Monatsarchiv



Weihnachten und Philosophieren

22. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Denkbar, Denken und Glauben, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten?

Eigentlich ist jedes Thema auch ein philosophisches Thema. Von dieser Überzeugung ließen wir uns leiten in unserem religionsphilosophischen Salon am 21. 12. 2010.

— Zum „frommen Theaterstück“ Jean-Paul Sartres zum Weihnachtesfest siehe die Notizen am Ende dieses Beitrags—

Wer sich philosophierend Weihnachten nähert, wird kritisch das Umfeld ausleuchten, in dem dieses christliche Fest heute steht. Das Umfeld ist Kommerz und Konsum, zwanghaftes Schenkenwollen und Sehnsucht nach dem Beschenktwerden, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Sehnsucht nach einer Wiedererweckung der Kindheit als Nostalgie… der Wunsch, an diesem Tag ausdrücklich kinderfreundlich zu sein…Das Bedürfnis, gerade an diesem Tag einmal gut und nett zu sein, eine heile Insel im belasteten Alltag zu hegen, mit all dem Streß, der dabei entsteht… Daran kann sich eine empirische „Weihnachtskritik“ abarbeiten…

Es müsste der Begriff der GABE weiter bedacht werden. Es müsste gefragt werden, ob der Menschen für den anderen wesentlich Gabe ist. Ob die Gaben, die Geschenke, geradezu Weihnachten, Ausdruck dieser wesentlichen Gabe des Daseins sind oder heute noch sein können. Verdeckt der Konsumismus den Charakter der Gabe?

Auf einer höheren Ebene muss über die Bedeutung der Gefühle, der Emotionen und Affekte fürs kritische Nachdenken im allgemeinen gesprochen werden. Sind Gefühle der spontane Erstkontakt mit der äußeren Wirklichkeit? Erschließen sie auf eigene, noch unthematische Art das eigene Leben im Kontext mit anderen? Was passiert, wenn Gefühle dann aber tatsächlich reflektiert werden? Dann kommen Gefühle erst zu ihrem wahren Gehalt. Ohne Vernunft sind Gefühle blind, ohne Gefühle ist Vernunft abstrakt und „lebensfern“.

Was bedeutet diese Erkenntnis für Weihnachten? Die einzelnen Gefühle anlässlich von Weihnachten (vor allem: „Heilig Abend“) wären kritisch zu bedenken. Etwa die Sehnsucht nach Nostalgie, nach Eintauchen in die eigene (Weihnachts)–Kindheit. Ist dieses Eintauchen ins angeblich heile Damals eine Flucht, ist es Opium? Oder ist es ein nötiges heilsames Intermezzo, um überhaupt die Routine und Öde des nichtweihnachtlichen Alltags zu bestehen? Wie sind die extrem häufigen Teilnahmen an Gottesdiensten gerade zu Weihnachten zu verstehen? Gehören sie zur Nostalgie? Will man Weihnachtslieder kitschigen Inhalts und in einer kaum nachvollziehbaren Spiritualität mitsingen, dabei auf jeden Gebrauch kritischer Nachdenklichkeit verzichtend, um so das Fremde und ganz Andere des Weihnachtsfestes zu beleben? Sind die Kirchen in der westlichen Welt, sonst am Sonntag eher (sehr) leer, etwa längst zu „Weihnachtskirchen“ geworden? Sind die Pfarrer bei ihrer totalen Auslastung zu Weihnachten etwa in gewisser Weise „Weihnachtspfarrer“ geworden? Auch diese Frage wird im Religionsphilosophischen Salon erörtert. Ebenso: Wenn die so genannten „Gottesdienstbesucher“ zu Weihnachten  in der Statistik der „Gottesdienstbesucher pro Jahr insgesamt“ mitgezählt werden, ergibt sich dann noch eine halbwegs realistische Statistik? Dieser Frage sollten Religionssoziologen nachgehen.
Philosophisch bleibt die Frage: Gibt es prominente Philosophen, die „Weihnachten“ gedacht haben? Vorläufig können wir nur auf G W F Hegel verweisen.

An Meister Eckart, den mittelalterlichen Philosophen und gerade nicht (nur) den Mystiker, wie die neueste Studie von Kurt Flasch zeigt, wäre auch zu erinnern, etwa an das Stichwort von der „Gottes Geburt in der Seele“. Dann ist Weihnachten vor allem die Erkenntnis: Jeder Mensch hat Anteil an dem Göttlichen, das in seinem Geist, seiner Seele, lebt als „das Ewige“. Die Geburt Jesu von Nazareth, verstanden als Gott-Mensch, macht nur die allgemeine gott-menschliche Befindlichkeit eines jeden Menschen offenbar. Siehe auch unseren Beitrag über LOGOS, klicken Sie hier.
Bei Hegel kommt Weihnachten als explizites Stichwort meines Wissens nicht vor, hingegen steht die Sache „Weihnachten“ im Mittelpunkt seines Denkens, das sich auf die „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus bezieht. Um dieses Ereignis dreht sich sogar die ganze Geschichtsphilosophie Hegels. Weil da die Einheit von Göttlich und Menschlich sichtbar wird, eine Einheit, die nicht nur auf die einzelne Gestalt Jesu Christi bezogen bleibt, sondern schlechthin ALLE Menschen betrifft. Alle Menschen im Sinne Hegels haben Anteil an dem göttlichen Geist, insofern gehören sie zu Gott. Politisch bedeutend ist die Menschwerdung Gottes, weil da die absolute Wertigkeit, die göttliche Wichtigkeit, des menschlichen Subjekts, und zwar jedes Menschen, sichtbar wird. Jeder Mensch ist von absoluter Würde. Und, so fügt Hegel hinzu, jeder ist in der Lage, die umfassende Freiheit zu gestalten. Denn in der Menschwerdung Gottes ist die Entfremdung zwischen Göttlich und Menschlich „an sich“ überwunden, da gibt es keine prinzipielle Fremdheit mehr, keinen Gegensatz. Wenn die Beziehung zwischen Unendlichem und Endlichem also „an sich“ bereits FREI ist, ergibt sich die Möglichkeit, alle anderen, auch weltlichen Fremdheiten und Entfremdungen in freie Verhältnisse auch politisch umzugestalten. Für Hegel ist Weihnachten also ein politisches Fest. Ein Fest, das nicht zum Stillesitzen verführt, sondern zum Eintreten für die Befreiung. Abschließend wurde im Salon die Frage erörtert: Wenn die Versöhnung von Gott und Mensch, also Weihnachten, im philosophischen Denken Hegels erreicht wird, wenn der Mensch also dieser Erkenntnis „ganzheitlich“ inne wird, was bedeuten dann noch die Kirchen? Welche Rolle spielt die Gemeinde usw… Hegel sagte ja einmal: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“…Einige Teilnehmer im Salon meinten, das Innewerden des Göttlichen „in mir“ sei entscheidend… (und ausreichend).

Als Lektüre empfehlen wir von Hegel (als Einstieg) die „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages im Kapitel „Das Christentum“ ab Seite 385. Sowie den schönen Text von Joachim Ritter „Subjektivität und industrielle Gesellschaft. Zu Hegel Theorie der Subjektivität, in Joachim Ritter; Subjektivität, Frankfurt a.M. 1974, vor allem Seite 24. Und natürlich das grundlegende Werk „Menschwerdung Gottes“ von Hans Küng. Ausdrücklich sei noch an die grundlegende, ausgezeichnete Studie von Michael Theunissen erinnert: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“.

Auch ein „atheistischer Philosoph“ kann sich unter besonderen Bedingungen positiv zum Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth äußern. Weihnachten 1940 verbrachte JEAN-PAUL SARTRE in deutscher Kriegsgefangenschaft in Trier. Für seine Mitgefangenen schreibt Sartre – auf deren Bitte hin – eine Art „Mysterienspiel“, also eine das „Wunderbare“ darstellende Aufführung von und für „Laien“. Offenbar sind religiöse Gefühle nicht abzuweisen in großer Not, selbst bei einem Atheisten…Sartre stellt einen Widerstandskämfer in den Mittelpunkt, sein Name ist Bariona. Er hilft der „Heiligen Familie“ dem Zugriff des Herodes zu entkommen. Und stirbt aber selbst dabei, als er sich für die Flucht des Jesus-Kindes mit seinen Eltern Josef und Maria einsetzt. Das Sartre Stück wurde zu Weihnachten 1941 gleich dreimal von Kriegsgefangenen aufgeführt. Erst 1976 stimmte Sartre der Veröffentlichung seines Theaterstücks bei Gallimard zu; ihm war wohl dieser „fromme Ausrutscher“ in seinem Werk etwas peinlich. Siehe dazu knapp zusammengefasst: Christian Modehn, Religion in Frankreich,Gütersloh 1993, Seite 86 ff.

copyright: Christian Modehn



Jesus der Hund: War Jesus ein Zyniker?

3. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Religionskritik

War Jesus ein Zyniker?

Um die Antwort – für möglicherweise beunruhigte Leser – gleich vorwegzunehmen: Jesus war wohl kein Zyniker, sondern ein Kyniker. Aller Wahrscheinlichkeit nach. Aber, wie in der neuen „Enzyklopädie Philosophie“ (Meiner Verlag 2010, S.3137) betont wird, gibt es durchaus einen sachlichen und nicht nur sprachlichen Zusammenhang zwischen Kynismus und Zynismus.
Worum geht es?
In vielen unterschiedlichen Bildern und Begriffen wird von Jesus von Nazareth gesprochen. Gerd Theißen, der „Neutestamentler“, nennt ihn z.B. einen „Wandercharismatiker“. Jetzt legt der bekannte Paderborner „Alttestamentler“ Bernhard Lang in einer Art Zuspitzung dieser These eine neue, sehr ernsthafte Diskussionsebene vor: Jesus war ein Kyniker, also ein Weiser, der nach Art der damaligen „Kyniker“ Schule lebte, und das Lebensprinzip war die Bedürfnislosigkeit, die Feindesliebe, die Unruhe, in dieser Welt keinen Platz zu haben, was man gern „Unbehaustheit“ nennt. Bernhard Lang ist also als Historiker der Meinung, dass diese philosophische Orientierung, wenn nicht die „Schule“ der Kyniker, durchaus präsent und prägend war im damaligen Israel; der Kulturaustausch war damals – nebenbei gesagt – sehr viel größer, als sich heutige Menschen vorstellen, die meinen, die Globalisierung sei ihre Erfindung des 20. Jahrhunderts…Griechenland und Israel, oft gegeneinander als unvermittelbare Konzepte ausgespielt, scheinen doch einander gar nicht so fern zu sein…“Jesus und die griechischen Kyniker haben vieles gemeinsam: Sie verzichten auf Besitz, Ehe und Lebensvorsorge, sie verstehen Gott als Vater aller Menschen, ….sie lehnen Vergeltung ab, und sind bereit zum Leiden. Mit traditionellen religiösen Geboten gehen sie unbefangen um“, schreibt Bernhard Lang.
Im Rahmen unseres religionsphilosophischen Salons ist es äußerst interessant zu sehen, dass Jesus offenbar nicht nur in Johannes dem Täufer einen „Vorläufer“ hat, sondern wahrscheinlich eine Art (mythischen) Vorläufer in der Gestalt des Diogenes von Sinope (400 – 328), er wurde wegen seines sehr alternativen Lebensstils von der Öffentlichkeit verächtlich „Kyon“ auf Griechisch, also Hund, also Kyniker, genannt. Später wurde Antisthenes, dein Schüler des Sokrates, zum Inspirator der kynischen Bewegung erklärt. Kyniker haben sich vom Staat und der bürgerlichen Ordnung abgewandt, sie wollten als Bettler das Ideal der völligen Unabhängigkeit verkörpern. „Um die Zeitenwende erfährt der Kynismus ein Wiederaufleben in Rom und hält sich dort bis ins 5. Jahrhundert“, schreibt Josef Fellsches in dem überaus empfehlenswerten Buch „Enzyklopädie Philosophie“ (Meiner Verlag 2010) auf Seite 3137. Jesus als Kyniker – das könnte eine heiße theologische und philosophische Debatte von 2011 werden. In dem modernen Begriff „zynisch“, von „Kynisch“ abgeleitet, wird nur noch eine Seite des Kynismus festgehalten, die Moralverachtung, alles Spöttische und Schamlose wurde in der späteren kirchlichen Entwicklung erst „cynisch“, dann „zynisch“ genannt, darauf hat der Philosoph H. Niehues – Pröbsting hingewiesen. Interessant wäre die Frage: Wie könnten sich Kirchenführer, Päpste und Bischöfe z.B., neu orientieren, wenn sie sich auf Jesus den Kyniker einließen? Diese Frage ist nicht zynisch, sondern kynisch gemeint. Trotzdem: Würde Jesus von Nazareth als Kyniker heute vielleicht auf die real existierenden Kirchen in ihrer z.T. barocken Macht und ihrem Reichtum doch ein bißchen zynisch reagieren? Wer weiß.

Bernhard Lang, Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers. C H Beck Verlag, 2010.



Moderne Texte für alte religiöse Lieder

2. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

„Licht“ – alte religiöse Lieder mit neuen Texten
Die Zeit der frommen Floskeln ist vorbei
Von Christian Modehn

Die in den Niederlanden hoch geschätzte Dichterin, Autorin und Übersetzerin Coot van Doesburgh hat sich auf Einladung der Remonstranten Kirche auf ein nicht nur für Holland wegweisendes Projekt eingelassen: Sie hat zu alten, auch vertrauten religiösen Liedern („Kirchenliedern“) neue, zeitgemäße und poetische Texte geschrieben. So können die alten, noch immer beliebten Melodien weiterhin voller Begeisterung gesungen werden, in Gruppen und Gemeinden, ohne dass jemand wegen der uralten, sprachlich auch kaum noch zumutbaren und „vergangenen“ Floskeln und Bilder doch lieber den Mund hält.
Ende November 2010 wurde das Liedbuch mit dem Titel LICHT in Holland vorgestellt. Die Autorin hat für 100 Lieder neue Texte geschrieben, die das Lebensgefühl des modernen Menschen treffen. Warum soll man sich denn auch sprachlich und gedanklich ans 17. Jahrhundert binden, wenn man alte und schöne Melodien singen will?
Ein entscheidender Schritt ist getan, ein Schritt der Verständigung zwischen musikalischer Tradition und moderner Lebenswelt. Selbstverständlich will die Remonstranten Kirche einige Lieder auch in ihren Gottesdiensten singen. Der Name des Buches LICHT ist ja bezeichnend für diese freisinnige Kirche. Man könnte LICHT geradezu als ein entscheidendes Symbol dieser Kirche bezeichnen, geht es ihr auch um „Lumières“, um Licht im Sinne der Aufklärung, um die selbstverständliche Geltung der Vernunft auch in der Kirche, auch in den Liedern. Natürlich wird bei diesem Projekt die Poesie gerade nicht abgeschafft, aber sie wird mit dem Erleben der heutigen Menschen verbunden. „Coot van Doesburgh hat mit ihren neuen Texten ein Wunder vollbracht, alte Gesänge haben durch ihre Worte ein neues Leben erhalten, zeitlose menschliche Gefühle hat sie in die Sprache von heute übertragen. Ich fühle das Verlangen, diese Lieder mit voller Brust gern mitzusingen, denn sie sind schön geworden, so klar, sie anrührend in ihrer Einfachheit“, schreibt der landesweit bekannte und (königlich) geehrte Schauspieler und Kabarettist Paul van Vliet.
Die Remonstranten Kirche hat sicher einen weiteren Beitrag geleistet, „modern“ und „christlich“ zusammenzuführen. Das beachtliche Medienecho in Holland zeigt, dass das „LICHT“ in dieser Weise sozusagen „fällig“ war. Dem Buch ist auch eine CD beigelegt. Das Projekt „LICHT“ wurde inszeniert von Tom Mikkers, dem Allgemeinen Sekretär der Remonstranten Kirche. Man darf gespannt sein, ob LICHT auch in Deutschland zu ähnlichen Projekten inspiriert, um schöne alte Melodien vom uralten Staub der uralten Texte zu befreien. Warum gibt es eigentlich so wenige Übersetzungen wichtiger niederländischer Bücher aus den Bereichen Religionen ins Deutsche, eine Frage, die wir schon vor kurzem bei der Veröffentlichung des großartigen „Catechismus van de compassie“ stellten. Wir haben das Buch auf der Website www.remonstranten-berlin.de vorgestellt.

LICHT. C. van Doesburgh
Uitgerverij Boekencentrum 2010
ISBN: 9789023967361
Paperback
126 Seiten.
€ 12,50



Die unbekannte Dimension der Vernunft

1. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche"

Philosophisches Wort zur Woche ....
durchaus passend zur philosophischen Gestaltung der Weihnachtszeit, die ja als Zeit der Kindheit, der Nostalgie, der „verlorenen Heimat“, der Naivität beschrieben wird.

Eine unbekannte Dimension der Vernunft: die Naivität erkennen und annehmen.

„Die Vernunft kann nicht anders als ergründen, erklären, interpretieren, d.h. in die Vielfalt Einheit, ins Disparate Zusammenhang, Ordnung, Sinn bringen. Das tut die Vernunft selbst dann noch, wenn sie behauptet, dass alles sinnlos sei. Ihr Tun dementiert dann ihren Inhalt. Ihr Bedürfnis nach Konsistenz, nach Auflösung von Ungereimtheiten, nach Überwindung von Widersprüchen ist von Metaphysik nicht keimfrei sauber zu bekommen.
Metaphysik ragt ins alltägliche Tun der menschlichen Vernunft hinein. Metaphysik hat eine Naturbasis, die Kreatur weiß nichts davon. Der Zusammenhang zwischen Triebleben und Ewigkeit ist ihr verborgen, aber das Seufzen der Kreatur stellt den Zusammenhang her. Vernunft, die diesen Zusammenhang ignoriert, statt ihm Sprache zu verleihen, ist weder über die Natur noch über sich selbst genügend aufgeklärt.

Das Bedürfnis nach Konsistenz, nach Stimmigkeit, ist insgeheim das Bedürfnis nach einer heilen Welt. Ohne dieses Bedürfnis zu haben, kann Vernunft nicht rückhaltlos aufklären: über die Welt wie über sich selbst.

Ohne die blauäugige, durch nichts verbürgte Hoffnung, dass noch nicht aller Tage Abend sei, kann die Vernunft den gegenwärtigen Weltzustand nicht auf den Begriff bringen.

…Den religiösen Kinderwunsch noch in seinen verstohlensten Formen als unausrottbares Moment des Denkens aufzuspüren und in Vernunft zu übersetzen: das ist Aufklärung. Der Versuch, der Vernunft alle Naivität ohne Rest auszutreiben, treibt die Vernunft selbst aus“.

Der Philosoph Christoph Türcke, in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kassensturz. Zur Lage der Theologie“. Fischer Taschenbuch, 1992, S 139 f.. Der Beitrag hat den Titel: „Naivität“.



Philosophischer Salon im Café Gaumengut

1. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

um 19 Uhr im schönen Café Gaumengut, Motzstr. 63.