Monatsarchiv



„Wo war Gott in Norwegen am 22. Juli ?“

24. Juli 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Gott und die Katastrophe in Norwegen am 22. 7.2011

Wir werden noch am 26.7. oft gefragt, „wo denn Gott gewesen sei“ bei den Anschlägen am 22.7.2011 in Oslo und auf der Insel Utöya. Warum hat „Er“ nicht eingegriffen und verhindert, dass 70 Menschen getötet und viele schwer verletzt wurden?
Voraussetzung für eine Religionsphilosophie ist: Gott ist ein Name, der wesentlich auf ein Unbedingtes, auf ein Geheimnis hinweist. Deswegen ist Gott nie „zu fassen“ und „festzulegen“. Menschen können immer mit dem Unbedingten, diesem Geheimnis des Lebens, verbunden sein und sich in allen (!) Situationen darauf beziehen, denkend, vertrauend, „Zuflucht nehmend“, wie auch Buddhisten sagen, sich dem ungreifbaren Lebensgrund überlassen…
Aber dieses göttliches Lebensgeheimnis führt nicht zum völligen Verstummen.
Deutlich ist: Der Täter, hat aus ideologischen Gründen gehandelt, er ist ein Rechtsradikaler, voller Hass auf „den Islam“ und „den Marxismus“; er ist ein Mensch, der die Identität, die Abgrenzung von anderen, die Herabsetzung „der anderen“, fanatisch durchsetzen will.

– Warum hat Gott nicht eingegriffen und die Unschuldigen geschützt?. Eine Frage, die immer wieder bei Katastrophen gestellt wird.

Die entscheidende Frage ist aber: Kann man sich bei klarer Vernunft Gott vorstellen, als einen „Jemand“, der mal hier und mal dort eingreift? Also völlig willkürlich handelt, indem er beispielsweise die Jugendlichen auf Utöya schützt, aber aus welchen Gründen auch immer die jetzt in Somalia verhungernden Hunderttausend eben nicht himmlisch eingreifend versorgt. Sollte dieser Gott im Ernst ausnahmsweise mal dem fanatischen Mörder auf Utöya das Gewehr aus dem Arm schlagen? Aber nicht den fundamentalistischen Terroristen, die den Transport von Hilfsgütern zu den krepierenden Menschen in Somalia und den angrenzenden Ländern jetzt verweigern?
Mit anderen Worten: Die Vorstellung, Gottes starker Arm greift auf Erden mal hier, mal dort helfend ein, ist philosophisch nicht vertretbar. „Willkürlich“ und „göttlich“ lassen sich philosophisch nicht in Einklang bringen.
Hingegen wird in der katholischen theologischen Tradition behauptet, Gott könne die von ihm geschaffenen Naturgesetze auch wieder durchbrechen, etwa bei Heilungswundern in Lourdes. Da wird letztlich der willkürlich handelnde Gott verehrt: Der Herrn Schulz wird plötzlich geheilt, Frau Müller aber nicht. Wie „begrenzt“ dieser die Naturgesetze durchbrechende Gott dann aber doch handelt, sieht man daran: Abgetrennte Organe, etwa die fehlende Hand, der fehlende Arm, sind auch in Lourdes nicht nachgewachsen.

– Gibt es also nichts „Wunderbares“?

Das einzig Erstaunliche ist philosophisch betrachtet: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Wer sich auf diese Frage denkend einlässt, erreicht das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, der Existenz. Er nimmt wahr, dass diese Welt endlich, begrenzt, ist, dass er Teil dieser endlichen Welt ist; dass er aber als Mensch denkend und meditierend das Unbedingte berühren kann, ohne es umgreifen zu können, ohne es manipulieren zu können. Der Philosoph Martin Heidegger nennt dieses „Gründende“ etwa das „Sein“. Auch Heidegger spricht von „Geheimnis“, dem man eben nicht mit einem Wunderglauben begegnen kann.

– Welchen Gott verehrt ein mörderischer Täter?
Soweit man das jetzt auch schon im Blick auf Norwegen sagen kann: Der mutmaßliche Täter war tief überzeugt, Gott auf seiner Seite zu haben, absolut recht zu haben. Er handelte aus einem rechtsradikalen Wahn, der wie eine absolute, religiöse Überzeugung erscheint.
Aber: Dieser Wahn, „die Wahrheit zu haben“, entsteht nicht automatisch, er wird auch erzeugt, wird gemacht, gelehrt, verbreitet, auch gepredigt, z.B. wann immer eine Kirche oder Religionsgemeinschaft ihren Anhängern einredet und „einbläut“: Nur sie seien auf dem einzigen richtigen, gottgewollten Weg. Dann wird der Boden für Terrorismus vorbereitet: „Wir sind die Guten, auf der anderen Seite stehen die Falschen, die Bösen, die Irrenden, die Gottlosen“.
Worte wie „allein selig machend, allein wahr, die wahre Kirche“ usw. sind gefährlich. Das schließt aber nicht aus, dass ein einzelner Frommer seinen Glauben als den für ihn ganz persönlich einzig wahren Glauben pflegt. Sozusagen als seine subjektive Wahrheit. Aber diese Überzeugung ist völlig privat. Sie sollte nicht als die für einen Staat und eine Gesellschaft allein geltende Wahrheit durchgesetzt werden. Mission und Terror waren schon oft verbunden, man denke an den Völkermord, der im Namen des Evangeliums an den indianischen Völkern Amerikas begangen wurden. In der Wahnphantasie des Täters in Norwegen am 22.7. 2011 kommt bezeichnenderweise das Wort „Kreuzritter“ vor…

– Darf also Gott im öffentlichen Leben keine Rolle spielen?
Der Philosoph Immanuel Kant hat Entscheidendes gesagt: Das Unbedingte, Gott, spricht im Gewissen; das Unbedingte, Gott, „spricht“ im Kategorischen Imperativ. Darum: Jedes einzelne menschliche Handeln muss sich stets prüfen, ob es allgemeines Gesetz werden kann.
Das Unbedingte, Gott, spricht in der philosophischen Einsicht, den anderen Menschen niemals als Mittel für meine persönlichen Zwecke zu missbrauchen. Nicht nur Toleranz, sondern Respekt vor dem Leben jedes anderen ist die Basis. (Darum ist, nebenbei gesagt, das zugelassene Massensterben in Somalia jetzt auch Ausdruck für ein respektloses Umgehen der reichen Nationen mit diesen arm gemachten Menschen dort). Respekt als Maßstab gesellschaftlichen Miteinanders soll eingeübt und gelehrt werden, das ist die philosophische Haltung.
Gott ist also primär im Bereich der Ethik zu entdecken, so Kant, und nicht in Spekulationen, ob Gott denn hier oder besser dort himmlisch eingreifen sollte. Solchen „Wunderglauben“ hat Kant als spinös und unvernünftig zurückgewiesen. Philosophen tun das noch heute.

Darüber sollte man diskutieren:
Wir brauchen keine an Wundern orientierte Frömmigkeit; wir brauchen nicht den Glauben an einen Gott, der einige freundlicherweise rettet, viele andere aber unfreundlicherweise nicht rettet.
Wir brauchen Religionskritik, um den wahren Gott vor den weit verbreiteten und kirchlich gepflegten infantilen Gottes – Vorstellungen zu schützen.
Wie brauchen weniger Religionen, die die Wahrheit gepachtet haben und von Abgrenzungen und Ausgrenzungen leben.
Wir brauchen Bildung, Kritik und Selbstkritik, Einübung ins Mitgefühl…Und das rigorose gesetzliche Verbot, privat Waffen zu besitzen.
Das stellen wir zur Diskussion: Die tiefe, persönliche und intellektuelle Kenntnis der Menschenrechte ist in der heutigen Welt wichtiger als die Kenntnis religiöser Traditionen. Über die Menschenrechte erkennen sich Menschen als „Brüder und Schwestern“ und werden angehalten, diese Erkenntnis politisch „umzusetzen“.

Was in jedem Fall außer Frage steht: Das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen. Die geistige Hilfe, die Mitmenschen ihnen bieten, trotzdem weiter Ja zum Leben zu sagen.. auch angesichts der Katastrophe, darauf kommt es an.
copyright: christian modehn berlin. religionsphilosophischer-salon.



Von der Notwendigkeit der Muße

15. Juli 2011 | Von | Kategorie: Denkbar

Von der Notwendigkeit der Muße
Vom zweckfreien Genießen des Daseins
Von Christian Modehn
(Diese „philosophische Meditation“ geht auf eine Radiosendung im NDR Juli 2011 zurück)

Eine meiner Freundinnen beschäftigt sich mit der europäischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Sie ist davon so begeistert, dass sie mich gelegentlich zu privaten Führungen in Museen einlädt. Vor einigen Wochen traf ich Karla in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. „Heute habe ich eine Überraschung für dich“, sagte sie. Und wir gingen gleich los, vorbei an den Arbeiten von Menzel, Feuerbach und den Meistern des Impressionismus. „Jetzt sind wir am Ziel“, sagte sie und wies auf das Gemälde „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich. „Du hast es sicher schon mehrfach in Büchern gesehen“, flüsterte sie mir zu. „Aber jetzt schalte mal ab und schau das Gemälde an“.

Überrascht von ihren pädagogischen Anweisungen setzte ich mich brav auf eine Bank direkt dem Bild gegenüber. Je länger ich mich auf das Gemälde konzentrierte und das Spiel der Farben betrachtete, um so mehr glaubte ich, in die Welt des Bildes einzutreten. War ich mit ihr eins geworden? War ich aus der Zeit ausgestiegen? Später, in der Cafeteria, merkten wir, dass wir eine gute halbe Stunde mit dem Gemälde „Der Mönch am Meer“ verbracht hatten. „Ich wollte, dass du dir mal einen Museumsbesuch in Ruhe und Beschaulichkeit gönnst“, sagte Karla. „Das oberflächliche Rennen von Bild zu Bild ist doch ein Graus. Es bringt keine neuen Erkenntnisse“.

Wir tauschten unsere Eindrücke aus, wie z.B. die Mitte des Bildes von dem bedrohlichen Meer mit dem schwarzen Wolkenhimmel erfüllt ist. „Aber das Dunkel wird vom Licht begrenzt“, meinte Karla, „das ist mir so wichtig. Diese Helligkeit lebt! Sie entsteht, geht auf … und trotzt der Finsternis“. „Und der Mönch?“, fragte ich. „Er ist wie alle Menschen im Ganzen des Kosmos nur eine winzige Gestalt“, sagte sie. Der Mönch stehe zwar aufrecht, sei aber doch leicht gekrümmt. Er wirkt zerbrechlich inmitten einer bedrohlichen Welt.

An diese Unterbrechung des Alltags denke ich noch oft. Es war eine Zeit, ausgefüllt mit stillem Sitzen, Nichtstun und Warten. Ob mir eine kluge Inspiration kommt oder nicht, war mir wohl in dem Augenblick egal. Im Verweilen vor dem Gemälde sammelte sich der Geist, konzentriert einen Punkt hin. Das habe ich selten erlebt. Diese halbe Stunde der Muße war ein Geschenk, alles andere als vergeudete Zeit.

Seit dem Zeit schaue ich die Menschen um mich herum aus einer anderen Perspektive an als zuvor: Die Leute auf der Straße hetzen aneinander vorbei, sie haben offenbar nur eins im Sinn: Bloß keine Zeit zu verlieren! Pünktlich zu sein, damit ihr so genanntes Zeitmanagement nicht durcheinander gerät. Denn „Zeit ist Geld“. Dieser Spruch wurde von dem amerikanischen Politiker und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin vor 250 Jahren formuliert; seine Maxime gilt seitdem als Inbegriff der Weisheit für die moderne Gesellschaft.

Auf den 100 Dollar Scheinen ist Franklin, einer der Gründervater der Vereinigten Staaten, abgebildet. So werden die Menschen ständig daran erinnert, die ihnen geschenkte Lebenszeit effektiv zu nutzen, und das heißt: in Geld zu verwandeln. Wie oft hört man im Elternhaus und in der Schule: Trödle nicht herum! Hör auf zu dösen, lass das Träumen am helllichten Tag. Mein Vater forderte: Mach was aus deiner Zeit: Lese, übe Klavier. Meine Tage und Stunden waren schon in der Jugend voll gestopft von Terminen. Nichtstun, Ruhigwerden, Muße, dies waren Fremd -Worte, die nur für Einsiedler und Mönche Gültigkeit hatten. Heute weiß ich: Manchmal dauert es Jahre, ehe man sich aus dieser von Hektik und Stress geprägten Welt befreit. Du musst immer schnell sein, effektiv und erfolgreich. Dieses Dogma gilt heute unerschütterlich weltweit.

Der amerikanische Psychologe Robert Levine hat eine „Landkarte der Zeit“ veröffentlicht; ein Buch, das inzwischen als Standartwerk gilt. Es untersucht die Frage: Wie gestalten Menschen in unterschiedlichen Staaten die eigene Lebenszeit. Am schnellsten, so Robert Levine, laufen die Menschen in West – Europa, Nordamerika und Ostasien. Spitzenleistungen im hastigen Gehen vollbringen Schweizer, Iren und Deutschen, vor allem aber Japaner.

Wenn diese vom Dauerstress geplagten Menschen gefragt werden, wie denn ihre Zukunft aussieht, denken sie an die bevorstehende Arbeit, hat Levine beobachtet. Und Vergangenheit ist für sie vor allem Erinnerung an erledigte Arbeit und erfolgreiche Leistung. Diese Menschen antworten auf die Frage, ob sie Mittwoch in zwei Wochen eine Einladung annehmen können, mit den Worten: „Das klappt, da habe ich noch nichts“. Sie sind glücklich, wenn ein leerer Fleck auf dem Terminkalender gefüllt wird. Der Soziologieprofessor Hartmut Rosa von der Universität Jena hat beobachtet, dass immer mehr Menschen wie in einem sich ständig drehenden Hamsterrad lebten: Das läuft und läuft und erzeugt nur Leerlauf, keiner weiß eigentlich, warum sie das Rad ständig drehen.

Handys und Blackberrys verführen zu permanenter Ruhelosigkeit. Die Journalistin Elisabeth von Thurn und Taxis, 29 Jahre alt, hat kürzlich im „Zeitmagazin“in aller Offenheit ein Bekenntnis abgelegt:

„Nur in einigen wenigen Momenten, im Urlaub, gelingt es mir, das Handy für ein paar Tage auszuschalten. Ich bin eine von diesen Blackberry – Abhängigen. Wenn ich es mal schaffe, in einer freien Minute nicht auf meinen Blackberry zu starren, vermerke ich das als gelungene Meditation“.

Ob ein paar freie Minuten ausreichen, zu einem anderen Lebensstil zu finden, der nicht von permanenter Hektik geprägt ist? Können wir es noch lernen, uns über Zeiträume zu freuen, die nicht gefüllt sind mit Arbeiten und Beschäftigungen oder Freizeitaktivitäten? Mit einem guten Bekannten, der eine philosophische Praxis der Lebensorientierung leitet, habe ich kürzlich über diese Frage gesprochen. Er meinte zu meiner Überraschung: „Das liegt daran, dass wir Langeweile nicht ertragen können“.

Aber Langeweile… ist das nicht ein trauriger Zustand, fragte ich. Da sitzt man zum Beispiel auf dem Bahnhof und muss zwei Stunden auf den nächsten Zug warten. Man läuft hin und her, schaut zwanzig mal auf den Fahrplan, versucht dann sogar den architektonischen Charme der schlichten Wartehalle zu entdecken, trinkt einen Tee nach dem anderen im stickigen Bistro, blättert in Illustrierten, schaut immer wieder erwartungsvoll auf den Bahnsteig: Diese zwei Stunden können zur Qual werden, wenn man sich vorstellt, was man alles verpasst: Termine müssen abgesagt, interessante Gespräche verschoben werden. Ist Langeweile nicht immer eine sinnlose Zeit?

„Das muss nicht sein“, meinte der Philosoph. „Wenn wir einmal freie Zeit haben, wenn uns also leere Stunden bevorstehen, wie ich gern sage, dann sollten wir sie zulassen und nicht aus Angst vor dem Untätigsein wieder mit Aktivitäten voll stopfen. Die Langeweile kann wirklich zu einer angenehm langen Weile werden, zu einer ausgedehnten freien Zeit, über die man sich freuen kann. Du hast doch jetzt noch über eine Stunde frei, sagte sie dann unvermittelt. Lies mal nicht, telefoniere mal nicht, mach gar nichts. Genieße diese bevorstehende lange Weile. Geh also in den Park, da ist es ziemlich ruhig. Setz dich auf eine Bank und tu nichts“.

Schon wieder bin ich an einen „Pädagogen“ geraten, dachte ich. Dabei fiel mir aber ein, wie gut mir der Museumsbesuch mit meiner energischen Kunst – Freundin getan hatte. Und so setzte ich mich auf eine Parkbank, umgeben von Rhododendron Sträuchern; eine leicht geschwungene Holzbrücke vor Augen. In dem kleinen See sah ich zwei Entenpärchen schwimmen, und, auch dies, ein paar Amseln piepsten. Und ich erinnere mich an den Gedanken: Jetzt bloß nicht sentimental werden. Darum schloss ich lieber die Augen und saß einfach nur da, still meinem Atmen folgend. Irgendwelche belanglosen Gedanken gingen mir zuerst noch durch den Kopf, doch dann wurde ich ganz ruhig. Ich dachte an nichts mehr. Und, so erinnerte ich mich später, die Zeit insgesamt war für mich stehen geblieben. Ich erlebte reine Gegenwart. Meine Verbindung mit der Zukunft wie auch mit der Vergangenheit war unterbrochen. Ich lebte ganz im Jetzt, in einer langen Weile, die nur Gegenwart bedeutete. Und diese stille Gegenwart war für mich nichts als wirkliches Lebendigsein.

Ich weiß noch, wie ich die Augen öffnete, und ich ein Gefühl der Dankbarkeit spürte, in diesem schönen Park einfach nur da zu sein, leben zu dürfen. Kann man das Leben selbst schmecken? Die Frage hätte ich früher albern gefunden, jetzt konnte ich sie bejahen. Später musste ich an den Philosophen Michael Theunissen denken, er hatte die Erfahrung der Muße und des kreativen Nichtstuns ein Verweilen genannt. Er dachte dabei an unsere Offenheit für das, was unser Leben trägt. Sinngemäß hatte er einmal geschrieben:

Das Verweilen ist der Versuch, ganz präsent, ganz gegenwärtig zu sein. Wenn wir uns auf diese Gegenwart hin sammeln, erleben wir eine Art Glückserfahrung, das Gefühl, aufgehoben, geborgen zu sein. Der Philosoph meinte sogar: Ewiges werde dann sichtbar.

Ich ging zurück zu meinem philosophischen Lehrmeister, um von meinen Eindrücken zu berichten. Er wollte aber gleich noch Grundsätzliches mitteilen: „Wir Menschen brauchen Auszeiten, wie wir heute etwas salopp sagen, also Stunden oder Tage, in denen wir aus der Zeit heraustreten und gewissermaßen außerhalb der Zeit sind“, sagte sie in leidenschaftlichem Ton. Nur so kann sich unser Geist regenerieren und unser Körper neue Vitalität entwickeln“.

Mein Philosoph kam dann fast ins Schwärmen, als er dann von ihrem letzten Urlaub berichtete: „Morgens überlegte ich nur, wohin ich so ungefähr wandern will“, erzählte sie, „aber da gab es auch keinen Druck, keine Pflicht. Manchmal ging ich nur ein paar hundert Meter, weil mich eine Landschaft so begeisterte, dass ich einfach sitzen blieb und nur schaute. Dann war der halbe Tag vorbei. Ich hatte in diesen Stunden das Gefühl, lebendig zu sein. Muße gelingt nur in der Langsamkeit, im eher zögernden als zielstrebigen Gehen, im Innehalten und Verweilen.

Die freie Zeit wie ein Geschenk annehmen. Das gelingt nicht von selbst; offenbar muss man den Umgang mit diesem Geschenk lernen. Muße ist ja nicht nur das stille Sitzen im Museum oder im Park, Muße ist auch das ruhige Gespräch, der Dialog, wo man einander zuhört, wo man sich Pausen gönnt, Zeichen dafür, dass man nachdenkt und gemeinsam eine bessere Erkenntnis sucht. Einfach um zu provozieren, hatte ich kürzlich einen Kollegen gefragt: „Na, hattest du denn heute schon etwas Muße?“ Er schaute mich groß an, dann sagte er. „Heute nicht. Aber gestern, da habe ich ehrenamtlich, wie man so sagt, in einem Hospiz zwei Stunden verbracht. Und bei einer Schwer – Kranken gesessen; still, ohne viele Worte, gelegentlich berührte ich Ihre Hand, manchmal befeuchtete ich ihre Lippen. Das ist für mich Muße! Übrigens, eine wunderbare Zeit auch für mich, eine Zeit zum Nachdenken, eine gute Möglichkeit, sich dem eigenen Tod zu stellen“.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich aus dem System der Hektik, der Schnelligkeit, der Atemlosigkeit zu befreien. Aber, so bemerkt der Soziologe Hartmut Rosa, dies gelingt nur mit einer gewissen Anstrengung. Er empfiehlt die so genannte Odysseus Strategie: Wie der Held der griechischen Sage muss man sich in gewisser Weise selbst fesseln, um den unendlichen Möglichkeiten des Freizeit Betriebes und der Unterhaltungsindustrie nicht zu verfallen. Odysseus musste sich vor den verführerischen Fabelwesen, den Sirenen schützen, sie waren seine tödliche Bedrohung. Heute bedrohen uns die vielen Angebote der Unterhaltungsindustrie seelisch, sie lassen uns nicht zum Nachdenken kommen, verhindern jegliche Form der Selbstwahrnehmung, sie beeinträchtigen unsere Lebensqualität erheblich.

Wenn Menschen offenbar freie, leere Zeiten so schwer ertragen können: Sollten sie sich dann vielleicht an verhaltenstherapeutische Übungen gewöhnen? Diese Überzeugung hatte kein geringerer als der vielseitig begabte französische Philosoph Blaise Pascal. In seinen Pensées, Gedanken, notierte er im Jahr 1660:

„Als ich es unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit zu betrachten, denen sich die Menschen zu Hofe und bei Kriege aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften erwachsen, hab ich mir gesagt: Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“.

Also schließ dich ruhig einmal in deinem Zimmer ein, meide die Welt der Vergnügungen und Unterhaltungen und denke über deine Lebenszeit nach. Ob diese eher rabiate Therapie, wie sie Blaise Pascal vorschlägt, hilfreich ist, um die Muße zu lieben zu lernen, ist fraglich. Der Philosoph Martin Heidegger setzte auf die Kraft der Erkenntnis: Und die beginnt mit dem Satz:

„Die dir gegebene Zeit ist dein Leben. Denn das menschliche Dasein ist zeitlich geprägt, mehr noch: Das Dasein ist selbst Zeit. Deswegen gilt: Sinnlos verbrachte Zeit ist sinnlos verbrachtes Leben“.

Kürzlich sah ich mich genötigt, diese Erkenntnis ein paar Jugendlichen verständlich zu machen. Ich hatte mich erneut auf meine meditative Parkbank an der hübschen Holzbrücke gesetzt und einfach nur die Natur betrachtet. Da kamen drei Jungs, vielleicht 16 Jahre alt, vorbei und grölten: O, da langweilt sich aber einer. Ich rief ihnen zu: Was ist denn für euch Langeweile? Da meinte einer: Wenn uns langweilig ist, gehen wir raus, machen irgendetwas Spontanes, wir müssen ja die Zeit irgendwie totschlagen.

Ich war darüber erst einmal tief bestürzt. Dann sagte ich: Wenn ihr eure Zeit totschlagt, dann schlagt ihr euch irgendwie auch selber tot, den die Zeit ist doch euer Leben. Die drei Jungs starrten mich einige Augenblicke an. Ob sie mich verstanden hatten? Ich will es hoffen. Sie zogen dann kleinlaut weiter.

Darin sind sich Pädagogen einig: Kinder sollten schon früh mit dem Gedanken vertraut gemacht werden: Langeweile muss man nicht vertreiben. Wenn das eine Spiel beendet ist, kommen Kinder oft laut schreiend zu den Eltern oder den Geschwistern und sagen: Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Da sollte man bloß nicht den Kindern das nächste Spiel zeigen oder gar zu, Zeitvertreib an den Computer schicken. Langeweile können auch Kinder schon aushalten. Sie kommen dann selbst auf neue Ideen, wollen ein Bild malen, ein paar Zeilen krakeln oder einfach nur auf dem Teppich liegen und träumen.

Oder sind diese Überlegungen schon längst überholt, gar naiv und idyllisch? Darüber sprach ich kürzlich mit dem türkischen Psychologen Kazim Erdogan im Berliner Bezirk Neukölln. „Langeweile voller Phantasie gestalten, genau darauf kommt es an, auch hier bei den türkischen und arabischen Jugendlichen“, meinte er. „Nicht die Mädchen, die Jungen müssen lernen, ruhig zu werden; sie müssen lernen, in kleinen Gruppen zu plaudern, zu musizieren, Sport zu treiben, sonst rennen sie bloß auf der Straße rum und dann machen sie irgendwelchen Unsinn“.

Lass die Langeweile zu, fliehe nicht vor ihr, hab keine Angst vor der leeren Zeit. Mit dieser Überzeugung begeleitet die Psychotherapeutin Verena Kast aus Zürich ihre Patienten, die „ausgebrannt sind“, unter burn out leiden und am Dasein zweifeln und verzweifeln, weil sie sich aus dem von Stress geprägten Arbeitsleben nicht befreien können. Der therapeutische Ansatz heißt dann: Hab Mut zur Langeweile. Verena Kast schreibt:

Um mit Langeweile umgehen zu können, müssen wir sie akzeptieren als ein sinnvolles Gefühl, als Übergang, zu neuen Interessen. Wenn es uns gelingt, uns mal darauf zu konzentrieren, dass uns jetzt gar nichts anspricht, dann kann eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von Innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu braucht es eben einen Mut zur Langeweile. Das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind; die haben etwas gemacht, die haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Und dann langweilen sie sich. Und sie wissen aber aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, dann wird wieder etwas Neues. Darum nutze die Muße, die du jetzt empfindest, lass diese Unterbrechung deines Lebensrhythmus zu, halte jegliche Aktivität fern. Dann lebst du auf.

Die Einsichten von Therapeuten, Philosophen und Soziologen lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Ohne Muße ist das Leben nicht lebendig. Ohne das Verweilen hat alles Tun keinen Sinn. Deswegen hat die radikale Forderung „Muße muss sein“ auch ihre Berechtigung. Natürlich ist es problematisch, in Fragen praktischer Lebensgestaltung, also auf dem weiten Feld der Ethik, das Wort Müssen zu verwenden. Nur in Freiheit und ohne Zwang können Menschen ein gutes Leben führen und wahrhaftig werden.

Aber heute haben wir eine extrem belastende Situation: Der Mangel an Muße, an Verweilen, an zweckfreiem Ruhen, führt zu schweren Erkrankungen, vor allem zum so genannten „Seeleninfarkt“. Davon spricht zum Beispiel der Psychotherapeut Joachim Galuska; er hat in Kliniken für psychosomatische Medizin aufgebaut. Mit anderen Therapeuten weist er darauf hin: Auch die Seele braucht intensive Pflege, sie braucht Ruhe, Stärkung; und die beste Medizin, die schon präventiv wirkt, ist die Muße. Ein Infarkt der Seele äußert sich in Depression, Angststörung, Schlaflosigkeit, Sucht. Um diese Seeleninfarkte zu behandeln mussten zum Beispiel im Jahr 2008 fast 29 Milliarden Euro ausgegeben werden.

Aber die Muße als Lebenshaltung wird natürlich nicht empfohlen, um die Krankenkassen zu entlasten. Muße muss sein, weil nur sie das Leben in seiner ganzen Fülle erlebbar macht, weil sie erfahrbar macht: Wir Menschen sind weder perfekt funktionierende Robotter noch Arbeitstiere.

„Ora et labora“, bete und arbeite, hieß das Lebensprinzip der Mönche im Mittelalter. Man könnte es modern formulieren: Genieße deine Muße und verweile in der Gegenwart. Und Arbeiten bleibt eine Not – Wendigkeit; aber pflege das zweckfreie Nichtstun. Nur so findest du deine Balance.
Copyright: christian modehn.



Neues zu den Legionären Christi. Juli 2011

14. Juli 2011 | Von | Kategorie: Legionäre Christi - Kritische Studien

Ein Wort zu der neuen Kategorie Legionäre Christi:

Unsere kritischen Studien über den Orden der Legionäre Christi und seinen Gründer Pater Marcial Maciel haben wir vor 8 Jahren begonnen.  Als religionsphilosophischer Salon, auch inspiriert von der französischen Tradition (Voltaire, Diderot, Rousseau usw.), ist es für uns normal, auch religiöse Bewegungen zu beobachten. Der Orden  „Legionäre Christi“ und mit ihm die Laienbewegung „Regnum Christi“ haben in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, etwa in Gestalt von kritischen Studien in Buchform, bisher kein Interesse gefunden, im Unterschied zu englisch sprachigen und spanischen/mexikanischen Publikationen. So sind unsere Beiträge viele hundert mal angeklicht, verbreitet und gelesen worden, weil sie die einzige Möglichkeit bieten, sich gründlicher zu informieren. Deswegen haben wir jetzt zur Erleichterung der Recherche eine eigene Kategorie „Legionäre Christi“ eingeführt, dieses Thema ist, das sei allen Philosophen sozusagen als Entschuldigung für diese Plazierung gesagt, ein eminent religions-philosophisch-kritisches.

Wir bitten zu beachten, dass die folgenden Beiträge zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden.

Christian Modehn am 9.2.2012. Für alle Beiträge: Copyright: Christian Modehn, Berlin.

……..

Neues zu den Legionären Christi
Verfasst im Juli 2011 Continue reading “Neues zu den Legionären Christi. Juli 2011” »



Eine lange Nacht der Theologie: Amsterdam kreativ

11. Juli 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Kreatives Amsterdam:
Die erste Nacht der Theologie
Von Christian Modehn

Die Amsterdamer lieben die Nacht. Wer hätte das gedacht? Nun haben auch die Theologen aller Konfessionen (!) ihre Liebe zur späten Stunde entdeckt: Sie haben in Amsterdam die „Erste Nacht der Theologie“ Ende Juni gefeiert. Inspiriert wurden sie dabei von den sehr erfolgreichen und längst etablierten „Nächten der Philosophie“ (immer im April!) und den „Nächten der Poesie“. Spät am Abend haben auch die Theologen etwas Appetit, und so wurde ihnen in den prächtigen Räumen der Hermitage (einem Museum nahe am Waterlooplein) ein so genanntes Drei Gang Menu serviert. Aber die Liebe zum leiblichen Genuss war doch nicht so wichtig wie die Liebe zur Theologie: Mehr als zweihundert Theologinnen und Theologen aus dem ganzen Land und vor allem aus allen christlichen Konfessionen hatten sich versammelt, auch eher atheistische Gottesleugner waren vereinzelt dabei. Sie wollten in einem anderen Rahmen diskutieren, plaudern, neue Kontakte knüpfen. Viele Interessierte mussten abgewiesen werden, weil es einfach keinen Platz mehr gab. Das ist erstaunlich in einem Land, das gern als Symbol für die westeuropäische Säkularisierung („Entkirchlichung“) hingestellt wird. Tatsächlich, so wurde auch diesmal deutlich, spielt die Theologie nicht mehr die Rolle wie noch vor 50 Jahren. Theologen wagen heute selten den Schritt in de Öffentlichkeit, heißt es. Aber die versammelten TheologInnen beweisen doch: Die Kreativität ist noch da, man denke etwa an Manuela Kalsky, die Protestantin, die bei den Dominikanern vor allem die multireligiöse Bindung studiert oder an die Bemühungen, die Theologie als kirchenunabhängige Religionswissenschaften des Christentums zu etablieren. Es wurden in der Nacht auch besonders kreative theologische Werke eigens gepriesen und geehrt: Frank Bosmann etwa, der von Tilburg aus als „twitterender und bloggender Theologe“ geehrt wurde oder Marcel Barnard und Gerda van de Haar für ihr Buch „ Die Buch kulturell betrachtet“. Es wurde als das beste theologische Buch von der Jury ausgewählt. Ihre Arbeit bietet eine komplette Übersicht über den Einfluss der Bibel auf die Kunst des 20. Jahrhunderts. Wann erscheint eine deutsche Übersetzung?
Auf musikalische Intermezzi wollten die Theologen nicht verzichten, und sie entdeckten ein originelles Orchester, eine Gruppe von musikalisch hochbegabten Obdachlosen. „Echte Theologie liegt auf der Straße und nicht in einem Museum“, sagten sie, kritische Worte, in Holland willkommen, wie überhaupt die theologische Nacht in dieser Melange aus fröhlichem Speisen und leidenschaftlichem Diskutieren, aus Ernst und Ironie ein typisch holländisches Ereignis war. Man kann aus der Ferne nur neidisch fragen: Ob so etwas auch Theologen in Deutschland einmal organisieren?

Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der freisinnigen Remonstranten Kirche, ist einer der Inspiratoren und Organisatoren der Nacht der Theologie, er schreibt uns:

„Unsere Nacht der Theologie kennt ähnliche Veranstaltungen, wie die Nacht der Philosophie. Wir haben abends begonnen und das Fest ging bis spät in die Nacht. Die Hermitage ist mehr als ein Museum, sie wird auch genutzt für Staatsbankette, zu dem Gebäude komplex gehört auch das Zentrum der Protestantischen Kirche Amsterdams mit seinen Einrichtungen zur Diakonie. Als Hauptthema hatten wir ausgewählt: „Theologie geht über alles“. Das war vielleicht auch eine Provokation. Wir wollen bald überlegen, wie wir im nächsten Jahr weitermachen, vielleicht sollten wir auch die nichtchristlichen Theologien beim nächsten Mal einbeziehen“.



Ist „das System“ reformierbar? Perspektiven aus Mexiko

10. Juli 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Mexikanische Friedensbewegung:
Wer kann das „System“ verändern?
Wenn die Opfer öffentlich sprechen und der Dialog beginnt.
Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko – Stadt im Juli 2011

Etwas für Mexiko bisher Undenkbares ereignete sich am Vormittag des 23. Juni. Im historischen Stadtschloss begannen Vertreter der neuen Friedensbewegung (“Bewegung für Frieden in Menschenwürde und Gerechtigkeit”) einen öffentlichen Dialog mit der Regierung. Er wurden die drei Stunden life im Fernsehen bundesweit übertragen. Beim Regierungsantritt vor dreieinhalb Jahren hatte die “öffentliche Gewalt” den Krieg erklärt dem “organisierten Verbrechen”. Letzteres ist inzwischen ein riesig gewachsener Wirtschaftszweig geworden mit Milliardenumsatz im Umfeld des Drogenhandels. Krieg beinhaltet Tote, inzwischen sin des über 40.000; viele wurden umgebracht in Kämpfen unter den Drogenkartellen, aber es gibt auch zu viele zivile Opfer. Sind diese Menschen bloß “unvermeidbare Nebenkosten”, wie sie im technokratischen Jargon genannt werden? Verzweifelte Mütter und Väter, Ehepartner, Verlobte, sie alle haben Ermordete zu beklagen. Ungezählte Opfer wurden zudem “irgendwo” verscharrt; immer neue Massengräber werden gefunden.
Wird der Schmerz der Angehörigen und die wachsende Empörung unter vielen einfach nur runtergeschluckt oder können und müssen sie rausgeschrien werden?! Genau hier ist der Auslöser der neuen Friedensbewegung zu sehen. Immer mehr Opfer geben Zeugnis, bewegen sich und schaffen eine Bewegung. An ihrer Spitze steht der Poet Javier Sicilia, der selbst einen Sohn verloren hat. Er ist glaubwürdig und kann Betroffenheit, Trauer und Wut in Worte fassen, die wiederum andere Opfer bewegen, ihren inneren Schmerz rauszulassen. Das bezieht inzwischen Tausende ein. Ein “dumpfes Empfinden” in der Gesellschaft, dass dieser Krieg eigentlich ein Wahnsinn ist, wird sprachfähig und dialogfähig: Vielleicht konnte nur ein Poet genau diese Veränderung bewirken.
Das machte den politischen Dialog einzigartig: Opfer gaben zuerst einmal ausführlich Zeugnis. Der Staats- und Regierungschef, mit Innen- und Sicherheitsminister und anderen hohen Beamten des Sicherheitskabinetts hörten zu und antworteten. Es stiessen extrem verschiedene Logiken aufeinander: Sachrationalität gegen Betroffenheit, Gemeinsinn – Argumente gegen Systemzwänge. Es wurde jedoch zumindest argumentiert, zugehört und vor allem eine weiterführende Agenda vereinbart. Damit ist noch keine Lösung da, aber es gab einen Beginn. Zugleich ist die Skepsis groß: Sind wirklich Veränderungswille und Veränderungsmöglichkeiten vorhanden?
Zu einen gibt es die äusseren Bedingungen. Die mexikanische Regierung hängt fast total vom “Big Brother” im Norden ab: 70 % der Drogen werden in den USA konsumiert. Wenn Bedarf ist, dann gibt es eben auch Produktion und Handel: Das entspricht der kapitalistischen Marktlogik. Und damit gibt es auch Gewinn: die Milliardenumsätze werden durch die dortigen Banken in den Finanzkreislauf gebracht. Zugleich beinhaltet ein Krieg auch Waffenhandel und damit erneut unglaublich viel Gewinn. Ein Nationalstaat ist in solchem Kontext schon lange nicht mehr souverän. Im Alleingang kann Mexiko dieses riesige Problem nicht lösen.
Bei dieser Erkenntnis werden jedoch schnell zentrale Mitursachen des Problems nicht genügend aufgegriffen. Im Dialogprozess haben das sehr deutlich Mütter und Väter von ermordeten Jugendlichen ausgedrückt: “Ist unser derzeitiger Staat mit seinen überforderten Strukturen überhaupt noch fähig, reale Zukunftsmöglichkeiten zu schaffen für Millionen von jungen Leuten?”
Mexiko ist ein Land voller junger Menschen: Mehr als die Hälfte der 112 Millionen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre und davon befinden sich 29 Millionen befinden im schulpflichtigen Alter. Jedoch dieses Schulsystem knirscht an allen Ecken. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Lehrergewerkschaft im öffentlichen Schulsystem. Sie ist die zahlenmässig grösste und politisch mächtigste in Lateinamerika. In Mexiko ist sie Staat im Staate, ohne interne Demokratie und mit einer hochkorrupten Funktionärsklique. Diese bestimmt die Staatssekretäre im Erziehungsministerium, diese dann die Schulräte, diese dann Schulrektoren, etc. So schaffen sie es, Planstellen zu verschachern, Kontrollen der Lehrerqualität unterbinden, etc. Damit das funktioniert wurde eine eigene politische Partei geschaffen (“Nueva Alianza – Neue Alianz”). Sie ist der Verhandlungsarm mit der Regierung, die seit dem Beginn ihrer Amtszeit ohne Parlamentsmehrheit ist, und deshalb zur Regierungfägigkeit solche “Zünglein an der Waage” benötigte. Deshalb wurde das Erwähnte als “politischer Pakt” diskret vereinbart und durchgezogen. Durch gezielte Indiskretion kam er in diesen Tagen ans Licht der Öffentlichkeit. Und es gibt erneut Grund, dass immer mehr “…die Schnauze voll” haben.
Und was ist dann nach der Schulpflicht? In diesen Tagen suchen über eine Million junger Leute nach ihrem Schulabschluss einen Arbeitsplatz. An formaler Arbeitsmöglichkeit (mit Vertrag, Versicherung, etc.) sind jedoch nur weniger als ein Drittel des realen Bedarfs vorhanden und zumeist schon ausgehandelt unter Bekannten. Dabei hatte der jetzige Regierungschef im Wahlkampf sich als “Präsident der Arbeitsplätze” propagiert. Also zwei Drittel der Schulabgänger versuchen “irgendwie und irgendwo” zu jobben: im Millionenheer der Schattenwirtschaft als Schwarzarbeit in den Millionenstädten oder ohne Papiere als Gastarbeiter in die USA. Aber dort ist seit 2 Jahren wegen der Finanzkrise die Luft raus aus dem Arbeitsmarkt. Also, wohin und was?! Ein Teufelskreis wird sichtbar: warum nicht jobben in der organisierten Kriminalität?!
Das Schul- und Bildungssystem und vor allem auch das Wirtschaftssystem sind Schlüsselthemen im Dialogprozess über das Gewaltproblem. Wenn zur Gewalt neue Lösungen gefunden werden müssen, dürfen Systemveränderungen in Bildung und Wirtschaft nicht tabuisiert werden. Das ist kompliziert, denn es sind gewichtige Machtinteressen im Spiel. Genau deshalb ist die Skepsis auf allen Seiten groß.
Ernst gemeinte Dialogprozesse sind nicht einfach. In Deutschland wurde ein solcher in Stuttgart bezüglich “S 21” begonnen. Die deutsche Katholische Kirche hat jetzt ebenfalls einen Dialogprozeß eingeläutet. Systemveränderungen sind bitter notwendig! Sind sie jedoch auf dem Dialogweg möglich? Wird es Ergebnisse geben? Welche?
Wer über solche Zusammenhänge nachdenkt, dem kommt der Mythos vom Sisyphos im Sinn. Der Überhebliche, der es wagte ins “Göttersystem” sich einzumischen, wurde bestraft, einen Felsblock den Gipfel hoch zu rollen, ohne je es zu erreichen. Ist Gesellschaftserneuerung und damit verbundene Systemveränderung, ob Kirchen-, Gewerkschaft-, Verkehrs-, Wirtschafts-, Finanzssystem oder welches auch immer, solch eine Sisyphusarbeit und damit letztlich absurd?
Danach wurde der Poet und sozialer Kämpfer Sicilia in verschiedenen Interviews gefragt. Und er antwortete im folgendem Sinn: “Sicher denke ich manchmal so und die philosophischen Reflexionen von Albert Camus kommen mir in den Sinn. Aber dann kommt im Innern hoch: Nein! Als Mensch, Bürger und Christ mache ich nicht etwas letzlich Absurdes! Mich inspiriert dann Galilei mit seinem trotzigen: ‘Und sie bewegt sich doch!’ Unsere so fatale Realität ist bewegbar, wenn auch unser Weg lang ist und voller Steinbrocken, die beseite geschafft werden müssen. Dann spüre ich und weiss es immer klarer: Wir sind betroffen und empört und das sind immer mehr. Zudem vernetzen wir uns immer besser. Bei Gesprächen untereinander in unseren Friedensmärschen erinnern wir uns an eine afrikanische Weisheit, die seit langem unseren Basisgemeinden langem Atem schenkt: Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine, aber vernünftige Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern!”



Der Papst: Oberster Bischof und Staatschef. Zu einem neuen Buch von Corrado Augias

10. Juli 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik, Theologische Bücher

Der folgende Text ist eine „etwas längere Fassung“ eines Beitrags für NDR INFO am 10.7. 2011.

Buchbesprechung:
Die Geheimnisse des Vatikan
Von Christian Modehn

In einigen Wochen, Ende September, wird Papst Benedikt XVI. Berlin, Erfurt und Freiburg im Breisgau besuchen. Dabei wird eine Frage viel zu selten diskutiert: In welcher Funktion unternimmt eigentlich der Papst seine so genannten „apostolischen Reisen“, die er auch gern „Pilgerfahrten“ nennt. Wann tritt der Papst als spirituelles, geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche auf? Und wann äußert er sich als ein Politiker von höchstem Rang, nämlich als Repräsentant des „Heiligen Stuhls“ in Rom, dem der Staat Vatikanstadt untersteht. Ist der Papst also in erster Linie Theologe und Seelsorger oder doch mehr Diplomat und Politiker? Auf diese Fragen gibt ein neues Buch Antwort, es hat den Titel: „Die Geheimnisse des Vatikan“

Mit seinem Buch „Die Geheimnisse des Vatikan“ will der italienische Journalist Corrado Augias keine finsteren Schauergeschichten verbreiten. Entscheidend ist der Untertitel „Eine andere Geschichte der Papststadt“. Der vielseitig gebildete Autor bietet einen gründlichen Einblick in die Geschichte Roms und der Vatikanstadt. Aber immer sind seine Beschreibungen der Renaissance Paläste oder der barocken Prunk – Kirchen von der zentralen Frage geleitet: Wie äußerte sich dort politischer Einfluss und geistliche Macht der Päpste? Seit dem frühen Mittelalter hatte das Papsttum ein doppeltes Gesicht: Der Bischof von Rom wollte als maßgebliches Staatsoberhaupt in allen ethischen Fragen das Leben aller Menschen weltweit bestimmen; gleichzeitig wollten die Päpste auch als die fürsorglich agierenden Hirten der Gläubigen erscheinen.

Die Pointe dieses umfangreichen Buches ist: Jeder Papst verhält sich je nach Situation einmal als geistliches Oberhaupt, ein anderes Mal als hochrangiger Politiker und Diplomat. Wehren Päpste das Priestertum der Frauen in der Kirche ab, sprechen sie als theologische Lehrmeister. Wollen sie, etwa in den Gremien der Vereinten Nationen, die Geburtenkontrolle verbieten, dann sprechen sie als Staatsmänner. Welche der beiden Funktionen ein Papst in den Vordergrund stellt, wird einzig von dem Kalkül geleitet: Was fördert die kirchliche Macht im Vatikan und was bringt die katholische Kirche voran? Diese Überlegungen waren maßgeblich für den Umgang Papst Pius XII. mit der Nazi Diktatur in Deutschland. Auch heute denken Kirchenfürsten in Kategorien der Überlegenheit und Unterordnung: Der Autor zitiert Erzbischof Rino Fisichella, er organisiert jetzt in päpstlichem Auftrag die „Neuevangelisierung Europas“:

„Der Staat muss Einmischungen der Kirche aufgreifen. Die Kirche hingegen, die sich auf höhere Prinzipien beruft, kann niemals Einmischungen des Staates akzeptieren“.

Dieses gar nicht so demokratische Denkmuster bestimmte über viele Jahrzehnte den Umgang des Vatikans mit den pädophilen Verbrechen durch Priester und Ordensleute, das Motto war: „Unsere Angelegenheiten regeln wir heimlich selbst“. Der Autor erinnert auch an die Verschleierungstaktiken vatikanischer Behörden bei der Aufklärung von Verbrechen im Umfeld der Schweizer Garde im Mai 1998. Augias schreibt:

„Drei Stunden nach dem Mord und noch vor den Ermittlungen, den Verhören usw. verbreitet der Vatikan bereits seine offizielle Version des Tat – Hergangs, so soll jeder Zweifel im Keim erstickt werden: Schuldig soll einzig der Vizekorporal Cédric Tornay sein. Weitere Hintergründe sollen nicht ermittelt werden“.

Das Buch „Die Geheimnisse des Vatikans“ liest sich fast wie ein Krimi, wenn man mit Schicksal der 15 jährigen Emanuela Orlandi konfrontiert wird, der Tochter einer Familie mit vatikanischer Staatsangehörigkeit. Das Mädchen wurde 1983 in Rom entführt. Der Vatikan hat die Ermittlungen des italienischen Staates massiv behindert und sogar terroristische Hintergründe herbeigeredet. Dem Vatikan war es äußerst peinlich, vermutet der Autor mit vielen anderen Beobachtern, öffentlich einzugestehen, dass das Mädchen von einem Priester missbraucht und anschließend ermordet wurde. Augias schreibt:

Diese Beispiele demonstrieren: Es gibt von vatikanischer Seite nicht die geringste Unterstützung bei polizeilichen Ermittlungen, keine Reaktion oder aber absolute Zurückhaltung bei Anfragen der Justiz.

Auch weitere „Geheimnisse“ werden in dem Buch dargestellt: Kein Außenstehender darf z.B. wissen, wie viele Milliarden Euro der italienische Staat jährlich dem Vatikan aufgrund des Konkordates überweist. Kein Journalist hat je erfahren, wie viele kriminelle Transaktionen über die Konten der Vatikanbank abgewickelt wurden.
Darum kann „Die andere Geschichte der Papststadt“ keine Sympathiewerbung für den institutionell verfassten Katholizismus sein. Der Autor lässt seine Enttäuschung über diese Zustände gelegentlich durchblicken. Er erwähnt aber auch die wenigen Katholiken, die den armen, den machtlosen Jesus nicht ganz vergessen haben; er findet diese kritischen Katholiken in den römischen Basisgemeinden und bei Mitgliedern einzelner Ordensgemeinschaften. Im ganzen gesehen aber kann Augias keine Verbindung mehr erkennen zwischen den machtgierigen Herren des Vatikans und der Gestalt, vom dem diese klerikalen Politiker so oft sprechen, von Jesus Christus.
Auch Benedikt XVI. wird sich in Deutschland als liebvoll lächelnder oberster Hirte zeigen … und als gewiefter Diplomat. Dass er im Deutschen Bundestag reden wird, hängt damit zusammen, dass er als „Völkerrechtliches Subjekt“ der Heilige Staat IST, der den Staat Vatikanstadt mit 500 Bürgern, leitet. Es spricht also im Bundestag ein Staatschef! In Lexika wird diese einmalige rechtliche Konstruktion (nirgendwo sonst IST eine lebende Person ein völkerrechtliches Subjekt!) des Heiligen Stuhls und der Vatikanstadt als „absolutistische Monarchie“ beschrieben. Wer also dem geistlichen Oberhaupt, dem Papst folgen will, folgt also gleichzeitig auch einem absolutistischen Herrscher. Er folgt einer Person, die ihm zugleich religiöse Weisungen und politische Vorschriften vorlegt, also etwa an die Gottheit Jesu zu glauben und die absolute Zurückweisung der Geburtenkontrolle zu akzeptieren. Es ist diese Doppelrolle, die heute demokratisch gesinnte Menschen nicht gerade zu Fans des Papsttums macht.

Corrado Augias, Die Geheimnisse des Vatikan. Eine andere Geschichte der Papststadt.
Aus dem Italienischen von Sabine Heymann. Verlag C.H. Beck, München 2011, 496 Seiten, 22,95 Euro.



Ein leidenschaftlicher Theologe. Paul Tillich. Eine Radiosendung

7. Juli 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise


Welche Spiritualität braucht Berlin? Dialog im Radial -System

6. Juli 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Termin: 14. September | 20 Uhr
Gastgeber: Ursula Richard, Literaturmanufaktur

Welche spirituellen Formen und Angebote braucht Berlin? Was kann eine urbane Spiritualität leisten?

Auch eine Großveranstaltung mit dem Papst kann nicht darüberhinwegtäuschen, dass die Bindung an die christlichen Kirchen nachlässt und ihnen die Mitglieder abhanden kommen, aber auch der Zulauf zu traditionellen Zentren östlicher Spiritualität ist rückläufig. Mehr als 50 Prozent der BerlinerInnen bezeichnen sich als konfessionslos. Doch gleichzeitig kann man feststellen, dass das Interesse an spirituellen Fragen und Erfahrungen gerade in Großstädten wie Berlin zunimmt. Was braucht Berlin, um diesen Bedürfnissen mehr Raum zu geben? Welche (neuen) Formen und Angebote einer urbanen, undogmatischen Spiritualität sind hilfreich und anschlussfähig? Wie können Respekt, Offenheit und Stille im Miteinander einer Großstadt gelebt werden?

Diese und weitere Fragen werden an diesem Abend näher beleuchtet und diskutiert von der Autorin und Verlegerin Ursula Richard (Autorin u.a. von „Stille in der Stadt“ (Kösel Verlag), dem buddhistischen Lehrer und Arzt Dr. Wilfried Reuter, Christian Modehn, Initiator des religionsphilosophischen Salons Berlin sowie In-Sun Kim, Leiterin des Interkulturellen Hospizes Berlin.