Monatsarchiv



Wenn die Institutionen überholt sind…Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

28. Februar 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Der andere Blick: Anfang März 2011
Alfons Vietmeier berichtet aus Mexiko – Stadt.
Wenn die Institutionen überholt sind: Über die Fähigkeit, die Gesellschaft kreativ von unten neu zu organisieren

I.
“Mexiko ist krank. Fast alle sind wir einverstanden mit dieser schmerzhaften Diagnose.” So beginnt eine Presseerklärung der mexikanischen Bischofskonferenz am Montag, 21. Februar 2011.
Versuchen wir zuerst blitzlichtartig einige Symptome dieser Erkrankung sichtbar zu machen.
Das öffentliche Gesundheitssystem ist krank. Über meine Frau bin ich mitversichert im ISSTE, dem Nationalinstitut für Angestellte im Öffentlichen Dienst (in Mexiko gibt es nicht das deutsche Beamtensystem.). In der für uns zuständigen Klinik unseres Ortsteils in Mexiko – Stadt bin ich dem 18. Sprechzimmer der Nachmittagsschicht zugeordnet. Ich beantrage bei der Ärztin für den jährlichen Check eine kostenlose Blut- und Urinanalyse. Für die erste Untersuchung gibt es 3 Tage später einen Termin. Als ich um 7 Uhr ankomme, reihe ich mich in eine riesige Schlange ein: Nach 1 ½ Stunden bin ich dran, der 233-igste (!) an diesem Morgen. Für die Urinanalyse bekomme ich leider einen Termin erst in 6 (!) Wochen. So gehe ich zu einem Privatlabor, bin sofort dran, bezahle 30 Euros und hole abends das Ergebnis ab.
In den Nachrichten an diesem Abend gibt es einen längeren Bericht über die Krise im öffentlichen Gesundheitssystem: den Klinikenapotheken mangelt es an Medikamenten, es fehlen Kliniken, neuere Apparate, es fehlen Ärzte, sie werden schlecht bezahlt. Deswegen haben viele Ärzte noch eine zusätzliche Privatpraxis oder einen weiteren Job…
Aber vor allem, das System ist völlig überschuldet und für eine grundlegende integrale Sanierung und Modernisierung reichen nicht die im Haushaltsplan vorgesehen Mittel. Denn der Krieg gegen die organisierte Gewalt (sprich Drogenkartelle) hat Priorität. Konsequenz: Die beiden grossen öffentlichen Gesundheitsinstitutionen (es gibt noch das IMSS für die Angestellten der Privatwirtschaft) erweisen sich als unfähig und die Kranken suchen die Privatversorgung, falls sie zahlen können. Oder sie bleiben krank und sterben schneller. Zugleichzeitig ist es sehr interessant: Die Rückbesinnung auf die traditionelle Naturheilkunde boomt! “Gesundheit in den Händen der Leute!” ist zu einer wichtigen Sozialbewegung geworden. In Mexiko – Stadt hat z.B. das zivile Netzwerk “Gesundheit und Natur” in den letzten 12 Jahren etwa 10.000 Personen ausgebildet, die wiederum Selbsthilfegruppen gründen und inspirieren: Viele Kräuter haben Heilkräfte und reinigen Nieren, regulieren den Blutdruck usw. Dann gibt es eine Vielfalt von Massagen, wichtig für eine integrale Gesundheit.
Fast alle Systeme haben ähnliche, wenn nicht gleiche Krankheitssymtome: Das Bildungssystem mit Schulen und Hochschulen (laut PISA Studie befindet sich Mexiko an 30. Stelle der teilnehmenden Länder; Deutschland an 8. Stelle), das Wirtschaftssystem und die miserable Arbeitsmarktlage (deswegen wollen und müssen Millionen in die USA emigrieren), das Rechtssystem (98 % aller krimineller Handlungen führen nicht zu Verurteilungen; zugleich sind die Gefängnisse überfüllt vor allen von Kleintätern, die erst dort lernen “wie man’s macht”, um grösser einzusteigen und nicht erwischt zu werden), das Parteiensystem (“Formaldemokratie von politischer Elitegruppen, die sich bereichern mittels der öffentlichen Parteienfinanzierung” (so heute in einer wichtigen Tageszeitung), die öffentliche Verwaltung (mit rudimentärer Professisonalisierung,, denn alle 3 Jahre wird ein neuer Bürgermeister gewählt, der dann fast das gesamte Personal auswechselt und die ihm Vertrauten anstellt). Und es darf auch nicht übersehen werden: Die kirchlichen Institutionen werden ebenfalls den Herausforderungen der Realität absolut nicht mehr gerecht! Es wird ganz überwiegend eine “K3” – Pastoral praktiziert, die sich auf Kult, deshalb Klerus und deshalb Kirchenräume reduziert und ganz wenig zum wirklichen Christsein im Alltag beiträgt. Dieses nehmen dann die Leute selbst in die Hand, z.B mittels volksreligiöser Formen. Oder es werden Antworten auf vitale Notwendigkeiten in anderen Religionsorganisationen gesucht, wie z.B. die Pfingstkirchen sie anbieten.
Kürzlich zitierte ich in einem Podiumsgespräch über Gewalt und ihre Ursachen Hamlet: “Es ist etwas faul im Staate…”. Darauf sagte ein Teilnehmer: “Etwas? – Fast alles ist in einem dramatischen Verfaulungsprozess!”

II.
Die Analyse dieses “Verfaulungsprozesses” zeigt komplexe Ursachen:
Da ist zum einen das Gewicht der mexikanische Geschichte. Fast alle erwähnten öffentlichen Institutionen wurden in der postrevolutionären Etappe (nach 1917) geschaffen, als versucht wurde, die Revolution zu institutionalisieren. So wuchs ein sehr eigenes mexikanisches politisches System. Dieses hat sich durch den Druck der Zeitumstände etwas modernisiert und formal etwas besser demokratisiert. Aber es ist inzwischen überfordert und sehr viele Institutionen sind völlig obsolet, sie sind überholt. Eine radikale Neuorientierung wäre dringend notwendig, so wie sie in Bolivien und Ecuador vor kurzem erreicht wurde. Das ist derzeit und in absehbarer Zeit politisch jedoch nicht durchsetzbar.
In diesem Kontext spielt u.a. eine Schlüsselrolle die Korruption. Sie war ursprünglich und ist weiterhin eine Überlebens- und Aufstiegsstrategie durch Beziehungspflege und Seilschaften. Bei nicht vorhandenen oder schwachen, ungerechten oder obsoleten Institutionen braucht jede Familie oder gesellschaftliche Gruppe geeignete soziale Mechanismen um durchzukommen und weiterzukommen. Das geschieht dadurch, dass Beziehungen geschaffen werden: “compadrazgos” d.h. Patenschaften. Konkret sind das Hochzeits- und Taufpaten, Paten bei Haus- und Betriebssegungen und bei Anlässen aller möglichen Art. Solche “neufamiliären Beziehungen” helfen, z.B. eine Bauerlaubnis oder einen Studienplatz oder eine Arbeitstelle (schneller) zu bekommen. Und dabei wird natürlich auch Gegenleistung eingefordet. Der kritische Punkt ist dann überschritten, wenn eine solche Gegenleistung darin besteht, Wählerstimmen zu verpflichten, bei “schmutzigen Geschäften” zu schweigen oder kräftig finanziell dabei zu “schmieren”. Das ist Alltag geworden! Vieles läuft nur, wenn immer mehr und immer größere Summen dabei im Spiel sind. Laut jüngstem Bericht (Oktober 2010) von “Transparency International” befindet sich Mexiko auf dem 98. Platz bei der Länderbewertung über Korruption: diese verbreitet sich wie ein Strahlenkrebs und ist in allen Institutionen immer mehr präsent .
Dann ist seit etwa 20 Jahren der “neoliberale Zeitgeist” als Hegemonie und Herrschaft durchgesetzt. Der “big brother” im Norden und sein “american way of life” ist allgegenwärtig mit der Botschaft: Alles “Öffentliche” ist überholt, bürokratisch, ohne Effizienz und vor allem korrupt! Die einzige Lösung ist die Privatisierung, soweit es eben geht”. Also, deswegen soll das öffentliche Gesundheitssystem vermodern: Wer gesund werden will, soll halt die privaten Angebote nutzen (und bezahlen)! Private Kindergärten, Schulen, Universitäten: Das ist “in”! Autobahnen und Schnellstrassen mit Mautgebühren. Privatisierung der öffentlichen Sicherheit (Privatpolizei, geschlossene Wohnviertel mit Wächtern, etc): das ist ein blühender Wirtschaftsektor.
Nun benötigt die Privatwirtschaft natürlich “wohlgesonnene” gesetzliche Rahmenbedingungen, Erlaubnisse, öffentliche Aufträge, Steuererleichterungen etc. Und hier sind wiederum “Beziehungspflege und Seilschaften” grundlegend. So hat sich über viele Jahre ein “Klüngel – System” eingespielt von Komplizenschaft zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten; sie sind die “faktischen Mächte”, die auf den drei Strukturebenen Stadt – Land – Bund herrschen, auch wenn es formaldemokratisch funktioniert. Aber wer bringt welche Abgeordnete in die jeweiligen Parlamente und Ministerien, sponsert Wahlkämpfe, unterstützt Präsenz in den Massenmedien (es gibt keine öffentlich – rechtlichen Radio- und Fernsehanstalten)?

III.
Er ist einfach nicht wahr, dieser Slogan: “öffentlich = schlecht” und “privat = gut”. Die Polarisierung in der Gesellschaft wächst erneut und immer dramatischer zwischen “die da oben” (die Wenigen, die die Systeme und deren Institutionen -öffentlich und privat- kontrolieren) und “die da unten” (inzwischen erneut ca. 60 % der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle). Und wo Armut dominiert, funktioniert sehr schlecht die Demokratie.
In der solidarisch orientierten Szene in Mexiko und Lateinamerika (von Basisgruppen über soziale und zivile Netzwerke, der sozial orientierte Sektor der Kirchen und anderer Institutionen, auch unterstützt von einer wachsenden Zahl nicht – neoliberalen Akademiker) wird eine Neubesinnung auf die Prinzipien “Gerechtigkeit für alle und Solidarität” als konstitutiv für jegliche Gesellschaft eingeklagt und begründet; und nicht nur abstrakt “an sich”, sondern als konkrete Orientierungsvorgaben für Gesetzesrahmen, Institutionen und die praktische Politik bezüglich “öffentlich – privat – gesellschaftlich”. Die ethische und zugleich rechtliche Basis finden wir in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO, insbesondere im 3. Teil, wo u.a. festgeschrieben ist: “Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit (Art. 22). Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit (Art. 23). Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände (Art. 25). Menschenrechte müssen stets in ihrer Gesamtheit verwirklicht sein. Eine Umsetzung von Freiheitsrechten ist nicht möglich, wenn nicht gleichzeitig das Recht z.B auf Nahrung und Arbeit verwirklicht ist.
Wie weit entfernt sind wir noch in Mexiko und weltweit von dieser praktizierten Gültigkeit dieser neuen Weltgerechtigkeitordung! Aber auch kritisch nachgefragt: Setzt sich die deutsche Bundesregierung für die Gültigkeit dieser Rechte weltweit ein? Ist die neue Entwicklungspolitik ihres dafür zuständigen Ministeriums an diesem Pakt wirklich orientiert?
Aber währenddessen muss unsere Gesellschaft überleben und das mit Kreativität und mit Hand und Fuss. Insofern wachsen und vernetzten sich von unten nach oben ungezählte Selbsthilfeprozesse wie Gesundheit…, Sicherheit im Stadtviertel…, ethisch orientierter Konsum…, Rückgewinnung von öffentlichen Plätzen…, Kulturvielfalt…, Christsein in Basisgemeinden… und Vieles mehr…: Das alles in den Händen der Leute!. Solidarische Gesellschaft wächst von unten nach oben!
Solcher Standortwechsel benötigt auch einen Bewußtseinswechsel und viel Fähigkeit zur “Unterscheidung der Geister”: Wie befreien wir uns vom internalisierten korrupten Klüngelsystem und vernetzten uns horizontal? Wie schaffen wir dabei eine solidarische demokratische Kultur?
Das ist alles noch sehr bescheiden; aber es wächst und verbreitet sich wie aus “vitaler Notwendigkeit”. In einem Workshop von kirchlichen Basisgemeinden erklärte das ein junger Mann, engagiert in einer ökologischen Bewegung: “Was verfault, kann entweder vergiften, aber es kann auch zu Dünger werden!” Über diesen Impuls haben wir dann weitergearbeitet: Es geht darum, eine Vielfalt von Begegnungsformen zu ermöglichen und zu begleiten, in denen konkrete Alltagssorgen und Hoffnungen miteinander geteilt werden und Lebensmut und Solidarität wächst. Das sind dann „Biotope von Glaube, Hoffnung und Liebe“, das sind Zellen und Gruppen in Kleingemeinden. Darin zeigt sich eine Praxis, die mehr evangeliumsgemäss ist. Und diese Basisgruppen sind zudem so etwas wie „Sauerteig“ inmitten der immer komplexeren Gesellschaft, die sicher schlimm erkrankt ist, aber sie kann sich zugleich auch durch eigene Heilungskräfte erneuern.

Copyright: Alfons Vietmeier
Email: alfons.vietmeier@gmail.com



Wenn Arbeit zum Götzen wird

27. Februar 2011 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche", Denkbar, Philosophische Bücher

Wenn Arbeit zum Götzen wird

Das „philosophische Wort zur Woche“ fällt diesmal etwas kürzer aus; es ist wieder ein provokativer Anstoß nicht nur zum Nachdenken, sondern zur „Lebensorientierung“, d.h. zur Veränderung bisheriger Praxis.
Der bekannte Philosoph Byung – Chul Han, Berlin –Basel, inzwischen in Karlsruhe, hat im Jahr 2009 ein äußerst lesenswertes Buch veröffentlicht mit dem Titel „Duft der Zeit“. Der Untertitel: Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens.
Das Buch ist eine anspruchsvolle philosophische Meditation über die Wiedergewinnung der Muße und der Kontemplation. Dass es ohne die üblichen schnell formulierten Tipps und Ratschläge auskommt, braucht eigentlich nicht eigens betont zu werden. Es geht um Philosophie.
In seinem Schlusskapitel schreibt Han über die vita contemplativa, das kontemplative, das besinnliche Leben. Es ist eine ganz und gar nicht veraltete Haltung, sie bietet Impulse, die so selbstverständliche Hochschätzung, wenn nicht Vergötterung von Arbeit, neu, d.h. kritisch zu sehen.

„Das Leben, das sich dem maschinellen Arbeitsprozess angleicht, kennt nur Pausen, die arbeitsfreie Zwischenzeit, in der man sich von der Arbeit erholt, um sich dem Arbeitsprozess wieder voll zur Verfügung zu stellen. So stellen auch =Entspannung= und =Abschalten= kein Gegengewicht zur Arbeit dar. Sie dienen der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit…
In Wirklichkeit ist die Arbeitsgesellschaft eine Gesellschaft, in der die Arbeit sich, abgelöst von der Lebensnotwendigkeit, zu einem Selbstzweck verselbständigt und absolut setzt. …Die Totalisierung der Arbeit verdrängt andere Lebensformen und – entwürfe. (S 92 f).
(Darum ist das nicht mehr Arbeiten können, das nicht mehr Arbeiten müssen, für so viele Menschen auch Ursache für eine tiefe Krise: diese Menschen sind sozusagen den Gott Arbeit losgeworden, müssen „gottlos“ leben;, werden aus der Gemeinde der Arbeitsgläubigen rausgeschleudert; dass dieser Gott auch Geld beschafft, ist natürlich eine Tatsache. Aber die kapitalistische Gesellschaft ist so gebaut, dass sie an eine der Menschenwürde entsprechende Verteilung des Geldes an die Nicht – Arbeitenden gar nicht denkt. Wer den Gott Arbeit losgeworden ist, soll sozusagen mit Hartz IV in einer Art Vorhölle schmoren, der Vorhölle, die die Gott (Arbeits – ) Gläubigen geschaffen haben, diese Zeilen sind ein ergänzender Kommentar von Christian Modehn)
Aber noch einmal zu Byung – Chul Han: Worauf kommt es dem Philosophen an? Auf das Innehalten, das Verweilen. „In der Konsumgesellschaft verlernt man das Verweilen. Die Konsumgegenstände werden so schnell wie möglich verbraucht und verzehrt, damit Platz für neue Produkte und Bedürfnisse geschaffen wird. Das kontemplative Verweilen setzt Dinge voraus, die dauern“. (ebd).

Das anregende Buch „Duft der Zeit“ ist im Transcript Verlag , Bielefeld, erschienen.



Jesus contra Christus? Zum neuen Buch von Philip Pullman

27. Februar 2011 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Jesus contra Christus?
Eine Kritik des neuen Buches von Philip Pullman, „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus“
Von Christian Modehn

Dieser Text ist eine ausführliche Fassung eines Beitrags für den NDR am 27.2.2011

Die Gestalt Jesu Christi fasziniert nach wie vor Künstler und Schriftsteller. Jetzt hat der Engländer Philip Pullman, bekannt auch als Autor von Theaterstücken und „Fanatsay – Erzählungen“, seinen Roman über den Mann aus Nazareth vorgelegt. Auf dem Rückdeckel des Buches, auf pech-schwarzem Papier und in knallig goldenen Buchstaben, fasst der Autor den Inhalt seines Werkes zusammen: „Dies ist keine frohe Botschaft“. Und auf der Titelseite, ebenfalls Gold auf Pechschwarz, ist zu lesen: „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus“.
Auf den ersten Blick wirkt das neue Buch von Philip Pullman wie eine phantastische Geschichte: Da hat Jesus einen Zwillingsbruder mit dem Namen Christus. Er, der Jüngere, theologisch interessiert, wird zum kompetenten Beobachter seines allseits beliebten Bruders. Denn Jesus profiliert sich als erfolgreicher Heiler und Wundertäter, er ist der Prediger eines Gottes, der reine Liebe und Güte zu allen Wesen ist. Jesus glaubt zu wissen, dass sich das Reich Gottes alsbald auf Erden ausbreiten werde.

Eines Tages wird Christus von einem mysteriösen Boten besucht. Dieser befremdlich wirkende Engel fordert ihn auf, sich an der Verhaftung und Kreuzigung seines Bruders zu beteiligen. Denn, so sagt der Bote, Jesus störe einfach das religiöse Establishment. Er verwirre die Menschen mit seinen radikalen ethischen Forderungen. Christus übernimmt also die Rolle des Verräters, die in den Evangelien dem Judas zugewiesen wird. So wird er zum „Schurken“.
Soweit mag der Roman skurril erscheinen, gelegentlich ist er auch etwas spannend angesichts der mysteriösen Engel – Besuche. Man könnte den 230 Seiten langen Text als unterhaltsame Lektüre aber schnell beiseite legen. Tatsächlich aber bietet Philip Pullman einen theologischen Traktat: Jesus wird hier nicht nur als der sympathische Menschenfreund vorgeführt: Er hat, so der Autor, im Unterschied zu seinem Bruder Christus keine Absichten, eine Kirche zu gründen. Pullman lässt Jesus sagen: “Was du, mein Bruder Christus, als Organisation beschreibst, klingt wie das Werk Satans“. Damit wird ein alter Topos aufgegriffen, der von der kritischen Bibelwissenschaft durchaus untergestützt wird: Jesus dachte nicht an eine weltweit agierende Kirche. Andererseits, so die Bibelwissenschaftler, habe der historische Jesus durchaus ein besonderes, ein ausgezeichnetes Selbstbewusstsein gehabt: Er erlebte sich in besonderer Verbindung mit Gott, sah sich als der „Heilsbringer der Endzeit“. Auf Grund dieser Tatsache wurde später die Lehre verbreitet, Jesus sei Mensch und Gott in einer Person.
Diese alte Tradition stellt Pullmann grundsätzlich in Frage. Jesus wird kurz vor seinem Tod ausführlich als radikaler Ankläger Gottes dargestellt: „Du bist im Schweigen, Gott, du sagst nichts…vielleicht bist du gar nicht da“, schleudert der verzweifelte Jesus seinem früheren Gott entgegen. Hier kann der Autor auch seine fundamentale Kirchenschelte loswerden, wenn er Jesus sagen lässt: „Wirst du, Gott, die Kirchenfürsten vom Thron stoßen und ihre Paläste zertrümmern?“ In dem Machtapparat, Kirche genannt, geschehe zwar gelegentlich caritativ Gutes, meint der Autor; aber von Jesu Kritik an Herrschern und Herrschaften sei nichts mehr zu spüren. Das religionskritische Feuer Philip Pullmans, Mitglied einer humanistisch – atheistischen Vereinigung in England, wird hier besonders greifbar.
Jesus, dieser an Gott verzweifelte Mensch, wird gekreuzigt und stirbt. Und danach? Der Autor greift auf das uralte, man möchte sagen abgegriffene literarische Motiv zurück, demzufolge die Leiche Jesu gestohlen wird und verschwindet. Aber der Glaube an die Auferstehung entwickelt sich trotzdem: Denn, so will es der Autor, zufällig hält sich am Ostermorgen der Zwillingsbruder Christus in der Nähe des Grabes Jesu auf: Und diesen Christus verwechseln die frommen Jünger mit ihrem gekreuzigten Meister. Sie können nun siegesgewiss jubeln: „Der Herr lebt“. Die Auferstehung Jesu – nichts als ein Betrug, ersehnt von den leichtgläubigen Frommen. Christus denkt nicht daran, die Verwechslung der Frommen zu korrigieren; auch deswegen ist er in der Sicht des Autors ein „Schurke“.
Um seine Geschichte halbwegs rund zu beenden, schickt Pullman seinen Christus an einen weit entfernten Küstenort; dort lebt er zurückgezogen, plötzlich verheiratet, mit seiner Frau Martha zusammen. Ob er eine „Himmelfahrt“ erlebt, wird nicht verraten.
Eine gewisse Bedeutung hat dieser in England gefeierte Besteller vielleicht, weil er das Interesse wecken könnte, die vier so unterschiedlichen Geschichten von Jesus, Evangelien genannt, in der Bibel wieder einmal zu lesen. Sie sind allemal vielschichtiger und spannender. Oder man beginnt, seine eigene, persönliche Jesus Geschichte zu schreiben. Schließlich hat jeder Mensch das gute Recht, eigene Bilder und Vorstellungen von dem Mann aus Nazareth zu entwickeln. Sie wecken die Lust zu fragen: Wer war der historische Jesus denn nun wirklich? Immerhin bietet die historisch – kritische Forschung da einige sichere Hinweise.
. . . . . . . . . . . . . . .

Philip Pullman, Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 2011. 240 Seiten,
18,95 Euro.



Humor – Leichtsinn der Schwermut

26. Februar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Im Religionsphilosophischen Salon am 25. 2. 2011 war Prof. Dr. Michael Bongardt (Philosoph und Theologe) bei uns. Aus dem weiten Umfeld des Themas HUMOR hatte Michael Bongardt ein Motto des bedeutenden Aphoristikers Elazar Benyoetz gewählt: Humor – Leichtsinn der Schwermut. Für den in Israel lebenden Denker ist Humor sozusagen die menschliche Grundhaltung überhaupt, die auch in den religiösen Bindungen, auch gegenüber Gott, Gültigkeit hat. Klar ist, dass Humor hier nicht in einem banalen Sinne eines irgendwie witzigen Verhaltens zu verstehen ist, sondern als Grundhaltung, sozusagen lächelnd dem begrenzten Dasein und damit der oft gegebenen Schwermut zu begegnen. Prof. Bongardt konfrontierte diese „Lebensform Humor“ mit dem klassischen Philosophen des Humors, mit Sören Kierkegaard.
Wir bieten hier einige Aussagen Kierkegaards und Benyoetz, wie sie Michel Bongardt den 25 TeilnehemerInnen zur Verfügung gestellt hatte. In dem Beitrag über Kierkegaard wird deutlich, wie Ironie und Humor eine Art dynamische Kraft sind, zu einer umfassenden Gestalt des Menschlich zu kommen.
Wir empfehlen zu dem das von Michael Bongardt herausgegebene Buch „Humor – Leichtsinn der Schwermut“, erschienen im Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer, Bochum 2010, 174 Seiten. Die Kiekegaard Texte haben Verweise auf die entsprechenden Publikationen.

Humor –
Leichtsinn
der Schwermut
(E. Benyoëtz, Finden macht das Suchen leichter, S.77)

Von Ernst und Heiterkeit der Glaubenden
Religionsphilosophisches Gespräch am 25. Februar 2011

I. Glaubensernst

II. Sören Kierkegaard: Der Humor als Weg zum Glauben

Ästhetische Existenz

„Wer aber sagt, er wolle das Leben genießen, der setzt stets eine Bedin-gung, welche entweder außerhalb des Individuums liegt oder auf eine Art im Individuum ist, daß sie nicht in dessen eigener Macht steht.“
(Entweder/Oder II, S. 191)
Grenzbereich Ironie

„Ebenso wie die Philosophie mit dem Zweifel, ebenso beginnt ein Leben, das menschenwürdig genannt werden kann, mit der Ironie.“
(Der Begriff Ironie, S. 4)

Ethische Existenz

„Indes, was denn dies, mein Selbst? Wollte ich von einem ersten Augen-blick, einem ersten Ausdruck dafür sprechen, so ist meine Antwort: es ist das Abstrakteste von allem, welches doch in sich zugleich das Konkre-teste von allem ist – es ist die Freiheit.“
(Entweder/Oder II, S. 229)
Grenzbereich Humor

Der Humor ist „die Einheit des Komischen und des Tragischen.“
(Unwissenschaftliche Nachschrift I, S. 287).
„Der Humor schließt die Immanenz innerhalb der Immanenz ab und liegt noch wesentlich im Sich-Zurücknehmen durch die Erinnerung aus der Existenz in das Ewige hinein.“
(ebd.)

Religiöse Existenz

„Humor ist nicht der Glaube, sondern liegt vor dem Glauben; er kommt weder nach dem Glauben noch ist er eine Entfaltung des Glaubens.“
(ebd.)
„Der Humorist […] begreift die Bedeutung des Leidens in Beziehung auf das Existieren, aber er begreift nicht die Bedeutung des Leidens.“
(Unwissenschaftliche Nachschrift II, S. 155))

III. Elazar Benyoëtz: Der Humor der Glaubenden

In Zweifel gezogen, dehnt sich der Glaube aus
(Variationen über ein verlorenes Thema, S. 46)

Eine Theodizee kann nur der Witz erfinden
oder ergründen,
weil nur der Witz sich Humorlosigkeit leisten kann
(Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, S. 82)

Ohne Humor läßt sich weder glauben noch zweifeln
(Variationen über ein verlorenes Thema, S. 47)

Quellenangaben: Sören Kierkegaard, Gesammelte Werke, hgg. v. H. Gerdes und E. Hirsch, Köln 1950-1969, Nachdruck Gütersloh 1979ff. Hier zitierte Bände: Entweder/Oder, GW 1+2; Unwissenschaftliche Nachschrift zu den philosophischen Bro-cken, GW 16; Über den Begriff der Ironie in ständiger Rücksicht auf Sokrates, GW 31.
Elazar Benyoëtz, zahlreiche Werke in verschiedenen Werken. Hier zitiert: Variationen über ein verlorenes Thema, Wien 1997; Finden macht das Suchen leichter, München/Wien 2004; Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, München 2007.

Prof. Dr. Michael Bongardt, Freie Universität Berlin, mbongard@zedat.fu-berlin.de



Geistliche Gemeinschaften: Wie geistlich sind sie wirklich?

24. Februar 2011 | Von | Kategorie: Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Der folgende Text ist die noch ungekürzte Fassung einer Radiosendung des Deutschlandfunks. Wir bieten das Manuskript (in der für Hörfunkproduktionen üblichen Form) zum privaten Gebrauch. Das Thema berührt auch religionsphilosophisch Interessierte wegen der Beziehungen zu aktuellen Themen der Religionskritik. C.M. Siehe auch den Kommentar am Ende des Beitrags.

DEUTSCHLANDFUNK – Köln
Redaktion Religion und Gesellschaft
Tel.: 0221 / 345 1580
Redaktion: Hartmut Kriege
STUDIOZEIT
Aus Religion und Gesellschaft
Die hochgelobten „Geistlichen Gemeinschaften“ werden mehr und mehr zur Belastung der Katholischen Kirche
Von Christian Modehn

Sendung : 23. Februar 2011
Uhrzeit : 20.10 – 20.30 Uhr Continue reading “Geistliche Gemeinschaften: Wie geistlich sind sie wirklich?” »



23.2. Radiosendung im Deutschlandfunk

16. Februar 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

um 20.10



Freiheit muss man sich nehmen. Das philosophische Wort zur Woche.

14. Februar 2011 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche"

Freiheit muss sich der Mensch nehmen
Das “Philosophische Wort zur Woche“
Von Christian Modehn

Das „philosophische Wort zur Woche“ fällt diesmal etwas kürzer aus. Wir schlagen heute dringend die (nicht immer leichte) Lektüre des „ewig“ aktuellen Kant vor, und zwar seines Buches „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (von 1793). Wir beziehen uns auf die Ausgabe von Felix Meiner, Hamburg, 2003. Diese Aufsätze enthalten zahlreiche aktuelle Anregungen, etwa den ausführlichen Hinweis:
Die Religion hat ihren Ursprung in der Ethik und nicht umgekehrt. Religionsführer irren, wenn sie aus ihrer Religion eine allgemeine Ethik herleiten! Weiter: Dogmen und Liturgien haben nur Sinn, wenn sie ethisches Handeln fördern; Beten hat als Poesie einen gewissen Sinn usw…

Auf Seite 254 in dem genannten Buch schreibt Kant über die Abwehr vieler autoritärer Regime, Freiheit zuzulassen, nach dem alt bekannten Motto: Die Leute seien noch nicht reif die Freiheit usw… Kant hatte wohl die Abwehr der Französischen Revolution in Deutschland im Blick. Auch heute gibt es zahllose Beispiele in autoritären politischen und religiösen Systemen, die ihren Machtanspruch mit Fürsorglichkeit kaschieren und so sehr „mütterlich“ Freiheit und Menschenrechte unterdrücken.

Kant schreibt:
„Nach einer solchen Voraussetzung aber wird die Freiheit nie eintreten. Denn man kann zu dieser Freiheit nicht reifen, wenn man nicht zuvor in Freiheit gesetzt worden ist. Man muss frei sein, um sich seiner Kräfte in der Freiheit zweckmäßig bedienen zu können. Die ersten Versuche (der Freiheit) werden freilich roh, gemeiniglich auch mit einem beschwerlicheren und gefährlicheren Zustande verbunden sein, als man noch unter den Befehlen, aber auch unter der Vorsorge anderer stand. Allein: Man reift für die VERNUNFT nie anders, als durch eigene Versuche (der Freiheit), welche Versuche man machen zu dürfen eben frei sein muss! …Es zum Grundsatz zu machen, dass den Menschen, die den Herrschern einmal unterworfen wurden, überhaupt die Freiheit nicht tauge, und man als Herrscher berechtigt sei, diese Menschen jederzeit von der Freiheit zu entfernen, ist ein Eingriff in die Regalien, also die Hoheitsrechte, der Gottheit selbst, die den Menschen ZUR FREIHEIT SCHUF“.



Anpassung statt Résistance. Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.

13. Februar 2011 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Religionskritik

Anpassung statt Résistance
Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.
Anlässlich des Kinofilms „Die Kinder von Paris“
Von Christian Modehn

Diesem Beitrag liegt ein Kommentar für den NDR vom 13. 2. 2011 zugrunde. Einige FreundInnen wünschten etwas ausführlichere Informationen, deswegen dieser (immer noch knappe) Text zu einem weithin unbekannten Thema….

Seit dem 10.Februar läuft in den Kinos ein bewegender, ja durchaus: ein „anrührender“ Film. Er erzählt die Geschichte jüdischer Familien, die am 16. Juli 1942, während der Nazibesetzung, in Paris verhaftet wurden. In einer Art Zwischenlager, der Halle der Radrennbahn, trieb die französische Polizei 13.000 Juden, darunter 4.000 Kinder, zusammen, bevor sie in die KZs im Osten transportiert werden.
Den Film „La Rafle“, die Razzia, haben in Frankreich bis jetzt 3 Millionen Menschen gesehen, ein riesiger Erfolg! In Deutschland wird er unter dem Titel „Die Kinder von Paris“ gezeigt.

„Ich will mit meinem Film Mitleid und Mitgefühl wecken“, betont die Regisseurin Rose Bosch, durch Emotionen könnten vor allem jüngere Menschen dazu bewegt werden, sich mit dem Grauen der Judenvernichtung gründlicher als bisher auseinanderzusetzen. Denn ganz selbstverständlich sonnen sich die meisten Franzosen noch immer in dem Glauben, ihre „Grande Nation“ habe im ganzen tapfer Widerstand geleistet gegen die Nazis und ihre Kollaborateure. Die Realität ist anders. Erst 1995 fand sich der französische Staatspräsident Jacques Chirac bereit, die von den meisten Franzosen still geduldete und akzeptierte Judenverfolgung öffentlich als die “große Schande unseres Landes“ zu nennen. Der „glorreiche General de Gaulle“ wurde also in seinem Londoner Exil nicht von einer großen Volksbewegung unterstützt, die meisten Franzosen waren Mitläufer, und oft auch Mittäter.
Es ist also höchste Zeit, die viel beschworene „Résistance“, den Widerstand gegen das nazifreundliche Regime des General Pétain realistisch wahrzunehmen; auch dazu fordert der Film auf: Da kümmert sich etwa die historisch verbürgte Gestalt der Krankenschwester Annette Monod um die drangsalierten Juden in der Radrennbahn. Ausdrücklich wird sie in dem Film als Protestantin vorgestellt; ein Hinweis, dass sich die kleine Kirche der Calvinisten viel deutlicher als die Katholische Kirche den Nazis und ihren Kollaborateuren widersetzte. General de Gaulle lobte schon im Juni 1945 die Protestanten, sie hätten „die klare Vision für die Interessen der Nation bewahrt und Widerstand geleistet“.
In der katholischen Kirche gab es auch einige Mitglieder der Résistance, wie den späteren, weltberühmten Sozialpriester „Abbé Pierre“ oder den Jesuiten Pierre Chaillet, der mitten in der Résistance die (immer noch bestehende) Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ gündete.
Aber es ist doch bezeichnend, dass sich die Bischöfe Nordfrankreichs eine Woche nach der Verhaftung der Juden in Paris ausdrücklich weigerten, gegen die Deportationen zu protestieren. So wollten sich die Oberhirten das Regime bei Laune halten, hatte sich doch Staatschef Pétain als Förderer der katholischen Schulen gezeigt; Kreuze hingen wieder in öffentlichen Gebäude: Welch ein Erfilg! Hatte Pétain doch versprochen, den antiklerikalen, den so genannten freimaurerischen und sozialistischen Ungeist der Republik zu vertreiben. Pétain mit seiner Nazi – freundlichen Regierung in Vichy wurde katholischerseits ganz offiziell als Geschenk der Vorsehung gepriesen, „Pétain arbeitet an der Auferstehung Frankreichs“, betonte etwa der Erzbischof von Aix en Provence. Die Katholiken hatten endlich ihre eigene, ihre klerikal gefärbte Revolution, nach der Abgrund tiefen Ablehnung der „großen Revolution von 1789“ war Pétain und co. ein Lichtblick. Der Publizist Jacques Duquesne nennt in seiner Studie „Les catholiques francais sous l occupation“ zahllose ähnliche Beispiele: In der Wallfahrtskirche von Annonay wurde gar ein Bild Pétains aufgestellt; in einer katholischen Schule im Département Lot begann der Unterricht mit einem Gebet: „Unter den Augen Gottes unseres Vaters, gehorsam den Weisungen des Marschalls Pétain gehen wir Kinder Frankreichs an die Arbeit – für die Familie, das Vterland“. Der katholische Dichter Paul Claudel schrieb gar eine Ode an den Marschall, darin heißt es u.a. „Frankreich, höre diesen alten Mann, der sich mit dir befasst und der zu dir spricht wie ein Vater…“ Kardinal Baudrillart, Chef der Katholischen Universität on Paris, lobte gar die Kollaboration mit den Nazis, weil nur so der Kommunismus besiegt werden könnte. Und Monsignore Moncelle scheute sich nicht, Marschall Petain und sein Regime, in den Worten des Johannes Evangeliums „als Weg, Wahrheit und Leben“ zu rühmen.
Das autoritäre und antisemitische Regime wurde allgemein mit einem Glorienschein ausgestattet. So ist es kein Wunder, dass nach der Befreiung durch de Gaulle lange Listen unerwünschter (weil kollaborierender) Bischöfe verbreitet wurden, auch der Name des Pariser Kardinals Emmanuel Suhard stand darauf. Aber weil sich der Papst einschaltete, wurden letztlich nur neun von 20 Bischöfen ihrer Ämter enthoben. Eine wirkliche „Reinigung“ der katholischen Kirche vom antisemitischen und antirepublikanischen Ungeist hat nicht stattgefunden. Es gab nur zwei Bischöfe, die mit der Résistance zusammenarbeiteten: Erzbischof Saliège von Toulouse und Bischof Théas von Montauban, er war einer der Mitbegründer der katholischen Friedensbewegung Pax Christi.
Einige tausend französische Juden haben ihr Leben retten können; couragierte Nachbarn fanden sich bereit, sie zu verstecken. Aber dieser Widerstand der kleinen Leute, vielleicht auch der Katholiken an der Basis, widersprach der offiziellen bischöflichen Linie. Die globale Sympathie der katholischen Kirchenführung für Pétain und seine Nazi-Freunde ist um so erstaunlicher, als der viel geliebte Marschall alles andere als ein – in offizieller Sicht – vorbildlicher Katholik gelten konnte. Er war mit der von den Päpsten verbotenen „Action Francaise“ verbunden und mit deren Chefideologen Charles Maurras. Die Spezialisten für diese Fragen, die Historiker F. und R. Bédarrida, schreiben: „Die Hierarchie ging das Wagnis ein, als eines der wichtigsten Elemente im Vichy – Regime zu erscheinen. Die Katholiken sollten dem Programm der „Nationalen Revolution“ zustimmen. In der Praxis lief diese Haltung auf eine gleichsam unbedingte Unterwerfung der Kirche unter die Macht Pétains hinaus“.

Bis heute sind in dem weiten Sympathisantenumfeld der so genannten Piusbrüder die Freunde Pétains und seiner Nazi – Kollaborateure zu finden. Diese Kreise sollen, so will es ausdrücklich Papst Benedikt XVI. mit der römischen Kirche wieder voll versöhnt und integriert werden. Einen der deutlichsten Sympathisanten dieser Kreise, den einstigen Pius Bruder Abbé Laguerie, hat Benedikt XVI. wieder in die offizielle römische Kirche aufgenommen und ihn einen eigenen Orden, die Brüder vom Guten Hirten ( L institut du Bon Pasteur) in Bordeaux gründen lassen. Der Papst ist glücklich: Diese „guten Hirten“ stellen jetzt viele junge Priester, das ist ja für den Papst bekanntlich am aller wichtigsten…(Hübsche Bilder dieser Herren findet man im Internet).

Zahlreiche Informationen zu diesem Text beziehen sich auf mein Buch „Religion in Frankreich“, Gütersloher Verlagshaus, 1993. Das Buch kann noch antiquarisch bezogen werden.



Loyale Opposition in der Katholischen Kirche – ein Widerspruch

9. Februar 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Ein Wort vorweg:
Manchmal kommt das Philosophieren, das besinnliche Denken, wie Heidegger richtig sagt, nicht zur gebotenen Ruhe, weil im Rahmen der Religionskritik ständig Stellungnahmen erforderlich sind.
Ende 2010 hatte ich in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM einen Beitrag geschrieben zu der Frage: Hat die sogenannte „loyale Opposition“ innerhalb der römischen Kirche einen gewissen Sinn. Meine in der damals vorgeschriebenen Kürze gegebene Antwort heißt: Nein.
Weil mich viele FreundInnen aus entfernteren Regionen darum baten, diesen Text (nach)lesen zu können, biete ich ihn hier gern zur Lektüre an, zumal durch die Erklärung der mehr als 140 TheologInnen in Deutschland von Anfang Februar 2011 wieder der Eindruck entsteht und die Hoffnung geweckt wird, verbale loyale Opposition, hätte noch einen gewissen Sinn. Von daher ist der folgende Text aus PUBLIK FORUM nach wie vor aktuell. copyright: christian modehn.

Loyale Opposition in der römischen Kirche – eine Illusion
Von Christian Modehn

Keiner kann es leugnen: Grundlegende Veränderungen in Lehre und Struktur der römischen Kirche wurden von Reformkatholiken nicht bewirkt. Es wird Zeit, sich damit abzufinden: Das römische System versteht sich als gottgewollt und unveränderlich. Die Herren der Kirche lassen sich von niemandem außerhalb der Hierarchie in ihr Regieren hineinreden. Das heißt: Jegliche Hoffnung auf synodale Strukturen ist illusorisch.

Die Selbstdefinition der Reformkatholiken als einer »loyalen Opposition« ist ein Missverständnis: Opposition ist wesentliches Element der Demokratie; oppositionelle Parteien haben grundsätzlich die Möglichkeit, nach den Wahlen die Regierung zu übernehmen. Selbst außerparlamentarische Gruppen haben einmal die Chance, die Demokratie mitzubestimmen.

Die Machthabenden der römischen Kirche dagegen definieren ihre Kirche nicht als Demokratie, sondern als eigenständige Organisation – zum Beispiel als »mystischen Leib Christi«. Der katholische Theologe Hans Küng nennt die Kirche treffend »das einzige bestehende absolutistische System der westlichen Welt«. »Loyal Oppositionelle« haben keine Chance, ihre Anliegen demokratisch mit der Hierarchie zu diskutieren, geschweige denn umzusetzen.

Das römische System freut sich vielleicht manchmal über diese Kreise, denn sie vermitteln den Eindruck, als gäbe es ein bisschen Progressives im Katholizismus. Im Alltag der Kirche wird hingegen weltweit hart durchregiert. Ohne Mitentscheidung der Betroffenen werden Pastoral- und Finanzkonzepte durchgesetzt, reaktionäre Bischöfe lösen seit Jahrzehnten halbwegs aufgeschlossene Bischöfe ab. Reformkatholiken können dagegen mit Appellen nichts ausrichten. Nach der Freilegung zahlreicher pädophiler Verbrechen durch Priester haben diejenigen, die das Thema in die Öffentlichkeit brachten, keine Chance, an der Reform des Kirchenrechts beteiligt zu werden oder dafür zu sorgen, dass die offizielle Sexuallehre human wird.

Die »loyal Oppositionellen« begehen den Fehler, das Zweite Vatikanische Konzil als Reformkonzil zu idealisieren. Tatsächlich war es aufgrund vieler doppeldeutiger Beschlüsse gerade kein grundlegendes Reformkonzil im Sinne von Reformation. Die Zölibatsgesetzgebung besteht weiter, das ökumenische Abendmahl ist keinen Schritt vorangekommen, synodale Strukturen gibt es nur auf Bischofssynoden, bei denen der Papst das letzte Wort hat. Progressive Konzilstheologen, »loyal Oppositionelle« der Frühzeit, sind auf halbem Wege gescheitert. Die Anerkennung der Religionsfreiheit hat die kirchenkritische Öffentlichkeit erzwungen, kein »loyal Oppositioneller«. Eine Rückbesinnung auf dieses Konzil kann deshalb nicht die dringende Reformation der römischen Kirche herbeiführen.

Der Begriff »loyal« bedeutet so viel wie »die Autoritäten respektierend«. Loyal oppositionelle Katholiken wollen also doch »treu« zur verfassten Hierarchie sein. Sie sind getrieben von der »Liebe zur Mutter Kirche«. Dabei sollte ein Christ nur Gott lieben und den Nächsten und sich selbst. Die »Liebe zur Mutter Kirche« wird dagegen von der Hierarchie nahegelegt, um die permanente Hartherzigkeit des kirchlichen Apparates zu verschleiern.

Zwei Möglichkeiten bleiben: Zum einen die nüchterne Anerkennung, dass die römisch-katholische Kirche eine konservative Großorganisation ist und bleiben wird, heute mit einem Mix aus Opus Dei und Pater Pio, Fatima und dem Neokatechumenat. Zum anderen die kritische Beobachtung dieser in sich verkapselten Großorganisation, die man getrost den demokratischen Medien überlassen kann. Reformkatholiken könnten angesichts des absolutistischen Systems Kirche besser als Dissidenten leben. Das würde nicht nur die Finanzsituation der Kirche ändern.

Es wäre über die Gründung freier ökumenischer Gemeinden nachzudenken (die es in Holland und der Schweiz seit Jahren gibt), auch über die befreiende Kraft der Konversion in protestantische und freisinnige Kirchen. Braucht denn die Verbindung mit Gott immer einen kirchlichen Rahmen? Reformkatholiken sollten Befreiungstheologie leben – zum Beispiel beim Aufbau neuer spiritueller Orte.



Benedikt XVI. ist politisch “rechtslastig” – Religionskritische Perspektiven zu Joseph Ratzinger

9. Februar 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Vorwort:
Von verschiedenen FreundInnen des „Religionsphilosophischen Salons“ aus dem fernen Ausland wurden wir gebeten, einen ziemlich grundlegenden Beitrag von mir über die politische Rechtslastigkeit von Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. auch im Internet zugänglich zu machen. Der Beitrag ist 2009 in einem Buch des Verlages PUBLIK FORUM erschienen, unter dem Titel: „Rolle rückwärts mit Benedikt“, hg. von Thomas Seiterich und Norbert Sommer. Das Buch mit Beiträgen verschiedener Autoren ist sehr empfehlenswert, auch anläßlich der bevorstehenden Deutschland Reise des Papstes im September 2011. Mein Beitrag wurde bereits viel zitiert usw., es wäre nett, wenn dies immer mit einer Quellenangabe geschieht. Ansonsten gilt für den Text: : copyright: christian modehn.
Dieser Beitrag gehört ins Zentrum einer aktuellen Form von Religionskritik.

Die rechte Hand Gottes
Politisch – theologische Optionen Joseph Ratzingers
Von Christian Modehn, verfasst am 22. 3. 2009

1. Regensburg
„Joseph Ratzingers Bruder ist der Chef der Regensburger Domspatzen. Aber das könnte eigentlich kein Grund sein, von Tübingen weg zu gehen“, bemerkte der katholische Theologe Karl Rahner in der ihm eigenen Ironie (1). Tatsächlich war es nicht die Liebe zur Musik, die Professor Ratzinger dazu führte, schon nach drei Jahren, 1969, seinen Dogmatik Lehrstuhl an der Universität Tübingen aufzugeben. Es war eher die Frustration darüber, dass z. B. sein Kollege Hans Küng sehr wohl mit den rebellierenden Studenten 1968 diskutieren konnte. Dem eher schüchternen Ratzinger aber war das „rebellische Aufbegehren“ zuwider. (2) Der Wechsel nach Regensburg wurde für die weitere Zukunft zur entscheidenden Neuorientierung. Karl Rahner betont: „Ratzinger hat eingestandenermaßen eine Wendung gemacht, als er von Tübingen nach Regensburg ging“. (3) An die theologische Fakultät in Regensburg wurde er nur deswegen berufen, weil ein ursprünglich für Judaistik bestimmter Lehrstuhl dort nicht besetzt werden konnte und der freie Platz nun in katholische Dogmatik umgewidmet wurde! Den Start in Regensburg empfand er als glücklich, wie er gesteht: „So war bald wieder das rechte universitäre Fluidum gegeben, das mir für meine Arbeit so wichtig war“ (4). Sein Dogmatik – Kollege war nun der konservative Johann Auer, ein Verteidiger mittelalterlicher Theologie und Liebhaber eines von der Tradition her geprägten römischen Lehrsystems. Hans Küng bezeichnete den Umgang des Dogmatikers Auer mit der Bibel eine „neuscholastische Steinbruchexegese“ (5) Aber Ratzinger war mit Auer „in inniger Freundschaft verbunden“. (6), vor allem weil beide die Kirchenväter vom 1. bis 5. Jahrhundert über alles schätzten. Ratzinger beteiligte sich sogar an Auers Lehrbuch (!) „Kleine Katholische Dogmatik“. Mit dem Umzug nach Regensburg begann für Ratzinger die intensive Mitarbeit an der „Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio“ , an deren Gründung er im Herbst 1969 beteiligt war. (7) „Communio“ erschien 1972 als Gegenprogramm zur internationalen progressiven Zeitschrift CONCILIUM, die an einer Fortschreibung des II. Vatikanischen Reformkonzils arbeitet, zahlreiche renommierte Konzilstheologen wie Rahner, Küng, Schillebeeckx gehören zu den Gründern. Bei „Communio“ sammelten sich von Anfang konservative Denker, etwa der erklärte Rahner-Gegner und konservative Ex- Jesuit Hans Urs von Balthasar, der CSU Kultusminister Hans Maier oder der CDU Publizist Otto B. Roegele. Er war Herausgeber des bischöflichen, „linientreuen“ Rheinischen Merkurs. Auch Karl Lehmann gehört von Anfang zum COMMUNIO Kreis! War er und ist er das etwas liberale „Alibi“ dieser Zeitschrift? Wichtig ist: Von Anfang an gehörte zum engen COMMUNIO Kreis auch Jorge Medina Estevez, ein Theologe aus Santiago de Chile. 1987 wurde er Bischof von Rancagua, später von Valparaiso. Dort war er als ein enger Freund des Diktators Pinochet bekannt, den er bis zu dessen Tod öffentlich verteidigte! Als Kardinal kümmerte sich Medina in Rom später sehr wohlwollend um die Versöhnung mit den Pius Brüdern. Und ihm kam die schöne Aufgabe zu, am 19. 4. 2005 sozusagen „urbi et orbi“ mitzuteilen, dass „Josephus Ratzinger“, sein bewährter „Communio – Freund“, zum Papst gewählt wurde.
So wirken Regensburger Verbindungen bis zur Papstwahl und zur Versöhnung mit den Piusbrüdern weiter. Wichtig ist, dass schon von Regensburg aus Joseph Ratzinger über Jorge Medina Kontakte vor allem zu Jesuitenpater Roger Vekemans in Chile bekam: Er schrieb schon 1973 gegen die Befreiungstheologie in „Communio“. Vekemans, auch er ein erklärter Feind von Staatspräsident Allende und allen Linken, gehörte auch seit 1976 mit dem Adveniat Chef und Opus Dei Freund Bischof Franz Hengsbach zu dem Studienkreis Kirche und Befreiung, der gegen diese lateinamerikanische Theologie der Armen polemisierte. Die Wurzeln von Ratzingers Feindschaft gegen die Befreiungstheologie liegen in Regensburg! Der damalige, für Ratzinger „zuständige“ Regensburger Bischof Rudolf Graber war ein unumstrittener Marienverehrer (Sein Motto: „Durch Maria zu Jesus“), er bewunderte vor allem die Wunder von Fatima. Überdies war er ein Verehrer der stigmatisierten Theresa Neumann von Konnersreuth. Als „leidenschaftlicher Mahner“ vor den Übertreibungen des II. Vatikanischen Konzils gehörte er auch zu den Autoren der von Ratzinger geprägten „Communio“. Bischof Graber imponierte wohl dem Theologen Ratzinger, weil sein Bischof ein Gegner alles „Modernistischen“ war und durchaus Sympathien hatte für die neu gegründete, explizit papsttreue Zeitschrift „Der Fels“. In einem Interview mit KNA vom 28. Juli 1989 legte Ratzinger noch einmal dar, „dass es auch viel Treue und Liebe zu Rom in der Katholischen Kirche in Deutschland gibt“. Treue und Liebe zu Rom: Das heißt Liebe zum Papst, zum Vatikan, zum „Römischen“, das wurde in Regensburg schon gepflegt! Unter einem Bischof wie Rudolf Graber muss sich Professor Ratzinger recht behütet gefühlt haben. Weitere Autoren von „Communio,“ die ein internationales Netz konservativer Denker knüpfte, waren die späteren Opus Dei Freunde Prof. Nikolaus Lobkowicz und der Philosoph Robert Spaemann.
In Regensburg trat eine andere Gestalt in Ratzingers Freundeskreis: 1975 wurde Kurt Krenn, ein bislang völlig unbekannter Theologe mit extrem wenigen Publikationen, in Regensburg Ratzingers Kollege im Fach Systematische Theologie. Diese verstand Krenn vor allem als scholastische neothomistische Doktrin. Ratzinger hat mit Krenn, wie er als Papst jetzt sagt, eine „alte Verbundenheit“. Auf die Liaison Krenn – Ratzinger wird später noch hingewiesen.

2. München
Als Professor Ratzinger am 28. Mai 1977 zum Erzbischof von München und Freising geweiht wurde, setzte sich die Regensburg – Connection fort: Zu den Bischöfen, die Ratzinger „weihten“, gehörte der bereits erwähnte Bischof Graber aus Regensburg und auch Bischof Stangl aus Würzburg. Dass Bischof Stangl von Ratzinger zur Weihe in den Liebfrauendom in München eingeladen wurde, verwundert insofern nicht, als auch Stangl und Ratzinger befreundet waren. Und daran ist erstaunlich: In Stangls Diözese Würzburg war ein Jahr zuvor, am 1. 7. 1976 in Klingenberg am Main, die Studentin Anneliese Michel infolge zahlreicher Exorzismus Sitzungen an Entkräftung gestorben. Die beiden Exorzisten, die Priester Arnold Renz und Ernst Alt, wurden wegen fahrlässiger Tötung zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Bischof Stangl als der verantwortliche Oberhirte muss ja von Amts wegen jeden Exorzismus genehmigen, er aber betonte, von „allem nichts gewusst zu haben“. „Die beiden Exorzisten deckten letztendlich Joseph Stangl und seine Berater, zu denen auch der damalige Theologie-Professor Joseph Ratzinger gehört haben könnte. Denn Stangl und Ratzinger hatten eine „tiefe Beziehung“ (Main-Post, 6.9.2006) zueinander. Und es wäre unwahrscheinlich, wenn der heutige Papst von dem Exorzismus ebenfalls nichts gewusst hätte“. (8). Es ist bekannt, dass Benedikt XVI. bis heute den Exorzismus ausdrücklich verteidigt. Bei seiner ersten Generalaudienz 2005 ermunterte er die versammelten Exorzisten „weiterzumachen“…
Als Erzbischof von München hatte sich Ratzinger das für ihn so typische Motto „Cooperatores Veritatis“ gewählt. Als „Mitarbeiter DER Wahrheit“ fühlte er sich seitdem nun auch von seinem bischöflichen Amt her. Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als die schon damals weltweit umstrittene missionarisch offensiv werbende, theologisch äußerst konservative und Papst – ergebene Gemeinschaft der „Neokatechumenalen“ in seinem Erzbistum zu etablieren. Das berichtet der Neokatechumenale Führer Giuseppe Gennarini aus den USA und er fährt fort: “Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hat er uns später stets geholfen und in mehreren seiner Bücher den Neokatechumenalen Weg wirklich positiv bewertet“ (9)

Als „Mitarbeiter der Wahrheit“ betonte er schon in seiner Münchner Sylvesterpredigt, dass Gehorsam die Antwort auf die Wahrheit sei, weil der christliche Glaube eindeutig sei. Das sagte er in einer allgemein erregten Situation, weil sein Tübinger Kollege Hans Küng wenige Tage zuvor durch Maßnahmen der römischen Glaubensbehörde seine Lehrbefugnis als katholischer Theologe verloren hatte. Ratzinger sagte in München: „Im hochmütigem Verzicht auf die verbindliche Wahrheit stellt sich der Mensch Christus entgegen“ ( 10) Schon damals zeigte sich der „so bedeutende Intellektuelle“ als ein heftiger Kritiker der kritischen Vernunft: “Dem kirchlichen Lehramt ist es aufgetragen, den Glauben der Einfachen gegen die Macht der Intellektuellen zu verteidigen“(11). Hier klingen spätere Vorlieben Benedikt XVI. für populäre Volksheilige an, etwa für den angeblich stigmatisierten, von vielen Beobachtern aber als Scharlatan bezeichneten Kapuziner Pater Pio in Süditalien an, und auch an den völlig anti – intellektuellen Heiligen Pfarrer von Ars in Frankreich; dieser Johannes Vianney, der sich selbst „schlicht im Denken“ nannte, wird nun im Jahre2009 von Benedikt XVI. offiziell als Vorbild aller Priester gepriesen.
Als Mitarbeiter „der“ rechten Wahrheit zeigte sich Ratzinger beim Durchgreifen gegen aufmüpfige Pfarrer: Ungehorsam und eignes Denken haben in einem autoritären Denken keinen Platz. Deswegen wollte er im Sommer 1980 den Pfarrvikar Willibald Glas aus Arget aus seinem Amt entfernen: Dieser hatte dem Aufruf des Erzbischofs widersprochen, die Gemeinden sollten großzügig für den Peterspfennig spenden: Dadurch sollten die vatikanischen Finanzen saniert werden. Pfarrer Glas widersprach: Johannes Paul II, der so unmenschlich mit den Wiederverheiratet Geschiedenen umgeht, verdiene keine Geldspende. Der Kardinal war empört. Wegen deutlicher Solidarisierung der Laien mit ihrem Pfarrer durfte dann Glas im Amt bleiben. (12)
Auch seine theologischen Abneigungen gegen progressive, angeblich linke Theologen setzte Ratzinger in München durch. Als Nachfolger des Theologieprofessors Heinrich Fries wurde von der Münchner Theologischen Fakultät der kritische und „politische Theologe“ Johann Baptist Metz aus Münster, ein Freund des Konzilstheologen Karl Rahners, vorgeschlagen. „Der Kardinal Ratzinger hat in Zusammenarbeit mit dem Kulturminister (und Communio Mitarbeiter) Hans Maier, der Metz auch nicht mochte, bewirkt, dass 1979 das Ministerium Metz bei der Berufung überging“ (13), schreibt Karl Rahner. Metz hatte schon damals seine Sympathien für die Befreiungstheologie bekundet. Hans Maier hat als Präsident der Zentralkomitees der Deutschen Katholiken lange Jahre die Entwicklung der katholischen Kirche in seinem konservativen Sinne (im Einverständnis mit Kardinal Ratzinger) geprägt. Nur 4 Jahre konnte Joseph Ratzinger als Erzbischof gewisse Erfahrungen an der kirchlichen Basis machen.

3. Rom
Als Leiter der obersten Glaubensbehörde im Vatikan seit November 1981 hat er linke, kritische Theologen und Bewegungen bekämpft und ausgegrenzt, das ist bekannt. Weniger bekannt sind seine gleichzeitigen expliziten Vorlieben für eher rechtslastige Strömungen und Theologen in Kirche und Gesellschaft. Diese „rechte Vorliebe“ kann hier nur an exemplarischen Beispielen verdeutlicht werden. Sie zeigen aber einmal mehr, wo die Interessen des Kardinal Ratzinger bzw. Papstes liegen. Wer von der „rechten Seite“ her die Kirche schützen will, kann der Moderne angemessene demokratische Formen der Mitentscheidung von Laien in der Kirche, etwa im Rahmen von Nationalsynoden, nur als „Hirngespinst“ bezeichnen, wie der kanadische Jesuit Michael Fahey (im Januar Heft von Concilium 1989, S. 84) schreibt: „Für Ratzinger ist diese Idee einer gemischten Synode als einer permanenten Form höherer Autorität in der Kirche ein ausgewachsenes Hirngespinst. Auch kann er es sich nicht denken, dass je ein Laie Autorität über eine Diözese ausüben könnte“. Aufgrund dieser tiefen Abneigung gegen das Demokratische in der Kirche kann Ratzinger nur Gruppen anerkennen, die „Rom nicht nur lieben“, wie er gern sagt, sondern die auch die klerikale Macht- Struktur und den Vatikan als ein absolutistisches System ohne jegliche Kontrolle durch das viel beschworene „Kirchenvolk“ prinzipiell unterstützen und verteidigen. Die Psyche solcher Menschen, die sich für solche Verteidigung hergeben, ist ein eigenes, viel zu wenig bearbeitetes Thema…
Als Chef der obersten Glaubensbehörde ging es ihm darum, sein eigenes Verständnis von Glauben und Theologie, von Freiheit und Autorität, in der ganzen Kirche, ja möglicherweise in der westlichen Gesellschaft durchzusetzen. Karl Rahner hat diese Haltung von Anfang kritisiert. Er schreibt im Jahr 1984: „Wichtig wäre für Ratzinger, eindeutig und klar zu unterscheiden zwischen Ratzinger als Theologen mit seinen berechtigten, vielleicht auch problematischen Eigenmeinungen, und Ratzinger als Chef der Römischen Glaubenskongregation. Das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Es ist selbstverständlich, dass ein römischer Prälat eine bestimmte theologische Meinung hat. Trotzdem darf er sie anderen nicht amtlich aufzwingen“. (14). Tatsächlich aber hat Ratzinger gemäß seinem bischöflichen Wahlspruch als „Mitarbeiter der Wahrheit“ seine Interpretation der Wahrheit, die er als ein ewiges und festes depositum fidei (“fix und fertiges Glaubensgut“) versteht, auch mit Zwangsmaßnahmen und unter Druck durchgesetzt. Die Liste der von Ratzinger z.B. ausgestoßenen, international hochgeschätzten Theologen ist sehr lang. Noch länger ist die Liste derer, die aufgrund dieses rigiden Systems sich von der römischen Kirche befreit haben. Ratzinger hat insofern als „Befreiungstheologe“ ganz besonderer Art gewirkt.
Wie stark die Verbundenheit Ratzingers mit rechten Gruppen ist, zeigt auch die Auswahl seiner Haushälterinnen: Als Kardinal in Rom versorgten ihn Frauen der geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“, eine Gründung von „Mutter Julia Verhaghe“ aus Flandern, 1996 beschuldigten 2 Priester aus Limburg/Niederlande diese inzwischen internationale, auch in Deutschland arbeitende Bewegung würde sich sektiererisch benehmen und ihre Mitglieder unter schweren moralischen Druck setzen bei einer mittelalterlichen Spiritualität. Der zuständige holländische Bischof Wiertz durfte die Vorwürfe nicht untersuchen, weil „Das Werk“ direkt dem Papst unterstellt ist…(siehe Volkskrant, Amsterdam, 28.8.1996).
Im päpstlichen Palast kümmern sich jetzt Frauen der ebenfalls konservativen Bewegung „Comunione e Liberazione“ ums leibliche Wohl des Papstes. Diese internationale Bewegung war früher der Motor der italienischen Christdemokraten, heute steht sie Berlusconi sehr nahe.
Im Haushalt des Papstes geht ihm sein Privatsekretär zur Hand: Prälat Georg Gänswein hat Beziehungen zum Opus Dei: Er war als Kirchenjurist einige Jahre Dozent an der römischen Opus Dei Universität. Selbst wenn er nicht zum Opus gehören sollte: Diese Universität beschäftigt zweifelsfrei nur Leute, die der Opus Dei Richtung zumindest nicht kritisch gegenüber stehen!

Was Ratzingers theologischen Vorlieben für Deutschland betrifft, so ist seine Unterstützung für das im sehr konservativen Bereich angesiedelte „Forum deutscher Katholiken“ bemerkenswert. Das „Forum“ versteht sich als Alternative zu den immerhin ökumenisch interessierten Deutschen Katholikentagen. Das Forum deutscher Katholiken organisiert seit 2001 Jahrestreffen, bei dem sich das ganze einschlägige Spektrum eines explizit römischen Katholizismus versammelt. Mit dabei sind die Legionäre Christi, die Gemeinschaft der Seligpreisungen, das Opus Dei, die Totus Tuus Bewegung, die sich der so von Rom propagierten „Gesamthingabe“ befleißigen sowie Vertreter des deutschen Hochadels, die im Regnum Christi mittun, der Laienorganisation der Legionäre Christi usw. usw. „Kardinal Ratzinger war bei unserem ersten Treffen natürlich dabei und 2005 sollte er bei uns den Schlussgottesdienst halten, aber da war er schon Papst“, berichtet der Organisator Hubert Gindert. Er ist auch Chefredakteur der dem Papst noch aus Regensburger Zeiten bekannten Monatszeitschrift „Der Fels“. Gindert fährt fort: „Ich habe natürlich Kardinal Ratzinger damals auch aufgesucht in seiner Wohnung in Pentling bei Regensburg, dort hat er mir gesagt: Mir kommt es nicht auf die große Zahl an. Mit kommt es darauf an, ob es in der Kirche missionarische Zellen gibt“. (15)
Es ist kein Wunder, dass Kardinal Ratzinger von Anfang auch die „missionarischen Zellen“ der traditionalistischen Petrus Brüder unterstützte, jene Priester, die sich 1988 von Erzbischof Lefèbvres Gruppen losgesagt haben, aber treu die alte lateinische Messe weiter feiern dürfen. In deren Priesterseminar Wigratzbad in Bayern war Kardinal Ratzinger neben den ebenfalls ultrakonservativen Kardinälen aus Österreich Groer, Stickler und Mayer gern gesehener Gast! (16)
Die tiefe Verbundenheit mit diesen Kreisen ist bei Ratzinger sicher auch in der Sehnsucht nach der gehorsamen und uniformen, in sich geschlossenen, „schönen“ Kirche der Kindheit und Jugend begründet. Aber auch harte Berechnung ist dabei: Denn die ultrakonservativen Priestergemeinschaften, wie die Petrus Brüder oder die Legionäre Christi, haben viele Priesteramtskandidaten, die mit Begeisterung ihre klerikale Identität im schwarzen Priestergewand bekennen und Gehorsam als oberste Tugend praktizieren. Diese Kreise sollen in der Sicht Ratzingers die Macht der alten klerikalen Kirche retten!

Auch in Österreich hat Kardinal Ratzinger stets auf die kleinen, absolut kirchentreuen und rechtslastigen Kreise gesetzt, etwa auf den „Linzer Priesterkreis“. Ende der 1980Jahre war Ratzinger Referent bei den jährlichen Sommerakademien in Aigen, wo er schon damals ausdrücklich die lateinische Messe verteidigte. Ständige Referenten waren die Kardinäle Scheffczyk vom Opus Dei oder der konservative Dogmatiker Prof. Anton Ziegenaus.
Schon früh ist also Ratzinger bestens mit Oberösterreich vertraut. Auch der nach heftigen Protesten zurückgetretene Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner gehört diesem Priesterkreis an (17). Der Linzer Priesterkreis wurde entscheidend geprägt von Ratzingers Freund und ehemaligen Regensburger Kollegen Kurt Krenn. 1987 wurde er zur Überraschung aller Insider zum Weihbischof in Wien ernannt, offenbar hatte sein Freund Ratzinger daran mitgewirkt: „Die Wiener wunderten sich noch mehr darüber, dass dem neu ernannten Weihbischof Krenn besondere Verantwortung für die Welt der Kunst, Literatur und Wissenschaft übertragen wurde. In einem Fernsehinterview konnte er keinen einzigen zeitgenössischen österreichischen Künstler, Maler, Dichter, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker oder Wissenschaftler nennen. Das war beunruhigend. Der wahre Grund, warum Krenn ernannt wurde, war der, ein Wachhund über die österreichische Bischofskonferenz zu sein, wo er, trotz seines Status als dienstjüngster, dadurch Gewicht bekam, dass er als einer galt, der „das Ohr des Heiligen Vaters hatte“. (18) 1991 wurde Krenn zum Bischof von Sankt Pölten ernannt: Dort konnten sich ohne römischen Widerspruch etliche spirituell extrem konservative Gruppen etablieren, die selbst aus bayerischen Diözesen wegen ihrer reaktionären Haltung vertrieben wurden, wie der Orden „Servi Jesu et Mariae“, wörtlich übersetzt „Sklaven Jesu und Mariens“. Im Ort Blindenmarkt hat dieser Orden seine Zentrale. Gründer ist der als Initiator der konservativen „Pfadfinder Europas“ bekannte ehemalige Jesuit Pater Andreas Hönisch. Über Krenns autoritäres und für die meisten Laien und Priester unerträgliches Regieren wurde vielfach berichtet, so z.B. von dem früheren Abt von Geras, Joachim Angerer (19) Nach einer Pornografie – Affäre und offensichtlicher homosexueller Kontakte zwischen Seminarleitung und Studenten in seinem Priesterseminar gab Krenn 2004 sein Bischofsamt auf. Seit der Zeit ging es ihm gesundheitlich nicht gut. Am 18.6. 2005, wenige Wochen nach seiner Papstwahl, hatte sein alter Freund und Gönner, Joseph Ratzinger, nichts Eiligeres zu tun, als ihm einen salbungsvollen Brief zu schreiben. Dieses Dokument muss allen, die unter dem Regime von Bischof Kurt Krenn gelitten haben, wie eine Ohrfeige erscheinen. Der Brief offenbart auch die (wahre?) spirituelle Dimension des gegenwärtigen Papstes: Hier nur einige Zitate aus dem handschriftlich unterzeichneten Brief: „Lieber Mitbruder! Wie ich höre, leidest du an Leib und Seele. So liegt es mir am Herzen, Dir ein Zeichen meiner Nähe zukommen zu lassen. Seit langem bete ich jeden Tag für dich! …. Unser Herr hat uns letztlich nicht durch seine Worte und Taten, sondern durch seine Leiden erlöst. Wenn der Herr dich nun gleichsam mit auf den Ölberg nimmt, dann sollst du wissen, dass du gerade so ganz tief von seiner Liebe umfangen bist und im Annehmen deiner Leiden ergänzen helfen darfst, was an den Leiden Christi noch fehlt (Kol 1, 24) Ich bete sehr darum, dass dir in allen Mühsalen diese wunderbare Gewißheit aufgeht……. Von Herzen sende ich dir meinen apostolischen Segen. In alter Verbundenheit! Dein Papst Benedikt XVI. (20).
Die Formulierungen dieses Briefes sind von einer traditionalistisch anmutenden Frömmigkeit geprägt, die ein Lefèbvre treuer Piusbruder wohl nicht anders formulieren könnte, einmal abgesehen davon, dass jeglicher kritische Hinweis auf Krenns unsägliches Verhalten fehlt, etwa seine viel besprochene Nähe zu dem rechtskonservativen Populisten Jörg Haider FPÖ. Kurt Krenn zierte sich auch nicht, ins offizielle Kondolenzbuch für diesen tödlich verunglückten Politiker zu schreiben: „Hochgeschätzte Trauerfamilie,
darf ich Ihnen mein tiefstes Mitgefühl zum so plötzlichen und unerwarteten Tod des Herrn Landeshauptmannes Dr. Jörg Haider aussprechen. Ich durfte mit ihm einige Male zusammentreffen und lernte ihn als integren Menschen und interessanten Gesprächspartner kennen… Im Gebet Ihrer gedenkend, Ihr + Kurt Krenn“ (21). Diese Worte des Ratzinger Freundes sind eine Schande, wenn man bedenkt, welche Hetzreden Haider gegen Ausländer zum Beispiel führte…
Bei seinem Besuch in Österreich ließ es sich Benedikt XVI. nicht nehmen, die ebenfalls als Hort der Tradition bekannte Klosterhochschule Heiligenkreuz bei Wien zu besuchen, die er kurz vor seinem Besuch im September 2007 noch im Januar desselben Jahres zur „Päpstlichen Hochschule“ erhoben hatte. Weihbischof Andreas Laun, extrem konservativer Theologe aus Salzburg, gehört dort zum Lehrkörper… Die Liebe Benedikts XVI. zu Heiligenkreuz hat zwei Gründe: Viel „klassischer Priesternachwuchs“ und die „ewige“, die klassische Theologie!
Manche theologischen Vorschläge Ratzingers finden dann auch Interesse im politisch explizit rechtsextremen Milieu. Das “Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW)“ hat den AULA Verlag in Graz als rechtsextrem eingestuft. Dort wurde 1998 in der von Otto Scrinzi herausgegebenen Festschrift „1848 . Erbe und Auftrag“ Ratzingers COMMUNIO Beitrag von 1995 mit dem Titel: „Freiheit und Wahrheit“ nachgedruckt. Auch wenn dieser Beitrag nicht explizit rechtsextrem ist: Erstaunlich ist es schon, wenn Herausgeber überhaupt auf den Gedanken kommen, Ratzinger in ihrem eigenen Umfeld zu präsentieren. Dem „Spiegel“ liegt der Schriftverkehr des Vatikans mit dem Aula Verlag vor, aus dem hervorgeht, dass der damalige Sekretär des Kardinals, Josef Clemens, der Publikation des Aufsatzes ausdrücklich zustimmte. Der Aula Verlag hatte Arbeiten des Holocaust Leugners Walter Lüftl gelobt, woraufhin sich sogar die FPÖ vom Verlag distanzierte(22). Der Aula Verlag wirbt in seinem Internetauftritt für das umstrittene Buch über 1848 bis heute (21. 3. 2009) mit dem ausdrücklichen Hinweis „Mit einem Beitrag von Kardinal Ratzinger“. Dem Papst scheint dieser Hinweis nicht unangenehm zu sein, oder er liest nicht die internationale Presse, die seit dem 14..3. 2009 über diese Zusammenhänge berichtet.

Auch in Frankreich hat Joseph Ratzinger immer wieder bewiesen, dass er zu rechtslastigen und ultrakonservativen Gruppierungen eine besondere Nähe, wenn nicht Fürsorglichkeit hat. Typisch ist sein Bemühen um Versöhnung mit dem ursprünglich schismatischen, Lefebvre hörigen Kloster Sainte Madelaine in Le Barroux bei Avignon. 1989 kehrte das Kloster mit Abt Calvet wieder in den „römischen Mutterschoß“ zurück, weil die Mönche den Papst formal anerkannten; die alte neu-thomistische Theologie des 19. Jahrhundert wird dort weiter verbreitet und die Messe natürlich im Ritus des 16. Jahrhundert nach den Weisungen Pius V. weiterhin zelebriert. Zahlreiche Zeitungen hatten seit den 1980Jahren die engen Verbindungen von Abt Calvet mit rechtsextremen Politikern aus der Partei Front National (FN, Führer: Jean Marie le Pen) nachgewiesen. Bernard Antony, der „national- katholische“ Europa Abgeordnete dieser Partei, ist genauso eng mit dem Kloster verbunden wie der ebenfalls dem FN nahe stehende Publizist Jean Madiran. Er hat mit Abt Calvet Interviews in dem mit dem FN sympathisierenden „Radiosender Courtoisie“ geführt. Der nationale Katholik Jean Madiran hatte 1995 eine Gedenkfeier für den bekannten französischen Nazi Propagandisten Robert Brasillach (hingerichtet 1945) gehalten…
Diese Zusammenhänge waren dem „Mitarbeiter“ der offenbar nur göttlichen, nicht aber politischen „Wahrheit“ Joseph Ratzinger egal! Als diese Mönche dort ihr Messbuch nach den Weisungen des 16. Jahrhunderts herausgaben mit den entsprechenden Weisungen, am Karfreitag für die abtrünnigen Juden zu beten, schrieb Kardinal Ratzinger 1990 das Vorwort. (23) Das Messbuch ist noch heute in Klosterladen dort zu haben. Im September 1995 besucht Ratzinger als der oberste Glaubenchef das Kloster und feierte dort die Messe. Offenbar ist er dort sehr angetan, weil die vielen jungen Mönche noch die radikale Tonsur tragen und die alten Mönchsgewänder lieben. (24)
Benedikt XVI. hat am 6. September 2006 das ebenfalls im rechts außen angesiedelte „Institut du Bon Pasteur“ (Institut vom Guten Hirten) in Bordeaux zugelassen. Ein eigenes Priesterseminar „Sankt Vinzens von Paul“ wurde auf dem Besitz des Marquis de Gontaud-Biron in der Diözese Chartres erricht. Der oberste „gute Hirte“ ist der ehemalige Lefèbvre Priester Philippe Laguérie. Er hatte 1987 den rechtsextremen Politiker Le Pen offen verteidigt, als dieser behauptete es gäbe keine Gaskammern. „Die Thesen der negationistischen Professoren Roques und Faurisson, auf die sich Le Pen bezieht, sind perfekt wissenschaftlich“, meinte er damals. Pater Laguérie war Pfarrer von Saint Nicolas du Chardonnet in Paris, die seit 1977 von Traditionalisten besetzt wird, 1994 wollte Laguérie in Paris erneut eine Kirche dem Bistum Paris durch Besetzung entwenden, aber die Polizei griff diesmal ein. Er hat ein Requiem gehalten für Paul Touvier, den antisemitischen Chef der Miliz aus der Pétain Zeit. (25) Sein Mitbruder in Bordeaux ist Père de Tanoüarn, er war Mitarbeiter der rechtsextremen Zeitung „Choc du mois“ und des Le Pen Senders „Radio Courtoisie“. Jetzt sind diese Priester mit Zustimmung Benedikt XVI. wieder mit Rom vereint. Sie können nun offiziell katholisch inmitten der Kirche ihre rechtsextremen Gedanken verbreiten.
Internationale Verbindungen gibt es längst. Nur ein Beispiel: Probst Gerald Gösche von der ebenfalls mit Rom versöhnten Traditionalisten Gemeinschaft des Oratoriums Philipp Neri in Berlin (von Berlins Kardinal Sterzinsky wurde die Gründung genehmigt) gratulierte Pater Laguérie zu seiner neuen Rolle als guter Hirte in Bordeaux, Gösche hatte übrigens auch gute Beziehungen zum Kloster La Madelaine mit Abt Calvet. (26)
Auch an der Absetzung des linken, progressiven und von vielen Menschen außerhalb der Kirche hoch geschätzten Bischofs von Evreux, Jacques Gaillot im Jahr 1995, war das mit Rom versöhnte und von Ratzinger geschätzte Kloster in Le Barroux beteiligt: „Gruppen wie das Opus Dei und der Abt des Klosters in Le Barroux wurden in Rom zu meiner Sache gehört. Sie hatten sich geschworen, meine Haut zu bekommen. Jetzt haben sie sie, diese Leute haben gewonnen“ (27). Seit der Zeit seiner Degradierung und Bestrafung lebt der so beliebte Bischof Gaillot als Oberhirte des virtuellen Wüstenbistums Partenia in einem Zimmerchen im Kloster der „Väter vom Heiligen Geist“ in Paris. Und als der in die Wüste geschickte Bischof Gaillot im Oktober 2004 einen Vortrag in Bonn halten wollte, wurde ihm von Kardinal Meisner (Köln) ein Redeverbot erteilt. Vom „Kölner Stadt Anzeiger“ wurde Gaillot aus diesem Anlass die Frage gestellt: „Haben sie den Eindruck, dass Meisner versucht, Kardinal Ratzinger und vielleicht auch den Papst persönlich gegen sie zu mobilisieren?“ Da antwortete Bischof Gaillot: „Ja, das befürchte ich. Ich gehe davon aus, dass es da enge Kontakte gibt, die meine Person betreffen… meine Liberalität macht Angst“
(28)

4.
Die Beispiele für die konservativen Vorlieben Joseph Ratzingers und für seinen entschiedenen Kampf gegen alle Liberalen, Linken, freiheitlich gesinnten Katholiken könnte für viele Länder fortgesetzt werden. Interessant ist, dass er in Deutschland bislang völlig unbekannte, aber bereits machtvolle rechtslastige Orden fördert. Dazu gehört das „Instituto del Verbo Incarnato“ aus Argentinien, das inzwischen über 500 vor allem junge Mitglieder zählt. Dieser offizielle, römisch – katholische Orden ist ausdrücklich dem argentinischen Nationalismus eng verbunden. Er will „die reinen und natürlichen Werte Argentiniens“ gegen die Atheisten verteidigen. „Dieser Orden will die Gesellschaft bestimmen in Fragen der Politik, der Moral, der Erziehung“, berichtet die argentinische Soziologin Prof. Veronica Gimenez Beliveau in einem Artikel für „Courrier International“. Zahlreiche Bischöfe Argentiniens haben diesem Institut verboten, ein Priesterseminar zu eröffnen. Im Jahr 2001 fand sich Kardinal Ratzinger bereit, diesen bischöflich umstrittenen Orden in seinem eigenen Bistum Velletri-Segni in Italien anzusiedeln. Dazu muss man wissen. Kurienkardinäle sind immer auch dem Titel nach Bischöfe“ eines bestimmten Ortsbistums, so ist eben Kardinal Ratzinger Bischof von Velletri-Segni, Italien. Das „Institut vom Inkarnierten Wort“ hat darum gejubelt und so wörtlich der „Vorsehung gedankt“, als „Ihr Titularbischof“ auch noch Papst wurde (29). Die internationale Kulturzeitschrift „Courrier International“ gab ihrem Beitrag über den Orden den Titel: „Die Soldaten des Inkarnierten Wortes : wie im Mittelalter“. Inzwischen arbeiten diese jungen „dynamischen Missionare“ in vielen Ländern der Erde, darunter in Holland, Island und Grönland.

Zum Schluss muss noch auf Spanien hingewiesen werden, weil der Kampf zwischen fundamentalistischen Papst Fans und einer modernen Demokratie am heftigsten tobt. Am 28. Oktober 2007 hatte Benedikt XVI. fast 500 Opfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg selig gesprochen, sie alle kämpften auf der „rechten Seite“, also auf Seiten des „Erzkatholiken“ und Dikators Franco. Dass es auch Priester und katholischen Laien gab, die ihr Leben im Rahmen der Volksfront gegen den Faschismus einsetzten, wurde vom Papst gen übersehen. So wurde die Seligsprechung zur späten Verklärung des Kreuzritters Franco und zur deutlichen politischen Kritik am sozialistischen Spanien von heute, wo so „gottwidrige Dinge“ passieren, wie die völlige Gleichberechtigung homosexueller Paare. Die oppositionelle „Volkspartei PP“ jubelte natürlich über diese politische Massenseligsprechung. Zwar hat Benedikt XVI. diese Zeremonie nicht selbst vorgenommen, aber sie geschah in bestem Einvernehmen mit ihm als dem Verantwortlichen für alle Selig – und Heiligsprechungen. Benedikt XVI. hat jetzt einen der heftigsten PP Anhänger und Verteidiger der „alten spanischen Ordnung“, Kardinal Canizares von Toledo, nach Rom berufen, er soll sich als oberster Chef um die „rechte Gestalt der Gottesdienste“ kümmern…Die vatikanische Bürokratie wird immer mehr zur Ansammlung sehr konservativer Kirchenfürsten und untergeordneter Prälaten, diese Entwicklung hatte unter Papst Johannes Paul II. bereits begonnen.
So schließt sich der Zirkel einer in sich abgeschotteten, antimodernen Kirche, die wesentlich von Joseph Ratzinger bestimmt wird. „Können sogenannte Sekten auch viele Millionen Mitglieder zählen“ ?, fragen sich kritische Intellektuelle im Blick auf den Zustand der römischen Kirche heute. Sie wissen natürlich, das allein schon die Frage vom „Hof“, also vom Vatikan, bestraft werden könnte…

Diese kurzen Beobachtungen zeigen: Die Liebe Joseph Ratzingers zu allem Rechtslastigen zieht sich wie ein „roter (?) Faden durch sein Leben „seit Regensburg“. Darum ist die Aufhebung der Exkommunikation der 4 traditionalistischen Bischöfe der Pius – Bruderschaft keine „Ausnahme“ und kein „Versehen“. Joseph Ratzinger wähnt sich als „Mitarbeiter DER Wahrheit“ wohl als die „rechte Hand Gottes“.

PS:
Wenn in dieser kleinen und unvollständigen Übersicht häufig das etwas plakative Wort „konservativ“ verwendet wird, so steht es in diesem Zusammenhang als Symbol für anti – feministisch, anti-emanzipatorisch, für schwulenfeindlich und eher anti-ökumenisch, und „mit Vorbehalt demokratisch usw., um dem Leser diese Aufzählungen dieser Prädikate ständig zu ersparen, verwende ich das zusammenfassende und keineswegs, wie man sah, „abgegriffene“ Symbol „konservativ“.

Fußnoten:
1)Karl Rahner, Bekenntnisse, Wien – München 1984, S. 40

2) so berichtet Prof. Hermann Häring, 1968 Theologiestudent in Tübingen, in einem Interview mit dem Autor im Jahr 2007.

3)Karl Rahner, ebd.. Die gleiche Meinung hat der Theologe Wolfgang Beinert, in: „Der Theologe Joseph Ratzinger“, 1977, Kösel Verlag, S. 4.

4) So zitiert die internetzeitung tagespunkt vom 1. 9. 2006, http://www.tagespunkt.de/

5) Hans Küng, Theologie im Aufbruch 1987.

6)Ulrich Lehner, Artikel Johann Auer, siehe http://www.bautz.de/bbkl/a/auer_j.shtml

7) Joseph Ratzinger, Symposium vom 28. Mai 1992 anläßlich des 20jährigen Bestehens von COMMUNIO an der Gregoriana, Rom, S. 3

8) siehe: www.theologe.de/bischof_josef_stangl.htm

9) Zenit, Informationsdienst der Legionäre Christi, 9.1.2006

10) Süddeutsche Zeitung vom 2. 1. 1980, ein Beitrag von Rosel Termolen.

11) ebd. Ein Argument, das immer wiederkehrt: “Die sehende Sicherheit des Glaubens ist oft weit mehr zu Hause
als da, wo Reflexion großgeschrieben wie. Umgekehrt macht der Intellekt nicht immer sehend“. So Ratzinger in: „Die Situation der Kirche heute“, Köln 1977, S. 24 f.

12) Hartmut Meesmann, in „Die Zeit“ vom 23. 1. 1981

13) Karl Rahner, ebd. S 42.

14) Karl Rahner, ebd. S 40f.

15) Hubert Gindert in Kaufering in einem Interview mit dem Autor 2006.

16) siehe die Internetseite der Petrusbrüder http://fssp.eu

17) Josef Bruckmoser, Salzburger Nachrichten vom 3.Februar 2009.

18)The Tablet, Katholische Wochenzeitung in London, 21. 2. 1991

19) Joachim Angerer, als progressiver Abt eines Prämonstratenser Klosters, selbst ein Krenn-Geschädigter, schrieb u.a. das Buch „Österreich nach Krenn und Co“, Wien 2000.

20) Dieser bemerkenswerte Brief ist (noch) nachzulesen unter: http://stjosef.at/bischof .k.krenn, unter der Rubrik News.

21) siehe das Jörg Haider Kondolenz Buch unter: http://kondolenz.ktn.gv.at/default.aspx?SIid=95&page=12

22) http://aula.buchdienst.at/buecher/?id=445

23) La Vie, Paris, L Hebdomadaire Chrétien d Actualité, Num. 3309, 29. Janvier 2009, S. 28.

24) Henri Tincq, Le Monde, Paris, 14. 06. 1998.

25) siehe im Internet: http://intransigeants.wordpress.com/2008/08/10/vive-labbe-laguerie/
auch
http://fr.wikipedia.org/wiki/Philippe_Lagu%C3%A9rie

26) Probst Gösche in einem Interview mit dem Autor in der Kirche St. Afra Berlin im Jahr 2003. Auf seine „freundlichen Kontakte den Benediktinern von „Le Barroux“ wird im Internet http://www.institut-philipp-neri.de/institut immer noch verwiesen!

27) in: Elie Maréchal, L Affaire Gaillot, Paris 1995, Seite 189, das Interview fand am 5. Februar 1995 im Ersten Französischen Fernsehen TF 1 statt.

28) Harald Biskup interviewt Jacques Gaillot, Kölner Stadtanzeiger, 26.10.2004.

29) Courrier international. Hors Serie: „Au nom de Dieu. Pourquoi les religions se font la guerre.“ Mars 2007, Seite 62.

Zur Verehrung des „Instituts des Inkarnierten Wortes“ für ihren Gönner Joseph Ratzinger: Siehe auch deren Internetseite: http://www.ive.org. Die hier genannte Information findet sich unter “Noticias“ vom 4/20/2005 mit dem Titel: „El Papa Benedicto XVI era nuesto obispo titular“.



Gottesrechte und Kirchengebote contra Menschenrechte

6. Februar 2011 | Von | Kategorie: Das philosophische "Wort zur Woche", Philosophische Bücher

Gottesrechte und Kirchenrechte contra Menschenrechte

Das philosophische Wort zur Woche

Über das Verständnis und die universale Gültigkeit der Menschenrechte, dargestellt in der Präambel und den 30 Artikeln der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948, wird auch heute noch heftig gestritten. Wer sich in diktatorischen Regimen oder Pseudodemokratien für diese Menschenrechte einsetzt, lebt gefährlich. An die weltweite Ermordung von MenschenrechtsaktivistInnen haben sich breite Kreise der westlichen Öffentlichkeit längst gewöhnt, die Namen der (nicht immer „prominenten“) Opfer werden in den Medien nicht einmal erwähnt. Global geschätzt leben etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die Menschenrechte nicht absolut gelten. Haben wir „aufgeklärte Europäer“ uns daran gewöhnt?

Vor allem in stark religiös geprägten Staaten und Gesellschaften, zu denen nicht nur muslimisch oder hinduistisch geprägte gehören, sondern etwa auch der „Vatikan“ bzw. die katholische Kirche, wird die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ nicht bedingungslos akzeptiert und respektiert und „positiven“, also historisch gewachsenen Gesetzen vorgeordnet. Diese menschenrechtsfeindlichen Staaten und Gesellschaften argumentieren meist so: Diese Menschenrechte passen nicht in „unsere Kultur“, sie seien gegenüber den angeblich göttlichen Geboten (bzw. Kirchengeboten) relativ und zweitrangig.

In dieser Situation ist es überaus erfreulich und wichtig, von kompetenter philosophischer Seite Argumente zur Vertiefung dieser Diskussion zu erhalten. Die Philosophin und Theologin Katharina Ceming (Augsburg) hat eine umfangreiche, leicht lesbare und brillante Studie über „die Würde des Menschen und die Weltreligionen“ (so der Untertitel) vorgelegt. Der Titel des 510 Seiten umfassenden Buches ist: „Ernstfall Menschenrechte“ (erschienen im Kösel Verlag, München 2010. ISBN 978-3-466-36822-8).

In unserem, diesmal etwas länger ausfallenden „philosophischen Wort zur Woche“ wollen wir vor allem auf das (von Katharina Ceming behandelte) philosophische Hauptproblem eingehen: Auf die Frage der universellen Geltung der Menschenrechte, wo sie doch, so sagen die Gegner der Menschenrechte, in historisch geprägten, „konkreten“ Kulturen Europas entstanden sind; also aufgrund dieser angeblich „begrenzten“ Herkunft könnten diese Menschenrechte, so meinen diese Kreise, nicht universell sein. Man nennt sie oft „Kulturrelativisten“.

Katharina Ceming schreibt:
„Wenn Menschenrechte nur als das Produkt einer historischen Entwicklung des Abendlandes gesehen werden, die keine universelle Gültigkeit durch einen naturrechtlichen Status haben, stellt sich zudem die Frage, wie die Menschenrechte dann selbst innerhalb der westlichen Welt noch verbindliche Gültigkeit haben können. Versteht man die Idee der Menschenrechte ausschließlich als Resultat eines historischen Prozesses, dann könnten die Menschenrechte jederzeit durch neue geschichtliche, ökonomische oder politische Entwicklungen modifiziert, ja sogar aufgehoben werden – auch im Westen“. (S 377)

„Gültigkeitskriterien (zu den Menschenrechten) sind, weil es sich hier um meta – empirische Fragen handelt, weder von geschichtlichen noch von politischen oder soziologischen Phänomenen abhängig. Letztere bestimmen lediglich, ob die Gültigkeitskriterien der Menschenrechte tatsächlich Anwendung in einer Gesellschaft finden oder nicht. Auf eine universelle Begründung ethischer Normen kann also nicht verzichtet werden. Diese Begründung lässt sich aber nur über etwas bewerkstelligen, was allen Menschen gemeinsam ist: ihre Vernunfthaftigkeit, selbst wenn sie über diese nur potentiell verfügen“. (ebd).
Wo sind die Ursachen für die Zurückweisung der universellen Gültigkeit der Menschenrechte zu suchen ? Katharina Ceming nennt vor allem eine Ursache: die Übermacht religiösen, mythologischen Denkens in religiösen Staaten und Gesellschaften. „Wo man verstanden hat, dass heilige Texte interpretiert und ausgelegt werden müssen, da sie in einem bestimmten Zeitkontext entstanden sind, fällt es auch leichter, mit =problematischen= Textstellen umzugehen, die mit bestimmten Artikeln der Menschenrechte kollidieren. Solange heilige Schriften als unveränderlich gelten, …, ist der Konflikt mit den Menscherechten unvermeidlich. Denn die Welterschließung der mythologischen Bewusstseinsstufe (also schlichter Wunderglaube z.B., CM) ist mit anderen Werten verbunden als die mental – rationalen Werte, zu denen die Menschenrechte gehören“ (S. 379).
Das Buch von Katharina Ceming ist ein Plädoyer für die Durchsetzung eines vernünftigen (was etwas anderes ist als eines bloß verstandesmäßigen, technisch – praktischen !) Denkens in den Religionen; ein Projekt, von dem die Menschheit mit ihren Religionen noch meilenweit entfernt ist. Ausführlich wird z.B. dokumentiert, wie in hinduistischen geprägten Kulturen die Frauen permanent aufs übelste missachtet und diskriminiert und gequält werden; wie das Kastensystem in Indien zwar offiziell verboten ist, aber immer noch von der herrschenden Clique zu eigenem Vorteil respektiert wird, etwa gegenüber den Dalits (siehe Seite 289 ff).
Und im Katholizismus? Auch da ist der Bericht Katharina Cemings deutlich und kritisch: „Wirft man einen Blick in das römisch-katholische Gesetzbuch, den Codex Iuris Canonici von 1983, dann zeigt sich, dass dem katholischen Kirchenrecht Grundrechte (also Menschenrechte) eher fremd sind“. Die Zurückweisung der universellen Gültigkeit der Menschenrechte im inneren Leben des Katholizismus folgt dem Muster, dass „sich das kirchliche Gemeinwohl am Schutz der Glaubenswahrheiten und an der Einheit des Glaubens orientiert“ (S. 161). Man fragt sich: Wer will da wen „schützen“? Der Papst die dummen Laien? Und was ist das für eine Religion, die angebliche Gottesgesetze gegen die (doch wohl auch von Gott geschaffene) Vernunft und ihre Erkenntnis der Menschenrechte ausspielt? Was ist das für eine Religion, die sogar kirchliche Bestimmungen (den „codex“) für relevanter hält als die Menschenrechte.
Religion contra Vernunft, dieses alte Thema ist immer noch nicht gelöst, zumindest auf theologischer Ebene.



“Gläubige sind keine freien Geister”. Anlässlich des 80. Geburtstages von Thomas Bernhard am 9. Februar 2011.

4. Februar 2011 | Von | Kategorie: Religionskritik

„Gläubige sind keine freien Geister“
Anlässlich des 80. Geburtstages von Thomas Bernhard am 9. Februar 2011.
Von Christian Modehn

Inspirierende Religionskritik findet sich „naturgemäß“ nicht nur in explizit philosophischen Texten. Einer der wichtigsten religionskritischen Literaten und Dichter ist zweifellos der Österreicher Thomas Bernhard. Anlässlich seines 80. Geburtstages gilt es, sich einmal mehr zu vergewissern: Sein Denken lebt, auch wenn seine Texte, auch die religionskritischen Passagen, nicht einem bestimmten „Programm“ dienen, nicht auf „Weltverbesserung“ aus sind. Seine Arbeiten „sind allesamt Bruchstücke einer Rebellion…diese Rebellion war sich selbst genug, sein Werk ist enragiert, jedoch niemals engagiert“ (so Marcel Reich Ranicki, in der Rede „Sein Heim war unheimlich“, FAZ vom 24. 2. 1990).

Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 im niederländischen Heerlen geboren, weil nur dort seine Mutter das uneheliche Kind zur Welt bringen konnte.
Die Liste seiner großen Romane und Theaterstücke muss hier nicht wiedergegeben werden. Gestorben ist Thomas Bernhard am 12. Februar 1989 in Gmunden, er wurde am 16. Februar 1989 auf dem Grinzinger Friedhof bestattet (neben einer seiner ganz wenigen langjährigen Vertrauten, seiner freundlichen Begleiterin Hedwig Stavianicek, er nannte sie liebevoll einen „Lebensmenschen“).

Deutlich ist, dass die Arbeiten von Thomas Bernhard nicht „allzu biographisch“ gelesen werden dürfen. Dennoch ist es auch keine Frage, dass seine Romane viel persönlich Erlebtes reflektieren, eben auch Erfahrungen mit der katholischen Kirche vor allem in Österreich. Nur nebenbei: Die häufige Verwendung von Ortsnamen z.B. in seinem Werk hat doch wohl das Ziel, seinen Texten viel Authentizität zu geben, der Leser soll kaum an der Faktizität des Gesagten zweifeln. Bestimmend ist für Bernhard die schon frühe Erfahrung schwerer, unheilbarer Krankheit. „Er konnte nicht existieren, ohne zu schreiben, und er wollte nicht existieren, ohne sich gegen das Elend seiner und unserer Existenz zu empören“. (M. Reich – Ranicki, ebd.)
Religionskritik ist sicher nicht das Hauptthema Bernhards; wahrscheinlich geht es ihm zentral um die Suche nach Vollkommenheit, vor allem nach einer Vollkommenheit im Leben, die in der Kunst vermittelt wird. Aber diese Erfahrungen werden für ihn völlig überdeckt von Verfall und Zerstörung. Zu den destruktiven gesellschaftlichen Kräften zählte Bernhard u.a. die österreichische Staatsbürokratie und die katholische Kirche. Aber es ist ein LEIDEN an einer (persönlich erlebten!) Kirche, das er deutlich und provozierend beschreibt. Die Kirche bewertet Bernhard nach seiner vertrauten Art eher pauschal und kategorisch, das ist sein „Stil“, durchaus in einer gewollten „Kunst der Übertreibung“. Bernhard meinte, nur in der Übertreibung erschließe sich bei einer „stumpfsinnigen Masse“ noch die Wahrheit. „Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben“, so in dem Roman „Auslöschung“.

Der philosophischen (und hoffentlich auch theologischen) Religionskritik steht es gut an, sich mit Thomas Bernhard zu befassen und nach der Wahrheit seiner Erkenntnis zu fragen. Und diese kann und soll für manche eher irritierend sein; hilfreich ist sie in jedem Fall!
Was sagt Bernard über die Religion, die bei ihm vor allem als Katholizismus erscheint?
Nur einige Hinweise:
Der 13 Jährige Thomas Bernhard kam 1944 in ein „Schulknaben-Asyl“ in Salzburg; 1945 wurde das von Nazis geprägte Heim in das streng katholische „Johanneum“ umgewandelt. In seinem Buch „Die Ursache“ beschreibt Bernhard, wie geringfügig der Übergang von einem Naziheim in ein katholisches Heim war. Die Züchtigung der Insassen blieb, die rigide Hausordnung ebenso, Bernard spricht von einer schwarz-braun-schwarzen Kontinuität…
Mit besonderer Ausführlichkeit wird der österreichische Katholizismus der Nachkriegszeit bis Ende der 1980 Jahre in dem letzten großen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) gewürdigt. Der Protagonist Franz Josef Murau versucht, sich von der von der Last der Vergangenheit seiner familiären, katholisch dominierten Heimat Wolfsegg zu lösen, einem Ort, an dem immer noch ehemalige Gauleiter und katholische Würdenträger vereint und versöhnt auftreten. Murau wendet sich an seinen Freund Gambetti, wenn er sagt: “Wir sind katholisch erzogen worden, hat geheißen, wir sind von Grund auf zerstört worden, Gambetti. Der Katholizismus ist der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes…Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen, den chaotisierten, den letzten Endes durch und durch unglücklichen, das ist die Wahrheit…Die katholische Kirche duldet nur den katholischen Menschen, keinen anderen… Sie macht aus Menschen stumpfsinnige Kreaturen, die das selbständige Denken vergessen… Die Katholiken lassen die katholische Kirche für sich denken und dadurch auch für sich handeln, weil es ihnen bequemer ist, weil es ihnen anders nicht möglich ist“. (Auslöschung, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl., 1986, S. 141 f.).
Das ist für Bernard der Skandal: Die Kirche macht aus Menschen nur noch „Gläubige“, ideologisch indoktrinierte Wesen, denen die Ganzheit des Lebendigen abhanden kommt. „Gläubige sind keine freien Geister“; für Bernhard besteht das Ziel des Lebens, wenn man das überhaupt bei ihm so sagen darf, „ein freier Geist“ zu werden.
Zur ewigen Zölibatsdiskussion hat Bernhard auch etwas beigetragen, als er (in „Auslöschung“) Erzbischof Spadoloni (Rom) als den intimen Freund der Mutter seines Protagonisten darstellt (siehe ebd. etwa S. 282f.). Und, als hätte er z.B. den Umgang der Kirche mit pädophilen Verbrechen durch Kleriker zu Beginn des 21. Jahrhunderts geahnt, schreibt Bernhard: „ Die Katholische Kirche handelt immer nur zu ihrem eigenen Vorteil, schweigt dort, wo zu reden ist, verschanzt sich, wenn es ihr zu gefährlich ist hinter dem jahrtausendelang ausgenutzten Jesus Christus“ (ebd. S. 460).
Auch in anderen Texten wird immer wieder das Thema Religion/Katholizismus thematisiert, etwa in „Der Kulterer“. Dort verbindet Bernhard die Vorstellung von Gefängnis mit dem Begriff Kloster. In „Beton“ wird der Präsident der Caritas als ein Priester beschrieben, der „ein Partyfuchs ist, der galant die Hand küsst und weinerliche Caritasbettelei betreibt“. In dem Roman “Holzfällen. Eine Erregung“ (1984) wird nicht nur ein seelisch ungerührter, dummer Klerus beschrieben. Die große Vision einer menschenfreundlichen Hoffnungsbotschaft hat diese Kirche, so Bernhard, längst verraten. Bernhard zeigt zwar leise Hoffnungsschimmer, wenn er von einem „Zufluchtsmenschen“ (einem „Laien“) spricht, einer Person, bei der sich die vielen Leidgeprüften aufgehoben fühlen. Sie bietet sozusagen „Seelsorge“. Aber diese Hoffnungsschimmer, auch repräsentiert durch die wenigen „Geistesmenschen“ , werden letztlich von den zerstörerischen Kräften der Welt „ausgelöscht“.
Es müsste einmal untersucht werden, wie Thomas Bernhard in seiner heftigen Kirchen/Religionskritik eng verbunden ist mit dem großen österreichischen Historiker, Publizisten und Dramaturgen des Wiener Burgtheaters (!) Friedrich Heer (gestorben 1983).
Man denke ferner daran, dass Thomas Bernhard noch erlebte, wie der Theologe Kurt Krenn, der Liebling des damaligen Kardinals Ratzinger (Rom), am 3. März 1987 zum Weihbischof der Erzdiözese Wien ernannt wurde mit der speziellen Mission, sich um Kunst, Kultur und Wissenschaft zu kümmern. Krenn war damals sozusagen Inbegriff eines reaktionären Klerus in Österreich, siehe die Klerusbeschreibungen in Holzfällen. Bei der Bischofsweihe Krenns am 26. April 1987 gab es heftige Proteste. Nicht mehr erlebt hat Thomas Bernhard, wie Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 den als äußerst rechtslastig bekannten einstigen österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim ehrte und ihm den „Pius Orden“ verlieh.
Eine auch katholische geprägte Widerstandsszene gegen diesen Katholizismus, der nur auf Macht setzt, hat Bernhard nicht wahrnehmen (wollen?). Er verblieb, um es hegelianisch auszudrücken, in der „Position des Negativen“. Aber selbst auf diesem relativen Standpunkt zu verweilen, kann Wahres erschließen und insofern sehr inspirierend sein. Es gilt sich der Bernhardtschen Erkenntnis zu stellen, die Marcel Reich Ranicki einmal schön formulierte: „Sein Werk kennt keine Sieger, alle Meutereien sind gänzlich nutzlos, stets werden nur Niederlagen gezeigt“ (ebd).

PS:
Im Jahr 1995 veröffentlichte ich der Zeitschrift PUBLIK FORUM einen längeren Beitrag vor allem über die Religionskritik von Thomas Bernhard unter dem Titel: „Wenig Sinn“.