natürlich. Für Abgründe und Unvernunft, für Höllen und Niederlagen gebe es bei Hegel keinen wesentlichen Platz. Dahinter verbirgt sich „Furcht vor dem Unverständlichen, Scheu vor der Dunkelheit“.

Meines Erachtens wurde selten in so komprimierter Form die Hegelsche Vernunft Philosophie als begrenzt und z.T. unmenschlich dargestellt, unmenschlich, weil sie dem Leiden des einzelnen keine Würdigung zuteil werden lässt.Darüber hinaus weckt dieses Buch wieder neues Interesse, Dostojewski, den Dichter – Philosophen, zu lesen. Nur ein aktueller Satz aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“: „Haben Sie noch nicht bemerkt, dass die raffiniertesten Schlächter und Henker fast ausnahmslos die zivilisiertesten Herren waren?“… (S. 54).

Der Text umfasst 60 (kleine) Seiten, er ist im Verlag Matthes und Seitz,  Berlin, 2008 erschienen und kostet 10 Euro.