Monatsarchiv



Angesichts der Gewalt – die Hoffnung kultivieren.

31. Januar 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

In der neuen Rubrik „Der andere Blick“ wird ab 1. Februar 2011 der Theologe, Supervisor und Autor Alfons Vietmeier einmal im Monat aus Mexiko – Stadt (dort lebt er seit fast 30 Jahren) als Gastautor schreiben; er wird Themen aufgreifen aus den Bereichen Ethik, Soziales, Religionen in Mexiko und Lateinamerika. Dies ist eine wichtige Horizonterweiterung für den Religionsphilosophischen Salon. Der kulturelle Dialog über die europäischen Grenzen hinaus ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit philosophischer Dispute. Jetzt können wir damit starten und hoffen auf regen Austausch. Selbstverständlich können LeserInnen und TeilnehmerInnen des „Religionsphilosophischen Salons“ Themen-Vorschläge und Fragen zu dieser Rubrik mitteilen. Ein weiterführender Kommentar wurde am 4. 2. 2011 zugesandt, siehe am Ende des Beitrags von Alfons Vietmeier.

Angesichts der Gewalt: Die Hoffnung kultivieren

Von Alfons Vietmeier, Mexiko, im Januar 2011
I.
Mexiko – Stadt: Am Neujahrsvormittag spazieren wir durch den nahen Park. Unsere Töchter entdecken es zuerst: ein Schwarm von Raben verfolgt einen kleinen Wellensittich, wohl entkommen seinem häuslichen Käfig. Sie picken auf ihn ein und er flattert zu Boden. Wir laufen hin und vertreiben die Raben. Der Kleine lebt noch. So bringen wir ihn zu einer uns bekannten Tierärztin. “Wie heißt er?” Die Mädchen (12 und 16 Jahre) entscheiden: “Esperanza (Hoffnung) soll er heissen!” Eine kurze Behandlung ergibt: “Hoffnung” hat noch etwas Überlebenschance! Erfreut fahren wir nach Hause. Jedoch nach 5 Stunden finden wir ihn tot auf. Uns werden die Augen feucht. So traurig beginnt das Neue Jahr!
Beim Abendessen zünden wir eine Kerze an und erzählen… Wir kommen zu sprechen auf wachsende Aggressivität in den Schulen und auf der Strasse, auf Gewalt und Drogenkrieg: “2011, das wird ein Rabenjahr werden!”, meint bedrückt die Jüngste.
Das Dreikönigsfest ist in Mexiko der Tag der Geschenke. Die Töchter bekommen je einen neuen Wellensittich: Es darf doch nicht sein, dass Hoffnung stirbt! Aber, sie muss behutsam und kontinuierlich gepflegt werden. Und die Augen leuchten!
II.
Das neue Jahr begann mit dem Eingeständnis der mexikanischen Regierung, dass der “Krieg gegen die organisierte Kriminalität” im Jahr 2010 über 15 000 Tote gefordert hat, mehr als je zuvor. Zum Vergleich: im Krieg in Afganistan und Pakistan gab es 2010 zusammen über 6 800 Opfer. Konkret heisst das für Mexiko, dass einerseits diese fürchterliche Zahl sich zusammensetzt aus Opfern der verschiedenen Kriege unter den Drogenkartellen um die Kontrolle über ihrer Einflusszonen (Bundesstaaten, Grossstädte und Transportwege) und andererseits aus dem Krieg des mexikanischen Heeres gegen diese Kartelle. Die Hauptkampfgebiete sind in den nördlichen Bundesländern hin zur Grenze zu den USA. Zudem gewinnt an schlimmer Bedeutung das Kartell der “Zetas”, (gegründet von ehemaligen Spezialeinheitten des. guatemaltekischen Heeres und berüchtigt durch extreme Grausamkeit), mit seiner wachsenden Kontrolle über mehrere Millonen von Migranten aus den zentralamerkanischen Ländern auf dem Weg in die USA.
Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung im “Konfliktbarometer 2010” ordnet Mexiko unter die 6 Länder mit der größten Gewaltrealität weltweit ein, d.h. zusammen mit Somalia, Sudan, Irak, Afganistan und Pakistan. Ciudad Juárez, mexikanische Grenzstadt zu den USA hat den traurigen Rekord, sich weltweit an der Spitze der gewalttätigsten Städte zu befinden. Die Tendenz ist steigend, d.h. für weitere Jahre wird es mehr Leid und mehr Tote geben. Also, doch ein “Rabenjahr”?!
III.
Worum geht’s und was steckt dahinter?
Es geht zuerst einmal um Drogen und ihrem Konsum: Der Drogenkonsum wächst und wächst! Und da wachsender Bedarf ist, wird entsprechend produziert und kommerzialisiert. So ist die Marktlogik. Die USA sind das Land mit dem absolut höchsten Drogenkonsum. Sicher ist das Thema “Drogenkonsum” sehr komplex und es ist wichtig zu differenzieren: So ist Marihuana nicht gleich Kokain und auch Alkohol und Tabak sind Drogen. Wie auch immer, ein wachsender Drogenkonsum indiziert auf jeden Fall auch eine wachsende Krise des jeweiligen Gesellschaftssystems und dessen Werteskala. Der soziale Druck nach immer mehr Leistung, Gewinn und Vermögen beinhaltet zugleich auch mehr Stress mit wachsender Agressivität oder Depressivität. Da haben Drogen einen leichten Einstieg!
Es geht dann vor allem um’s Geld. Im Drogenhandel werden extrem hohe Gewinne erzielt. So kostet ein Gramm Kokain in der Herstellung ca. 1 US-Dollar, wird aber dem Konsumenten für etwa das 50- bis 100-fache verkauft. Der Umsatz von illegal verkauften Drogen wird weltweit derzeit ca. 500 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Das heist, dieses enorme Geschäft braucht Organisation, inzwischen gewachsen zu internationalen Wirtschaftskonzernen mit all dem was das beinhaltet: tausende hochspezialisierte Mitarbeiter, hightech Logistik, Optimierung der Geldanlagen, usw. Dieser “Wirtschaftssektor” hat seit Jahren zudem begonnen, ihre “Produktenpalette” zu diversifizieren: ist aktiv geworden im Waffenhandel, in der “Entführungsindustrie”, usw. Deshalb sprechen wir immer weniger von Drogenkartellen, sondern von “organisierter Kriminalität”. Diese braucht ihre spezialisierten Exekutivgruppen, z.B. zum brutalen Hinrichten von Kontrahenten im eigenen Herrschaftsbereich; und immer mehr Minderjährige sind bereit zu diesem Tötungsgeschäft.
All das verunsichert zutiefst: Warum? In wem und in ‘was können wir noch vertrauen?! Wie viel Wert hat überhaupt noch das menschliche Leben? Ist Leben ein Wegwerf – Produkt?
IV.
Schon vor über 50 Jahren ging Erich Fromm, der damals im mexikanischen Cuernavaca lebte, in einer sozialpsychologischen Studie der Frage nach: Gibt es nur psychisch erkrankte Individuen oder und vor allem kann nicht auch eine Gesellschaft psychisch erkranken? Sein Ergebnis: “Wege aus einer kranken Gesellschaft”.
Heute sollten wir uns fragen: Woran krankt unsere (westlich – nördlich – okzidentale) Gesellschaft? Das muss radikal (an die Wurzeln gehend) und interdisziplinär analysiert werden. Es tauchen dann wichtige Fragen auf: Welches Leitbild prägt unser Fühlen und Denken? Einzig: Wohlstandsvermehrung? Und das für immer weniger, weil die Mächtigeren sich durchsetzen? (“Ellbogengesellschaft”). Wäre es nicht wertvoller das Leitbild “Wohlleben für alle” voran zu stellen, wie es Bolivien und Ecuador in ihre neue Verfassung eingeschrieben haben? Deshalb “anders besser leben!” Welche persönliche, soziale, ökonomische, kulturelle und politische Konsequenzen beinhaltet das. Und für Christinnen und Christen: Für welche andere Sozialgestalt unserer Kirchen müssen wir uns deshalb einsetzen?
Beim “Sehen – Urteilen – Handeln” in Basisgruppen und Kleingemeinden der christlich – solidarischen Szene, in der ich mich in Mexiko bewege, kommen wir immer wieder genau auf diese Punkte. Und dann wird’s konkret: Wie können wir eine “aktive Hoffnung weben”? So heisst das Leitwort der diesjährigen Kampagne unseres Kollektivs “Mission Brüderlichkeit”, seit 15 Jahren präsent mit einfachem Arbeitsmaterial, Workshops und Solidarinitiativen in einigen tausend Basisgemeinden mit ihren Gruppen. Und wir sind vernetzt mit vielen Organisationen der mexikanischen Zivilgesellschaft und diese über Mexiko hinaus. In der Gesellschaft selbst erwachsen immer neu Lebenskräfte. Sie kommunizieren und organisieren sich, insbesondere wenn ein “kritischer Punkt” sich ergibt, der das Vitale des gesellschaftlichen Miteinanders gefährdet, wie derzeit wohl der Fall ist. So hat es sich beim riesigen Erdbeben 1985 erwiesen. Es gibt wachsend innovative Praktiken und komplexe Strategien gesellschaftlicher Transformationen, “…um auszureissen und niederzureissen, aufbauen und einpflanzen.”(Jer 10.10). Solche hoffnungsvolle Praxis einer gesünderen Gesellschaft gilt es zu kultivieren.
Copyright: alfons vietmeier.

Alfons Vietmeier, Diplomtheologe und Supervisor, lebt und arbeitet seit 1983 in Mexiko. Zuerst 7 Jahre pastoraler Mitarbeiter in einem integralen Entwicklungsprojekt unter Indiobevölkerung. Seit 1991 Bildungs-, Beratungs- und Vernetzungsarbeit in einem ökumenischen Studienzentrum, inmitten der Megacity Mexiko und auf Nationalebene. Seit 3 Jahren emeritiert und ehrenamtlich tätig in verschiedenen Netzwerken und Stiftungen im Übergang von Kirche, Zivilgesellschaft und alternativer Ökonomie. Mitbegründer des Nationalen Netzwerkes für Grossstadtpastoral.
Email: pasosalfonso@att.net.mx

Ein KOMMENTAR, zugesandt von Benedikt am 4. 2. 2011:
Lesenswert der Artikel von Alfons Vietmeier.
Mir fallen zu Mexiko immer gleich die
illegalen Waffenverkäufe von heckler & koch ein, in die
Nordprovinzen von Mexiko und die Schulungen von
Polizisten dort. In der Wikipedia tobte in den letzten
Wochen ein Kampf um den Umfang der Kritik an dieser
„feinen“ Firma, die im Wahlkreis von Herrn Kauder (CDU Politiker, ergänzt von CM)
liegt, hoch verschuldet ist und Waffen verkauft, wie andere Kokain…



Jacques Gaillot: Aus Gewissensgründen Nein sagen

30. Januar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Dieser folgende Text gehört zu dem empfehlenswerten Buch von Roland Breitenbach, „Die Freiheit wird euch wahr machen“. Über Bischof Jacques Gaillot. R. Maier Verlag. 2010.
Das Buch ist im September 2010 anläßlich des 75. Geburtstages von Jacques Gaillot erschienen.

Bischof Gaillot ist unseres Erachtens auch für alle philosophisch und religionsphilosophisch interessierten Leser eine wichtige (und bisher im katholischen Raum Westeuropas einmalige) Gestalt der Religionsgeschichte des 20. /21. Jahrhunderts. Er hatte über etliche Jahre den Versuch unternommen, Katholizismus und Moderne praktisch wie theoretisch zu verbinden. Dass er letztlich ausgegrenzt wurde, ist ein weiterer Beleg für das entschieden „antimoderne“ Verhalten des offiziellen Katholizismus….Deswegen bieten wir den folgenden Beitrag als Anlaß zur Diskussuion an.

Aus Gewissensgründen nein sagen
Die konstruktive Kritik von Jacques Gaillot

Von Christian Modehn

„Christus ist außerhalb der Stadtmauern gestorben wie er auch außerhalb der Mauern geboren wurde. Um das Licht zu sehen, die Sonne von Ostern, müssen wir selbst aus den Mauern heraustreten“. Mit diesen Worten beendete Jacques Gaillot seine „Botschaft zum Osterfest 1983“, die er als Bischof von Evreux (dort seit dem 30. Juni 1982) an die Menschen im Département Eure (Normandie) richtete. Und diese kurze „Botschaft“ können wir heute wie ein Programm für Jacques Gaillots weiteres Wirken lesen: “Christus ist auferstanden, damit die Menschen leben“, schreibt er, „und eine Kirche, die nicht ein Zeichen der Hoffnung und der Freiheit für die Verstoßenen, die Arbeitslosen, die Einwanderer ist, muss sich fragen, wie sie denn als Kirche ihre Treue dem Evangelium gegenüber lebt“. Mit anderen Worten: Die Kirche ist nicht dann christlich oder katholisch, wenn sie immer dieselben Worte der offiziellen Dogmatik wiederholt, sondern wenn sie wie Jesus an der Seite der Schwachen und Ausgeschlossenen lebt.
Tausendmal hat Jacques Gaillot diese Worte wie sein „persönliches Bekenntnis“ in immer neuen Formulierungen wiederholt: Leben ist mehr als Lehre. Jacques Gaillot hat die „jesuanische Solidarität“ immer zuerst selbst gelebt, bevor er von ihr gesprochen hat. Es ist wohl das deutlichste Symbol für sein Wirken als Bischof, dass seine erste öffentliche Aktion in der französischen Gesellschaft die ausdrückliche Unterstützung für einen Wehrdienstverweigerer war. Im März 1983 nahm er an den Gerichtsverhandlungen in Evreux teil, nicht um als Zeuge auszusagen, sondern um als Zuhörer seine Sympathie für den Wehrdienstverweigerer Michel Fache unübersehbar zu machen. Die gut bürgerlichen Kreise dort waren entsetzt, galt doch das Militär und der „Dienst“ als heilige Sache der Nation. Aber Jacques Gaillot verwies sanft auf die Bergpredigt Jesu und die Gewaltlosigkeit. Als Mitglied der gewaltfreien Bewegung mit dem französischen Kürzel „MAN“ (Mouvement Alternatif Nonviolente) entschuldigte er sich nicht etwa für seine „ungehorsame Tat“, sondern verteidigte deutlich die Priorität der Gewaltfreiheit! Er ging seinen Weg weiter, schon damals angefeindet und missverstanden von Menschen, die den christlichen Glauben mit einer gutbürgerlichen Ideologie verwechselten. „Objecteur de conscience“ werden Wehrdienstverweigerer in Frankreich genannt, wörtlich übersetzt „Verweigerer aus Gewissensgründen“. Wer das weitere Leben Jacques Gaillots überschaut, kommt zu der Einsicht: Er selbst ist zu einem anderen, zu einem kirchlichen „Verweigerer aus Gewissensgründen“ geworden, d.h. zu einem Bischof, der nicht nur Nein sagt zu einem bürokratischen System von Staat, Gesellschaft und Kirche, sondern der, wenn diese paradoxe Formulierung erlaubt ist, zu einem lebendigen „Nein“ wurde. Dieses Nein darf nicht im Sinne von destruktiver Ablehnung verstanden werden. Es ist ein Nein, das der Überwindung des nur noch als leidvoll (oder überholt) erfahrenen Bestehenden gilt – zugunsten eines konstruktiven Neubeginns jenseits der eingefahrenen Üblichkeiten.
Schon wenige Monate nach seinem NEIN zur Ausgrenzung von Wehrdienstverweigerern sagte Jacques Gaillot erneut NEIN zur Absegnung der atomaren Abschreckung durch die französische Bischofskonferenz. Am 12. November 1983 gab er bekannt, „Das von der Bischofskonferenz verabschiedete Papier „Gagner la paix“ (Den Frieden gewinnen) wagt nicht eine prophetische – kritische Stimme zur atomaren Rüstung“. So etwas hatte es noch nicht geben, dass ein einzelner Bischof sich von der absoluten Mehrheit seiner Kollegen absetzt UND dies auch noch öffentlich sagt. Wie hatte Paul Bernardin, ein Arbeiterpriester, anlässlich der Einführung Jacques Gaillots in der Kathedrale von Evreux gesagt: “Der neue Bischof wird den Finger auf die Wunde legen und Fragen stellen, die die Kirche nicht stellen will“. Schon am 13. Juni 1985 widersprach Jacques Gaillot öffentlich Kardinal Ratzinger. Er warf dem Chef der Glaubenbehörde vor, die Freiheit, die das 2. Vatikanische Konzil gebracht hat, wieder einzuschränken. Die Liste des Nein zugunsten eines lebensbejahenden, kreativen Ja ließe sich lange fortsetzen: Er solidarisierte sich 1987 mit dem inhaftierten Apardheitsgegner Pierre – André Albertini aus Evreux, er bewies seine Solidarität in Südafrika selbst und konnte deshalb an der „klassischen“ Diözesan – Wallfahrt nach Lourdes zu gleichen Termin nicht teilnehmen. „Ich kann es als Bischof nicht ertragen, dass man einen Menschen erniedrigt und ausstößt. Für ihn zu kämpfen, macht mir keine Angst“. Im September 1987 wurde Pierre – André Albertini freigelassen. Jacques Gaillot lässt „ Situationen der Ungerechtigkeit in seinem Gewissen ein Echo finden“, wie er damals sagte, deswegen auch sein Eintreten für die Menschenrechte der Palästinenser seit 1987.
Der Kern der Theologie Jacques Gaillot ist so einfach – und schwierig zugleich: Im praktischen Dienst der Nächstenliebe und der Solidarität hat der christliche Glaube seine Mitte, und eben nicht in Dogmen und Liturgien, nicht in Hierarchien und Traditionen. Glaube ist in Gaillots Sinne etwas elementar Einfaches. Er will einen freien Raum schaffen, in dem alle Menschen gleichberechtigt atmen und leben können. Und dieser „einfache“ Glaube wirkt für viele so befremdlich, die sich an ein hochkomplexes riesiges Lehrgebäude mit tausenden von Paragraphen und einer langen Tradition von klerikaler Diplomatie gewöhnt haben; die sich ohne ein lateinisches Pontifikalamt im Petersdom mit viel Weihrauch und bei Palestrina Musik keinen Katholizismus vorstellen können. Dieses „Befremdlich – Einfache“ in der Spiritualität Gaillot muss alle kirchlichen Machthaber und Freunde einer mächtigen Klerus Kirche irritieren.
Im Oktober 1988 sagte Jacques Gaillot öffentlich Nein zum Gesetz des Pflichtzölibats für Priester, im Frühjahr 1989 sagt er NEIN zur Ausgrenzung homosexueller Menschen in der Zeitschrift „Gai Pied“. Er plädiert für die Anerkennung homosexueller Lebensformen. Am 12. Dezember 1989, als das Gedenken an die Französische Revolution vor 200 Jahren einen ersten Höhepunkt erreichte, war Jacques Gaillot als einziger französischer Bischof dabei, als dem Priester Abbé Grégoire (1750 – 1831) von Staatspräsident Mitterrand ein Ehrengrab im Pariser Panthéon zugewiesen wurde. Alle wussten: Abbé Grégoire verteidigte die richtigen Anliegen der Revolution, die Durchsetzung der Rechte der Juden und der Schwarzen, insgesamt ein Verteidiger Menschenrechte, im damaligen Klerus eine Ausnahme. Vor allem forderte Abbé Grégoire demokratische Strukturen in der katholischen Kirche. Gaillots Anwesenheit 1989 im Pantheon war eine Ungeheuerlichkeit für die Kreise, die das ancien régime mehr schätzten als die positiven Ergebnisse der Revolution.
Im Bistum Evreux bemühte sich Jacques Gaillot, mit Menschen aus allen sozialen Schichten, und nicht nur mit den Kirchgängern, die Zukunft der Kirche dort vorzubereiten. Von 1989 tagte für zwei Jahre die Diözesansynode. Der Bischof selbst dominierte nicht, er meldete sich als ein „Bruder im Glauben“ zu Wort, vor allem, wenn es darum ging, die Rechte der Armen und Ausgestoßenen zu verteidigen. Den Laien im Bistum Evreux wollte er so viele Mitgestaltungsmöglichkeiten bieten, wie es der sehr enge Rahmen des Kirchenrechts eben erlaubte. Nebenbei: Niemals hat Bischof Gaillot dazu aufgefordert, dass ein Laie Eucharistie feiert, er blieb immer auf dem Kurs der Orthodoxie! Er unterstützte lediglich die „Equipen“ von Frauen und Männern, die in den Dörfern als Team das Gemeindeleben koordinieren. Sie kümmerten sich um den Religionsunterreicht, die Vorbereitung auf die Sakramente usw…Damit sollte auch, aber das war nur als Nebeneffekt gemeint, das bevorstehende Ende der Kleruskirche vorbereitet werden. Um nur einen kleinen statistischen Eindruck zu vermitteln: 1997 hatte das Bistum Evreux noch 129 Priester. Im Jahr 2010 waren bei gleich bleibender Bevölkerungszahl noch 44 aktiv in der Gemeindearbeit, „In einigen Jahren gibt es fast keine Priester mehr in Frankreich“, sagen Religionssoziologen in Paris übereinstimmend. Jacques Gaillot wollte Frauen und verheiratete Männer aufs Priesteramt vorbereiten, so viel Sinn für gute Utopie war ihm eigen: Er gründete deswegen eine „école des ministères“, eine Schule der Dienstämter, die Kurse wurden von 400 Personen besucht, aber geweiht werden durfte bei den römischen Gesetzen „natürlich“ niemand. Heute zerfällt heute mangels qualifizierter hauptamtlicher Mitarbeiter, vor allem wegen des Mangels an noch nicht ganz vergreisten Priestern (das Durchschnittsalter der aktiven Priester beträgt in Frankreich jetzt 72 Jahre) das religiöse Leben in den meisten Départements. Die vielen Wallfahrten oder die „attraktiven Klöster“ dürfen darüber nicht hinwegtäuschen. Laut jüngsten Umfragen gehen jetzt noch 4 Prozent der Katholiken regelmäßig sonntags zur Kirche, vor 20 Jahren waren es noch 9 Prozent, wobei regelmäßig bedeutet: Mindestens einmal im Monat! Und die Jugend bleibt längst fast vollständig weg. Lediglich die Charismatiker mit ihren Hallelluja – Rufen oder andere, so genannte neue „geistliche“ Gemeinschaften haben noch junge Leute, die sich zur alten römischen Lehre bekennen. Der Katholizismus in Frankreich heißt heute Seniorenkatholizismus, das ist eine Beschreibung und natürlich keine Bewertung, aber aufgrund dieser Altersstruktur eben doch eine „sterbende Kirche“…
Jacques Gaillot hatte als Bischof zahlreiche Kontakte mit jungen Menschen, auch mit Atheisten, mit Menschen, die durch ihn wieder Interesse an der Kirche fanden. Aber „dieser Hoffnungsträger“ wurde von Rom abgesetzt. Unverschämt geradezu der Vorwurf seiner vatikanischen Richter: „Gaillot hat sich als Bischof als unfähig erwiesen“. Im Rückblick muss man die Absetzung Bischof Gaillots als Beispiel für die „Selbstzerstörung des Katholizismus“ durch die Kirchenführung selbst interpretieren. Indem sie sich in den alten Mauern einschließt, gibt sie dem lebendigen Leben keine Chance. Ausdruck für den versteinerten Geist und die versteinerte Institution ist das Bemühen Benedikt XVI., die besonders Versteinerten, die in das Uralte verliebt sind und den Antisemitismus verteidigten, die Pius-Brüder, wieder in die römische Kirche „zurückzuholen“. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von der Lust am Morbiden…
Gleichermaßen politisch wie theologisch konservative bzw. reaktionäre Kräfte haben Jacques Gaillot zu Fall gebracht. „10 Jahre wurde Gaillot vom Vatikan beobachtet“, also praktisch seine ganze Zeit als Bischof von Evreux, betonte ganz freimütig einer seiner Richter im Vatikan, Msgr. J. Tauran im Januar 1995 in einem Zeitungsinterview. Danke für die Offenheit! Zu Gaillots heftigsten Widersachern gehörte, um nur ein Beispiel von vielen anderen Beispielen zu nennen, Abt Gérard Calvet vom traditionalistischen Benediktiner Kloster Le Barroux bei Avignon. Ursprünglich eng mit den Lefèbvre Leuten (den „Piusbrüdern“) verbunden sowie den Ideen des rechtsextremen Front National (Le Pen), war es Kardinal Ratzinger gelungen, diese Mönche mit ihrem Abt Calvet wieder an den Papst zu binden…Auf ihn hörte der Vatikan, als man Gaillot zu Fall brachte. Der „Fall Gaillot“ war also immer auch ein „politischer Fall“, wobei sich der Vatikan stets auf der sehr rechten Seite präsentierte…
Das offizielle römische Presse – Kommuniqué vom 13. Januar 1995 zur Absetzung Gaillots sollte mit großer kritischer Aufmerksamkeit gelesen werden. Denn darin steht die schon genannte ungeheuerliche Behauptung, „der Prälat (Jacques Gaillot) hat sich nicht als geeignet erwiesen für die Ausübung des Amtes der Einheit, das die erste Pflicht eines Bischofs ist“. Den Dienst der Einheit verstehen die Herren der Kirche in Rom nicht etwa als Einheit mit dem Evangelium, nicht als Vorschlag, den Weisungen Jesu aktuell zu folgen, sondern, so wörtlich, „als Gemeinschaft mit der Lehre und der Pastoral DER Kirche“, und Kirche wird hier wieder mit dem Papst gleichgesetzt. Nebenbei möchte ich darin erinnern, dass der Vatikan eigentlich vorhatte, Jacques Gaillot (Im Januar 1995 war er 59 Jahre alt) zum „freiwilligen“ Rücktritt zu bewegen („demissioner“) und ihm dann den Titel „Emeritierter Bischof“ zu verleihen. Sozusagen als „Altbischof“ von Evreux hätte er dann Rosen züchtend seinen langen Ruhe/Schweigestand verbringen können. Aber Jacques Gaillot bestand darauf, dass er „als offiziell abgesetzter Bischof“ doch als Titular Bischof den Vatikan verlassen könne: So wurde er dann zum „Titular-Bischof von Partenia“ ernannt, dem inzwischen weltberühmten Wüstenbistum in Algerien…Dorthin sollte er „abgeschoben“ werden und in der Öffentlichkeit verschwinden…aber daraus ist in all den Jahren seit 1995 – nicht zuletzt durch das andauernde Engagement von Katharina Haller, Zürich – auch ein blühendes Internet – Bistum geworden mit weltweiten Freunden von Partenia.
Die Absetzung Jacques Gaillots als Bischof wurde zu recht schon damals als das symbolische Ende eines um Freiheit und Evangelium bemühten Flügels innerhalb der römischen Kirche wahrgenommen. Historiker werden bei noch größerem zeitlichen Abstand feststellen: Jacques Gaillot war als Bischof eine für katholische Verhältnisse „einmalige Gestalt“ im Europa des 20. Jahrhunderts, eine Verbindung von Moderne und Evangelium, wie sie sonst kaum möglich erschien, vergleichbar vielleicht den von Rom ebenso ungeliebten Bischöfen Pedro Casaldaliga oder Dom Helder Camara, beide Brasilien…Dass auch Jacques Gaillot (wie alle anderen Bischöfe auch) einmal sozusagen im Dauerstress übereilt reagierte oder dabei Fehler machte, versteht sich von selbst. Aber seine theologische Linie, Moderne und Katholizismus zu verbinden, blieb und bleibt zweifelsfrei vorbildlich und, sagen wir es ruhig, einmalig.
Auch wenn jetzt noch einige „Reformkatholiken“ die ewig selben Reformvorschläge wiederholen und wiederholen: Der „Fall Gaillot“ hat meines Erachtens klargemacht: Reformen grundlegender, radikaler Art haben im römischen System keine Chance. Einzig eine neue Reformation hätte Sinn, dann bliebe aber zumindest ein Teil der römischen Kirche nicht mehr „der selbe“ wie vorher…(siehe Martin Luther). Jacques Gaillot hat sich entschieden, nicht zum Reformator zu werden, er wollte kein französischer Luther sein. Das ist seine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, auch wenn niemals wenigstens gedanklich durchgespielt wurde und auch heute nicht durchgespielt wird, was denn eine neue Reformation bedeutet hätte und immer noch bedeuten würde, gerade angesichts der tiefen Krise und des absoluten Vertrauensverlustes des Katholizismus etwa jetzt im Frühjahr 2010.
Im Rückblick bleibt auch das Bedauern, dass Jacques Gaillot nie deutlich spürbare Unterstützung von prominenten Theologen gefunden hat: Die Namen der „großen“ Theologen z.B. in Tübingen oder Münster brauchen hier nicht genannt zu werden, sie haben meines Wissens diesem bescheidenen Mann des Evangeliums niemals öffentlich und deutlich zur Seite gestanden. Waren sie sich – von der Solidarität Eugen Drewermann einmal abgesehen – zu fein, waren sie sogar so unbescheiden, dass sie meinten, dieser Bischof aus Evreux und später in Partenia „biete theologisch zu wenig“? So viel Arroganz wäre schlechthin unverständlich.
Eine andere entscheidende Frage lautet: Wird Jacques Gaillot noch zu Lebzeiten rehabilitiert werden? Wird sich Rom bei ihm für die Absetzung entschuldigen und sich dann bedanken für die zahlreichen Impulse, die er den Menschen von heute gegeben hat? Wird sich die französische Bischofskonferenz entschuldigen, dass sie ihn seit 1995 weitestgehend ignoriert hat und praktisch niemals mehr zu ihren Versammlungen eingeladen hat? Wird sie diesem Bischof mit der einfachen und deswegen so befremdlich wirkenden Botschaft die Hand reichen? Gibt es noch Menschen, die glauben, der römische Katholizismus könne sich wie durch ein Wunder reformieren und dem Geist des Evangeliums entsprechen? Was bleibt für die anderen? „Um das Licht zu sehen, müssen wir aus den Mauern heraustreten“, so Bischof Jacques Gaillot zu Ostern 1983.

Das Buch mit dem treffenden Titel „Die Freiheit wird euch wahr machen“ aus dem Reimund Meier Verlag in Schweinfurt enthält 24 Beiträge über Bischof Jacques Gaillot. Das Buch hat die ISBN Nr.: 978-3-926300-64-5.



Tiefendimensionen im Leben erkennen

30. Januar 2011 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche"

Das Philosophische Wort zur Woche…

…will aus immer neuen Perspektiven zum Nachdenken inspirieren. Diesmal weisen wir kurz („kurz“ bedeutet leider im philosophischen Sinn oft verkürzend) auf einige Gedanken des großen Philosophen Dieter Henrich hin.

Ausgangspunkt ist die Frage:
Was passiert im Denken, wenn sich das Denken auf das Selbst bezieht?

Erinnern wir uns an die philosophische Überzeugung, dass sich philosophisches Denken vor allem auf das Denken selbst bezieht, auf das, was da immer schon im Denken und im Selbstbewusstsein anwesend ist, anwesend als ungewusste Bedingung der Möglichkeit.

Dieter Henrich schreibt:
„Das Philosophieren weckt den Sinn für Hintergründe in dem, was als Lebensvollzug jeder Nachfrage ebenso unbedürftig wie unzugänglich zu sein scheint. Zusammen mit der Achtsamkeit auf Tiefendimensionen von Leben und Verstehen kann das Philosophieren die Bewusstheit in Beziehung auf das eigene Leben und dann auch die Distanz zu diesem Leben erhöhen. Solcher Selbstdistanz, die zum Humor und zu jeder Gelassenheit gehört, wird nicht selten das Prädikat zu- gestanden, =philosophisch= zu sein. Die Philosophie vermittelt dann aber auch den Sinn dafür, was in dem Grundmuster eines Entwurfs, dem ein Leben folgt, dessen Zusammenhalt und dessen Grenzen ausmacht. So dient die Philosophie der Selbstdiagnose und der Selbstkritik in Lebensfragen; sie kann aber auch die Sensibilität für die Bewegtheit des Lebens in anderen Menschen erhöhen“.

Dieter Henrich, Die Philosophie im Prozeß der Kultur. Frankfurt M., Suhrkamp, 2006, S. 93.



„Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“

23. Januar 2011 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche"

„Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“
Ein „Philosophisches Wort zur Woche“ am 23. 1. 2011

Einen ähnlichen Spruch kennen alle: Michail Gorbatschow (er wird am 2. März 2011 80 Jahre) soll ihn gesprochen haben, am 7. Oktober 1989 in Ost – Berlin, als die SED Herrschaft ihrem Ende nahte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Ob dieser Satz so gesprochen wurde, ist wohl zu bezweifeln, wahrscheinlich hat Gorbatschow gesagt: „Ich halte es für sehr wichtig, den Zeitpunkt nicht zu verpassen und keine Chance zu vertun. Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort“.

Wir auch immer, wir sind keine Historiker, sondern Philosophen und finden von daher den Satz sowieso bedenkenswert.
Heute geht es aber um eine Variante dieses Satzes, eine Variante, die nicht minder gravierend ist:
„Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“.

Mit „zu früh kommen“, meinen wir: Eine Erkenntnis zu früh aussprechen, in einer Situation, in der die meisten Menschen diese Erkenntnis noch nicht mit vollziehen können und auch nicht wahrhaben wollen.
Da kann es objektive Hindernisse geben, traditionelle Denkzwänge, die neue Erkenntnisse sofort zurückweisen. Vor allem staatliche und religiöse Autoritäten tun sich in solchen Blockaden (verbunden mit Bestrafungen ) immer gern hervor. Sie sind die „großen Bremser“… Denken wir an die Geschichte Galileo Galileis. Er hat die Wahrheit ausgesprochen, als dogmatischer Wahn stärker war als der Wille, sich auf Neues einzulassen. Insofern kam er „objektiv“ zu früh, obwohl seine Erkenntnis natürlich subjektiv rechtzeitig und passend kam. Nur hat Galileo Galilei unter dem Wahn der ewig Gestrigen Besserwisser gelitten. Das ist oft das Schicksal derer, die „zu früh“ kamen. Sie wurden sozusagen vom bornierten Leben „der anderen“ bestraft…Zahllose Beispiele für das Unverstandensein bzw. auch das Verfolgtsein derer, die „zu früh“ eine Wahrheit aussagten gibt es: Denken wir Mystiker wie Jacob Böhme oder Philosophen wie Friedrich Nietzsche; an Schriftsteller wie Kafka oder Künstler, die zu Lebzeiten nicht ernst genommen wurden; nach ihrem Tod aber machte sozusagen der Wille zur Erkenntnis bei vielen sozusagen „Klick“ und sie sahen, wie richtig die vorher Verfemten und Ausgegrenzten argumentierten.
Man könnte der Phantasie freien Lauf lassen und an die Menschen denken, die „zu früh“ Erkenntnisse aussprachen. Etwa der Theologe Hans Küng, der die autoritäre Unfehlbarkeitsideologie der Päpste kritisierte und deswegen als katholischer Theologieprofessor abgesetzt wurde. In 100 Jahren wird sich der Vatikan vielleicht bei Küng bedanken für diese „frühe Erkenntnis“. Oder im philosophischen Bereich: Etwa der Vorschlag Martin Heideggers, endlich auf das in den Konfessionskirchen immer noch gepflegte dinghafte und „personale“ Verständnis Gottes zu verzichten. Oder sein Hinweis, dass angesichts der Krise der heutigen Mentalitäten das „besinnliche Denken“ Vorrang haben muss vor allem technischen Denken. Oder sein Hinweis, dass die Menschen „Heimat“ brauchen, natürlich nicht als Idylle gemeint, sondern als Reflexion auf die Wurzeln, aus denen man lebt angesichts einer total mobilen Gesellschaft, die immer mehr die Züge des universalen Nomadentums annimmt.
Am wichtigsten bleibt wohl: Stehen wir zu unseren möglicherweise auch neuen Erkenntnissen, aber überprüfen wir sie ständig im Gespräch mit anderen; weisen wir mutig möglicherweise spinöse oder bloß esoterische wunderbare Einsichten zurück. Es geht um Erkenntnisse, nicht um Offenbarungen, die manchmal zu früh kommen. Nur die „frühe Vernunft“ hilft weiter auf dem Weg.



25.2. 2011, 19 Uhr, Philos Salon

20. Januar 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Der philosophische Salon am 25. 2. hat das Thema: „Humor – Leichtsinn der Schwermut“. Von Ernst und Heiterkeit der Glaubenden. Mit Prof. Michael Bongardt, FU Berlin. Der Ort: Das Kulturzentrum Afrika Haus in der Bochumer Str. 25 in Berlin – Tiergarten. U Bhf Turmstr. Beginn: 19 Uhr.



Freitag 25. Febr. 2011 19 Uhr. Philos. Salon

20. Januar 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Der philosophische Salon diesmal mit Prof. Michael Bongardt (FU, Berlin). Thema: „Humor – Leichtsinn der Schwermut“ – Von Ernst und Heiterkeit der Glaubenden“. Die Veranstaltung findet im Kulturzentrum AFRIKA Haus statt, Bochumer Str. 25 in Berlin – Tiergarten. U Bhf. Turmstr.



Wenn die Religion die Vernunft respektiert. Ein Vortrag von Wilhelm Gräb

19. Januar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Wilhelm Gräb, Professor für ev. Theologie an der Humboldt Universität Berlin.
Er hielt am 18.1.2011 im Rahmen des Forum der Remonstranten Berlin in Zusammenarbeit mit dem Religionsphilosophischen Salon Berlin einen Vortrag zum Thema:

Wenn Religion die Vernunft respektiert.
Perspektiven liberaler Theologie

Liberale Theologie ist Theologie nach der Aufklärung. Sie ist getragen von dem Grundimpuls aller Aufklärung, dass ein jeder sich in allen Angelegenheiten des Lebens seines eigenen Verstandes zu bedienen habe, auch in den Angelegenheiten der Religion. Damit sind die Sinn-fragen des Lebens gemeint, das, worin sich uns die Daseinszwecke versammeln, was uns am Leben hält und unser Dasein mit Inhalt füllt.
Liberale Theologie hat Konsequenzen für die Theologie selbst, für die Reflexionsgestalt des christlichen Glaubens. Sie hat aber auch Konsequenzen für die gelebte Religion, für die Praxis der Frömmigkeit und der Spiritualität. Und sie hat schließlich Konsequenzen für die Sozialge-stalt protestantischen Christentums, für die Auffassung von der Kirche. In dieser dreifachen Hinsicht will ich einige einführenden Worte sagen, bevor wir dann in die Diskussion eintre-ten.

1. Vernünftige Theologie
Eine liberale, vernünftige Theologie sucht die Vermittlung des christlichen Glaubens mit dem modernen Denken in Wissenschaft und Kultur. Der Glaube an Gott muss vor dem Wissen und den Wissenschaften nicht zurückschrecken. Sofern der Glaubende dazu findet, das Wissen zu achten und an seiner Förderung mitzuarbeiten, kann er sich vielmehr durch den Wissensfort-schritt in seinem Glauben geradezu bestätigt finden. Denn auch das Wissen hat seine Grenzen, deren gerade derjenige ansichtig wird, der möglichst viel wissen will. Worin schließlich ist das Vertrauen in das Wissen eigentlich begründet? Wie kommt es, dass wir auf der Basis un-seres Wissens erfolgreich in dieser Welt handeln können, dass also die Dinge in der Welt tat-sächlich unserem Wissen von der Welt entsprechen und sie sich aufgrund dieser Entspre-chung durch Technik einrichten, verändern und steuern lassen? Warum das so ist, wissen wir letztendlich nicht. Wir sind, wenn wir handeln, vielmehr darauf angewiesen, auf unser Wissen zu vertrauen und auf einen Erfolg unseres, auf dieses Wissen gestützten Handelns, zu hoffen. Könnten wir den Grund der Ermöglichung unseres Wissens vor uns bringen, dann wäre er zu seinem Gegenstand geworden und gerade nicht als dasjenige erfasst, was uns die Gegenstände in ihrer Zugehörigkeit zur Welt wahrnehmen, in ihren Sinnzusammenhängen bestimmen und uns absichtsvoll, auf Technik gestützt, mit ihnen umgehen lässt. Wir können, wie leicht einzu-sehen ist, die Folgen unseres Wissens und damit die Folgen des durch unser Wissen ermög-lichten Handelns in der Welt nie vollständig überblicken und somit auch nicht im Ganzen wissend vor uns bringen.
Wenn wir daher nach dem Grund des Vertrauens in unser Wissen und nach der Rechtferti-gung der Hoffnung auf die Erfolge unseres Handelns in der Welt fragen, stoßen wir darauf, dass wir eine einzigartige Beziehung zwischen uns Menschen und der Welt in Anspruch neh-men. Es ist diese grundfügende Beziehung zwischen Mensch und Welt, die es macht, dass uns unser Dasein als zugehörig zur Welt in absichtsvoller Weise bewusst ist. Und viel spricht da-für, eben diese Einheit aller Gegensätze, mit der uns die Welt als Ganze entgegentritt, mit dem Wort ‚Gott’ zu bezeichnen und in ihrer lebensführungspraktischen Relevanz zu deuten. Weil ein Gott ist, der die Zusammenstimmigkeit unseres Denkens mit der uns gegenüber ste-henden Welt stiftet, können wir Bestimmtes in ihr wissen und zielorientiert in ihr handeln. Diesen Gott können wir nicht wissen, denn wir hätten ihn damit zu einer Tatsache unter den vielen anderen Gegenständen des Wissens herabgezogen. Diesen Gott, der die Einheit und damit den Sinn des Ganzen der uns wissend und handelnd zugänglichen Wirklichkeit garan-tiert, können wir nur glauben. Auf diesen Gott können wir nur vertrauen. Für dieses Vertrauen gibt es allerdings gute Gründe und verschiedene Wege, auf denen es sich einstellt und zu fin-den ist. Diese Wege führen hinein in unser leib-seelisches Dasein, in unsere Emotionen und Phantasien, in alle unsere mentalen Zustände, Erfahrungen und Tätigkeiten.
Liberale Theologie zielt darauf, dass es letztendlich vernünftig ist, zu glauben, weil nur der Glaube und nicht das Wissen auf den Sinn des Ganzen der Welt und unseres endlichen Da-seins in ihr vertrauensvoll auszugreifen vermag. Liberale Theologie betont genauso aber die Zeitbedingtheit der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren, die historische Welt auch der Bibel. Sie unterscheidet zwischen dem Glaubensgrund, den sie in der persönlichen Bindung an Jesus Christus, dem mit Gott bedingungslos verbundenen Menschen, dem inkarnierten Gott, erkennt und dem zeitbedingten, somit wandelbaren Glaubensausdruck. Die Sprache des Glaubens ist einer jeden Gegenwart gemäß neu zu finden und nicht durch die biblischen Texte bzw. die altkirchlichen Dogmen oder die Bekenntnisse des 16. Jahrhunderts normativ fixiert. Liberale Theologie unterscheidet zwischen dem Glauben, der ein persönliches Vertrauensver-hältnis zu Gott ist und dem Glaubensausdruck, der den religiösen Kommunikationsbedingun-gen einer jeden Zeit gemäß zu entwickeln ist. Auch christliche Lehre und die Theologie gera-ten auf die Seite der zeitbedingten Artikulation und Reflexion des persönlichen Glaubens. Wenn sich in der kirchlichen Lehre und der wissenschaftlichen Theologie die persönliche Frömmigkeit einer bestimmten Gegenwart nicht mehr gedeutet finden sollte, dann drängt libe-rale Theologie auf zeitbedingte Umformungen in Lehre und Theologie.
Dass die Theologie im Rechtfertigungsglauben den Grund individueller Freiheit erkennt, ge-hört zum entscheidenden Erbe liberaler Theologie. Denn es bedeutet, den Glauben an das E-vangelium, dass Gott Liebe, Vergebung, der Grund der Freiheit ist, als den Aufgang eines durch diese Werte bestimmten Verständnisses menschlicher Existenz zu erkennen. In der Tradition liberaler Theologie führt vom Glauben an das Evangelium kein direkter Weg zu gegenständlichen Aussagen über Gott und sein Offenbarungshandeln. Glaube ist überhaupt kein Wissen, weder über Gott noch über sein Handeln in der Welt, sondern ein Vertrauen, das zur Kraftquelle in der Bewältigung des Lebens wird. Mit dem Gott des Evangeliums lässt sich nicht die Welt erklären lässt, sehr wohl aber eine fundierende Daseinsgewissheit und zielbe-wusste Lebensorientierung gewinnen. Dieses liberaltheologische Credo befreit die Theologie von den unversöhnlichen Konflikten mit der Wissenschaft. Der Wissenschaftler kann gelassen dem Sachverhalt begegnen, dass die wissenschaftliche Welterkenntnis und die aus ihr folgen-de technische Naturbeherrschung ebenso ohne Gott auskommen wie die politisch-staatlichen Rechtsverhältnisse und die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen. Sie sind einer theo-logischen Legitimation nicht mehr bedürftig.
In der Tradition liberaler Theologie kann jedoch zugleich festgehalten werden, dass sich, im Zuge der durch die politischen, wissenschaftlichen und industriellen Revolutionen der Neuzeit ausgelösten Veränderungen, die religiösen Fragen keineswegs erledigt haben. Es hat sich die Motivlage für religiöse Fragen verschoben. Die Religion hat ihren Umbau erfahren, hinein in ein neues Relevanzgefüge. Der christliche Glaube gewinnt in der modernen Kultur seine Re-levanz aus dem Interesse der Menschen an der Sinndeutung ihrer durch die soziokulturellen Veränderungen zugleich zur eigenen Gestaltung freigesetzten wie in ihrer Eigenheit bedroh-ten Individualität.

2. Selbstbestimmte Spiritualität
Liberale Theologie plädiert für religiöse Autonomie, für eine selbstbestimmte Frömmigkeit und Spiritualität. Sie will eine Religion der freien, persönlichen Einsicht in die Wahrheit des Glaubens, verlangt daher keine Anerkennung von Glaubenssätzen allein aufgrund der Autori-tät der Bibel oder der Kirche. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann auf sehr verschiedene Wei-se Gestalt gewinnen. Sie kann ihr Zentrum in einer persönlichen Beziehung zu Jesus finden, die der Beziehung zu Kirche und Gemeinde vorgeordnet wird. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann heute in einer Spiritualität lebenspraktisch werden, die ein inhaltlich eher unbestimmtes Transzendenzbewusstsein ausbildet, sich aber weithin doch im Tradierungszusammenhang des freilich undogmatisch verstandenen Christentums bewegt. Selbstbestimmte Frömmigkeit kann sogar in Gestalt charismatischen Pfingstlertum oder fundamentalistischen Wort-Glaubens praktisch werden. Dann jedenfalls, wenn dort auf die persönliche Überzeugungsge-wissheit der Akzent gelegt wird, das je eigene Ergriffensein vom Geist Christi oder vom Wort Gottes und nicht so sehr die Unterwerfung unter ein ekstatisches Ritual mit seinen vorgefer-tigten Bekenntnisnormen und Verhaltenskodizes oder unter das Papier des Bibelbuchstabens gepocht wird. Entscheidend für liberale Frömmigkeit ist, dass der Glaubensaudruck frei gelas-sen wird und variabel bleibt, dass er sich nicht nach biblischen, dogmatischen, kirchlichen oder lehrmäßigen Bestimmungen richten muss, sondern klar der persönlichen Gewissheit, der Erfahrung und dem Engagement der Glaubenden nachgeordnet bleibt. Wo der Glaubensaus-druck als Ausdruck persönlicher Glaubensgewissheit verstanden wird, haben wir es mit einer Form liberaler, selbstbestimmter Frömmigkeit zu tun.
Heute steht das Konzept der Spiritualität am ehesten für diese Form liberaler Frömmigkeit. Wo Menschen sich zu ihrer Spiritualität bekennen, geht dies oft mit einer Distanzierung ge-genüber dem kirchlichen Glaubensausdruck einher. Umso energischer wird die eigne Trans-zendenzerfahrung betont, die Offenheit für die geistige, nicht verrechenbare und nicht mach-bare Dimension der Wirklichkeit. Spiritualität ist eine Sinneinstellung, eine Offenheit für die Präsenz des Göttlichen, die als Lebensbereicherung erfahren wird. Insofern geht das Konzept der Spiritualität durchaus zusammen mit dem in Theologie und Kirche heute gebräuchlichen Reden von der Glaubenserfahrung. Die Glaubenserfahrung wird dabei in der Regel als le-bensgeschichtliche Sinnerfahrung verstanden. Sie wächst in den Geborgenheitserfahrungen der Kindheit, in der Gemeinschaft der Kirche, in schönen Gottesdiensten an Weihnachten, an den Wenden der eigenen Biographie. Sie wird erschüttert in Erfahrungen des Desaströsen und Ungeheuren, wovon ja auch die Bibel erzählt. Das Konzept der Spiritualität oder auch der persönlichen Glaubenserfahrung, hält fest, dass die Gläubigen oder religiös Suchenden den göttlichen Sinngrund nicht als gegenständliche oder personale Wirklichkeit erfahren müssen und dennoch von seiner Wirklichkeit tief überzeugt sein können.
Liberale Spiritualität ist undogmatisch. Sie versteht die christlichen Glaubensaussagen nicht mehr in einem gegenständlichen Sinn. Danach suchen heute viele Menschen, weil sie den Glauben an göttliche Heilstatsachen, überhaupt an einen direkt ins Weltgeschehen eingreifen-den Gott nicht mehr erschwingen können. Sie suchen nach der Entgegenständlichung des Glaubens, somit auch nach einer Glaubensauffassung, für die Gott die Offenheit für die geis-tige Dimension der Wirklichkeit ist. Liberale Theologie und Frömmigkeit bewegen sich in diese Richtung. Sie nehmen die gegenständlichen Vorstellungen der biblischen Tradition von Gott dem Schöpfer, Versöhner und Erlöser auf, versuchen sie aber in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen. Die Aussagen über Gott im symbolischen Sinn zu verstehen, heißt, sie in dem zu verstehen, was sie uns über uns selbst und unser Dasein in der Welt sagen. Wer Gott den Schöpfer, Versöhner und Erlöser glaubt, weiß sich auch noch im Elend und Verderben, ja über den Tod hinaus, in seiner Hand geborgen. Aus seinem Glauben erwächst ihm unbedingte Lebensgewissheit aber auch die Kraft zu Anklage und Protest in den Erfahrungen des Unge-rechtigkeit und des Ungeheuren.
Der Glaube hat dort, wo er sich als spirituelle Lebenseinstellung versteht, freilich auch oft etwas Tastendes und Suchendes. Er strotzt nicht immer vor Gewissheit und fragt beim Hören der Rede von einem Gott, der dies und das tut, ob es auch wahr ist oder, was solche Gottesre-de eigentlich in den Erfahrungen des Lebens meint. Diese fragende Skepsis macht bekennen-de Liberale bei Fundamentalisten und Charismatikern oft verdächtig. Liberale Theologie er-mutigt den Glauben jedoch dazu, zu seinen Zweifeln zu stehen. Die Zweifel gehören zum Glauben, eben weil dieser kein Wissen ist und nicht zu einem Wissen werden kann.
3. Eine offene, tolerante Kirche
Liberale Theologie plädiert für eine offene und tolerante evangelische Kirche. Sie will eine Kirche oder kirchliche Gemeinschaften, die unterschiedliche Formen der Frömmigkeit zulas-sen. Deshalb wertet sie auch die distanzierte Form der Kirchenmitgliedschaft nicht ab, auch dann nicht, wenn etwa nur anlässlich der Kasualien der Kontakt zur Gemeinde gesucht wird.
Die liberale evangelische Kirche unterstützt den Gemeindegedanken. Sie will, dass sich die Kirche von unten her bildet, durch das lebendige Engagement ihrer Mitglieder. Der Glaube ist eine innerliche Angelegenheit des einzelnen Menschen, aber keine bloße Privatsache. Abge-wehrt wird, dass die Kirchenführer sich ein politisches Mandat anmaßen. Jeder einzelne Christenmensch ist unmittelbar zu Gott. Die Kirche und die sie Leitenden haben sich nicht dazwischen zu schalten. Die Gemeinde und ihre Gottesdienste sind Orte der Kommunikation des Evangeliums, der Belehrung und Beratung der Gewissen, nicht aber der politischen Akti-on. Die einzelnen Christen partizipieren aus ihrem Glauben heraus und in den Entscheidungen ihres Gewissens am politischen Prozess. Aber die Kirche bzw. christliche Gemeinschaft ist nicht selbst politische Partei. Solche Anmaßungen führen immer zur Vergewaltigung der Ge-wissen durch mehr oder weniger offenkundigen Klerikalismus.
Es müssen nicht alle auf dieselbe Weise ihr Christsein verstehen und leben. Die einen halten sich an der Bibel als dem für sie verbindlichen Gotteswort fest. Die anderen fühlen sich vom Heiligen Geist ergriffen. Wieder andere suchen den Zuspruch des Evangeliums und den Se-gen Gottes an den Sollbruchstellen ihrer Lebensgeschichte und noch einmal andere schließen sich zum „Bund für freies Christentum“ zusammen und suchen Kontakt zu einer der vielen Freikirchen. Mit der Moderne sind wir in das Zeitalter der religiösen Bewegungen und damit der Individualisierung und Pluralisierung der Formen religiösen Lebens, der Globalisierung und damit der Begegnung der Weltreligionen eingetreten. Auch diese Begegnung der Religi-onen braucht nichts so dringlich sie den liberalen Geist der Anerkennung der anderen in ihrem Anderssein.
Eine liberale Kirche versucht unterschiedlichen Ausprägungen des Christlichen in sich selber zuzulassen und zusammen zu halten. Die Grenzen zieht sie erst dort, wo die Freiheit, die sie gewährt, zur Bestreitung und Ausschaltung der Freiheit anderer genutzt werden will. Dass eifernde Fundamentalisten eben dazu neigen, wissen wir und sehen sie daher auch als Gefähr-dung einer liberalen Kirche an. Fundamentalisten müssen jedoch nicht von missionarischem Eifer getrieben sein. Es kann auch sein, dass sie den anderen Glaubensausdruck anderer ach-ten und frei lassen. Dann sind sie auch in einer liberalen Kirche gern gelitten. Wo jedoch im Namen religiöser Autorität politische oder moralische Geltungsansprüche nicht nur geltend gemacht, sondern unmittelbar, an der Gewissensentscheidung der Individuen und ihren Parti-zipationsmöglichkeiten vorbei, zur Durchsetzung gebracht werden, sind die Prinzipien libera-len Christentums verletzt.
Der kirchliche, theologische und frömmigkeitspraktische Liberalismus prägt die Religionskul-tur unserer Gegenwart weltweit. Natürlich gibt es, ich habe es schon angedeutet, gerade auch im gegenwärtigen Protestantismus andere Strömungen und ein anderes kirchliches Wollen. Immer wieder melden sich Stimmen zu Wort, die auf eine objektivere Kirchlichkeit drängen, wie sie der Katholizismus aufrechtzuerhalten versucht. Sie betonen stärker den Buchstaben und nicht den Geist der reformatorischen Bekenntnisse und machen dabei dem kirchlichen und religiösen Liberalismus einen gefährlichen Hang zur Beliebigkeit bzw. zur Geistemphase, zum Subjektivismus und zum Werterelativismus zum Vorwurf.
Wie der Bertelsmann Religionsmonitor zuletzt belegte, aber aus den Kirchemitgliedschaftsun-tersuchungen der EKD seit den 1970er Jahren hervorgeht, dominiert hierzulande eine modera-te, durchaus liberale Christlichkeit, die die Kirche als religiösen Sinnlieferanten im Hinter-grund des Lebens nicht missen möchte, aber sie nur gelegentlich aktiv in Anspruch nimmt. Die gelebte Religion bewegt sich überwiegend im Trend einer undogmatischen Spiritualität. Nur eine Minderheit selbst unter denen, die religiös besonders aktiv sind, wird von charisma-tisch allzu überschwänglichen, fundamentalistisch allzu bornierten oder konservativ allzu traditionsfixierten Gemeinden angezogen. Das ist in vielen Weltgegenden außerhalb Europas sicher anders. Aber die Gründe dürften gerade darin liegen, dass sich dort die Prinzipien des von Pietismus und Aufklärung geprägten religiösen Liberalismus stärker durchgesetzt haben, als dies in seinen europäischen Heimatländern der Fall ist. Die Religion ist in vielen vom Christentum mit geprägten Ländern Amerikas, Afrikas und Asiens sehr viel selbstverständli-cher als hierzulande längst nicht mehr eine Sache institutioneller, traditionsorientierter Vorge-gebenheiten, sondern eben eine Sache persönlicher Wahl und Entscheidung, aber auch unge-zwungenen Gemeinschaftserlebens. Das Christentum ist verbunden mit sozialen Zugehörig-keitsverhältnissen, mit der Einbindung in eine starke Gemeinschaft, stärker vor allem auch eine Sache kommunaler Praxis und der persönlichen Lebensorientierung als Sache der Lehre und der gedanklichen Reflexion. Von geistbewegten und sich auf das rettende Wort Gottes berufenden Gemeinden geht die Botschaft aus, dass der Glaube eine Lebenskraft ist und zur Bewältigung eines oft schwierigen Alltags hilft. Die kirchliche Gemeinschaft stabilisiert den einzelnen nach innen und nach außen. Diese Stabilisierungskraft geht vor allem deshalb von der christlichen Gemeinde aus, weil der einzelne nicht schlicht in sie hineingeboren wird, sondern weil er sich selbst bzw. seine Familie sich bewusst für sie entschieden haben und sich voll und ganz mit ihren Lebensmaximen identifizierten. Christ zu sein ist kein Schicksal, wie bei uns, sondern gilt als Entscheidung für einen mit bestimmten Vorzüglichkeiten ausgestatte-ten Lebensstil.
Der religiös-kirchliche Liberalismus reicht so gesehen – dem politischen Liberalismus durch-aus vergleichbar, auch wenn deren Verhältnis zueinander umstritten ist – sehr viel weiter als das Gewicht der ihn fördernden Schulen akademischer Theologie und der ihn explizit tragen-den kirchlichen Parteien. Zu seinem Erbe zählt der kirchliche und religiöse Pluralismus in den USA und von dort weltweit ausgehend in Südamerika, Afrika und Asien, wie eben auch die volkskirchlichen Strukturen hierzulande. Für die Freiheitsspielräume in den christlichen Le-bensformen wie auch in der Vielfalt lebendiger Gemeindebildungen ist freilich nur der sich zu seiner freiheitlichen Gesinnung bekennende religiös-kirchliche Liberalismus seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingetreten. Auch die Gemeindeaufbaubewegung um Emil Sulze um die Wende zum 20. Jahrhundert stand aber im Wirkungszusammenhang dieses kirchlich-religiösen Liberalismus. Seinem Erbe begegnen wir auf bewusste Weise im Grunde überall dort, wo zwischen der verfassten, institutionalisierten Religion und dem individuellen Glau-ben in den verschiedenen Formen seiner Vergesellschaftung unterschieden wird, auch wenn man sich zur Trennung von Religion und Politik, Kirche und Staat auf breiter Basis zu beken-nen in Deutschland erst nach 1945 gelernt hat.
Seine Pluralismusfreundlichkeit musste der religiös-kirchliche Liberalismus nach 1945 erst noch lernen. Die Freiheit des einzelnen und der religiösen Bewegung, der er sich verbunden weiß, muss gegen Unduldsamkeit und Missachtung Anders-Gläubiger aber heute verteidigt und weiter befördert werden. Den Individuen steht das Recht zu, ihre religiösen Zugehörig-keitsverhältnisse zu wählen. Sie haben unter den Bedingungen der modernen Kultur geradezu die Pflicht, sich selbst zu entscheiden. Sie stehen unter dem „häretischen Imperativ“, wie dies der Religionssoziologe Peter L. Berger beschrieben hat, nicht ohne sich zum religiösen und theologischen Liberalismus zu bekennen und die Beschäftigung mit den liberalen Theologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dringlich zu empfehlen.
copyright: religionsphilosophischer-salon.de



“Wer das Richtige zu spät macht, tut das Falsche”

14. Januar 2011 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche"

„Wer das Richtige zu spät tut, tut das Falsche“
Philosophisches Wort zur Woche

Manche LeserInnen haben uns gefragt: Wo bleibt eigentlich die regelmäßige Lieferung von : „Das Philosophische Wort zur Woche“? Einer meinte gar, was gibt es Schöneres, als kurze Sätze mit großem Inhalt hin und her zu wälzen?“ Unruhe und Bewegung, nicht Müdigkeit und Stillstand sind die Ziele der „Philosophischen Worte zur Woche“.
Jetzt startet wieder diese Reihe, unregelmäßige Lieferungen sind versprochen, aber nicht angestrebt.
Zu Beginn des neuen Jahres ist es nahe liegend, sich auf die Vielfalt der Zeiterfahrungen einzustellen. Handeln wir zu spät, kommen wir zu früh, leben wir in der Gegenwart?
Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt in „Die Zeit“, Ausgabe vom 5. Januar 2011 auf S. 43 im Rahmen eines sehr lesenswerten Beitrags über den großen SPD Politiker Hermann Scheer (gestorben 2010):
„Alle Politik ist Zeitpolitik. Sie ist nun in erster Linie der Vollzug der Unterscheidung zwischen =rechtzeitig= und =zu spät=. Wer zu spät siegt, hat auch verloren. Wer das Richtige zu spät tut, tut doch das Falsche. Es ist die grausame Ironie dieser Übergangszeit, dass es lange weniger schlimm kommt als angekündigt, bis es schlimmer kommt als befürchtet“.
Beispiele aus Gesellschaft und Religionen kann jeder selbst finden, z.B. die jahrzehntelange Ignoranz der katholischen Kirche gegenüber den pädophilen Verbrechen ist eine aktuelle Erfahrung…
Peter Sloterdijk zitiert in seinem Beitrag auch Hermann Scheer: “Wie haltet ihr das aus, untätig zu bleiben und die Politik für die Gesellschaft anderen zu überlassen, von denen ihr den Eindruck habt, dass sie nicht das Notwendige und Richtige tun?“
„Empört euch“, „Indignez vous“, ist heute einer der meist gelesenen Texte in Frankreich heute, verfasst von dem Co – Autor der Menschenrechtserklärung, Stéphane Hessel. Diese Empörung, hätte sie Hermann Scheer noch initiieren können, hat sie in Deutschland auch einen Platz wie in Frankreich? Wer schreibt den ersten „Indignez vous“ Text in Deutschland, Empörung über Staat, Gesellschaft, Kirchen…Die Empörung muss erst mal ausgelebt werden, dann gilt es vernünftige Schritte zu planen…Empörung ohne Vernunft ist nur schrill, meinen wir. Darüber wird in Frankreich anlässlich von Hessels Pamphlet unseres Erachtens zu wenig diskutiert.
Zurück zur Zeiterfahrung:
Zu spät handeln ist falsch, es kommt darauf an, den „Moment“ zu erfassen. Aber auch zu früh handeln ist falsch. „Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“. Über diese noch wenig realisierte Erkenntnis beim nächsten Mal.

Das letzte wichtige Buch von Hermann Scheer hat den Titel: „Der energethische Imperativ“. Kunstmann Verlag, München, 270 Seiten, 19,90 €.

Die Idee und der Titel „Philosophisches Wort zur Woche“ sind urheberrechtlich geschützt. Copyright Christian Modehn.



“Sucht die Religion in euch selbst”. Friedrich Schleiermacher

12. Januar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Philosophen und Theologen, selbst wenn sie verstorben sind, so sind sie nicht tot: Ihr Denken lebt weiter. Von dieser Voraussetzung ausgehend habe ich mehrere „Salon – Abende“ mit Philosophen und Theologen fürs Radio (RBB) gestaltet. Die „Berühmtheiten“ treffen auf Zeitgenossen, die ihre Stellungnahmen, „O TÖNE, beitragen. Diese etwas „surreale“ Form soll bei Hörern und Lesern Interesse an der Philosophie und (philosophischen) Theologie wecken.
Der folgende Text bezieht sich auf eine Sendung zu Schleiermacher, die Radio – Sendung lief am 26. 12. 2010 im RBB. Das hier vorgestellte Manuskript ist etwas ausführlicher als die Radiosendung.

„Sucht die Religion in euch selbst“
Ein theologischer Salon im Hause Friedrich Schleiermache
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Von Christian Modehn

„Schleiermacher langweilt nie. Zu jedem Thema weiß er was Neues zu sagen. Das liegt daran: Er hatte Künstlerfreunde, die ihn inspiriert haben, er war in den Salons, den Berliner Salons zu Hause…“, sagt die Theologin Miriam Rose über Schleiermacher.
In seiner Wohnung wird der Dialog über religiöse Fragen fortgesetzt. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universität Berlin meint:
„Die Religion wächst in einem jeden Menschen Herz. Das was, Religion im Grunde unserer menschlichen Seele ist, ist gerade das, was uns in der einen Menschheitsfamilie miteinander verbindet“.
Und Martin Schuck, Theologe in Speyer, gibt zu denken:
„Das Unendliche bedeutet, dass ich etwas gelassener werden kann, weil ich als Mensch weiß: Ich bin nicht alles. Es gibt eine Dimension, wo ich mich aufgehoben wissen kann, die nicht vom Urteil anderer Menschen abhängt“.

Romantische Klänge des vielseitig begabten E.T.A. Hoffmann eröffnen den Salon im Hause Schleiermacher. Diese Musik fördert die innere Sammlung, lässt vielleicht das Göttliche ahnen. Mit dieser musikalischen Einstimmung überrascht der Theologe Friedrich Schleiermacher seine Gäste bei sich zu Hause, in der Taubenstraße, im Zentrum Berlins. Schleiermacher war an der Universität Unter den Linden von 1801 bis zu seinem Tod im Jahr 1834 Professor für evangelische Theologie. Er genießt auch als Philosoph, Pädagoge und Übersetzer hohes Ansehen. Bescheiden im Auftreten und klein von Gestalt, überzeugt er durch die Weite seines Denkens, zumal bei den gebildeten Bürgern; sie schätzen ihn als Prediger an der Dreifaltigkeitskirche. Schleiermacher blickt eine Weile freundlich in die Runde, dann sagt er:
„Es sind nicht fromme Pietisten oder gehorsame Kirchenvorstände, sondern normale Mitbürger, die meine Theologie mögen. Sie wissen: Ich plädiere für eine Religion ohne dogmatische Enge. Die Religion gehört zu unserem Leben, sie macht es tiefer und schöner“.
An seinem großen Tisch haben die Gäste inzwischen Platz genommen; es ist ein großer Kreis, solche Runden Schleiermacher sehr. Er ist ein geselliger Mensch, dem die Freundschaft alles bedeutet. Von den Gästen sind Miriam Rose und Karl Rahner aus München angereist. Sie sind Theologieprofessoren wie auch Werner Zager aus Worms und Martin Schuck aus Speyer. Wilhelm Gräb arbeitet als Theologie – Professor an der Humboldt Universität, er ist ein besonderer Freund Schleiermachers. Auch der Philosoph Peter Sloterdijk willkommen geheißen. Und dann weist Schleiermacher noch auf zwei Gäste, die sich bescheiden an in einer Ecke niedergelassen haben:
„Auch zwei Bischöfe sind unter uns: Der Lutheraner Karl Gustav Hammar aus Schweden und der Katholik Jacques Gaillot aus Frankreich“.
Schleiermacher bittet seinen Freund Wilhelm Gräb das Thema des heutigen Salons zu umschreiben:
„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.
Der Gastgeber nickt bedächtig, während er ein großes rundes Landbrot auf den Tisch legt. Butter, Käse und Schinken stehen schon bereit. Es hat sich in den Berliner Salons längst herumgesprochen: Kulinarische Überraschungen darf man im Hause Schleiermacher nicht erwarten. Schließlich muss der Gastgeber für eine große Familie sorgen … und sparsam ist er außerdem. Nebenbei sagt er:

„Mein Appetit ist recht gut, ich habe schon einen langen Tag hinter mir. Wie üblich bin ich um 5 Uhr früh aufgestanden, denn – kaum zu glauben – um 6 Uhr habe ich schon meine erste Vorlesung gehalten. Und vor Mitternacht komme ich ja nie ins Bett. Irgendwie hält mich die Religion immer wach und lebendig. Sie hat ja nichts mit der Erfüllung eines langen Katalogs von Pflichten und Geboten zu tun. Sie ist das Lebensgeheimnis, das ich das Unendliche nenne“.
Mit diesen Worten erinnert Schleiermacher an seine Kindheit und Jugendzeit. 1768 in Breslau geboren, wuchs er als Sohn eines Pfarrers in einem konservativ – frommen, pietistischen Milieu auf. Den Gott der Bibel, mal strafend und gütig, dann wieder lieb und zornig, verehrte man ohne Vorbehalte.
„Ich habe aber schon als junger Mann gesagt: Wir müssen denkend glauben; wir sollten verstehen, was alte religiöse Bilder heute bedeuten. Ich lehne aber den platten theologischen Rationalismus ab. Der macht aus Gott einen Gegenstand, man will Gott in nüchteren Begriffen einsperren. Wo bleiben denn da unsere Gefühle?“
Miriam Rose will diesen Gedanken gleich noch vertiefen:
„Das ist ein höchst modernes Konzept von Religion, nämlich Religion einzig und allein von dem Gefühl des einzelnen her zu verstehen. Er hat es genannt: Frömmigkeit ist das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit von Gott. Es war für ihn ein Innewerden des ganzen, ungeteilten Daseins. Also Gefühl ist mehr als eine Stimmung, es ist etwas, was einen ganz und gar bestimmt“.
Martin Schuck findet den typisch Schleiermacherschen Begriff der „schlechthinnigen Abhängigkeit“ des Menschen von Gott sprachlich missraten und deswegen gewöhnungsbedürftig… Aber wichtig sei der Gedanke trotzdem:
„Also das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine schlechthinnige Abhängigkeit. Er kann ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen“.
Schleiermacher liebt die Momente, wenn mitten im Gespräch Ruhe eintritt und das Denken sich sammeln kann. Besonders provozierende Einsichten kann er dann sanft und liebevoll formulieren:
„Wir Menschen brauchen Muße und Geduld, um uns mit einer zeitgemäßen Form von Frömmigkeit vertraut zu machen: Die alte abstrakte Theologie ist vorbei. Mit meinen eigenen Vorschlägen sprenge ich die alten dogmatischen Gewissheiten. Deswegen liebe ich ja die Musik, weil sie mich auf das Wesen der Religion verweist: Wie die Musik als Hintergrund unseren ganzen Alltag begleiten kann, so ist auch das religiöse Gefühl ständig in unserem Leben präsent.
Wenn wir unsere echten religiösen Gefühle spüren, also diesen Übergang vom Greifbaren und Weltlichen in den anderen, den transzendenten Bereich, wenn wir die Enge des Alltags überwinden, dann passiert das Entscheidende. Wir werden in das Unendliche hineingeführt. Ich spreche noch gar nicht vom Christentum, sondern von den vielfältig gelebten Religionen“.
Ein Gedanke, den Professor Peter Sloterdijk recht sympathisch findet. Er ist als Philosoph der religiöse Skeptiker in Schleiermachers theologischem Salon. Wenn die Transzendenz eher unbestimmt und offen bleibe, so meint er, dann hätten streng konfessionell geprägte
Fanatiker oder viele von religiösem Wahn Erfasste keine Chancen, ihr fix und fertiges Gottesbild anderen Menschen aufzudrängen. Das Plädoyer Schleiermachers für die offene Transzendenz und das unergründbare Geheimnis fördere also die Toleranz, meint Peter Sloterdijk:
„Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen, was wir noch nicht sind. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können. Das Feld der Transzendenz umfasst die Poesie, es umfasst die Kunst, es umfasst die Summe dessen, was die Wissenschaften noch nicht wissen, und worauf sie sich mit immer kunstvolleren Formen des Vermutens beziehen. Das heißt, unser Sinn für Transzendenz bleibt nicht unbeschäftigt, auch in Zeitläufen, in denen das religiöse Fieber wieder sinken sollte, was sehr zu hoffen ist. Denn aus diesen Überhitzungen des religiösen Bedürfnisses erwächst nach allen historischen Erfahrungen nichts Gutes“.
Die Gäste im Hause Schleiermacher greifen eher nebenbei mal schnell zu den belegten Schnitten und genießen den feinen Bordeaux. Ihnen ist längst klar geworden: Ihr Gastgeber ist vom Geist der Romantik geprägt. Aber darf man die Romantik pauschal als „abgehoben“, versponnen und irreal verdächtigen? Warum sollte denn ein Mensch mehr recht haben, für den nur das kalt rechnende Kalkül gilt oder die Begrenzung auf ein wissenschaftlich angeblich völlig durchschaute Natur? Romantiker wie Schleiermacher sind vielleicht sogar besonders mutige Theologen, wenn sie alle Religion, auch allen Glauben, im Bewusstsein des einzelnen begründen wollen, wenn sie sich gegen alles sture Einpauken von Glaubenstatsachen wehren. Schleiermacher wendet sich den beiden Bischöfen zu:
„Ich denke, das ist doch jetzt ein schöner Moment, wo die Herren Bischöfe, trotz Ihrer Bescheidenheit, doch einmal Ihre Perspektiven formulieren sollten“.
Zunächst will der Gast aus Schweden sprechen. Karl Gustav Hammar ist der Alt – Erzbischof von Uppsala, der sich gern „moderner, Theologe“ nennt: „Ich meine, unsere Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt; die Leute sind nicht mehr kirchlich gebunden. Aber sie sind doch spirituell. Die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein“.
Die ganze Zeit hat der katholische Bischof Jacques Gaillot aus Paris seinen protestantischen Kollegen mit großen Augen angeschaut. Immer wieder hat er zustimmend genickt. Schließlich praktiziert auch er diese Offenheit; zusammen mit einigen Freunden ein katholisches Glaubensbuch der besonderen Art herausgegeben. „Wir haben uns gesagt: Es ist wichtig, dass wir einen Katechismus gestalten, der nicht dem üblichen Schema von Fragen und Antworten folgt. Wir hingegen wollen helfen, Sinn vermitteln, Ratschläge zu geben, sagen, was wirklich wichtig ist. Eine kleine Gruppe von Frauen und Männern hat dieses Buch verfasst, als Einladung an die Leser, gemeinsam zu suchen und nachzudenken. Wir geben keine definitiven Antworten, wir wollen einen Blick auf die Zukunft öffnen. Darum gehen wir grundsätzlich von konkreten Erfahrungen von Männern und Frauen aus. Wir wollen diese Menschen begleiten und nicht beurteilen“.

Bischof Gaillot wurde wegen seiner theologisch wie politisch progressiven Ansichten vor fast 20 Jahren vom Papst als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt; den Titel Bischof durfte er behalten, seine offene Glaubenshaltung ließ er sich nicht nehmen.
Katechismen sollten das Fragen fördern, die Suche, die Leidenschaft fürs spirituelle Leben, bemerkt Schleiermacher voller Zustimmung. Dann wendet er sich dem anderen Katholiken in der Runde zu, dem Theologen und Jesuiten Karl Rahner. Trotz aller Ausgrenzungen durch die römische Glaubensbehörde betont er immer wieder: Die Basis aller christlichen Religion sei nicht das Dogma, sondern die Gotteserfahrung in jedem einzelnen: „Diese Gotteserfahrung ist nicht das Privileg einzelner Mystiker, sondern in jedem Menschen gegeben. So etwa, wenn der Mensch plötzlich einsam wird, wenn alles einzelne wie in eine schweigende Ferne hinein sich zurückzieht und darin auflöst. Wenn alles fraglich wird, wenn die Stille =dröhnt=, eindringlicher als der übliche Alltagslärm. So etwa, wenn man plötzlich unerbittlich seiner Freiheit überantwortet erfährt, die das ganze Leben umgreift. Man müsste so von der Freude, der Treue, der letzten Angst, der Sehnsucht, die alles einzelne überfordert sprechen, von der Erfahrung des Schönen, die lautere Verheißung dessen ist, was noch künftig ist“.
Die protestantischen Kollegen sind begeistert über so viel ökumenische Gemeinsamkeit. Aber die Frage bleibt: Wie können Christen bei aller Wertschätzung der individuellen religiösen Erfahrungen die vorgegebene traditionelle christliche Glaubenslehre verstehen? Miriam Rose hat einen Vorschlag: „Darauf kam es Schleiermacher an, dass Christen in den Dogmen, in den christlichen Lehren, auch in den biblischen Aussagen, ihr eigenes Gefühl formuliert finden, dass sie entdecken, das ist ja das, was ich fühle, das ist ja das, was mich in meinem religiösen Erleben ausmacht“.
Die kirchliche Lehre, auch die Bücher der Bibel, sind also nicht als heilige Schriften vom Himmel gefallen. Sie sind auch nicht vom lieben Gott diktiert worden. Sie sind vielmehr Ausdruck religiöser Erfahrungen früherer Generationen. Die biblischen Texte etwa des „Neuen Testaments“ finden besondere Wertschätzung, denn sie sind schon historisch gesehen eng verbunden mit der Person Jesu von Nazareth. Auch die großen christlichen Feste, wie zum Beispiel Weihnachten, müssen mit der Gefühlswelt der Menschen verbunden sein, ein Anliegen, dafür setzt sich Wilhelm Gräb ein: „Wir feiern an Weihnachten die Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele. Und das in Anlehnung an Angelus Silesius: Und wärest du tausendmal geboren, du Gotteskind, und nicht in mir, so blieb ich ewiglich verloren. Also diese Geburt des Heilandes, diese Geburt des Gottmenschlichen auf dem Grunde der eigenen Seele, das ist es, was wir an Weihnachen feiern. Wir feiern die Menschwerdung Gottes, die Menschlichkeit Gottes, dass wir als diese Menschenwesen, die wir in diese Welt hineingeworfen sind, nicht nur ein Zufallsprodukt der Natur und Geschichte sind, sondern dass wir uns uns gehalten und getragen wissen können auch in den Krisen des Lebens“.
Wilhelm Gräb weist auf ein kleines Buch Schleiermachers hin. „Die Weihnachtsfeier“ ist der Titel. Natürlich geht es darin nicht nur um lieb gewonnene Traditionen, wie Christbaum und Lametta oder um das Festessen und die Geschenke. Spirituelle Impulse sind genauso wichtig. Am Ende des Textes schreibt Schleiermacher: „Meine Freude heute zu Weihnachten kann ich wie ein Kind nur lächelnd und jauchzend ausdrücken: Alle Menschen sind mir heute wie Kinder und sie sind eben darum so lieb. Ihre Augen glänzen und leben. Und es ist eine Ahnung eines schönen und anmutigen Daseins in ihnen. Auch ich bin jetzt ein Kind geworden … zu meinem Glück“.
Friedrich Schleiermacher mag Weihnachtslieder genauso wie andere Choräle; etliche hat er früher selbst fürs Evangelische Gesangbuch verfasst. Er summt die Melodie zuerst noch mit, dann sagt er: „Die singende Frömmigkeit ist es, die am geradesten und
herrlichsten zum Himmel aufsteigt“.
Zum Weihnachtsfest erinnern sich viele Leute auch an die überlieferten religiösen Begriffe ihrer Kindheit: „der Retter wird gefeiert“, „der Heiland ist geboren“. Schleiermacher ermuntert seine Gäste, diese uralten Worte doch einmal neu zu übersetzen oder verständlich zu umschreiben. Mirjam Rose verweist auf Vorschlag ihres Gastgebers, den traditionsreichen Begriff des „Gott – Menschen Jesus Christus“ neu zu verstehen: „Das hat jetzt Schleiermacher versucht so umzuformulieren, dass es modernen Menschen verständlich wird. Er hat gesagt: Was Jesus Christus auszeichnet, ist, dass er beständig sich Gottes bewusst war. Das ist das Göttliche an ihm; dass in allen seinen Lebensvollzügen war ihm bewusst, dass er in Abhängigkeit von Gott steht. Die Frömmigkeit war nicht, was mal auftauchte und mal wieder verschwunden ist, sondern hat alle Lebensvollzüge begleitet und hat ihn ganz und gar bestimmt“.
Der Theologe Martin Schuck ist von diesem Gespräch unter Freunden ganz begeistert, er möchte an dieser Stelle unbedingt sagen, was denn die Christen im Salon Schleiermachers vereint: Es sei die großzügige, die tolerante und deswegen „liberale“ Theologie.“Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.
Aber diese liberale Theologie ist trotz des hoch verehrten Friedrich Schleiermacher längst keine Selbstverständlichkeit in den Kirchen. Wilhelm Gräb legt wert darauf, dass auch diese Probleme benannt werden: „Mir ist nach wie vor eine Denkungsart in der Kirche allzu verbreitet, wo man sich auf Wahrheitsbesitz beruft. Und behauptet, etwas zu haben, was den anderen zu geben sei. Man setzt nicht voraus, dass die Leute schon haben, worum es eigentlich geht, wenn sie in die Kirche kommen. Dass sie ihre Religion mitbringen, ihren Glauben oder auch ihre Zweifel, ihren Nichtglauben, und dass es im Grunde nur darum geht, darüber ins Gespräch zu kommen, was da ist und was die Leute mitbringen“.
Eine solche offene Haltung kann im Alltag manchmal Nerven kosten. Friedrich Schleiermacher war z.B. gar nicht so erbaut, als seine Frau längere Zeit esoterische Geheimlehren hochschätzte. Aber er hat es ihr nicht auszureden versucht, geschweige denn verboten, freundschaftliche Kontakte mit einem Hellseher und Anhänger des „Magnetismus“ zu pflegen. Er wollte zudem nicht als eifersüchtig sein, hatte doch mehrfach geschrieben: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“.
Wilhelm Gräb meint sogar, für einen liberalen Theologen ist Großzügigkeit eine Art Hauptgebot: „Schleiermacher war nicht der Meinung, dass man durch eine normativ auftretende kirchliche Verkündigung oder durch eine normativ auftretende theologische Lehre dagegen vorgehen sollte, sondern dass es Gelegenheiten zu schaffen gilt zu religiöser Kommunikation, zur Verständigung über das, was sie religiös bewegt und beschäftigt“.
Aber geht es denn den liberalen Theologen tatsächlich immer nur um die Innerlichkeit, um die spirituellen Erfahrungen? Wie wichtig sind ihnen denn politische und soziale Fragen? Schleiermacher hat sich für die Ideen der Demokratie stark gemacht und sogar die Französische Revolution verteidigt mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. In feierlichen Ton wendet sich Schleiermacher an seine Gäste: „Jetzt seufzen Millionen Menschen, Frauen und Männer, aus allen Ständen unter dem Druck mechanischer und unwürdiger Arbeiten. Das ist die Ursache, warum sie den freien und offenen Blick nicht gewinnen. Es gibt kein größeres Hindernis für die Religion als dieses, dass wir unsere eigenen Arbeits – Sklaven sein müssen. Denn ein Sklave ist jeder, der etwas verrichten muss, was nur durch mechanisches Tun geleistet werden kann“.
Gesellschaftskritische Töne, verbunden mit dem Eintreten für politische Reformen, das sind wesentliche Elemente einer modernen, einer „liberalen“ Theologie, meint Werner Zager: „Ich sehe also da keinen Hinderungsgrund, dass sie nicht gesellschaftspolitisch auch wirksam sein kann. Gerade wenn man sich orientiert an der Gestalt Jesu von Nazareth, jetzt nicht diesen Jesus meint kopieren zu müssen, aber die Impulse, die von ihm ausgehen, dann produktiv aufnimmt. Und so war es nicht zufällig eben der liberale Theologe Albert Schweitzer, der sich gewandt hat gegen die Atomversuche, und der auch einen Beitrag geleistet hat, dass es auch zum Moskauer Abkommen gekommen ist und wo er sich in Nachfolge mit Albert Einstein gesehen hat“.
Für die Salon – Teilnehmer ist es keine Frage: Auch liberale christliche Gemeinden, offen und undogmatisch im Sinne Schleiermachers, sollten sich für umfassenden Frieden und für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Das gelingt aber nur, wenn die Gemeinden im Geiste Schleiermachers Orte des unzensierten Gesprächs werden, betont Wilhelm Gräb: „Und so hat er sich deshalb auch Kirche vorgestellt, im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Keine Mission mit dem Hammer! Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs“.
Und diese offene Kirche darf sich nicht ängstlich von Menschen abgrenzen, die sich Nichtglaubende, Konfessionsfreie oder Atheisten nennen: „Wenn man auf der Linie Schleiermachers die Frage nach dem Atheismus angeht, dann stößt einem sofort ins Auge, dass für ihn die Rede vom Glauben als einem Glauben an Gott im Sinne einer objektiven, gegenständlich fassbaren metaphysischen Größe ein nicht nach vollziehbarer Gedanke war. Sondern er hat gesagt: Ich glaube, dass ich mich unbedingt gegründet wissen kann, unbedingt gehalten wissen kann. Und auf dieser Basis würde ich auch heute versuchen, mit denen ins Gespräch zu kommen, die sich Atheisten nennen. Also sie nicht davon zu überzeugen, dass es doch auch für sie besser wäre, an einen Gott zu glauben. Sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen, über das, was ihnen selbst wichtig ist im Leben. Vielleicht sogar unbedingt wichtig ist im Leben, woran sie ihr Herz hängen, was ihrem Leben ein Ziel gibt und sie darin bestärken“.
Schleiermacher will da unbedingt etwas ergänzen: „Sie haben vollkommen recht. Aber dieser Austausch mit Menschen, die sich Ungläubige oder Atheisten nennen, findet doch in den Gemeinden fast gar nicht statt. Sie werden immer mehr zu geschlossenen Zirkeln von Frommen, von Leuten, die meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben“.
Werner Zager hält dagegen: Immerhin gäbe es doch in seinem Umfeld Gespräche zwischen Christen und Naturwissenschaftlern, missionarische Absichten gäbe es da nicht, sondern Lernbereitschaft:
„Schöpfungsglaube zeichnet sich ja nicht dadurch aus, dass wir bestimmte Vorstellungen der biblischen Schöpfungsberichte eins zu eins jetzt für wahr halten, sondern es kommt eben darauf an, dass wir Schritt halten mit dem Erkenntnisfortschritt in der Naturwissenschaft. Die Vorstellungen wandeln sich im Laufe der Zeit und so müssen wir versuchen, auch die Vorstellungen vom Urknall mit dem Schöpfungsglauben in Verbindung zu bringen, d.h. dass hinter diesem ganzen evolutiven Geschehen doch eine göttliche Macht steht, wie auch immer das im einzelnen dann zu denken ist“.

Schleiermacher blickt seine Gäste an: „Es ist Zeit aufzubrechen. Abschied nehmen heißt ja immer, dass wir Vertrautes verlassen und neuen Zielen entgegen streben. Gilt das nicht auch für alle überlieferten Glaubensformen? Ist Glauben nicht wesentlich Bewegtsein, Lebendigsein? Darf ich Martin Schuck vielleicht um ein zusammenfassendes Schlusswort bitten?“ Der Theologe aus Speyer sagt: „Der Sinn und Geschmack für das Unendliche, das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Literaturhinweise:
Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 Euro.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19, 95 Euro.

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 s. 12,50 Euro.

Jacques Gaillot, Ein Katechismus, der Freiheit atmet. Edition K.Haller. Zürich 2004. 16 Euro.

Catechismus van de Compassie. (Katechismus der Mitgefühls, in Holland 2010 erschienen), Uitgerverij Skandalon, Vught, Holland. Für alle, die Niederländisch lesen können, ein inspirierendes Buch „liberaler“ Theologie.



Statt Identitäten: die Vielfalt

4. Januar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Statt Identitäten: die Vielfalt
Religionsphilosophische Perspektiven für 2011

Wichtig bleibt für uns als Projekt, den „Geist der Zeit“ bzw. „die Geister der Zeit“ (in ihrem Nebeneinander und Gegeneinander) wahrzunehmen und kritisch zu analysieren. Philosophie schwebt nicht in der Abstraktion, sie hat das Gegebene, auch in den Religionen, zu bedenken und zu kritisieren. Maßstab ist eine sich selbst kritisierende und damit „offene“ Vernunft.

Der schon vorher deutliche Trend bleibt: Die Verkapselung der Individuen und Gesellschaften, der Staaten und Religionen in ihre vermeintliche Identität.

Das zum Teil aggressive Bestehen auf einer fix und fertigen Identität äußert sich im Rechthaben, im Anspruch, „die“ Wahrheit gegenüber den anderen zu haben, Fremde und Fremdes als Gefährdung zu deuten, von Verlustängsten geplagt zu sein, nicht teilen zu wollen, nicht lernen zu wollen von anderen. Identität kann es geben, aber nur in einer offenen, dialogischen Situation.

Dieser Wahn, um jeden Preis eine angeblich „ewige“ oder „typische“ Identität zu wahren, ist naiv: Denn auch diese Identität ist entstanden, gewachsen, aus verschiedenen Einflüssen geformt worden…

Was die christlichen Kirchen angeht:
– Die Orthodoxie in ihrer Vielfalt zeigt sich heute in Osteuropa als staatstragend. Sie lässt sich als religiöse Ideologie für halbdemokratische Regime missbrauchen. Reformen kommen nicht in Frage; reale Trennung von Staat und Kirche ist tabu. „Die orthodoxe Frömmigkeitskultur trägt zudem kaum dazu bei, ein elementares soziales Vertrauen zu stärken. Zumindest in der Perspektive westlich geprägter Analytiker fördert die Orthodoxie ökonomischen Traditionalismus und quietistische Akzeptanz des Gegebenen“, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in „Die Wiederkehr der Götter, 2004, s. 195. Im Gebrauch längst vergangener Sprachen für die „göttliche Liturgie“ z.B. wird ohnehin kein Anspruch erhoben, Glauben und Vernunft zu versöhnen. Das Unverständliche gilt als „göttliches Mysterium“…

– In der katholischen Kirche ist aufseiten der Kirchenleitung die verbissene Lust an der römischen Identität seit Jahren bekannt und vielfach besprochen worden. Der Papst behauptet nach wie vor, nur der römische Katholizismus sei die wahre Kirche Jesu Christi, die anderen Kirchen „nur“ Gemeinschaften. Mit einer – trotzdem vom Papst beschworenen – Ökumene hat das eigentlich nichts mehr zu tun. Ökumene hat nun auf hoch offizieller Ebene den Charakter des diplomatisch Gebotenen und „Klugen“. Dadurch wird Ökumene eigentlich belanglos, manche sagen überflüssig, eine Art Zwangshandlung?

– Im weiten Feld der Evangelischen Kirchen müssen immer viele Nuancen bedacht werden. In den klassischen protestantischen Kirchen, den Lutheranern und Reformierten, aber auch im liberalen Flügel der Anglikaner, ist sicher viel Raum für einen echten Dialog lernbereiter Partner. Andererseits bemühen sich die Landeskirchen (etwa in Deutschland) darum, auf keinen Fall die Evangelikalen, die Ultra Konservativen, zu verlieren, sie sind gute Kirchensteuerzahler.
Die Pfingstkirchen bieten ein klares und eindeutiges „identisches“ Profil des Christlichen. Sie haben damit Erfolg, weil in einer Welt voller Unsicherheiten die krampfhafte Suche nach dem Ewigen und Festen verständlich ist, aber religionsphilosophisch problematisch bleibt.Kann ein fundamentalistisch wiederholtes Bekenntnis „Sicherheit“ bieten, gibt es Sicherheit ohne kritische Vernunft und kritisches Nachdenken?

Merkwürdig – und aus meiner persönlichen Sicht traurig – ist die Tatsache, dass die Kirchen, die alle Freiheit kritischen Denkens lassen und allen Raum bieten für die kreative Entwicklung der Theologie und Spiritualität, wie die freisinnigen Kirchen, etwa die Remonstranten, zahlenmäßig klein bleiben. Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der Remonstranten in Utrecht, nennt seine Kirche eine „Asylkirche“, also einen Ort, der Raum bietet zum freien Atmen und kritischen Denken. Aber die Menschen suchen lieber ihre fixen Identitäten, als eine Kirche, in der man sich verändern kann und lernen kann. www.remonstranten-berlin.de wird nach wie vor über freisinnigen Glauben heute und damals berichten. Unsere These ist: Philosophierende Menschen haben in freisinnigen Kirchen einen Platz der Versöhnung von Glauben und Vernunft. Unsere Prognose heißt: Solangs es noch kritisches Nachdenken gibt, wird es auch freisinnige Kirchen geben.

Auch in dem Zusammenhang ist ein Dialog über den Zusammenhang von Religion und Vernunft dringend geboten. Der religionsphilosophische Salon www.religionsphilosophischer-salon.de will sich als „Basisinitiative“ diesem Projekt weiterhin verpflichtet fühlen. Die Selbständigkeit des philosophischen Denkens steht dabei im Mittelpunkt.

In einem Interview sagte mir der evangelische Pfarrer Stefan Matthias (Berlin – Kreuzberg) zum Thema Identität und Lernbereitschaft:
„Ich bin kein Vertreter, der sagt: Wir brauchen eine feste Identität, dann wissen wir, wer wir sind. Sondern ich möchte lernen, wer ich bin, in der Begegnung mit der Welt, mit dem Leben im Augenblick, mit der Begegnung mit anderen Personen. Und ich möchte mir diese Flüssigkeit erhalten und ich denke diese Flüssigkeit macht unsere Identität aus. Und nicht das Jeweilige, woran uns wir uns mal gern für eine Weile festhalten, aber was uns letztlich dann einengt und blockiert“. Aus einem Beitrag zum Thema „Multireligiös gebunden“.