Monatsarchiv



Erinnerung an Erich Fromm. Vor 30 Jahren gestorben, seine Erkenntnisse leben

15. März 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Erinnerung an Erich Fromm.
Vor 30 Jahren, am 18. März 1980, ist der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm gestorben. Für ihn stand die „Menschlichkeit des Menschen“ im Mittelpunkt seines Arbeitens. Außer Freud und Marx wurde für ihn auch die humanistische Interpretation der jüdischen und der christlichen Tradition wichtig. Auch die Mystik, etwa Meister Eckart, war für ihn entscheidender Impuls. Für ihn ist deutlich: Es gibt eine autoritäre Religion, die der Entfaltung der Menschen im Wege steht. Wer dem autoritär geformten Gewissen folgt, ist von der Angst der Autorität geprägt. Ungehorsam erzeugt dann Schuldgefühle. Wahre Gottesbeziehung ist für Fromm identisch mit Befreiung von autoritären Gottesbildern, gleichzeitig sollte der Mensch sich selbst befreien von egozentrischen Strukturen.
Aus der Fülle der Anregungen Erich Fromms greifen wir nur einen Impuls heraus: Sein Eintreten für die in vielen Religionen und Philosophien empfohlene ethische Regel: die so genannte „Goldene Regel“.

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ erinnert Erich Fromm daran, dass diese ethische Lebensregel NICHTS zu tun hat mit der im Kapitalismus verwurzelten, rein aufs Handeln und Geschäftemachen bezogenen „Fairness-Regel“, die propagiert: „Sei fair in deinem Tauschgeschäft mit anderen“.
Fromm schreibt:
„Die Goldene Regel ist nur eine andere Formulierung des biblischen Gebotes der Nächstenliebe und der Selbstliebe und der Gottesliebe. Seinen Nächsten lieben heißt, sich für ihn verantwortlich fühlen und mit ihm eines fühlen. Die Fairness Regel besagt nur, dass man die Rechte seines Nächsten (äußerlich) respektiert, nicht aber, dass man den Nächsten liebt. Es gibt einen Unterschied zwischen Fairness und Liebe. (S. 130, Kunst des Liebens)

Schon in dem Buch „Psychoanalyse und Ethik“ (1947) greift Erich Fromm einen nicht weniger wichtigen Gedanken zur „Goldenen Regel“ auf:
„Alles, was wir einem anderen antun, es mag gut oder böse sein, tun auch wir uns selbst an. Man kann also sagen: Was du anderen antust, das tust du dir selber an. In irgendeinem menschlichen Wesen die Kräfte zu verletzen, die auf das Leben gerichtet sind, schlägt unfehlbar auf uns selbst zurück. Unser eigenes Wachstum, unser Glück, beruhen auf der Achtung vor diesen Kräften. Und es ist nicht möglich, sie in anderen zu verletzen und zugleich selber unberührt bleiben. Die Achtung vor dem Leben, dem fremden wie dem eigenen, gehört zum Lebensvollzug selbst und ist eine Bedingung für die psychische Gesundheit“ (s. 226)

PS: Siehe auch im Religionsphilosophischen Salon zu Erich Fromm in dem Beitrag: „Wider die Macht der Gewohnheit“.



Neue Erkenntnisse zu Maciel und den Legionären Christi. Warum hat Kardinal Ratzinger zu Maciel geschwiegen?

13. März 2010 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Legionäre Christi und Maciel: Immer neue Entdeckungen.
In welcher Weise hat der heutige Papst die Verbrechen Maciels gewusst und verschwiegen?
Mrz 12th, 2010 | By CM | Category: Religionskritik

Ein aktueller Hinweis: Am 26.11. 2010 habe ich einen aktuellen Beitrag veröffentlicht: „Das Neueste zu den Legionären Christi“.

Am 27. März 2010 berichtet die spanische Tageszeitung EL MUNDO auf Seite 28 über das offizielle Eingeständnis der Leitung der Legionäre Christi: „Unser Ordensgründer Marcial Maciel hat Minderjährige mißbraucht“. Die Zeitung wählt den Titel „Die Legionäre Christi =töten= ihren Vater“. Einen Bericht zum selben Thema veröffentlicht die spanische Tageszeitung EL PAIS am gleichen Tag auf Seite 30. In Spanien spielt der Orden der Legionäre Christi eine wichtige Rolle, er wurde und wird von der Hierarchie geliebt, weil er „orthodox“ zuverlässig ist und viele junge Priester der Kirche zur Verfügung stellt. Der Orden verfügt z.B. über zahlreiche Bildungsstätten für Kinder aus der „ökonomischen Elite“. Deswegen werden in Spanien zahlreiche weitgehende Fragen diskutiert, die auch im „Religionsphilosophischen Salon“ besprochen wurden: Warum hat die Ordensleitung so lange gewartet, die seit Jahren öffentlich bekannte Pädophilie Maciels einzugestehen? Am 19. Mai 2006, also erst ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst, hatte Benedikt XVI. den völligen Rückzug Maciels aus der Öffentlichkeit befohlen, der Papst hatte dabei allerdings nach üblicher vatikanischer Art der sogenannten klerikalen Diskretion die Pädophilie Maciels verschwiegen. Seit Ende März 2010 sollen die Berichte der 5 Visitatoren vorliegen, die alle Einrichtungen der Legionäre Christi weltweit untersucht haben. In Spanien wird heute diskutiert: Hat das nun „so endlich“ geschehene Eingeständnis der Ordensleitung, ihr „Vater“ sei tatsächlich pädophil gewesen, etwas mit diesen Untersuchungen zu tun? Werden in diesen Untersuchungen vielleicht Tatsachen genannt, die noch viel „peinlicher“ sind? Will die Ordensleitung nach dem bekannten theologischen Schema verfahren: Die Wurzel (also der Gründer) ist zwar schlecht, aber der Baum mit seinen Früchten (also der Orden) ist gut? Will die Ordensleitung so einer Auflösung bzw. Neugründung des Ordens zuvorkommen? EL PAIS berichtet weiter über eine (der) Frau(en) Maciels, Blanca Estela Lara, sie war 19 Jahre alt, als sie der Oberste dieses katholischen Ordens kennenlernte (Maciel war damals 56 Jahre alt). Von ihr hat Maciel drei Söhne, die Gonzalez Lara heißen, denn Maciel hatte sich für diese heterosexuelle Beziehung den Decknamen Gonzalez gewählt. Einer der Söhne, Raul Gonzalez Lara berichtet: “ Zum ersten Mal mißbrauchte mich mein Vater, als ich sieben Jahre alt war… “ Unklar ist, wie der Vatikan mit der Tatsache umgehen will, dass Papst Johannes Paul II. den Legionärsgründer Marcial Maciel offiziell und öffentlich „ein Vorbild für die Jugend“ genannt“ hat, obwohl seit 1997 im Vatikan Berichte von den mexikanischen Opfern der Pädophilie Maciels vorlagen… Continue reading “Neue Erkenntnisse zu Maciel und den Legionären Christi. Warum hat Kardinal Ratzinger zu Maciel geschwiegen?” »



Die „goldene Regel“. Impulse zur Meditation

13. März 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Wie hilfreich im Alltag ist die “goldene Regel“ ?

„Was du nicht willst, dass man es dir (an)tut, das füg auch keinem anderen zu“.
Konfuzius:
„Was du selbst nicht wünschst, das tu auch nicht anderen Menschen an“.

Kant:
„Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“. (Grundlegung der Metaphysik der Sitten)

Der englische Arzt Thomas Sydenham:
„Niemand ist anders von mir behandelt worden, als ich behandelt sein möchte, wenn ich dieselbe Krankheit bekäme“.

Die goldene Regel ist ein Prinzip eines gemeinsamen Menschheitsethos.

Was hilft die goldene Regel für die Gestaltung der Bioethik, der Sexualethik, der Wirtschafts- und Staatsethik?

Warum halten sich offenbar so wenige Menschen an die „Goldene Regel“? Denn dann sehe die Welt wohl besser aus. Welche praktische Kraft hat eine Ethik der Freiheit? Haben wir dazu eine Alternative?

Hans Küng nennt vier weitere ethische Imperative, die sich nicht nur in der Bibel (Zehn Gebote) und im Koran, sondern auch in Texten des Yoga, im Buddhismus und in chinesischen Traditionen finden:
-Nicht morden
-Nicht stehlen
-Nicht lügen
-Nicht die Sexualität missbrauchen
„Dieses Urethos liegt an der Basis eines Weltethos“ (H. Küng)

Auf dieser Basis werden auch politische und soziale Verhältnisse erreicht:
– Verantwortung für eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben: Beachte: Nicht töten
– Verantwortung für eine Kultur der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung: Beachte: Nicht stehlen
– Verantwortung für eine Kultur der Toleranz und der Wahrhaftigkeit: Beachte: Nicht lügen
– Verantwortung für eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Männern und Frauen: beachte: Die Sexualität nicht missbrauchen.
„Gut ist für den Menschen, was ihm hilft, wahrhaft Mensch zu sein“ H. Küng).

www.weltethos.org

Zwei Zitate aua der buddhistischen Tradition:

Wie ich bin, so sind auch diese;
Wie diese sind, so bin auch ich.
Wenn so dem anderen er sich gleichsetzt,
Mag er nicht töten oder töten lassen“
(Sutta Nipata, Nalaka)

„Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,
Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst:“
(Satipatthana Amyutta. Nr. 19)



Gleichgültigkeit – ein Laster oder auch eine Tugend?

12. März 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

„Mir doch egal. Über die Gleichgültigkeit“,
Von Christian Modehn

In der griechischen Philosophie, die ja niemals eine bloß akademische Angelegenheit von Theoretikern war, sondern immer eine Schule des „guten Lebens“, spielt die Gleichgültigkeit als eingeübte Lebenshaltung eine herausragende Rolle, nicht nur bei den Skeptikern, vor allem auch in der Schule der Stoa. Diese „Stoiker“ haben die bis heute respektierte Lehre eines gleichgültigen Lebens vorangebracht. Der Philosoph Epiktet (55 bis 135 n. Chr.) musste erleben, wie die griechischen Stadtstaaten zerfielen, wie der vertraute Lebensraum der Demokratie längst verschwunden war. Da blieb dem einzelnen als Ausweg nur die „Selbsterziehung“, um zum inneren Glück zu finden. Wer die Seele wichtiger findet als das irdische Wohlergehen, wird gleichgültig, es ist für ihn egal, ob er nun lebt oder stirbt, ob er gesund ist oder krank. Es ist „letztlich“ egal, ob er sich vergnügt oder leidet, ob er schön oder hässlich ist. Alle diese Lebensumstände sind von der göttlichen Vernunft ohnehin vorgegeben. Der Mensch muss dieses göttliche Prinzip annehmen, wie es ist. So wird alles Weltliche relativiert, es gibt keine Auseinandersetzungen mehr um dieses oder jenes schöne Gut oder um dieses oder jenes Vergnügen. Die Zerstreutheit des Lebens, das innere Zerrissensein, kann in einem gleichgültigen Lebensstil überwunden werden, weil alle Dinge dieser Welt für den Stoiker von gleichem Wert sind. Nur eine Sache ist jeder Gleichgültigkeit enthoben, und darin liegt der besondere Beitrag der Stoa: Das moralische Bewusstsein eines jeden Menschen ist absolut wertvoll. Gutes tun ist oberstes Gebot. Ein gewisser Spielraum der Freiheit bleibt also erhalten, auch wenn der Logos, die göttliche Vernunft in ihrer Vorsehung alles bestimmt. Es gilt das Gute zu tun, auch wenn man nicht weiß, ob das Handeln tatsächlich erfolgreich ist. Ist alles Tun ein Missgeschick, so muss es gelassen angenommen werden. Die göttliche Vernunft, die alles durchwirkt, wird es schon richten. Nur so stellt sich die „Ruhe der Seele“ ein, das Lebensziel.
Aber die Seelenruhe ist keineswegs ein passives Erdulden aller nur möglichen Lebensumstände. Philosophen aus der Schule der Stoa schalteten sich in die Politik ein, um die Korruption zu bekämpfen, auch wenn sie wussten, wie selten konstruktive Verbesserungen der politische Lage gelingen. Trotzdem setzten sich Philosophen der Stoa für politische und soziale Reformen ein. Der Stoiker Epiktet versuchte schon das System der Sklaverei zu sprengen, als er an die Brüderlichkeit aller Menschen appellierte. Und der Philosoph Sphairos versuchte, die Könige von Sparta, Agis und Cleomene zu einer Vernunft geleiteten Politik zu motivieren. „Die Philosophen haben niemals die Hoffnung aufgegeben, ihre Gesellschaft zu verändern, und sei es nur durch das Vorbild ihres Lebens“, schreibt der in Paris lebende Philosoph Pierre Hadot.

Die Gleichgültigkeit konnte in der Stoa als Tugend nur gepriesen werden, weil sich die Menschen letztlich von einem alles umfassenden göttlichen Sinn, dem Logos, getragen wussten.
Was bedeutet heutigen Menschen die Pflege der Gleichgültigkeit im Sinne der Stoa? Gleichgültigkeit kann nicht dazu führen, sich wie einst die Eremiten aus dieser Welt völlig zurückzuziehen. Gleichgültigkeit meint nicht, immer und überall still zu halten oder gar wieder die politisch belastete Parole „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ zu propagieren. Das heute gängige Prädikat „stoisch“ trifft die wahre Stoa ganz und gar nicht! Wer sich in der Gleichgültigkeit übt, wird zum ständigen Nachdenken aufgefordert: Was ist wichtig für mein eigenes und einmaliges menschliches Leben und die Gesundheit meiner Seele? Woran binde ich mich und was ist mir egal? Die Stoiker waren radikal: Nur im Tun des Guten findet der Mensch sein Glück. Alles andere ist gleich – gültig! Und diese Haltung bedeutet heute, aktiv die Unkultur der permanenten Ruhelosigkeit zu überwinden, Widerstand zu leisten gegen alle Propaganda, die uns angesichts der wirtschaftlichen Krisen auch seelisch beunruhigen und erschüttern will. Warum kann denn nicht weniger auch mehr sein, fragen die Stoiker? Warum kann der Verlust an Gütern nicht ein Gewinn ganz anderer Art sein?
Philosophen können nur Vorschläge machen. In der Meditation, dem Innehalten, kann sich der tragende Lebensgrund zeigen. Nur in Verbindung mit ihm kann ein „gleichgültiger Lebensstil“ praktiziert werden.

Der ganze text wie auch die übrigen Beiräge können in dem EXTRA Heft nanchgelesen werden. bestellen bei: Publik Forum, 61410 Oberursel. www.publik-forum.de



Humanistischer Islam. Menschenrechte sind wichtiger als die religiösen Gesetze

7. März 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Interkultureller Dialog

Für einen humanistischen Islam
Wenn Menschenrechte wichtiger sind als Gottes Gebote

Von Christian Modehn
Diesem Beitrag liegt eine Radiosendung für den NDR zugrunde.

„Ich habe persönlich nichts gegen den Koran. Ich bin damit aufgewachsen. Ich hab wohl etwas dagegen, dass man mit diesem Buch oder im Namen dieses Buches Menschen unterdrückt“.
Hamed Abdel – Samad weiß genau, wovon er spricht: 1972 in einem Dorf in Ägypten geboren, lernte er schon als Kind große Teile des Korans auswendig, eine Ehrensache für den Sohn eines Imams. Aber „Allah, der Barmherzige“, stand dem Knaben nicht bei, als Männer über ihn herfielen und vergewaltigen. Anzeige zu erstatten war unmöglich in einer Kultur, die jegliches Sprechen über Sexualität als ein Tabu betrachtet. Der Alltag war von Gewalt bestimmt: Der Hausvater durfte die „eigenwillige“ Mutter verprügeln und die Kinder „selbstverständlich“ auch. Mädchen mussten die Genitalverstümmelung über sich ergehen lassen, weil die Gebote des Korans es angeblich so verlangten. Erst in Europa hat sich Abdel – Samad aus der religiösen Unterdrückung befreien können. „Mein Abschied vom Himmel“ heißt sein neues Buch. Es ist ein Plädoyer für einen aufgeklärten, einen menschenfreundlichen Islam:
„Keine Kultur kann sich entwickeln, ohne sich anderen Kulturen gegenüber zu öffnen. So ging es allen Kulturen der Moderne, sie mussten sich dem Westen öffnen. Und nicht nur die Instrumente der Moderne, sondern auch den Geist der Moderne ausleihen. Das bedeutet Individualismus, Einhaltung der Menschenrechte, Selbstkritik“.
Seit 13 Jahren lebt Hamed Abdel – Samad in Deutschland. Hier hat er die demokratische Kultur des Westens schätzen gelernt, in München arbeitet er inzwischen als Politologe und Islamforscher. Sein arabischer Name bedeutet: „Dankbarer Sklave Gottes“. Dieser Bezeichnung will er heute nicht mehr entsprechen. Hamed Abdel – Samad schreibt in seinem Buch:
„Ich nahm Abschied von einem Glauben, der Andersdenkende und Andersgläubige schikaniert und die eigenen Anhänger in die Isolation treibt, so dass sie keine Antworten mehr auf das Weltgeschehen finden außer Wut und Verschwörungstheorien. Dieser Glaube macht die Menschen entweder passiv oder explosiv“.
Diese lebensfeindliche Alternative gilt es zu überwinden in einer radikalen Erneuerung des Islams:
„Ich würde es mir wünschen, dass mehr muslimische Intellektuelle in Europa sich für diese Reformen einsetzen. Ich sehe aber, dass viele von ihnen mit sich selbst beschäftigt sind, mit der bedingungslosen Verteidigung des Islam. Das hilft niemandem, das hilft Muslimen nicht, das hilft Europäern nicht. Wir haben hier eine privilegierte Situation, dass man in Freiheit lebt, dass man schreiben und sagen kann, was man will. Und statt sich für Reformen in der islamischen Welt einzusetzen, sind viele leider Gottes damit beschäftigt, das Islam Image aufzupolieren“.
Im deutschsprachigen Raum ist der Kreis der Reformer des Islams nicht sehr groß. Nur einige Intellektuelle treten in öffentlichen Debatten hervor. Die so genannte Basis, die „normalen Frommen“ und die Besucher von Moscheen, äußern sich kaum über die Qualität muslimischer Theologie. In der Schweiz allerdings gibt es seit 5 Jahren eine Art Bürgerbewegung für einen humanistischen Islam. Saida Keller – Messahli, in Tunesien geboren, hätte eigentlich in ihrer neuen Heimat, in Zürich, genug zu tun als Lehrerin für Romanistik. Aber sie wollte praktisch beweisen, dass es auch einen anderen, einen progressiven Islam geben kann.
„Mir wurde einfach klar, dass ich immer Unbehagen hatte, wenn ich Vertreter von islamischen Organisationen in der Schweiz hörte im Namen aller Muslime sprechen. Das hat mich unheimlich gestört. Weil die haben auch über mich gesprochen, für mich, und ich wollte das einfach nicht mehr. Und dann hab ich mir gesagt: jetzt mach du auch etwas, du kannst nicht nur klagen“,
Und so gründete Saida Keller Messahli das „Forum progressiver Islam“: In dem Gesprächskreis treffen sich Muslime, die den Glauben an Allah mit der demokratischen Kultur versöhnen wollen:
„Ich hatte diese Idee, dieses Forum zu gründen und hatte sehr viele Schwierigkeiten, Leute davon zu überzeugen. Die Reaktion war sehr ambivalent. Sicher dreiviertel der Leute, die ich gefragt, sagten: Wir müssen unbedingt so etwas machen. Aber: Ich würde mich nie getrauen, das zu machen. Also, die Angst vor den organisierten Muslimen! Und als ich merkte, das viele Angst haben, war mir wie zusätzlicher Antrieb, unbedingt das zu machen. Weil ich dachte, das kann es ja nicht sein, dass alle schweigen“.
Inzwischen setzen sich 150 Frauen und Männer in der Schweiz für einen humanistischen Islam ein. Ihnen ist das kritische Studium des Korans besonders wichtig:
„Diese heilige Schrift ist aus dem 7. Jahrhundert, und wir leben im 21. Jahrhundert. Und es kann nicht sein, dass wir die Entwicklung von 1400 Jahren in der Menschheitsgeschichte einfach ignorieren. Das heißt: Wenn diese Vorschrift sagt: Einem Dieb muss man den Arm abhacken, das macht man heute in Saudi Arabien oder in Afghanistan oder in Pakistan, dann sagen wir: Das darf nicht sein: Jeder Mensch ein schützenswertes Menschenrecht auf körperliche Integrität hat. Also ist diese Vorschrift wegzuschaffen. Menschenrechte, demokratische Regeln und internationales Recht sollen höher gewertet sein und stehen höher als jede religiöse Vorschrift“.
Die Reformvorschläge könnten radikaler kaum sein: Menschenrechte sollen im Islam wichtiger sein als religiöse Gesetze. Und die menschliche Vernunft soll darüber entscheiden, welche religiösen Traditionen heute noch Gültigkeit haben. Nur in dieser Haltung glaubt Saida Keller – Messahli den religiös gefärbten islamischen Extremismus abwehren zu können:
„Der Missbrauch dieser heiligen Schrift ist enorm. Wer ist schon demokratisch an die Macht gekommen? Niemand. Jedes Staatsoberhaupt legitimiert seine Macht durch Gott“.
Die Reform – Muslima erinnert sich bei aller Kritik gern an die Traditionen eines menschenfreundlichen islamischen Glaubens.
„Meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Und dennoch: Ich vermisse ihre Haltung zur Religion so stark wie nie. Sie haben den Islam so humorvoll gelebt. Mein Vater trank sehr gern Wein z.B. Und wenn ihm einer wagte zu sagen, warum trinkst du? Dann sagte er: Hör mal zu: Glaube hat gar nichts damit zu tun, was ich in meinem Glas habe. Belästige mich nicht mehr. Mein Vater war Bauer, meine Mutter Hausfrau, und haben für sich die Haltung entwickelt, dass man die Großzügigkeit haben muss zu akzeptieren, dass ein anderer Religion anders macht“.
…und eben auch andere Kleider trägt als seine Nachbarin:
„Mein Problem ist, dass jene Frauen, die die Burka tragen, mich diskriminieren. Und das kann ich nicht akzeptieren, Wenn sie das einfach für sich machen würden. Das Problem ist, dass sie das im öffentlichen Raum tun und immer mit dem immanenten Vorwurf gegen alle anderen, die das nicht so machen. Es gibt Kopftuch und Kopftuch. Es gibt Kopftücher, die sind politisch dermaßen aufgeladen, die empfinde ich als Affront. Und es gibt ein Kopftuch, so wie es meine Mutter trägt, wo man die Haare auch sehen darf, das überhaupt nicht politisch aufgeladen ist“.
Aber die politischen Machthaber haben einen totalen Anspruch: Über ihre Kleider Vorschriften wollen sie auch die Sexualität kontrollieren.
„Die ganze Verhüllungsgeschichte, das machen sie, weil sie ein riesiges Problem mit der Sexualität haben im Leben. Und dieses Problem ist so gigantisch, es findet hinter der Kulisse statt und nur nach ganz bestimmten festgelegten Regeln, also vor der Ehe nicht, nach der Ehe nicht. Dadurch haben diese jungen Männer keine Möglichkeit, eine Erfahrung zu machen mit einer Frau, weil die Frau darf auch keine Sexualität aus leben vor der Ehe. Und sehr oft sind die Männer von Natur aus gar nicht homosexuell, sondern sie haben keine andere Wahl, als ihre sexuellen Erfahrungen mit einem Mann zu machen, d.h. sie werden gezwungen, etwas zu machen, was sie gar nicht wollen. Das ist politisch bedingt und auch sozial bedingt“.
Die Reform des Islams kann auf die freie Aussprache über die Sexualität und die Rechte der Frauen niemals verzichten. Manchmal können solche Gespräche auch in der Öffentlichkeit arabischer Länder angestoßen werden. Die Politologin Elham Manea hat das erlebt. Sie stammt aus dem Jemen; auf beinahe wunderbare Weise konnte sie ihr Buch über die „Frauenfrage im Islam“ noch in der muslimischen Welt veröffentlichen:
„Dass ich das gemacht habe auf Arabisch, publiziert in Beirut, aber auch in Jemen, war einfach klar und deutlich meine Meinung betreffend Frauenrechte, Frauensituationen in unserer Gesellschaft klar und deutlich zu sagen.
Es wurde als Skandal betrachtet am Anfang, aber die Tatsache, dass ich das überlebte, hat mir wie einen Schwupps gegeben.
Vor dem 11. Sept. habe ich nichts gesagt. Ich habe einfach geschluckt,
Wenn man nicht dagegen steht, dann macht man mit auch“.
Elham Manea lebt inzwischen in der Schweiz, auch sie ist Mitglied des Forums für einen humanistischen Islam. Die Kritik an einem machtvollen Islam ist für sie selbstverständlich; aber sie legt Wert darauf, nicht mit einer Atheistin, einer „Ex-Muslimin“ verwechselt zu werden.
„Es geht um humanistischen Islam, d.h.in unserer Freiheit unser Leben zu gestalten, wie wir wollen“.
Elham Manea hat ihre Lebensphilosophie in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ auf den Punkt gebracht:
„Ich bin in erster Linie Humanistin, dann Araberin und an dritter Stelle Muslimin“.
Als Dozentin an der Universität Zürich hat sie den Mut, öffentlich das dringendste Thema zu besprechen, die „Natur“ des Korans, seine Textgestalt.
„Wenn wir eine Reformation wirklich durchsetzen wollen, dann müssen wir auch mit der Natur des Koran umgehen. Es geht um eine menschliche Natur von dem heiligen Text. Die Koranverse wurden von Menschen gesammelt, von Menschen geschrieben“.
Worte, die für die meisten Muslime heute als einen Skandal empfinden. Denn sie werden seit Jahrhunderten von ihren Herrschern belehrt: Der Koran sei eine völlig eigenständige Literaturgattung, sie entziehe sich dem vernünftigem Begreifen des Menschen. Als „ewiges Wort Gottes“ sollte man den Text nicht in den Zusammenhang der Geschichte stellen. Aber gerade davon sind heute humanistische Islamtheologen überzeugt. Weltweit bekannt ist z.B. der Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid. Er plädierte schon 1990 in seiner Heimat für eine menschliche Verstehensweise des „Heiligen Buches“. Ihm gelang der Nachweis, dass mehrere Autoren die einzelnen Verse des Korans zu einem Buch zusammengefügt haben. Wegen dieser historisch – kritischen Koranlektüre wurde Abu Zaid als Apostat, als Atheist, verurteilt, er musste nach Holland fliehen. Heute ist er Professor an der Humanistischen Universität von Utrecht:
„Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.
Die Autoren des Korans konnten wie alle anderen spirituellen Schriftsteller gar nicht anders, als ihre eigenen begrenzten Traditionen mit allgemein gültigen Weisheitslehren zu vermischen. Historisch Bedingtes muss nun von bleibend Gültigen unterschieden werden. Daran arbeiten die Reformer des Islams heute. Einer von ihnen ist Rachid Benzine, er stammt aus Marokko und lehrt heute als Islamwissenschaftler im französischen Aix en Provence:
„Unsere Dogmen wurden in der Geschichte erarbeitet, sie sind die Ergebnisse der Geschichte, sie sind an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem universalen Gedanken des Korans und seiner historischen Sprache. Es muss ein neues Verständnis des Korans entstehen, einen neuen Horizont, in dem sich sein Sinn zeigt, eine neue Hoffnung gerade für Leute, die heute an ihm verzweifeln. Denn im Namen unumstößlicher Wahrheiten hat man Menschen ermordet, die nicht die gleiche Glaubenswahrheit teilen. Wir müssen heute verstehen, dass es keine Religion gibt, die vollständig wahr oder vollständig falsch ist. Wir müssen die Relativität der Glaubenssysteme erkennen. Wenn wir unsere religiösen Texte betrachten, die sich als Wort Gottes verstehen, dann gibt es immer darin angeblich Worte des Lebens, die sich aber in Worte des Todes verwandeln“.
Vorbilder für ihre tolerante Glaubenshaltung finden die Islam Reformer in der weiten Vergangenheit, etwa bei den Sufi Mystikern im Mittelalter, wie z.B. bei Ibn Arabi, der im 12. Jahrhundert in Andalusien lebte und dort schrieb:
„Mein Herz ist bereit zur Aufnahme von jeder religiösen Form. Mein Herz wurde ein Kloster für Mönche, ein Tempel für heidnische Götter und die Kaaba des muslimischen Pilgers, mein Herz wurde ein Platz für die Tafeln der jüdischen Tora und der Lehren des Korans. Ich folge einzig der Religion der Liebe“.
Diese mystischen Traditionen der religiösen Toleranz gingen im Islam nie ganz verloren. Und auch das kritische Forschen ist nie ganz verloren gegangen. Aber Islam – Wissenschaftler riskierten ihr Leben, als sie schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Koran als einen literarischen Text interpretierten, wie die Professoren Al-Khuli oder Ahmand Kalafallah in Ägypten.
Die heutigen Reformer des Islams arbeiten eng mit nicht – muslimischen Wissenschaftlern zusammen. Georges Tamer z.B. arbeitet an der Ohio State University. Er ist Christ und stammt aus dem Libanon. In Deutschland hat er Islamwissenschaften studiert. Tamer setzt sich mit fundamentalistischen Strömungen auseinander, die behaupten: Heutige Herrscher in arabischen Staaten müssen Weltliches und Religiöses in einer Hand vereinen. Professor Tamer:
„Nur zu Zeiten des Propheten waren die Belange des Staates und einer religiösen Gemeinschaft in einer Hand. Das ist aber die prophetische Ära im Islam. Der Anspruch, dass man beides in einem haben müsse, ist einfach der Anspruch, die prophetische Ära wieder zu beleben. Und das kann nicht möglich sein, weil man dafür einen Propheten braucht. Und es gibt im Islam die Lehre, dass Mohammed der letzte Prophet ist. Die prophetische Ära ist auch nach gutem islamischen Verständnis schon vorbei. Und nicht wiederholbar“.
Eine fundamentalistische Verschmelzung von weltlicher Herrschaft und religiöser Führung verbietet der Koran, eine Erkenntnis, die für Länder wie den Iran oder Saudi Arabien wie eine Art Kriegserklärung erscheinen muss. Der Staat, so heißt es dort, solle völlig von der Scharia, dem religiösen Gesetz, bestimmt sein. Wie reagieren die Studenten, wenn diese Ideologie zurückgewiesen wird? Professor Tamer:
„Es ist immer beim ersten Mal ein Schock. Aber wenn man intensiver ins Gespräch einsteigt und auf Dauer wirken solche Gespräche einiges. Es hat Auswirkungen auch in muslimischen Gesellschaften. Ich bin davon überzeugt, dass solche Bemühungen ausstrahlen“.
Über das Internet werden diese weltweit verbreitet. Auch das gebildete Publikum in der arabischen Welt verlangt förmlich nach wissenschaftlichen Informationen. Hamded Abdel – Samad musste sein Buch „Abschied vom Himmel“ allerdings offiziell einen „Roman“ nennen, um vor der ägyptischen Zensur bestehen zu können:
„Also ich spreche nicht nur in islamischen Kreisen in Deutschland darüber. Ich spreche in Ägypten und in arabischen Ländern. Ich schreibe auch darüber wöchentlich in einer ägyptischen Zeitung. Und das, was ich hier sage, sage ich in der islamischen Welt. Ich habe auch viel Wert darauf gelegt, dass das Buch zuerst auch in Ägypten erschienen war“.
Mit den Islam Reformern im Westen arbeiten bereits einzelne Wissenschaftler in arabischen Ländern zusammen. Saida Keller Messahli berichtet von einer befreundeten Islam Spezialistin in Nordafrika:
„Die forscht auch über Tabuthemen, und macht das clandestin. D.h. ihre Forschung darf sie nicht gegen außen vertreten. Sie forscht über Apostasie. Das ist ein absolutes Tabu. Wenn jemand von Ihnen erfährt, dass sie sich offiziell von Gott verabschiedet haben, dann riskieren sie ihr Leben. Und sie trifft diese Leute, zuerst anonym, sie schickt ihnen Fragebogen, und spielen sich sehr viele Tragödien ab in diesem Sinn“.
Die Vertreter des humanistischen Islams sind vor allem Kritiker ihrer Religion. Aber sie fühlen sich als Demokraten immer auch den Menschenrechten verpflichtet und damit der Religionsfreiheit. Darum erheben sie nach wie vor ihre Stimme, etwa gegen den Baustopp von Minaretten etwa in der Schweiz:
„Man kann nicht den Bau eines Minaretts in der Verfassung verbieten. Religionsfreiheit heißt nicht nur, seine Religion frei wählen zu können, es heißt auch, seine Religion praktizieren u können.
Ich hab sehr viel auszusetzen an islamischen Organisationen in der Schweiz, das ich tu ich regelmäßig. Aber man kann nicht ein Menschenrecht beschneiden mit der Begründung von Ehrenmorden oder was auch immer .Sie verhindern keine Ehrenmorde, wenn sie einen Turm verbieten“.
Wieder den Sinn für Nuancen entwickeln und Pauschalurteile zurückweisen: Elham Manea widerspricht in ihrem Buch „Ich will nicht mehr schweigen“ z. B. dem beliebten Klischee, „die“ Terroristen aus der arabischen Welt seien nur „islamisch“ geprägt:
„Die Menschen, die diese Gräueltaten begingen, benutzten den Islam als Rechtfertigung für ihr Handeln. Aber die Verwendung des Adjektivs „islamisch“ trägt nicht dazu bei, den Feind greifbarer zu machen. Sie fördert lediglich seine Obskurität, was das Angstgefühl noch verstärkte“.
Denn die Terroristen sind vor aller religiösen Identität zuerst Mörder und Verbrecher, Menschen, die auf diese Weise ihre Frustration über die eigenen korrupten Herrscher oder die „westliche Dekadenz“ „abarbeiten“ wollen. …Angesichts dieser Verhältnisse erwarten die Reformer keinen unmittelbaren Erfolg ihrer Arbeit, betont Elham Manea:
„Ich werde nicht versuchen, die Generationen, die jetzt hier leben, zu ändern. Ich versuche eher die Jungen, die in die Schule gehen, zu ändern. Es ist wichtig, dass wir mit dieser Generation arbeiten, dass wir ihnen eine Alternative bieten.
Es gibt es die andere, die offen sind, die sind bereit, einen anderen Weg zu haben“.
Die Reformer des Islam sind nicht bereit, Demokratie und Menschenrechte nur als begrenzten Ausdruck ausschließlich westlicher Werte anzusehen. Sie sind überzeugt: Demokratie und Menschenrechte sind von universaler Bedeutung für alle Menschen, selbst wenn sie in einer bestimmten Tradition Europas entstanden sind. Und den Glauben des einzelnen in die Privatsphäre zu setzen, ist nicht bloß für Europäer oder Christen gültig: Saida Keller Messahli:
„Die Glaubensfrage ist eigentlich die intimste Frage, die man jemandem stellen kann. Es ist immer ein Missverständnis zu meinen, das Intimste sei der Körper. Das ist ein absolutes Missverständnis. Das Intimste ist die Glaubensfrage, d.h. jene Frage, die ein Mensch zuinnerst mit sich herumträgt, und diese Frage muss ich ja niemandem beantworten. Es ist mein Recht, diese Frage für mich zu behalten, nicht so dogmatisch zu glauben wie von mir erwartet wird. Ja, ich nehme mir diese Freiheit“.
Der Humanistische Islam wird Zukunft haben, weil sich die Muslime nicht mehr davon abbringen lassen, ihren eigenen, individuell gefärbten Glauben zu pflegen: Elham Manea:
„Ich glaube an Gott, ich glaube nicht an einen Text, ich glaube nicht an ein Buch. Ich glaube an Gott. Und es bleibt diese spirituelle Beziehung, trotz aller meiner Zweifel, aller meiner Rationalität bis heute. Religion lebt noch, aber in verschiedenen Formen privater Sphäre, man sieht einfach das nicht, das ist alles“.
In der „privaten“ Welt lebt die Religion, und dort bildet sich auch eine neue Spiritualität. Islam Reformer wie Hamded Abdel Samad stellen sich die Frage: Wie kann in dieser individualistischen Frömmigkeit Gott beschrieben werden?
„Das, was jeder für sich selber entdeckt, und nicht irgendjemand von oben, der das diktiert. Nicht der Patriarch, der über alles herrscht. Kein Gott, der nur diktiert, aber niemals verhandelt“.
Hamed Abdel – Samad hat sich von einem feudalistischen, wenn nicht diktatorischen Gottesbild befreit zugunsten eines Gottes, der als „oberster Garant der Demokratie“! verehrt werden kann. Dass diese Überzeugung keine neue ideologische Verblendung ist, steht außer Frage: Denn Gott, der Barmherzige, kann nur als Menschenfreund verehrt werden, wenn er tatsächlich in gleicher Weise aller Menschen Freund ist, vor allem der Unterdrückten. Aber diese Überzeugung heute öffentlich zu äußern, ist lebensgefährlich: In seinem Buch „Mein Abschied vom Himmel“ schreibt Hamed Abdel Samad:
„Vor dreizehn Jahren verließ ich Ägypten mit der Hoffnung, in Freiheit leben zu können. Nun bin ich sogar mitten in Europa auf Polizeischutz angewiesen, weil ich von meinem Recht auf freie Meinung Gebrauch mache. Ich bin lediglich Teil eines Konfliktes zwischen Absolutismus und Ambivalenz, Dogma und Vernunft, Monokultur und Vielfalt. Dieser Konflikt beschränkt sich allerdings nicht auf den Islam“.

Literatur:
Hamed Abdel – Samad, Mein Abschied vom Himmel. Fackelträger Verlag, Köln, 2009, 312 Seiten, 19.50 Euro.

Elham Manea, Ich will nicht mehr schweigen. Herder Verlag 2009, 200 Seiten. 17,95 Euro.

Nasr Hamid Abu Zaid, Gottes Menschenwort. Für ein humanistisches Verständnis des Koran. Herder verlag 2008, 235 Seiten. 15 Euro.



Ein Katholik wird ungläubig. Reinhold Schneiders Aktualität

6. März 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

„Zweifel und Unglaube gehören in die Kirche“
Zur Aktualität Reinhold Schneiders

Über das Gegeneinander von Glauben und Unglauben, Religion und Atheismus, wird wieder weltweit gestritten. Spirituelle, religiöse Menschen stehen den Verteidigern eines gottlosen Diesseits ziemlich unversöhnt gegenüber. Ein katholischer Dichter könnte die verhärteten Fronten etwas „auflockern“: Der inzwischen fast vergessene Reinhold Schneider (1903 bis 1958) bleibt gerade zu dem Thema „modern“ und zeitgemäß.

„Das Antlitz Gottes hat sich für mich ganz verdunkelt. Es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Kelter-Treters“. So beschreibt der katholische Dichter Reinhold Schneider gegen Ende seines Lebens seine Beziehung zu Gott. Von Glaubensgewissheit oder Hoffnung auf ein ewiges Leben ist keine Rede. Bei einem Aufenthalt in Wien, im Winter 1957 – 58, hat er Tagebuch geführt und in radikaler Wahrhaftigkeit nur das notiert, was er wirklich noch glauben kann, was für ihn noch „wirklich“ ist. „Ich weiß, dass Christus auferstanden ist. Aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, dass sie über das Grab nicht hinauszugreifen vermag“.
Reinhold Schneider, 1903 in Baden-Baden geboren, viel beachteter Autor zahlreicher Romane, Novellen und Erzählungen, hat sich in Wien entschlossen, seine innerste Wahrheit, seinen Glauben am Rande des Unglaubens, darzustellen, ungeschützt und ohne jede Rücksicht auf kirchliche Autoritäten. Er nennt seine spirituelle Entwicklung einen „inneren Unfall“, spricht von einem „Hinausgleiten“ aus dem traditionellen Glauben der Kirche. Seine Tagebuch Notizen wurden 1958 unter dem Titel „Winter in Wien“ veröffentlicht, nur wenige Tage vor seinem Tod hat er das Manuskript dem Herder Verlag übergeben.
Reinhold Schneider hatte Wien besucht, um mit der Sensibilität eines Gott- Suchers den „Geist dieser Stadt“ zu erfahren. Er spürte der Größe und den Verirrungen des österreichischen Imperiums nach, ließ die monumentalen Kirchen und Klöster in ihrer kalten Pracht auf sich wirken. Trost für seine Seele oder gar Hoffnung auf Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit findet er in einer dogmatisch geschlossenen Glaubenswelt nicht: „Christus ist für mich nicht der allmächtige Ordner der Welt. Die Beweise Gottes helfen nichts. Werden denn die Gläubigen noch innerlich bewegt, wenn gezeigt wird: Gott kann auch noch auf krummen Zeilen gerade schreiben?“
Reinhold Schneider, der vielseitig gebildete Autor, bezieht sich im Wiener Winter auch auf die Natur, lässt den wilden Kampf ums Überleben in der Tierwelt auf sich wirken: Er findet das ewig wiederkehrende Naturgeschehen von Fressen und Gefressenwerden auch in dem zerstörerischen Wahn kriegerischer Auseinandersetzungen wieder. Die Fratze des Sinnlosen starrt ihm überall entgegen. Und er hat als gläubiger Katholik den Mut, von der Ohnmacht Gottes zu sprechen: „Wie viele Fesseln hat Gott nicht abgenommen. Wie viele schauerliche Verliese schloss er nicht auf. Gott ist da, aber nur mit unbedeckten Wunden“.
Gott wird nur noch als der mit der Schöpfung Leidende, als der machtlose Gott erlebt. Der Widerspruch zur offiziellen Lehre ist eindeutig, kein Wort mehr von dem Gott, „der alles so herrlich regieret“. Dieses Kirchenlied („Lobe den Herren“) erscheint ihm geradezu lächerlich. Wie kann man so etwas noch ernsthaft singen? Dabei galt Reinhold Schneider Jahre lang als Vorbild, als Inbegriff eines christlichen Dichters: Während des Zweiten Weltkrieges hatte er zahllosen Menschen spirituell beigestanden, als „dichtender Sanitäter“, wie er sagte: Mehr als 30.000 Briefe Reinhold Schneiders in die Lazarette und Lager, in die Gefängnisse und Bunker sind erhalten: Sie sind Zeugnisse eines Glaubens, der inmitten der totalen Vernichtung vor einer abgründigen Verzweiflung bewahren und Mut zum Überleben machen wollen. Die Geschwister Scholl waren begeisterte Leser seiner Publikationen. Erst zu Beginn der dreißiger Jahre hat sich der Schriftsteller Reinhold Schneider, 1903 in Baden- Baden geboren, zum katholischen Glauben bekehrt: Seine zahlreichen Bücher und Studien sind jedoch kein Seelentrost, keine Verkündigung, sondern Analyse machtpolitischer Verhältnisse, etwa das viel beachtete Werk „Las Casas vor Karl V.“ Es handelt von der Vernichtung der indianischen Völker durch die spanischen katholischen Kolonisten. Aber mit dem so genannten Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 kommen Reinhold Schneiders immer mehr Zweifel an der Wirkkraft des Religiösen: Die Wiederbewaffnung Deutschlands in der Adenauer Zeit können Gläubige nicht verhindern, so werden kriegerische Ambitionen wieder wahrscheinlich. Schneider leidet darunter, dass die meisten Theologen die Katastrophen der Nazizeit verdrängen. Deren Publikationen nennt er nichts als Narkose, Betäubung. Die überlieferten Lehren der christlichen Kirchen erscheinen ihm wie kraftlose Floskeln. Die offizielle Glaubenslehre, auch die Theologie, wird für ihn zur Indoktrination, zur Weltanschauung und Ideologie. Entsprechend ablehnend waren den auch die Reaktionen der Mächtige in Staat und Kirche.
Aber in dieser kritischen Distanz zum Überlieferten machte er sich auf, will Wien „von Innen her kennenlernen“, offenbar möchte er zu einer letzten radikalen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber finden. Dabei verschweigt er nicht sein seelisches Leiden, den Kampf gegen die Depressionen. Aber er meint: Depressive Menschen haben religiös etwas zu sagen, sie können z.B. von einem banalen Jubel-Katholizismus befreien. Am Ende seines Wiener Winters gibt er offen zu, am Rande Unglaubens zu leben. Er fühlt sich den Skeptikern, den Zweifelnden, den Atheisten tief verbunden. Aber er hat noch die Kraft, sich in leere kleine Kirchen zu setzen und den fernen Gott anzusprechen im Gebet, in einer Art Poesie, die sich wie in eine Leere hinein artikuliert. Reinhold Schneider hat seiner Kirche einschärfen wollen: „Es muss einen Platz für den Unglauben und den Zweifel in der Kirche geben“. In Reinhold Schneiders autobiografischer Theologie können sich heute religiöse und vielleicht auch atheistische Menschen wieder finden. Denn ihnen wird sozusagen eine gemeinsame Gesprächsebene vorgeschlagen: Das Zerbrechen der Gottesbilder, das Warten auf Neues. Wichtig bleibt das Annehmen der Leere, vielleicht sogar des Nichts. Vergessen wir nicht, welches Leitwort sich Reinhold Schneider für „Winter in Wien“ gewählt hat:

„Sterbliche Gedanken soll der Sterbliche hegen. Nicht unsterbliche Gedanken der Sterbliche“.
Epicharmos aus Krastos. (Philosoph, 540 – 460 vor Chr.)

Das Buch in „Winter Wien“ ist nach wie vor wie die meisten anderen Werke Schneiders im Buchhandel erhältlich.



Gemeinsames Abendmahl ist möglich – Perspektiven des Reformators Philipp Melanchthon

5. März 2010 | Von | Kategorie: Theologische Bücher

Im Mai findet der 2. Ökumenische Kirchentag in München statt. Wieder verhindern die katholischen Bischöfe das gemeinsame Abendmahl mit Protestanten, obwohl theologisch heute nichts mehr dagegen spricht und auch die Mehrheit der Katholiken laut Umfragen dafür ist. Die römische Zentralgewalt will sich machtvoll durchsetzen. Und die Protestanten wollen in der Sache nicht „protestieren“, also Widerstand leisten. Bezeichnenderweise findet wenige Tage vorher das Gedanken an den großen Reformator Philipp Melanchthon statt. Er hat sich stets für die Einheit der Kirchen ausgesprochen, er war um des hochgeschätzten Friedens willen sogar bereit, auch das Papsttum als organisierende Struktur, nicht aber als Herrschaftsinstrument, anzuerkennen. Und er war bereit, sich auch mit den damals noch als Gegnern wahrgenommenen Reformierten um Calvin zu verständigen. Aber auch diese Bemühungen Melanchthons scheiterten. Er schrieb 1530 Worte, die heute von drängender Aktualität sind:
„Man wird sich noch lange streiten, bis es den Heiden ein Greuel ist. Da disputieren sie über das Abendmahl, gleich als ob sie in den Himmel gesehen und Jesus gefragt hätten, wie er denn die Worte: „Das ist mein Leib“ verstanden habe. Diese Theologen werden es hier auf Erden nicht klären. Es gehört sich wohl nicht für uns schwache Menschen, alles ergrübeln und erforschen zu wollen. Genug ist zu wissen und zu glauben, was zu unserem Heil nötig ist. Das übrige macht nur Zank. Woran Jesus gewiss keinen Gefallen hat“.

Und kurz vor seinem Tod 1560 schrieb er:
„Jetzt ist ein eisernes Zeitalter angebrochen. Da bekämpfen sich Menschen, die eigentlich in der Verbundenheit derselben Religion die engsten Verbündeten sein müssten. Meine Krankheit tut mir nicht so weh wie der große Jammer um das Elend der heiligen christlichen Kirchen. Das Elend entsteht aus der unnötigen Trennung, aus der Bosheit und dem Mutwillen der Menschen, die sich aus unmenschlichem Neid und Hass abgesondert haben“.

Der sonst so friedlich sanfte Reformator Melanchthon konnte sich nicht bremsen, als er das unevangelische Gehabe und Verhalten katholischer Bischöfe damals erlebte:
„Bischof heißt nicht =bi de schoof=, also =bei den Schafen=, wie der Prediger Johann von Kaysersberg einmal gesagt hat. Die heutigen Bischöfe lassen sich durch keine Etymologie und Wortspielereien bewegen, da muss man etwas anderes beibringen. Bischof heisst also sarkastisch gesagt: =Bies de Schof=, also =Beiße die Schafe=. Denn das passt besser auf die gegenwärtigen Bischöfe, weil sie weder die wahren Aufseher über ihre Gemeinden sind noch Hirten oder gar Hüter ihrer Schafe. Sie beißen ihre Schafe“.

Entnommen: Uwe Birnstein. Der Humanist. Was Philipp Melanchthon Europa lehrte. Wichern Verlag, 2010, S. 111 und 82 und 95.