Monatsarchiv



Zur Buchmesse: Island: Wer glaubt da noch an Feen?

29. September 2011 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Die Buchmesse in Frankfurt am Main hat als Schwerpunktthema in diesem Jahr: ISLAND. Über diesen Link können Sie zu einem Interview mit der ISLAND Spezialistin Marie Krüger Berlin, kommen. Das Interview wurde in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM gedruckt. Wir weisen gern darauf hin, dass im Verlag Publik-Forum Probeexemplare der alle 14 Tage erscheinenden Zeitschrift bestellt werden können.

Das Interview mit Marie Krüger:

http://www.publik-forum.de/spiritualitaet-lebenskunst/artikel/ich-glaube-nicht-an-feen-20532



Das eine Notwendige: Gottesbeziehungen gründen nach Kant in der Ethik

26. September 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das eine Notwendige: Gottesbeziehungen gründen in der Ethik … und nicht umgekehrt.
Hinweise zu Kants Religionsphilosophie

Wir wollen einen kleinen Einstieg probieren in das nicht immer leicht zugängliche Denken Immanuel Kants. Aber, das sei versprochen, die Mühe lohnt sich, man sieht nach jeder Beschäftigung mit Kant immer etwas klarer…und differenzierter.

Wir beziehen uns auf das Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793. Kant lebte von 1724 – 1804).
Dieses Buch setzt die großen Hauptwerke „Kritik der reinen Vernunft“ und die „Kritik der praktischen Vernunft“ voraus.
Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Kant hat gezeigt: Von Gott kann vernünftig und für alle Menschen nachvollziehbar vor allem im Rahmen der praktischen Vernunft, also der Ethik, die Rede sein.

Kant betont:
Im Anruf des Sollens (also im Gewissen) erfährt der Mensch, jeder Mensch, einen unbedingten Anspruch, gut sein zu sollen. Dieser Anruf des Sollens führt zur freien Stellungnahme. Im Gewissen erlebt der Mensch eine fordernde Situation, so, als ob Gott spräche und wie ein Richter über die gute Entscheidung urteilt.

Wörtliches Zitat von Kant:
„Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu leben, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes“. (zit. aus der Religionsschrift)

Was bedeutet dieses merkwürdige Wort „Afterdienst“: Es ist „eine solche vermeintliche Verehrung Gottes …, wodurch dem wahren, von ihm selbst geforderten Dienste gerade entgegengehandelt wird“. Also zum Beispiel: Mit Bedrohung und Gewalt jemanden für den Glauben gewinnen, wie in der Kolonialzeit.

Darauf legt Kant allen Nachdruck: Allein das in mir vorhandene und von mir entdeckte, unbedingt geltende moralische Gesetz (Kategorischer Imperativ) ist auch die Quelle des Glaubens. Dem Kategorischen Imperativ zu entsprechen (aus Pflicht), ist darum der wahre Gottesdienst. Der kategorische Imperativ ist ein Kriterium für alle, jeder kann prüfen, ob seine Lebenseinstellung, seine Maxime, gut und wertvoll ist. Nur in dieser vernünftigen Prüfung wird die Menschheit ihrem Ziel näher kommen, nämlich der Gerechtigkeit, dem Frieden, der Freiheit für alle – in einer herrschaftsfreien Gesellschaft, natürlich auch ohne Klerus – Herrschaft.

Den Kern der Religion bildet nur der „moralische, die Seele durch Vernunft bessernde und erhebende Glaube“. Der Kirchenglaube, darf nicht selbst zum Glaubensartikel gemacht werden.

Kant will dafür sorgen, dass sich die Menschheit den wirklich dringenden Menschheitsfragen zuwendet.

Ein Kant Zitat:
„Glaubenssätze, welche zugleich als göttliche Gebote gedacht werden sollen, sind nun entweder bloß für uns zufällig und als Offenbarungslehren, oder moralisch, mithin mit dem Bewusstsein ihrer Notwendigkeit verbunden und a priori erkennbar, das heißt Vernunftlehren des Glaubens. Der Inbegriff der ersteren Lehren macht den Kirchen-, der anderen aber den reinen Religionsglauben aus.“

Der „reine Religionsglaube“ allein hat „Anspruch auf Allgemeingültigkeit (catholicismus rationalis)“. Jeder Kirchenglaube, „sofern er bloß historisch zufällige Glaubenslehren für wesentliche Religionslehren ausgibt“, hat „eine gewisse Beimischung von Heidentum; denn dieses besteht darin, das Äußerliche (Außerwesentliche) der Religion für wesentlich auszugeben“. Die kirchliche Autorität, nach einem rein äußerlichen Glauben selig zu sprechen, ist „Pfaffentum“, siehe auch den Artikel Glauben in Kant Lexikon von Rudolf Eisler, im Internet.

Kant protestiert gegen willkürlich festgesetzte religiöse Gebote und Verbote, beliebig von Hierarchen festgesetzte Glaubensregeln, die das Leben des Frommen bestimmen sollen.
Darin zeigt sich für Kant nur menschliche Willkür, die in der wahren Gottesverehrung nichts zu suchen hat.

So sieht auch Kant die religiösen Texte, etwa die Bibel, als historisch überlieferte Offenbarungen, die als historische Erzählungen keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit haben können. (Darin sieht man aktuelle Bezüge zur Kirche – Staat – Diskussion: Wer definiert die Moral? Die Kirche, die sich auf historisch zufällige Wahrheiten bezieht?)

Wer ist dann Gott für Kant?
Gott ist, aber nur als Idee, „in uns“, „in der moralisch-praktischen Vernunft …, aber nicht als ein Wesen außerhalb der Menschen. „Gott ist nicht eine Substanz, sondern die personifizierte Idee des Rechts und Wohlwollens“.
Gott ist „nicht Substanz außerhalb meiner Gedanken“, „nicht ein Wesen außer mir, sondern bloß ein Gedanke in mir“. So Rudolf Eisler, Kantlexikon, auch im Internet.

Kant kann sich Jesus Christus als Gestalt des vollkommenen Menschen (außerhalb von uns eigenständig lebend) vorstellen. Wichtiger ist für Kant, Jesus als ein inneres Ideal wahrzunehmen, das uns inspiriert.

Kants Hoffnung ist, dass eines Tages die Menschen auf Erden friedlich vereinigt sein werden, wenn sie den Tugendgesetzen folge.
Der dogmatische Kirchenglaube wird verschwinden, es wird nur der ethisch reine Glaube übrig bleiben.

Die moralische Religion, gegründet auf die Ethik, kann allen Menschen als nachvollziehbar vorgelegt werden. Alle Menschen als Wesen der Vernunft können diese philosophische Erkenntnis leisten.

So wird das zentrale Anliegen Kants gelöst: Den Menschen aus Fremdbestimmungen, bloßem Autoritätsglauben, zu befreien. Wenn Gott in mir spricht, gibt es keine Fremdbestimmung, meint Kant.

Nur moralisches Leben ist Gottesdienst.

Noch mal Kant:
„Andachtsübungen und Liturgien bewirken nicht das ethisch gute Leben. Die Frommen machen sich alle etwas vor. Etwa wenn Prälaten über den Staat herrschen wollen, stehen sie auf demselben Niveau wie die Schamanen und Tungusen (offenbar ein Südseestamm, so glaubte Kant). In Manfred Kühn, Kant s 430.

Einige Frage:
Vonseiten christlicher Philosophie und Theologie wird die autonome Ethik Kants relativiert. Der katholische Theologe Hans Kessler (Frankfurt M.) schreibt: „Doch ist – etwa wenn Einsatz für Fremde mit eigenem Verzicht und schweren Einbußen verbunden ist – die Motivationskraft einer philosophischen Ethik nicht so stark wie die einer religiös, zumal einer monotheistisch begründeten Ethik. …
Viele Texte im Neuen Testament laden zu einem altruistisch – zuvorkommenden Handeln ein, weil der Not leidende Mensch es braucht, etwa im Gleichnis vom barmherzigen Samaritan und weil ich selbst schon grundlos – unverdient Güte (von Gott) empfangen habe. Diese Dankbarkeit ist die eigentliche Motivation einer an Jesus orientierten Ethik. Der Mensch, der sich von Gott unter allen Umständen angenommen weiß (?), ist zu mehr Annahme seiner selbst und des anderen befreit und gerufen. Dabei ist das Primäre die Vorgabe oder die Zusage vorbedingungsloser Liebe (=Ich darf), nicht die Moral (= Ich soll)“ .
in: „Wiederkehr des Atheismus“, Herder Verlag 2008, s 65).

Fragen, die Kant stellen würde:
Aus welchem Grund handelt der religiös Motivierte? Ist der gute Wille entscheidend, aus Pflicht zu handeln?
Was ist, wenn ich mich nicht mehr von Gott geliebt fühle? Zerbricht dann meine Ethik?
Fühlt er sich der besonders Begnadete als der Bessere? Wertvollere?
Kann Dankbarkeit (gegenüber Gott) ein ethisch wertvolles Verhalten hervorbringen? Oder ist Angst dabei, als undankbar zu gelten?
Und vor allem: In dieser Ethik wird Gott von außen eingeführt. Er ist nicht wie Kant selbst, im Innern des Bewusstseins selbst „anwesend“.

Dieser Text ist als Einstimmung gedacht zum Salon am 30.9.2011

Copyright: Christian Modehn



Papst im Bundestag: Er beruft sich auf einen Historiker, dessen Bücher im Verlag der Piusbrüder verkauft werden

25. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Hielt der Papst eine Rede im Bundestag im Geist der Piusbrüder?
Wir haben schon die Rede des Papstes im Bundestag aktuell analysiert, dazu gibt es einen eigenen Beitrag auf dieser Website. Interessanterweise wurde die Rede, wenn sie vollständig abgedruckt wurde, wie in der FAZ, ohne die Fußnoten dokumentiert. Das ist äußerst bedauerlich, denn Papst Benedikt verweist unter insgesamt 5 Fußnoten gleich 3 mal auf ein Buch des Rechtshistorikers Wolfgang Waldstein, „Ins Herz geschrieben“, das ursprünglich im katholischen St. Ulrich Verlag, Augsburg, erschienen ist. Dort werden katholische Kirchenzeitungen verlegt, etwa auch für das Erzbistum Berlin. Dieses Buch von Waldstein wird aber ohne weiteres auch vom Verlag der traditionalistischen Piusbrüder Deutschlands (Sarto Verlag) vertrieben, dort kann u.a. alle Schriften des Gründers, Marcel Lefèbvre kaufen. Diese Information wurde am 25.9. um 14 Uhr auf der Sarto Website gelesen. Die Piusbrüder vertreiben selbstverständlich nur Bücher, die voll und ganz der eigenen Ideologie entsprechen. Das Buch von Wolfgang Waldstein entspricht offenbar dieser Ideologie. Hat der Papst also im Bundestag zumindest indirekt Positionen der Piusbrüder vertreten, die ja bekanntermaßen keine sehr großen Freunde der westlichen liberalen Demokratie sind? Es ist für den Papst äußerst blamabel, dass sein 3 mal zitierter Gewährsmann Wolfgang Waldstein ein enger Freud aus dem politisch sehr rechtslastigen kreuz.net ist, dort wird er 14 mal positiv erwähnt (gelesen am 25.9. um 14.30 Uhr), kreuz.net so meinen viele Beobachter, gilt als eine der übelsten polemischen Presseorgane. Es ist ein bißchen problematisch, dass der Papst sich in seiner Bundestagsrede auf einen kreuz.net Freund beruft.
copyright: christian modehn.



Warum die „neuen Atheisten“ den Glauben fördern. Radiosendung NDR Kultur

23. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Vor 5 Jahren erschien das Buch „Der Gotteswahn“ des englischen Biologen Richard Dawkins. Es wurde weltweit millionenfach verkauft und löste tiefe Irritationen aus: Ist der Glaube an Gott nichts als eine Krankheit, wie behauptet wurde. Lässt er sich allein von naturwissenschaftlicher Perspektive aus erklären? Ist er wirklich „überholt“? Inzwischen weisen kritische Atheisten und Philosophen die Position Dawkins und seiner Mitstreiter zurück. Und Theologen sind dankbar, weil sie jetzt klar erkennen: Es gibt die von Menschen gemachten und leidenschaftlich verehrten Götter tatsächlich. Heute heißen sie z.B. Erfolg“ und „Wachstumsgesellschaft“. So führt der „Gotteswahn“ zur Frage nach dem „göttlichen Gott“, wie die Mystiker sagen.



Gegen die Räuberbanden. Zur Rede des Papstes im Bundestag. Seine Hauptquelle wird vom Verlag der Piusbrüder vertrieben

22. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Gegen die „Räuberbanden“. Zur Rede des Papstes im Bundestag. Mit einer theologischen Nähe zu den Piusbrüdern.

Zu weiteren Beiträgen: Zu einem Buch Marco Politis klicken Sie hier.

Zur nahezu idolatrischen Verehrung Benedikt XVI. in Mexiko klicken Sie hier.

Zur Rede Benedikt XVI. im Bundestag klicken Sie hier.

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In seiner Rede im Bundestag kritisiert der Papst erneut die Demokratie und beruft sich auf einen Freund der alten lateinischen Messe , der dem Opus Dei nahe steht: Wolfgang Waldstein. Auf dessen Bücher bezieht sich Benedikt XVI. mehrfach, sie werden im Verlag der traditionalistischen Piusbrüder „Sarto“ angeboten und verkauft.

Der Papst hat in seiner Rede im Bundestag (am 22.9.2011) seinen neuen Gegner im modernen Europa benannt: Den (Rechts) Positivismus, also die Überzeugung, dass die Gesetze von Menschen in einer bestimmten Zeit nach entsprechenden Diskussionen „gemacht“ werden, also in gewisser Weise relativ sind: Damit rückt der Papst den Positivismus in enge Nähe zu seinem schon seit längeren bekannten polemischen Begriff der „Diktatur des Relativismus“, von der Benedikt XVI. z.B. kurz vor seiner Wahl zum Papst im Jahr 2005 ausdrücklich sprach.
Nun gilt es also für den Papst, die Herrschaft des Rechtspositivismus zu überwinden, indem er die deutschen Parlamentarier (und von da aus die ganze Welt) über die Grundlagen des Rechts belehrt. Dabei ist der focus der Papstrede: Das positive, demokratisch erarbeitete Recht sei einer höheren Rechts – Instanz, dem (klassischen griechisch- römischen Naturrecht) zu unterstellen.
Einleitend weist er auf seine Kompetenz in dieser Frage hin: Der Papst sieht sich als „Heiliger Stuhl“, d.h. als herausgehobener Bischof von Rom, der nach traditioneller katholischer Lehre die Staaten und Politiker belehren darf; im Bundestag nannte er das seine „internationalen Verantwortung“. Als dieser traditionelle Lehrmeister (= Heiliger Stuhl) will er, so wörtlich, „Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates vorlegen“.
Er erinnert daran, dass Staaten Gesetze schaffen können, die inhuman sind. Daran zweifelt niemand. Aber kann man die moderne positive Rechtsordnung mit dem Beispiel einer Diktatur relativieren, wenn nicht zur Seite schieben, wenn man, wie der Papst, auf das Ermächtigungsgesetz der Nazis (1933) anspielt? Weil hier Gesetzgebungsgewalt auf die Exekutive übertragen wurde. „Das beliebte Argument, das Ermächtigungsgesetz von 1933 belege die notwendige Selbstgefährdung einer jeden Demokratie, ist über die immanenten Stabilisierungsbedingungen von Demokratie so wenig aufgeklärt, dass es wider besserer Absicht antidemokratische Traditionen vertritt“, so die Philosophin Ingeborg Maus in „Enzyklopädie Philosophie, Meiner Verlag, Hamburg 2010, Band 2, Seite 1746). D.h. Der Papst rechnet nicht mit internen Stabilisierungsformen der Demokratie, er hält Demokratien a priori für schwach und fixiert sich auf das Abgleiten in Diktaturen. Dieses Abgleiten wiederum hat tatsächlich aber sehr viele komplexe Ursachen, sicher nicht bloß die vermeintliche Schwäche des demokratischen positiven Rechts.

Benedikt XVI. jedenfalls ist über die „immanenten Stabilisierungsbedingungen der Demokratie nicht gut informiert und schließt kurz: Überall, wo keine Naturrechte herrschen, so zitiert er seinen Lieblingstheologen Augustinus aus dem 4. Jahrhundert, werden Staaten zu „Räuberbanden“.
Wie kann ein „wahrer Staat“ entstehen, der niemals zur Räuberbande wird? Benedikt lässt keinen Zweifel daran: Nur in der Hochschätzung des Naturrechts, also einer philosophischen Lehre, seiner Meinung von der Stoa aus dem 2. Jahrhundert vor Christus gegründet. Diese „klassische“ Naturrechtslehre erkennt „das“ Wesen „des“ Menschen.
Es ist keine Frage, dass Demokratien heute den Wert der Menschenwürde respektieren und auch in ihre Verfassungen eingetragen haben.
Das weiß auch der Papst.
Aber er will mehr: Er sieht die Menschenrechte, also die moderne Form des Naturrechts, in der Bindung an den Schöpfergott begründet. Er behauptet, der Glaube an den biblischen Weltenschöpfer, sei der Hauptmotor gewesen in der Formulierung und Durchsetzung der Menschenrechte. Das ist historisch schlichtweg falsch, das weiß jeder (Historiker). Die Französische Menschenrechtserklärung von 1789 wurde aus philosophischen Überlegungen gegen die Kirchenhierarchie durchgesetzt. Die Päpste waren bis 1960 immer heftigste und deutliche Feinde der Menschenrechte. Sie wussten nicht, wie einer ihrer Nachfolger, dass die Menschenrechte vom Schöpfergott her stammen. Dann hätten sie diese ja verteidigt. Nebenbei: Bis heute hat der Vatikan nicht die Menschenrechtserklärung der UN anerkannt, aus formalen Gründen heißt es, aber offenbar will man diese formalen Hindernisse nicht überwinden. Das etwas großspurige Eintreten für Menschenrechte/Naturrechte aus päpstlichem Mund ist also heute höchst zwiespältig, manche nennen es verlogen.
Aber ein Einwand ist noch wichtiger: Indem Benedikt XVI. den Glauben an den Schöpfer – Gott zur Voraussetzung einer „wahren“ Rechtsordnung macht, will er unterschwellig die Hörer darauf vorbereiten: Der wahre Interpret der wahren Rechtsordnung bin ich, also der heilige Stuhl. Fragt bitte mich und meine Nuntien, was recht und gut ist, wenn ihr positive Gesetze macht, also etwa die Homo –Ehe einführt. Das hat der Papst so deutlich explizit in Berlin nicht gesagt, dazu ist er zu diplomatisch. Aber es ist als das Ungesagte eindeutig hörbar für alle, die die katholische Theologie kennen. In dieser Kritik am positiven Recht und der Behauptung, als Papst Spezialist fürs Naturrecht zu sein, äußert sich ein Machtanspruch eines religiösen Führers.
Bezeichnenderweise fragt der Papst in seiner Rede auch, ob das demokratische Mehrheitsprinzip ausreicht. Er glaubt nicht, dass es ausreicht! Was will er dagegen setzen? Die Antwort bleibt verschwommen, er will offenbar nur Zweifel wecken am demokratischen Mehrheitsprinzip, siehe oben das Zitat der Philosophin Ingeborg Maus. .
Der Papst erinnert an -einen im übrigen gar nicht so dogmatisch orthodoxen Kirchenvater- Origines aus dem 3. Jahrhundert: Er rief zum Widerstand auf gegen die damalige unmenschliche Politik; ruft Benedikt indirekt zum Widerstand auf gegen die demokratische „positivistische“ Kultur auf mit ihren Mehrheitsentscheidungen? Sollen also die „Besten“ herrschen, vielleicht nur die Minister, die Wenigen, die Klugen, die Philosophen? Über diese Demokratie Kritik des Papstes in Berlin wird noch lange nachzudenken sein.

Auffallend ist, dass der Papst auch in der auf die moderne Demokratie bezogenen Rede mit Vorliebe Theologen und Philosophen aus dem 3 und 4. Jahrhundert zitiert.
Diese Bezogenheit auf vordemokratische Denker mutet sehr befremdlich, manche sagen ein wenig senil an.
Und auffällig ist, dass er in der mir vorliegenden Redefassung (kath. Net, 22. 9. Um 21 Uhr) den großen demokratischen (!) und international respektierten Rechtsgelehrten Hans Kelsen (er stammte aus einer jüdischen Familie, geb. 1881 in Prag, später von Bürgermeister Konrad Adenauer als Prof. nach Köln berufen, emigriert, gestorben 1973 in Berkeley) nicht mit dem Vornamen nennt.
Viel wichtiger ist, dass der Papst nicht etwa aus einem Werk Hans Kelsens selbst zitiert, dessen Erkenntnisse er ablehnt, sondern sich ganz auf ein Buch des Rechtshistorikers Wolfgang Waldstein, geb. 1928, stützt und aus diesem zitiert. Wolfgang Waldstein war als traditionalistischer Katholik auch Professor an der päpstlichen Lateran Universität, er hat Aktionen „zum Erhalt der alten Tridentinischen Messe“ aus dem 16. Jahrhundert (dafür sind auch die Piusbrüder) gestartet: Er behauptete im Jahr 2000, die katholischen Bischöfe in Deutschland würden „eine Messe einführen, die nicht mehr katholisch sei“ . Darauf folgte dann die damals sehr heftig diskutierte Großanzeige in der FAZ gegen die deutschen Bischöfe. Peter Hertel weist in seinem Buch „Glaubenswächter“, S. 149, darauf hin, dass Graf Wolfgang Waldstein „in korporativen Vereinigungen des Opus Dei sprach“. Waldstein ist Mitglied der äußerst konservativen päpstlichen „Akademie für das Leben“ in Rom; er ist in der sehr konservativen theologischen „Gustav Siewerth Akademie“ tätig: Sie wurde z.B. von dem reaktionären Bischof und Papstfreund Kurt Krenn gemeinsam mit dem pädophilen Ordensgründer Marcial Maciel (Legionäre Christi) eingeweiht. Waldstein ist u.a. durch ein Interview mit dem Titel „Die Fristenregelung ist verfassungswidrig“ hervorgetreten.
Es ist hoch interessant, dass in der Papstrede im Bundestag Wolfgang Waldstein sozusagen als Inspirator und wissenschaftlicher Beleg verwendet wird, das beweisen auch die 3 Fußnoten im gedruckten Rede Text des Papstes.
Es ist keine Frage: Der Papst bezieht sich ganz offen in seiner Rede auf Argumente eines Rechtshistorikers (Wolfgang Waldstein, em. Prof. in Salzburg), der am sehr rechten Rand des römischen Katholizismus angesiedelt ist und mit dem Opus Dei offen sympathisiert. Diese ganz deutliche Verbindung zu einem rechtslastigen Denkmilieu verträgt sich offenbar gut mit Benedikts Lieblingen Augustinus und Origines, 4. Jahrhundert.

Was war also die Rede des Papstes im Bundestag? Bedenkenswert? Das ist sicher. Aber nicht so, wie einige nicht sonderlich informierte Journalisten sagten, die das Ganze für einen (bloß feuilletonistisch erhebenden und harmlosen bzw. für Nichtphilosophen ) sehr schwierigen Vortrag eines Gelehrten halten. Diese Rede des Papstes war – trotz aller bekundeten Sympathien für ökologische Bewegungen – nicht gerade hilfreich für die Demokratie. Dass er die Ökologie lobt, hängt, nebenbei gesagt, nur mit seiner Vorliebe für die Naturrechte zusammen, die er im Zusammenhang seines Ökologie Lobes offenbar tatsächlich als kosmische (Pflanzen/Tiere/Menschen) Natur versteht und damit den Vernunftbegriff im Naturrechtsbegriff sehr naturhaft – material deutet, auch das ist philosophisch hoch problematisch … und überholt. Beinahe esoterisch mutet der Satz des Papstes an, „wir sollten den Weisungen der Natur folgen“. Seit wann hat die Natur (Pflanzen, Tiere, Steine usw.) ALS Natur Weisungen zu geben? Weisungen kann vernünftigerweise nur die Vernunft geben!
Dass es weltweit um den Schutz der Grundrechte geht, wissen inzwischen alle. Wenn sich der Papst als Hüter der Grundrechte empfiehlt, wird es aus bekannten Gründen problematisch. Sie gelten ja in seinem eigenen „Heiligen Stuhl“ und im Vatikan nicht. Der Vatikan kennt keine Gewaltenteilung, der Papst ist dort absoluter Monarch.

So war diese Rede in Berlin von vorgestern. Aber das soll ja wohl sein. Am wichtigsten bleibt die Erkenntnis: Aktuelle Inspirationen zu aktuellen politischen Fragen holte sich der Papst (von den Theologen des 4. Jahrhunderts abgesehen) aus einem Buch eines traditionalistischen Opus Dei Freundes: Wolfgang Waldstein, „Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft“ (Augsburg, St. Ulrich Verlag, 2010)

copyright: christian modehn, berlin



Für den Relativismus. Ein Widerspruch gegen Benedikt XVI.

19. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Der Papst nennt den Relativismus eine Dikatur. Eine Entgegnung

Benedikt XVI. wird, wenn er sich selbst treu bleiben will und nicht bloß diplomatische Floskeln verbreitet, im Berliner Bundestag wie sonst auch überall die Ehe von Mann und Frau als einzige Lebensform verteidigen. Sein Kampf gilt dabei der von ihm so genannten „Diktatur des moralischen Relativismus“. Darauf weist der Publizist und Buchautor Alan Posener hin: „Ich bin der Meinung, dass der Papst nicht einfach ein alter Mann mit gestrigen Ideen ist, sondern auch jemand, der eine geschlossene Weltanschauung hat. Er kritisiert unsere demokratische Gesellschaft als Diktatur des Relativismus. Und ich sage, diesen Relativismus wollen wir uns bewahren. Was wäre Gegenstück, das wäre die Diktatur der Wahrheit. Diese Diktatur lässt keine Opposition zu.
Der Papst repräsentiert eine Weltmacht. Wenn man nach Afrika schaut, etwa Angola, dort sind die meisten katholisch, und die richten sich meist nach den moralischen Geboten der Kirche, etwa im Verbot der Kondome. Deswegen darf man nicht sagen, was hat der Papst schon zu sagen. Man muss sehen, was er weltweit immer noch zu sagen hat.
Wenn er also unsere Gesellschaft als Diktatur des Relativismus kritisiert, dann kritisiert er unsere Gesetzgebung in Sachen Abtreibung, in Sachen Homo Ehe usw. Und wenn er solches und anderes sagt, dann darf im Bundestag kein Abgeordneter widersprechen, weil es sich um ein Staatsoberhaupt handelt, dem man nicht widersprechen darf. Das finde ich problematisch“.
Dieser Einsicht schließt sich der Philosoph, Medienwissenschaftler und Autor Umberto Eco an. Er schreibt in der Berliner Zeitung vom 19.9.2011, Seite 10:
„Die Polemiken Benedikt XVI. gegen den so genannten Relativismus sind, wie ich finde, einfach nur sehr grob. Nicht mal ein Grundschullehrer würde es so formulieren wie er. Seine (d.h. Benedikts) philosophische Ausbildung ist sehr schwach. Man könnte also sagen, ich betrachte Papst Benedikt als guten Kollegen. Frage: Sie lachen. Aber Sie haben Benedikt scharf für seine These kritisiert, der Atheismus sei für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheit verantwortlich. Antwort von Eco: Das zielte genau auf den Kampf gegen den Relativismus ab. Geben Sie mir sechs Monate, dann organisiere ich Ihnen ein Seminar zum Thema Relativismus. Und Sie können sicher sein: Am Ende werde ich Ihnen mindestens 20 verschiedene philosophische Positionen vorlegen. Sie alle in einen Topf zu werfen, wie Papst Benedikt das macht, als gäbe es eine einheitliche Meinung dazu, das finde ich schlichtweg naiv„.



Widerspruch. Proteste zum Papstbesuch in Berlin

18. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Widerspruch
Proteste zum Papstbesuch in Berlin: „Relativismus ist demokratisch“
Von Christian Modehn
Dieser Text geht auf eine Radiosendung in WDR 5 am 18.9.2011 zurück.

Berlin wird eine „atheistische Stadt“ genannt. Das ist übertrieben, immerhin sind noch 28 Prozent der Einwohner Mitglieder der großen christlichen Kirchen. Aber wer weiß schon so genau, ob die Konfessionslosen nicht doch auch ihren privaten „lieben Gott“ verehren. Eins ist aber sicher: Wenn der Papst am Donnerstag die Hauptstadt besucht, wird er nicht nur voller Jubel empfangen: Seit einigen Monaten macht das kirchenkritische „Bündnis Der Papst kommt“ in der Stadt von sich reden. Jörg Steinert vom „Lesben – und Schwulenverband Berlin“ gehört zu den Initiatoren des Bündnisses „Der Papst Kommt“.

„Das Bündnis ist ein Spiegelbild de Gesellschaft, über 60 Organisationen sind mittlerweile in unserem Bündnis vereint und die Vielfalt der Gesellschaft wird am Tag des Besuches des Papstes demonstrieren gehen, denn aus unserer Sicht ist die Sexual – und Geschlechterpolitik des Papstes menschenfeindlich, und dagegen demonstrieren wir“.

Das vom Veranstalter gewünschte „Brandenburger Tor“ kommt als zentraler Ort für die Kundgebung nicht in Frage , „aus Sicherheitsgründen“, wie es offiziell heißt. Nun beginnt die Demo am Potsdamer Platz und endet vor den Toren der Sankt Hedwigskathedrale am Bebelplatz. Jörg Steinert mit mindestens 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern:
„Wir werden eine lustige Veranstaltung sein, z.T. provokant sein.
Ganz sicher werden wir keine Gewalttaten und Straftaten zulassen. Wir haben im Bündnis explizit beschlossen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jeder der Straftaten begeht, fliegt runter von der Demonstration, der hat nichts mit uns zu tun“.
Auch wenn etliche Katholiken sowie die ökumenische Arbeitsgemeinschaft „Homosexuelle und Kirche“ ihre Teilnahme zugesagt haben: Die breite Unterstützung für die Proteste kommt aus der „konfessionslosen Mehrheit“ der Berliner Bevölkerung, betont Werner Schultz vom „Humanistischen Verband Deutschland“:
„Wir werden den Papst kritisieren, aber wir werden natürlich versuchen, nicht die Gläubigen zu beleidigen in ihrem Selbstverständnis. Es werden mehrere Reden stattfinden, auch zu Fragen der Trennung von Staat und Kirche, zu Menschenrechten. Es wird ein Brief an Frau Merkel verlesen werden, wo kritisiert wird, dass der Papst im Bundestag redet und dort in einer ungewöhnlichen Art privilegiert wird, die nicht nachvollziehbar ist“.
In zahlreichen Konferenzen im Vorfeld wurden theologische und politische Fragen debattiert. Auch ein Fachmann fürs Staats- kirchenrecht, der emeritierte Professor Horst Herrmann, war dabei; er hat sich in Berlin aus rechtlichen Bedenken gegen eine Rede des Papstes im Bundestag ausgesprochen:
„Ich meine, das ist ein Präzedenzfall, den man sich nicht hätte erlauben sollen. Wenn nächstens der Dalai Lama kommt, dann kann der auch im Bundestag reden usw. Beide, der Dalai Lama, eure „Heiligkeit“ betitelt und Ratzinger, ebenso eure Heiligkeit, sind zutiefst vordemokratische Monarchen. Und von denen müsste sich ein Bundestag nicht sagen lassen, was Recht und Moral ist“.
Denn der Papst wird in Berlin – so viel ist heute schon deutlich – wie überall die Ehe von Mann und Frau als einzige Lebensform verteidigen. Sein Kampf gilt dabei der von ihm so genannten „Diktatur des moralischen Relativismus“, betont der Publizist und Buchautor Alan Posener:
„Ich bin der Meinung, dass der Papst nicht einfach ein alter Mann mit gestrigen Ideen ist, sondern auch jemand, der eine geschlossene Weltanschauung hat. Er kritisiert unsere demokratische Gesellschaft als Diktatur des Relativismus. Und ich sage, diesen Relativismus wollen wir uns bewahren. Was wäre Gegenstück, das wäre die Diktatur der Wahrheit. Diese Diktatur lässt keine Opposition zu.
Der Papst repräsentiert eine Weltmacht. Wenn man nach Afrika schaut, etwa Angola, dort sind die meisten katholisch, und die richten sich meist nach den moralischen Geboten der Kirche, etwa im Verbot der Kondome. Deswegen darf man nicht sagen, was hat der Papst schon zu sagen. Man muss sehen, was er weltweit immer noch zu sagen hat.
Wenn er also unsere Gesellschaft als Diktatur des Relativismus kritisiert, dann kritisiert er unsere Gesetzgebung in Sachen Abtreibung, in Sachen Homo Ehe usw. Und wenn er solches und anderes sagt, dann darf im Bundestag kein Abgeordneter widersprechen, weil es sich um ein Staatsoberhaupt handelt, dem man nicht widersprechen darf. Das finde ich problematisch“. Dieser Einsicht schließt sich der Philosoph, Medienwissenschaftler und Autor Umberto Eco an. Er schreibt in der Berliner Zeitung vom 19.9.2011, Seite 10:
„Die Polemiken Benedikt XVI. gegen den so genannten Relativismus sind, wie ich finde, einfach nur sehr grob. Nicht mal ein Grundschullehrr würde es so formulieren wie er. Seine (d.h. Benedikts) philosophische Ausbildung ist sehr schwach. Man könnte also sagen, ich betrachte Papst Benedikt als guten Kollegen.Frage: Sie lachen. Aber Sie haben Benedikt scharf für seine These kritisiert, der Atheismus sei für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheit verantwortlich. Antwort von Eco: Das zielte genau auf den Kampf gegen den Relativismus ab. Geben Sie mir sechs Monate, dann organisiere ich Ihnen ein Seminar zum Thema Relativismus. Und Sie können sicher sein: Am Ende werde ich Ihnen mindestens 20 verschiedene philosophische Positionen vorlegen. Sie alle in einen Topf zu werfen, wie Papst Benedikt das macht, als gäbe es eine einheitliche Meinung dazu, das finde ich schlichtweg naiv“.
Zurück zur Auseinandersetzung mit dem Papst in Berlin:
Auch einzelne evangelische Gemeinden haben den Mut, sich kritisch mit dem Papstbesuch zu befassen. Zwei Veranstaltungen wirdmen sich z.B. über die Zukunft der Ökumene. In der evangelischen St. Thomas Gemeinde in Kreuzberg werden am Vorabend des Papstbesuches, also am Mittwoch, 21. September, zwei offen schwule Priester –aus Köln – eine katholische Messfeier zelebrieren. Der zuständige Superintendent Bertold Höcker vom Kirchenkreis Berlin Mitte unterstützt dieses Vorhaben:
„Welchen kirchenrechtlichen Status die Priester haben, das wissen wir auch nur in der Hinsicht, dass sie gültig geweihte Priester sind. Ob sie suspendiert sind, ob die Messe gütig aber nicht erlaubt ist, das müssen die Priester nun mit ihrer Kirche selbst klären und in welcher Lebensform sie leben, das sind für uns keine Fragen. Wir sind gefragt worden, ob wir Gastfreundschaft gewähren, und da wir eine gastfreundliche Kirche sind, tun wir das“.
Wird man auf die Gastfreundschaft wieder verzichten, wenn die katholische Kirchenführung darum bittet? „Wir haben eine Zusage gegeben. Und wenn ein Christ sein Wort gibt, gilt das“.



Die Piusbrüder sind politisch sehr rechtslastig. Erinnerung an Fakten

16. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Die Piusbrüder sind politisch rechtslastig. Erinnerungen an Fakten.
Wieder muss der Religionsphilosophische Salon sich mit aktueller Religionskritik befassen, man hat manchmal den Eindruck, als lebten wir in einer Phase der Aufklärung rund um Voltaire, der das ancien régime überwinden wollte …
Wir möchten jene zur Vorsicht und intellektuellen Auseinandersetzung einladen, nicht länger die tatsächlich nachweisbare und indiskutable Rechtslastigkeit der Pius Brüder herunterzuspielen, wie das auch deutsche Bischöfe gern tun Sie wollen den Eindruck vermitteln, die Piusbrüder seien bloß einbesonders frommer Club. Die Tatsachen sind anders. Und insofern hat Volker Beck mit seiner Kritik auch recht.
Nur kurz diese Hinweise, die wir schon öfter publizierten und die sich auf Fakten allein beziehen:
Der Gründer der Piusbrüder, der Priester und spätere Erzbischof Marcel Lefèbvre, war schon in jungen Jahren mit der „action francaise“ verbunden, diese „intellektuelle“ Bewegung war bekanntermaßen antidemokratisch und antisemitisch. Das weiß jeder Historiiker.
Der Gründer der Piusbrüder, Marcel Lefèbvre, ist nach wie vor so etwas wie „das heilige Vorbild“ dieser Herren, er lobte bekanntlich mehrfach den Faschisten Franco und die faschistischen Diktatoren in Chile und Argentinien Ende der 1970 Jahre. Diese Diktatoren wurden zwar von Johannes Paul II. gern bei sogenannten „Pastoralreisen“ besucht, sie haben viele engagierte Katholiken erschossen und die Befreiungstheologie kaputt machen wollen.
Die französischen Piusbrüder in ihrem Zentrum St. Nicolas du Chardonnet in Paris 5. Arrondissement, haben mehrfach Messen für die äußerst rechtslastige Partei Front National Le Pens zelebriert. Das weiß jeder, der sich nicht nur im Osservatore Romano informiert. Diese Piusbrüder hatten diese Kirche übrigens der Gemeinde entrissen und halten sie bis heute besetzt. Es stände den deutschen Verteidigern der Piusbrüder gut an, sich endlich mal im Ursprungsland der Piusbrüder, das ist Frankreich, kundig zu machen und erhebliche Wissens – Lücken zu überwinden.
Nur so viel:
Kardinal Ratzinger, damals Chef der Glaubenskongregation, versöhnte sich z.B. mit dem Le Pen freundlichen (und Lefèbvre freundlichen) Kloster Le Barroux bei Avignon, dort gingen Le Pens Ideologen ein und aus. Ratzinger holte diese Herren wieder in die römische Kirche.
Einzige Bedingung für die sogen.“Versöhnungmit Rom“: den Papst anerkennen….
Diese und viele andere Fakten zur äußerst rechtslastigen Tradition der Piusbrüder und zur alten Liebe Joseph Ratzingers für diese sehr rechtslastigen Herren ist nachzulesen in dieser website unter dem Titel: Benedikt XVI. ist politisch rechtslastig.
copyright: Christian Modehn.



Inspirierende „web“ Adressen

15. September 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Inspirierende web Adressen zur Spiritualität
Zusammengestellt von Christian Modehn Sept. 2011

Im weltweiten web kann man Adressen finden, die eine Spiritualität fördern und leben, die die Grundsätze vernünftiger Kritik respektiert, also alles – im philosophischen Sinn „Spinöse“ – ausschließt: Vielleicht inspiriert das Berliner, die erleben, dass in anderen Teilen der Welt Neues versucht wird.

In den USA hat der berühmte Komponist und Cellist Felix
Wurman (1958 -2009) die „Beethoven Kirche“ (Church of Beethoven) gegründet, mit inzwischen mehreren Filialen u.a. in Albuquerque. Diese Kirche trifft sich sonntags zum gemeinsamen Hören von klassischer Musik, von Poesie, sie praktiziert die Stille, ist undogmatisch und tolerant.

http://www.churchofbeethoven.org/

… ..
In den Niederlanden beginnt Ende Oktober der traditionelle Monat der Spiritualität, mit einer breiten öffentlichen Aufmerksamkeit, und das in einem Land, in dem 30 Prozent der Bewohner Mitglieder christlicher Kirchen sind.

http://www.maandvandespiritualiteit.nl/

…….
In den Niederlanden gibt es seit 400 Jahren eine undogmatische „freisinnige“ christliche Kirche, die Remonstranten. Jedes Mitglied formuliert sein eigenes privates Glaubensbekenntnis. Seit 25 Jahren schon Segnung der Ehen Homosexueller, auch für Nicht – Mitglieder; das offene Abendmahl ist selbstverständlich.
Für Berlin siehe: www.remonstranten-berlin.de

…….
In den Niederlanden gibt es jetzt eine Filiale der internationalen Renaissence Kirche, sie verbindet verschiedene religiöse Traditionen auch im Gottesdienst, jetzt wurde in Holland ein eigenes Seminar geschaffen.

http://renaissensemovement.nl/



Spiritualität in Berlin – die erste Zusammenkunft: Ein erster Erfolg

15. September 2011 | Von | Kategorie: Denkbar, Interkultureller Dialog

Welche Spiritualität braucht Berlin?

Das Gespräch über „Spiritualität in Berlin“ im Radialsystem, AGORA, am Mittwoch, den 14. September 2011, war sehr gut besucht: Mehr 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei. Wir werden auf diese Veranstaltung noch ausführlicher zurückkommen und ankündigen, in welcher Form dieser offene Austausch von Menschen unterschiedlicher Spiritualität und von verschiedenen „spirituellen Basisinitiativen“ fortgesetzt wird.

Ursula Richard, Autorin des Buches „Stille in der Stadt“, und eine Initiatorin des Treffens, plädierte dafür, dass wir in Berlin mehr Orte der Stille brauchen. Ohne Stille kann es keine innere Sammlung und damit keine spirituelle Entwicklung geben. In der gemeinsam erlebten Stille können sich unterschiedliche Menschen näher kommen. Auf das neue Buch der Verlegerin Ursula Richard haben wir auf dieser website schon empfehlend hingewiesen.

In- Sun Kim, Leiterin des interrreligiösen Hospizes Berlin, betonte: Mitgefühl ist die Basis für eine allen Menschen zugewandte Spiritualität. Dieses Mitgefühl kann eingeübt, gelernt, gepflegt werden. Ohne Mitgefühl kann es keine Kultur in der Stadt geben. Frau Kim Sie forderte erneut, dass die vielen Menschen aus asiatischen Kulturen ein eigenes großes „Haus des Abschieds“ brauchen. Die Trauerriten der meisten Asiaten verlangen nach längeren Totenwachen, nach großen Räumen, in denen sich Freunde und Angehörige der Verstorbenen treffen können. Sponsoren für ein „interreligiöses Abschiedshaus“ werden dringend gesucht. Wer sich dafür einsetzt, fördert ein Modell – Projekt! Frau Kim erinnerte daran, dass die etwa 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Hospizes selbst viel über Leben und Sterben und Tod gelernt haben. „Hospizausbildung“ kann eine Schule des Abschieds sein…

Dr. Wilfried Reuter vom Lotus Vihara Zentrum in Berlin-Mitte (Neue Blumenstr. 5) zeigte, dass von der Basis aus in Privatinitiative ein wichtiges und wegweisendes Meditationszentrum aufgebaut werden konnte, ein Haus, das vielen Menschen auch Lebensorientierung in Krisenzeiten bietet. Dr. Reuter, Frauenarzt in Kreuzberg, forderte die Gründung eines Krankenhaus in buddhistischem Geist.

Christian Modehn vom Religionsphilosophischen Salon meinte, dass eigentlich jeder Mensch als „Wesen der Vernunft, also des Geistes“, bereits seine eigene, ganz persönliche Spiritualität immer schon lebt und praktiziert; oft hat der einzelne darüber noch kein deutliches Wissen. Diese immer schn gelebte eigene Spiritualität kritisch zu befragen, ist die entscheidende Aufgabe. Aber es gibt auch eine Form der Ermunterung zur eigenen Spiritualität, die das Leben begleitet und orientiert. Denn jeder hat seinen oft noch ungewussten Mittelpunkt im Leben, dem alles Interesse gilt, alle „Opfer“ gebracht werden, wenn etwa in der Kultur, Film Musik, Kunst, „Unbedingtes“ erlebt wird. Christian Modehn wies darauf hin, dass Spiritualität heute ein „Marktbegriff“ geworden ist, damit wird – oft von selbst ernannten Meistern – viel Geld verdient. Nicht überall, wo Spiritualität drauf steht, ist auch wirklich Geistvolles, kritisch Inspirierendes und Belebendes, also wirkliche Spirituaität, drin.

Viele Teilnehmer wünschten, dass diese offenen Debatten ohne konfessionelle Bindung und ohne dogmatische Voraussetzungen weitergeführt werden soll.
Berlin ist eine spirituelle Stadt (nicht mehr eine kirchenfromme und in dem Sinne auch keine religiöse Stadt), aber der Geist, spiritus auf Lateinisch, ist da, er belebt die Vernunft und …. auch das Herz.



Heute, Mittwoch, 14.9.: Spiritualität in Berlin

14. September 2011 | Von | Kategorie: Denkbar

Heute, am Mittwoch, 14. 9., findet um 20 Uhr im Kulturzentrum Radialsystem Holzmarktstr. 33, nahe Ostbhf, nahe Kreuzberg, an der Spree…
eine Veranstaltung statt, die dafür plädiert: Die Spiritualität sollte aus der Nische des Exklusiven befreit werden, sie kann das Zusammenleben in der Stadt beleben, weil sie Kritik und Toleranz oberste Priorität gibt und sich Fundamentalismen widersetzt.
Es diskutieren mit dem Publikum: Die Autorin Ursula Richard, der Zen Lehrer Dr. Wilfried Reuter, In Sun Kim von interkulturellen Hospiz Berlin und Christian Modehn, Journalist und Initiator des Religionsphilosophischen Salon.
Der Eintritt ist frei. Herzliche Einladung.



Die Hierarchie des lieben Gottes

13. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben

Wir wurden von verschiedenen Seiten gebeten, unser Manuskript (2009) über das Wesen bzw. Unwesen der katholischen Hierarchie noch einmal zugänglich zu machen, es ist gerade angesichts des Papstbesuches in Deutschland interessant und angesichts der bevorstehenden Versöhnung mit den politisch wie theologisch reaktionären Pius – Brüdern.
Das Manuskript wird hier in einer Form präsentiert, wie es für Hörfunkzwecke üblich ist; ich hoffe, dass die Lektüre dennoch leicht möglich ist, die Vielfalt der O Töne unterstreicht den Wert der Arbeit. copyright: christian modehn

Lebenszeichen WDR
Die Pyramide des lieben Gottes
Über die Macht und das System in der römischen Kirche

Von Christian Modehn

1. Spr.: Berichterstatter
2. Spr.: Zitator

32 O TÖNE zus. 17 10“. 185 Zeilen = ca. 12 Min.

1.O TON, 010“, Pesch
Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch.

1. SPR.:
Otto Hermann Pesch, katholischer Theologe in München, plädiert für menschenfreundliche Strukturen in der römischen Kirche:

2. O TON, 0 14“, Pesch
Dass die Fakten oft anders sind, muss in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden, als ein Missbrauch, der geändert werden muss.

1.SPR.:
„Ändern“ wollten Papst und Bischöfe ihren Umgang mit der Macht tatsächlich schon einmal: Vor fast 50 Jahren, beim Zweiten Vatikanischen Konzil, verpflichteten sich die „Oberhirten“, ihre Vorherrschaft zu begrenzen.

3. O TON, 0 21“, Pesch
Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!

1.SPR.:
Worte, auf die sich Kirchenreformer bis heute wie auf eine göttliche Utopie berufen. Unmittelbar nach dem Konzil wurden zahlreiche Landessynoden und Beratungen in den Bistümern veranstaltet. Dort versammelte sich das „Volk Gottes“ im Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Weg der Kirche mitzubestimmen, sollte kein frommer Wunschtraum der Laien bleiben.

4. O TON, 0 15“, Pesch
Auf der anderen Seite fällt auf, dass man aus Furcht vor Demokratisierung der Kirche mit dem Volk-Gottes-Begriff in den lehramtlichen Äußerungen nach dem Konzil sehr zurückhaltend geworden ist.

1. SPR.:
Das Prädikat „zurückhaltend“ findet Otto Hermann Pesch dann doch zu beschönigend. Er entschließt sich, deutlicher zu werden:

5. O TON, 0 17“, Pesch
Manche sprechen ja regelrecht schon von einer Art roll back hinter das Konzil zurück., Man fürchtet, dass doch wieder daran gearbeitet wird, faktisch doch wieder die alten Überordnungs- und Unterordnungsverhältnisse, oder wenn sie wollen, Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen.

1. SPR.:
Die Hoffnungen auf eine möglichst herrschaftsfreie Kirche ließen sich nicht verwirklichen. Kritische Theologen wissen spätestens seit dem Regierungsantritt Benedikts des XVI: Papst und Bischöfe bevorzugen wieder verstärkt uralte Modelle geistlicher Herrschaft. Professor Otto Hermann Pesch:

6. O TON, 0 37“ , Pesch
Der Ausdruck Hierarchie für die kirchliche Ämterverfassung kommt zum ersten Mal auf im 5. und 6. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem berühmten Buch eines Verfassers namens Dionysius vom Areopag. Und der hat ein Buch geschrieben über die himmlische Hierarchie, und das bedeutet die Abstufung, der Stufenweg, von Gott zur Schöpfung und der Stufenweg von Gott zu den Menschen. Und dieser Hierarchie, der himmlischen Hierarchie, muss auch die kirchliche Hierarchie entsprechen. Das heißt, auch da muss es dann auch die Abstufungen geben.

1. SPR.:
So gibt es also auch seit dem 4. Jahrhundert eine regierende Spitze und eine gehorsame Basis. Dieses Modell ist nicht von Weisungen des Evangeliums inspiriert, sondern vom Meisterdenker Platon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Der Kopf als „Ort“ des Geistes sei wichtiger als der übrige Körper, meinte der griechische Philosoph, und so seien auch die führenden Häupter wichtiger als der Leib mit seinen niederen Organen. Diese untergeordneten Glieder sind für die geweihten Amtsinhaber „natürlich“ das Volk, die „Laien“. Das griechische Wort laikós (Betonung hinten!) bedeutet ja: Zum Volk gehörig. Auch mit dem Urbild des altägyptischen Sakralbaus, der Pyramide, konnte sich das Papsttum anfreunden: An der obersten Spitze thront mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist der Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden. Mit diesem eher unbescheidenen Denken hat sich der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel befasst:

7. O TON, 0 46, Imbach
Faktisch wird das so gehandhabt, dass man von diesem pyramidalen Denken ausgehen muss. Aber theologisch hat dieses pyramidale Denken eigentlich keinen Rückhalt. Wenn wir auch die Konzilstexte in Betracht ziehen, letztes Konzil, und natürlich auch die Anfänge der Christenheit, dann stellen wir da schon ein anderes Denken fest. Wenn wir dann zurückschauen auf die frühe Christenheit, die haben schon gestritten, aber das Communio prinzip, das war natürlich maßgebend, das Gemeinschaftsprinzip, Austausch usw. Von daher ist das pyramidale Denken theologisch gar nicht haltbar.

1. SPR.:
Zeitgemäße theologische Kritik hat für viele Kirchenführer in Rom keine Bedeutung, meinen etliche Beobachter. Und mit dem Kirchenmodell des Neuen Testaments, der „brüderlichen Gemeinschaft“, wollten sie auch nicht so viel zu tun haben. Statt dessen bestimmten autoritärer Umgang, Kontrollen, Überprüfungen, Treue – Eide, Zensurbestimmungen das kirchliche Leben.
Nur ein Beispiel: Der Minoritenpater Josef Imbach, Professor an der Päpstlichen Fakultät San Bonaventura, wurde vom vatikanischen Machtapparat gemaßregelt: Auf Betreiben der römischen Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger musste er im Jahr 2002 seinen Lehrstuhl aufgeben. Der Grund: Er hatte die Lehre über die von Gott gewirkten Wunder modern interpretieren wollen. Ein fairer Prozess nach demokratischen Grundsätzen wurde ihm wie so vielen anderen „verdächtigten“ Theologen nicht zugestanden. Inzwischen arbeitet der Katholik Josef Imbach an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel. Aber viel schwerwiegender als die eigenen Erfahrungen sei die Personalpolitik des Papstes, meint der angebliche Irrlehrer.

8. O TON, 0 24“, Imbach
Da werden Bischöfe ernannt von Rom. Welche Personen kommen da in Frage? Personen, die von vornherein sich die römische Denkart voll und ganz zu eigen gemacht haben. Dann ist es klar, dass dann der Weltepiskopat einheitliche Positionen von vornherein vertritt, eben aufgrund dieser Auswahlkriterien.

1. SPR.:
Die Stromlinienförmigkeit der „Oberhirten“ weltweit spiegelt sich auch in den Synoden wieder, das hat der frühere Leiter des Karmeliterordens, Pater Camillo Macisse, beobachtet und aufgeschrieben:

2. SPR. (bitte deutlich machen als Zitierung):
Sogar die Bischofssynoden in Rom werden von der Kurie des Papstes kontrolliert und in den Diskussionen und in ihren Ergebnissen genau überwacht. Einige Bischöfe haben die Heftigkeit der Kontrollmaßnahmen beklagt, die von Neokonservativen mit einer anachronistischen Theologie ausgeübt werden. Wer es wagt, diese Autoritäten zu kritisieren, wird bedroht, angeklagt, verurteilt.

1.SPR.:
Auch die gesamte theologische Lehre und Forschung steht unter der Kontrolle der Ortsbischöfe oder des Vatikans selbst. In Deutschland dürfen nur Theologen an eine katholische Fakultät berufen werden, die die offizielle Genehmigung, das nihil obstat der Kirche haben; eine Politik des Verdachts, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal offiziell verteidigt hat:

9. O Ton mit Applaus 0 21“, Ratzinger
Deswegen verursachen wir manchmal mit dem nihil obstat Ärger, es zieht sich hin usw., aber ich nehme diesen Ärger auf mich. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben Ärger eben einkaufen müssen. Beifall.

1. SPR.:
Fröhlichen Beifall für eine harte Linie spenden hier Mitglieder des ultra konservativen „Linzer Priesterkreises“. Ganz anders ist dem katholischen Theologen Josef Imbach zumute:

10. O TON, 0 28“, Imbach
Das ist der Tod der theologischen Forschung. Denn wer irgendwie eine akademische Laufbahn einschlagen möchte, wird sich natürlich von vornherein hüten müssen, irgendwelche heißen Eisen auch nur anzurühren. Und so wird auch hier langfristig eben dirigiert. Und das ist natürlich katastrophal für die theologische Forschung. Es ist nicht so, dass alles gesagt wurde, was hätte gesagt werden sollen. Es ist so, dass sich niemand zu sagen traut, was zu sagen ist.

1.SPR.:
Theologen an katholischen Fakultäten wagen es nicht mehr, für das Priestertum der Frauen einzutreten. Ihnen kommt es nicht mehr in den Sinn, die buddhistische Meditation als einen Weg zur Erlösung offiziell anzuerkennen. Und sie haben den Mut verloren, z.B. eine authentisch –afrikanische Liturgie zu entwickeln…Über den Umgang mit den Theologen hat der amerikanische Dominikanerpater Matthew Fox dem Papst geschrieben:

2. SPR.
Ihre Behandlung von Gelehrten ist Bücherverbrennung faschistischer Regime nicht unähnlich. Auch Ihre Entscheidung, autoritäre Persönlichkeiten zu belohnen ist problematisch. Denn diese sind oft krank, gewalttätig, sexuell besessen.

1.SPR.:
Matthew Fox, der radikale Kritiker, wurde aus seinem Orden ausgeschlossen. Eine Diskussion führte der Vatikan nicht mit ihm. Im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 wird die Herrschaft von Papst und Bischöfen bezeichnenderweise als „heilige Gewalt“ beschrieben. Rom setzt seine Linie mit allen Mitteln durch, zum Beispiel wenn Bischofskonferenzen einmal eigene Reformvorschläge veröffentlichen wollen. Als vor zwei Jahren im brasilianischen Aparecida (sprich: Appareßida mit Betonung auf dem i!) Bischöfe aus ganz Lateinamerika behutsam die Basisgemeinden unter Führung von Laien fördern wollten, korrigierte der Vatikan vor der Veröffentlichung kurzerhand das Papier. Der katholische Theologe und Lateinamerika Experte Gerhard Kruip hat diesen Vorgang unmittelbar beobachtet, wie ein progressives Reformpapier „gesäubert“ wurde:

11. O TON, 0 40“ Kruip
Die Änderungen sind erfolgt aus einem großen Misstrauen heraus gegenüber kritischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Die Änderungen sind geprägt von einer Haltung der Ängstlichkeit. Man betont immer wieder den hierarchischen Aspekt der Kirche! Man betont immer wieder die Kontrolle, die die Bischöfe ausüben müssen über ihre Ortskirchen, man ist insgesamt skeptisch gegenüber allem, was ein Neuaufbruch sein könnte. Wenn es vorher hieß, die Basisgemeinden sind ein Zeichen der Vitalität der lateinamerikanischen Kirche: Dann ist das nachher unter die Bedingung gestellt worden, dass die Basisgemeinden treu zur katholischen Lehre und zum jeweiligen Ortsbischof stehen.

1. SPR.:
Pfarrer sind die Stellvertreter der Bischöfe in den Gemeinden und damit ebenfalls Glieder der Hierarchie. Weil aber der Mangel an Priestern auch in Europa immer größer wird, haben viele tausend Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber anstatt kompetente Laien, Frauen und Männer, mit der Leitung der Gemeinden zu beauftragen, werden die wenigen verbliebenen Priester mit immer mehr Aufgaben belastet, berichtet der Baseler Theologe Xaver Pfister:

12. O TON, 0 30“ Pfister
…wobei bei uns jetzt Pfarreien zusammengelegt werden! Da muss immer ein leitender Priester dabei sein. Wenn ein Regionaldekan in 17 Pfarreien die Pfarreiverantwortung hat, dann ist dem Buchstaben Genüge getan, aber dem Leben überhaupt nicht. In dieser Zeit ist ganz klar die Tendenz, dass der Bischof Kirche repräsentiert und jede Pfarrei vom Bischof her ihre Form hat und nicht eine Vielfalt hat.

1. SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa und auch in Amerika zu beobachten. Den autoritären Führungsstil der Kirchenführung erleben Betroffene als heftigen Widerspruch zur Kultur ihrer Länder:

13. O TON, 0 29“, Pfister
Man hat keine Mühe damit, dass etwas entschieden wird, wenn das einmal einsichtig ist. Aber man möchte eigentlich eine Einsicht haben und ernst genommen sein als Mensch, der handelt, weil er etwas einsieht. Und der nicht handeln muss, weil es ihm etwas aufoktroyiert ist oder befohlen ist. Das ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt, dass man demokratisch verhandeln kann und aushandeln kann, dass das so gehandhabt wird.

1. SPR,;
Xaver Pfister sagt, er habe unter den so wenig demokratischen Maßnahmen der kirchlichen Hierarchie über viele Jahre schwer gelitten. Als langjähriger Leiter der Pressearbeit im Bistum Basel ist er schließlich an Depressionen erkrankt, darüber hat er später ein Buch geschrieben. Wie er freimütig bekennt, hat ihn auch das Erleben kirchen-amtlicher Autorität psychisch geschädigt.

14. O TON, Pfister, 0 32“
Ich hatte da zu wenig Rollendistanz gehabt, und ich hab mich von meinem Naturell her ganz reingegeben, und immer wieder was Neues probiert und noch mal probiert. Da kommt mal an eine Grenze. Es fehlt auch die nüchterne Bilanz: Was ist der Spielraum, was ist möglich, was ist erwartbar. Aber es gibt eine Grenze. Und jetzt beschränke ich mich darauf meine Überzeugung zu sagen.

1. SPR.:
Der stille Rückzug der Reformer stört die meisten „Hierarchen“ wenig. Gemeint sind mit dem Wort Machthaber in der Kirche, geweihte Männer, die die Herrschaft des Klerus über die Laien verteidigen. Wer noch katholisch sein will, soll gehorsam sein und dem „Mitarbeiter der Wahrheit“ Folge leisten! Diesen anspruchsvollen Wahlspruch hatte sich Joseph Ratzinger als Kardinal in München ausgesucht: An seinem Motto „Mitarbeiter der Wahrheit“ hält er auch als Papst unbeirrt fest, meint der katholische Theologe Herman Häring aus Tübingen.

15. O TON, 0 40“, Häring
Nach meinem Wissen gibt es keinen Fall, also keinen Kollegen, keine Kollegin, kein betroffenes Kirchenmitglied, das vorher Sanktionen erfahren hat und bei dem, bei der er sich mal entschuldigt hätte oder was revidiert hätte. Es wurde auch nichts zurück genommen. Für ihn war katholischer Glaube von Anfang an ein autoritätsgebundener Glaube. Mich hat er immer erinnert an ein Kirchenlied, das wir als Kinder gesungen haben: Fest soll mein Taufbund immer stehen, ist der erste Vers, und der zweite: Ich will die Kirche hören. Nicht: ich will die Bibel oder Christus, sondern die Kirche. Und das war für ihn dann schon immer der Rahmen.

1. SPR.:
Schon als Kardinal ermunterte Joseph Ratzinger besonders „rom-treue“ Theologiestudenten, ihre möglicherweise häretischen Theologieprofessoren aufzuspüren und zu benennen. Von „Spitzeln“ wollte er bei einem Vortrag im Jahr 1990 doch lieber nicht sprechen.

16. O TON, 0 34“, Ratzinger
Mir scheint, dass also ein erster Punkt der ist, dass solche Theologiestudenten in aller Offenheit dies dem Bischof offenbaren in einer Weise, die ihm auch verständlich macht, dass es hier nicht um Denunziation oder irgendetwas geht, sondern wirklich um die Not des Gewissens und um die Verpflichtung des Glaubens, den Dienst der Kirche und die Verkündigung ihres Glaubens rein zu halten.

1.SPR.:
Der „reine Glaube“ wird als ein wertvoller Schatz gedeutet, als „Glaubensdepositum“, wie man in Rom sagt, als ein dogmatisches System, das es zu hüten und pflegen gilt: Der katholische Theologe Hermann Häring:

17. O TON, 0 15“ , Häring
Für ihn ist der Glaube halt von Anfang an sozusagen das Glaubensdepositum gewesen. Man denkt automatisch an Fort Knox, mit Goldbarren, die drin liegen, und da ist alles, und das muss unberührt bleiben, und da kann man mal was abrufen.

1. SPR.:
Was einmal als Dogma formuliert wurde, behält nach amtlicher Lehre ewige Gültigkeit. Revisionen und Korrekturen sind unerwünscht. Eines von vielen Beispielen ist die Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert, der zufolge alle Menschen mit der Geburt als Sünder definiert werden, für den Philosophen Herbert Schnädelbach ein eher abstoßender Gedanke:

18. O TON, 0 34“, Schnädelbach
Das geht ja vollkommen gegen den Augenschein. Also, wir haben das Glück, drei sehr niedliche Enkel zu haben Und wenn ich mir jetzt vorstelle und gucke mir die an und sehe wie die aufwachsen. Und dann zu sagen: So sind das sind geborene Sünder und die müssen erst mal getauft werden. Das ist ja eine Geschichte, die hat die Menschen Jahrhunderte tyrannisiert. Da wurden Halb- und Totgeborene noch schnell getauft, dann gab es diese Lehre von der Vorhölle für die ungetauften Kinder alle sind. In dieser ganzen Debatte wird ja klar gemacht, sie sind unfähig zum Guten. Und das ist ja etwas, wo gegen man sich auflehnen kann.

1.SPR.:
Denn ohne Taufe, also ohne die entscheidende Mitwirkung der Kirche, bleibt jeder Mensch ein unwürdiger Sünder… Zwar lehnen sich auch Theologen gegen diese Lehre und andere Dogmen auf. Sie ganz abzuschaffen, dürfen sich Theologen nicht erlauben. Selbst bei vorsichtigen Interpretationen uralter Traditionen stoßen sie in Rom keineswegs auf offene Ohren, meint Otto Hermann Pesch:

19. O TON, 028“
Wenn da eine offenere Gesprächsatmosphäre wäre, auch mit dem Risiko, dass man einen Konfliktfall im Moment nicht beilegen kann, sondern darauf vertraut, dass in der öffentlichen Disputation innerhalb der Kirche sich dann die Wahrheit herausstellt, wenn solches Vertrauen mal wachsen und ein Papst auch mal sagen würde: Habt keine Angst vor dem streit in der Kirche bei einer so wichtigen Sache wie den Dingen, die christliche Glaube vertritt, ist doch natürlich, dass man darüber sich streitet, wie das richtig zu verstehen ist. Habt keine Angst, wenn es solchen Streit gibt, als ob dann der Untergang der Kirche bevorstünde, wenn so etwas mal von päpstlicher Seite aus gesagt würde, das würde Mut machen.

1.SPR.:
Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die meisten Oberhirten halten sich lieber an die Gruppen und Zirkel treu ergebener Schäfchen. Hubert Gindert vom sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken“ hat diese Vorliebe Roms mit Kardinal Ratzinger besprechen können:

20. O TON, 0 14“
Er hat sich einmal geäußert, ihm kommt es nicht auf die große Zahl an. Nein, ihm kommt es drauf an: Gibt es innerhalb der Volkskirche, gibt es also hier missionarische Bewegungen, missionarische Zellen.

1. SPR.:
Die Kirche als kleine Herde der hundertprozentig treuen Seelen: das ist das Kirchenbild heutiger Hierarchen. Kritische Beobachter fürchten, die römische Kirche könnte sich bald dem intellektuellen Niveau einer großen Sekte nähern. Der Baseler katholische Theologe Xaver Pfister hat diese Mentalität der Behüter und Bewahrer genau beobachtet:

21. O TON 0 14“
Wir müssen die sammeln, die noch übrig sind. Und die sollen zusammenbleiben und die sollen eine Heimat finden. Und in dieser Einseitigkeit, denke ich, ist das wirklich der Selbstvollzug des Endes.

1. SPR.:
Aber selbst vom Schwund an Gläubigen lassen sich Bischöfe wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht irritieren. Sie sind eher stolz darauf, dass noch einige Kreise der offiziellen Lehre treu ergeben sind und dies auch lautstark bekennen, wie Pater Klaus Einsle vom Orden der Legionäre Christi:

22. O TON, 0 30“ Einsle
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.

1. SPR.:
Wie das Lehramt denken und alle Glaubenssätze möglichst unverändert bewahren: Darin sieht auch die weltweite Gemeinschaft der konservativen Neokatechumenalen Gemeinschaften ihre Aufgabe, betont der Missionar Bruno Caldera:

23. O TON, 0 14“ Caldera
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige ist, der uns lehrt. der jenige, der uns lehrt, der uns die Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

1. SPR.:
In den Kreisen der neuen geistlichen Gemeinschaften, also der Neokatechumenalen und Legionäre, der Charismatiker und Opus Dei Mitglieder, fühlten sich konservative Amtsträger sehr wohl, betont der katholische Theologe Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl. Er hat sich als Mitglied im „Freckenhorster Kreis“, einem Forum von Kirchenreformern, mit diesen „Bewegungen“ auseinander gesetzt.

24. O TON, 0 17″ Kerstiens
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.

1. SPR.:
Angesichts der machtvollen Hierarchie ist die römische Kirche heute gespalten: Selbstbewusste, kritische Gläubige sehnen sich noch immer nach dem geschwisterlichen „Volk Gottes“. Ihnen steht die einflussreiche Gruppe derer gegenüber, die den Ruhm des Papsttums und der Hierarchie wie ein Glaubensbekenntnis verstehen:

25. O TON, 0 22“, Meisner
Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen.

1. SPR.:
Kardinal Joachim Meisner bei einer Messe zu Ehren des Papstes in der Berliner Sankt Hedwig – Kathedrale im April 2007:

26. O TON, 0 33“. Meisner
Papst Benedikt XVI ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, in ihrer Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn Mozart unter den Theologen nennt.
Seine Worte klingen wie Musik in den Ohren und Herzen des Menschen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.

1. SPR.:
Diese „hinreißende Musik“ päpstlicher Stellungnahmen enthält aber auch kritische Töne, zum Beispiel den Vorwurf: In den Staaten der westlichen Welt herrsche „der Relativismus“.

27. O TON, 0 24“, Meisner
Als Diktatur des Relativismus bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine oberste und unveräußerlichen Wahrheit und Werte mehr gibt, für sie ist alles gleichgültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach gut und böse gleichgültig macht.

1. SPR.:
Relativismus bedeutet für die modernen demokratischen Gesellschaften das Ringen verschiedener, aber gleichberechtigter Positionen um die Wahrheit. Niemand „hat“ die Wahrheit, alle suchen sie. Relativismus und Demokratie sind untrennbar! Die Frage drängt sich auf: Ist die Zurückweisung des Relativismus durch den Papst zugleich eine Zurückweisung der Demokratie? Ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst hat Kardinal Ratzinger mit dem damaligen italienischen Senatspräsidenten Marcello Pena über den Relativismus in den westlichen Gesellschaften diskutiert, dabei nannte er ein typisches Beispiel:

2. SPR.:(Zitat Ratzinger)
Dass Homosexualität, wie die Katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen dürfen.

1. SPR.:
Ein wenig irritierend ist die Aussage Kardinal Ratzingers! Könnte denn für die Kirche eine Zeit kommen, in der eine freie kirchliche Stellungnahme nicht mehr möglich sei? Befürchtete der damalige Kardinal Ratzinger etwa eine „Diktatur“ der Demokraten? Eine Angst, die er übrigens mit vielen muslimischen Machthabern gemeinsam hat, wie kürzlich der Publizist Alan Posener zeigte, in seinem Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikan auf die moderne Gesellschaft.“

2. SPR.:
Der Vatikan ist sich mit fundamentalistischen islamischen Staaten immer einig, wenn sie sich gemeinsam gegen kritische, angeblich blasphemische Karikaturen wehren. In diesen Fällen treten sie gemeinsam für die Einschränkung der freien Meinungsäußerung ein.

1. SPR.:
Die Entwicklung solcher Denkmodelle findet der protestantische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf aus München alles andere als erstaunlich:

28. O TON, 0 37“, Graf
Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer: die wahre Demokratie, die rechte Demokratie, nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.

1. SPR.:
Die römische Kirche kann zwar nicht mehr die Gesetze der Staaten bestimmen. Aber sie kann in der Gesellschaft versuchen, ihre traditionellen Moralvorstellungen durchzusetzen, etwa zu Fragen der Schwangerschaft. Die katholische Ethik gilt den Konservativen innerhalb der Hierarchie als die letzte Bastion, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf:

29. O TON, 0 40“. Graf.
Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum. Hier RAUS GEHEN

1. SPR.:
Hingegen meint der katholische Theologe Hermann Häring, Relativismus und Katholizismus seien durchaus zu versöhnen:

30. O TON, 1 03“. Häring
Ich bin Relativist, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Das verstehe ich wohl. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen, aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.

1. SPR.:
Aber von jüdischer Weisheit lässt sich der Vatikan nicht so häufig inspirieren: Vielfalt der Meinungen zuzulassen, könnte ja bedeuten, den demokratischen Staat nachzuahmen und demokratische Prinzipien für die Kirche selbst anzuerkennen. Tatsächlich gleicht der Vatikan eher einem spätantiken Feudalstaat. Dort vereinte der eine Herrscher alle Gewalten in seiner Person. Der Vatikan glaubt, diese Rolle habe der Papst von Anbeginn gehabt. Aber gibt es wirklich eine ungebrochene Linie vom ersten Papst, dem Fischer Petrus vom See Genezareth, hin zu Benedikt XVI. in seinem Palast? Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch warnt vor einer allzu weitgehenden Interpretation:

31. O TON, 0 30“. Pesch
Wie kommt es dann, dass die Nachfolger des Petrus bis hin zu Clemens absolut legendarische Figuren sind. Auf festem Boden einer römischen Gemeinde mit ganz bestimmter Leitungsstruktur sind wir wieder erst mit dem ersten Clemens, der nach Corinth schreibt, aber nicht mit Weisungsbefugnis, sondern mit Ermahnung. Dieser Clemens ist nun mitnichten Papst Clemens der Erste, sondern Mitglied des römischen Presbyteriums.

1. SPR.:
Der Papst als der erste unter vielen anderen Bischöfen inmitten vieler Gemeinden: Ist diese frühchristliche Tradition wirklich nicht mehr gültig? Könnte sich der Stellvertreter Christi auf Erden nicht daran orientieren, fragt Otto Herman Pesch:

32. O TON, 0 43“.
Er sollte sein Amt verstehen und auch ausüben, wie es allein vom Neuen Testament her begründet werden kann, nämlich als Petrusdienst. Man sagt heute schon mal ganz gerne Petrusdienst und meint das Petrusamt, das ist aber in der Form dann etwas eine Schönfärberei. Petrusamt heißt Vollmacht des Papstes in jede einzelne Diözese hineinregieren zu können, nach gutem Ermessen, um nicht zu sagen nach Gutdünken. Petrusdienst heißt, dass der Papst als Bischof von Rom und eben Haupt des Bischofskollegiums einen Dienst tut, da, wo er helfen muss und helfen kann.

1. SPR.:
Der Papst als bescheidener Helfer, als Ratgeber, als Freund und Begleiter: Das ist keine Utopie, sondern biblischer Auftrag. Ein Zitat aus dem Markus Evangelium:

2. SPR.:
„Wer bei euch groß sein will, der sei der Diener aller“.

1. SPR.:
Joseph Ratzinger hat bei einem Vortrag im österreichischen Aigen vor 15 Jahren einmal angedeutet, dass es den Amtsträgern nicht in erster Linie auf Macht und Einfluss ankommen sollte:

33. O TON, 0 43“ Ratzinger,
Auch in der Kirche ist nicht das entscheidende, welche Funktion einer einnimmt. Sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht, dass man Kardinal wird oder ich weiß nicht sonst etwas wird, sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist, dass wir Gott nahe und ihm ähnlich werden, dass wir heilig werden. Und wenn ein Bischof oder Kardinal es nicht wird, dann nützt ihm seine ganze Würde nichts, dann ist er wirklich eben bei den geringsten im Reich Gottes, wo wir immer noch hoffen, dass er wenigstens noch drinnen ist. Lachen und Beifall.

1. SPR.:
Kritische Äußerungen zum Umgang mit päpstlicher Macht hat man von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. nicht gehört. Darum sind sich viele kritische katholische Theologen in aller Welt einig: Das vom Vatikan geförderte System kann nur zu einer in sich geschlossenen Herrschaftselite führen, zu Abwehr, Ausgrenzung und neurotischem Freund – Feind – Denken. Trotzdem: Mit dieser Vorherrschaft maßgeblicher kirchenamtlicher Kreise wollen sich Kirchenreformer nicht abfinden, falls ihnen nicht zuvor die so viel beschworene „Freude am Glauben“, also die positive Zustimmung, katholisch zu sein, verloren geht. Pater Josef Imbach:

34. O TON, 0 32“, Imbach
Wie können wir eigentlich froh unseren Glauben leben, wenn es in unserer Kirche so unfroh zu- und hergeht? Der französische Schriftsteller Paul Claudel hat einmal gesagt: Dort, wo die meiste Wahrheit ist, ist auch die meiste Freude. Ja, wenn sie sich dann so umschauen innerhalb unserer Kirche, dann muss ich mich ja fragen, wie viel Wahrheit ist eigentlich in unserer Kirche, in meiner Kirche?

………………………………………………………………….
LITERATUR:
Graf, Friedrich-Wilhelm: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58478-7

Graf, Friedrich-Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51750-1

Häring, Hermann: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt. Gütersloher Verlagshaus. 2009, 192 Seiten.

Imbach, Josef: „Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens.
Woran die Kirche heute krankt“. 248 Seiten, Patmos Verlag Düsseldorf, 2.
Aufl., 2005,

Modehn, Christian: „Alles, was rechts ist.. Politisch theologische Optionen Joseph Ratzingers“, S 143 – 162. in: Sommer, Norbert. und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Pesch, Otto-Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008

Posener, Alan: „Benedikts Kreuzzug. Der Kampf des Vatikans gegen die moderne Gesellschaft“ (Ullstein 2009)

Sommer, Norbert und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.



Mit Erzbischof Woelki ins Getto?

9. September 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Mit Erzbischof Woelki ins Getto ?
Religionskritik, also kritisches Beobachten faktischer Religionen, ist immer ein Element der Philosophie.
Darum einige neue Hinweise, publiziert am 9.9.2011:
Es ist ein feines Zusammentreffen: Rainer Maria Woelki ist seit einigen Wochen offiziell Erzbischof von Berlin, da wird am 9.9. 2011 im Tagesspiegel publiziert, dass das Oberverwaltungsgericht Berlin – Brandenburg die Einrichtung einer nur für Jungen reservierten Schulen des Opus Dei in Potsdam definitiv gestattet hat. Bisher hatten Gerichte in Brandenburg diesen sonderbaren Schultyp zurückgewiesen. So hat der an einer Opus Dei Universität in Rom (Santa Croce) promovierte Berliner Erzbischof eine gute pädogogische Adresse in seiner Nachbarschaft. Damit wird der Anteil der Opus Dei Mitglieder und Opus Dei Freunde in Berlin und Potsdam noch einmal steigen, zur Freude des Erzbischofs. Aufgrund dieser Tatsachen wurden wir gebeten, weitere Korrespondenten Berichte über Rainer Maria Woelki – auch aufgrund der starken Nachfrage auf dieser website – neu und erweitert zugänglich zu machen. Wir weisen zudem auf den eigenen Beitrag „Ein Freund des Opus Dei zu Gast in Berlin“ auf dieser website hin.

Die theologische Doktorarbeit Rainer M. Woelkis hat zwei Professoren der Opus Dei Universität Santa Croce in Rom als „Betreuer“: Prof. Antonio Miralles, ein spanischer Opus Dei Priester, und Prof. Klaus Limburg, ein deutscher Opus Dei Priester; Miralles wird vom Fach her, auf diversen Websites, manchmal als systematischer Theologe vorgestellt, manchmal als Liturgiespezialist. Der Zweitgutachter Prof. Klaus Limburg ist Spezialist für Altes Testament. Die Doktorarbeit Woelkis über die „Pfarrei“ gehört zweifelsfrei in den Bereich praktischer Theologie oder der systematischen Theologie. Was hat da ein Alttestamentler als Zweitgutachter zu suchen? Einige wenige Seiten in der Doktorarbeit Woelkis sollen die Gemeinden im „alten Israel“ behandeln, ein ausreichender Grund, einen Alttestamentler hinzuziehen? Sicher nicht. Woelki brauchte den Deutschen Prof. Klaus Limburg, weil sein Erstgutachter, der Spanier Prof. Antonio Miralles, gar nicht oder ganz wenig Deutsch spricht. So wurde eine Doktorarbeit auf Deutsch bei einem nicht oder kaum deutsch sprechenden Professor eingereicht und angenommen. Ein bißchen ungewöhnlich, meine Beobachter. Dass Miralles wenig oder kein Deutsch spricht, bezeugen Aussagen des emeritierten Theologen Prof. Anton Ziegenaus aus Augsburg, der selbst in den neunziger Jahren an der Opus Dei Universität Santa Croce lehrte und dem Opus Dei nahesteht; in einem Telefongespräch am 25.7. 2011 wurde von Ziegenaus bestätigt, dass Prof. Miralles nicht oder ganz wenig deutsch spricht. Prof. Klaus Limburg, jetzt Aachen, bestätigt in einem Telefongespräch am 9.9.2011 ebenso, dass Miralles nicht oder wenig Deutsch spricht. Wer die Publikationen des Erstgutachters Prof. Miralles durchschaut, findet in den Literaturlisten, etwa zur „penitenzia“, Buße, keine deutschen Literaturhinweise, obwohl gerade die Bußgeschichte in der deutschsprachigen Theologie gründlichst erforscht wurde und sozusagen erwähnt werden muss, will man auf der Höhe der Forschung sein. Das heißt abermals: Prof. Miralles kann offenbar auch nur sehr begrenzt Deutsch lesen. Summa summarum: Die Doktorarbeit Woelkis über die Pfarrei wurde letztlich von einem Alttestamentler, also einem Fachfremden Theologen, „betreut“. Es kam, so die Vermutung unserer Korrespondenten, offenbar nur darauf an, möglichst schnell und einfach einen Doktortitel zu haben.

Die folgenden Informationen gehen auf Anfang Juli 2011 zurück, wurden zu dem Zeitpunkt auch publiziert, sind immer noch bedenkenswert:
Am Dienstag, 5.7.2011, fand eine Art Fragestunde statt, zu der Bischof Rainer Maria Woelki, der neu ernannte Erzbischof von Berlin, eingeladen hatte. Nicht nur die eigentlich Betroffenen, zahlreiche Journalisten, waren dabei, sondern auch etliche Priester und Mitglieder der Gemeinden. So wurde kreuz und quer gefragt, nach der Bindung an Köln und der Einschätzung des Gesellenvaters Adolph Kolping…
IInformation am 7.7.2011: Der religionsphilosophische Salon erfährt, dass eine Zusammenfassung der Doktorarbeit Rainer M. Woelkis in der Kölner Dombibliothek plötzlich wieder aufgetaucht ist, sie ist dort lesbar, aber nicht zu entleihen. Es ist aber nicht die Doktorarbeit selbst, sondern eine art Kurzfassung.

Am 6. 7. wurde mitgeteilt:
– Uns irritiert zunächst: DER TAGESSPIEGEL meldet am 6. 7. die beiden Exemplare der Doktorarbeit Woelkis seien verschwunden, das Exemplar aus der römischen Uni und das Exemplar aus der Dom Bibliothek in Köln. Als Buch liegt die Doktorarbeit Woelkis nicht vor. Das Verschwinden der öffentlich einsehbaren Doktorarbeit ist sehr bedauerlich. Will man die Arbeiten entfernen, um etwas zu vertuschen? Woelki wurde bekanntermaßen im Jahr 2000 an der OPUS DEI Universität in Rom zum Dr. theol. promoviert. Dieses Detail wird in manchen kirchenoffiziellen biographischen Notizen bereits verschwiegen, wie : http://www.erzbistum-koeln.de/erzbistum/weihbischoefe/woelki.html. Gelesen am 5. 7. 2011 um 21.00.

Es ist auch nach der Pressekonferenz völlig unklar:
– Warum hat der damals in Bonn wohnende Woelki eine theologische Promotion nicht an der katholisch – theologischen Fakultät in Bonn selbst angestrebt? Da hätte er sich die weiten Wege nach Rom sparen können, denn ein Doktorand muss sich doch wohl ab und zu mal an seiner Uni blicken lassen. Das gilt doch wohl auch für die Opus Dei Universität?

– Ist die Arbeit eines Leiters eines Priesterseminars so wenig auslastend, dass man nebenbei promovieren kann?
– Warum wollte Woelki an einer Opus Dei promovieren? Die Entscheidung für „Santa Croce“ ist doch kein Zufallsergebnis. Diese Uni rühmt sich auf Ihrer website heute, (siehe die Startseite der Opus Dei Uni: http://www.pusc.it/ gelesen am 5. 7. Um 21. 15 Uhr )
dass einer der „ihren“ Erzbischof von Berlin wurde. Woelki gehört in der Sicht der Uni einfach dazu, er ist sozusagen bis heute Teil der Opus Dei Uni. Kann man das angesichts dieser Meldung im ernst leugnen?
Man muss nicht Mitglied im Opus Dei sein, um in den Kategorien dieser Vereinigung zu denken. Es gibt ja auch die Vereinigung der „Priester vom Heiligen Kreuz“, die mit dem Opus eng verbunden ist, mit 4.000 Mitgliedern. Wer mag da wohl alles Mitglied sein?
Das Bekenntnis, nicht zum Opus Dei zu gehören, sagte gar nichts. Was sind die theologischen Opus Dei Kennzeichen: Absoluter Gehorsam gegenüber dem Papst, Treue zum Katechismus, Treue zur vorgegebenen Lehre, an der nichts „gerüttelt“ werden darf; „meine Hände sind gebunden“, dieses Wort fiel oft in der Pressekonferenz; also Eigeständnis, nicht eigenständig handeln zu können usw. usw.

– Warum also ausgerechnet eine Promotion bei der Opus Dei Universität Santa Croce? Ging es dort besonders schnell? War es dort aufgrund von Beziehungen besonders einfach?

Die Antwort könnte heißen: Weil dort sein Freund und Förderer Kardinal Meisner auch ein Freund des Hauses ist. 1997 z.B. hielt Meisner an dieser Opus Dei Universität einen Vortrag. Das ist keine Frage: Dort gehen nur Leute hin, die mindestens mit dem Opus Dei sympathisieren. Die anderen, denen grundlegende Reformen der römischen Kirche vorschweben, denen die „ecclesia semper reformanda“ heilig ist“, würden sich vielleicht dort eher nicht so wohl fühlen…

– Dass die Doktorarbeit Woelkis verschwunden ist, stimmt nachdenklich: Jetzt ist sie offenbar plötzlich wieder da. Trotzdem beibt die Frage: Wer ist der Doktorvater und der Zweitgutachter? Dr. theol. Woelki wird das sicher alsbald mitteilen. Nebenbei: In der Entstehungszeit der Doktorarbeit Woelkis war Dr. Georg Gänswein, heute Sekretär des Papstes, an dieser Opus Dei Universität in Rom Dozent!

Aber abgesehen von diesen kirchenpolitischen Fakten, die zeigen, wie schwer es ist, die Wahrheit zu finden, wenn man es mit der Macht einer Geheimorganisation, dem opus dei, zu tun hat. Da müssen alle Bekenntnisse Mitglied oder Nichtmitglied zu sein notwendigerweise im Nebulösen verbleiben. Die Frage ist: Will die Kircheführung vielleicht bewusst das Nebulöse, das Unklare, das Mysteriöse? Beispiele im Umgang mit der eigenen Vatikan – Bank usw. gibt es in Hülle und Fülle …
Woelki bemühte sich am 5. 7. 2011 als aufgeschlossener Seelsorger zu erscheinen; er konnte aber nicht verbergen: Er will „die“ Lehre der römischen Kirche durchsetzen und umsetzen. Das Wort Katechismus nannte er oft, dort steht die Glaubenssubstanz sozusagen fest verankert drin. Wie ein goldener Schatz muss er gehütet werden. Goldene Schätze ändert man ja bekanntlich nicht. Aber goldene Schätze sind immer etwas Totes.
So viel wurde klar: Ein Bischof „hat“ die Wahrheit, er muss sie nur durchsetzen. Miteinander und Dialog gibt es da nicht mehr. Der Bischof als ausführendes Organ der vatikanischen Bürokratie und Dogmatik, das ist der Gesamteindruck.
Diese Überzeugungen kann man als Katholik ja gerne glauben, man muss nur die Konsequenzen sehen: Dieses Verständnis des Bischofsamtes entspricht nicht mehr im entferntesten der heutigen theologischen Forschung. Dadurch stellt man sich ins theologische Abseits. Können es sich Bischöfe und Päpste leisten, die theologische Arbeit zu ignorieren? Die Antwort lautet: Faktisch wird das mit Macht durchgesetzt. So funktioniert Hierarchie.
Wer in einer Stadt wie Berlin „die“ Wahrheit einfach anwenden will, führt seine Kirche ins intellektuelle Getto. Da darf dann nur noch nachgebetet und gehorcht werden. Nur wenige, vielleicht die letzten verbliebenen Senioren, werden sich zu einer solchen Haltung noch aufraffen. So ist abzusehen: Die römische Kirche wird in absehbarer Zeit zur „Sekte“ (wir scheuen eher dieses Wort, hier aber ist es mal angebracht): Die kleine Schar kümmert sich dann nur noch um den eigenen rechten Glauben.
Alle freie Diskussionen unter gleichwertigen Partnern sind dann verschwunden, alle Kreativität, alles Experimentieren und Wagen, alle ökumenische Zusammenarbeit etwa in Form von gemeinsamem Abendmahl sind auf den Sankt Nimmerleins Tag verschoben. Muss man noch betonen: Nur wer sich wandelt und ändert und reformiert, ist lebendig?
Beginnt mit Bischof Woelki der Weg zur katholischen Sekte? Die „kleine Herde der Hundertfünfzigprozentigen“ haben sich ja viele Bischöfe immer gewünscht. Sie wissen natürlich auch, dass sie dann über unendlich weniger Finanzmittel verfügen…Nebenbei: Spirituell Interessierte verlieren dadurch bestimmte Treffpunkte des Austausches. Ein moderner, demokratischer Katholizismus, das haben wäre eine Kirche, die viele Berliner interessieren könnte. Aber: moderner Katholizismus – das ist nur noch ein Traum…



Salon: Kant begründet die Religion in der Ethik. Wider den Fundamentalismus

6. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise


Ein Grund zum Feiern? Der schwierige Umgang mit dem „Vaterland“ in Mexiko

6. September 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Ein Grund zum Feiern?
Der schwierige Umgang mit dem “Vaterland” in Mexiko
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt
In diesen Tagen werden in jeder Stadt Mexikos auf Plätzen und an Strassenecken Nationalfahnen in jeglicher Grösse verkauft, zudem Wimpel, Trompeten, Sombreros, Konfetti… Strassen und Hauptplätze sind voller Girlanden und Lichterketten. Nein, es steht keine Fussballweltmeisterschaft an, sondern es ist unser “Monat des Vaterlandes” und mittendrin, der Nationalfeiertag, am 16. September. Dieser beginnt am Abend des 15. September um 23 Uhr in allen Städten vor dem Rathaus, bundesweit eröffnet das Fest der Staatspräsidenten vom Balon des Nationalpalastes aus. Dreimal wird feierlich deklamiert: “Viva! Es leben die Helden, die uns das Vaterland gaben! Es lebe Mexiko!” Dann wird mit der Nationalfahne gewunken, die Freiheitsglocke (vom Ort Dolores; jede Stadt hat eine Kopie) geläutet und alle singen bewegt die Nationalhymne. Es gibt Feuerwerk und Tanz auf allen Plätzen bis in die späten Nachtstunden. Der 16. ist dann geprägt von Militärparaden und von Sport- und Folkloregruppen. Es ist wirklich ein Nationalfeiertag: überall und für alle!
Für die Gefühlswelt fast aller 112 Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner gibt es keinen Zweifel: Mexiko ist unser Vaterland und unsere Mutter ist “Maria von Guadalupe”! Das gibt uns Heimat und Identität! So kenne ich das nicht von Deutschland.
Diese Zeremonie, “grito”, Aufschrei, Aufruf genannt, erinnert jährlich an Miguel Hidalgo, Pfarrer der kleinen Stadt Dolores im geographischen Zentrum des flächenmässig enormen Vizekönigsreichs, Mit dem Glockengeläut seiner Pfarrkirche in den frühen Morgenstunden des 16. September 1810 rief Hidalgo zum Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft auf. Er schrie dabei: “Es lebe die Muttergottes von Guadalupe! Nieder mit der schlechten Regierung!” Das Fass war überlaufen: es ging um Aufhebung der Sklaverei, um soziale Gerechtigkeit und um politische Freiheit, d.h. die Unabhängigheit von der spanischen Krone.
Rasch fand der bewaffnete Kampf erheblichen Zulauf, insbesondere in der verarmten ländlichen Bevölkerung. Die “Helden, die uns das Vaterland gaben”, insbesondere die Pfarrer Hidalgo und Morelos, (nach ihnen sind zwei Bundesländer benannt) wurden schon nach wenigen Monaten gefangen und hingerichtet. Es folgten ungezählte blutig – grausame regionale Auseinandersetzungen, die etwa einer halben Million Menschen (bei einer Bevölkerungszahl von 11 Millionen) das Leben kostete. Erst nach 11 Jahren (1821) endete dieser Krieg mit der faktischen Unabhängigkeit, wenn auch erst 1836 diese anerkannt wurde. Damit war jedoch nicht ein “neues Vaterland” geschaffen. Das wirtschaftliche und polítische Chaos setzte sich über Jahrzehnte fort. Der Weg, “ein schlimmes Machtsystem zu stürzen” hin zu dem Ziel “ein gerechteres aufbauen” ist lang und dornig!
1910 beispielsweise verfügte rund ein Prozent der Bevölkerung über den Besitz und die Kontrolle von über 90 Prozent des Grundes und Bodens, sicher ein wesentlicher Grund für den Ausbruch einer neuen politisch-gesellschaftlichen Umbruchsphase, die als mexikanische Revolution (1910 – 1920) in die Geschichte einging und über eine Million Opfer forderte, Zuerst und vor allem ging es um “Land und Freiheit”, das ist der Schlachtruf der historischen Zapatistenbewegung, der es insbesondere um eine gerechte Landverteilung ging. Die Erhebung im Herbst 1910 gegen den Langzeitdiktator Porfirio Díaz war der Beginn einer vieljährigen Serie blutiger Kämpfe, die große Teile Mexikos erfassten. Das Land kam erst zur Ruhe mit der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas (1934 – 40), der ernsthaft die Grundprobleme des Landes aufgriff: Nationalisierung der Erdölwirtschaft, um eine Einnahmebasis zu schaffen, Agrarreform mit Enteignung vieler großer Haciendas und ihre Übertragung an die ehemaligen Knechte als Gemeinschaftsbesitz (Ejido), Aufbau eines Bildungs- und Gesundheitssystems u.a.m. Damit wurde zum Teil auch eine echte soziale Revolution verwirklicht.
Was ist heute daraus geworden, nach 200 Jahren (Beginn des Unabhängigkeitskrieges) und dann erneut nach 100 Jahren (Beginn der bewaffneten Revolution)? Gibt es ernsthafte Gründe, so zu feiern, als hätten wir nach sovielem Leid und so vielen Toten in zwei langen Kriegen nun endlich ein “Vaterland”?
Natürlich ist Mexiko heute anders als vor 200 und vor 100 Jahren. Es gab und gibt das rasante Bevölkerungswachstum, weltweit die industrielle Revolution mit einem in Mexiko bedeutenden Ausbau der Infraestruktur, des Wohnbaus und vieler neuer Arbeitsplätze. Dann gibt es in den letzten Jahren die technologisch – kybernetische Revolution, insbesondere sichtbar in der Elektronik (fast jeder hat Handy) und mit einer mehr oder weniger funktionierenden Wahldemokratie. Mehr Wohlstand wird sichtbar, z. B. an den vielen Autos. Und das Wohlempfinden (Glücklichsein) des Bevölkerungsdurchschnitts, so die Umfragen, liegt oberhalb entsprechender Werte in Deutschland. Aber sind damit alle Probleme gelöst?
Die vitalen Probleme eines riesigen Gemeinwesens wie Mexiko haben andere Gesichter bekommen, aber sie sind weit entfernt von einer zufrieden stellenden Realität. Da ich schon in vorherigen Beiträgen das ausfühlicher dargestellt habe, jetzt nur einige kurze Blitzlichter:
Alexander von Humbolt, der 1803, d. h. 7 Jahre vor dem Beginn des Unabhängkeitskrieges, in Mexiko forschte, kam zum Urteil, dass er in all seinen Forschungsreisen nirgends auf der Welt eine Gesellschaft vorgefunden habe, die so markiert sei vom extremen Gegensatz zwischen Wenigen im überbordenen Luxus und den unendlich vielen in extremer Armut. So ist es heute noch: mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss unterhalb der Armutsschwelle irgendwie und irgendwo jobben, um das Lebensnotwendige zu verdienen. Neue Formen von Sklaverei nehmen zu, insbesondere mittels der Verschleppung und Ausbeutung von Migranten.
Deshalb wird immer mehr kritisch nachgefragt:
Welche Wirtschaft benötigen wie in Mexiko und weltweit , die für alle qualifizierte Ausbildung, adäquate Arbeit und “einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet” (Art 25) . Hierbei handelt es sich um universelle Menschenrechte, festgelegt im 3. Teil der UNO – Charta.
Welche politische Strukturen sind notwendig, die genau dies ermöglichen? Zu vieles ist hier obsolet oder gar verrottet. Wie ist es möglich, von einem Rechtsstaat zu sprechen, wenn bleibend Korruption ein Grundelement der politischen “Kultur” ist? Ein Justizsystem verdient nicht diesen Namen, wenn zwar die Gefängnisse überfüllt sind von den kleinen Leuten, die klauen oder dealen, aber über 95 % (!) der angezeigten Straftaten nicht zur Verurteilung führen. Solche reale Straflosigkeit führt leicht zur Versuchung: Warum nicht bei grossen Betrügereien, bei Geldwäsche von enormen Drogengewinnen oder bei Ermordungen mitmachen, wenn nur weniger als 5 % eine Verurteilung erwartet?!
Jedes Land hat seine eigene Geschichte, die Vieles erklärt über die Ursachen heutiger Dramatik. Die derzeitigen Vorgänge in der arabischen Ländern machen dies offensichtlich.
Die aktuelle spätkapitalistischen Strukturkrise macht zunehmend deutlich, dass wir weltweit gerechte Strukturen benötigen, das zukunftsträchtig ist, d.h. nachhaltig ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht. Der jetzt über 90 – jährige gebürtige Berliner Stéphane Hessel, Mitautor der Charta der Menschenrechte der UNO in 1948 und derzeit für Viele weltweit “das Gewissen der westlichen Welt” (FAZ) machte Furore mit seinem Aufruf “Empört Euch!”: gewaltloser Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, gegen die Diktatur des Finanzkapitals, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung unf unserem Planeten. Empörung ist ist wichtig und not-wendig, denn sie ist Ausdruck vitaler Verletzungen in ungezählten Menschenherzen in sozialer Vernetzung. Nun legt er nach: “Engagiert Euch!” Eine komplexer gewordene Welt, so Hessel, erfordert komplexe Strategien: “Widerstand darf aber nicht nur im Kopf passieren. Wir müssen handeln, und zwar mit den Mitteln der Demokratie. Dazu gehören die Beteiligung an Protesten, internationale Zusammenarbeit sowie persönliches Engagement im Kleinen. Aber vor allem brauchen wir eines: den Glauben daran, dass unser ziviles Engagement die Welt verändern kann”.
Unser Planet, ein “Vaterland für alle”, besteht aus seiner Fülle von miteinander vernetzten gleichberechtigten “Vaterländern”! Ohne nationalistische Gefühle! Ein solches Leitbild sich zu erträumen, über schlimme Mißstände sich zu empören und sich zu engagieren für eine gerechte Zukunft: Darin liegen die wirklichen Gründe zu feiern. Wir brauchen ein Fest des “Vaterlandes”, das die bessere Zukunft schon einen Moment erlebbar macht und für das Engagement Mut macht.