Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt

Alfons Vietmeier hat im Herbst 2013 ein Buch veröffentlicht, das die Beiträge unserer Serie: “Der andere Blick – Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko” enthält, aber auch weitere Aufsätze, die ein recht umfassendes Bild zur sozialen, politischen und vor allem religiösen Situation in Mexiko heute bieten. Das Buch “Mexiko tiefer verstehen” ist im Dialog Verlag Münster erschienen, es hat 192 Seiten mit zahlreichen Fotos. Das Buch eignet sich gut als Einführung in die vielschichtige mexikanische Lebenswelt. Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko Stadt, er ist als Theologe und als Berater für neue kommunikative Formen in Großstädten vor allem.

Vor kurzem hat unser Freund Alfons Vietmeier regelmäßig für den religionsphilosophischen Salon aus Mexiko berichtet. Jetzt schickt er uns einen Vortrag, den er kürzlich in Emsdetten gehalten hat.

 

Gold und Silber lieb ich sehr: Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt.

Von Alfons Vietmeier,  Mexiko – Stadt

Es gibt keinen der zahlreichen Besucher aus Deutschland in Mexiko, der nicht nachdenklich auf das Thema der weltweiten Finanzkrise und konkret auf die Krise des Euro zu sprechen kommt. Auch die Medien sind voll davon, wenn ich im Internet Nachrichten aus Deutschland checke. Die Meinungen gehen weit auseinander über Ursachen und Konsequenzen. Bei den –zig Milliarden, die hin und her geschoben werden, wird es einfachen Menschen schwindelig, die schon wegen eines fehlenden Tausenders schlaflose Nächte haben. Sind solche Mega-Summen was für Zirkus – Jongleure, Spielmarken beim Monopoly oder Seifenblasen, die dann platzen? Allgemeine Ratlosigkeit und oft die Problemverschiebung auf Sündenböcke wie: “Die Griechen, die haben halt nur auf Pump gelebt!” Und wer von uns nicht auch? Mehr als Einer sagt dann, das Sicherste sei, in Gold und Silber anzulegen.

Bei diesem Punkt erzähle ich gerne etwas aus der Geschichte, das mich nachdenklich macht und lade ein, ebenfalls nach- und weiterzudenken.

Das mexikanische Füllhorn.

1803 war das Allroundgenie Alexander von Humboldt über ein Jahr in Mexiko. Er forschte wie wild, unter anderem über die vorhandenen und nicht ausgebeuteten Edelmetalle. Seine Erkenntnis: Mexiko ist wie ein Füllhorn, voll von Silber und Gold. Es muss nur mit moderner Technologie ausgebeutet werden.

In jener Zeit begann im südlichen Ruhrgebiet die deutsche Industrialisierung. Einige Industrielle lasen von Humboldts Forschungsbericht und waren fasziniert: In Mexiko ist schnell und leicht riesiger Gewinn zu machen; der vorhandene Bergbau muss nur modernisiert werden! Dazu werden Geld und damit Inversionisten benötigt! 1824 wurde in Elberfeld (jetzt Stadtteil von Wuppertal) eine “Deutsch – Mexikanische Bergwerksgesellschaft” gegründet, und Aktien wurden ausgegeben; unter anderem kaufte auch Goethe. Mit diesem Kapital wurden in Mexiko soweit wie möglich lokale Minen aufgekauft, die seit Jahrhunderten unter den Spaniern sehr rustikal etwas Bergbau betrieben und insbesondere Silber abbauten. Die anfängliche Euphorie war so groß, dass bis 1827 etwa 30 Silber- und Goldgruben, sowie drei Schmelzhütten erworben wurden, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Weiterlesen ⇘

Claude Lanzmanns neuer Film: Über Rabbi Benjamin Murmelstein, u.a. vom “Judenrat” im Ghetto Theresienstadt.

Claude Lanzmanns neuer Film: Über Rabbi Benjamin Murmelstein, u.a. vom Judenrat im Ghetto Theresienstadt.

Von Christian Modehn

Das in Paris erscheinende (linke) politische Wochen – Magazin „Marianne“ berichtet in seiner Ausgabe vom 28. Dez. 2012, dass der weltweit geschätzte Filmemacher (und Herausgeber der von Sartre gegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“) Claude Lanzmann (berühmt u.a. wegen seines Films Shoa von 1985) einen neuen Film gerade fertig stellt. Er wird in Cannes in diesem Jahr (2013) wohl uraufgeführt. Der Film ist eine Auseinandersetzung mit der umstrittenen Gestalt des Rabbiners Benjamin Murmelstein (geb. 1905 in Lemberg, gest. 1989 in Rom). Bisher hat sich Claude Lanzmann nicht ausführlich zu seinem neuen Film geäußert; vielleicht wird er in Berlin, anlässlich der Verleihung des Goldenen Ehrenbären der Filmfestspiele für sein Gesamtwerk, ein paar Worte sagen. Für sein epochales Werk Shoah hatte Lanzmann den damals schon nicht mehr als Rabbiner tätigen Benjamin Murmelstein interviewt, diese Filmsequenzen jedoch nicht in „Shoah“ aufgenommen. Nun hat Lanzmann weiter recherchiert für seinen neuen Film. Rabbi Murmelstein spielte eine sehr zwiespältige Rolle als Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien zu einer Zeit, als Adolf Eichmann dort die Vertreibung der Juden organisierte. Später war Murmelstein „Judenältester“ im Getto Theresienstadt. Hannah Arendt hat in ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ auch auf Benjamin Murmelstein hingewiesen: Er wird dort ein alt bekannter „Verbindungsmann“ Eichmanns in  Theresienstadt genannt. (S. 212 im Piper-Taschebuch). Hannah Arendt hatte als Beobachterin des Eichmann Prozesses in Jerusalem (1961) gut dokumentiert auf die Zusammenarbeit der sogen. Judenräte mit Eichmanns Vernichtungsbürokratie hingewiesen und deswegen äußerst heftigen Widerspruch erfahren. Claude Lanzmann hat sich bis jetzt (30.12.2012) nicht inhaltlich zu seinem neuen großen Film  („long – métrage“ en francais) geäußert. Nur so viel sagte er, so berichtet „Marianne“: Lanzmann werde zu den Filmfestspielen nach Cannes gehen, „um zu gewinnen, mit einem Film, den man so bisher noch nicht gesehen hat“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 

Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die “lebenden Leichname” und die Überflüssigen

Die Banalität des Bösen: Hannah Arendts Beitrag bleibt aktuell

Von Christian Modehn. Der Beitrag wurde noch einmal erweitert am 8.1.2013

Am 10. Januar 2013 startet der Kino Film „Hannah Arendt“ mit Barbara Sukowa., Regie: Margarethe von Trotta.

Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ein Anlass, erneut zur Lektüre des Werkes von Hannah Arendt (1906 – 1975) zu ermuntern …zur Diskussion. Und dies aus mehreren Gründen:

In einem ihrer Hauptwerke, in „Vita activa“, (1958 in den USA, 1960 auf Deutsch erschienen) erinnert sie daran: Philosophieren sollte viel deutlicher als bisher das Geborenwerden, also den Anfang eines individuellen Lebens, in den Blick nehmen: Bis jetzt wurden viel stärker Sterblichkeit und Sein zum Tode innerhalb einer Ontologie und Anthropologie akzentuiert. Hannah Arendt schätzt in der „Geburtlichkeit“ die Chance, Neues und Unbekanntes, Einmaliges, hervorzubringen. Sie zeigt zudem, dass der Mensch ein aktives, und das heißt ein handelndes Wesen ist. Handeln meint, gemeinsam mit anderen an einem politischen Projekt zu wirken. Erst im Eintreten für das Wohl der Stadt, die „Polis“, verwirklichen die Menschen ihr Sein. Das politische Handeln („Praxis“) ist so etwas wie eine zweite Geburt des Menschen. Dieses aktive politische Handeln ist unterschieden vom Arbeiten und Bewerkstelligen.

Hannah Arendt legt Wert darauf, nicht (nur) als Philosophin (im „klassischen Sinne) zu gelten. Sie verstand sich ausdrücklich eher als Politikwissenschaftlerin, wobei selbstverständlich ihr origineller Blick auf politische Ereignisse und Politiker durchaus philosophische Prägungen (etwa durch die Methode der Phänomenologie) offenbart.

Dieser Blick, unverstellt und ohne ideologische Brille Phänomene zu sehen, wird etwa wirksam in ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem 1961. Ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ trägt den – gleich nach der Veröffentlichung höchst umstrittenen – Titel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.  Damit wollte Hannah Arendt – entgegen vielfacher und tief verletzender Polemik – gerade NICHT den Völkermord an den Juden durch die Nazi Herrschaft als banales Geschehen darstellen. Sie wollte lediglich betonen: Einer der Hauptakteure der Vernichtung, Adolf Eichmann, sei eigentlich nicht ein unbeschreibliches Monster oder ein undefinierbarer Teufel oder sonst etwas Mysteriös – Bedrohliches! Sondern Eichmann ist ein banaler Durchschnittstyp, ein auf Gehorsam und Befehle empfangen und Befehle geben fixierter Bürokrat.

Dieser Täter (und andere in der SS Führung) ist banal, und wegen dieser Alltäglichkeit gerade beschreibbar und verstehbar und auf seinem Weg zum Schreibtischtäter nachvollziehbar. Nur wer das Böse „banalisiert“, also in den Alltag des Gewordenseins stellt, kann das Böse auch möglicherweise überwinden oder einschränken. Es müssen die Wege und Stufen beschrieben werden, die einen Menschen langsam zum Schreibtischtäter werden lassen. Das ist Hannah Arendts überzeugendes Argument! Die beispiellosesten Verbrechen der Menschheit werden von den gewöhnlichsten Leuten begangen. Die Philosophin Susan Neiman (Direktorin des Einstein Forums in Potsdam) hält in ihrem Buch „Das Böse denken“ zu recht die Studie Hanna Arendts zur „Banalität des Bösen“ für den wichtigsten philosophischen Beitrag zum Problem des Bösen im 20. Jahrhundert (Neiman, Seite 397, Suhrkamp). 1988 schrieb Ingeborg Bordmann (in: Freibeuter, Heft 36, 1988, S. 86): “Hannah Arendt versucht nicht, Eichmann zu entlarven, also eine verborgene Wahrheit hinter seinen Worten zu finden, sonden sie achtet darauf, wie Eichmann sich verhält, wie er redet, wann er stockt, verstummt oder in plötzliche emphatische Selbstdarstellung verfällt….Er erinnert sich nur an die Situationen, die mit den Wendepunkten seiner Karrriere zusammenfallen”. Eichmann lebt in einer geschlossenen Welt, seine “standardisierten Ausdrucks- und Verhaltensweisen sind nicht korrigierbar durch den Kontakt mit der Realität… Sein Gewissen ist systemkonform”. Hannah Arendts Eichmann Buch ist ein Bekenntnis zur Freiheit des Menschen. Und dieser menschliche Mensch besitzt eigentlich und immer die Fähigkeit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Bei Eichmann ist diese Fähigkeit der Verantwortung aber in einem langen Prozeß der Indoktrination von autoritären Verhaltensvorschriften Schritt für Schritt getötet worden. Das ist das eigentlich Böse an dieser Gestalt, dass diese Form des Absterbens von Verantwortung und Freiheit eigentlich immer wieder (bei allen Menschen) passieren kann. Das banale Böse ist in Hannah Arendts Sicht eigentlich wiederholbar. Denn es wütet, so ihr Bild, als das extreme Böse “wie ein Pilz auf der Oberfläche, der sich rasant verbreiten kann, wenn man den Pilz nicht ausreißt”, so Hannah Arendt in einem Brief an Gershom Scholem(vgl. Fn. 10 bei Ingeborg Normann, S. 94). Und Hannah Arendt geht noch weiter: Nicht die Zuverlässigen, die Treuen, die Stützen und gehorsamen Bürger sind diejenigen, die dem moralischen Zusammenbruch widerstehen. “Viel verläßlicher sind die Zweifler und Skeptiker, … weil sie daran gewöhnt sind, Dinge zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden…”(S. 92 in Freibeuter)

Und dieser Banalität des Bösen in Form der “Schreibtischtäter” begegnen wir heute vielfach, in der Kriegsführung, etwa im Einsatz von Drohnen, die ferngesteuert Bomben abwerfen und „eben“ zahllose „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung bewirken. Oder im völlig verantwortungslosen Handeln gewisser Banker, die um ihres egoistischen Profits willen eine ökonomische Katastrophe und damit Schaden für Millionen Menschen in Kauf nehmen: immer sind es brave, ängstliche Männer, die die eigene Karriere für absolut vorrangig halten vor allen ethischen Verantwortlichkeiten…

Ein prominenter Schüler Hannah Arends ist Richard Sennett. In seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ geht es ihm darum aufzuweisen, wie die neue Kultur, die von der New Economy der 1990er Jahre ausgeht, zu tief greifenden Veränderungen auf gesellschaftlicher und individueller Ebene führen. Sennett betont: Man muss darauf hinweisen, dass heute in der Ökonomie und Politik weltweit Massen sozusagen nutzloser Menschen „erzeugt“ werden, man denke heute an junge Arbeitslose zu Millionen in Spanien, Griechenland, Portugal usw. Oder an “Überflüssige” in den Slums der Großstädte Aftikas und Asiens… Das kapitalistische System erzeugt förmlich permanent die überflüssigen Menschen, die zudem auch wissen, dass sie niemand braucht und vom System noch mit einer Minimalunterstützung manchmal noch gerade am Überleben erhalten werden. Für Hannah Arendt stellten diese überflüssigen Menschen sozusagen die Basis dar, aus der die Mörderbande der Nazis ihre „Mitstreiter“ holten. Eine so genannte demokratische Gesellschaft und ein Staat, die ständig immer mehr „Nutzlose“ erzeugen, gefährden ihre eigene Zukunft.  Auch das ergibt sich aus einer Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Werk. In ihrem Buch „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ (1951) zeigt sie ausdrücklich, wie „der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen die historisch und politisch verständliche Präparation lebender Leichname vorangeht“. (S. 686, Serie Piper). Damit meint sie: Die lebenden Leichname wurden „produziert“ vom Gesellschaftssystem, es sind die „Millionen Heimatlosen, Staatenlosen, Rechtlosen , wirtschaftlich Überflüssigen und sozial Unerwünschten“ (ebd.). Das totalitäre System des radikal Bösen konnte sich also nur entwickeln, weil so viele „überflüssige“ Menschen „produziert“ wurden. Denn auch die Henker und Täter fühlten sich als Nihilisten, sie lebten in dem Gefühl, dass ihr Leben sinnlos und überflüssig ist. Hannah Arendt warnt: Totalitäre Systeme können wieder „auftreten, wenn wieder hingenommen wird, dass es viele „überflüssige Menschen“ eben geben darf… Die einzige „Therapie“ zur Rettung der wahren Demokratie ist für Hannah Arendt das aktive Leben, also das bewusste kritische und selbstkritische Handeln mit und für die Stadt, die Polis und die Gesellschaft. Wer das aktive Leben meidet, das Engagement gegen die Produzenten der „lebenden Leichen“, verfehlt sein eigenes Leben. So radikal ist die Botschaft Hannah Arends heute.

Über den neuesten Film (2013) von Claude Lanzmann über Rabbiner Murmelstein klicken Sie bitte zu einer ersten Information hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Benedikt XVI. – oberster Lehrmeister des Politischen

Papst Benedikt XVI. als oberster Lehrmeister des Politischen

Von Christian Modehn

Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon im Rahmen der philosophisch notwendigen Kritik der Religionen und Kirchen auf die politischen Ansprüche der Päpste, besonders Benedikt XVI., immer wieder hingewiesen und diese andauernden heftigen päpstlichen Weisungen gegenüber Staat und Gesellschaft dokumentiert und erläutert. Das neue Buch von Marco Politi, einem der renommiertesten „Vatikanologen“ mit dem Titel „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch Verlag, Berlin, Dezember 2012) bietet auch zu dem Thema wichtige Hinweise. Marco Politi, Journalist bei „La Repubblica“ und „Il Fatto Qutidiano“, bestätigt unsere eigenen bisherigen Dokumentationen. Wir weisen nur auf einige zentrale Aussagen aus dem 14. Kapitel („Der Prediger und die Wüste“) seines – sehr umfangreichen, sehr präzisen empfehlenswerten – Buches hin.

Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass er als Papst, d.h. als Stellvertreter Christi auf Erden und als Nachfolger Petri, die Vollmacht hat, die gesamte Politik weltweit zu belehren, „was die nicht verhandelbaren Prinzipien (der Politik) sind“. Das klingt zunächst interessant, könnte man doch denken, dass sich der Papst zu einem leidenschaftlichen Verteidiger der Menschenrechte (zu denen auch die Gewissensfreiheit gehört) aufschwingt und sich sozusagen an vorderster Front gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung bestimmter Menschen usw. aufstellt.  Aber Marco Politi belehrt uns eines besseren: Der Papst duldet als individuelle Freiheit nur den freien Ausdruck des „gebildeten christlichen Gewissens“ (S. 465), also des Gewissens, das sich von der christlichen Lehre prägen lässt. Aber wer verbreitet die authentische christliche Lehre? Es ist einzig der Papst als das oberste Lehramt. Gewissensfreiheit gibt es also nur für die päpstlich geprägten Gewissen. Noch als Chef der obersten Glaubensbehörde veröffentliche Joseph Ratzinger im Jahr 2002 eine „lehrmäßige Note“, also einen alle Katholiken orientierenden, wenn nicht bindenden Text zum Verhalten der Gläubigen in der Politik. Darin heißt es, ich zitiere aus dem Buch von Marco Politi (464 f.): “Es ist keinem Gläubigen gestattet, sich auf das Prinzip des Pluralismus und der Autonomie der Laien in der Politik zu berufen, um Lösungen zu begünstigen, die den Schutz der grundlegenden ethischen Forderungen für das Gemeinwohl der Gesellschaft kompromittieren oder schwächen“. Übersetzt könnte man sagen: „Liebe Politiker, hört auf Rom, den Vatikan, wenn ihr politische Entscheidungen trefft“. In den USA wurden tatsächlich in den letzten Jahren katholische Politiker exkommuniziert, die allzu sehr dem eigenen und nicht dem päpstlichen Gewissen folgten, etwa in Fragen des Schwangerschaftsabbruches. Ultramontanismus nannte man im 19. Jahrhundert diese entfremdende Denkungsart: „Zuerst der Papst, dann mein Gewissen“.

So wird also die faktische Autonomie und die faktische Gewissensfreiheit der (politisch handelnden) Katholiken zurückgewiesen. Katholiken müssen die „grundlegenden ethischen Forderungen“  über ihren persönlichen Gewissensspruch stellen. Der Bischof von Rom ist nicht nur ein spiritueller Lehrer, er ist als Nachfolger des heiligen Petrus auch der einzig berufene Interpret des Naturrechts. Denn dort sind die „grundlegenden ethischen Forderungen“ konkretisiert. Der Papst müsste sich konsequenterweise eigentlich auch des Titels „Oberster Naturrechtslehrer“ bedienen. Immer ist von Naturrecht in päpstlichen Stellungnahmen zu lesen, sehr selten von Menschenrechten: Warum das so ist? Menschenrechte entwickeln sich, sind mit dem Leben verbunden, sind um soziale Dimensionen etwa zu ergänzen. Hingegen ist „das“ Naturrecht im päpstlichen Sinne, auch in der konkreten inhaltlichen Prägung,  etwas UNWANDELBARES und EWIGES, es ist etwas Starres und Unhistorisches. Denn das Naturrecht geht letztlich, so wörtlich „auf den Schöpfer zurück“ (S: 485). Mit „Schöpfer“ ist der Gott gemeint, so, wie ihn die klassische vatikanische Theologie deutet: Als unwandelbarer Herr und Meister von moralischen Prinzipien. „Mit dieser Formulierung wird ein gleichberechtigter Dialog mit Atheisten und Agnostikern ein gewagtes, wenn nicht unmögliches Unterfangen“, so Politi (S. 485). Und was können Buddhisten und Hinduisten mit diesem Gott der Katholiken anfangen, der das Naturrecht erlässt und aus päpstlichen Munde universal für alle und immer und ewig verbreitet? Auch diese (rhetorische) Frage stellt Politi.

Der Papst und der Vatikan haben, das ist evident, mit ihrer total objektivistischen und unhistorischen Naturrechtslehre den Anschluss verloren an die moderne Philosophie (seit Kant): Diese entwickelt ethische Orientierung und Normen einzig aus der autonomen, kritischen Vernunft …  und eben nicht aus theologisch fixierten Überzeugungen … Diese Ignoranz gegenüber dem lebendigen Wandel führt sicher sehr viele nachdenkliche Menschen zur Distanz von dieser eher versteinert erscheinenden Kirchen -, d.h. Naturrechtslehre.

Mit dieser rigiden und ahistorischen (selbst theologisch längst umstrittenen) Ideologie will der Papst seine Urangst überwinden, die panische Angst vor dem Relativismus. Nichts ist für Benedikt schlimmer, als wenn relativistisch, d.h. mit historischem und hermeneutischen Wissen die vorgeblich ewigen vatikanischen Lehren befragt werden. Dann könnte man ja auch bestimmte Bibelsprüche relativistisch deuten, etwa die Begründung des Papsttums oder den Ausschluß der Frauen vom Priesteramt, dann aber würde sozusagen das ganze vatikanische System zusammenbrechen. Aus ureigenen, auf Machterhalt bedachten Motiven muss der Papst also Verfechter des rigiden, ahistorischen Naturrechts bleiben. Relativismus würde seine eigene Existenz als Papst und seines Hofes (=curia) gefährden.

Marco Politi weist zu recht darauf hin, dass nur von dieser völlig in sich abgeschlossenen Naturrechts – Ideologie aus der Kampf des Papstes gegen den ethischen Pluralismus der Moderne zu verstehen ist. Die von konservativ bis fundamentalistisch geprägten Katholiken heiß bekämpfte und äußerst polemisch attackierte so genannte Homoehe (jetzt etwa in aller Schärfe in Frankreich) ist nur ein Beleg dafür, zu welcher Mobilisierung diese uralte Naturrechts – Ideologie in der Lage ist. Die Homoehe, so der pauschale Vorwurf, würde „die“ Familie destabilisieren. Um dieser Naturrechts – Ideologie willen hat der Vatikan übrigens auch über viele Jahre zu Berlusconi gehalten. Dem Papst und seinen Mitarbeitern war das private Leben wie das politisch wie ökonomisch verantwortungslose Verhalten Berlusconis schlicht egal. Warum? Weil Berlusconi den italienischen Bischöfen und dem Vatikan signalisierte: “Von meiner Seite hat der Vatikan nichts zu befürchten“ (S. 463). Damit meinte er: Die Finanzierung katholischer Schulen durch den Staat und die Steuerprivilegien der katholischen Kirche bleiben unter Berlusconi erhalten. ABER, das ist entscheidend, Berlusconi verspricht, gegen die Homoehe vorzugehen, gegen das Gesetz über Patientenverfügungen usw. Kardinal Bertone, die so genannte Nummer 2 im Vatikan, freute sich deswegen auch zu betonen, wie der Vatikan Berlusconi „zu Dank verpflichtet ist, weil diese Regierung im Rahmen befriedeter Beziehungen stets die Interessen der Kirche (!) berücksichtigt hat“ (s. 463). Der Vatikan löste sich aus der ultra- freundschaftlichen Beziehung mit dem Katholiken Berlusconi erst im Herbst 2011: Da hatte dieser unsägliche Machtpolitiker insgesamt und nahezu überall jegliche Akzeptanz verloren. Auffällig ist: Der Vatikan unterstützt selbst auch heute höchst umstrittene und belastete, wenn nicht kriminelle Politiker, wenn sie denn nur „die Interessen der Kirche berücksichtigen“, wie Kardinal Bertone so präzise sagt.

Die Debatte um den Einfluss der rigiden Naturrechtslehre à la Vatikan bzw. Ratzinger wird aktuell noch einmal deutlich in der Ansprache des Papstes anlässlich der Weihnachtswünsche für die Kurie am 21. Dezember 2012, wir beziehen uns hier auf den französischen Text, den „La Croix“ (Paris) druckte. Darin nimmt Benedikt XVI. direkt Bezug auf eine Abhandlung des Groß- Rabbiners von Frankreich, Gilles Bernheim. Der Papst sucht sich sozusagen ökumenischen Beistand von  prominenter orthodoxer jüdischer Seite: Wer würde es da schon wagen zu widersprechen? In schärfsten Worten polemisiert er – darin mit dem Großrabbiner einer Meinung – gegen die Auflösung „der Familie“ durch die Homoehe und die Gender Philosophie, die er übrigens bei Simone de Beauvoir festmacht. Der Papst ist sich, als angeblich so brillanter und so viel gerühmter hoch gebildeter Theologe, nicht zu schade, die  biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich normativ zu deuten: „Als Mann und Frau schuf er (Gott) die Menschen (Gen. 1, 27) heißt es da: Aus diesem beschreibenden Faktum wird beim Papst gefolgert: Nur Mann und Frau können eine Familie bilden. Nur in dieser Dualität, so Benedikt und Bernheim, sei „der“ Mensch authentisch. „Die (Hetero) Familie“, so wörtlich Benedikt und Bernheim, „ist eine Realität, die schon im voraus durch die Schöpfung etabliert wurde“. Die Heteroehe ist sozusagen eine Idee Gottes, die mit der Schöpfung ad aeternum verbunden ist. Konsequent heißt es weiter: Wer diese Tatsachen der Schöpfung leugnet, „der leugnet auch Gott selbst – und der Mensch wird degradiert“. Wer die Homofamilie lebt oder befürwortet, wird in dieser Sicht förmlich zum Unmenschen. „Nur wer Gott verteidigt, verteidigt das menschliche Sein“, heißt es in der „friedlichen“ Weihnachtsansprache an den päpstlichen Hof. Merkwürdig ist, wie stark diese Form der starren Bibelinterpretation und des objektivistischen Naturrechts jegliche Bezugnahme etwa auf die Jesus – Gestalt verschwinden lässt.

Schon lange nicht mehr waren derartig maßlose Worte anlässlich einer fundamentalistischen Bibellektüre aus päpstlichem Mund zu hören. Der Vatikan, so prachtvoll barock er sich auch mit allem Pomp und Glorienschein geben mag, ist längst ein Getto geworden, das sich in starren Prinzipen einmauert und kein Interesse hat an einem Dialog, der Streit und Auseinandersetzung ist unter gleichberechtigten Partnern. „Die Stimme der Wahrheit hat immer recht…“, sie braucht keinen wirklichen Dialog. Zeichen der Ermunterung und Symbole der Hoffnung für diese so vielfältige, pluralistische Menschheit sind vom Papst trotz so vieler Worte, Weisungen und Mahnungen kaum mehr zu erwarten. Das ist die – manchen noch traurig stimmende Weihnachtsbotschaft, die dieser Tage im Vatikan verbreitet wird. Neu ist dies für einige dies vielleicht noch deprimierende Botschaft nicht. Die Schärfe des Tons wundert sogar die Freunde des religionsphilosophischen Salons. Katholische Medien sprechen bezeichnenderweise von einem aktuellen „Kulturkampf“, etwa in Frankreich anlässlich der heftigsten Debatten um die Homoehe (vgl. Christ in der Gegenwart, Heft 52, 2012, Seite 578). Kulturkampf aber ist nichts als Krieg, ausgelöst durch eine rigide Haltung des Papstes, die in der Moderne nur das Böse sehen will. Der Papst meint allen Ernstes, diese Moderne sei gottverlassen und der (heilige) Geist habe sie verlassen. Kann eine Vorstellung von Gott eigentlich noch kleinlicher werden?

Marco Politi, „Benedikt. Krise eines Pontifikats“. Rotbuch Verlag Berlin, 2012, 539 Seiten, 19, 99 Euro. Wir empfehlen dieses preiswerte Buch dringend.

copyright: christian modehn

 

Der menschliche Gott – Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Der menschliche Gott

Interview über das Weihnachtsfest von Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin, veröffentlicht am 3. Dezember 2012

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Alle Jahre wieder“… Viele Menschen erleben gerade die Tage vor Weihnachten und die obligaten Familienfeiern am Weihnachtstag selbst wie eine „ewige Wiederkehr des Gleichen“.  Worin sehen Sie selbst einen Sinn, sich immer wieder und vielleicht immer wieder neu auf Weihnachten einzulassen?

Mir geht es wie den meisten. Es ist mir einerseits zuwider, dieser ritualisierte Geschenketausch und der ganze Gefühlskitsch. Andererseits freue ich mich doch auch jedes Mal wieder auf Weihnachten. Ich habe keine konkreten Erwartungen. Aber ich denke doch, es würde mir etwas fehlen im Rhythmus des Jahres, wenn Weihnachten ausfiele. Das liegt natürlich vor allem an den Kindern. Die sind inzwischen zwar erwachsen. Sie kommen auch nicht mehr alle an Weihnachten nach Hause, weil sie inzwischen selbst Familie mit Kindern haben. Aber wenn sie an Weihnachten nach Hause kommen, dann bestehen sie darauf, dass alles so ist und bleibt wie es immer war. Selbstverständlich gehört der Besuch des Gottesdienstes am Heiligabend auch zu unserem familiären Weihnachtsritual. Wenn Sie mich persönlich fragen, ob ich einen Sinn darin sehe, mich immer wieder auf Weihnachten einzulassen, so muss ich sagen, dass ich gar keine Chance habe, es nicht zu tun – es sei denn, ich würde aus meinem bisherigen Leben aussteigen und meine Familie verlassen – aber selbst dann, so denke ich, käme ich vermutlich nicht von Weihnachten los. Weiterlesen ⇘

Von Herodes bis Hoppenstedt: Das umfassendste Buch über Weihnachten. Von Frank Kürschner – Pelkmann

Von Herodes bis Hoppenstedt

Ein inspirierendes Werk über Weihnachten….lesbar immer, auch zu Ostern.

Von Christian Modehn

So viel Weihnachten war noch nie. Jedenfalls nicht in der Gestalt eines theologischen Buches über das populärste aller christlichen Feste. Der Hamburger Journalist und Autor Frank Kürschner – Pelkmann (Hamburg) hat in diesen Tagen ein wahrliches Meisterwerk vorgelegt: „Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte“ nennt er viel zu bescheiden sein 696 Seiten starkes Opus mit insgesamt 1.814 Belegen aus Wissenschaft und Forschung. Aber keine Angst, das Buch ist kein langatmiges Werk von Spezialisten für Spezialisten, es erschließt sich jedem „theologischen Laien“ … und es macht geradewegs Spaß, die schätzungsweise 50 Kapitel zu lesen: Der (Haupt -) Titel sagt schon alles: “Von Herodes bis Hoppenstedt“. Herodes kennen wir irgendwie, den Statthalter, und den Hoppenstedts sind wir (fast) alle schon im Fernsehen begegnet: In dem Film von Loriot über das eher missratene, etwas katastrophische Weihnachtsfest … eben bei Familie Hoppenstedt. So breit ist das Spektrum des Buches, weil die Rezeption des Weihnachtsfestes so unendlich ist … bis heute. Weiterlesen ⇘

“Auf unser Wohl”: Wünsche und Hoffnungen fürs neue Jahr. Eine Ra­dio­sen­dung

“Auf unser Wohl”: Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn im Saarländischen Rundfunk, 2. Programm, am Sonntag 30.12.2012 um 9.04 bis 9.30.

Was passiert eigentlich, wenn wir uns “Alles Gute”, “Viel Glück” usw. wünschen? Christian Modehn hat mit Menschen gesprochen, die sich und anderen das “Wohlsein” wünschen, als Ausdruck der politisch – spirituellen Haltung/Tugend  der Sanftmut. Dazu gehört etwa die aktive Gewaltfreiheit genauso wie das “Buen vivir” – Konzept aus Ecuador und Bolivien, die Achtsamkeit und der Mut, Kirchenreformen grundlegender Art zu forcieren.

“Life of Pi” – “Schiffbruch mit Tiger”: Aus einem Interview mit Yann Martel

Wenn der Tiger das Leben rettet

Oder: Wie “das Böse” mit Vernunft besiegt werden kann

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Fassung schon 2003 in “Publik-Forum”, nach einem Interview “Christian Modehn befragt Yann Martel”. Weil viele Freunde des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons nachfragten, bieten wir den Text (nicht veraltet!) zum Nachlesen, auch anläßlich des Films des “Starregisseurs” Ang Lee (Taiwan) mit dem Titel “Life of Pi”, Start in Deutschland 26.12. 2012.

Auf hoher See ist er allein. Mit seinem Rettungsboot treibt er irgendwo verloren auf dem Pazifik hin und her: Pi Patel, ein sechszehnjähriger Junge aus Indien, hat bei einem Schiffbruch seine Familie verloren. Auch fast alle Tiere  sind dabei umgekommen. Sie sollten auf dem Dampfer seines Vaters, eines Zoo-Direktors in Pondicherry, Indien, nach Kanada transportiert werden. Jetzt hat Pi nur noch seine kleinen Rationen fürs Überleben – und neben sich einen Tiger. Ihn nennt Pi respektvoll Richard Parker. Er hat überlebt, weil er sich an einem Orang Utan satt fressen konnte; auch der Affe hatte noch das Desaster überstanden.

Nun muß Pi ständig damit rechnen, dass der bengalische Tiger, 450 kg schwer, auch über ihn herfällt. Sie sitzen schließlich im gleichen Boot.

“Schiffbruch mit Tiger” heißt der mit dem angesehenen Booker Preis (London) 2002 ausgezeichnete Roman eines bislang eher unbekannten Autors: Yann Martel (49), aus Montréal, Kanada, erzählt nicht nur in bewegenden Worten die Geschichte eines grossen Abenteuers. Er schildert nicht nur voller Spannung den verzweifelten Überlebenskampf eines verlorenen Menschen. Er geht vor allem der Frage nach: Wie kann ein Mensch, ja, wie kann die Menschheit insgesamt, überleben im Angesicht mörderischer, unberechenbarer, wilder Gefährdungen.

Pi ist ein gebildeter, nachdenklicher junger Mann: Den Tiger im Zustand menschlicher Selbstüberschätzung ins Meer zu schleudern oder auch zu töten, scheidet für ihn aus: Das Tier ist körperlich überlegen. So gilt es für Pi, sich zu arrangieren und mit der Macht des Geistes und der Vernunft, den Tiger zu bändigen. Und davon handelt der Roman ausführlich: Wie sich die menschliche Dominanz ausbauen lässt; wie das Tier, sozusagen gewaltfrei, z.B. mit der Trillerpfeife schikaniert und eingeschüchtert werden kann. “Es kommt darauf an: Das Tier muss es vermerken: Der Mensch achtet sehr darauf , dass seine Grenze nicht verletzt wird”. Mit Vernunft und List kann Pi schließlich den ewigen Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden unterbrechen.

Aber Yann Martel nennt eine weitere Bedingungen: “Ich (Pi) hätte aufgegeben – hätte sich nicht in meinem Herzen eine Stimme bemerkbar gemacht. Die Stimme sagte: Ich sterbe nicht. Solange Gott bei mir ist, sterbe ich nicht”.

Pi ist ein spirituell interessierter junger Mann; für ihn ist die Mystik des Hinduismus, Christentums und des Islam gleichermaßen wichtig. Das ist wichtig: Er ist eine „multireligiöse“ Gestalt, darin sehr zeitgemäß, gibt es doch immer mehr Menschen, die sich aus der exklusiven Bindung an eine (herkömmlich- vertraute) Konfession befreien und „Mischformen“ religiösen Bewusstseins für sich selbst suchen und dann „hybrid“ leben. Darauf weisen immer wieder auch TheologInnen hin, wie etwa Manuela Kalsky, Amsterdam, Spezialistin für “multireligiöse Bindungen”.

Nur in dieser spirituellen Kraft, kann sich Pi trotz aller Angst und Verzweiflung durchringen, “dass das wilde Tier am Leben bleibt”. Eine Entscheidung, die ihm später selbst die letzte Energie zum Überleben auf hoher See geben wird: Denn hätte er nicht das Tier bei sich, um das er sich letztlich kümmern muss, der Lebenswille hätte ihn in den Stunden tiefster Ohnmacht längst verlassen: Ein Dampfer fährt nämlich ungerührt an den Schiffbrüchigen vorbei…In dem Moment ist Pi dem Ende nahe, und dann sieht er den hilflosen Tiger vor sich: “Ich liebe dich, Richard Parker. Wärest du in diesem Augenblick nicht hier, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Ich glaube, dass ich nicht weiter könnte. Die Hoffnungslosigkeit wäre mein Tod. Gib nicht auf, Richard Parker, gib nicht auf”

Und gegen Ende seines Romans lässt Yann Martel seinen Protagonisten Pi zum Tiger sagen: “Richard Parker, ich danke dir, dass du mir das Leben gerettet hast”. Verkehrte Verhältnisse,  könnte man denken: Nicht das Töten des gefährlichen Feindes rettet den bedrohten Menschen, sondern das Lebenlassen des “anderen”. Nicht tierische Gewalt, sondern menschliche Vernunft führt beide zur Rettung.

Yann Martel hat natürlich keinen philosophischen Traktat geschrieben, obwohl er selbst philosophisch sehr interessiert ist. Er hat einen gut lesbaren ( und gut übersetzten) Roman geschrieben, selbstverständlich mit einem aktuellen Bezug,  angesichts der kriegerischen Gewalt, angesichts der dauernden Gefahren von “Fressen und Gefressenwerden”. Kein Wunder, dass sich bisher allein im englischen Sprachraum mehr als eine halbe Million Leser auf diese Irrfahrt übers Meer mit einem Tiger eingelassen haben. Sie haben dabei die Kunst des Überlebens entdeckt – in der Kraft der Vernunft!

Sie haben aber dabei auch einen Autor kennen gelernt, der “die Idee des Friedens” auf seine Weise praktisch versteht: “Ich lebe eher kärglich und sparsam, ich wohne nie allein, sondern immer in Wohngemeinschaften mit anderen; ich kaufe vor allem Second-Hand-Klamotten; ich habe kein Auto. Wichtiger ist noch, dass ich mich regelmässig ehrenamtlich engagiere: In Montréal besuche ich einmal pro Woche ein Hospiz für Sterbende, ich versuche, diesen Menschen nahe zu sein. Konsumverzicht und Ehrenamt sind für mich zwei revolutionäre Ideen in einer kapitalistischen Welt, bei der sich alles nur um den Profit und die Macht des Stärkeren dreht”.

Mit Verwunderung nehmen die Leser zur Kenntnis, dass sich der jetzt in allen grossen Sprachen übersetzte Autor öffentlich zum christlichen Glauben bekennt. Er ist in einer religiös desinteressierten, “skeptischen Familie” von Diplomaten großgeworden. In Montréal wird Martels Bekenntnis zum Christentum wie eine kleine Sensation behandelt. Denn in dieser Metropole hat die Kirche seit 40 Jahren jegliche Reputation verloren, sie hat alle institutionelle Macht nach der “révolution tranquille” um 1960 aufgeben müssen.  Aber gerade diese schwache, machtlose Kirche von Montréal fasziniert offenbar Yann Martel, etwa die römisch-katholische Pfarr-Gemeinde St. Pierre – Apotre, in der ausschließlich Homosexuelle die Gemeinde bilden und vorbehaltlos als solche angenommen werden und das Gemeindeleben und die Gottesdienste tatsächlich bestimmen.

“Mein Buch  hat mit dem Frieden zu tun”, sagt Yann Martel, “immer wenn wir Brücken bauen zwischen der Mehrheit und den “anderen”, wenn die Vernunft stärker ist als Hass, kommen wir der Harmonie, dem friedlichen Zusammenleben,  näher”.

Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf – Allié. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 382 Seiten. 19, 90 EURO.

PS.: Inzwischen hat Yann Martel zugegeben, dass einige  Ideen zu seinem Roman von Moacyr Scliar. einem brasilianischen Autor, stammen. Aber er empfindet,  so sagt Scliar,  die Nachahmung als ein Kompliment…

COPYRIGHT: Christian Modehn, re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon.

Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion

Beim nächsten Salon am 13.1. 2013 wollen wir das schon diskutierte Thema Selbstbestimmung von einer spezielleren Seite beleuchten:

“Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion”. Über das Recht und die Pflicht, sich seinen persönlichen Glauben, auch seinen persönlichen Unglauben, also seine eigene Spiritualität, selbst (mit anderen) zu gestalten. Also ein Salonabend auch über den Abschied von alten Göttern und überlieferten Traditionen und Konfessionen … sowie und von dem (unbewußten?) Gebundensein an “kulturelle Götter” (etwa des Kapitalismus, Konsumismus usw.) …Ein spannender Salon Abend, herzliche Einladung… mit der Bitte um Anmeldung per email: christian.modehn@berlin.de

ORT: Wieder in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm um 19 Uhr!

Zum Thema des Januar Salons:  Im November und Dezember 2012  sprachen wir über Möglichkeiten und Formen der Selbstbestimmung, anläßlich des Buches von Peter Bieri. Im JANUAR Salon am Freitag, 11. Januar 2013 um 19 Uhr in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9 in Wilmersdorf) wollen wir das Thema fortsetzen: Es wurde ja deutlich, dass wir bei der Selbstbestimmung immer schon von einem Bestimmtsein und Verfügtsein ausgehen (müssen). Das gilt auch für die religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Tradtitionen, in die wir hinein gestellt wurden. Welche Bedeutung hat dann religiöse, philosophische und weltanschauliche Selbstbestimmung, also die Wahl, meines je eigenen “Glaubens”. Heute suchen sich immer mehr Menschen ihre je eigene Spiritalität: Das ist soziologisch erwiesen. Die Rede ist von multireligiösen Bindungen. Ist das wirklich so neu? Und welches sind die Kriterien der Wahl, welches Glück suchen wir dabei? Genauso wichtig: Wie stark sind die unbewusst bestimmenden “Dogmen” der Gesellschaft, die meist den Werten der herrschenden kapitalistischen Gesellschaft entsprechen? Sind wir uns bewußt, dass wir z.B. an die Allmacht des Geldes “glauben”, an die bestehenden Strukturen der Wirtschaft, der Politik? Können wir auch inmitten dieser zugewiesenen Glaubensformen zur Selbstbestimmung finden? Das spannende Fragen, über die eine Debatte lohnt zugunsten größerer Klarheit.

 

Der phantastische Jesus – über “apokryphe Weihnachtsgeschichten”

Eine Ra­dio­sen­dung am 2. Weihnachtsfeiertag: Im Kulturradio RBB von 9.04 bis 9.30 Uhr. Derselbe Beitrag wird am 26. 12. 2012 auch im Hessischen Rundfunk HR2 (Reihe Camino) von 11.30 bis 12.00 Uhr gesendet.

Der phantastische Jesus: Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Von Christian Modehn

„Es begab sich aber zu der Zeit …“. So beginnt die bekannte Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium. Darüber hinaus finden sich über die Geburt Jesu und den Alltag in der heiligen Familie weder bei Lukas, noch beim Evangelisten Matthäus erschöpfende Hinweise. Mit so mageren Informationen wollten sich die ersten Christen aber nicht zufrieden geben. Sie verfassten, von frommer Phantasie geleitet, weitere Legenden und Erzählungen, so genannte „apokryphe“, verborgene Evangelien: Da wird von der Geburt in einer Höhle berichtet, von neugierigen Hebammen und den Eltern der „Gottesmutter“ Maria. Das wundertätige Baby entwickelt sich zum trotzigen, frechen Jungen. Die Kirchenführung ignoriert diese Texte; das fromme Volk sowie Künstler und Schriftsteller lassen sich von ihnen bis heute inspirieren. „Der Glaube braucht phantastische Bilder“, sagen Liebhaber dieser ersten „Jesus–Romane“.

 

Der Advent – philosophisch betrachtet

Wozu der Advent inspirieren kann

Eine philosophische Meditation

Von Christian Modehn

Advent – ein Begriff, der sich über christliche und religiöse Zusammenhänge hinaus längst in die populäre (Kommerz-) Kultur des Westens fest eingeschrieben hat. Advent ist dann meist das eilige Besorgen von Gegenständen (Geschenken, Austausch von Geld) auf den erwarteten Tag (Weihnachten) hin.

D.h.: Nichts wirklich Neues wird in diesem „Advent“ dann erwartet, alles ist schon der kommerziellen Nivellierung unterworfen: „Alle Jahre wieder immer das selbe“.

Ich weise hier auf den ursprünglichen Wortsinn von Advent hin:  Es kommt etwas/jemand ungeahnt Neues auf uns zu. Wichtig ist: Es kommt etwas/jemand von sich selbst her auf uns zu. Es kann etwas Neues eintreten.

D.h.: Es ist nicht das von uns Gemachte, Geplante, Gestaltete, das da auf uns zukommt. Es ist das andere, der/die andere.

Diese „adventliche“ Erfahrung  machen wir aber immer schon auch mitten im Leben, außerhalb der sogen. Adventszeit. Etwa im Sehnen und Warten auf den /die Geliebte(n) oder auf die gelungene, weil schon nicht mehr machbare Kommunikation der Verständigung, dem „großen“ Fest, der unvorsehbaren schönen Reise, dem Ende von Konflikten unvernünftiger, verbissener Parteien, Staaten usw….

Dieser „Advent“ des unbekannten und endlich Licht bringenden, d.h. für uns Sinn bringenden Kommenden widerspricht unserer gängigen Vorstellung, dass wir es sind, die immer die Zukunft machen und gestalten, etwa der Art: Wir wissen heute schon, was morgen und übermorgen sein wird, weil wir es sind, die da planen. Zukunft wird auf dieser Weise eher zur langweiligen, weil bloß verlängerten Gegenwart, „unserer Gegenwart“.

Natürlich rechnen wir, so planend, auch mit den Zufällen oder mit den unbekannten Eingriffen anderer in unsere Zukunftsprojekte. „Es kommt immer alles anders als man denkt“, heißt ein Sprichwort, das den Wahn des alles Gestaltenkönnen bereits korrigiert. Das Wort könnte aber eine eher resignative Aufforderung sein, dann besser erst gar nicht zu denken, also zu planen und in einen Defätismus zu fallen. Aber das Sprichwort ist eher bloß daher geredet, es stört überhaupt nicht den Trend, möglichst alles Zukünftige selbst zu planen.

Jedoch: Diese Vorstellung von Zukunft als dem von uns Gemachten lässt sich mit einem eigentlichen Verständnis von Advent nicht verbinden: In einem ersten Vorverständnis von Advent schwingt schon mit: Da kommt etwas Anders, Neues, noch nicht Erlebtes auf uns zu, das nicht dem Durcheinander von Zufällen ausgesetzt ist. Die alten mythischen und religiösen Bilder des Advent sprechen von Zeiten des Heils, der Befreiung, der Erlösung. Diese Bilder haben Menschen früher einmal für sich formuliert (in der Bibel usw.)  Aber alte Bilder (alte Texte) müssen nicht von vornherein irrelevant sein für ein heutiges Selbstverständnis. Diese alten Bilder (etwa: umfassende Befreiung) hielten die damaligen Autoren wohl etwas naiv noch „vom Himmel gefallen“, so hätte Gott als Gott sie in die Welt gesetzt. Kritische Philosophie muss sagen: Auch diese großen Advent – „Visionen“ (wenn dieses Wort erlaubt ist) sind aus dem menschlichen Geist entstanden, werden aber als Geschenk und damit als das Nicht – Gemachtes erfahren. Der menschliche Geist ist befähigt, das Ungeahnte auszudrücken. Das heißt: Die in den Advent Bildern ausgedrückte Sehnsucht sind Symbole umfassenden Friedens, Gerechtigkeit für alle, Hoffnung auf den definitiven Sieg der Menschlichkeit über Gewalt und Hass usw. sind Bilder und Symbole, die aus der unendlichen Kraft des menschlichen Geistes geschaffen wurden. Sie werden als Geschenk (!) des Geistes, als überraschende Gabe, erlebt und zugleich als Ausdruck der menschlichen individuellen schöpferischen Freiheit.

Philosophie schlägt darum vor: Diese Sehnsucht nach einer „heilen (Advent -) Welt“ ist kein kindlicher Wunsch nach dem Schlaraffenland. Sehnsucht, in dieser grundlegenden Art, gehört vielmehr „zum Wesen“ des Geistes und sollte nicht als illusorischer Wahn diskreditiert werden. (Advent-) Sehnsucht ist Ausdruck des immer über alles Gegebene hinausgehenden, transzendierenden Geistes („metaphysische Unruhe“, nannte man das früher).

Es ist paradox, aber sollte zur Kenntnis genommen werden: Diese grundlegende Sehnsucht als Haltung des Advent drückt sich bereits schon jetzt aus in der Kunst, der Musik, der Poesie, der Philosophie und den religiösen Bildern. Die Symbole des Advents sind sozusagen schon unter uns, als „Gabe“ ! Wir müssen sie nur wahrnehmen. In den schöpferischen (als Gabe, Geschenk erlebten Werken der Kunst usw.) wird symbolisch ausgedrückt, dass das erwartete und ersehnte „Ganz Andere“ bereits unter uns sichtbar ist. Darin zeigt sich einmal mehr, unser Geist ist immer schon über das Gegebene und Faktische hinaus. Er ist wesentlich „unzufrieden“, wie Maurice Blondel sagt

Advent ist also nichts „Skurilles“ oder gar nur Ausdruck für eine auf drei, vier Wochen bezogene Konsum – Welt.

Advent ist, siehe oben, ein symbolischer Ausdruck für „Es wird etwas ganz Neues kommen“ und wir können es symbolisch bereits – als Geschenk an uns – ausdrücken.

Wenn die Philosophie einen Rat gibt, was sie selten tut: Halten wir uns doch an diese Symbole. Diese Symbole sind lebensfördernd, sie steigern sozusagen unser Befinden, deswegen kann man sie philosophisch auch „erlösend“ und befreiend nennen. Der Begriff der Erlösung ist keineswegs für die Religionen und Konfessionen reserviert!

So sind also auch die großen religiösen Verheißungen Ausdruck des menschlichen Geistes. Aber was ist der menschliche Geist? Ist er bloß (banal) „menschlich“ oder gar bloß „natürlich“?

Wir schlagen vor: Im menschlichen Geist selbst bereits ist die Fähigkeit angelegt, das ersehnte „Ganz Andere“ auszudrücken und zwar kraft „des Anderen“ selbst, das IN UNS ist, dies ist das „Ewige“, wie einige Philosophen sagen. „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“ heißt die entsprechende Einsicht des Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal (Fragment 434 in den Pensées).

Advent wäre also die Feier der kreativen Kraft des allgemeinen menschlichen Geistes.  Dieser Geist kann sich selbst nur als „Gabe“ verstehen, als Geschenk, als „Schickung“ oder wie auch immer.

Aber als Geschenk und Gabe von wem? Da kommt die philosophische Meditation an ihre Grenzen: Es ist – vielleicht – eine Gabe des alles gründenden göttlichen Geheimnisses, sagen Philosophen und philosophische Mystiker vieler religiöser Traditionen.

Offenbart also der Advent ein Menschenbild, das in die Tiefe des göttlichen Geheimnisses reicht? Wahrscheinlich ist das so. Dieses Geheimnis kann vom Menschen nur berührt, aber niemals umfasst und schon gar nicht definitiv (etwa in Dogmen) ausgesagt werden. Aber das ist schon viel. Was wären das auch für Menschen, die sich anmaßen, das Göttliche zu umgreifen?

copyright: Christian Modehn, Berlin, 30.11.2012.

Meinen Tod annehmen – meinen Tod sterben dürfen. Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität

Meinen Tod annehmen, meinen Tod sterben dürfen

Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn. Veröffentlicht am 12. 11.2012

In unserer Gesellschaft, vor allem im Fernsehen und Kino, sind Sterben und Tod, sind Mord und Totschlag, „spielerisch“ wie real in Kriegen und Katastrophen, allgegenwärtig. Zeigt sich in dieser Überfülle von Todesbildern eine Fluchtbewegung vor der Auseinandersetzung mit meinem eigenen Tod?

Bei solchen Kulturverfallsklagen werde ich immer etwas misstrauisch. Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen früherer Generationen, als das Sterben in der nächsten Umgebung von Familie und Nachbarschaft noch viel häufiger vorkam als heute, sich mit dem Tod und dem eigenen Sterben intensiver auseinandergesetzt haben. Es ist zwar richtig, dass in unserer Mediengesellschaft die Begegnung mit dem Tod der anderen zu einer solchen aus zweiter Hand geworden ist. Wir erleben den Tod nicht mehr so hautnah, seltener in sozialer Nähe, sind aber durch die Medien dennoch ständig mit ihm konfrontiert. Gleichwohl wissen wir genauso, dass wir sterben müssen. Jeder und jede weiß das. Und auch heute fragen schon die Kinder, was das heißt, tot zu sein.

 

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Fritz Roth, Bestatter: Inmitten der Trauer das Leben lieben… und über Sterbehilfe nachdenken

Wir bieten hier einige wichtige  Informationen zu Fritz Roth, einem der wegweisenden und prägenden, inspirierenden Bestatter in Bergisch – Gladbach.   Mit großer Trauer hören wir, dass Fritz Roth am 13. 12. 2012 verstorben ist. Seine Ideen, seine Kreativität, seine Menschenfreundlichkeit: sie leben weiter.

Weiter unten finden Sie zum Nachlesen eine Ra­dio­sen­dung.

Zuerst aber ein Statement von Fritz Roth, das er im Oktober 2012 unter seinen regelmässigen “Denkanstößen” publizierte, zum Thema Selbstbestimmung und Sterben, “Sterbehilfe”. Dieses Thema wurde leider in der Talkshow der ARD mit Günter Jauch am 18.11.2012 um 21. 45 nicht angesprochen;  es wäre aber wichtig gewesen, Fritz Roth danach zu befragen, da er sich selbst als einen gläubigen Katholiken versteht mit zahlreichen Verbindungen zu katholischen Organisationen!

Am 30.10. 2012 in “Denkanstoß Nr. 66” schrieb Fritz Roth:

Ich möchte auch noch einmal für ein Thema streiten, das wir wie Trauer und Tod aus dem öffentlichen Bewusstsein oft genug verdrängen.

Es geht um Sterbehilfe.

Die Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ich von meiner Familie, von Freunden, Bekannten und auch von Seiten der Medien bekomme, seit bekannt wurde, dass ich unheilbar an Leberkrebs erkrankt bin, berührt mich tief. Ich danke allen, die mir in den letzten Wochen zugehört, mich in ihre Sendungen eingeladen und über mich geschrieben haben. Während der Gespräche gab es immer wieder bewegende Momente.

Bisher war mein Lebensthema Trauer. Menschen kamen immer dann zu mir, wenn sie einen Trauerfall in der Familie hatten, oder sich aus anderen Gründen für das Thema interessierten. Trauernden zu helfen und Menschen mit dem Tod vertraut zu machen, hat einen Großteil meines Lebensglückes ausgemacht. Ich liebe meinen Beruf. Eine neue Trauerkultur nicht nur zu fordern, sondern sie mit zu gestalten, ist für mich eine große Erfüllung.

Meinen eigenen Tod vor Augen würde ich der gesellschaftlichen Diskussion gerne noch einmal einen Impuls geben. Die Vorstellung an Schläuchen zu hängen und von der Funktionsfähigkeit einer Maschine abhängig zu sein, ist schlimm. Natürlich möchte ich schmerzfrei sterben. Das ist heutzutage kein Problem. Aber ich möchte auch bewusst sterben.

Es wäre eine große Erleichterung, über meinen eigenen Tod selbst entscheiden zu können. Ob ich die Entscheidung fälle, steht auf einem anderen Blatt. Ich möchte es nur dürfen. Wenn es ans Sterben geht, möchte ich meine Würde und meine Mündigkeit behalten. Ich finde es bedenklich, wie wir versuchen, alles per Gesetz zu regeln, den Anfang und das Ende des Lebens. Dass meine Frau aus dem Zimmer gehen muss, um sich nicht strafbar zu machen, wenn sie mir etwas gibt, damit ich mein Leben würdevoll beenden kann – ich halte das für menschenunwürdig.

Ich möchte mir nicht selber das Leben nehmen, aber ich möchte darüber wenigstens nachdenken können, und es müsste ermöglicht werden dürfen. Und dafür möchte ich nicht in die Schweiz fahren, sondern das möchte ich zu Hause tun können, vielleicht dabei aus dem Fenster schauen oder was immer mir noch möglich ist. Meine Lebenssituation kann sich sehr schnell ändern. Im Moment fühle ich mich gut und bin voller Tatendrang. Das kann in ein paar Wochen anders sein, dann macht mir der Krebs vielleicht wirklich Angst, weil ich mich vor Schmerzen krümme. Ich werde vorbereitet sein.  Herzlichst, Ihr Fritz Roth.

Die NDR Ra­dio­sen­dung aus der Reihe Lebenswelten (2006):

Inmitten der Trauer das Leben lieben

Fritz Roth – Bestatter, Philosoph, Seelsorger

Von Christian Modehn

Einige Freunde des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons baten darum, die Sendung über den Bestatter Fritz Roth, Bergisch – Gladbach, NDR 2006,  noch einmal nachlesen zu können. Wir bieten hier die für Rundfunkproduktionen übliche Form auch mit den abgeschriebenen O Tönen zur privaten Verwendung … und zur Hochschätzung der Leistungen von Fritz Roth in der Suche nach menschlicher Trauer und Begleitung. Dieser Beitrag dokumentiert  einige wichtige Aspekte der Arbeit von Fritz Roth.

22 O TON Zuspielungen

1. O TON, 0 25″.

In meinem Mittelpunkt steht nicht mehr der Tote, sondern der, der mit dem Tod leben muss.  Mascha Kalekko sagt so treffend: Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen, den muss man leben. Und wenn ich wieder weiß, was Tod ist, dann bekomm ich eine neue Werteinstellung zu meinem Leben und auch zum Leben der anderen.

Fritz Roth sitzt in seinem Salon, umgeben von feinen Möbel und alten Teppichen, an den Wänden Gemälde zeitgenössischer Künstler. Die Fenster geben den Blick frei in die üppige Natur: Bäume in herbstlicher Farbenpracht, in der Ferne einige Skulpturen. Befinden wir uns in einem eleganten Land-Hotel? Der Besucher möchte es glauben, wenn er in Bergisch-Gladbach das Grundstück von Fritz Roth betritt und über verschlungene Wege auf der Anhöhe die alte Villa erreicht. In diesem Landhaus möchte man verweilen und ausruhen. Und genau dazu fordert Fritz Roth auf. Denn er meint: Seine Besucher und Gäste hätten einen Anspruch darauf, sich hier “wie zu Hause zu fühlen”. Denn sie durchleben schwere Stunden: Sie müssen sich von ihren Lieben verabschieden, hier erleben sie, wie der Sarg geschlossen wird. In wohltuender Atmosphäre fällt es leichter, sich dem Unabänderlichen vertraut zu machen. Angela Kirch hat vor einigen Jahren ihren Mann verloren. Zuerst kümmerte sich ein Bestatter aus der unmittelbaren Nachbarschaft um die Leiche. Einige Freunde hatten sie aber an Fritz Roth verwiesen:

2. O TON, 1 16″

Hier hab ich dann die Möglichkeit gehabt, wirklich von ihm auch Abschied zu nehmen. Der Herr Roth war dann dabei, hat mir geholfen, und zuerst mal die Berührung mit dem toten Körper vorgemacht. Dass ich mich auch traute, dass ich einfach das Ereignis realisieren konnte, dass ich ihn auch mit angezogen habe, ihm Kleidung ausgesucht habe zu Hause und dann beim Anziehen dabei. Er war ja dadurch, dass er tot gefunden wurde von dem anderen Bestattungsunternehmen eingesagt worden. Hatte dann ein Rüschenkissen, und eine Rüschendecke, da war der Sarg mit ausgestattet. Und das war so fremd für mich. Und dann wurde das direkt aufgenommen und er hat gesagt, dann sollte ich doch von zu Hause was mit bringen, was so besser passt. Und dann haben wir das umgeändert in seine Wolldecke, die immer und überall mit hin genommen wurde in den Urlaub oder so. Konnte ich ihm dann in den Sarg legen, Kopfkissen, wo er einfach vertrauter aussah, nicht.

Im Erdgeschoss seines Hauses hat Fritz Roth gemütliche Wohnzimmer eingerichtet, mit Sesselecken und Sofas, mit Schränken und einer kleinen Kochnische. Und in der Mitte steht der offene Sarg. Hier können die Hinterbliebenen bei ihrem Verstorbenen verweilen; sie können bleiben, solange sie wollen. Und sie dürfen kommen, wann immer sie möchten, selbst nachts. Ein Mitarbeiter ist immer in Rufbereitschaft. Bei einem Verkehrsunfall im Ruhrgebiet hat Herbert Arntz seine Frau und eine seiner Töchter verloren.

3. O TON, 1 23″

Dann hab ich den Herrn Roth angerufen, obwohl mein Bestatter schon gesagt hat, die sind so schlimm zugerichtet die Toten. Gucken sie die nicht mehr an, sehen sie, dass sie das schnell über die Bühne kriegen. Und der hat gesagt, der Herr Roth, das lassen wir mal so stehen, ich fahre nach Essen ins Krankenhaus, ich gucke mir die an. Das hat der dann auch gemacht. Rief mich am selben Tag noch an und sagte, das ist kein Problem, die Toten sind nicht so entstellt. Er holt die nach Bergisch Gladbach von Essen, die werden hier aufgebahrt und ich könnte Tag und Nacht kommen, um Abschied zu nehmen, das wäre ganz wichtig. Und ich fand ganz hilfreich, mit welchem Einfühlungsvermögen der Herr Roth mit mir umgegangen ist. Als hätte er das selber erlebt, das Gefühl hatte ich, ich hatte sofort einen Verbündeten. Und dann er hat mich an die Hand genommen und runtergeführt in den Raum, wo die beiden dann lagen, und stand dann erst mal mit mir schweigend. Er hat dann auch ermutigt, die Toten anzufassen,  um zu sehen, dass sie eben nicht mehr leben, dass sie kalt sind, und auch, dass sie sich verändern werden im Laufe der Zeit, dass man das auch mit sieht und wirklich sicher ist: Die sind tot, ihre Hülle ist tot, und davon kann man sich verabschieden.

Herbert Arntz hat hier unter Tränen langsam entdeckt: Trauer ist keine Krankheit. Du musst dich deswegen nicht schämen. Du darfst weinen, brauchst dich nicht zu verstecken. Aber dann beginnt tastend und suchend eine neue Lebensphase. Für die Hinterbliebenen bietet Fritz Roth in seinem Haus Gesprächsgruppen an. Trauernde treffen sich zweimal im Monat in kleinem Kreis. Sie wollen einander stützen und gemeinsam Auswege aus der Verzweiflung suchen. Herbert Arntz:

4. O TON, 0 38″.
Als die erste Trauergruppe dann zu ihrem Ende kam, die sich auflöste, da hatte man uns gefragt, ob man nicht Betroffene, die schon eine Trauergruppe erlebt haben, auch  als authentische Figuren, als Ko- Referat so dabei sitzen. Und das haben wir dann auch gemacht, wir haben dann nachfolgende Gruppen noch begleitet. Und das war noch mal hilfreich für mich zu sehen, dass ich schon ein Stück vorangekommen bin, dass ich schon ein Stück weiter war und sagen konnte: Mensch, das kenn ich, das ändert sich, und konnte das vielleicht authentisch sagen, weil ich ja selber ein Betroffener war und nicht ein Belehrender war.

Den Trauernden wieder Mut machen, das Leben zu lieben: Fritz Roth hat sich dieses anspruchsvolle Ziel gesetzt, und er verlangt dafür bloß die üblichen Honorare. Nicht gerade selbstverständlich in einer Branche, in der Konkurrenzkampf kein Fremdwort ist und Effektivität oder Profit als oberste Werte gelten. Fritz Roth wurde 1949 in einem kleinen Dorf im Bergischen geboren:

5. O TON, 0 38″.

Dass ich mich so dem Tod widme, hätte ich eigentlich an meiner Wiege nicht gedacht. Weil, ich war ja Bauernsohn und sollte Bauer werden. War der einzige Sohn. Auf dem Bauernhof war der Umgang mit Leben und Tod ein ganz natürlicher. Und das war mir nicht so bewusst, aber das war allgemeine Lebenserfahrung. So wie wir lachten, so weinten wir auch, wir begegneten dem Tod, wir wurden ihm nicht ferngehalten. Der Tote war zu Hause, er wurde von der Familie anzogen, er wurde betrauert; die Leute kamen in das Trauerhaus, dann setzten sie sich um den Toten herum. Er wurde aus der Gemeinschaft heraus beerdigt, und danach gab es auch immer etwas Tolles zu essen.

Aber lange hielt es ihn nicht in dieser so harmonischen, beinahe idyllisch erlebten Welt. Der jugendliche Traum von fernen Welten im Dienst der Mission war mächtiger:

6. O TON, 0 21″.

Dann bin ich mit 10 Jahren in ein Kloster gegangen, weil ich Missionar werden wollte. Bin immer sehr begeisterungsfähig: Ich kam aus der Schule, und da kamen zwei Patres, und die begeisterten mich dafür ins Kloster zu gehen, also habe ich sehr zum Leidwesen meines Vaters mein Ränzlein geschnürt, bin nach Holland gegangen, war neun Jahre bei den Steyler Missionaren und da war der Umgang auch immer mit Tod ein ganz natürlicher.

…weil die Ordensleute beim Tod ihres Mitbruders dabei waren, der Verstorbene in der Kirche für ein paar Stunden aufgebahrt und mit Liedern der Zuversicht, mit einem Halleluja, bestattet wurde.

Nach dem Abitur im Kloster-Gymnasium studiert Fritz Roth Volkswirtschaft, er wird Unternehmensberater, bricht seine Karriere aber ab, weil er etwas ganz anderes vorhat: Er will den Umgang mit Sterben und Tod menschlicher gestalten. Dieser berufliche Umbruch, dieser Neubeginn, ist vielleicht mit der Dynamik einer religiösen Berufung vergleichbar. Fritz Roth will ein besonderer Bestatter werden: Bei Spezialisten für Trauerbegleitung, den Psychologen Jorgos Canacakis und Verena Kast, macht er seine Studien. Seit der Gründung vor 23 Jahren ist das “Haus der menschlichen Begleitung” größer geworden, es zählt heute mehr als 20 Mitarbeiter. Fritz Roth kümmert sich auch um die alltäglichen Aufgaben eines Bestatters, aber er will mehr, möchte Neues schaffen, Modelle bieten für eine zeitgemäße Trauerkultur. Vor wenigen Monaten hat er auf seinem weiträumigen Waldgelände Deutschlands ersten Privat-Friedhof eröffnet. Einmal pro Woche führt er Gruppen über das Friedhofsgelände:

7. O TON, 0 27″. 

Natur ist für mich auch immer einer der besten Trauerbegleiter, ich vergleiche in meiner Arbeit Trauerzeit mit Winterzeit. Sogar die Bäume, die machen mir Mut: was machen die im Winter: Die werfen alles weg, was morsch und faul ist. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, man könnte fast so sagen, wie Exerzitien. Und da kann der Schnee im Bergischen und dort, wo Sie leben noch so hoch sein: Der Baum hat das Vertrauen, ich werde wieder grün werden.

Der Friedhofsgarten ist voller Symbole: Sie fallen dem Besucher förmlich vor die Füße: Eine Mauer, zum Klagen bestimmt; Berge von Wurzeln, die das Gespür für die eigenen Erdverbundenheit wachrufen. Ein kleiner Garten voller heilsamer Kräuter, sanfte Mahnungen, gesünder zu leben. Und immer folgt der Weg durch den Park-Friedhof der in sich ruhenden Form einer liegenden 8, sie wirkt wie eine Schleife der Unendlichkeit:

8. O TON, 0 38″.

Hier kommt die liegende 8 zusammen. Und geht wieder auseinander. Und deshalb ist dieser Schnittpunkt für mich auch ein spiritueller Punkt. Und wir sehen hier die Pflasterung ist auf ein mal eine andere. Und wenn sie genau auf diese Pflaster schauen, dann sehen sie am äußeren Rand, dass diese Steine Namen tragen. Eigentlich müsste jeder Stein einen Namen tragen. Denn ich möchte mit diesen Steinen zum Ausdruck bringen die Entwicklung unserer Menschheit. Und es kommt auf jeden Stein an, es kommt auf jeden an. Wenn einer von Ihnen nicht leben würde, wäre die Welt anders.

Die Besucher halten inne, schauen in die weite Landschaft. Sie ahnen nicht, dass es heute noch sehr viel Durchsetzungsvermögen kostet, einen privaten Friedhof in Nordrhein-Westfalen  zu eröffnen. Immerhin: Auf dem Privaten Friedhof sind der Kreativität fast keine Grenze gesetzt:

9. O TON, 0 26″.

Hier gibt es nur eine Bedingung: Keiner wird namenlos bestattet. Eine junge Frau, die starb und die sollte eigentlich anonym beigesetzt werden. Aber bevor sie starb, hatte sie noch von diesem Konzept gehört, und hatte ihren Mann hier hin geschickt und hat gesagt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, dann möchte ich nicht anonym bestattet werden. Und sie sagte: Dieser Stein aus dem Garten, die Pflanzen aus dem Garten, die müssen auf mein Grab. Und das machten wir. Und sie war die Frau, die eine Vorliebe zum Mond hatte. Wo ihr Mann sie dann  nachts um 12  Uhr in einer Mondnacht beigesetzt hat. Das ist alles möglich.

Fritz Roth hat sich den missionarischen Elan aus Jugendzeiten bewahrt: Er will eine Botschaft verbreiten. Und seine “Message” bezieht sch auf Grundsätzliches: Jeder Mensch soll die absolute Begrenztheit des Lebens anerkennen. Zur Verbreitung dieser Botschaft ist ihm beinahe jedes Mittel recht:

11. O TON,  0 41″.

Im Sommer haben wir immer ein Sommerkonzert, für alle, die traurig sind. Und für mich war das immer so eine Sache, im Sommer reden alle nur vom Wegfahren. von Urlaub, und ich sehe nicht die traurige Nachbarin, die ihr Kind verloren hat. Also habe ich seit 15 Jahren immer eingeladen zu einem Sommerkonzert: “Streicheleinheiten für die Seele”. Wo jeder hin kommen konnte, der traurig war, mittlerweile kommen auch sehr viele, die gar nicht traurig sind. Hab bekannte Musiker eingeladen, und ich konnte einen Abend die Seele baumeln lassen. Und hier haben die Bläck Fööss gesungen, Tommy Engel war hier, der bekannte Lied-Sänger von den Bläck Fööss, bei dem waren 1400 Teilnehmer.

Vor allem seine Kollegen, die Bestatter,  möchte Fritz Roth für eine neue Trauerkultur begeistern, das gelingt nicht immer. Es gibt viel Neid in der Branche, und manche sind schadenfroh, wenn “der Roth” sich in seinem Enthusiasmus förmlich überschlägt und vor vier Jahren sein eigenes, privates Krematorium einrichten wollte, ein Projekt, das an der Bürokratie scheiterte. Andererseits: Einige Kollegen haben Respekt vor seiner Leistung:

12. O TON, 0 21″,

Ich bin selbst Bestatter und kenne Herrn Roth schon seit Jahren, habe es miterlebt, wie die Anfänge waren, bin begeistert. Ich kann nur sagen, das müsste weit mehr möglich sein, es ist der richtige Weg. Bin eben mal so 10 Minuten durch den Wald gegangen und da fand ich die innere Ruhe, was jeder Mensch braucht, um zu sich zu finden.

Eine neue Bestattungskultur könnte die Lebensqualität verbessern, landauf landab verkündet Fritz Roth seine Philosophie, in Büchern und Talkshows, in der Presse und bei Vorträgen: Einige Pflegeheime für alte Menschen haben sich seinen Vorschlägen angeschlossen, berichtet Irmgard Pracht aus Wuppertal:

13. O TON, 0 41″.

Die Bewohner sterben in ihren Zimmern, in ihrem vertrauten Raum. Sie werden dort auch begleitet bis zum Ende und werden nach dem Tod auch dort verabschiedet, also mit der Familien, wenn das gewünscht wird, mit der Familie, mit dem Pflegepersonal, mit den Mitbewohnern, da wird eine kleine Aussegnungsfeier gemacht und dann kommt der Bestatter. Es erregt bei uns ein großes Aufsehen, dass der Bestatter mit dem Sarg durch den Haupteingang kommt. Die Menschen, die dort zu Besuch sind, die sehen, dass dort gestorben wird. Das ist nicht immer einfach auch für die Menschen, die dort leben, die sagen: Wir wollen das gar nicht, wir wollen gar nicht immer erinnert werden.

Den Tod in der Öffentlichkeit verdrängen, und die Toten möglichst unsichtbar machen: Noch immer ist dies traurige Wirklichkeit. Aber Fritz Roth lässt sich nicht entmutigen, er erläutert seinen Besuchern immer wieder neue, ungewöhnliche Projekte:

14. O TON,  1 08″.

Deshalb sehen sie hier die Villa Trauerbunt, das Haus des trauernden Kindes. Das ist nur für Kinder reserviert, dieses Haus, wo Kinder die einen Verlust hatten, über Malen, Spielen, Gestalten, Basteln, (mittwochs und donnerstag) ihre Gefühle ausdrücken können. Dann haben wir einen Wut?? Raum drin: Und jedes im Mai, Juni, beauftragte ich eine Theaterfrau ein Theaterspiel für Kinder über Staunen, Hinsehen, Phantasieren, aber auch über Tod zu entwickeln. Und das bieten wir allen Grundschulklassen, allen Kindergärten an, und in den letzten Jahren sind über 12.000 Kinder im Alter zwischen 5 und 9 Jahren hier gewesen. Und gleichzeitig spielen die draußen und drinnen ist vielleicht eine Trauerfeier oder eine Veranstaltung, und es passt alles unter ein Dach. Und meine Endvorstellung ist es ja, dass dieses Haus ein Geburtshaus wird, wenn hier Menschen Tränen der Freude weinen über Leben, das begonnen hat. Und daneben stehen Menschen, die Tränen der Trauer weinen über Leben, das sich vollendet hat. Aber das Geburtshaus dauert noch wahrscheinlich ein bisschen, ich will nicht noch Gynäkologe werden.

Fritz Roth will unter allen Umständen wieder den Tod mitten ins Leben stellen. Für ihn ist das eigentlich kein neuer, schon gar nicht ein revolutionärer Gedanke,  sondern eher ein konservatives Programm, voller Sehnsucht nach der alten behüteten Heimat:

10. O TON,  1 02″.

All das, was ich hier tue, das fordere ich auch für mich ein. Meine Mutter, die starb vor 5 Jahren. Und wir haben sie 8 Tage zu Hause gelassen. Und wir hatten wunderbare 8 Tage, hier war ich der Sohn, hier war ich nicht der Bestatter. Wir konnten die alten Fotoalben noch mal herausholen. Nachbarn kamen, setzten sich um den Sarg unserer Mutter, erzählten uns Geschichten. Wir hatten Zeit eine wunderbare Todesanzeige selber zu gestalten. Wir hatten Zeit, die Ansprache für die Mutter zu schreiben. Und dem Pastor haben wir gesagt, die Ansprache, die halte ich. Die Messe mit den Liedern, die suchen wir aus. Und das müssen nicht immer Kirchenlieder sein. Sondern das sollten Lieder des Lebens sein. Wir haben nach der Messe die Mutter rausgetragen aus der Kirche. Wir sind durch die Straßen wieder gezogen. (Aber) Ich möchte, dass man in einem Gemeinwesen wieder entdeckt, hier wird  nicht nur der Karnevalszug, nicht nur der Schützenzug nicht sonstige Umzüge gefeiert, hier wird auch gestorben.

Es ist die Begeisterung, die ihn leitet und wie einen Missionar in die Ferne treibt:

15. O TON, 0 23″. 

Ich hab bis zum Jahresende glaube ich noch 30, 40 Veranstaltungen laufen. /Es ändert sich/ Ich rase wie ein Rasselli durch die Lande, um überall Flächenbrände des Lebens zu entfachen. Und ich weiß, das kann ich auch. Ich kann Menschen dafür begeistern, ich kann sie zum Träumen und zum Spinnen bringen. Und ich bin sicher in 10 Jahren sieht die Welt wieder ganz anders aus.

….ob dann wirklich der Tod ins Leben integriert ist? So ganz sicher ist sich Fritz Roth manchmal doch nicht, wenn er sich zeitgenössische Trends beobachtet:

16. O TON, 0 50″.

Ich kann es eigentlich nicht verstehen, dass wir immer mehr unseren Namen aufgeben. Wir leben auf der anderen Seite in einer konsumorientierten, Marken-orientierten Welt, kaufen keine Artikel,  wenn es keine Markenartikel sind, geben aber den tollsten aller Markenartikel, und das ist mein Name, den geben wir auf. Meinen, im Tode, über den Tod hinaus namenlos zu verschwinden. Und dabei haben wir seit 2000 Jahren einen wunderbaren Gedanken mitbekommen: “Ich hab dir einen Namen gegeben, und ich werde dich bei deinem Namen rufen”. Und für mich es ist eigentlich klar, vom verkodeten Menschen, die immer mehr zur Nummer werden, kann ich nicht erwarten, dass sie die Herausforderungen unserer Zeit annehmen. Wir sind keine Massenware, wir sind jeder ein Unikat, und dafür kämpfe ich.

Aber Fritz Roth ist kein verbissener Kämpfer, kein sturer Ideologe. Eher könnte man ihn eine rheinische Frohnatur nennen, allerdings voller Charme und provozierender Ironie: Beides kann er einsetzen, selbst wenn er vor hochrangigen Politikern spricht, etwa im Landtag von Hannover: Dort wurde vor zwei Jahren ein neues Bestattungsgesetz diskutiert. Fritz Roth plädierte für menschlichere, liberalere Gesetze im Umgang mit den Verstorbenen:

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Ich habe ein großes Poster von Pietà gebracht. Und hab gesagt, wir nennt ihr das denn?  Da steht ihr bewundernd vor. Wie nennt ihr das denn nach eurem Gesetz, wenn eine Mutter in einem deutschen Krankenhaus das gleiche machen würde. da ist ihr Kind gestorben. Und sie nimmt es wie Maria aus dem Bett heraus und sagt: Schaut her, das ist mein Kind und ich möchte nicht, dass es verschwindet in die Pathologie. Wie nennt ihr das, wenn diese Mutter ihr Kind nicht in ein dichtverschlossenes Behältnis, was Flüssigkeit undurchlässig ist, das ist die juristische Definition für einen Sarg, hineintut. Und wie nennt ihr das, nach eurem Gesetz, wenn diese Mutter ihr Kind nicht in einen für Leichen Ort hineintut, sondern dort hintut, wo wir alle gesundet sind? Einen Ort, wo wir früher auf dem Sofa gelegen haben. das was ich euch gerade sage, das wäre nach eurem Gesetz gar nicht möglich, weil ihr es für pietätlos haltet. Und ich möchte euch noch einen Gedanken mitgeben: das, was ich gerade gesagt habe, habe ich nicht konstruiert für den Landtag hier in Hannover. Ich habe schon 100mal gemacht, aber ich schwöre hier in dem Landtag, dass mich kein Gesetz der Welt, auch euer Bestattungsgesetz für Hannover, davon abhält, das gleiche zu tun, wenn diese Hilfe notwendig ist.

Die Rede im Landtag hat die Abgeordneten zwar berührt, aber nicht zu weitreichenden Reformen bewegt. Mit großer Mehrheit wurde ein Gesetz beschlossen, das einen privaten Friedhof oder gar die Verwahrung einer Urne im häuslichen Rahmen untersagt. Fritz Roth tröstet sich über diese Niederlage in Hannover  hinweg. Er startet einfach weitere Aktionen in seinem Haus und lädt ungewöhnliche Gäste zu Tagungen ein:

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Ich bin vor 30 Jahren Polizist geworden. Tod ist zum Glück nicht unser täglicher Begleiter, aber wir haben sehr oft damit zu tun. Aber uns hat nie einer ein Instrument an die Hand gegeben, wie gehen wir damit um. Wie gehen wir damit um, einem das zu sagen, wenn wir jemandem den Tod mitteilen müssen eines Angehörigen. Das ist eine sehr plötzliche Sache, da ist keine lange Krankheit vorangegangen. Aber auch: Wie gehen wir selber denn damit um? Wie werden wir damit fertig, wenn die Leute vor uns zusammenbrechen. Das war allerhöchste Zeit, dass ein solches Seminar angeboten wird.

Aber auch die Polizisten sollen nicht nur Kopfarbeit leisten, sie sollen, wie bei allen Kursen im Hause Roth, seelisch bewegt werden:

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Wir haben auch praktische Übungen gemacht, eine davon war zum Beispiel: Wir sind in einen Raum reingegangen, in dem normalerweise Tote aufbewahrt werden. Da stand ein offener Sarg als Symbol für den Toten, der normalerweise in dem Sarg liegt, da war ein Pullover, eine Kappe, eine Blume und eine leere Flasche hinterlegt. Und eine der Aufgaben war, sich vorzustellen: Da liegt der geliebte Mensch drin, den man hat. Welche Gefühle man dabei entwickelt, und das geht dann schon mal ins Eingemachte, an die Substanz, wenn man sich emotional darauf einlässt.

Die Polizisten bedauern, dass sie erst so spät zur Auseinandersetzung mit dem Tod fanden. Fritz Roth hat diese Erkenntnis gleich aufgegriffen und Jugend- Gruppen in sein Haus geladen. Für sie nimmt er sich sonders gern Zeit:

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Mit diesen Jugendlichen gehe ich natürlich nicht sofort zu einem Toten hin. Ich nehme mir erst mal Zeit, mich mit ihnen auf den Weg zu machen. Nehme mir Zeit, so nachzuspüren, wo sie ihre Ängste haben, was sie für Erfahrungen haben, was sie für Vorstellungen haben. Und wenn ich dann mit ihnen zu einem Toten hingegangen bin, dann entdecken sie, dass das nichts mit einem Horrorszenarium zu tun hat. Sondern dass die Begegnung mit Tod eine Riesenchance auch für Ehrfurcht, für ein Mysterium um das Leben herum ist. Und ich kann immer nur wieder sagen, nach den Gesprächen auch, die wir danach dann auch führen: Da bin so begeistert, wenn diese Menschen das Haus verlassen, dass ich weiß, wir brauchen vor dem Morgen keine Angst zu haben, wenn wir heute im Hier und Jetzt auf unser Ende schauen.

Das “Haus der menschlichen Begleitung” mit seinem weitläufigen Friedhof nennen viele Menschen zurecht ein spirituelles Zentrum;  manche sprechen gar von einem neuen religiösen Ort. Konfessionen und Dogmen spielen hier allerdings keine Rolle mehr. Es gibt freilich die Ökumene derer, die dem Tod ins Auge gesehen haben. Herbert Arntz:

22. O TON,

Das hat mich erst mal nicht über den Tod nachdenken lassen, sondern über das Leben. Nämlich so zu leben, als könnte jeder Tag der letzte sein. Auch in der Beziehung so zu sein, dass man sich verabschiedet und das Gute sagt und nichts aufschiebt. Dass was gut zu tun ist, das auf keinen Fall aufschiebt, sondern das ständig zu erwähnen und zu sagen. Also auch authentischer zu leben und nicht mehr etwas zu verbergen, sondern wenn man fröhlich ist, die Fröhlichkeit zu zeigen. Und wenn man aber bedrückt ist, auch zu sagen: Ich bin jetzt bedrückt. Für die Toten ist gesorgt. Da muss ich nichts mehr unternehmen. Ich denke: Entscheidend ist, das eigene Wesen zu entwickeln, zu dem als der man gedacht war. Für mich  hier und heute bist.

copyright:christian modehn und NDR

 

Zum Welttag der Philosophie 2012: Der urbane Blick

Der urbane Blick – eine (Lese -) Empfehlung

Anlässlich des Welttages der Philosophie am 15. November 2012

Von Christian Modehn

Zum 10. Mal wird der „Welttag der Philosophie“ am 15. November 2012 gefeiert.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ bietet – im Unterschied zu früheren Jahren – an dem Feiertag selbst keine eigene Veranstaltung an. Am Samstag, 1. Dezember, findet hingegen ein ausführlicher „Nachmittags – Salon“ (ab 14 Uhr) in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, statt.

Wir wollen vom Salon aus jedoch auf einen Lektüretipp nicht verzichten. Und zwar bezeichnenderweise aus einer „Ecke“, in der explizit philosophische Reflexionen nicht unbedingt erwartet werden.

Die sehr beachtliche und empfehlenswerte Zeitschrift „Kunstforum International“ (Red. in Ruppichteroth) bietet in ihrer Ausgabe vom Oktober 2012 elf Beiträge zum Thema „Der urbane Blick“; in den Aufsätzen geht es immer wieder auch um eine philosophisch – phänomenologische Annäherung an die Stadt. Die Veröffentlichung dieser insgesamt empfehlenswerten Beiträge zeigt einmal mehr, dass Philosophie in allen Bereichen des Lebens, der Kultur, der Kunst, des Sozialen und Politischen lebt und nur der Explikation bedarf. Das zeigt die „Attraktivität“ des philosophierenden Denkens…

Inspirierend ist der Beitrag des Humangeographen  Prof. Jürgen Hasse (Uni Frankfurt/M.) über die „Stadt als Gefühlsraum“. Hasse weist damit auf einen bislang eher vernachlässigten Aspekt der Stadt – Philosophie hin, auf das schwierige Erforschen des Atmosphärischen einer Stadt. Es geht um das ganzheitliche, leibliche Erfahren des Stadtraumes: „Atmosphären SIND in ihrer Wirklichkeit, wenn auch in anderer Weise als Dinge. Sie sind anders lokalisiert als ein Haus im Häusermeer der Stadt. Sie umweben einen Ort, hüllen ihn ein und machen ihn zu einem situativ besonderen Ort.“ (S. 134).  Diesem Erleben des Atmosphärischen begrifflich nachvollziehbar auf die Spur zu kommen, ist das Verdienst dieses Beitrags, der sich immer wieder auf den Philosophen Hermann Schmitz („Neue Phänomenologie“) bezieht. Auch in einem „praktischen Interesse“ wichtig sind die Beschreibungen von „10 sinnlich erlebbaren Atmospären der Stadt“ (Baukultur, Gerüche, Licht und Schatten  usw.). Der leider viel zu früh verstorbene Philosoph Heinz Paetzold bietet einen auch für philosophierende „Laien“ äußerst inspirierenden Beitrag zur Phänomenologie des Flanierens, eine freie, subjektive Methode der langsam – gehenden, „ziellosen“ Stadt – Erkundung, die ja bekanntlich auch der Berliner Flaneur Franz Hessel praktizierte. Flanieren, so Paetzold, ist oft auch ein Abenteuer in der Konfrontation mit dem Fremden in der Stadt, es ist ein Sich stellen der „exotischen Andersheit“. Bei der flanierenden Stadterschließung bleibt die Distanz gewahrt, es kommt zu keinen unmittelbaren Verpflichtungen zwischen Flaneur und Beobachtetem.  Auch die Arbeiten von M. de Certeau und Z. Bauman werden in dem Beitrag fruchtbar gemacht.

Hier liegen Impulse für eine längst fällige praktisch – philosophisch – phänomenologische Stadt – Erkundung/Beobachtung. Der Religionsphilosophische Salon arbeitet an dem Thema, gerade auch im Interesse der Spurensuche nach „Transzendenz“ im Gefüge der Stadt Berlin. Nach der Lektüre der Beiträge im „Kunstforum International“ fragen sich auch theologisch Interessierte, wie fern etwa kirchliches Leben, in großstädtischen Gemeinden, diesem hier eröffneten Spektrum urbaner Verhältnisse ist.

copyright: christian modehn

Die ganz Elenden werden übersehen: Fragen zu “Sandy” und anderen Ungeheuerlichkeiten

Die Elenden werden übersehen – sie sind ökonomisch irrelevant

Beobachtungen zu „Sandy“ und anderen Ungeheuerlichkeiten

Von Christian Modehn

Wann beginnt Rassismus, fragen wir uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Zeigt sich in der internationalen Aufmerksamkeit auf Naturkatastrophen eine Vorliebe für wichtige Menschen in wichtigen Nationen gegenüber wertlosen Menschen in ökonomisch wertlosen und deswegen völlig uninteressanten Ländern? Ist diese „Vorliebe“ tendenziell rassistisch?

Wer die Berichterstattung der großen Medien anlässlich des Hurrikans Sandy beobachtet hat, kommt wahrscheinlich zu der Erkenntnis: Ja, die Sandy – Opfer in den USA sind wichtiger und interessanter als die Sandy Opfer etwa in Kuba oder Haiti. Die Upper East Side von Manhattan steht uns näher als die Barackensiedlung oder die Zeltstadt „Cité Soleil“ in Port – au – Prince, Haiti. Menschlichkeit bemisst sich eindeutig nach ökonomischen Kriterien. In Manhattan leben eben wichtige, in Port au Prince höchst unwichtige Menschen. Nur ein Beispiel: Erst am 6. 11. 2012, nachdem Sandy aus den USA längst als Sturm verschwunden war und Tage zuvor voller Details seitenlang über die Katastrophe in  den USA berichtet wurde, also erst am 6. 11. 2012 berichtete etwa „Der Tagesspiegel“  ausführlicher über Haiti mit dem Titel: „Land ohne Hoffnung“. Zuvor wurden nur äußere, sozusagen metereologische  Fakten publiziert. Haiti ist also „ohne Hoffnung“. Um es paradox zu formulieren: Die immer noch spürbaren Verwüstungen des Erdbebens (Januar 2010) wurden jetzt noch einmal durch Sandy weiter verwüstet. Denn von Aufbau nach der Katastrophe von 2010 kann wohl nur sehr bedingt die Rede sein. Erwähnt wurde im „Tagesspiegel“ nebenbei, dass in der Großstadt Santiago de Cuba mehr als 200.000 Unterkünfte zerstört worden seien. Berichtet wurde auch, dass die angeblich „böse“ Regierung unter Hugo Chavez in Venezuela die erste war, die 240 Tonnen Hilfsgüter nach Haiti schickte….

In Haiti werden nach dem Hurrikan noch einmal hunderte Menschen krepieren, zumal die Hauptverbindungsstraße in die Dominikanische Republik (von dort wurden viele Hilfsgüter angeliefert) offenbar völlig zerstört ist.

Man verstehe uns nicht falsch: Wir haben gar nichts gegen eine umfassende Berichterstattung über die USA. Wir meinen nur, dass wir aufmerksam sein sollten, wo uns durch die Medien suggeriert wird: Es gibt wichtige und unwichtige Opfer. Dass in Haiti, dem vergessenen Land mit den vergessenen Menschen, das blanke Elend herrscht, weiß allmählich jeder. Und fast alle haben sich damit abgefunden. Darf man das „indirekt zugelassenen Völkermord“ nennen? Dass für Haiti, der ehemaligen französischen Kolonie, „Rettungsschirme“ aufgespannt werden – etwa von der Europäischen Gemeinschaft – ist bisher nicht zu uns gedrungen. Vielleicht gibt es in Haiti noch nicht einmal funktionsfähige Banken, denen Frau Merkel zu Hilfe kommen könnte.

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